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...die eleganteste Akzeptanz der Welt

Qiufan Chen - Die Siliziuminsel


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Unsere Welt hat sich seit der Industrialisierung so intensiv verändert, dass wir heute damit jetzt schon Probleme haben. Zwar haben wir das erkannt und reagieren langsam darauf, dennoch kostet das alles viel Geld und die Zeit bleibt nicht stehen. Der Autor beschreibt in seinem Roman jetzt die Abfallentsorgung von Elektroschrott gesammelt auf einer Insel nahe China. Hier wird recycelt, was die Welt nicht mehr benötigt. Er geht dabei sehr genau auf die Details ein, wie die Menschen hier leben und wie die Gewinnung der Rohstoffe von statten geht. Da wir in einer entfernten Zukunft lesen, findet man hier nicht nur irgendwelche Handys oder TV-Geräte. Interessant dabei sind die Exoskelettteile wie Arm- oder Beinprothesen. Die Müllmenschen hier leben nicht nur vom Müll, sondern leben auch direkt in ihm. 

Im Kopf kann man sich das leider sehr gut vorstellen, da es auch heute schon solche Bilder gibt. Hier geht die Geschichte jedoch noch weiter. Neben dem Müll ist auch die virtuelle Welt ein wichtiger Platz für die Erzählung. Bevor jedoch dieser Part seinen Lauf nimmt, werden uns weitere Figuren vorgestellt. Eine amerikanische Firma möchte auf dieser Insel eine Recyclingfabrik errichten. Dazu sind einige Beobachtungen wichtig. Denn erst wenn man versteht wie hier alles funktioniert, kann auch die Fabrik später richtig aufbauen. Doch gibt es von Anfang an Probleme. Die Unterwelt-Clans der Gegend haben seit Jahrzehnten das Geschäft in der Hand. Sie verdienen am Schrott und an den billigen Arbeitskräften. Menschen sind hier nur Mittel zum Zweck. Da verwundert es auch nicht, dass ein junges Mädchen von Clan-Mitgliedern schwer misshandelt wird. 

Das sie später noch der Grund für eine Revolution ist, würde man niemals vermuten. Heftig im Wort, beschreibt der Autor, was mit den Menschen hier zustößt. Jedoch rutscht er dabei immer wieder in Erzählungen ab, welche nichts mit der aktuellen Situation zu tun haben. Die Tiefe der Figur gewinnt zwar, dennoch bleibt das Erzählte oft zu unwichtig für den Verlauf. Wer sich für chinesische Erzählungen oder Sprichwörter interessiert, wird hier ebenfalls fündig. Ob Lebensweisheit oder kleine Fabel, die Kultur bekommt ihren Platz. Die Story baut sich leider etwas lückenhaft auf. Es wird gut erklärt, wer hier gegen wen antritt, aber oft sind Geschehnisse doch sehr fabelumwoben fortgeführt. Besonders Hauptfigur Mimi erlebt von tiefster Verletzung, bis hin zur göttlichen Macht unterschiedliche Durchläufe. 

Die Sciencefiction selbst bekommt einen in wenigen Jahrzehnten möglichen Charme. Prothesen, welche den Menschen verbessern oder Teile komplett ersetzen und die virtuelle Welt, in der die Menschen der Zukunft zum Teil nur noch existieren. Nicht wirklich neu was der Autor hier beschreibt, dennoch versteht er sein Handwerk und mit einem kleinen Zusatz schafft er auch etwas Eigenes. Während man die Story so liest, fragt man sich unweigerlich wie real all das sein könnte und im Anhang erfährt man, dass es diese Insel heute schon gibt. Qiufan Chen war selbst vor Ort und konnte die Menschen im Müll mit eigenen Augen sehen. Nicht alles wohl so wie hier beschrieben, aber jetzt schon auf einem Level, der mehr als unglaublich und unwürdig ist. 

Fazit:
Silizium, dass Gold der Zukunft! Geschürft aus dem Müll der reichsten Länder der Welt, leben und arbeiten hier Menschen unter schlimmsten Bedingungen. Hier erwacht in einem Mädchen ein neues Leben, wie es die Welt noch nicht gesehen hat. Schwierig und komplex verpackte Textpassagen hemmen hin und wieder den Lesefluss, der direkte Weg der Erzählung wäre meiner Meinung nach besser gewesen. Umfangreiche Erklärungen zu chinesischen Weisheiten sind lehrreich, keine Sciencefiction, aber davon hat der Roman noch genug. Manchmal etwas zu weit weg und oft so nah, dass man es beim aus dem Fenstersehen erblicken könnte.

Matthias Göbel

Autor: Qiufan Chen
Übersetzung: Marc Hermann
Paperback: 480 Seiten
Verlag: Heyne Verlag
Erscheinungsdatum: 09.09.2019
ISBN: 9783453319226

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Bearbeitet von einz1975
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  • Hallo Gast - Aufgrund des vielen Spams müssen leider ein paar Fragen beantwortet werden.

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    Schritt 1: Wenn Picard ein Captain ist, sollte hier ein Haken rein...
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