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  • Monitor - 6x01: Nox Vacua Teil 2

    Season 6 Premiere
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    Die Ereignisse des ersten Teils werden fortgesetzt! Während die Voyager darum kämpft nicht wie die Monitor zu enden, versucht Bruce Land dem Schicksal seiner Freunde auf den Grund zu gehen...

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    Monitor 6x01 "Nox Vacua Teil 2 "
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    Es kam einer Routine gleich, einem morbiden Ritual, aus dem sich die drei Herren im Konferenzraum trafen. Land hatte eben wieder seinen täglichen Bericht abgeliefert.
    „Die Sache mit den Rettungskapseln war ein simpler Trick. Lewinski wollte mit diesem Angriff seine Vorherrschaft auf dem Schiff sichern“ resümierte Chakotay.
    „Was ihm nach Mr. Lands Beschreibungen nicht sehr leicht gefallen sein durfte. Von allem, was wir bisher von ihm wissen, ist Lewinski zu diesem Zeitpunkt ein gebrochener Mann, ein verzweifelter Mann, der nur um das Wohl seiner Leute besorgt ist“, fügte Kalen wieder mit sanfter Stimme hinzu.
    „Wie passt das aber zu seiner eigenen Aussage, Woils Leben geschützt zu haben? Er hat es doch mit diesem brutalen Angriff selbst aufs Spiel gesetzt.“
    Kalen zuckte mit den Schultern. „Vermutlich hat er sich auf ein anderes Ereignis bezogen.“
    „Gehen wir zurück zu diesem Ort, an dem anscheinend alles seinen Ursprung haben soll. Was haben Sie über den in Erfahrung gebracht?“ Chakotay sah eindringlich zu Land, der es an diesem Tag noch besser geschafft hatte, sich aus den Geschehnissen herauszuhalten.
    „Nichts Sir. Dieser Ort wurde nicht erwähnt“, antwortete Land mit schwacher Stimme.
    Der Captain nickte. „Dann werden wir wohl allein hinter das Geheimnis kommen müssen.“ Er blickte in die Runde und wartete auf eine Reaktion, aber es kam keine. „Was rezitierten Woil und Lewinski eigentlich? Haben Sie das in Erfahrung gebracht?“
    „Es stammt aus >Faust<, einem der bekanntesten klassischen Dramen der irdischen Geschichte. Verfasst von Johann Wolfgang von Goethe“, antwortete Kalen.
    Die beiden Menschen nickten verstehend. Das es gerade ein El-Aurianer war, der ihnen etwas über ihre eigene Geschichte berichten musste, war sehr peinlich.
    Doch Land interessierte sich im Moment nicht im Geringsten für solche Gedanken.
    „Captain“, platzte es aus ihm heraus „Ich will die Ermittlungen abgeben. Ich denke, das Counsellor Kalen geeigneter wäre, die Psyche der Crewmitglieder genau zu durchleuchten.“
    Überrascht sahen beide zum Ersten Offizier. „Woher stammt ihr plötzlicher Sinneswandel Commander?“
    „Ich werde mit der Gesamtsituation nicht fertig. Während der letzten drei Tage habe ich jeden meiner Freunde sterben sehen. Sie jetzt alle quicklebendig Intrigen schmieden zu sehen ist hart, sehr hart.“
    „Um ehrlich zu sein“, Chakotay lehnte sich etwas vor, um nicht zu autoritär zu wirken. „Habe ich eine solche Möglichkeit auch schon in Erwägung gezogen.“ Er wartete auf Lands Reaktion, der jetzt große Augen machte. „Sie haben sich nicht an unsere Vereinbarung gehalten. Der Doktor hat mir gemeldet, dass sich Ihr Gesundheitsstatus verschlechtern wird, wenn Sie sich nicht zurücknehmen.“
    Land nickte. „Dann sind wir einer Meinung. Ich werde Sie gerne auch noch weiterhin beraten, aber Counsellor Kalen kommt mit diesen Ereignissen sicher besser zu Recht wie ich.“
    Chakotay sah fragend zum Berater ihres Schiffes. „Was halten Sie davon?“
    „Ich würde Ihnen davon abraten Sir“, antwortete er mit aller Strenge, die er besaß. Dementsprechend sahen die beiden anderen auch entsprechen irritiert zu ihm. „Wenn Commander Land jetzt aufgibt würde das die Gerüchte an Bord nur verstärken. Keiner von Ihnen beiden war in den letzten Tagen in der Messe. Ich zugegeben auch nicht oft, aber jedes Mal, wenn ich da war, habe ich die Flüstereien gehört. Vom Geisterschiff Monitor. Wussten Sie, dass es verflucht sein soll?“ mit großen Augen sah er zum Captain. „Und Laut einer andorianischen Prophezeiung läutet das Ende der Monitor das Ende des Universums ein.“ Kalen hatte diese Worte betont überzogen ausgesprochen um tiefe Gefühle zu wecken. „Commander Land ist stark Sir. Und er kennt die Monitor besser als ich. Er ist der Beste für den Job.“
    Unsicher sah Chakotay zu Land. „Es ist Ihre Entscheidung.“
    Doch noch bevor Land antworten konnte, erklang Annika Hansens Stimme in der Interkom. „Brücke an Captain Chakotay.“
    „Hier Chakotay“, antwortete er sofort.
    „Sir, wir empfangen einen schwachen Notruf von einem Planeten, der auf unserem Kurs liegt.“
    „Verstanden, gehen Sie unter Warp und auf Alarmstufe Rot.“
    „Bestätigt“, meldete Annika, schloss den Kanal und praktisch noch im selben Moment ertönten die Indikatoren des roten Alarms.
    Fragend sah Land zu Chakotay. „Roter Alarm Sir? Wegen eines schwachen Notrufs?“ Doch noch während er dies fragte, wurde ihm klar, was sein Captain dachte. Auch die Monitor war einem Notruf gefolgt.
    Verstehend standen alle drei Männer auf und betraten die Brücke. Sogleich setzte sich Kalen ruhig auf einer der kleineren Sitze neben den beiden Plätzen für die Kommandanten.
    Doch Chakotay und Land dachten nicht daran, sich zu setzen. Beide standen direkt vor dem Bildschirm und betrachteten den Planeten, der dort zu sehen war.
    „Bericht“, verlangte Chakotay.
    Doch von Annikas Station kam nicht die prompte Antwort, wie sonst üblich. Irgendetwas stimmte nicht. Beide drehten sich um. Kleine Sorgenfalten bildeten sich auf Chakotays Stirn, als er bemerkte, wie sich seine Frau abmühte, irgendwelche Informationen zu erhalten.
    „Das Magnetfeld des Planeten erzeugt seltsame Störungen in den Sensoren. Wir sollten in eine niedere Umlaufbahn schwenken um klarere Werte zu bekommen“, meldete Hansen schließlich.
    Voller Tatendrang wandte sich Land an die romulanische Steuerfrau. „Tema’na, bringen Sie uns in einen niederen Orbit.“
    „Schon dabei“, antwortete sie und der Planet kam näher.
    In diesem Moment stand Kalen wie von der Tarantel gestochen auf und sah mit großen Augen zum Bildschirm. „Nein, wir müssen weg vom Planeten.“
    Irritiert sahen alle zum Counsellor. „Und weswegen?“, fragte Chakotay.
    „Keine Zeit für Erklärungen, tun Sie es“, forderte er.
    Doch es war zu spät.
    Das Licht begann zu flackern.
    „Sir, wir verlieren die Hauptenergie“, meldete Annika.
    „Ich kann das Schiff nicht mehr steuern“, erklärte Tema’na.
    Und die Worte verhallten, als die komplette Dunkelheit einsetzte.
    Bruce Land überkam plötzlich ein tiefes Gefühl der Angst. Mit ihnen geschah dasselbe wie mit der Monitor. Sie waren in dieselbe Falle getappt.
    Doch nur wenige Sekunden später wurde die Reserveenergie aktiviert.
    Schwaches Licht erhellt die Brücke der Voyager.
    „Bericht“, verlanget Chakotay erneut.
    „Wir sind in einer Anomalie gefangen, die uns die Hauptenergie abzieht“, berichtete Annika. „Zum Glück waren unsere Schilde aktiviert, sonst stünde uns auch nicht mehr die Reserveenergie zur Verfügung.“
    „Wie kommen wir hier wieder raus?“
    „Ich habe keine Kontrolle mehr über irgendwelche Antriebssysteme“, berichtete Tema’na entschuldigend. „Sir, das Schiff befindet sich immer noch auf einem Sinkflug. Wenn wir dies nicht verhindern können, werden wir abstürzen.“
    Stille breitete sich aus. Ratlos sah Chakotay zu Land. Doch der wusste ebenso keinen Rat.
    „Die selbe Falle, wie bei der Monitor...“, raunte der Captain.
    „...dasselbe Schicksal“, vollendete Land.
    „Sir, es gibt einen Weg, zu erfahren, wie wir uns befreien können“, warf Tema’na ein. „Die Monitor hat es geschafft. Wenn wir wissen wie...“
    Chakotay sah zu Land. „Sind Sie bereit dafür?“
    Land suchte Kalens Blick. Doch auch dieser war ihm in diesem Moment keine große Hilfe. „Ja, ich bin bereit.“
    „Dann gehen Sie aufs Holodeck. Wir werden genug Energie umleiten.“ Chakotay wartete auf Lands Nicken und sah dann zu Kalen. „Und Sie gehen zu Bird und versuchen, etwas von ihm in Erfahrung zu bringen. Egal wie unwahrscheinlich dies sein soll. Wir treffen uns, nachdem Land seinen Tag erlebt hat und tragen dann alle neuen Informationen zusammen.“
    Auch der Counsellor nickte und folgte Land zu einem Zugang zu einer Jeffriesröhre. Beide hatten eine Aufgabe.
    Beide mussten das drohende Schicksal abwenden.

    Tag 6, 04:00 Uhr Bordzeit der U.S.S. Monitor

    „Es freut mich, dass Sie beide Zeit gefunden haben.“ Lewinski begrüßte Bird und Tellom, im anbetracht der Situation, sehr herzlich. Einen spürbaren Einfluss hatte es auf keinen der beiden. Arena Tellom war zu einem emotionalen Eisberg geworden. Ihr Blick blieb wie versteinert auf dem Tisch in Lewinskis Bereitschaftsraum haften. Sie blinzelte nicht einmal. Was wohl auch daher rührte, dass sie in der letzten Nacht kein Auge zugetan hatte.
    Birds Stimmung war ebenso auf einem Tiefpunkt. Gestern hatte er noch bis spät in die Nacht (was nicht schwer war, da auf dem Schiff immer noch nur die Reservelampen Licht spendeten) gearbeitet. Unterbrochen wurde er von dieser Arbeit erst vor einer Stunde, als der Captain diese Sitzung einberufen hatte. Seither hatte er es nur geschafft einige Bissen zu essen, da ihm schon nach wenigen schlecht geworden war. Nicht einmal eine schöne Dusche war ihm vergönnt gewesen. Jetzt fühlte er sich zwar so müde wie noch nie in seinem Leben, gleichzeitig hatte er jedoch das Gefühl, ein ganzes Fass Raktajino getrunken zu haben.
    Land hatte auf einem holografisch hinzugefügten Stuhl Platz genommen. Rein optisch passte auch er in die Szenerie, auch wenn er nicht dazugehörte. Das Kopfschmerzmittel verlor so langsam seine Wirkung und auch die Müdigkeit nagte so langsam an ihm.
    Und Lewinski hatte nur dadurch einige Stunden Schlaf gefunden, indem er sich selbst ein Schlafmittel verabreicht hatte. Dementsprechend war ihm klar, dass seine beiden übrig gebliebenen Leute heute nicht sehr gesprächsfreudig sein würden. Für ihn kam es ja schon einer Qual gleich zu sprechen. „Wir wissen wohl alle, wann dieses Unglück begonnen hat. Ich wüsste zwar gern, wie es zu dem allen kommen konnte, aber damit werden wir wohl warten müssen, bis wir Raumbasis 185 erreichen und uns die nötigen Instrumente und Sensoren zur Verfügung stehen.“
    „Was, wenn es ein Virus ist? Wir würden die ganze Station damit verseuchen.“
    Telloms Einwurf klang durchaus berechtigt. Sie wussten praktisch nichts über dieses Phänomen. Also wieso war es nicht eine hoch entwickelter Virus? Leider stand ihnen Doktor Frasiers Hilfe nicht mehr zur Verfügung. Und auch das übrige medizinische Personal war momentan nur auf ihre Quartiere beschränkt.
    „Wir werden das klären, wenn wir die Basis erreichen. Danke für den Hinweis“, antwortete Lewinski ruhig – was, wie Bird auffiel, überaus unnatürlich in dieser Situation wirkte – und fuhr dann fort. „Die Folgen sind uns auf jeden Fall bekannt. Allerdings müssen wir uns nun mit einem anderen Problem auseinandersetzen. Was tun wir um das Schiff auch sicher dahin zu bringen, wo es hingehört. Schließlich müssen wir die Möglichkeit immer bedenken, dass die Meuterer ausbrechen können. Egal wie unwahrscheinlich dies auch erscheinen mag.“
    Bird schüttelte den Kopf. „Ich habe Woil gesehen. Im Moment interessiert er sich nur für Wahrscheinlichkeiten, sondern nur für Möglichkeiten. Und sobald er eine hat, wird er sie nutzen.“
    „Was würde er demnach tun, sollte er ausbrechen?“, fragte Lewinski.
    Bird überlegte. Nach einigen Tagen ohne Schlaf fiel ihm das sichtlich schwerer als sonst. „Er wird den Kurs ändern wollen. Darum hat er nie einen Hehl gemacht.“
    „Ah richtig. Er will zurück zu diesem Planeten, natürlich. Doch, wie verhindern wir, dass er den Kurs ändern kann?“ Lewinski erinnerte sich an die Gespräche und Konfrontationen mit Bird.
    „Wir töten ihn.“
    Lewinski und Bird sahen zu Tellom, die ihren Blick immer noch nicht vom Tisch gelöst hatte. Beide verstanden natürlich ihre Reaktion, jedoch waren sie immer noch von diesen Worten geschockt.
    Dem Captain war natürlich klar, dass er dies niemals zulassen konnte. „Äh, ihr Vorschlag Mr. Bird?“
    Der Angesprochene sah aber immer noch zu Tellom und richtete seinen Blick dann an die Decke, bevor er sich dem Captain zuwandte. „Wir betäuben sie, mit einem Gas, das wir über das Ventilationssystem verteilen.“
    „Nein, tut mir leid“, Lewinski schüttelte den Kopf. „Daran habe ich auch schon gedacht. Doch im Moment ist das unmöglich. Die Lebenserhaltung läuft nur mit minimaler Energie. Sie würde zusammenbrechen, wenn wir sie jetzt noch wegen so etwas überfordern.“
    „Dann sehe ich da noch eine Möglichkeit. Sie ist jedoch sehr drastisch“, entgegnete Bird ernst.
    „Nur raus damit Danny“, forderte der Captain auf.
    „Wir löschen die Navigationssysteme.“
    „Das ist wirklich drastisch“, antwortete Lewinski verblüfft. Interessiert lehnte er sich zurück, als Bird weiter sprach.
    „Wir löschen die Karten, die Kontrolldateien für die Manövrierdüsen, Sensoraufzeichnungen des Fluges, einfach alles. Wenn dann jemand kontrolliert einen neuen Kurs setzen will, muss dieser jemand schon das ganze System neu starten und alle Daten der stellaren Kartografie neu einprogrammieren. Allein damit war das Konstruktionsteam der Monitor etwa 2 Wochen beschäftigt. Und dann hat dieser jemand immer noch einen holprigen Flug vor sich, denn die Sicherheitssysteme müssen ebenso neu gebootet werden.“
    Lewinski dachte einen Moment über diese Worte nach. „Wie verhindern wir, dass wir mit diesem Plan nicht unsre eigene Grube graben?“
    „Wir berechnen die Menge an Antimaterie, die wir noch benötigen, um die Basis zu erreichen. Dann programmieren wir einfach den Antimateriekonverter darauf, nur noch die vorberechnete Menge Antimaterie auszugeben und sich darauf selbst zu deaktivieren.“
    Lewinski überlegte und musste eingestehen, dass dieser Plan wirklich sehr wirkungsvoll klang. „Wie lange brauchen Sie dafür?“
    Bird zuckte mit den Schultern. „Nicht lange. Eine, vielleicht zwei Stunden.“
    „Mit meiner Hilfe sind Sie in 45 Minuten fertig.“ Arena blickte zu Bird und Lewinski. „Ich kenne mich sehr gut mit den Computersystemen und der Software aus. Das würde die Arbeit erheblich erleichtern.“
    „Danke Arena“, raunte Bird. Lewinski nickte ihr nur stumm zu, wandte sich dann aber schnell wieder an Bird. „Beginnen Sie sofort damit. Danach sorgen Sie dafür, dass die Sicherheitsprotokolle, die eine Meuterei betreffen, so gut wie möglich umgesetzt werden.“
    „Natürlich Sir. Ich kümmere mich sofort darum.“
    „In Ordnung.“ Lewinski lächelte etwas gequält als er diese Worte sprach. „An die Arbeit. Wegtreten.“

    Als Jozarnay Woil erwachte, war sein Verstand sofort klar. Seine Augen erfassten sofort die Umgebung. Sein Quartier.
    Während er sich aufrichtete rief er sich seine letzte Erinnerungen zurück. Deutlich sah er Birds verzweifelten Gesichtsaudruck, das Gleißen des Phaserstrahls, der ihn traf. Wie aus einem Reflex heraus berührte er die Stelle an der Schulter, an der er getroffen wurde. Man hatte ihn ganz offensichtlich behandelt, denn er trug nur das unterste Hemd seiner Uniform. Daher war er für ihn ein leichtes nachzusehen. Obwohl man ihn ärztlich versorgt hatte, zeigte sich noch ein kleiner blauer Fleck. Doch der würde auch bald abklingen.
    Dann fiel sein Blick auf seine Hände. Mit einer in Falten geworfener Stirn beobachtete er seine Handflächen, bis ihm bewusst wurde, wofür sie verantwortlich waren. Sogleich ballte er seine Hände zu Fäusten und atmete tief durch.
    Mit festen Schritten stand er auf und trat zur Tür. Als sie sich nicht öffnete betätigte Woil einige der Knöpfe des Kontrollterminals neben der Tür, doch wiederum zeigte sich keine Reaktion. Schnell war Woil klar, welche Option diese Situation verhieß. Da das Licht in seinem Quartier noch funktionierte musste die Tür absichtlich geschlossen sein.
    „Dieser verdammte Lewinski.“ Woil trat von der Tür zurück. Er wusste genau, dass es keinen Sinn machte, hier auszubrechen zu versuchen. Schließlich hatte er mit Bird die Kraftfelder und Kontrollen programmiert. Doch dies war sein Schiff. Ein Captain mochte es zwar kommandieren. Doch nur ein Chefingenieur vermochte es, ein Schiff zu verstehen.
    Und er kannte dieses Schiff besser als seine Westentasche, sogar besser als sich selbst.
    Gezielt drehte er sich um und löste die Abdeckplatte neben seinem Bett. Dahinter verbarg sich sein geheimes Fach, das er mit einem kleinen Störfeld vor einer Entdeckung schützte.
    Ein Blick in das Fach reichte um ihm zu vergewissern, dass dies bis jetzt ausgereicht hatte. Alle seine Sachen waren noch da. Schnell griff er nach einer kleinen Tasche, in der er einige Werkzeuge verstaut hatte. Er öffnete den Koffer, nahm einen Tricorder heraus und verband diesen, über ein dünnes Kabel, mit dem Terminal auf seinem Schreibtisch.
    Schnell hatte er es geschafft, einige kleine Sicherheitssperren zu überbrücken und einige Informationen zu bekommen. Nach wenigen Sekunden wusste er, dass alle seine „Leute“ wie er in ihren Quartieren eingesperrt waren. Ansonsten hatte sich nichts geändert. Der Status des Schiffes war noch derselbe wie vor seinem ausgiebigen Nickerchen.
    Angespannt ließ er seinen Kopf kreisen und hörte dabei das Knacken seiner Rückenwirbel. „OK, dann wollen wir mal anfangen.“ Ohne hinzusehen griff er in seine Werkzeugtasche und nahm sich ein längliches Instrument heraus, das er sogleich an die Rückseite des Terminals anschloss. Dann gab er über den Tricorder einige Informationen ein und sogleich änderte sich die Anzeige auf dem Bildschirm. Die Daten, die zu sehen waren, begannen zu flackern und wurden durch statisches Rauschen abgelöst. Nach wenigen Sekunden kristallisierten sich zwei Worte heraus, die am Ende blinkend auf dem Schirm standen: „Kanal geöffnet“.
    „Hier Woil. Haltet euch auf mein Signal bereit. Wir sammeln uns vor dem Maschinenraum.“
    Mit einem einfachen Tastendruck schloss Woil den Kanal wieder und lachte Siegesgewiss. Jetzt musste er nur noch die Verriegelung der Quartiere lösen, dann konnte der große Sturm beginnen. Und mit der gewaltigen Überzahl, die hinter ihm stand, war es ein leichtes, Lewinski endlich zum Teufel zu jagen.

    Rücken an Rücken saßen Bird und Tellom an zwei Stationen im Hauptcomputerkern. Trotz des immensen Kühlaufwands, der betrieben wurde, um den Kern auf der richtigen Temperatur zu halten, war die Luft warm und stickig.
    Bird hatte gerade einen weiteren Stapel Dateien gelöscht, als er seine oberste Uniformjacke auszog.
    „Ganz schön heiß hier“, stöhnte er. Doch Tellom reagierte nicht. Sie arbeiteten schon seit etwa 35 Minuten und waren beide so fertig wie nach einem kleinen Marathon. Wenigstens hatten sie das Gröbste schon hinter sich und beschäftigten sich jetzt nur noch mit kleineren Details. „Findest du nicht auch?“ Tellom reagierte immer noch nicht.
    Besorgt drehte sich Bird um. „Alles in Ordnung?“
    Arena blieb immer noch still. „Arena.“ Sprach er sie direkt an.
    „Was ist?“, fauchte sie, als sie sich zu ihm umdrehte. Erst als Arena in seine erschrockenen Augen sah, bemerkte sie, wie sie ihn angefahren hatte. „Entschuldige. Was hast du gemeint?“
    „Ich habe nur wissen wollen, wie es dir geht“, antwortete Bird. „Aber das ist damit wohl beantwortet.“
    Erschöpft ließ Tellom ihre Schultern fallen. „Nein, ich bin nur...“
    „Du brauchst nichts zu erklären. Ich weiß, wie du dich fühlst.“
    „Die Luft hier drückt mir die Lungen zu. Ich kann kaum noch klar denken und meine Arme und Beine sind so schwer wie Blei.“
    „Wie wär’s, wenn wir eine kleine Pause einlegen?“, schlug Bird vor.
    „Nein, wir sind ja fast fertig.“
    Doch Bird ließ sich nicht abwimmeln. „Wie lange hast du schon nichts mehr zu dir genommen?“
    Tellom lächelte. „Das könnte ich dich genau so fragen.“
    Der Sicherheitschef lächelte. Sie hatte ihn damit erwischt. „Touchè“
    „Ich habe das letzte Mal gegessen, bevor Ardev seine Schicht angetreten hat. Bevor ich ihn das letzte Mal gesehen habe“, offenbarte Arena plötzlich. „Immer wenn ich etwas sehe, das mit Essen zu tun hat, muss ich an ihn denken. Und dieser Schmerz, diese Trauer, diese Wut allein dreht meinen Magen um.“
    Bird wusste nicht, was er sagen sollte. Also wandte er sich wieder seiner Arbeit zu. Doch als er auf den Bildschirm sah, kamen ihm Tränen.
    „Es tut mir leid Arena.“
    Sie schüttelte den Kopf. „Es war nicht deine Schuld.“
    „Ich... ich hätte nur meine Waffe weglegen müssen. Ich hätte einfach nachdenken müssen. Doch mein idiotischer Stolz wollte nicht nachgeben... und hat Ardev getötet.“
    „Du hast getan, was du für richtig hieltest“, erwiderte sie.
    Plötzlich mischte sich ein verzweifeltes Kichern in Birds Trauer. „Hör uns nur an. Wir sprechen so, als hätte ich das wichtigste in meinem Leben verloren und nicht du.“
    „Wir haben beide das Wichtigste verloren Danny.“
    Bird drehte sich wieder um und sah direkt in Arenas Augen. Dieser Anblick genügte um ihm Trost zu spenden. „Ich fühle mich so elend.“
    „Ich mich auch“, antwortete sie und Bird sah, wie auch ihr einige Tränen über die Wangen kullerten. „Doch wir müssen trotzdem weiter machen. Ardev hätte es sicher so gewollt.“
    Danny nickte. „Ja, mit Sicherheit.“
    Beide machten sich wieder an die Arbeit. Doch die Ruhe wahrte nicht lange.
    Beide spürten, wie plötzlich der Boden zu vibrieren begann. Überrascht sahen sie sich an und mussten feststellen, dass nicht nur den Boden vibrierte, sondern auch die Wände und die Decke.
    „Was ist das?“, fragte Tellom verwirrt.
    „Ich weiß es nicht. Gehen wir lieber auf die Brücke.“, antwortete Bird und stand sofort auf. Zielstrebig verließen sie den Computerkontrollraum, der sich auf Deck 2 befand, und traten in den nächsten Turbolift. Doch sobald sich die Türen hinter Ihnen geschlossen hatten, wurde das Schiff auch schon von einer schweren Explosion erschüttert.

    Die Erschütterung war natürlich auch im Maschinenraum zu spüren, wo sofort nach dieser das Licht ausfiel und an einigen Konsolen Funken sprühten. Im Moment befanden sich nur eine handvoll Offiziere in ihm. Panisch liefen sie umher und schrieen sich verschiedene Befehle zu.
    „Was war das?“
    „Hauptenergie ausgefallen. Alle Systeme brechen zusammen!“
    „Wir haben Navarro verloren!“
    „Versiegelt das Leck, bevor zuviel Plasma austritt!“
    Hektisch versuchten alle, die Situation unter Kontrolle zu bringen, auch wenn keiner von Ihnen wusste, was der Auslöser für die Explosion war. Doch dies war im Moment Nebensache. Denn die Vibration, die der ersten Explosion vorausgegangen war, war immer noch zu spüren. Und bevor die Offiziere daran etwas ändern konnten, wurde das Schiff von einer zweiten Explosion erschüttert. Dieses Mal hatte sie ihren Herd direkt über dem Maschinenraum. Und noch im selben Moment fielen einige Deckenplatten herab.
    Zum Glück konnten sie sich alle vor den Trümmerteilen in Sicherheit bringen. Nur etwas Staub bedeckte ihre Köpfe. Doch dieser Staub war nicht ihr größtes Problem. Die Energiemassen im Warpkern begannen zu flackern und kurz darauf zischten dichte Rauchwolken von der Decke herab.
    „Verdammt! Die Explosion hat die Deuteriumstanks zerstört!“, schrie einer der Offiziere, der versuchte, die wenigen angezeigten Informationen von einem Bildschirm abzulesen.
    Praktisch im selben Moment war die monotone Stimme des Computers zu hören. „Warnung. Die Deuteriumtanks sind irreparabel beschädigt und überlasten den Warpkern. Die Tanks werden in zehn Sekunden abgestoßen.“
    Die Warnung des Computers war noch nicht richtig verhallt, als der Kern an sich auch schon seine Funktion einstellte und es im Maschinenraum noch etwas dunkler wurde.

    Die Monitor, die schon nach der ersten Explosion aus dem Warp gefallen war, erbebte nun unter dem starken Ruck, den die Absprengung der Tanks verursachte. Die Tanks schwebten schnell von der Monitor weg und zogen dabei einen langen Schweif aus austretendem Plasma hinter sich her. In „nur“ 500.000 km Entfernung brachen die Schutzwände zwischen den Tanks und explodierten.

    Auf der Brücke herrschte ebenso Chaos. Lewinski hatte sich nur mit Mühe an seinem Stuhl fest halten können und war dankbar, dass Bird und Tellom zeitig eingetroffen waren, um ihn und die beiden anderen Offiziere auf der Brücke zu unterstützen.
    Alle hatten die Explosion der Tanks auf dem Bildschirm beobachtet. Doch Lewinski ließ sich davon nicht ablenken. „Ich will Berichte. Sofort!“, forderte er lautstark.
    „So ziemlich alle Systeme sind ausgefallen, Sir. Ich glaube sogar, dass...“, berichtete Bird und stockte plötzlich. Er konnte erst fortfahren, als Lewinski seinen durchdringendsten Blick auf ihn warf.
    „Danny, spannen Sie mich nicht jetzt auf die Folter.“
    „Sir, ich bin mir sicher, dass die Kraftfelder um die Quartiere der Unteroffiziere nicht mehr bestehen.“
    Lewinski stockte der Atem. Konnte es sein? Bestand auch nur eine geringe Wahrscheinlichkeit für diesen verrückten Gedanken, der ihm im Kopf herumspukte. In diesem Moment erinnerte er sich an Birds Worte, die er vor wenigen Stunden ausgesprochen hatte: Ich habe Woil gesehen. Im Moment interessiert er sich nur für Wahrscheinlichkeiten, sondern nur für Möglichkeiten. Und sobald er eine hat, wird er sie nutzen.
    „Mr. Bird, aktivieren Sie das Meutereiprotokoll. Schotten Sie Deck 1 und die Brücke von allen übrigen Bereichen ab. Deck2 und der Maschinenraum müssen isoliert werden.“
    Bird hatte geahnt, was Lewinski angewiesen hatte und hatte die Befehle schon ausgeführt, als der Captain ihn noch nicht einmal zu Ende geführt hatte.
    „Erledigt.“ Im selben Moment hörten Sie alle, wie riesige Mengen an Druckluft alle Luken und Türen, die zum 2. Deck führten, schlossen. Selbst für einen gewieften Techniker wie Woil stellten sie somit ein immenses Hindernis dar, das er nicht so einfach mit einigen billigen Tricks überwinden konnte.
    Und wenn er es schaffte, hatte Lewinski bis dahin alle seine Offiziere mobilisiert.

    Für den Maschinenraum kam diese Anweisung zu spät. Als der in der Dunkelheit nach der Explosion der Tanks lag, öffneten sich alle Türen auf der unteren Ebene gleichzeitig. Die vier noch übrigen Offiziere im Maschinenraum saßen in der Falle. Und das spürten sie.
    Woil war der Erste, der aus dem Schwarz hervortrat und sich Ihnen offen zu erkennen wagte. Die übrigen, seine Gefolgsleute, waren mehr als nur ein dunkles Schemata im Hintergrund. Sie waren ein Schatten, der über sie herein zu brechen drohte.
    Woil hörte Stimmen, leise und verängstigt.
    „Es ist Woil“, hörte er immer wieder heraus.
    Aber er hörte sie nicht, wollte sie nicht hören. Jetzt lebte er nur für diesen einen Moment.
    „Ich bin zurück“, flüsterte er ebenso leise, doch jeder im Maschinenraum nahm seine Stimme wahr. Dann sprach er lauter und kälter, als je zuvor. „Tötet sie!“
    Seine Worte waren noch nicht verhallt, als 4 Phaserstrahlen aus der Dunkelheit drangen und 4 unschuldige Leben auslöschten.
    „Das Spiel beginnt John...“, flüsterte er für sich. Doch er wusste, dass Lewinski seine Worte verstanden hatte.

    Tag 16, 2:15 Uhr Bordzeit der U.S.S. Voyager

    „Wie hat Woil es geschafft auszubrechen?“, fragte Chakotay. Bei ihrer Besprechung nahmen heute alle Stabsoffiziere teil. Schließlich musste die gesamte Situation besprochen werden.
    Barclay antwortete schließlich auf die Frage. „Vermutlich hat er von seinem Quartier aus einen Zugriff auf die EPS Leitungen und kann sie sogar an ausgewählten Stellen zur Überladung bringen und damit zum Beispiel die Generatoren für die Kraftfelder außer Funktion setzen.“
    „Genau“, stimmte Land zu. „Dass dabei ein Knotenpunkt bei den Deuteriumtanks explodierte, war ein unglücklicher Zwischenfall. Schließlich benötigte Woil das Warptriebwerk noch.“
    Chakotay nickte. „Dann wenden wir uns der Anomalie zu. Wie wir alle gehört haben, wurde sie an jenem Tag auf der Monitor wieder nicht erwähnt. Also wird Commander Land weiter das Holodeck beanspruchen und weiterforschen.“
    „Da ich die Art der Strahlung jetzt besser verstehe, kann ich die Tage schneller decodieren“, fügte Barclay hinzu.
    „Gut gemacht Reg. Dann zu unserer Situation: Annika.“
    „Wir können die Hauptenergie nicht reaktivieren. Außerdem funktioniert kaum ein System. Die Sensoren, Antriebssysteme, Waffen sind ausgefallen“, meldete die ehemalige Borg.
    „Zudem sind einige Gelpacks durchgebrannt. Die Austauscharbeiten laufen bereits, aber sie gestalten sich als sehr schwierig. Es stellen sich immer neue, unerwartete Defekte heraus“, fügte Reg hinzu.
    „Außerdem hat sich unser Orbit nochmals verengt. Wir werden in zwei Tagen abstürzen, sollten wir keine Fluchtmöglichkeit finden.“ Tema’na sah eindringlich zu Chakotay. Sie hatte einige Zeit gebraucht um sich an seinen Führungsstil zu gewöhnen. Er hatte zwar einige Eigenarten von Janeway übernommen, doch zwischen beiden lag ein lichtjahregroßer Unterschied. Inzwischen war sie ihm gegenüber genauso respektlos wie sie es bei Janeway war.
    „Dann sollten wir uns schnell für eine entscheiden.“
    „Wir haben die größte Chance, wenn wir alle Energie in das Warptriebwerk leiten und einen Warpblitz erzeugen, der der Stufe 7 entspricht. Wenn ich mich nicht verrechnet habe, ist ein solcher Blitz stark genug um uns zu befreien.“ Tema’na lehnte sich stolz in ihrem Stuhl zurück. Sie hatte ihren Plan kurz und prägnant präsentiert.
    „Ein gebündelter Tachyonstrahl wäre effektiver. Wenn wir ihn gekoppelt mit einem Deflektorfeld einsetzen, schafft es der Strahl die Anomalie zu zerstreuen“, widersprach Annika Hansen.
    Chakotay sah zwischen den beiden Frauen hin und her.
    „Gibt es noch andere Möglichkeiten?“
    Beide Antworteten nur mit einem Kopfschütteln.
    „Dann stehen wir nun vor der gleichen Entscheidung wie die Crew der Monitor. Zwei Möglichkeiten stehen uns zur Verfügung. Beide sind auf die gleiche Weise durchführbar. Aber welche wird uns aus der Anomalie führen?“
    „Vielleicht tun es beide. Nur eine verursacht das gleiche wie das, was auf der Monitor geschehen ist“, gab Barclay zu Bedenken.
    „Vielleicht tun dies auch beide“, gab Tema’na, zynisch wie immer, zu bedenken. „Vielleicht war die Crew der Monitor aber auch nur schwach.“ Als sie Lands ernsten Blick spürte, wich sogar ihre Miene etwas auf. „Nichts für ungut Sir“, fügte sie noch hinzu.
    „Es wird am klügsten sein, wenn wir abwarten, bis Commander Land in Erfahrung gebracht hat, wie sich die Crew der Monitor entschied“, wies Chakotay an. „Was wir wissen ist, dass sie sich für Mr. Birds Plan entschieden. Welcher dies auch immer sein mochte.“
    Chakotay sah gelassen in die Runde. Deutlich zeigte sich Anspannung in ihren Gesichtern. Commander Land hatte die zuletzt in den Gesichtern seiner Freunde auf der Monitor gesehen.
    „Wir haben noch mehr Probleme“, platzte es plötzlich aus Kalen heraus. Als er die Aufmerksamkeit der gesamten Runde hatte, fuhr er fort. „Unter der Crew macht sich Paranoia breit. Tiefe und pure Todesangst. Ich habe auch schon gehört, wie sich manche eine rasche Entscheidung wünschen. Viele glaube, dass Captain Chakotay nicht die Fähigkeit besitzt, das Schiff aus dieser Gefahr zu führen.“
    Der Captain wusste, auf was dies hinauslief. Eine Meuterei. Wie auf der Monitor.
    „Sonst noch etwas?“, fragte er entmutigt.
    „Die Anomalie hat irgendeinen Einfluss auf die Crew. Ich bin mir noch nicht ganz sicher, wie stark dieser ist und ob er überhaupt etwas bewirken kann. Morgen weiß ich sicher mehr“, ergänzte Kalen.
    „Dann machen Sie sich jetzt an die Arbeit. Wegtreten.“

    Die Krankenstation lag noch immer im Dunkeln. Kalen saß auf einem Stuhl neben dem zentralen Biobett. Dort lag Danny Bird mit offenen Augen und starrte zur Decke.
    Bruce Land zögerte, als er am Eingang stand. Er hatte sich vor dieser Begegnung gefürchtet. Die Besprechung war vor einer halben Stunde zu Ende gegangen. Und der nächste Tag würde erst in einer Stunde geladen sein. Also nutzte er die Zeit und traf sich mit dem einzigen Freund, der er noch besaß.
    Danny Bird.
    „Wie geht es ihm?“, fragte er.
    Kalen sah von dem Stuhl auf. „Er hat die Operationen gut überstanden, wenn Sie das meinen.“
    Land trat zum Biobett und sah auf Bird hinab. „Kann er mich wahrnehmen?“
    Der Counsellor nickte zaghaft. „Irgendwie schon.“
    „Es wäre so einfach. Er müsste nur den Mund aufmachen und es uns sagen.“
    „Sie kennen meine Einschätzung. Und an der hat sich nichts geändert.“
    „Ich weiß, es wird Jahre dauern“, Land rieb sich erneut die Stirn. „Es tut weh, die Crew zu beobachten. Zu beobachten, wie die Monitor vor meinen Augen vernichtet wird.“
    Kalen antwortete nicht, denn beide hatten etwas gehört.
    Bird hatte einen tiefen Atemzug genommen.
    „Habe ich das erzeugt?“, fragte Land.
    „Ich bin nicht sicher.“
    Land beugte sich zu seinem ehemaligen Kollegen herunter. „Danny, sagen Sie mir, was haben Sie auf der Monitor gemacht? Haben Sie den Warpblitz benutzt? Wenn dem so ist, geben Sie einfach einen Laut von sich.“
    Nichts geschah. Doch Land wollte nicht nachlassen. „Verdammt noch mal Danny, ich bin’s, Bruce. Ihr alter Erster Offizier, Bruce Land. Sagen Sie mir nicht, dass Sie mich vergessen haben.“ Land blickte Bird tief in die Augen und ahnte dort etwas wie eine Reaktion. „Oh nein, Sie haben mich nicht vergessen. Sie haben auch die Monitor nicht vergessen. Und jetzt sagen Sie mir Danny, was wissen Sie über diese Anomalie? Was ist auf der Monitor so furchtbares geschehen? Sagen Sie es mir Lieutenant!“
    „Es reicht Commander!“ Kalen griff schnell ein und zog Land vom Biobett zurück. Ein simpler Blick in die Augen des Menschen genügte um Land auf den Boden der Tatsachen zurückzubringen.
    „Entschuldigen Sie. Ich bin nur etwas mitgenommen“, erklärte Land.
    „Sie sollten sich nicht bei mir entschuldigen. Mir haben Sie schließlich nichts getan.“ Kalen ließ Land wieder los.
    Langsam drehte sich der Brite dann auch zu seinem früheren Kollegen um. Als ob nichts geschehen war, lag er da und starrte an die Decke. Vorsichtig berührte Land Birds Hand. Sie fühlte sich warm und voller Leben an.
    „Danny, ich möchte mich entschuldigen. Ich hoffe, Sie verstehen, was wir hier durchmachen. Was ich durchgemacht habe. Während der letzten Tage habe ich erlebt, was Sie erlebt haben. Welchen Horror Sie auf der Monitor erleben mussten.“
    Dann geschah etwas Seltsames. Bird drehte seinen Kopf uns suchte Augenkontakt zu Land. Der erkannte diese Bewegung. Kalen trat sofort näher zu ihnen, um diesen Vorgang zu folgen.
    „Ja, genau so ist es gut. Danny, Sie machen das toll. Erkennen Sie mich? Ich bin Bruce Land. Sie kennen mich, von der Monitor...“
    Plötzlich erklangen hupende Geräusche und eine große Anzahl an Lichtern blinkte. Der Doktor kam im selben Moment aus seinem Büro gerannt. „Was haben Sie gemacht?“, fragte er verärgert.
    Bird begann schneller und unregelmäßiger zu atmen. Doch noch bevor der Doktor irgendetwas tun konnte, bemerkten alle drei, wie Birds Decke nass wurde.
    Schnell verabreichte der Doc Bird ein Hypospray, worauf sich dieser wieder beruhigte. Alle drei rochen den Urin an der Bettdecke.
    „Er hat eine Panikattacke erlitten, da ist so etwas nicht ungewöhnlich“, erklärte Kalen.
    Verstört sah Land zwischen Kalen und dem Doc hin und her. Verzweifelt sah er dann zu Bird. „Es tut mir so leid. Das wollte ich nicht, bitte glauben Sie mir, es tut mir so leid.“ Mit einer in Falten gelegten Stirn rannte er aus der Krankenstation. Er rannte einem neuen Tag entgegen.

    Tag 5, 04:52 Uhr Bordzeit der U.S.S. Monitor

    Nur wenige Meter entfernt, am anderen Ende des Schiffes, betrat Ardev – Land hätte fast einen Schock bekommen, als er ihn quicklebendig durch die Gänge wandeln sah – den Maschinenraum. Der lag noch immer in einer ungewohnten Dunkelheit. Das einzige System, das normal zu funktionieren schien war der Warpantrieb. Mit ein wenig erhöhter Geschwindigkeit raste das Deuterium von der Raumdecke zur Materie/Antimateriereaktionskammer am Raumboden.
    Der Andorianer nahm sich einen Augenblick um den Kern zu betrachten. Dann sah er sich den Rest des Maschinenraumes an. Überall waren Wandplatten abgenommen worden und überall sah er Techniker stehen, die konzentriert arbeiteten. Auch wenn er nicht gerade behaupten konnte, dass sie sich beeilten.
    „Commander Ardev.“
    Der Angesprochene drehte sich um und sah Chief Woil auf der erhöhten Ebene stehen. Der Chefingenieur stand dort kraftstrotzend. Mit angeschwellter Brust und einem selbstbewussten Grinsen kletterte er die Leiter hinunter, ohne den Wissenschaftsoffizier aus den Augen zu lassen.
    „Chief Woil, genau Sie habe ich gesucht.“
    „Was kann ich für Sie tun, in meinem bescheidenen Reich.“ Mit großen Gesten deutete er auf seinen Maschinenraum.
    „Ich will die lateralen Sensoren online bringen. Ich kann damit aber erst fortfahren, wenn die Deflektorsubsysteme laufen. Also, wann kann ich damit rechnen?“
    „Nun“, demonstrativ trat Woil zu einer Konsole, ohne etwas von ihr abzulesen. „Die Arbeiten kommen dort nur sehr zögerlich voran, es ist eben nur ein Subsystem.“
    Ardev seufzte. „Schade eigentlich. Dann werde ich mir eben eine andere Arbeit suchen. Danke trotzdem“, deprimiert über diese Information, wandte er sich schon dem Ausgang zu, als Chief Woil begann, laut, mit einem verschwörerischen Unterton, vor sich hin zu sprechen. „Das wäre nicht passiert, wenn wir ihren Plan ausgeführt hätten und nicht Birds. Das Ausmaß der Schäden wäre dann weitaus geringer. Und wir wären auch nicht in die falsche Richtung unterwegs.“
    Ardev drehte sich nur zur Hälfte um, um Woil zu zeigen, dass er den Maschinenraum eigentlich schon verlassen hatte. „Wer weiß. Aber es bringt jetzt auch nichts, darüber zu streiten. Wir müssen mit der Situation jetzt fertig werden.“
    Woil drehte sich ganz zu Ardev um und sah ihn eindringlich an. „Aber diese Situation erinnert mich sehr an die vor einigen Tagen. Der Captain“, er spuckte den Titel richtig aus. „scheint auch jetzt mehr an Birds Meinung interessiert zu sein. Auch wenn Sie und ich genau wissen, wer Recht hat.“ Woil wartete und suchte in Ardevs Gesicht nach Anzeichen darauf, dass seine Worte Wirkung zeigten. Er ließ seinem Gegenüber keine Zeit und fuhr fort. „Sie wissen so gut wie ich, dass der Captain falsche Entscheidungen trifft, die uns alle das Leben kosten könnten. Haben Sie schon gehört, was Price und Frasier zugestoßen ist?“ Wieder fiel er in den verschwörerischen Tonfall.
    Das erregte aber Ardevs Aufmerksamkeit. „Was meinen Sie?“
    „Sie nehmen mir die Worte aus dem Mund Ardev“, Land sah ebenso fragend wir der Andorianer zu Woil.
    „Bird hat sie aufgesucht, als beide in Price Quartier waren. Vor dem Quartier hat er Wachposten postiert. Nur Lewinski hat den Raum noch betreten.“
    Ardev trat näher zu ihm, um nicht so laut sprechen zu müssen. Er wusste, dass er jetzt etwas zu hören bekam, das nicht für alle Ohren bestimmt war. Gleichzeitig sah er alle Techniker aus einem neuen Blickwinkel. Beobachteten Sie ihn? Wieso hatte er heute noch nicht einen einzigen Moment verbracht ohne von einem Techniker beobachtet werden zu sein?
    War das Zufall?
    Er schob die Gedanken beiseite und versuchte Woil zu folgen. „Was wollen Sie damit sagen?“
    „Das was ich Ihnen eben berichtet habe, ist vor drei Stunden passiert. Haben Sie Price und Frasier seither gesehen?“
    Wieder sprach er mit diesem Unterton, von dem Ardev einen Gänsehaut bekam. Nur zögerlich erinnerte er sich an die letzten drei Stunden. Zuerst überdachte er die Option jetzt einfach zu gehen, ohne auf Woils Chimären zu achten. In der Tat, musste er nach einigen Sekunden feststellen, hatte er Price und Frasier schon lange nicht mehr gesehen. „Nein, ich habe sie nicht gesehen. Aber das muss nichts bedeuten.“
    „Wissen Sie, was es für mich bedeutet?“ Woil ließ die obligatorische kurze Pause, die nach jeder Frage folgte, auch wenn man sie danach selbst beantwortete. „Price sah die Angelegenheit so wie ich. Damit stand er nicht im Einklang des Kommandanten und war damit ein instabiles Element in seiner Autorität.
    Frasier hat sich schon immer auf Price Seite geschlagen. Zusammen bildeten sie eine Front, gegen die der Captain im Ernstfall keine Chance gehabt hätte. Also hat er Bird, seinen neuen Liebling, dazu beauftragt...“ Ardev stand regungslos da und wartete gespannt auf Woils Schlussfolgerung. „...die Front aufzulösen.“
    Ardev hätte gelacht, wenn Woils Miene nicht einem kalten Gebirgszug geglichen hätte. Er war in der Tat total von seinen Worten überzeugt.
    „Ich weiß, was Sie jetzt denken. Sie überlegen, ob es sein kann, dass ich komplett übergeschnappt bin, ist es nicht so?“
    „Der Gedanke ist mir in den Sinn gekommen“, antwortete Ardev wahrheitsgemäß.
    Woil nickte kurz. „Das ist kein Problem. Kontakten Sie Price und wir vergessen das hier sofort.“
    Wieder überlegte Ardev. Wenn etwas mit Price und Frasier nicht stimmte, wieso sollte der Captain dies dann verschweigen? Doch nur dann, wenn er selbst etwas damit zu tun hatte. Auf jeden Fall würde er ab jetzt mehr auf die Gerüchte hören, die auf dem Schiff kursierten. Also traf er eine Entscheidung.
    Schnell drehte er sich wieder um und ging in Richtung Ausgang. „Danke für die Infos über den Deflektor Chief, ich werde ihn wohl selbst reparieren.“
    „Ardev!“ schrie der Chef quer durch den Maschinenraum. Der Andorianer blieb darauf hin in der Tür stehen, ohne sich umzudrehen.
    „Wo wollen Sie stehen? Lewinski hat eben erst begonnen. Und Sie wissen, dass der Captain durchzieht, was er beginnt“, er ließ ihm eine kurze Pause, bevor er Ardev die logische Folgerung vorschlug. „Wenn Sie nicht allein da stehen wollen, haben Sie hier ein Hafen, den Sie ansteuern können.“
    Ardev wandte sich noch einmal Woil zu. Lachend stand er in der Raummitte und deutete mit großen Gesten auf seinen „Hafen“. Ardev musste sich eingestehen, dass diese Option zu gut klang, um sie jetzt schon abzulehnen.
    Also nickte er und verließ darauf hin schnell den Maschinenraum. Mit großen Schritten trat er in eine dunkle Ecke im Korridor. Dort atmete erst einmal kräftig durch und rief sich diesen Zwischenfall in Erinnerung. Wem oder was hatte er da eben zugestimmt?
    Zurzeit jagten so viele Dämonen durch seien Kopf, dass er nicht mehr klar denken konnte. Und diesem, wie er selbst zugeben musste, malträtierten Gehirn fiel auf, dass Woil nur von Tatsachen und Beobachtungen berichtet hatte. Sowie von einer Schlussfolgerung, die soviel Sinn machte, wie alles andere.
    Wieso hatte sich Lewinski für Birds Plan entschieden?
    Seiner wäre ebenso effektiv und ebenso erreichbar gewesen. Was war dran an seiner Theorie?
    In der Tat liefen viele Koordinierungsarbeiten über Bird. Vor zwei Stunden waren noch mehr Pläne und Arbeiten auf Birds Posten übertragen worden. Und einer seiner Offiziere hatte berichtet, dass der Captain seit Stunden nicht mehr sein Quartier verlassen hatte, mit Ausnahme des Vorfalls, den Woil eben geschildert hatte. Zudem hatte der Captain ausdrücklich angeordnet, dass er in den nächsten Stunden nicht gestört werden möchte. Selbst nicht für dringende Fälle.
    Was machte der Captain so lange in seinem Quartier?
    Also tat Ardev das einzige, das ihn jetzt noch überzeugen konnte.
    Er stellte eine Frage, die alle anderen beantworten konnte.
    „Computer, wo befindet sich Commander Price?“
    Die Wartezeit bis zur Reaktion des Computers dehnte sich zu einer Unendlichkeit.
    „Diese Information ist nicht verfügbar“, lautete die schlichte Antwort. Es war das letzte Teil in Woils Puzzle. Und das Bild war so deutlich zu sehen, dass er eines begriff: Price durfte nicht umsonst gestorben sein!

    Tag 5, 13:23 Uhr Bordzeit der U.S.S. Monitor

    Als Woil die Brücke betrat, waren Ardev und Bird die einzige Führungsoffiziere, die zurzeit auf der Brücke Dienst taten. Ansonsten waren nur wenige Positionen besetzt, da die meisten Offiziere immer noch mit Reparaturen beschäftigt waren oder versuchten, etwas Ruhe und Schlaf zu finden. Ardev saß an seiner wissenschaftlichen Station und Bird saß auf dem wichtigen Stuhl in der Mitte. Allerdings war er viel zu tief in die Daten eines PADDs versunken, als dass er irgendjemanden auch nur annähernd hätte bemerken können. Und wenn er es doch tat, was aufgrund seiner hervorragenden Ausbildung durchaus sehr wahrscheinlich war, dann nur aus seinen Augenwinkeln und nur für den Bruchteil einer Sekunde.
    Der Chefingenieur war durchaus über den Zustand der Brücke überrascht. Sie war hell erleuchtet und alle Systeme schienen einwandfrei zu funktionieren. Sie wirkte, als wäre nie etwas geschehen.
    Als Ardev den Antosianer bemerkte nickten sie sich stumm zu. Jeder von Ihnen verstand unmittelbar, in welcher Beziehung sie sich befanden und in welchem Zustand.
    Schnurstracks setzte sich Woil an die technische Station. Mit einem einfachen Tastendruck aktivierte er sie und lud sich die neuesten Informationen auf den Schirm. Während er wartete griff er in sein Haar und nahm den Haargummi heraus. Mit vorsichtigen und gewohnten Handgriffen, fuhr er sich durchs Haar und schüttelte etwas, damit es in perfekter Art und Weise fiel und damit praktisch die gesamte Schulterpartie seines Rückens bedeckte.
    Nachdem er sich somit seelisch etwas befreit hatte, war er bereit die neuesten Daten zu lesen. Als er alle neuen Schiffsinterna durch hatte wurde ihm klar, wie er versagt hatte. Viel zu lange hatte er dem Treiben an Bord dieses Schiffes schon zugesehen, ohne etwas zu unternehmen. Ohne auch nur ansatzweise dafür zu sorgen, dass das Schiff gerettet wurde.
    Zudem hatte Price versagt.
    Es war keine Untersuchung eingeleitet worden, kein Indiz für die Bereitmachung eines Wissenschaftlerteams, dass die Fehlfunktion des Navigationssystems untersuchen sollte. Der Captain hatte Price rechtzeitig beiseite schaffen können, so dass er seine Pläne ohne Störung fortzuführen vermochte. Doch jetzt würde er es mit dem ultimativen Hindernis zu tun bekommen, das er haben konnte.
    Jozarnay tippte eine Information in seine Konsole ein, die an alle „seiner“ Leute gesandt wurde. Sie beinhaltete nur ein simples Wort: Jetzt.
    Ein lächeln lag auf seinen Lippen, das über seine Anspannung hinwegtäuschte. In Wirklichkeit tobte in ihm der größte Nervenkrieg seines Lebens. Eine Meuterei war viel mehr als man es sich zu Zeiten eines Kadetts noch vorstellte. Es war der Bruch jeder Regel, jedes Prinzips, welche man auf der Akademie erlernt hatte.
    Doch in diesem Moment fühlte er sich siegessicher. Er wusste, dass er zum Wohl des Schiffs handelte. Denn egal wie es weiterging, schlimmer wie es jetzt war, konnte es nicht werden. Es gab zu viele Geheimnisse, Rätsel und Mysterien, die die Crew beunruhigten. Ein für alle Mal mussten diese beseitigt werden.
    Und dies alles nur wegen eines falschen Kurses.
    Ich tue dies nur, um alle an Bord zu retten, sagte er sich immer wieder.
    Doch im Grunde wusste er nicht, ob seine Selbstsicherheit von dieser Überzeugung oder vom Ketracel Weiß stammte. Er wusste nur, dass er es schaffen konnte. Er hatte schon so vieles geschafft.
    Vielleicht war jetzt und hier die Zeit gekommen, seine wahren Qualitäten als Führungspersönlichkeit erkennen zu lassen.
    Langsam drehte er sich und blickte so zu Ardev, der ihm auf der Brücke genau gegenüber saß, dass er Bird den Rücken zugewandt hatte. Ardev schien zu spüren, was sich gerade abspielte.
    Auch er drehte sich um und sah mit großen Augen zu Woil. Ihm war die Unsicherheit regelrecht auf die Stirn geschrieben. Und seine beiden Antennen dienten als Leuchtreklame.
    Doch Woils ernster Blick ließ ihm kein Entkommen, stumm sprach er dabei das Wort „Jetzt“ in seine Richtung. Ardev hatte es natürlich verstanden.
    Geschockt über diese Entscheidung, richtete er seinen Blick zum Boden und wartete auf den ersten Schritt des Chefingenieurs.
    Der stand kraftvoll auf und trat vor Bird, der immer noch in sein PADD versunken zu sein schien.
    „Was gibt es Chief?“, fragte Bird dann plötzlich. Natürlich hatte er bemerkt, dass Woil da war.
    „Übergeben Sie mir das Kommando des Schiffes“, forderte er ernst.
    Diese Worte veranlasste Bird dann doch, seinen Kopf zu heben und Woil genau zu mustern. Äußerlich blieb er zwar ganz locker, doch innerlich spannte sich jeder Muskel an, den er hatte. „Das steht nicht in meiner Macht Chief und das wissen Sie.“
    „Veranlassen Sie, dass der Kurs geändert wird“, forderte Woil wieder und hatte spätestens jetzt die vollkommene Aufmerksamkeit aller Offiziere auf der Brücke. Die Spannung hierbei war deutlich in jeder Ader jedes einzelnen zu spüren.
    „Ich sehe erstens keinen Grund dafür und zweitens muss auch das der Captain entscheiden“, antwortete Bird wieder so locker, wie es ihm möglich war. Schließlich wollte er die Spannung um ihn herum nicht noch zusätzlich erhöhen.
    „Wenn wir nicht sofort den Kurs ändern, werden uns höchstwahrscheinlich die Vorräte ausgehen. Sie wissen, was dies bedeutet“, kommentierte Woil.
    „Da die Navigationscomputer immer noch nicht richtig arbeiten, kann ich es nicht verantworten einfach so einen neuen Kurs einzugeben. Dieser könnte unsere Situation noch verschlimmern. Sollten wir aber Raumbasis 185 nicht zur geplanten Zeit erreichen werden wir über einen neuen Kurs sprechen, darauf gebe ich Ihnen mein Wort.“
    Woil grinste. Bird gab ihm sein Wort. Das Wort eines Lewinski Anhängers konnte nur ein Lüge sein.
    „Commander Bird, ich setzte Sie hiermit in Kenntnis, dass ich nicht mit dem momentanen Führungsstiel einverstanden bin. Da ich keine Anzeichen dafür erkennen kann, dass sich dieser in naher Zukunft ändern wird und ich der Ansicht bin, dass dieser eine Gefahr für das Schiff und die Crew darstellt, werde ich als Mitglied der Sternenflotte dafür sorgen, dass diesen guten Frauen und Männern nichts geschieht.
    Hiermit übernehme ich das Kommando über die USS Monitor.“
    Woils Prolog war in der Tat protokollgerecht. Offenbar hatte er sich genauestens informiert. Alle Offiziere auf der Brücke konnten nichts anderes tun als mit offenem Munde starren.
    Schnell drehte sich Woil um und wandte sich dem Steuermann, Nick Locarno, zu. „Mr. Locarno, wenden Sie das Schiff und bringen Sie uns auf Kurs 180,0.“
    Doch Locarno reagierte nicht. Als wäre er versteinert saß er da und sah zwischen Bird und Woil hin und her. Während seiner Zeit als Kadett hatte er schon einigen großen Ärger angestellt, aber im Moment fühlte es sich nach einem so großen Ärger an, dass er sich da lieber raushielt.
    „Mr. Locarno, folgen Sie meinem Befehl!“, schrie Woil. Nachdem er sich so lange unter Kontrolle hatte halten können, kam nun sein wahrer Gemütszustand zum Tageslicht.
    „Mr. Woil, es wird keine Meuterei stattfinden“, Bird saß immer noch locker in seinem Stuhl.
    „In diesem Moment übernehmen alle diejenigen, die auf meiner Seite stehen, die wichtigsten Positionen auf dem Schiff. Sie werden bemerken, dass Sie das unvermeidliche durch ihr Gerede nur hinauszögern, aber auf keinen Fall aufhalten können. Denn es hat schon begonnen...“
    Müde sah Bird zu Woil und überdacht seine Worte. Wie konnte er es ihm nur schonend beibringen? Als er feststellte, dass dies unmöglich war, sprach er einfach. „Sie hat nicht begonnen. Ich habe die Nachricht, die Sie an alle Stationen geschickt haben abgefangen. Niemand außerhalb dieses Raumes weiß, was gerade geschieht.“
    Bird ließ Woil Zeit diese Information zu verarbeiten. Sein Gesicht blieb einen Weile lang steinern. Doch nach und nach fiel es in sich zusammen. „Sie haben mich in eine Sackgasse laufen lassen“, stellte er schließlich fest.
    „So ist es. Und hier endet sie.“ Bird sprach immer noch in einem lockeren Tonfall. Wie, als wäre der Phaser auf seinem Schoß gelegen hatte er einen parat und zielte damit auf Woil. „Chief, Sie sind hiermit festgenommen.“
    Woil schüttelte allerdings nur den Kopf und lachte wieder. „Sie verstehen es nicht Bird“, begann er, mit einem sehr verschwörerisch klingenden Tonfall. „Die Meuterei hat schon vor fünf Tagen begonnen. Weder Sie noch Lewinski sind in der Lage sie aufzuhalten. Und wenn Sie meinen, dass Sie mich töten müssen, um dies zu schaffen müssen Sie das tun. Denn freiwillig werde ich nicht aufgeben. Außerdem...“ Woil drehte sich herum und sah zu Ardev, der auf den stummen Befehl hin aufstand und neben den Antosianer stand. „...reicht die Meuterei tiefer, als Sie denken.“
    Geschockt sah Bird zu Ardev. Jetzt fiel auch seine Schutzhülle der Lockerheit. Wie in Trance stand er auf. Vielleicht hatte er die Hoffnung, so die Situation besser überblicken zu können oder neue Möglichkeiten zu entdecken, doch damit war er einem Trugschluss erlegen.
    „Sie müssen schon uns beide töten. Jetzt werden wir in der Tat sehen, aus welchem Holz Sie geschnitzt sind.“ Woil blickte triumphierend zu Bird, der immer noch geschockt vor Ihnen stand. Und gerade, als er dachte, das es nicht schlimmer kommen konnte, trat Ardev vor und nahm ihm den Phaser ab.
    Der Andorianer warf einen kurzen Blick auf die Anzeige. Er beließ die Intensität der Waffe bei einem leichten Betäubungseffekt.
    Ardev atmete tief. Seine Antennen legten sich etwas nach hinten, was bei jedem Andorianer auf große Anspannung hindeutete. Ohne auch noch eine weitere Sekunde zu überlegen drehte er sich wieder zu Woil und hob den Phaser.
    „Es wird keine Meuterei stattfinden“, wiederholte Ardev Birds Worte und hatte damit die größte Überraschung des Tages auf seiner Seite. „Diese Aktion ist mehr als nur unangebracht. Sie zeugt vor allem von... Schwäche.“
    Enttäuscht sah Woil zu ihm. Vorsichtig trat er ein, zwei kleine Schritte auf ihn zu und sprach so eindringlich, wie es ihm möglich war. „Sie wissen, wie Verrat auf diesem Schiff bestraft wird.“
    Ardev wusste, dass Woil damit auf ihr Gespräch in den frühen Morgenstunden hinwies. Nervös sah er zu ihm und spürte Birds Blick im Nacken.
    „Sie hätten es nicht so weit kommen lassen sollen Ardev“, sein Unterton hatte nun mehr etwas Furchterregendes in sich. Etwas geradezu Teuflisches. „Ich werde dies auf kein Fall tun.“ Woil nutzte einen kurzen Moment von Ardevs Unachtsamkeit aus, um ihn anzugreifen. Gestützt durch den Überraschungsmoment schaffte er es, Ardev von hinten mit der einen Hand an der Kehle festzuhalten und mit der anderen Hand an einem seiner Antennen.
    Dessen einzige gute Reaktion bestand darin, den Phaser in Birds Richtung fallen zu lassen. Der hatte zwar blitzschnell reagiert und sich den Phaser wieder angeeignet, doch es war nicht schnell genug geschehen.
    Als er mit der Strahlenwaffe zielte, war Ardev schon schmerzgequält (Die Antennen sind ja die mitunter empfindlichsten Körperstellen eines Andorianers) in Woils Gewalt.
    „Werfen Sie sofort die Waffe weg oder ich töte ihn.“ Woil meinte es todernst. Und Bird wusste, dass er seine Drohung wahr machen würde, wenn er nicht schnell reagierte.
    „Hören Sie, es gibt eine Lösung...“, versuchte Bird zu beschwichtigen.
    „Drei...“, zählte Woil.
    „Chief, Sie erreichen damit gar nichts“, erklärte Bird und sah Ardev flehenden Gesichtsausdruck. Die Schmerzen schienen furchtbar zu sein.
    „Falsch, Sie erreichen damit gar nichts. Zwei“, entgegnete Woil trocken.
    „So seien Sie doch vernünftig. Ich verspreche, dass Ihnen nichts geschehen wird. Kein Militärgericht, gar nichts“, schlug Bird vor, doch er stieß damit nur auf taube Ohren.
    „Eins“, zählte Woil. Und daraufhin schien alles wie in Zeitlupe abzulaufen.
    Bird und Woil reagierten beinahe gleichzeitig. In einer unglaublich schnellen und präzisen Bewegung griff Woil einmal an Ardevs Hinterkopf und einmal an sein Kinn.
    Als ihn der Phaserstrahl traf wirkte dieser wie ein Katapult, der den begonnenen Dreheffekt noch verstärkte.
    Beide fielen zu Boden.
    Doch während Woil mit dem sicheren Gedanken, dass die Meuterei nun endlich begonnen hatte, in die Bewusstlosigkeit entschwand, entschwand Ardev für immer in die dunkle Leere des Kosmos.

    Der Korridor war leer. So leer wie er noch nie seit dem Bau des Schiffes. Und diese Leere konnten auch nicht John Lewinski und Danny Bird füllen. Sie wirkten noch leerer wie das Schiff.
    Danny Birds Augen wirkten müde. Dabei war seit dem Zwischenfall auf der Brücke keine Stunde vergangen. Doch er hatte mit einem mal tiefe Augenringe und auch John Lewinski bewegte sich so träge, als sei er eine Marionette.
    „Sind alle Unteroffiziere arretiert?“ Lewinski kam es einen Moment lang so vor, als würde seine Stimme ein Echo erzeugen. Doch sicherlich existierte dies nur in seiner Einbildung.
    „Ich habe alle vorgesehene Empfänger von Woils Nachricht ermitteln können“, antwortete Bird müde. Schnell rieb er sich die Stirn und wischte sich etwas Schweiß von ihr ab. Vor wenigen Minuten hatte er sogar seine Uniformjacke geöffnet. Doch der eigentlich leichte Stoff hing so schwer an seinem Körper herab, dass er nicht aus dem Schwitzen heraus kam. „Meine übrigen Männer haben alle schnell und sicher in ihren Quartiere arretieren können.“
    „Wie viele?“, fragte Lewinski. Man konnte beinahe Angst in seiner Stimme spüren.
    „28“, antwortete Bird knapp.
    Lewinski rechnete schnell durch. 51 Personen dienten auf dem Schiff. Wenn man jetzt noch drei Tote abzog und die 28 Eingesperrten blieben nur noch 20 Offiziere übrig.
    „Wir sind Ihnen weit unterlegen.“, seufzte der Captain.
    „Wenn wir es bis zur Raumbasis schaffen...“
    „Lassen Sie uns morgen darüber reden. Im Moment müssen wir erst einmal die Situation etwas in den Griff bekommen.“ Lewinski dachte einen kurzen Moment nach. „Wo ist Woil?“
    „Ich habe ihn in sein Quartier bringen lassen. Er ist noch eine Weile ruhig gestellt und dürfte keine Probleme machen...“
    „Geht es Ihnen gut Danny?“ Lewinski blickte besorgt zu Bird. Er wirkte in der Tat auch etwas fahl im Gesicht.
    „Ja“, log er und stützte sich mit kurz an der Wand ab. „Ich muss nur kurz eine Pause einlegen.“
    Lewinski drehte sich zu ihm. „Ich weiß, dass es Ihnen kein Trost sein wird. Aber Sie haben richtig gehandelt. Sie tragen keine Schuld Danny.“
    Mit glänzenden Augen sah er zu seinem Captain. „Ich habe so viel verloren in den letzten zwei Tagen. Und jetzt müssen wir das noch...“
    „Ich kann auch alleine zu Arena. Ruhen Sie sich aus.“
    Bird sah hinab, auf seine Hand, als wäre sie etwas Neues, das er noch nie gesehen hatte. Mit etwas aufgesetztem Elan richtete er sich zu (fast) alter Größe auf und schloss seine Jacke wieder. „Nein. Ich muss das machen. Für Ardev.“

    Arena hatte noch bis vor wenigen Minuten tief und fest geschlafen. Sie hatte gerade einen Happen gegessen und wollte sich für ihre Schicht fertig machen, als Sie von Lewinski und Bird besucht wurde. Allein der Besuch an sich war Grund genug um ihr die Tränen in die Augen zu treiben, denn man musste kein Telepath sein um schlechte Nachrichten zu spüren.
    Jetzt saß sie den beiden Herren gegenüber zitterte wie Espenlaub.
    „Es tut mir Leid Arena. Ardev war ein guter Mann, einer der Besten, den ich kannte.“ Lewinskis Beileid war nicht einfach nur eine standardisierte Formulierung. Er hatte mehr als nur einen Offizier verloren. Ardev war ein junger Grünschnabel gewesen, als er die Monitor zum ersten Mal betreten hatte. In den letzten Jahre hatte er sich zu einem erfahrenen, besonnenen und seriösen Offizier gemausert.
    Arena sah zu Boden. Nervös kaute sie auf den Fingernägeln ihrer rechten Hand. Lewinski fand, dass sie es sehr gut aufgenommen hatte. Bisher war sie auf jeden fall noch nicht in Hysterie oder Zorn ausgebrochen. „Wie ist es geschehen?“
    „Er erlag einem Genickbruch“, antwortete Lewinski.
    „Er war sofort tot, Arena. Er musste gewiss nicht leiden“, fügte Bird hinzu.
    Vorsichtig, als wollte sie nichts verletzen, schüttelte sie ihren Kopf. „Verzeihen Sie mir, wenn ich keinen Trost in ihren Worten finde“, flüsterte sie. Und wäre diese Situation nicht so trostlos gewesen, hätte Bird jetzt gegrinst. Nicht einmal ihm hatten seine Worte etwas Trost gegeben. Er hatte sie sich selbst nur immer wieder eingeredet, als er Ardev zu seiner letzten Ruhe gebettet hatte, direkt neben die Leichen der anderen. Inzwischen hatten sie sogar für ihn einen hohlen Klang.
    „Wir haben noch einige Tage Flug vor uns, bis wir Raumbasis 185 erreichen. Ruhen Sie sich aus. Falls Sie etwas benötigen, rufen Sie mich oder Mr. Bird“, schlug Lewinski vor und sah ihr dabei tief in die Augen. Für ihn war es in diesem Moment schwer zu erahnen, was sie fühlte. Da sie eine Art Mauer um sich errichtet hatte, konnte er nur raten. Doch sie durfte sich ruhig um einiges schlechter fühlen als er.
    Und er machte schon die Höhle durch. Welche Qualen würde dann erst sie leiden?
    „Danke Sir“, entgegnete sie höflich.
    Lewinski nickte knapp und verließ dann zusammen mit seinem Sicherheitsoffizier das Quartier.
    Als sich die Tür hinter ihnen geschlossen hatte, standen sie in einer anderen Welt.
    „Also gut Mr. Bird“, begann Lewinski mit seinem eher zaghaft wirkenden Versuch, die Stimmung wieder etwas aus dem Keller zu holen. „Machen wir uns wieder an die Arbeit. Ich will wenigstens wieder einige Systeme betriebsbereit haben, wenn wir Raumbasis 185 erreichen.“
    Bird bestätigte die Worte knapp. Wenigstens hatte er etwas zu tun. „Ich bin im Maschinenraum“, entgegnete er und ging einige Schritte den düsteren Korridor hinunter.
    „Mr. Bird.“
    Bird blieb abrupt stehen, als er die Stimme seines Captains vernahm. Langsam drehte er sich nochmals zu ihm um. „Ja Sir?“
    „Jetzt kommt es ganz auf uns beide an. Uns allein.“
    Lewinski hatte keine Ahnung, wieso er diese Worte gesprochen hatte. Schließlich wirkten sie weder beruhigend noch fröhlich. Im Gegenteil. Sogar er fühlte sich schlechter als er sie gesprochen hatte. Und was Bird fühlte stand im praktisch auf der Stirn geschrieben.
    Mit glänzenden Augen drehte sich Lewinski um und betrat schnell den nächsten Turbolift.
    Danny Bird sah dagegen noch eine Weile zu Boden, bis er begriff, dass er nur etwas an der Situation ändern konnte, wenn er sich jetzt wach hielt und sein Verstand klar blieb.
    Zum ersten Mal in seinem Leben war dies schwerer, als er es sich vorgestellt hatte.

    Tag 17, 6:15 Uhr Bordzeit der U.S.S. Voyager

    An diesem Morgen hatten sich Chakotay, Land und Kalen im Bereitschaftsraum des Captains versammelt. Über ihnen, in dem riesigen Fenster, thronte der ihnen unbekannte Planet, dem nun schon das zweite Sternenflottenschiff zum Opfer gefallen war.
    Commander Land hatte soeben seinen Bericht vom eben erlebten Tag auf der U.S.S. Monitor berichtet. Geschockt hatte Chakotay die Worte über die beginnende Meuterei auf dem kleinen Schiff vernommen. Sie glichen den Geschehnissen hier bis aufs Haar.
    „Ich habe vor einer Stunde die ersten Offiziere in ihre Quartiere sperren müssen. Und ich weiß nicht, ob dies eine so kluge Entscheidung war. Einerseits habe ich einige Störenfriede weniger, andererseits werden sie andere nach sich ziehen.“ Ernst sah er in die Gesichter der beiden Männer. „Wir verlieren die Kontrolle. Langsam aber sicher.“
    Land schluckte schwer. Durch die Tatsache, dass er das Ende einer Meuterei eben erlebt hatte, schockierte ihn zutiefst. Gleichermaßen bekümmerte es ihn auch.
    „Dazu kommt, dass Commander Barclay praktisch keine Fortschritte melden kann. Es scheint, als würden die Gesetze der Physik hier nicht herrschen.“
    „Wie meinen Sie das Sir?“, fragte Land.
    „Nehmen wir zum Beispiel die Kommunikation. Die Anlagen sind perfekt. Trotzdem haben wir schwerwiegende Fehlfunktionen bei ihnen. Reg kann sie nicht erklären.“ Chakotay sah zu Kalen. „So langsam läuft seine Stimmung auf Grundeis. Ich weiß nicht einmal, ob ich ihm noch trauen kann, sollte eine Meuterei beginnen.“
    „Ich habe dagegen etwas herausgefunden. Über diese Anomalie.“ Gebannt lauschten die beiden Kommandanten dem Schiffsberater. „Sie beeinflusst die Gefühle. Sie verstärkt sie geradezu. Jede Emotion, die man erlebt, wird gefestigt und zu einer Triebfeder des Handelns.“
    Land begriff. Er hatte zwar zuerst an ein Phänomen wie in der Delphic-Ausdehnung geglaubt, doch Kalens Worte machten mehr Sinn. Er sprach seine Gedanken laut aus. „Wenn Woil Zweifel hatte an dem ausgeführten Rettungsplan, festigte sich dieses Gefühl soweit, dass er eine Meuterei antrieb. Telloms Trauer über Ardevs Tod wurde ebenso verstärkt, bis zum Kollaps ihrer Synapsen...“
    „...und Birds Durchhaltewillen ließ ihn mehr überstehen, als ein Mensch verkraften kann. Was sich jetzt rächt“, vollendete Kalen die Diagnose.
    „Müsste dann jetzt nicht wieder sein Durchhaltewillen die Kontrolle übernehmen?“, fragte Chakotay.
    Kalen schüttelte den Kopf. „Nicht unbedingt. Nachdem, was er durchlebt hatte, machte sich in ihm das Gefühl der Resignation und Hoffnungslosigkeit breit. Dieses wird im Moment verstärkt. Wahrscheinlich ist sein Durchhaltewillen immer noch da und wird auch verstärkt und wir verdanken es ihm, dass er noch nicht tot ist.“
    Chakotay lehnte sich auf den Schreibtisch. Er fühlte sich gar nicht so, als ob seine Gefühle beeinflusst wurden, in irgendeine Richtung. Aber vielleicht wurde auch genau dieser Gedanke verstärkt und der Einfluss auf ihn wirkte nicht negativ sondern positiv. Schnell brach er diese Gedankenspiele ab. Er bekam Kopfschmerzen davon. Im Moment durfte er nur daran denken, sein Schiff aus dieser Anomalie zu bringen. Er wandte sich wieder an Land.
    „Commander, Reg hat mir gemeldet, dass er jetzt viel schneller mit dem Decodieren vorankommt. Er müsste den nächsten Tag bald parat haben. Ich muss Ihnen nicht sagen, dass die Zeit drängt.“
    Land schüttelte den Kopf. „Nein, gewiss nicht.“
    „Halten Sie das auch durch?“
    Kalens und Lands Blick trafen sich für einen kurzen Moment. „Ja Sir, ich halte durch“, antwortete Land. Ich muss durchhalten.
    „Dann wäre für den Moment alles gesagt. Sie versuchen herauszufinden, wie wir das Schiff retten und ich versuche, dass Schiff bei mir zu behalten.“

    Tag 4, 09:17 Uhr Bordzeit der U.S.S. Monitor

    Der letzte Tag mochte noch so gut geendet haben, der heute begann mit einem großen Berg Arbeit und noch mehr Problemen für Matthew Price.
    Wegen der vielen Schäden war auch er eingeteilt worden, einige der Schäden zu reparieren. Für ihn stand zwar nichts Schwieriges auf dem Plan, jedoch erforderte jede Art von technischer Arbeit natürlich sehr viel Konzentration.
    Im Moment stand er gerade im Eingangsbereich einer Jeffriesröhrenkreuzung. Röhren verliefen von hier aus waagrecht nach links und recht, sowie senkrecht von oben nach unten. Price trat an die Röhre, die nach rechts verlief und sah auf die Nummer, die auf ihr aufgedruckt war. Schnell stellte er fest, dass es die falsche war und begab sich zur gegenüberliegenden Röhre. Mit einem einfachen Tastendruck öffnete er die Luke und kletterte hinein.
    Einmal mehr musste er feststellen, dass er zum Teil auch kommandierender Offizier geworden war um nicht täglich durch Jeffriesröhren kriechen zu müssen. Jetzt hatte er sogar noch einen kleinen Koffer dabei, indem die Ersatzteile verpackt waren. Zudem musste er hinnehmen, dass das Gitter am Boden der Röhre empfindlich in seinen Handflächen schmerzte.
    Zum Glück dauerte dieser Weg nicht lang, dann erreichte er sein Ziel. Es war ein kleiner Raum. Ähnlich dem Eingansbereich. Die Röhre verlief auf der Gegenseite weiter. Sonst war in dem Würfel viel technisches Material zu sehen. Eine Unmenge an Kabeln, Mechanismen und Energie war in diesem Raum versammelt um zu allen Teilen des Schiffes weiter geleitet zu werden.
    Land war seinem ehemaligen Kommandanten stumm gefolgt. Wieder mal hatte er einen kleinen Schreck bekommen, als er ihn sah. Doch seine Anwesenheit konnte nun den Schluss zur Folge haben, dass sein Leben heute enden würde. Land setzte sich an das Ende der Jeffriesröhre und beobachtete den Halbbetazoiden.
    Price Aufgabe bestand darin noch einige kleine Komponenten für Subsysteme auszutauschen. Genau sah er sich in diesem Raum um und fand nach einigen Minuten schließlich die Kontrolleinheit, in der er arbeiten musste.
    Der Erste Offizier legte seinen Koffer auf den Boden, öffnete ihn und sah sich die darin befindlichen Teile genau an. Schließlich nahm er sich einen isolinearen Chip heraus und wandte sich wieder der Kontrolleinheit zu. Einen Moment lang suchte er noch nach dem richtigen Chip in der angeschwärzten Einheit.
    Seine Hand befand sich nur einen knappen Zentimeter davor, als er von einem starken Ruck nach hinten und auf den Boden gezogen wurde.
    Nach einem kurzen Moment der Verwirrung sah er Fähnrich Rushing, die ihn fest umklammert hielt.
    „Fähnrich Rushing, was haben Sie da...?“
    Die junge Frau sah ihn lachend an. Nachdem sie ihn weggezogen hatte, war sie auf ihn gefallen und beeilte sich jetzt nicht gerade damit, sich schnell wieder von ihm zu erheben.
    „Diese Wand wurde noch nicht entpolarisiert. Hätten Sie sie berührt... 2000 Volt.“
    Erschrocken sah Price erst zur Wand, dann an sich herab und zuletzt zu Rushing, die immer noch lächelnd zu ihm sah. „Oh, da hatte ich ja richtig Glück, dass Sie gerade auch hier waren.“
    „Ich bin stets zu Diensten Sir. Schließlich will ja keiner von uns, dass diesem schönen Gesicht etwas geschieht.“
    Plötzlich wurde Price von einer großen Welle überrollt. Und selten hatte er ein Gefühl so klar erlebt. Sexuelles Verlangen.
    Möglichst schnell wollte er sich aus ihrem Griff befreien ohne es allzu abweisend aussehen zu lassen, doch die junge Frau hatte ihn so fest im Griff und in einer solch komplizierten Position, dass es sich sehr schwer für ihn herausstellte, aufzustehen. Und wenn er es versuchte riskierte er nur, dass einer von Ihnen verletzt wurde.
    „Nun, da wollen wir beide wohl das Selbe“, scherzte Price um etwas von seiner Situation abzulenken. Und tatsächlich funktionierte es. Rushing lachte. Jedoch ließ sie sich nicht weit genug ablenken.
    „Genau das liebe ich an einem perfekten Mann. Den richtigen Sinn für Humor.“
    Price beschloss eine andere Taktik zu starten. Es war Zeit, in die Offensive zu gehen.
    „Wissen Sie, ich habe Ihnen nie gesagt, wie gern ich Sie um mir habe.“
    Überrascht sah sie ihn mit großen Augen an. Sie konnte das unerwartete und – von Price aus – gelogene Geständnis kaum fassen. Noch bevor sie darauf reagieren konnte, setzte Price noch eins drauf.
    „Ich weiß nicht, wie Sie das sehen, aber ich finde, dass wir das intensivieren sollten.“
    Wenn es denn noch möglich gewesen wäre, hätte sie ihre Augen in diesem Moment noch weiter geöffnet. „Commander, ich wusste ja nicht...“
    Zärtlich unterbrach er sie und legte seinen Zeigefinger auf ihren Mund. „Schhhh, sagen Sie jetzt nichts.“, flüsterte er ihr zu. Langsam ließ er seine Hand in ihren Nacken gleiten und zog ihren Kopf in seine Richtung. Gleichzeitig verringerte sie den Druck, mit dem er am Boden gehalten wurde.
    Land hörte ein leises Geräusch im Hintergrund. Offenbar entwisch irgendwo gerade etwas Druckluft. Vielleicht von einem Stabilisator oder einer kleinen Tür. Auf jeden Fall störte dieses Geräusch die Romantik in diesem Moment. Kopfschüttelnd vertrieb er diesen Gedanken. Dies war keine Schundholonovelle zum Thema Romantik. Es war das wirkliche Leben auf der Monitor. Also wandte er sich wieder Price und Rushing zu.
    Als sich ihre Lippen berührten wäre Price fast von den Gefühlen überrollt und mitgerissen worden, doch er besann sich auf seinen Plan. Wie sie, hielt er Rushing immer noch in der Gegend ihres Nackens. Für Price geschahen die Ereignisse Schlag auf Schlag, während für die junge Fähnrich Äonen verstrichen.
    Doch er musste diese schlagartig beenden.
    Mit einem vulkanischen Griff, dem wohl berühmtesten der gesamten Föderation, versetzte er sie in das Land Träume. Bewusstlos sank Rushing in Price starken Armen zusammen. Nichts auszudenken, was passiert wäre, hätte sie dies miterlebt. Vermutlich wäre sie aus Liebe zu ihrem ersten Offizier von sich aus bewusstlos geworden und in eine Ohmnacht gefallen.
    Schnell, aber immer vorsichtig, legte er die junge Frau auf den Boden der Kabine. Da sie einige Minuten bewusstlos bleiben würde, blieb ihm genug Zeit, zu verschwinden und die Wand entpolarisieren zu lassen, damit sie sich nicht selbst umbrachte, wenn sie erwachte und noch benommen versuchte, sich zu orientieren.
    Price nahm seinen Koffer und kroch so schnell, wie er es nie für möglich gehalten hätte durch die Jeffriesröhre zum rettenden Ausgang. Doch dahinter befand sich genau so wenig ein rettender Hafen. Dort lauerte ein Damokles Schwert. Mit den Hauptpersonen Lewinski und Woil.

    Das Gespräch der beiden Kommandanten hatte sich während der ersten 30 Minuten von, um es übertrieben auszudrücken, banalem gehandelt. Zuerst hatten sie vom Status der Reparaturen gesprochen. Lewinski hatte angemerkt, dass beinahe sämtliche Abteilungen hinter den Erwartungen zurück lagen. Je weiter hinunter man im Schiff kam, umso schlechter wurde es. Eine glänzende Ausnahme bildeten, wie Lewinski mit Stolz angemerkt hatte, die Brückenoffiziere. Die Brücke war von sich aus wieder vollkommen hergestellt. Jedoch funktionierte immer noch recht wenig, da die Techniker die Systeme eben nicht in Gang bekamen.
    Danach kam ein kurzer Plausch über den Zustand der Crew. Price hatte etwas beschönigend geantwortet, dass die Crew es schon schaffen werde. Lewinski ließ sich damit zufrieden stellen.
    Der Captain war an sich schon beim Ende des Gesprächs zwischen Ihnen, als Price sein Gespräch erst beginnen sollte um einen Balanceakt zu meistern.
    „So, dann hätten wir alles durch. Wir sehen uns dann morgen wieder auf der Brücke.“
    „Skipper, wir haben noch ein Problem“, platzte es aus Price heraus.
    „Ach ja, was denn?“
    Für eine Umkehr war es jetzt zu spät. Price befeuchtete seine Lippen und begann. „Der falsche Kurs liegt an.“ Lewinski schüttelte den Kopf, als er diese Worte hörte und wollte schon etwas einwenden, doch Price ließ sich nicht aufhalten. „Woil hat mir neue Beweise vorgelegt. Sie sind alle stichhaltig. Zugegeben, nichts großes aber zusammen gesehen sind sie nicht widerlegbar. Woil ist...“
    „Woil ist verrückt!“ Lewinski stand auf und lief um den Tisch. „Seit wir in dieser Anomalie waren ist er verrückt.“ Der Captain sprach mit leichten Ärger, aber auch Enttäuschung in seiner Stimme. „In letzter Zeit sieht er Gespenster, ist nicht mehr konzentriert und ich glaube, dass auch seine Arbeit darunter leidet.“
    „Das ändert nichts an der Tatsache, dass wirklich der falsche Kurs anliegt.“
    „Jetzt fangen Sie nicht auch noch an Commander“, wütend blickte er auf ihn herab. „Denken Sie doch mal darüber nach. Wer an Bord hat die Fähigkeiten und Mittel dem Schiff durch gefälschte Informationen zu täuschen?“
    „Captain, ich verspreche Ihnen, dass Woil so etwas nicht nötig hat.“
    „Woher wollen Sie das wissen? Der Chief ist in der Lage dazu. Und er hat dies genutzt um Sie von seinem Plan zu überzeugen.“
    „Aber wieso sollte er so etwas tun?“
    „Weil er mehr weiß als wir alle. Er will zurück zu dieser Anomalie. Gott weiß warum...“, mutmaßte Lewinski.
    „Woil will nach Hause“, widersprach Price.
    „Woil will uns töten!“
    „Das ist doch Unsinn. Sie sollten sich mal reden hören. Ich frage mich ernsthaft, wer hier verrückt ist Skipper.“
    Auch Price war aufgestanden. Beide trennte nur wenige Zentimeter. Beide versuchten herauszufinden, was der andere vorhatte.
    „Captain, ich hielt Sie bisher für einen weisen Mann. Einen einsichtigen und fairen Captain. Doch ich muss Ihnen jetzt sagen, dass Sie einen Fehler gemacht haben. Und dass Sie alles nur noch schlimmer machen, wenn wir nicht sofort den Kurs ändern. Woil hat Recht. Gestehen Sie sich das endlich ein Skipper.“
    Bei diesen Worten platzte Lewinski der Kragen. Mit einem lauten Schrei und einigen schnellen Handgriffen brachte er Price zu Fall und hatte seinen Unterarm an die Kehle des Überraschten gepresst.
    „Solange ich der Captain bin, wird getan, was ich sage. Woil ist ein arroganter Unteroffizier, der keine Ahnung hat, was es bedeutet ein Schiff zu führen. Und Sie sollten mir jetzt besser einen guten Grund nennen, weshalb ich Sie nicht umbringen sollte. Ich habe endgültig die Schnauze voll von ihrer beleidigenden Art, wie Sie die ganze Zeit versuchen, meine Autorität zu untergraben um sich zurück an mein Kommando zu schleichen. Diese Bemühung wird hier enden, Maat.“

    Price hörte diese Worte wie in einem Traum. Langsam aber sicher setzte der Sauerstoffverlust ein.
    „Er wird meutern.“
    „Er wird keine Chance haben.“
    „Nein, wenn ich sterbe schlägt er los“, krächzte Price. „Und es wird brutal sein."
    Lewinski ließ sich die Worte durch den Kopf gehen. „Dann haben Sie etwas mit der Meuterei zu tun?“
    „Ja, ich kann sie aufhalten.“
    Schlagartig ließ Lewinski von Price ab und setzte sich an die Wand, während Price nach Luft keuchte.
    Er rappelte sich langsam auf und sah zum Captain. Noch immer drehte sich die Welt um ihn.
    Nachdenklich, sinnierend flüsterte er Price die letzten Worte zu, die er von ihm zu hören bekommen sollte. „Bisher habe ich immer darauf vertrauen können, dass Sie mein Sprachrohr sind. Jetzt wird sich zeigen, ob Sie wirklich in der Lage sind, ein Schiff zu führen, ein Schiff zu retten.“

    Der Weg zu seinem Quartier war lang. Noch immer zeigten sich Druckstellen auf seinem Hals, der vermutlich erst in wenigen Tagen wieder genesen sein würde. Doch mit der modernen Medizin sollte sich dies natürlich beschleunigen lassen.
    Als er sein Quartier betrat war schon ein Licht eingeschaltet. Es war die „Leselampe“ bei seinem Bett, die eben gerade genug Licht lieferte um in Ruhe einen letzten Bericht vor dem Schlafen gehen zu lesen.
    Natürlich wusste Price sofort, wer es war. Nicht nur weil er ihre Konturen oder ihren Duft sogar im Schlaf erkennen würde, sondern auch, weil er sie spürte. Tief in sich.
    Doch etwas war anders. Dieses Mal glichen ihre Emotionen einem kalten Windhauch. Plötzlich waren all seine Schmerzen vergessen. Alles schob er beiseite.
    „Liz, was ist mit dir?“, fragte er ruhig.
    Die Antwort bestand aus einem Schluchzen.
    Land sah fragend zu der Person und erkannte in ihr Doktor Frasier. Die Art, mit der Price sie ansprach, die Sorge in seiner Stimme ließen nur einen Schluss zu. Zwischen beiden war mehr als nur Freundschaft.
    „Liz...?“, versuchte er erneut und trat auf sie zu.
    „Bleib da stehen!“ Die Wut in ihrer Stimme schockierte Price. Nie hätte er gedacht, dass sie je zu so etwas fähig sein konnte.
    „Was...?“
    „Ich dachte du bist anders“, begann sie leise, unglücklich. „Ich dachte wirklich, du wärst etwas Einmaliges. Mit dir hatte ich das Gefühl, die Zeit anhalten zu können. Und ich wünschte ich könnte es. Doch dazu bin ich nicht mehr in der Lage.“
    „Was sagst du da? Ich verstehe es nicht.“ Price schüttelte den Kopf. Er fühlte sich im Moment genau so unglücklich. Die Welt um ihn herum brach zusammen, als er versuchte in ihre Augen zu sehen, die bisher so viel Hoffnung für ihn verhießen hatten.
    Frasier ließ einigen Sekunden verstreichen und wusch sich ihre Tränen ab. „Ich liebe dich, Matt. Von ganzem Herzen.“
    Mit dem hatte er am Wenigstens gerechnet. Was sollte jetzt noch kommen? „Und ich liebe dich.“
    „Lüg mich nicht an!“, schrie sie.
    „Das ist nicht gelogen. Du bist die wahre Liebe meines Lebens. Du bist mein Leben Elizabeth Frasier“, verteidigte sich der in die Ecke gedrängte Mann.
    Doch Frasier schüttelte nur den Kopf. Sie stand auf und stellte sich vor Price, bis etwa zwei Meter zwischen ihnen lagen. „Ich wollte dich heute Morgen überraschen. Als ich jedoch zu dir kam, sah ich dich in diesem Raum in den Jeffriesröhren. In den Armen der nächstbesten Frau.“
    Land verstand. Die schließende Tür, die er gehört hatte. Frasier war dort gewesen. Zu diesem Zeitpunkt. Sie musste es falsch verstehen.
    Matt sackte in sich zusammen. „Das war nicht wonach es aussah.“
    „Du bist wie alle anderen Männer. Immer auf der Suche nach der nächsten Beute“, sie spuckte die Worte aus, ohne auf ihn zu hören.
    „So hör mir doch zu...“
    Doch sie hörte ihn nicht. „Ich werde nie wieder zulassen, dass du mich verletzten kannst, dass ich mich verletzten lasse.“
    Mit kleinen Schritten trat sie zu ihm und zog seinen Kopf zu ihrem. Zärtlich küsste sie ihn.
    Als Price die Augen wieder öffnete, fühlte er sich gefangen zwischen den Gefühlen. Liebe, Verwunderung, Angst.
    Doch diese Gefühle wurden alle verdrängt, als er plötzlich einen Schmerz in seinem Bauch fühlte.
    Er taumelte zurück und sank auf die Knie. Als sein Blick auf seinen Bauch fiel sah er den Phaser in Frasiers Händen.
    Und sein Bauch war durch ein Loch ersetzt worden. Schockiert legte er seine Hände darauf. Die Luft blieb ihm weg und die Farben verschwammen vor seinen Augen. Schweiß tropfte in sie hinein und brannten wie Feuer.
    Frasier beugte sich noch einmal zu ihm und hauchte einen letzten Kuss auf seine Lippen.
    „Gleich werden wir vereint sein. So wie es sein soll. Hab keine Angst.“
    Price wusste nicht, was er denken sollte.
    Doch er wusste, was er fühlte und was sie fühlte.
    Reine Liebe.
    Und in dem Moment, in dem er starb, sah er, wie sich Elizabeth Frasier den Phaser an den Kopf hielt und abdrückte.

    Lewinski betrat zügig Price Quartier. Birds Hilferuf hatte sehr eilig geklungen. Und als er die beiden Wachmänner sah, die vor dem Quartier standen wusste er, dass etwas nicht stimmen konnte.
    Er sah Danny Bird auf einem Stuhl nahe der Tür sitzen. Müde stand der auf, als er den Captain sah.
    Beide hatten ihren Blick nur auf die beiden Körper gerichtet, die vor Ihnen auf dem Boden lagen, nur mit zwei schwarzen Tüchern bedeckt, die auch schon rote, immer noch feuchte Blutflecken zeigten.
    Der Captain wagte es nicht, tief durchzuatmen, denn jetzt schon drängte der Leichengeruch, der Gestank von Blut und verbrannter Haut in seine Nase und damit direkt in sein Mark. Er ließ seine Blicke durch den Raum schweifen. Noch immer war nur das kleine Licht über dem Bett aktiviert, so dass man wenig von den tatsächlich reichlich vorhanden Blutspuren sehen konnte.
    Bird schwieg, bis sich der Captains gesammelt hatte und bereit war, die Antwort zu hören.
    „Was ist passiert?“, fragte er schließlich, nach einigen endlos langen Sekunden.
    „Ich habe vor 15 Minuten Phaserfeuer registriert. Zwei Schüsse, kurz nacheinander abgefeuert. Als auf meine Rufe niemand antwortete, was auch durchaus noch an den immer noch anhaltenden Systemproblemen liegen konnte, habe ich selbst nachgesehen... das Ergebnis fand sich hier.“
    Bird hielt kurz inne um Lewinski die Gelegenheit zu geben, etwas Luft zu bekommen.
    „Ich fand Commander Price und Doktor Frasier tot auf. Price hatte ein tiefe Wunde im Bauch, verursacht durch den ersten Phaserschuss, einem Schuss der Stufe 2 aus nächster Nähe. Offenbar sollte er nicht sofort sterben. Sein Todeskampf hat demnach etwa 15 bis 20 Sekunden beansprucht. Anschließend hat Doktor Frasier den Phaser auf eine höhere Intensität eingestellt und sich damit selbst hingerichtet. Der Tod ist sofort eingetreten. Kein Wunder, von ihrem Kopf ist auch kaum noch was übrig.“
    Lewinski hielt sich einen Hand vor den Mund und schloss die Augen um gegen die Übelkeit anzukämpfen, die ihn im Moment befiel. Doch sobald er die Augen schloss sah er nur die beide Toten vor sich. „Motiv?“
    Bird schüttelte den Kopf. „Ohne Nachforschungen kann ich es nicht sagen.“
    „Können Sie unter dem Einfluss eines fremden Wesens gestanden haben?“
    „Möglich: ja. Wahrscheinlich: nein“, antwortete Bird knapp. „Es hat den Anschein als ob Doktor Frasier durchgedreht wäre und sich und Commander Price getötet hat.“
    „Weiß sonst noch jemand davon Commander?“
    „Nein, Sir. Nur wir beide“, antwortete Bird schnell. „Doch ich vermute, dass es sich nicht mehr lange geheim bleiben wird. Man vermisst die beiden jetzt schon.“
    „Tun Sie alles dafür, dass es geheim bleibt. Beamen Sie die beiden in die Leichenkammer und versiegeln Sie den Raum.“ Lewinski konnte den Blick nicht von den beiden Leichen abwenden. Er musste praktisch jedes Detail in sich aufsaugen.

    „Aye Sir.“ Die Bestätigung Birds klang deprimiert. Doch er wusste, dass es nur logisch war, ihn für diese Aufgabe auszuwählen. Schließlich sollten nicht mehr Leute davon wissen, als unbedingt nötig waren.
    „Und Danny, kein Wort davon in irgendwelchen Berichten oder Logbüchern. Wenn Sie darüber sprechen wollen, dann höchstens mit mir. Alles klar?“
    „Ja Sir.“ Bird nickte geistesabwesend.
    Lewinski verließ das Quartier wieder und eilte, so schnell er konnte, zu seinem Quartier. Er hatte soeben mehr Gewalt und Brutalität gesehen, als er es je für möglich gehalten hatte.
    Seine zwei besten Offiziere waren innerhalb von gerade einmal 20 Sekunden gestorben. Und das ohne fremdes Einwirken. Nie wieder würde sein Leben das sein, das er einst kannte.
    Und in diesem Moment wünschte er sich, selbst unter diesem Tuch zu liegen um dieses Leid nicht mehr ertragen zu müssen.

    Danny Bird stand noch einige Minuten regungslos in Price Quartier. Nur langsam schaffte er es, sich aus seiner Starre zu lösen. In dieser Stunde hatte er eine der wichtigsten Lektionen seines Lebens erfahren. Gefühle konnten zu einer gefährlichen Waffe werden.
    Er erinnerte sich plötzlich an etwas anderes, weit zurück liegendes. An eine unbeschwerte Zeit. An eine Zeit, in der er ohne Sorgen und ohne Kummer einfach so sein Leben genossen hatte. Er erinnerte sich an seine Kindheit, als er unbeschwert die Welt gesehen hatte, als Jugendlicher mit Träumen so unendlich wie das Universum, als Kadett mit hohen Vorstellungen und noblen Idealen.
    Bird verdrängte diese Gedanken, sie schmerzten jetzt nur noch mehr. Denn im Moment stürzte jede dieser Erinnerungen, jeder Traum, jedes Ideal über ihm ein.
    Sein Leben zerplatzte wie ein Seifenblase.
    Träge verließ er das Quartier und ging zur Leichenhalle, einem kleinen Raum, der neben der Krankenstation lag. Die Krankenstation selbst konnte er nicht betreten. Er hätte nur in jedem Winkel etwas von Doktor Frasier gesehen. Einer der bewundernswertesten Frauen, denen er seit langem begegnet war. Und als er die beiden toten Körper in ihre Kammern beamte, begann er zu weinen.
    Er fühlte sich dem Tod ebenso nahe, wie sein Körper jetzt nur wenige Zentimeter von den toten Körpern von Price und Frasier entfernt war.
    Zusammengekauert saß er in einer Ecke des Raumes und ließ hier seinem Schmerz freien Lauf. Er wusste nicht, wie lang er dort saß, doch dieser Tag war schon lange vorbei, als diesen Raum verließ. Und gleichzeitig wusste er, dass dieser Tag nimmermehr enden würde.

    Tag 18, 0:34 Uhr Bordzeit der U.S.S. Voyager

    Die Monitor verschwand wieder und gab das Hologitter zu erkennen. Bruce Land fiel auf die Knie. Dieser Tag hatte es in sich. Mit Price und Frasiers Tod hatte praktisch alles begonnen. Durch dies wurde alles noch schlimmer. Es folgten Ardevs Tod und danach die brutale Meuterei. Alles umhüllt von Verschwörereien und aufgestauten Emotionen.
    Land war kurz davor in ein tiefes Loch zu fallen. Und er wusste auch, wessen Bild dieses Loch trug. Das dieses Planeten. Dieses furchtbaren Planeten, der alles mit sich in die tiefe Riss. Zuerst die Emotionen, danach das Schiff. Innerhalb dieses Tages würde das Ende der Voyager gekommen sein, wenn sie sich nicht bald für einen Fluchtplan entscheiden würden.
    Beide waren vorbereitet und warteten auf Durchführung.
    In diese Stille erklang die Stimme des Computers: „Nächster Abschnitt des Rekorders der U.S.S. Monitor verfügbar.“
    Land wurde keine Pause gegönnt. „Den Abschnitt laden und starten“, wies er an.
    Um ihn herum baute sich die Monitor damit erneut auf. Was musste er an diesem Tag ertragen müssen?

    Tag 3, 03:52 Uhr Bordzeit der U.S.S. Monitor

    Jozarnay Woils Gesicht wirkte ausgelaugt und eingefallen. Während des letzten Tages hatte er sehr viel an Kraft verloren. Die Arbeit hatte in mehr beansprucht, als er es gewohnt war. Wahrscheinlich hatte die andauernde Dunkelheit den Stress noch verstärkt.
    Zudem belasteten ihn andere Probleme, die er auch in wenigen Minuten beim Offizierstreffen zur Sprache bringen wollte. So ziemlich jedes System war defekt.
    Schleppend wandte er sich von seinem Spiegel ab und ging zum Replikator.
    „Wasser, 10 Grad Celsius.“
    Ein abweisendes Hupen ertönte. „Replikatoren sind offline.“
    „Verdammt!“ Woil schlug wutentbrannt gegen das Gehäuse der immer noch defekten Maschine. Schwer atmend stand er da und versuchte sich zu beruhigen.
    Plötzlich zuckten seine Augen verwirrt umher. Er erinnerte sich an etwas. Gerade eben hatte er ein ihm sehr vertrautes Geräusch gehört.
    Behutsam schlug er noch einmal mit der Handfläche auf die Wand. Wieder hörte ein leises Klacken.
    „Natürlich“, murmelte er und entfernte schnell die Abdeckplatte an der Wand. Hinter ihm kam eine kleine Kiste zum Vorschein – die, wie Land feststellte, unter dem Tricorder und den Werkzeugen lag, mit denen Woil in wenigen Tagen aus seinem Quartier ausbrechen und seine Meuterei beginnen würde – die er schnell öffnete, in dem er seinen Finger auf das Lesegerät legte, das sich auf dessen Oberseite befand. Und noch bevor er nachdenken konnte, griff er in die Kiste, hielt ein Hypospray und eine passende Ampulle in den Händen.
    Schweißtropfen bildeten sich auf seiner Stirn, als er auf seine Hände sah. Langsam schob er die kleine Ampulle mit dem weißen Inhalt und legte das Hypospray an seine Halsschlagader und betätigte den Auslöser.
    Schnell breitete sich das Mittel in seinen Adern aus. Sofort entspannten sich seine Muskeln und Woil war zum ersten Mal seit sie in dieser Anomalie gefangen waren, wieder in der Lage durchzuatmen. Mit wenigen, und geübten Handgriffen verstaute er das Hypospray und die leere Ampulle wieder in der Kiste und setzte die Wandplatte wieder an ihre Stelle.
    Und noch bevor er sein Quartier verlassen hatte, um rechtzeitig in der Messe einzutreffen hatte er die Erinnerung an diese Droge wieder gelöscht.
    Nur um unbewusst gleichzeitig wieder zu planen, wann er es wieder einnehmen musste.
    Es.
    Ketracel Weiß.

    Woil lief mit gemischten Gefühlen durch die Korridore der Monitor. Zwar war es nicht mehr so dunkel wie noch am vorigen Tag, doch immer noch war das Hauptlicht deaktiviert. Was allerdings nur eines der Probleme auf der langen Reparaturliste war.
    Seine Gedanken waren in diesem Moment an ganz anderen Orten. Während er sich in den letzten Stunden nach dem Zustand jedes Systems erkundigt hatte war ihm etwas Besorgniserregendes aufgefallen. Etwas, dass die Anspannung in ihm wachsen ließ. Mit dem Captain hatte er dieses besondere Problem noch nicht erörtert. Irgendwie wirkte der verändert. Als interessiere ihn die Monitor nicht mehr.
    Woil machte eine Kurve und trat durch die Tür zur Messe, die wieder einmal für ein Offizierstreffen herhalten musste. Er war kaum durch die Tür hindurch, als er mit Danny Bird zusammenstieß.
    „Verdammt! Können Sie nicht aufpassen?“, rüffelte Woil lautstark und sah dem Sicherheitschef dabei direkt in die Augen. Seine Muskeln spannten sich und er stellte sich in einen festen Stand um auf alle Eventualitäten gefasst zu sein.
    Bird wirkte im ersten Moment etwas eingeschüchtert, doch er ließ sich von der Schroffheit in dessen Stimme nicht beeindrucken. Sofort streckte er sich und wirkte damit etwas größer wie der Antosianer.
    „Chief. Sie wissen, mit wem Sie sprechen?“
    Der autoritäre Tonfall wirkte. Während der letzten Jahre hatte er sich ganz langsam in Danny Bird gebildet. Und jetzt konnte er ihn perfekt ausspielen. Außerdem schienen in diesem Moment seine Rangpins stärker zu blitzen und zu strahlen als sonst.
    Woil wollte ihm zuerst eine spitze Bemerkung an den Kopf werfen, beließ es dann aber bei einem leisen, jedoch immer noch aggressiv klingenden: „Ja, Sir.“
    „Dann hoffe ich, dass Sie sich nichts getan haben bei unserem kleinen Zusammenstoß.“ Birds Stimme klang schon nicht mehr so autoritär, jedoch immer noch über der Situation erhaben.
    „Nein, danke, Sir“, spuckte der Antosianer aus, immer noch zu allem bereit.
    „Haben Sie ein Problem?“ Price Stimme klang wie eine Störung, mit der beide nicht gerechnet hatten. Natürlich hatte er die dicke Luft zwischen den beiden gespürt und hatte sich verpflichtet gefühlt, einzugreifen.
    „Nein Matt“, antwortete Woil reflexartig und wandte sich dann von ihm und Bird ab.
    Die beiden sahen ihm hinterher ohne richtig zu verstehen, was sich eben abgespielt hatte.
    „Was ist mit ihm?“ Fragte Price schnell.
    „Ich habe eigentlich gehofft, dass Sie mir das beantworten können.“
    Price seufzte. „Selbst mit gefestigten Fähigkeiten sind mir Antosianer immer noch ein Rätsel.“
    „Glaub ich Ihnen gern“, antwortete Bird und setzte sich dann an seinen Platz. Price dachte allerdings noch einmal an Woil. Ein kalter Schauer lief Matt über den Rücken, als er begriff, dass er immer noch die Ruhe in Person war.
    Jozarnay Woil hatte sich in der Zwischenzeit zu seinem Platz begeben. Ihm blieb jedoch nur wenig Zeit, um sich dort zu entspannen. Ardev trat auf ihn zu.
    „Chief, hier sind die Daten, die Sie angefordert haben.“ Ardev überreichte ihm mit diesen Worten das PADD, das er bei sich geführt hatte.
    Zuerst war er wieder etwas zusammengezuckt, doch als er begriff, was Ardev von ihm wollte, entspannte er sich schlagartig wieder. Schnell griff er sich das PADD und ging die Daten durch.
    „Was wollen Sie eigentlich mit diesen Karten?“
    Doch anstatt einen Antwort, sah er nur Woils strahlendes Gesicht. „Danke Lieutenant. Sie sind der Held des Tages.“ Woil hatte die Informationen bekommen, die er erwartet hatte. Eigentlich hätte er nicht lachen sollen, denn diese Infos stützen nur seine These. Doch jetzt hatte er alle Trumpfkarten gegenüber Lewinski im Ärmel.
    Der betrat in diesem Moment auch die Messe und wirkte deutlich entspannter als noch am Tag zuvor. Anscheinend hatte er etwas Schlaf gefunden. „Setzen Sie sich bitte, meine Damen und Herrn, wir haben ein volles Programm.“
    Alle kamen der Aufforderung nach und Lewinski sprach sofort weiter, nachdem alle Konzentration wieder ihm galt. „Meine Damen und Herrn, wir haben wieder ein Problem bravourös gemeistert. Danke Ihnen allen.“ Schnell warf er noch einen Blick in die Runde. Anwesend waren Price, Ardev, Bird, Tellom, Woil und Doktor Frasier, sowie Bruce Land. Es wirkte beinahe wie in den guten, alten Zeiten. Land lächelte, als ihm dieser Gedanke kam. Gleichzeitig konnte er aber weinen. Es würde nie wieder solche Zeiten geben.
    „Und vor allem Mr. Bird, der dies alles ausgearbeitet und durchgeführt hat. Noch ein Mal möchte ich Ihnen ein großes Lob aussprechen.“
    „Danke Sir“, erwiderte Bird stolz.
    „Aber nun zum Status unseres Schiffes. Zuerst, Doktor Frasier, wie geht es der Crew?“
    „Ich habe insgesamt 11 Offiziere wegen leichten Verletzungen behandelt. Fähnrich Rushing hingegen musste ich operieren. Sie erlitt leichte Verbrennungen und hatte einige Glassplitter in ihrem Körper. Aber alle sind schon wieder diensttauglich. Da gibt es nur eine Sache...“
    Lewinski runzelte die Stirn. „Was für eine Sache?“
    „Ich musste vorhin zwei Männer behandeln, die sich geprügelt hatten.“
    „Geprügelt?“, fragte Lewinski nach.
    „Ja Sir.“
    „Was war der Grund?“ Lewinski richtete seinen Blick auch auf Bird, der schließlich als Sicherheitschef für diesen Fall verantwortlich war. Insgeheim fragte er sich, warum man ihn nicht sofort informiert hatte.
    Bird antwortete schließlich. „Ich habe von den beiden noch keine konkrete Antwort erhalten. Im Moment habe ich beide für einen Tag auf ihr Quartier beschränkt und zudem einen Vermerk in ihrer Akte vorgenommen.“
    „Gut, dann hoffen wir, dass das unser größtes Problem bleiben wird.“ Lewinski wandte sich an Woil. „Wenden wir uns einer anderen Patientin zu. Wie geht es dem Schiff, Chief?“
    „Nicht äußerst gut. Durch die hohe Beanspruchung bei unserem Befreiungsversuch wurden viele Systeme beschädigt. Viele Subsysteme laufen nur mit Reserveenergie. Ich schätze, dass wenn alle anpacken, in zwei Tagen alles wieder topp sein wird.“
    „Was bedeutet das? Was muss repariert werden?“, fragte Lewinski nach.
    „Die Energieverteiler, die Langstreckensensoren, teile des Computernetzwerks, die Tarnung, Kommunikationssysteme, Waffensubsysteme. Reicht das vorerst?“, zählte Woil entmutigt auf.
    Lewinski wischte sich schnell auf der Stirn entstandene Schweißtropfen ab. „Sie werden wieder jeden Mann bekommen, den Sie brauchen.“
    „Wir sollten zudem die nächste Sternenbasis anfliegen“, schlug der Chefingenieur vor.
    „In Ordnung. Wie schnell können wir momentan fliegen?“
    „Aufgrund der schwachen Deflektoren und der Schäden am Warptriebwerk nur Warp 3.“
    Resigniert riss Land die Arme in die Höhe und stand auf. Er achtete nicht darauf, dass das Gespräch weiterlief. Schließlich störte er niemanden. „Toll, er hat damit beide Pläne erwähnt.“ Aus Woils Worten ließ sich wieder kein Anzeichen für einen der beiden Pläne heraushören. Gestresst umrundete Land die Versammlung der Führungsoffiziere und beobachtete dabei alle genau.
    Lewinski nickte. „Mr. Price.“
    „Unser Kurs liegt bereits auf die nächste Raumbasis an. Wir werden sie mit dieser Geschwindigkeit in 5 Tagen erreichen“, antwortete der Erste Offizier und Pilot, Matthew Price.
    „Sir, wir werden diese Basis nicht in fünf Tagen erreichen“, warf Woil ein und brachte damit seine These zur Sprache.
    Alle Blicke richteten sich schlagartig auf den Antosianer.
    „Wie meinen Sie das?“
    „Captain, wie ich bereits erwähnt habe, gibt es Schäden am Computer. Und zwar in dem Bereich, der für die Navigation verantwortlich ist. Um es genau auszudrücken: wir fliegen in die falsche Richtung.“
    „Matt?“ Lewinski drehte sich so, dass er wieder zu Price sehen konnte.
    „Nach den Angaben des Computers befinden wir uns im Anflug auf Raumbasis 185. Aber wenn der Navigationscomputer defekt ist, würde ich darauf keine Wetten abschließen.“
    „Ich habe hier den Beweiß.“ Woil hob das PADD, das ihm Ardev besorg hatte. „Nach den astronomischen Karten, müssten wir bei unserem Flug in die Nähe eines Röntgenpulsars gelangen. Jedoch erhalte ich mit keinem Sensorscan Röntgenstrahlen, die ich jetzt eigentlich schon erhalten müsste.“
    „In welcher Entfernung passieren wir den Pulsar?“, erkundigte sich Tellom, die damit zum ersten Mal aktiv an dieser Sitzung teilnahm.
    „16 Lichtjahre.“
    Arena schüttelte den Kopf. „Captain, das bedeutet gar nichts. Es bedarf nur einer kleinen Turbulenz auf der Oberfläche des Pulsars um die Röntgenstrahlen für wenigen Stunden zu schwächen. Bei dieser Entfernung lässt sich darüber nichts eindeutig sagen.“
    „Captain, der Pulsar muss da sein. Laut den Sensoren ist er es nicht!“, bekräftigte Woil noch einmal, wobei er einen etwas missbilligenden Blick zu Tellom warf.
    „Chief, Sie können sich doch genau so irren. Sie selbst haben gesagt, dass die Sensoren defekt sind“, meinte Danny Bird.
    „Aber nicht die der Shuttle.“
    „Ach kommen Sie Chief, Sie wissen genau, dass die niemals für 16 Lichtjahre konzipiert wurden.“ Bird wirkte jetzt selbst etwas fanatisch.
    Woil wandte sich wieder an den Captain. „Sir, wir müssen den Kurs sofort ändern.“
    „Wir ändern den Kurs auf keinen Fall.“
    „Sir, mit jeder verstreichenden Sekunde entfernen wir uns nur noch mehr von Föderationsgebiet. Wenn wir den Kurs nicht sofort ändern...“
    „Chief, wir werden dies beobachten. Und solange die Sensoren nicht wieder voll funktionstüchtig sind, werden wir den Kurs auf keinen Fall ändern. Wer weiß, vielleicht fliegen wir ja wieder direkt in die Anomalie, wenn wir den Kurs ändern. Solange die Sensoren nicht funktionieren, werden wir auf diesem Kurs bleiben, ist das klar?“
    „Das ist ein Fehler!“, brüllte Woil heraus.
    „Das ist ein Befehl.“
    Lewinski war aufgestanden, während er diese Worte gesprochen hatte, was ihn noch mehr Ausdruck verliehen hatte. Land sah dieser Situation fasziniert zu. Er wagte es nicht zu atmen, auch wenn dies natürlich nichts am weiteren Ablauf geändert hätte.
    „Wenn das alles war, machen wir uns wieder an die Arbeit. Es muss einiges repariert werden. Und schlafen Sie alle mal in Ruhe aus.“ Er sah eindringlich in die Runde, musterte dabei Chief Woil ganz genau und versicherte sich davon, dass er es auch mitbekam. „Befehle klar?“
    Price antwortete stellvertretend für alle, in einem ruhigen und ergeben klingenden Tonfall. „Ja Sir.“
    „Dann wär’s das. Wegtreten.“
    Ohne zu zögern standen alle auf und verließen die Offiziersmesse. Auch Lewinski ging schnell wieder, hatte den Blick dabei aber die ganze Zeit auf Woil gerichtet. Wenn er etwas Zeit fand musste er unbedingt mit Price über Woil sprechen. Der Antosianer war natürlich für seine harsche Art bekannt, doch dass er sich so offensichtlich gegen ihn stellte hatte sie alle überrascht, am meisten den Captain selbst. Er vertrat die Ansicht, dass die Führung des Schiffes am Besten über eine solche Runde und ein harmonisches Miteinander funktionierte. Und dass er jetzt gegen Woil sogar auf die Befehlskette hinweisen musste verdeutlichte eine haltlose Missachtung von Woils Disziplin.
    Was ihn am Meisten erschreckte, war die Tatsache, dass sich sein Charakter innerhalb von zwei Tagen radikal geändert hatte. Eben saßen sie noch nebeneinander im Theater und jetzt...
    Es liegt sicher nur am mangelnden Schlaf, redete sich Lewinski ein und begab sich zurück in sein Quartier.
    Die anderen Offiziere hatten kaum Zeit sich mit diesem Vorfall auseinander zusetzen. Es blieb ihnen dafür nur der Weg von der Offiziersmesse zu ihrer Arbeitstation, was für die meisten technischer Dienst bedeutete.
    Woil hatte noch etwas anderes vor, bevor er in den Maschinenraum zurückkehrte. Er fand Price auf dem Korridor zur Krankenstation, die sich direkt neben der Messe befand.
    Während er sich ihm näherte, bemerkte er, dass sich Price mit Doktor Frasier unterhielt.
    „19 Uhr? Mein Quartier?“, fragte Price.
    Elizabeth Frasier lächelte, als er diese Worte aussprach. „Ich freue mich darauf.“
    „Commander Price.“ Woil stand direkt neben den beiden. Auf die Privatsphäre der beiden konnte er im Moment keine Rücksicht nehmen. Es ging schließlich um die Sicherheit des Schiffs.
    Als die beiden Liebenden zu Woil sahen, ging ihr Gesichtsausdruck wieder zu der professionellen Ebene über, die man von Ihnen kannte.
    „Kann ich kurz mit Ihnen sprechen?“, fragte der Chefingenieur fordernd.
    Price nickte und sah zu Frasier. „Wir sehen uns heute Abend.“
    „Ja, bis später“, erwiderte die Ärztin und ließ die beiden Männer stehen.
    „Was gibt es Chief?“
    „Der Captain ist nicht mehr er selbst. Halten Sie ihn auf.“
    Matt sah sich im Korridor um und versicherte sich, dass niemand zuhörte. „Das könnte man von Ihnen auch behaupten.“
    Woil überhörte den Zynismus. „Es ist jedem im Maschinenraum klar, dass wir in die falsche Richtung fliegen, Matt. Ein Blick in die Sternkarten genügt.“
    „Ich bin durchaus bereit Ihnen zu glauben. Doch bisher haben Sie nur Indizien in der Hand.“
    „Wir stoßen mit jeder Minute noch weiter in leeres Territorium vor. Wir werden so nie eine Sternbasis erreichen.“
    „Chief, in zwei Tagen funktioniert alles wieder. Dann können wir immer noch umkehren.“
    „Wir verlieren doch nur unnötig Zeit, Matt. Unsere Energiereserven könnten erschöpft sein, noch bevor wir die Basis erreichen. Und das nur, weil keiner den Mut hat, das Richtige zu tun.“
    Price kniff die Augen zusammen. „Habe ich eben verstanden, was Sie da sagten?“
    „Alle Unteroffiziere und viele Techniker sind bereit, meinen Befehlen zu folgen. Oder auch Ihren...“, antwortete Woil verschwörerisch. „Wir müssen handeln Matt. Jetzt!“
    Wieder sah der Erste Offizier durch die Gänge und traf eine Entscheidung. „Wir werden handeln. Doch gedulden Sie sich noch etwas. Morgen spreche ich mich dem Captain. Ich erwarte, dass keiner ihrer Männer bis dahin eine Dummheit tut. Und ich erwarte, dass Sie mir noch weitere Beweise vorlegen.“
    Woil strahlte bis über beide Ohren. „Aye Sir.“
    Er wollte schon triumphierend gehen, doch Price hielt ihn noch einmal auf.
    „Hören Sie, ich verspreche nichts. Aber ich tue mein Bestes für das Schiff und die gesamte Crew.“
    „Nichts anderes habe ich erwartet.“ Gestärkt mit neuem Selbstbewusstsein ließ Woil Price stehen. Der Ingenieur hatte jetzt ein neues Ass im Ärmel.
    Und der Erste Offizier bildete den seidenen Faden, die Papierwand zwischen Woil und Lewinski.
    Für ihn fühlte es sich an wie die Wahl zwischen Unheil und Rettung.
    Nur wusste er nicht, wer die Rettung bedeutete.

    Die Teller standen noch auf dem Tisch. Auch kein anderes Geschirrteil hatte bisher die Freude gehabt, abgeräumt zu werden. Da die Replikatoren bis auf wenige Ausnahmen immer noch nicht funktionierten, hatte Matthew Price mit den eigenen Händen etwas zubereiten müssen. Das hatte er schon sehr lange nicht mehr getan.
    Und zu seiner Überraschung hatte ihnen das Essen geschmeckt.
    Elizabeth Frasier hatte ihn sogar für die Idee gelobt selbst zu kochen. Dass dies natürlich nur eine Ausnahme war, hatte Price elegant weg gelassen und nur mit einem Lächeln geantwortet.
    Bei dem Lächeln war es natürlich nicht geblieben. Von dem Essen hatten beide nicht viel genommen, von der Nachspeise dafür umso mehr.
    Elizabeth hatte dabei einmal mehr den Einfallsreichtum eines Betazoiden bewundern dürfen. Matt hatte ihren Bauchnabel mit etwas Sahne und einer Kirsche garniert. Allein für dieses Gefühl hatte sich der Besuch gelohnt.
    Und der weitere Abend sollte ihr noch weitere Höhepunkte, dieser und anderer Art, bringen.
    Jetzt gab sie sich aber voll damit zufrieden in Matts Gesicht zu sehen. Im matten Kerzenlicht warf es viele Schatten und erzeugte eine Tiefe und etwas Geheimnisvolles in seinem Gesicht, die Frasier schon seit dem ersten Tag fasziniert hatte.
    Sie wusste nicht, wie lange sie sich schon im Bett gegenüberlagen, doch mit einmal sah sie etwas, dass Price eigentlich fremd war. Er wirkte bekümmert.
    „Was ist mit dir?“, fragte sie leise und strich mit einer Hand über seine Wange, berührte sanft sein Ohr und sein Haar.
    „Ich hatte einen schweren Tag. Und er bricht gerade über mir zusammen“, antwortete er mit einem künstlichen Lächeln.
    „Was ist wirklich? Ich habe dich noch nie so gesehen. So... ängstlich.“
    Erschrocken von ihren Worten sah er direkt in ihre Augen.
    „Ich habe mir da etwas aufgehalst, dass sich vermutlich schon verselbstständigt hat“, gestand er ein, ohne zu viel verraten zu wollen. „Und ich weiß nicht, was ich tun kann. Ob ich überhaupt etwas tun soll.“
    „Aus deinem Mund klingt es, als sprichst du vom Weltuntergang.“
    Price drehte sich auf den Rücken und sah zur Decke, auf der das Kerzenlicht seltsame Formen und Muster bildete. Irgendwie beruhigten sie ihn.
    „Nun, das gesamte Universum wird nicht betroffen sein.“
    Frasier legte sich auf ihren Arm und betrachtete das Profil ihres Geliebten. „Aber?“
    Matt drehte den Kopf um wieder zu ihr zu sehen. „Meine ganze Welt befindet sich in diesem Quartier.“
    Sie antwortete nicht. Sie ließ diesen Satz mehrere Male in ihrem Geiste klingen um sich seiner Tragweite klar zu werden. Um sich klar zu werden, welche Emotion er bedeutete. Plötzlich war ihr klar, dass kein Counselling Seminar sie je auf diese Emotion hätte vorbereiten können.
    „Wenn ich mich dem gesamten Schiff öffne“, fuhr Price fort ohne auf die Träne zu achten, die über Frasiers Wange lief. „Fühlt es sich immer noch so an, als wären wir in dieser Anomalie. Die Gefühle aller sind immer noch so chaotisch. Es ist sogar noch schlimmer geworden.“
    „Für uns aber nicht.“
    Price lächelte, als er zu ihr sah. „Nein, für uns nicht. Aber ich weiß nicht, wie lange diese chaotischen Gefühle noch vor unserer Tür bleiben.“
    Frasier dachte über seine Worte nach. Während der letzten Tage hatte sie einige chaotische Sachen erlebt. Die Prügelei der zwei Offiziere, war nur eines der Beispiele. Zudem hatte sie Crewman T’Ker behandeln müssen. Bei dem Vulkanier war überraschend das Pon Far ausgebrochen. Sie musste die Behandlung noch die nächste Woche konsequent täglich fortführen, damit es für ihn nicht so schlimm wurde. „Solange wir uns haben, kann uns nichts geschehen.“
    Price drehte sich wieder auf die Seite und legte sanft seine Hand auf die von Frasier. „Ja.“ Zart küsste er sie. „Ich liebe dich, Elizabeth. Auf ewig.“
    „Und ich liebe dich, Matt. Auf ewig.“
    Dann küssten sich die beiden wieder und ließen den Tag ausklingen, während sie sich in den Armen lagen und den Herzschlag des jeweils anderen fühlten.

    Die Monitor verschwand und gab erneut das Hologitter frei. Bruce Land taumelte auf eine der Wände zu. Die Welt drehte sich um ihn und er musste sich anstrengen, um Luft zu bekommen.
    Viele Stimmen und Bilder formten sich in seinem Geiste. Die erlebten Tage formten sich zu einem einzigen. Er sah Lewinski, wütend und verzweifelt. Er sah Price, verliebt und verraten. Er sah Woil, willenstark und entschlossen. Und, seltsamerweise, sah er sich. Wie er auf dem Boden des Holodecks lag.

    Als Land erwachte sah er in das Gesicht des MHNs. „Commander Land, hören Sie mich? Wie geht es Ihnen?“
    „Sollten Sie das nicht besser wissen?“, fragte Land noch im Halbschlaf zurück.
    Der Doktor sah ernst zu Chakotay, der auf der anderen Seite des Bettes stand. „Es ist ganz der Alte.“ Mit diesen Worten verließ der Doc die beiden und wandte sich seinem anderen Patienten zu, Danny Bird. Counsellor Kalen befand sich ebenfalls in der Krankenstation. Wie schon während der letzten Tage, hatte er auch diesen wieder damit verbracht, über Bird zu wachen.
    Chakotay half Land vorsichtig auf, bis er an der Bettkante des Biobettes saß.
    „Was ist mir passiert?“, fragte der vorsichtig.
    „Sie haben zu wenig geschlafen und zu wenig gegessen. Das hat sich nun gerächt.“
    Der Erste Offizier nickte. „Schlafen kann ich wieder, wenn die Monitor... wenn die Voyager gerettet ist.“
    „Haben Sie etwas herausgefunden?“, fragte Chakotay sogleich. Der Versprecher interessierte ihn gar nicht.
    Land konnte aber nur enttäuscht den Kopf schütteln. „Ich habe nur erfahren, dass der alternative Plan von Ardev stammte. Ansonsten haben alle immer Systeme erwähnt, die mit beiden Plänen in Verbindung gebracht werden könnten. Allerdings sind wir der Lösung nahe. Ich muss nur noch einen Tag zurück um die Antwort zu finden.“
    „Commander Barclay hat mir eben gemeldet, dass er die Zeit vom Eintreffen des Notrufs bis zu den Ereignissen, die Sie eben erlebt haben, entschlüsselt hat. Er hat mir vorgeschlagen, einfach vorzuspulen, damit er die Antwort gleich hat. Aber ich wollte Ihnen die Wahl lassen.“
    Land überlegte. „Wir haben mit Sicherheit noch etwas Zeit. Ich werde mich beeilen, Sir. Wenn Sie nichts dagegen haben, würde ich das gern zu Ende bringen. Bevor es möglicherweise mit uns zu Ende geht.“
    „Sie sollten sich aber beeilen, ich musste heute schon wieder 10 Besatzungsmitglieder inhaftieren lassen“, Chakotay wirkte sehr gekränkt, als er diese Worte aussprach. Land erinnerte sich an Lewinski, als dieser mit Bird sprach. Er hatte sein eigenes Versagen darauf bezogen, wenn er nicht für jedes Crewmitglied sorgen konnte.
    Zum ersten Mal erkannte Bruce Land, dass auch Chakotays Gefühl für die Crew so tief ging. Wenn nicht noch tiefer. Er fragte sich an dieser Stelle, wie es wohl gewesen sein musste, sieben lange Jahre im Delta Quadranten gefangen gewesen zu sein.
    „Wie geht es dem Schiff?“, fragte er schließlich. Auch in diesem Punkt musste er sich auf den neusten Stand bringen.
    „Die Belastung für die Schilde wird ganz langsam kritisch. Außerdem haben wir immer noch seltsame Fehlfunktionen bei den Kommunikationsanlagen. Aber ohne Sensoren können wir nicht herausfinden, was der Grund dafür ist.“
    „Dann werde ich jetzt wieder aufs Holodeck gehen.“ Land stieg vom Bett herunter und ging schon in Richtung Tür. Auf halbem Weg blieb er stehen und drehte sich nochmals zu Chakotay um. „Sir, jeder Tag unter Ihrem Kommando war mit eine Freude und eine Ehre zugleich. Danke.“ Darauf verließ Land die Krankenstation.
    Chakotay sah ihm fragend hinterher. Er fühlte die Last eines Kommandos auf seinen Schultern liegen, schwer wie Blei. Mochte sich Kathryn so die langen Jahre über gefühlt haben?
    „Haben wir noch eine Chance?“, fragte Chakotay.
    Kalen, der nun zum ersten Mal sprach, antwortete. „Ich habe viel Vertrauen in Commander Land. Und noch mehr vertraue ich Ihnen.“
    „Wissen Sie, wie dies endet?“
    „Ich bin El-Aurianer, kein Seher“, antwortete Kalen diplomatisch. „Und selbst wenn ich es könnte, würde ich mich immer wieder für die Voyager entscheiden.“

    Tag 1, 22:17 Uhr Bordzeit der U.S.S. Monitor

    „Darf ich mich dazusetzen?“
    Elizabeth Frasier wusste sofort, wer sie da bei ihrem Abendessen störte. Mit einem leichten Grinsen sah sie zu ihm hinauf. „Natürlich.“
    Price setzte sich ihr gegenüber. Die Welle an Emotionen, wie Liebe, Vertrauen, Zweifel, Ungewissheit und Angst, die er soeben von ihr empfangen hatte, war so stark und überwältigend gewesen, dass er sich nicht darauf hatte vorbereiten können. Um ehrlich zu sein, wollte er sich auch nicht auf die vorbereiten. Er wollte sie. Er wollte Elizabeth Frasier. Das war ihm jetzt klar.
    Lange Jahre lang hatte er auf solche Gefühle in sich verzichtet. Dadurch war ein kleiner Teil in ihm abgestorben. Doch es hatte nur ein kleines Ereignis gebraucht um dies rückgängig zu machen. Das Lächeln seiner kleinen Tochter Yasmin hatte ihm, wie man auf der Erde sagt, das Herz geöffnet. Und wenn er jetzt in dieses hineinsah, erkannte er die wichtigsten Frauen seines Lebens. Seine Mutter, seine Tochter und Elizabeth Frasier. Und dieser Teil in ihm, der so lange auf Emotionen hatte verzichten müssen, wartete jetzt sehnsüchtig darauf, Gefühle mit jemand anderem zu teilen, sie speziell für den Gegenüber zu entwickeln.
    Vor Frasier stand ein kleiner Teller mit einem gemischten Salat, den sie sich aus den Replikatoren geholt hatte. Er selbst hatte sich da schon mehr gegönnt. Soeben war seine Schicht zu Ende gegangen und jetzt hatte ihn der Kohldampf in die Messe gelockt. Oder hatte ihn vielleicht ein anderes Bedürfnis hierher gelockt? Eine andere Art von Appetit?
    Price wusste keine Antwort und nahm einen Bissen von seinem Essen, einer Nudelpfanne auf „Rigel“-Art. Was das bedeutete wusste er nicht. Er hatte zwar auf dem Rigel schon viel gegessen, doch noch nie eine Nudelpfanne. Mehr und mehr drängte sich ihm der Gedanke auf, dass diese Typenbezeichnungen von irgendwelchen gelangweilten Sternenflotten Programmierern auf der Erde vergeben wurde, die noch nie im Leben einen Fuß auf den Rigel gesetzt hatten. Doch alles in allem schmeckte sein Essen doch recht gut.
    „Wie war dein Tag?“ fragte die Doktorin. Weniger aus Interesse als aus Höflichkeit.
    „Wie wär’s mit Essen?“, antwortete Price und sah praktisch das Fragezeichen, dass sich soeben in der Ärztin bildete. Manchmal konnte seine neu geschärfte Empathie auch eine Art Fluch sein.
    „Danke, ich habe etwas“, brachte sie auf ihren Teller deutend hervor, ohne zu wissen, ob er das hören wollte.
    „Ach, ich meine es nicht so. Ich meine... Morgen Abend. Mein Quartier. Kein Replikatoressen. Ich habe noch etwas Frisches im Lager.“
    Frasiers Augen glänzten. Aber – sie wollte es sich ja nicht zugestehen, weil es sehr kindisch klang – so süß war sie noch nie zum Essen eingeladen worden. Vorsichtig hob sie ihren linken Arm an ihre linke Wange um festzustellen, ob sie vielleicht schon rot geworden war. Erst als sie die Hand schon oben hatte fiel ihr wieder ein, dass das eigentlich unsinnig war. Price spürte diesen Zustand wahrscheinlich überdeutlich.
    „Ich weiß nicht“, antwortete sie unsicher.
    „Komm“, bat er sie beinahe flehend. „Es ist nur ein Essen. Ohne Zwänge und Erwartungen.“
    Sie sah in seine Augen und wusste, wieso sie sich in ihn verliebt hatte. „Wenn das so ist, komme ich liebend gern“, antwortete sie, so zärtlich wie es ihr möglich war.
    „Gut“, kommentierte Price fröhlich und aß schnell noch etwas von seiner Nudelpfanne. Er strahlte bis über beide Ohren und sah dabei immer wieder zu seiner Liebsten, mit einem Glitzern in seinen schwarzen Augen auf, dass wie die Mikroausgabe eines Universums aussah.
    Beide vergasen beinahe die Unruhe um sie herum, als diese wirklich abbrach. Frasier musste er zur Tür sehen um den Grund zu erfahren. Price hatte Lewinskis Autorität und Woils Kühle natürlich schon gespürt, bevor beide den Raum betreten hatten.
    Der Umstand an sich wäre nicht außergewöhnlich, wenn da nicht ihre Bekleidung gewesen wäre. Beide trugen edle Anzüge aus dem irdischen neunzehnten Jahrhundert, mit den passenden Hüten. Der Anzug stand Lewinski zweifellos, doch Woil sah in ihm unpassend aus.
    In letzte Zeit hatte Lewinski ein neues Hobby entwickelt. Das Theater. Genauer gesagt, das klassische Theater. Und nun sah er sich immer wieder solche Theaterstücke auf dem Holodeck an. Dass ihn aber ausgerechnet Woil begleitete überraschte wohl alle. Price beschloss, später beim Chief nachzuhaken um den Grund zu erfahren.
    Lewinski trat an den Replikator und bestellte sich ein Glas Wasser. Dann wandte er sich aber wieder zu Woil.
    „Ich weiß nicht, wie Sie dieses Stück nicht verstehen können Chief. Es ist das klassischste aller irdischen Gesichten.“
    Woil nickte. „Das mag stimmen. Aber es ergibt keinen Sinn. Die religiösen Beziehungen sind vorhersehbar und keineswegs sehr einfallsreich.“
    „Goethe war der Erste, der den Mensch in eine Beziehung zu dem Teufel stellte. Er thematisiert wie einfach es ist, dem Bösen zu verfallen.“
    „Vorausgesetzt, man glaubt an die Existenz eines Teufels.“
    Lewinski legte seine Stirn in Falten. „Soll das heißen, dass Ihnen das Prinzips eines Teufels unbekannt ist?“
    „Es ist mir nicht unbekannt. Nur sehe ich meinen Gott als etwas anderes an, als die Menschen dies tun. Mein Gott steckt überall und in jedem. Wo bleibt dort noch Platz für einen Teufel?“
    „Das ist es ja. Der Teufel entsteht, wenn man sich nicht von Gott leiten lässt.“
    „Ich dachte, die Menschen hätten ebenfalls einen barmherzigen Gott, der sie vor allem Unheil bewahrt.“ Woil blickte wirklich sehr verdutzt zu Lewinski. Er verstand die Analogien in diesem Werk wirklich nicht. Vielleicht war das Werk aufgrund seines Alters wirklich schon zu weit von etwas allgemein verständlichem entfernt. Obwohl „Faust“ schon in den Grundschulen der Erde thematisiert und analysiert wird.
    Der Captain sah keinen anderen Ausweg als zu kapitulieren. Er überlegte, Woil auch den zweiten Teil von Faust zu zeigen. So sollte ihm die ganze Handlung aber wirklich klar werden.
    Seufzend sah Lewinski zur Decke und hoffte auf Rettung.
    „Ardev an Lewinski“, ertönte es plötzlich aus der Interkom und Lewinski sandte ein Dankesgebet an alle Götter, die über ihn wachten.
    „Hier Lewinski“, antwortete er schnell.
    „Wir empfangen einen Notruf. Es stammt aus einem nicht kartographisierten System“, berichtete Ardev schnell.
    „Setzen Sie einen Kurs, ich bin gleich auf der Brücke.“
    „Aye Sir.“
    „Lewinski Ende.“ Als der Kanal geschlossen war, wandte er sich wieder an Woil. „Danke, dass Sie mich begleitet haben. Das war eine... einmalige Erfahrung.“
    „Es war auch für mich einen einmalige Erfahrung. So kann ich zumindest mehr über die Vorgeschichte der Menschen erfahren. Und das noch in gemütlicher Runde.“
    „Wenn Sie wollen, nächste Woche will ich mir Die Physiker ansehen.“ Während Lewinski diese Worte sprach, trat er langsam wieder nach draußen auf den Korridor.
    „Um was geht es denn in diesem Stück?“
    „Keine Sorge, das Stück wird Ihnen gefallen. Es handelt von den Motivationen des menschlichen Geistes, sowie den Abgründen, in die sich Menschen selbst bringen.“

    Tag 2, 03:47 Uhr Bordzeit der U.S.S. Monitor

    Die Monitor erreichte die Quelle des Notrufs nur wenige Stunden später. Es stammte vom einzigen Planeten seines Systems, der sich nun vor der Monitor drehte. In den prächtigsten Farben präsentierte er sich der Monitor.
    Auf der Brücke legten alle kurz ihre Arbeit zur Seite und richteten einen Blick auf den Planeten. Lewinski hörte um sich herum ein paar Mal „Oh, wunderschön“, doch blieben diese Bemerkungen immer leise und diskret.
    „Mr. Bird, empfangen Sie den Notruf noch immer?“, fragte der Captain.
    „Ja Sir. Es ist ein automatisches Notsignal. Es stammt von der Oberfläche des Planeten. Ich kann die Quelle noch nicht genau orten. Wir müssen in einen niedrigeren Orbit schwenken. Südliche Hemisphäre“, antwortete Bird schnell.
    „Antworten noch immer niemand auf unsere Rufe?“, fragte er bei Bird nach.
    „Nein Sir.“
    „Vielleicht können Sie das Aufgrund der Störungen in der Atmosphäre nicht. Oder ihr Kom-System ist defekt“, mutmaßte Price, der die Monitor inzwischen in einen tieferen Orbit flog.
    „Was können Sie mir über den Planeten sagen?“, fragte Lewinski Ardev.
    Der sah angestrengt auf seine Instrumente. „Ich weiß es nicht... Ich kann die Störung noch nicht genau bestimmen. Und auch von der Oberfläche bekomme ich seltsame Daten. Ich kann nicht mit Bestimmtheit sagen, ob dieser Planet überhaupt bewohnbar ist. Aber nach all dem konfusen Zeug, dass hier über meine Bildschirme läuft...“
    Ardev stockte plötzlich, als das Licht in seinen Konsolen zu flackern begann. Verwundert sah er sich um und bemerkte, dass es allen so ging. Auch das Hauptlicht flackerte und damit die Hauptenergie.
    Sofort erreichten den Captain Statusmeldungen von allen Stationen.
    „Hauptenergie wird abgezogen“, berichtete Ardevs Frau Arena von der anderen Seite der Brücke.
    „Keine Kontrolle über Navigation“, lauteten Price Worte.
    „Keine Kontrolle der taktischen Systeme“, so Bird.
    Aus den ersten Konsolen sprühten plötzlich Funken und ließen Qualm entströmen.
    „Ich verliere alle Sensoren, Deflektoren und Subsysteme“, erklärte schließlich auch Ardev. „Ich versuche die Reservesysteme zu starten...“
    Er hatte die Worte kaum ausgesprochen, als die Brücke der Monitor auch schon im kompletten Dunkel lag. Nicht ein Licht brannte mehr und man konnte den Captain seufzen hören.
    Allein die Tatsache, dass man dieses Geräusch hören konnte verriet ihnen noch etwas. Wirklich jede Energie war weg. Nicht einmal mehr der Warpkern war in Betrieb, was man sonst an einem leisen Summ Ton erahnen konnte. Doch jetzt.
    Absolute Stille.
    Es dauerte aber nur wenige Sekunden, bis Matthew Price die erste Handlampe aktivierte. „Matthew Price, Held des Tages. Geht es Ihnen allen gut?“ Schnell sah er sich auf der Brücke um. Alle nickten. Und auch seelisch schien es Ihnen gut zu gehen. Natürlich empfanden Sie alle einen gewissen Grad an Panik, doch sie hatten schon schlimmeres gemeistert. Immerhin wurden sie nicht von einem Borg Kubus oder Breen Angriffskreuzer bedroht.
    Lewinski ließ zudem keine Angst aufkommen und beschäftigte sie alle mit Arbeit.
    „Danny, gehen Sie in den Maschinenraum, ich will einen Bericht. Arena, sehen Sie nach Verletzten auf dem Schiff, nehmen Sie sich dafür Verstärkung mit, soviel Sie brauchen. Verteilen Sie Lampen, Decken, was immer gebraucht wird.“ Er wartete kurz, bis Arena nickte und sich drei weitere Junioroffiziere, die sich gerade auf der Brücke befanden, mitnahm. Dann stellet er fest, wer sonst noch da war. Neben ihm selbst nur noch Price und Ardev.
    „Was ist da eben passiert Mr. Ardev?“
    „Ich weiß es nicht Sir. Offenbar ist der Planet an sich eine Anomalie, der noch nie ein Föderationsschiff begegnet ist. So weit ich weiß war in diesem System vor uns auch noch kein Föderationsschiff.“
    „Diesem Planeten werden wir aber in Recht kurzer Zeit sehr Nahe kommen. Ich war gerade noch auf einem leichten Sinkflug“, ergänzte Price.
    „Wann wird es dann heikel für das Schiff?“, fragte Lewinski nach.
    „Wen sich an der Fluglage nichts geändert hat etwa 11 Stunden.“ Price versuchte, so neutral wie möglich zu klingen. Doch es gelang ihm nicht sehr gut.
    „Dann werden wir noch angestrengter versuchen, die Notenergie zu aktivieren“, erklärte Lewinski und lehnte sich auf seinem Stuhl zurück. Sein Schiff in einem solchen Dunkel zu sehen erschreckte ihn. Mehr, als er den anderen zugeben konnte.

    „Chief Woil, was können Sie mir sagen?“ Lewinski stand mit allen anderen Führungsoffizieren im vollkommen dusteren Maschinenraum. Hier und dort standen kleine Lampen und erhellten den Technikern ihre Arbeitsplätze. Wie alle sehen konnte, wurde überall hektisch gearbeitet.
    Immer noch herrschte gespenstische Stille.
    „Uns wurde durch diese Anomalie die gesamte Energie entzogen. Ich habe keine Ahnung wieso. Die Auswirkungen waren auf jeden Fall fatal. Alle Energieverteiler müssen ausgetauscht werden. Aus diesem Grund läuft die Lebenserhaltung auch nur auf Notniveau. Ansonsten läuft kein einziges System mehr.“
    „Wann haben Sie alle Systeme wieder betriebsbereit?“, fragte Lewinski.
    „In etwa 4 Stunden sollten sie wieder betriebsbereit sein, aber ob sie dann funktionieren...“
    „Wir brauchen auf jeden Fall einen Fluchtplan. In etwa 8 Stunden wird die Monitor in die Atmosphäre des Planeten eindringen und abstürzen.“
    Schockiert hörten die Zuhörer diese Worte. Als genügte es nicht, dass kein System mehr funktioniert drohte ihnen nun auch so das absolute Ende.
    „Die Frage ist jetzt also, wie kommen wir hier raus. Und funktioniert die Energie wieder, wenn wir die Systeme repariert haben?“ Lewinski sah zu seinen Offizieren, besonders zu Ardev.
    „Es ist schwer zu sagen. Die Lampen hier funktionieren nur, da sie einen biologischen Brennstoff haben. Wenn wir jedoch versuchen, einen Tricorder einzusetzen wird auch dem die Energie abgezogen. Allerdings erst nach etwa 10 bis 20 Sekunden.“ Er wandte seinen Blick auf den Warpkern, der im völligen Dunkel hinter Ihnen lag. „Da uns hier mehr Energie zur Verfügung steht, dürften wir viel länger Warpenergie zur Verfügung haben. Rein theoretisch.“ Ardev sah durch die Runde. Er versuchte sich an all die Phänomene zu erinnern, die in der Lage waren, Energie abzuziehen. Bisher hatten aber die meisten Wissenschaftsoffiziere gewusst, was ihnen denn die Energie abzog. Ob es nun ein Relikt aus einem lang vergessen Krieg war oder eine planetare Schutzanlage eines lang vergessenen Raumreiches. Doch er sah keinen Zusammenhang zu einem der ihm bekannten Fälle mit diesem momentanen Phänomen.
    Lewinski sah kurz zu Boden und überdachte die Situation. Dann sah er wieder in die Runde, direkt zu Doktor Frasier. „Kümmern wir uns erst mal um das, was wir wissen. Gab es Verletzte Doktor?“
    „Nur einige Leichtverletzte, die sich in der Dunkelheit irgendwo angestoßen haben.“ Sie rieb sich an ihrem Knie. „Ich war eine von denen. Ansonsten ist meine Krankenstation leer.“
    „Wenigstens etwas Gutes.“ Lewinski sah wieder im Raum umher. „Welche Möglichkeiten bieten sich uns jetzt?“
    „Egal was wir machen. Wir werden nur einen Versuch haben.“ Woil sah zu Lewinski. „Wenn ich die Energie reaktiviere und wir noch einmal dieser Anomalie zum Opfer fallen, weiß ich nicht, ob wir noch einmal Kräfte mobilisieren können.“
    „Ich will Pläne. In spätestens einer Stunde sollen sie auf meinem Tisch liegen.“ Eindringlich begutachtete er jeden. „Nehmen Sie sich, wen sie brauchen Mr. Woil, ich will das Schiff so schnell wie möglich wieder einsatzbereit haben. Dann an die Arbeit. Wegtreten.“
    Das letzte Wort musste nicht einmal scharf klingen um seine Wirkung zu entfalten. Er hatte es mehr geraunt. Trotzdem wirkte es wie ein Schrei in der Ruhe des Maschinenraums. Seine Offiziere gingen wieder an ihre Stationen. Nur Price verweilte noch einen Moment bei seinem Captain.
    Er spürte den Kampf in seinem Innern genau. Der Tod seines Vaters lag zwar nun schon einige Monate zurück, doch wirklich aufarbeiten konnte man ein solches Problem hier nicht. Irgendwie wollte er ihm helfen. Doch er wusste ebenso genau, dass er ihm nicht helfen konnte. Er musste auf seinen entscheidenden Moment warten.

    Eine Stunde später betrat Price Lewinskis Bereitschaftsraum. Im Lichte der einzigen Lampe erschien ihm der Raum noch kleiner, als er sonst schon war. Und Lewinskis Last schien den gesamten Raum auszufüllen.
    Bruce Land hatte sich an eine Wand gelehnt. Er wusste, dass jetzt der Moment der Erkenntnis nahe war.
    „Setzen Sie sich Mr. Price“, begann der Captain und deutete müde auf den Stuhl vor seinem Tisch. Auf dem Tisch selbst lagen zwei kleine Papierstapel. Offenbar die möglichen Optionen.
    Ohne zu Zögern setzte sich sein erster Offizier.
    „Zuerst einmal, wie geht es der Mannschaft?“
    Price war von dieser Frage nicht überrascht. Er hatte sogar schon auf dem Weg im Geiste einige Punkte notiert, die er zur Sprache bringen wollte.
    „Die Crew ist im Moment noch gefasst. Alle machen ihre Arbeit. Auch wenn die düstere Stimmung auf das Gemüt aller schlägt. Sie sind sich alle bewusst, dass uns der Tod drohen könnte. Entweder stürzen wir auf den Planeten oder ersticken hier drin.“
    „Aber?“ Lewinski gab sich mit dieser Antwort noch nicht zufrieden.
    „Aber... Ich empfange einige seltsame Empfindungen. Offenbar schlummert in allen Paranoia. Ich kann sie praktisch schon greifen. Als verstecke sie sich nur hinter einem dünnen Vorhang um darauf zu warten, sich im günstigsten Zeitpunkt auf uns zu stürzen.“
    „Ist das nicht normal?“
    In Prince Stirn zeigten sich deutlich die Falten der Anstrengung. Ruhig und klar sah er in Lewinskis Augen. „Das ist es ja. Eigentlich schon. Und auch wieder nicht. Sehen Sie mich an...“ Er ließ Lewinski einen Moment Zeit, damit er sich seinen wichtigsten Mann an Bord ansehen konnte.
    „Sollte etwas mit Ihnen sein?“ Lewinski verstand nicht, auf was Price hinaus wollte.
    „Ich sollte durchdrehen wegen des ganzen Stresses, der ganzen Angst, die ich spüre. Doch ich bin die Ruhe in Person. Ich mache nicht einmal den Versuch, meine Selbst vor den ganzen Gefühlen abzuschirmen Skipper.“
    „Wollen Sie andeuten, dass diese Anomalie auch einen Einfluss auf uns hat?“
    „Das denke ich. Und ich will nicht wissen, was diese Anomalie alles bewirken kann.“
    Land seufzte. Leider konnte er Price nicht sagen, wie Recht er doch hatte.
    Lewinski sah erschrocken zu den beiden Konzepten, die vor ihm auf dem Tisch lagen. Er räusperte sich kurz und begann dann auf sie einzugehen. „Mr. Bird und Mr. Ardev haben mir je einen Vorschlag gemacht, uns aus dieser Anomalie zu befreien. Mr. Ardev geht davon aus, dass diese Anomalie, egal wie geartet sie ist, etwa 30 Sekunden braucht, um uns die neu aufgebaute Energie wieder zu entziehen. Er schlägt vor, alle Energie in den Warpantrieb zu stecken um einen Warpblitz einzuleiten. Nach seinen Berechnungen der Raumkrümmung der Anomalie würde ein Warpblitz, der der Warpstufe 7 entspricht, ausreichen um uns aus der Anomalie zu fliegen, bevor die wiederum in der Lage ist, uns die Energie abzuziehen.“
    Price überlegte. „Klingt plausibel, was schlägt Bird vor?“
    „Er ist dafür, mit dem Deflektor eine Überladung der Anomalie herbeizuführen. Ein gebündelter Tachyonstrahl im Deflektorfeld sollte die Anomalie lange genug zerstreuen, um uns aus ihrem Einflussbereich zu fliegen. Selbst wenn wir nur Manövriertriebwerke zur Verfügung haben.“
    Land schrie auf. „Ihr nahmt den Tachyonstrahl. Danke Sir.“ Ihm kam dann aber ein anderer Gedanke in den Sinn. Er achtete gar nicht auf das weiterlaufende Gespräch, sondern dachte einfach laut. „Aber ein Tachyonstrahl, gemixt mit dieser Anomalie... Daraus könnten sich viele unbekannte Nebenwirkungen ergeben.“
    „Klingt ebenso plausibel. Wo sind die Haken?“
    Lewinski lehnte sich zurück. „Die Deflektoren brauchen einige Sekunden um einen Tachyonstrahl aufzubauen, der die nötige Intensität hat um die Anomalie aufzulösen. Das Problem liegt im Timing. Wir dürften uns nicht den kleinsten Fehler erlauben.“
    „Und da wir wenig über die Anomalie wissen...“, begann Price.
    „...lässt uns Mr. Ardevs Plan etwas mehr Raum zum Atmen“, vollendete Lewinski den Satz und sah zu Price. Der rieb sich die Augen und blickte anschließend müde zu seinem Captain. „Wir müssen aber auch bedenken, dass die Warpspulen so überladen wurden, dass es nach Chief Woils Angaben sogar fraglich ist, ob wir die Warpschwelle schaffen, geschweige davon Warp 7.“
    „Dann nehmen wir Birds Plan und hoffen, dass Woil wenigsten eine niedrige Warpstufe für uns bereithalten kann.“ Lewinski ballte seine Hand zu einer Faust und schlug mit ihr schlagartig und unerwartet auf den Schreibtisch. „Ich will schleunigst weg von diesem verdammten Planeten. Wieso müssen wir auch jedem verdammten Natruf hinterher fliegen. Als hätten wir keine anderen Aufträge und die Föderation nicht andere Probleme als das Universum vor sich selbst zu retten. Wissen Sie eigentlich, dass wir mit angenommenen Notrufen eigentlich auch schon die oberste Direktive verletzen?“
    Price versuchte Lewinskis Wortschwall zu unterbinden, jedoch war der Captain in Hochform und nicht zu stoppen.
    „Wer gibt uns das Recht, bei Notrufen einzugreifen? Wenn Sie von Föderationsschiffen oder anderen hoch entwickelten Spezies sind, OK. Aber wenn Sie von irgendeinem x-beliebigen Planeten stammen stören wir damit doch nur die natürlich Entwicklung, die Auslese der Evolution.“
    „Captain!“, Price musste schreien, um zu Wort zu kommen. „Es bringt jetzt auch nichts in Selbstmitleid zu baden. Wir müssen uns für einen Plan entscheiden und dann auf diese hin arbeiten.“
    Lewinski starrte fassungslos in die Augen seines Ersten Offiziers. Er konnte nicht glauben, in welcher Stimmung er war und wie er sich fühlte. Offenbar hatte die Anomalie einen noch größeren Einfluss auf sie, als er bisher gedacht hatte. „Sie haben Recht. Wir müssen jetzt alle Anstrengungen bündeln.“ Er atmete noch einmal tief durch und gab dann die entscheidenden Befehle. „Bereiten Sie also Birds Plan vor. Ich werde hier bleiben und mich etwas ausruhen. Sagen Sie mir bescheid... Ach, Sie wissen, was zu tun ist.“ Mit einem Wink bedeutete er Price den Bereitschaftsraum zu verlassen.
    Ruhig stand Price auf. Und gleichzeitig wunderte er sich wieso er das tat. Er spürte soviel Stress und Angst bei Lewinski, dass sie ansteckend wirken müsste, doch sie tat es nicht.
    Price legte seine Hand auf den manuellen Türöffner und öffnete die Tür einige Zentimeter. Auf dem Korridor war es noch dunkler als im Bereitschaftsraum des Captains. Nur an vereinzelten Punkten waren Lampen aufgestellt worden.
    Price sah noch einmal zu Lewinski. Das einzige, dass ihn etwas beunruhigte war, dass es ihn nicht beunruhigte, Lewinski als das Häufchen elend zu sehen, das er im Moment war.
    Auch Bruce Land verließ den Bereitschaftsraum, jedoch war sein Ziel eine andere Brücke.
    „Computer: Ausgang“, wies er das automatische System an, wodurch sich ihm sofort der Ausgang zeigte. „Land an Chakotay, die Monitor Crew hat sich mit dem Tachyonstrahl befreit.“
    „Verstanden Commander, gute Arbeit.“
    „Ich bin schon auf dem Weg zur Brücke, Land Ende“, antwortete er, als er auch schon den Turbolift betrat. Er hatte keine Zeit mehr dazu gehabt, die Wiedergabe auf dem Holodeck anzuhalten. Sie lief ungestört weiter...

    ...auf der Brücke der Monitor war in diesen Momenten mehr los, als bei einer Generalüberholung. Überall arbeiteten Techniker, Sicherheitsoffiziere, Piloten an geöffneten Abdeckplatten um die Systeme des Schiffes auf ihre Rettung vorzubereiten.
    Auch im Maschinenraum wurde hektisch gearbeitet. Die Zeit lief gegen sie. Die Reparaturen hatten länger gedauert als erwartet. Und die Monitor sank ihrem Tod entgegen.
    Immer noch lag die Monitor in der Unheil verkündenden Schwärze, die ihr von der Anomalie beschert wurde und nichts deutete im Moment darauf hin, dass dies jemals anders sein sollte.
    Doch die Hoffnung schwoll in allen Crewmitgliedern an. Price spürte diese Empfindung ganz genau. Aber er spürte auch die Depression und Paranoia in den Köpfen der Mannschaft.
    Jeder von Ihnen hatte schließlich die letzten 24 Stunden durchgearbeitet. Die erste Müdigkeitswelle brach somit über das Schiff herein. Auch wenn jeder Offizier an harte Situationen und viel Stress gewöhnt war, ja sogar ausgebildet war, dieses auszuhalten, war es dieses Mal anders.
    Der erste Offizier des Raumschiffs Monitor war froh, dass es so gut wie keine Fenster an Bord des Schiffes gab. Einerseits war er zwar neugierig darauf, die Anomalie und den Planeten zu sehen, doch andererseits fühlte er sie schon übermächtig in seinem Nacken. Als wäre sie ein getarnter Jem’Hadar, der nur darauf wartete, zuzupacken.
    Und wie in jedem Moment des letzten Tages war Matthew Price völlig entspannt.
    Mit einem letzten Handgriff beendete er gerade seine Montagearbeiten und verschloss die Arbeitsstelle wieder mit einer Abdeckplatte. Wie aus einem Reflex heraus lehnte er sich einen Moment an die Wand und starrte in den dunklen Korridor. Es war vollkommen verständlich, dass es viele Offiziere mit der Angst bekamen. Das wenige Licht verstärkte dieses Gefühl regelrecht. Wer von Ihnen konnte schon behaupten zu wissen, ob nicht irgendeine außerirdische Präsenz an Bord war, die gerade daran arbeitete das Schiff zu übernehmen?
    Price kannte die Antwort. Wenn die Fremden Wesen, sofern es welche gab, auch Gefühle hatten wie die meisten Humanoiden, konnte er sie wahrnehmen. Für einen kurzen Moment schloss er seine Augen, blendete die Mannschaft der Monitor aus und öffnete sich ganz dem Umfeld der Monitor.
    Doch er empfang gar nichts.
    Auch vom Planeten empfing er nichts das Geringste.
    Er benötigte nur einen Sekundenbruchteil um wieder ins Hier und Jetzt zurückzukehren. Und die erste „Stimme“, die er wieder vernahm war die von Elizabeth Frasier.
    Einen kleinen Moment lang schien nur sie wirklich präsent zu sein. Schien sie das einzige Wesen zu sein, um das sich alle Sterne drehten.
    Matthew Price wurde richtig Wohl bei diesem Gedanken. Ihm kam in den Sinn, dass sie sich zum Essen verabredet hatten. Morgen Abend. Glück durchströmte seinen Körper, als er daran dachte.
    Doch dazu mussten sie erst einmal aus dieser Anomalie heraus. Und wenn ihn sein Zeitgefühl nicht vollkommen im Stich ließ müsste dieser Moment bald gekommen sein.
    Schnell schnappte er sich seine Lampe und ging den Korridor entlang, bis er die Brücke erreichte.
    Auf ihr herrschte ein so lauter Lärmpegel, dass man hätte schreien müssen, um sich Gehör zu verschaffen. Also ließ es Price, wenn es nicht nötig war.
    Außerdem verließen mit jeder verstreichender Sekunde mehr und mehr Techniker das Kontrollzentrum des Schiffes. Offenbar näherten sich auch hier die Arbeiten einem Ende.
    Und schlagartig kehrte Ruhe ein, als John Lewinski die Brücke betrat. Er wirkte immer noch müde und abgekämpft. Offenbar hatte er nicht so viel Schlaf bekommen, wie er es sich erhofft hatte. Doch sein Blick war wie immer konzentriert und fokussiert.
    Nichts sollte ihn jetzt daran hindern dieses Schiff aus seiner Misere zu fliegen.
    Ein kurzer Blick reichte Price aus um über die nächsten Schritte Bescheid zu wissen. Nickend nahm er sie zur Kenntnis.
    „Alle Mann auf ihre Stationen!“, schrie er einmal quer durch die Brücke und sofort setzten sich alle an ihren Platz oder verließen die Brücke. Auch Price setzte sich an seinen Platz, die Navigationsstation.
    Lewinski wandte sich an Bird, der aufgeregt an der Taktik stand. „Mr. Bird, die Hauptenergie wird in wenigen Momenten reaktiviert. Da sie über den Plan am besten Bescheid wissen, übergebe ich Ihnen die Kontrolle über das Schiff, bis wir die Anomalie verlassen haben.“ Dann richtete er seine Worte an alle auf der Brücke. „Timing ist das Schlüsselwort. Also lassen sie uns keine Zeit vertrödeln mit irgendwelchen Formalitäten. Sobald Mr. Bird sagt, dass es losgeht, geht es auch los.“
    Lewinski vernahm bestätigende Worte von allen Männern und Frauen auf der Brücke.
    „Captain ich bin bereit die Mission zu beginnen“, erklärte Danny Bird. Sein Blick war in diesem Moment so ernst wie noch nie in seinem Leben. Jetzt zählte alles. Die ganzen harten Jahre der Ausbildung, sein ganzer Erfahrungsschatz würden jetzt in die Waagschale geworfen werden.
    Zweifel ließ er nicht im Geringsten zu.
    „Dann läuft jetzt alles nach ihren Befehlen Mr. Bird.“
    Lewinski hatte kaum ausgesprochen, als ein Summen den Raum erfüllte. Die Brücke erwachte wieder zu Leben. Die ersten Bildschirme zeigten wieder die vertrauten Konsolen an. Auch das Hauptlicht kehrte zurück und blendetet erst einmal alle. Doch Bird ließ sich davon nicht abhalten und kniff die Augen zusammen. Er konnte den Plan auch blind durchführen.
    „Ardev, Arena, los“, befahl er knapp. Beide wussten natürlich, was sie zu tun hatten.
    „Deflektor ist bereit und geladen“, meldete Arena, nachdem sie einige Befehle in ihre Diagnose eingetippt hatte. Auch Ardev und Bird arbeiteten angestrengt.
    „Deflektorschild voll geladen und stabil.“ Ardev hatte diese Worte kaum ausgesprochen, als alle Systeme wieder mit Energie versorgt waren. Die Offiziere, die im Moment auf der Brücke waren und nichts zu tun hatten sahen sich verwundert um und richteten ihre Konzentration ganz auf Danny Bird.
    Alle bis auf die beiden Kommandanten des Schiffes. Lewinski blickte starr zu Boden. Und Price gab einen Fluchtkurs in den Computer ein.
    „Aktiviere Tachyonstrahl.“
    Im Anschluss an diese Worte war ein lautes Pfeifen zu hören, das beinahe unerträglich war.
    Der Tachyonstrahl funktionierte. Langsam verteilte er sich im Deflektorfeld um die Monitor.
    Doch die Freude hielt nicht lange. Denn das Licht und alle Anzeigen auf den Konsolen begannen schon wieder zu flackern.
    „Hauptenergie wird erneut entzogen“, berichtete Arena Tellom aufgeregt.
    Lewinski drehte sich sofort zu Bird um.
    Der bemerkte den strengen Blick seinen Captains. „Gleich Sir.“
    Das Pfeifen verstärkte sich noch einmal. Aber auch die Fluktuationen.
    Mit Tunnelblick und einem Puls in der 200er Gegend gab Bird neue Angaben in seine Konsole ein.
    Leise hörte man ihn Flüche murmeln. Doch noch war die Hoffnung in ihm größer als alles andere.
    Plötzlich stoben erneut Funken aus verschiedenen Energieverteilern auf der Brücke. Und auch sonst waren die Vibrationen von kleineren Explosionen an Bord zu spüren.
    Die Indikatoren des Roten Alarms begannen zu blinken, als sich die Brücke erneut mit Rauch füllte.
    Price sah zu Ardev. Von ihm spürte er überdeutlich eine riesige Welle Resignation. Und tatsächlich sah er, wie Ardev den Kopf schüttelte. „Deflektorfeld beginnt zu versagen.“
    Er wusste nicht, ob Bird diese Worte überhaupt verstanden hatte, doch das war auch nicht weiter wichtig.
    Im selben Moment endeten das Pfeifen des Tachyonstrahls und das Summen von Explosionen.
    Nach einem kurzen Moment der Verwirrung sahen alle schon beinahe andächtig zu Danny Bird, der den Verwirrtesten Gesichtsausdruck von allen hatte. Sofort sah der aber hinunter zu seinen Anzeigen.
    „Die Anomalie hat sich aufgelöst“, rief er mit einem Grinsen im Gesicht.
    „Bestätige! Keine Anomalie mehr vorhanden.“ Sofort richtete sich die Aufmerksamkeit auf Tellom, bis es auch jeder verstand.
    Lewinski handelte als Erster. „Commander Price. Weg hier. So schnell wie’s geht.“
    „Aye Sir.“ Price ließ sich dies nicht zweimal sagen und aktivierte den Warpantrieb. Und war glücklicher denn je zuvor, als er das Subraumfeld und die Vibrationen des Antriebs unter seinen Füßen spürte.
    Schnell drehte er sich zur Brückenmitte um. „Wir sind im Warp“, bestätigte er knapp und sah, wie sich Lewinski in seinem Sessel zurücklehnte.
    „Gut gemacht Mr. Bird.“ Er atmete einmal tief durch und stand dann auf. „Mr. Price, Sie haben die Brücke. Offizierstreffen in fünf Stunden.“ Mit diesen Worten verließ er die Brücke.
    Und ließ seine Offiziere mit ihren Freudentaumeln alleine.
    Price eröffnete die Runde, als er einen Freudenschrei vom Stapel ließ. Ardev und seine Frau Arena lagen sich Minutenlang in den Armen. Bird lachte nur und sank dabei auf die Knie.
    Sie hatten es geschafft. Sie hatten es geschafft! Dank seines Planes.
    Er hatte es geschafft.
    Auch wenn er nicht wusste, wie. Oder gar warum.
    Doch das interessierte ihn nicht. Jetzt ließ er sich vom Glück durchströmen.
    Und hoffte, dieses auf ewig in sich halten zu können.

    Tag 18, 15:57 Uhr Bordzeit der U.S.S. Voyager

    Chakotay fackelte nicht lange mit irgendwelchen Förmlichkeiten, als Bruce Land die Brücke betrat. „Commander, wieso hat sich die Crew der Monitor für den Tachyonstrahl entschieden?“
    Land trat schnell zu der Kommandoebene und stellte sich neben den Captain.
    „Sie hatten Probleme mit dem Warp Antrieb und dachten nicht, dass sie einen so hohen Warpsprung schaffen.“
    „Das Problem haben wir nicht...“ Chakotay überlegte. „Was war sonst noch?“
    „Die Monitor ist von der Anomalie wesentlich schwerer getroffen worden als wir“, berichtete Land. „Wahrscheinlich haben uns die aktivierten Schilde besser geschützt.“
    Chakotay sah zu seinen Offizieren. Alle warteten gespannt auf seine Befehle. Bruce Land hatte im Grunde jetzt zum ersten Mal in Ruhe die Gelegenheit, die Schäden auf der Brücke zu beobachten. Das Licht war dunkler als es selbst bei rotem Alarm üblich war. Und auch nur ein Bruchteil der Displays war funktionstüchtig. Aus den Augenwinkeln konnte er von seinem Display ablesen, dass die meisten Systeme offline waren.
    Die Anomalie zog auch an den Energiesysteme der Voyager. Sie verbrauchte die Energie in so hohem Maßstab, dass sie fast gar nicht mehr am Ziel ankam.
    „Also, wir wissen, dass das mit dem Tachyonstrahl funktioniert. Machen wir es auf dieselbe Weise?“
    Land wandte sich ruhig an seinen Captain. Er trug ihm seine Bedenken vor. „Sir, ein Tachyonstrahl kann sehr gefährliche Nebenwirkungen auslösen. Vielleicht war der Strahl ein weitere Faktor, aus dem die Crew ausrastete...“
    „Sie meinen, dass wir den Warpblitz versuchen sollten?“, fragte Chakotay verwirrt.
    Unsicher blickte Land in dessen Augen. „Ja Sir. Der Meinung bin ich.“
    Chakotay sah auf den Boden und ging noch mal alle Alternativen durch. Er wusste, was er an Bruce Land hatte. Einen erfahrenen Ersten Offizier, der kein Wort sprach, ohne es auch so zu meinen. Und er erinnerte sich an Kalens Worte. Bis sogar ein El-Aurianer einem Menschen großes Vertrauen entgegenbrachte, musste viel geschehen. Schließlich endete das letzte große Vertrauen der El-Aurianer damit, dass sie sich im gesamten Quadranten verteilten.
    „Crewman Tema’na, den Warpblitz vorbereiten.“
    An allen Stationen der Brücke brach Regsamkeit aus. Die Aufregung stieg. Sogar die sonst immer kühl und unnahbar wirkende Romulanerin konnte dies nicht aus ihrer Stimme verleugnen.
    „Ich lade den Warpkern.“
    Chakotay betätigte seinen Kommunikator. „Brücke an Maschinenraum. Wir laden den Kern. Alles vorbereiten.“
    „Bestätigt, beginnen Sie nach ihrem Ermessen“, meldete Barclay.
    „Dann läuft jetzt alles nach ihrem Kommando Tema’na.“ Chakotay und Land setzten sich auf ihre Stühle. Sie warfen noch einen gemeinsamen Blick auf die Statusanzeigen der Systeme und der wenigen Daten, die sie von der Anomalie hatten.
    Langsam stieg das Summen des Warpreaktors. Der Boden begann zu vibrieren.
    „Warpreaktor bei Warp 4,5“, meldete die Steuerfrau.
    „Chakotay an alle: bereiten sie sich auf einen holprigen Flug vor.“ Er hatte die Worte kaum ausgesprochen, als er sich auch schon krampfhaft an seinem Stuhl festhalten musste, um nicht aus ihm herauszufallen.
    „Warpstufe 5!“ Tema’na musste schon schreien, um sich Gehör zu verschaffen.
    „Schon eine Reaktion von der Anomalie?“, fragte Chakotay seine Frau Annika.
    „Noch nicht!“, schrie sie zurück.
    „Warp 6!“
    Adrenalin schoss Land quer durch den Körper. Wie in einem Rausch blickte er auf den Bildschirm, der immer noch den Planeten und die seltsam wabernde Anomalie zeigte.
    „Warp 7! Ich initiiere den Warpblitz!“ Doch noch bevor Tema’na die entsprechenden Befehle in ihre Konsole eingeben konnte, explodierte diese und riss die junge Frau zu Boden. Keiner auf der Brücke hatte Zeit dies zu verarbeiten, denn auch an anderen Station stoben Funken und ehe sie sich versahen, wurde jeder von ihnen zu Boden gerissen.
    Das Alarmgeräusch des roten Alarms erklang. Bruce Land warf von seinen liegenden Position einen flüchtigen Blick auf den Bildschirm. Und sah, wie das Schiff auf den Planeten zuraste. Mit letzter Kraft stemmte er sich hoch und quälte sich zur Navigationsstation. Aber er schaffte es nicht, das Schiff zu stabilisieren. Die Anzeigen des Computers waren klar und deutlich. Sie hatten sich aus der Anomalie befreien können. Doch jetzt fielen sie wie ein Stein auf den Planeten hinab. In wenigen Sekunden würden sie in den oberen Schichten verglühen, oder von den säureähnlichen Schichten des Gasriesen zerfressen. Auf jeden Fall würde nichts von ihnen übrig bleiben.
    Nichts von ihnen und nichts von der Monitor...
    ...bis Land plötzlich wieder an die Konsole gedrückt wurde. Als hielte jemand die Voyager plötzlich fest. Und in der Tat stellte Land fest, nachdem sich der stechende Schmerz in seinem Kiefer etwas gelegt hatte, dass der Planet nicht mehr näher kam. Schnell versuchte er, dies von dem Computer bestätigen zu lassen.
    „Commander Land“, stöhnte Chakotay. Land zögerte nicht und eilte sofort zu ihm. Sofort griff er ihm unter die Arme und setzte ihn in seinen Stuhl.
    „Captain, alles in Ordnung?“
    Chakotay hielt seine Hand auf seine Stirn und versuchte blinzelnd wieder etwas um ihn zu erkennen. „Ich fühle mich, als hätte ich ein ganzes Fass Blutwein geleert. Und das Fass war von einem verdammt schlechten Jahrgang.“
    „Bleiben Sie ganz ruhig sitzen, ich sehe nach den anderen.“ Land ging sofort zu den anderen Offizieren, die auf dem Boden lagen. Tema’na erwachte gerade wieder aus ihrer Ohnmacht. Sie hatte eine mittelschwere Verbrennung an ihrem linken Oberarm erlitten. Ein Hypospray voll Schmerzmittel half ihr schon. Chakotay hatte in der Zwischenzeit auch schon ein Medizinerteam auf die Brücke gerufen, das sie behandeln würde.
    Allen anderen ging es gut. Sie hatten sich nur Irgendwo angestoßen.
    „Dann berichten Sie mal Commander, was ist passiert?“, fragte der Captain.
    „Wir haben uns aus der Anomalie befreit, jedoch in Richtung des Planeten. Wir drohten abzustürzen, bis wir jetzt plötzlich gestoppt haben. Die Sensoren sind noch ausgefallen, daher weiß ich nicht...“
    „Sir, ich habe hier etwas“, unterbrach Annika den Ersten Offizier. Doch Land nahm es ihr nicht übel. Es musste schon wichtig sein, wenn sie sogar ihn unterbrach.
    „Was haben Sie?“, fragte Chakotay und stand wieder auf.
    Verwirrt sah sie zu ihm. „Ein Kommunikationssignal.“
    Fragend sahen sich die beiden Kommandanten an.
    „Der Notruf?“, fragte Land.
    „Nein Sir. Wir werden gerufen“, lautete die überraschende Antwort.
    „Auf den Schirm“, befahl der Captain und drehte sich mit Land zum Schirm um.
    Zuerst sahen sie nur statisches Rauschen. In der Mitte die vage Form eines Humanoiden.
    „Ich versuche das Signal zu verstärken.“ Annika hatte kaum ausgesprochen, als das Bild klar wurde und alle die Person erkannten, mit der sie sprachen.
    Commander Land taumelte zurück. Seine Puppillen vergrößerten sich, er begann zu zittern und flach zu atmen.
    Zwar zeigte kein anderer auf der Brücke genau diese Reaktion, doch jeder war geschockt. So, dass keiner ein Wort herausbrachte.
    „Ich bin Captain Lewinski von der Monitor. Das war ja ganz schön knapp Voyager. Gott sei Dank funktionierte unser Traktorstrahl noch.“ Die Freude in seinem Gesicht wich großes Verwirrung. Besonders, als er den zusammenbrechenden Land sah. „Stimmt etwas nicht?“
    „Captain“, stammelte Chakotay. „Wir sollten uns treffen. Es gibt da so einiges zu klären.“
    Lewinski nickte stumm und fragte sich, was wohl geschehen sein mochte, dass Chakotay und Land so reagierten.

    Tag 18, 18:12 Uhr Bordzeit der U.S.S. Voyager

    Lewinski und Chakotay hatten sich in seinem Bereitschaftsraum getroffen, der dem Captain des kleinen Geheimdienstschiffes wie eine Halle vorkam, mit den großen Fenstern und der luxuriösen Ausstattung.
    Sie hatten auf dem Sofa Platz genommen. Dort war es leichter über die Ereignisse zu sprechen, die sich zugetragen hatten. Hinter ihnen waberte noch immer die Anomalie. Dieses Mal jedoch über ihnen. Unter Ihnen drehte sich in aller Ruhe der Planet, auf den beide Schiffes beinahe gestürzt wären.
    „Wollen Sie damit sagen, dass Sie erst 2 Stunden vor uns versucht haben, aus der Anomalie auszubrechen?“, fragte Chakotay.
    Lewinski nickte. „Ja. Mein Wissenschaftsoffizier Ardev hat auch den Grund dafür erkannt. Da wir nie alle Sensoren einsetzen konnten, haben wir die Chronotonen in der Anomalie natürlich nicht entdeckt. Hier, im Zentrum der Anomalie läuft die Zeit langsamer ab, als außerhalb. Wir haben übrigens mehrere Male versucht, Sie zu kontakten.“
    Chakotay nickte verstehend. „Wir haben dies empfangen. Jedoch nie ein klares Signal erhalten. Vermutlich aufgrund der Chronotonen.“
    „Richtig. Der Verlangsamungseffekt der Zeit wirkt sich erst hier aus. Der Planet erzeugt diese, sie steigen langsam auf und sammelten sich im laufe der Zeit zu dieser Anomalie an...“
    „...und je weiter man vom Planeten entfernt ist, umso geringer wird der Effekt auf die Zeit“, vollendete Chakotay.
    Eine unangenehme Stille breitete sich zwischen ihnen aus. „Als dann unser Tachyonstrahl mit den ruhenden Chronotonen reagierte, wurde das Schiff verdoppelt. Eines wurde aus der Anomalie raus geschleudert. Wir wurden noch tiefer hinein geschleudert.“ Lewinski blickte seufzend aus dem Fenster. Über ihm sah er sein Schiff. Den Traktorstrahl hatten sie natürlich schon deaktiviert. Die Voyager war schon wieder alleine im Stande, den Orbit zu halten. „Zum Glück konnte Commander Price das Schiff abfangen, bevor wir in der Atmosphäre verglühten.“
    Chakotay nickte. „Leider war unsere Steuerfrau zu diesem Zeitpunkt bewusstlos. Wenn Sie nicht da gewesen wären...“
    Wieder legte sich eine deprimierende Ruhe zwischen sie.
    „Wie geht es Bruce?“
    „Der Doktor hat ihm etwas zur Beruhigung gegeben. Und ein paar Schlafmittel. Er ruht sich gerade in seinem Quartier aus.“
    „Wieso wollen Sie mir nicht berichten, was an Bord meines Schiffes geschehen ist?“, fragte Lewinski. „War es so schlimm?“
    „Stellen Sie sich ihren schlimmsten Alptraum vor. Multiplizieren Sie ihn mit der Unendlichkeit und sie wissen ansatzweise, was Bruce Land durchgemacht hat. Glauben Sie mir, Sie wollen nicht wissen, was geschehen ist... Sie würden ihre Crew nicht mehr auf dieselbe Weise behandeln wie zuvor.“
    „Aber... es befinden sich unsere Leichen in ihrer Leichenkammer. Und das Wrack meines Schiffes wird gerade eben zum Mars gebracht?“
    Chakotay atmete durch den Mund aus und suchte nach den richtigen Worten. „Es gibt da noch etwas, das Sie nicht wissen.“
    Fragend sah Lewinski zu seinem Kollegen.

    Nur wenige Minuten später standen sie vor den Türen der Krankenstation. Counsellor Kalen erwartete sie schon. „Er schläft gerade und wird Captain Lewinski nicht wahrnehmen.“
    „Wer schläft?“, fragte der angesprochene Captain. Doch statt einer Antwort, trat Chakotay einfach in die Krankenstation und Lewinski folgte ihm.
    Sein Blick fiel sofort auf das zentrale Biobett.
    „Danny“, raunte Lewinski. Er eilte an die Seite des Biobetts. „Was soll das bedeuten?“
    „Er ist der einzige Überlebende der Geschehnisse“, antwortete Chakotay.
    „Und was ist mit ihm?“
    „Er leidet noch immer an dem Trauma der letzten Tage“, antwortete dieses Mal Kalen. „Wir werden ihn zur Erde bringen. Dort wird er von Spezialisten behandelt.“
    Genau musterte Lewinski den schlafenden Mann. „Weiß der richtige Danny schon Bescheid?“
    „Um ehrlich zu sein, überlegen wir, ob es nicht besser wäre, wenn er es nicht wüsste“, antwortete Kalen ausweichend.
    „Was wollen Sie damit sagen?“
    „Captain es ist so. Ihre Crew weiß, dass es Kopien von Ihnen gibt. Zwar tot, aber nichtsdestotrotz Kopien. Es würde ein immenser Druck auf Danny Bird lasten, wenn er von seinem Doppelgänger wüsste.“
    „Um ehrlich zu sein“, unterbrach Chakotay. „Wollten wir Ihnen die Entscheidung überlassen.“
    „Ich verstehe. Ich verstehe auch ihre Bedenken. Ich frage mich gerade, ob ich es wissen würde wollen.“
    „Außerdem stellt sich uns die Frage, was wir mit den Leichen machen, die in einem unserer Frachträume liegen“, ergänzte Chakotay.
    Lewinski sah auf Bird hinab. Dieses Bild stimmte ihn traurig. Er war ratlos, ahnungslos. „Lassen wir sie hier. Wir beamen Sie in den Planeten und gönnen Ihnen hier die letzte Ruhe. Überall anders würden ihre Leichen nur für Verwirrung und verrückte Spekulationen sorgen.“
    Chakotay nickte. „Dann werde ich es so veranlassen.“
    Ohne seinen Blick vom schlafenden Bird abzuwenden sprach Lewinski weiter. „Unsere Berichte sollten zudem der höchsten Geheimhaltungsstufe unterliegen und direkt zum Geheimdienst überspielt werden. Danach löschen wir alle Berichte aus unseren Computern.“
    „Wie Sie meinen“, bestätigte Chakotay. Er hielt sich deutlich zurück. Schließlich hatte Lewinski deutlich mehr Erfahrung mit solchen Sachen. Und es betraf seine Crew. Also galt sein Wort.
    „Wo wir beim Thema sind, haben wir schon eine Möglichkeit gefunden, den Planeten sicher zu verlassen?“, fragte der Captain der Monitor schließlich.
    „Ja, die haben wir. Die Wissenschaftsteams unserer beiden Schiffe haben beschlossen, unseren Deflektorfeldern einfach die Signatur der Chronotonen zu geben, die um uns sind. Daraufhin werden wir wie sie nach oben und sicher durch die Anomalie getragen.“
    „Wie lange wird dies dauern?“
    „Etwa 3 Stunden. Auf der anderen Seite werden dann etwa weitere 12 Tage vergangen sein.“
    Lewinski nickte. Damit konnte er leben. Schließlich bedeutete es, dass er jetzt schon beinahe 3 Wochen länger lebte.
    „Der Aufstieg hat zudem schon begonnen, wir werden uns also bald wieder im normalen Raum befinden“, ergänzte Chakotay.
    „Dann habe ich ja noch etwas Zeit, mir das ganze durch den Kopf gehen zu lassen.“
    Kalen und Chakotay antworteten nicht. Sie sahen Lewinski nur stumm nach, als sich dieser anschließend entschuldigte und die Krankenstation verließ.

    Matthew Price und Elizabeth Frasier saßen sich still gegenüber. Beide hatten das Essen nicht angerührt, das Price für sie repliziert hatte. Und trotz des warmen Kerzenlichts lag eine Kühle zwischen Ihnen, die keiner durchzudringen vermochte.
    „Schmeckt dein Essen nicht?“, fragte Price, obschon er die Antwort längst kannte.
    „Es ist köstlich“, antwortete Frasier schnell. „Ich habe nur keinen Appetit“, ergänzte sie schließlich niedergeschlagen. „Aber du auch nicht, wie es scheint.“
    Tief einatmend sah Price sich um, wobei sein Blick nicht seinem Quartier, sondern dem Schiff galt. „Irgendwie ist die gesamte Crew sehr Appetitlos, das schlägt auch auf mich über.“
    Hektisch wischte sich Frasier plötzlich den Mund ab und stand auf. Price stand ebenfalls auf.
    „Es war wirklich ein schöner Abend, aber ich muss jetzt los. Es warten noch einige Patienten und Berichte auf mich.“ Eigentlich hätte sie wissen sollen, dass es nichts brachte, ihn anzulügen. Doch dies war ihr jetzt egal. „Danke nochmals für das Essen.“
    Price wollte eingreifen. Er wollte seine Liebe in die Arme nehmen und einfach das Schiff vergessen. Stattdessen sagte er einfach: „Nichts zu danken.“
    „Gute Nacht Matt.“
    Noch bevor er „Gute Nacht“ sagen konnte hatte Doktor Frasier auch schon sein Quartier verlassen. Ratlos stand Matt darauf noch einige Minuten vor seinem Stuhl.
    Was war nur falsch gelaufen?
    Doch er war einfach zu müde, um sich deshalb Gedanken zu machen.
    Er wusste nur eins: Die Liebe zwischen ihnen war immer noch da.
    Und er fühlte, dass es auch der Ärztin so ging, die noch einige Minuten vor seinem Quartier stand und dort ratlos zur Decke starrte.

    Bruce Land trug Zivilkleidung, als gerade aus seinem Bett aufstand um sich etwas zu trinken zu holen. Er hatte die Fenster geschlossen. Er konnte diese Anomalie nicht mehr sehen. So sehr sehnte er sich nach den Sternen.
    Gerade, als er sein Glas Wasser geleert hatte, erklang der Türsummer.
    „Wer ist da?“, fragte er.
    „Nicht erschrecken Bruce. Ich bin’s, John“, erklang die Antwort.
    Land betätigte den Knopf neben der Tür, worauf sich das Schloss entriegelte und sich die Tür öffnete. Als er schließlich John Lewinski sah, wusste er nicht, was er fühlen sollte.
    „Darf ich eintreten?“, fragte sein alter Freund.
    „Natürlich.“ Mit einer großen Geste gewährte er ihm Einlass. Zielstrebig setzte er sich auf das Sofa unter den geschlossenen Fenstern.
    „Ich hoffe, du bist nicht zu schockiert, mich zu sehen“, begann Lewinski.
    „Nein, ich habe mich so langsam daran gewöhnt.“ Land setzte sich in seinen Sessel und betrachtete Lewinski genau. „Außerdem wirken die Beruhigungsmittel noch nach.“
    Lewinski lächelte. „Dein Humor ist auf jeden Fall schon wieder der Alte.“
    Doch Land wollte nicht so recht in diese Stimmung eintauchen. Mit feuchten Augen sah er zu seinem Glas. Als er dann schließlich wieder den Blick seines Freunds und Mentors suchte, rann ihm eine Träne über seine Wange. „Es tut so weh John.“
    Dieser wusste natürlich nicht so recht, was er sagen sollte. „Sag mir, was dich beschäftigt.“ Er legte das Sie ab, dass jetzt vollkommen unangebracht gewesen wäre. Dafür war die Situation einfach zu ernst. Jetzt sprachen Sie wie zwei Freunde. Als wären sie nie voneinander getrennt gewesen.
    „Ich habe dich sterben sehen. Vor meinen Augen. Ich habe jeden anderen ebenso sterben sehen. Vor meinen Augen. Und ich konnte nichts dagegen machen.“
    „Es war nicht deine Schuld. Du hast alles richtig gemacht. Du hast die Crew deines Schiffes gerettet.“
    „Verdammt, wegen mir, wäre auch dieses Schiff beinahe auf den Planeten gestürzt.“
    Lewinski schwieg. „Ich weiß nicht, was ich dir sagen soll. Ich weiß nicht, wie ich dir helfen kann Bruce. Aber ich würde es so gern.“
    „Während der letzten Jahre habe ich die Monitor so sehr vermisst. Das ist mir erst während der letzten Woche klar geworden. Hätte ich das Schiff nicht verlassen... wäre ich doch nur bei meinen Freunden geblieben.“
    Lewinski fehlten wieder die Worte. Er wusste einfach nicht, wie er seinem besten Freund helfen konnte. Noch nie hatte er etwas Derartiges erlebt.
    Dann entdeckte er etwas auf dem Glastisch, der neben dem Sofa stand. Es war ein leerer Bilderrahmen. „Ich habe auch so etwas auf meinen Tisch stehen. Wie wär’s... Komm auf die Monitor. Wir machen ein Foto von uns allen, das du dann hier reinmachen kannst. Dann hast du ein Stück von uns bei dir. Dann hast du mehr als zuvor bei dir.“
    Mit immer noch gläsernen Augen, sah er Lewinski an. „Es tut mir leid John. Aber ich kann die Monitor nie wieder betreten. Ich werde immer einen Berg von Leichen sehen, wenn ich dies tue.“
    John schluckte. Und als ihm die Ideen so langsam ausgingen, stand er auf und trat zu Land.
    Dieser verstand stumm und stand ebenfalls auf.
    Lewinski drückte darauf seinen Freund fest an sich. Nach wenigen Sekunden spürte er, dass Land dann auch ihn in die Arme nahm. An der Schulter seines besten Freundes weinte Land, wie er es noch nie getan hatte.
    Und auch Lewinski bekam feuchte Augen. Doch während Land laut schluchzte, liefen Lewinski stumm die Tränen herab. „Umarme das Leben Bruce, umarme das Leben“, raunte Lewinski.
    Mehr konnte er ihm nicht raten.
    Bruce Land wusste, dass fortan nun ein Geheimnis zwischen ihnen bleiben würde. Etwas, das er ihm nie mitteilen würde können. Und so versteckte er das Gesehene irgendwo in seinem Hinterkopf.
    Die Intrigen, die Morde, die Brutalität.
    Lewinskis Angriffspläne, Frasiers Mord aus Liebe, Birds Selbstzweifel und Woils Drogensucht.
    All dies würde nie wieder diesen Raum verlassen.
    All dies würde nie wieder sein Leben verlassen...


    Ende

    Nächstes Mal bei Monitor:

    Ältere Episoden findet ihr in unserem Episodearchiv...

    NOX VACUA TEIL 2
    based upon "STAR TREK" created by GENE RODDENBERRY
    produced for TREKNews NETWORK
    created by NADIR ATTAR
    executive producer NADIR ATTAR
    co-executice producer CHRISTIAN GAUS & SEBASTIAN OSTSIEKER
    lektor OLIVER DÖRING
    staff writers THOMAS RAKEBRAND & JÖRG GRAMPP and OLIVER-DANIEL KRONBERGER
    written by CHRISTIAN GAUS
    TM & Copyright © 2005 by TREKNews Network. All Rights Reserved.
    "STAR TREK" is a registered trademark and related marks are trademarks of PARAMOUNT PICTURES
    This is a FanFiction-Story for fans. We do not get money for our work!


    Quelle: treknews.de
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