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  • Monitor - 6x08: Der Fremde

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    • Werewolf
    Die Situation scheint sich bis aufs Haar zu gleichen: die Monitor nimmt einen Schiffbrüchigen auf, der an Amnesie leidet und versucht ihn zu behandeln. Dabei stellt sich jedoch die Frage, ob diese Person wirklich geheilt werden sollte...


    Langsam öffnete er seine Augen. Mehrfach blinzelte er, bevor sich seine Pupillen an das Licht gewöhnten und ihm so ein Sehen ermöglichten. Nach kurzer Überlegung musste er feststellen, dass er sich in der Horizontalen befand. Noch eine Sekunde später und realisiert, wieso ihm sein Gleichgewichtssinn dies mitgeteilt hatte: sein Körper befand sich auf einer Liege. Kurz testete er seine Muskeln aus, ob sie überhaupt sein Gewicht tragen konnten, und richtete sich dann auf. Benommen blickte er seine Hände an. Sie wirkten alt und runzlig, dennoch schien er keine Altersgebrechen zu besitzen, die ihn einschränkten. Kurz streckte er seinen gesamten Körper und erhob sich endgültig von der Liege. Auf den Beinen fühlte er sich noch etwas wacklig, so dass er sich an der Liege abstützen musste, doch dann fand er sein Gleichgewicht wieder und stand sicher. Jetzt erst nahm er die Umgebung war. Er befand sich in einem hell erleuchteten Raum, dessen Armaturen und Wandverkleidungen darauf schließen ließen, dass er sich an Bord eines Raumschiffs befand. Dieser Eindruck wurde durch die beiden Personen bestätigt, welche sich in einem Abstand von zwei Metern vor ihm befanden. Hierbei handelte es sich um einen Mann und um eine Frau. Deutete man die Ranginsignien richtig, so befand sich der Mann im Range eines Captains der Sternenflotte, während die Frau ein Lieutenant-Commander war. Ihre blaue Kragenfarbe ließ zudem den Schluss zu, dass sie Ärztin war. Dementsprechend musste er selbst sich auf der Krankenstation befinden. Wieso und weshalb, dies war ihm noch unbekannt, doch er hoffte, dass die beiden Sternenflottler ihn hoffentlich bald aufklären würden. Ihre beiden Gesichter boten einen seltsamen Gesichtsausdruck, der scheinbar eine Mischung aus Argwohn und Verwunderung darstellte. Sicher musste mit ihm selbst etwas Außergewöhnliches geschehen sein. Wenn er nur wüsste, was es gewesen war?
    „Erkennen sie uns?“ fragte der Captain mit ausdrucksloser Miene.
    Diese Frage schien ihm höchst unpassend zu sein. Wäre nicht eine Erklärung oder Begrüßung viel sinnvoller?
    „Nein, bedauere. Ich erinnere mich nicht an sie, “ antwortete er wahrheitsgemäß.
    Angesichts dieser Worte seufzte der Captain und blickte zu der Ärztin (?), die ihm zunickte.
    „Ich bin Captain John Lewinski und dies hier ist Dr. Elisabeth Frasier“, stellte der Mann sie beide vor. „Sie befinden sich gegenwärtig auf einem Raumschiff der Föderation.“
    Er wollte gerade zu einer Erwiderung ansetzen, da fragte die Ärztin:
    „Wissen sie, wer sie sind?“
    Was für eine dumme Frage? Welche Person in diesem Universum wüsste denn nicht, wer sie war. Er befeuchtete seine Lippen, wollte gerade antworten... und stockte. Wie war dies möglich? Gerade wollte er die gewohnten Worte aussprechen, doch sein Geist versagte es ihm.
    Atemlos, entsetzt über das, was sich hier abspielte, gestand er:
    „Ich weiß nicht, wer ich bin!“

    Das alles, die ganze Situation, war für den ersten Offizier des Raumschiffs immer noch eine ganz neue Sache. Natürlich war er absolut kein unbescholtenes Blatt und sollte eigentlich in solchen Dingen erfahrener sein, doch derzeit fühlte sich Price, als sei er das erste Mal in seinem Leben so richtig verliebt. Als Dr. Frasier an seiner Tür geklingelt und er sie in sein Quartier gelassen hatte, fühlte er ein Glück in sich hochsteigen, welches er nicht mehr für möglich gehalten. Die offizielle Beziehung zwischen Elisabeth und ihm bestand erst seit wenigen Wochen und vielleicht mochte daraus das Hochgefühl herrühren, aber für Matt war es etwas Magisches. Ein Jahr lang hatte er gewusst, dass die Chefärztin ihn liebte. Und auch er liebte sie, seitdem er vor fast zwölf Monaten nur knapp dem Tod entronnen war. Leider hatte es bei ihm etwas länger gedauert, sich dem bewusst zu werden. Doch all der Ärger der letzten Monate war vergessen, als sie beide sich tief in die Augen blickten und sich einen kurzen, aber leidenschaftlichen Begrüßungskuss gaben. Noch hatten sie kein gemeinsames Quartier, beide hielten dies angesichts ihrer turbulenten Vergangenheit für verfrüht, daher besuchte jeweils der eine den anderen.
    „Hallo Schatz,“ begrüßte Matt sie lächelnd.
    Als Antwort bekam er von ihr einen kleinen Klapps ihrer flachen Hand und sie meinte lachend:
    „Matt, hör auf damit! Du weißt doch, wie sehr ich es hasse so genannt zu werden. Ich habe einen Namen und den kannst du ruhig benutzen.“
    „Ich vergesse jedes Mal, dass du kein Fan von Kosenamen bist“, gab sich der Halbbetazoid reuig. „In Zukunft werde ich versuchen dies zu vermeiden, Doktor.“
    „Sehr klug von ihnen. Kann ihrer Gesundheit nur zuträglich sein, “ neckte die Ärztin ihn gekünstelt und holte sich aus dem kleinen Replikator ein Glas Wasser.
    „Ist unser Patient schon aufgewacht?“ fragte Price interessiert.
    „Ja, dies ist er in der Tat.“
    „Und?“
    „Du wirst es nicht glauben, “ erklärte Elisabeth Frasier und runzelte die Stirn, „aber er kann sich an nichts erinnern.“
    „An den Unfall?“
    „Nein, er erinnert sich an gar nichts mehr. Nicht einmal seinen eigenen Namen.“
    Im Anschluss an diese besorgten Worte schwieg Frasier, trank das Glas in einem Zug leer und stellte es wieder in den Replikator zurück. Price verschränkte die Arme vor der Brust, dachte nach. Auch wenn er nicht kalt oder abweisend wirken wollte, wollte er gerne das Thema wechseln. Er wollte über etwas sprechen, was zumindest für ihn von Belang war, vielleicht sogar für sie beide.
    „Ich habe heute wieder an sie gedacht“, gestand der erste Offizier und presste die Lippen aufeinander.
    „An wen?“ fragte Elisabeth und kannte doch schon die Antwort. Sie wollte ihren Partner dazu ermutigen über sie Probleme zu reden, daher stellte sie diese Fragen.
    „An Yasmin. Seit meinem Streit mit Selina habe ich sie nicht mehr gesehen und…. ich möchte für meine Tochter da sein. Falls dies kein Problem für dich ist.“
    Beschwichtigend nahm Elisabeth ihn in den Arm und drückte Matthew kurz. Sie wollte ihm auf diese Weise Kraft geben, Zuspruch symbolisieren.
    „Natürlich ist dies kein Problem für mich“, munterte sie ihn auf. „Es ist deine Tochter und ich finde es lobenswert, dass du dich um sie kümmern möchtest. Für ein Kind ist es ganz wichtig, beide Elternteile zu kennen und von ihnen inspiriert zu werden. Was also wirst du tun?“
    „Ich werde Selina anrufen und mit ihr sprechen.“
    Dabei wirkten Matts Worte optimistischer, als er sich selbst fühlte. In der derzeitigen Lage konnte er seine Imzadi nicht einschätzen. Selina Kyle war keine geisteskranke Furie, sondern eine zutiefst verletzte Frau, die ihn geliebt und die er enttäuscht hatte. Sie hatte sich Hoffnungen gemacht, wo keine war und er hatte es versäumt sie gleich abzuweisen. Er hatte nicht hart sein wollen, da ihre Tochter gerade erst zur Welt gekommen war. Leider hatte er damit die Situation nur unnötig verkompliziert. Es war einige Zeit her, seit dem sie das letzte Mal miteinander gesprochen hatten. Am meisten Sorge hatte Matt davor, wie er eigentlich beginnen sollte. Natürlich war ihm klar, worum es sich in ihrem Gespräch drehen sollte, aber wie begann er? Was sollte er nur sagen?
    „Du wirst das schon schaffen. Natürlich ist Selina enttäuscht von dir, aber sie ist auch eine vernünftige Frau. Sie wird dich nicht vor Yasmin abschirmen.“
    Elisabeths Worte wirkten aufmunternd, nahmen ihm jedoch nicht komplett die Angst. Schon seltsam. Einem Mann wie Matt, der schon so viel erreicht und erlebt hatte, machte ein Gespräch mit der Ex-Frau Angst.
    Der Blick der Chefärztin fiel auf das Bett des Halbbetazoiden, wo ein Datenpadd mit der aktuellsten Zeitung lag. Selbst von ihrer Position aus konnte sie deutlich den Titel lesen:
    Sonderbotschafter Parul im exklusiven Gespräch mit uns
    Sie nahm das Padd auf und überflog schnell den Inhalt. Das, was sie las, klang eigentlich gar nicht so übel.
    „Arsani hat seine Worte wahr gemacht“, meinte sie, „er steht zu dir und spricht offen über dich.
    „Ja,“ bestätigte Matthew, wobei seine Stimme jedoch angespannt klang.
    „Was ist mit dir? All die Jahre hast du dir einen Vater gewünscht, der in der Öffentlichkeit für dich eintritt und nun bist du unzufrieden?“
    „Ich bin nicht unzufrieden…eher ratlos. Ich weiß nicht, wieso er das macht, “ gestand der erste Offizier.
    „Wie meinst du das?“
    „Tritt er vor die Öffentlichkeit, um sie über sein uneheliches Kind aufzuklären? Oder versucht er nur seine Karriere zu retten? Nachdem ihn seine Familie verlassen hat und er als scheinbarer Ehebrecher gilt, könnte er sich nun als geläuterter, liebender Vater darstellen.“
    Angesichts dieser seltsamen Worte blinzelte Frasier, fragte sich, ob dies ernst gemeint war. Sie packte Matthew bei den Armen, sagte:
    „Das kannst du doch nicht ernst meinen! Du bist doch Halbbetazoid! Hast du nicht gespürt, dass er dich liebt, als ihr euch begegnetet?“
    „Er hatte sich mir gegenüber immer abgeschirmt. Dies ist mir erst vor kurzem aufgefallen.“
    „Dann denke ich“, fand Elisabeth und sah ihm dabei tief in die schwarzen Augen, „dass du noch eine Menge Telefonate tätigen musst. Diese Dinge sollten geklärt werden.“
    Matt wusste, dass sie Recht hatte. Dennoch hatte er Angst. Angst vor der Wahrheit.

    Ab und an musste man persönlich bei bestimmten Personen vorstellig werden. So auch im Fall von Alex Bolder. Der Fähnrich hatte sich aus seinem Transporterraum in den Maschinenraum begeben, um sich eine wichtige Unterschrift vom Chefingenieur abzuholen. Dies bot zudem eine gute Gelegenheit, um sich etwas die Beine zu vertreiben und bekannte Gesichter wieder zu sehen. Im Maschinenraum herrschte wie immer eine konzentrierte, professionelle Atmosphäre. Es dauerte nicht lange und Alex hatte die Person erspäht, die ihm weiterhelfen konnte. Mit einigen flinken Schritten war er bei Fähnrich Sanchez und klopfte seinem Freund auf den Rücken.
    „Hey, hast du eine Sekunde Zeit?“ fragte er gutgelaunt.
    „Wenn es sein muss“, schnaubte Miguel, schickte einen Techniker weg und blickte seinen Freund vorwurfsvoll an. „Worum geht es?“
    Überrascht reichte er ihm das Datenpadd.
    „Ich habe hier eine Energieanforderung, die du abzeichnen musst. Immerhin bist du ja der Chefingenieur und musst über unsere Energiereserven im Bilde sein.“
    Angesichts dieser Worte schnaubte der Spanier verächtlich, überflog den Inhalt des Padds und presste dann seinen Daumen auf die Scanneroberfläche. Unsanft drückte er im Anschluss Alex den Gegenstand in die Hand.
    „Hey, was ist denn los mit dir?“
    Schon innerhalb kürzester Zeit hatte Bolder begriffen, dass etwas nicht mit Sanchez stimmte. Der Angesprochene blickte sich kurz grimmig um, rieb sich dann die Augen und gestand:
    „Ich bin derzeit nicht so gut drauf.“
    „Ach, wie kommt´s?“
    „Na ja, einer der Gründe ist das, was du eben gesagt hast.“
    „Was meinst du damit?“ fragte Fähnrich Bolder irritiert.
    „Dass ich zum Beispiel der Chefingenieur sei...“
    „Bist du es denn nicht?“
    „Nein, nur kommissarisch“, erklärte Miguel Sanchez und die Art und Weise, wie er es aussprach, ließ keinen Zweifel an seiner Unzufriedenheit. „O´Brien ist nun schon seit drei Wochen von Bord und der Captain hat immer noch keinen Nachfolger für ihn bestimmt. Ich warte schon so lange auf die Beförderung und er lässt sich immer noch Zeit... es war schon schlimm genug, dass mir jemand vor die Nase gesetzt wurde.“
    Nun verstand Alex. Beschwichtigend legte er ihm eine Hand auf die Schulter, versuchte ihm so Mut zu machen. In letzter Zeit hatte er tatsächlich eine immer häufigere Frustration bei seinem Freund bemerkt, die ganz und gar nicht gut war.
    „Du wirst den Posten schon kriegen, Miguel. Keine Angst. Selma und ich glauben ganz fest an dich.“
    „Ihr solltet euch lieber Sorgen um euch selbst machen“, riet ihm Sanchez. „Schaut euch doch einmal an! Wir sind seit mehr als fünf Jahren an Bord der Monitor und immer noch Fähnriche! Eine Beförderung ist längst überfällig. Langsam frage ich mich, ob man uns hier nur auf den Arm nimmt.“
    „Miguel, so etwas darfst du nicht sagen! Du weiß ganz genau, dass Beförderungen beim Geheimdienst begrenzter sind, als in anderen Abteilungen. Dies wussten wir, als wir uns freiwillig meldeten und haben es nie bereut. Du hast es doch nie bereut, oder?“
    Der Spanier dachte kurz über diese Worte nach, schüttelte schließlich den Kopf.
    „Nein, ich bereue es nicht. Wir haben ein paar aufregende Dinge erlebt, aber mit meinen Fähigkeiten... langsam frage ich mich, ob ich bei der Sternenflotte richtig aufgehoben bin.“
    „Sag so etwas nicht! Wir können uns es nicht leisten, noch einen guten Ingenieur zu kriegen. Wir werden schon noch zu unserem Recht kommen. Du musst nur Geduld haben. Okay?“
    Die Reaktion ließ etwas auf sich warten, dann aber nickte Fähnrich Sanchez. Die Worte seines Freundes hatten, auch wenn er es nicht glauben konnte, einen positiven Effekt auf ihn. Schön, wenn einige Leute die Lage nachempfinden konnten. Er bedankte sich für dieses Gespräch und machte sich weiter an seine Arbeit als kommissarischer Chefingenieur des Schiffes.

    Die letzte Stunde war äußerst verwirrend gewesen. Nicht zu wissen, wer man war oder wie man sich befand, war kein allzu angenehmes Gefühl. Er fühlte sich hilflos, ausgeliefert und wehrlos. Er würde der Gnade seiner Gastgeber ausgeliefert sein. Sie waren ihm doch freundlich gesonnen, oder etwa nicht? Immerhin befand er sich an Bord eines Sternenflottenschiffes und er selbst war doch ein Mensch, ein Bürger der Föderation. Als er in den Spiegel geblickt hatte, hatte er ein menschliches Gesicht gesehen, alt und mit weißen Haaren. Es war ihm fremd vorgekommen, ungewohnt und es hatte seine Zeit gedauert, bis er begriffen hatte, dass es seines war. Er war diese Person im Spiegel gewesen, auch wenn er sie nicht wieder erkannt hatte.
    Immer noch befand er sich auf der Krankenstation des Schiffes, während die medizinischen Geräte seine Vitalfunktionen überprüften und ihn untersuchten. Mit ihm hier befand sich Captain Lewinski, der vor kurzem wieder hereingekommen war. Die Ärztin war verschwunden, doch er konnte es ihr nicht verübeln. Jeder Mensch brauchte einmal eine Pause und scheinbar hatte sich die Frau lange um ihn gekümmert. Sie schien jedem ihrer Patienten eine große Menge an Aufmerksamkeit zukommen zu lassen. Eine Eigenschaft, um die er sie beneidete. Dabei fragte er sich unwillkürlich, was er wohl selbst tun würde. Was war sein Beruf, wodurch machte er sich nützlich? So sehr er auch darüber nachdachte, er fand in seinem Geiste einfach keine Anhaltspunkte, was er getan hatte.
    „Wie fühlen sie sich?“
    Die Frage durchbrach seine Gedanken, ließ ihn aufblicken und realisieren, dass diese Worte von Captain Lewinski stammten, der ihn besorgt anblickte.
    „Ich fühle mich gut, Captain“, antwortete er ehrlich, „wobei ich nicht weiß, ob dies richtig ist oder nicht. Immerhin besitze ich keine Vergleichsbasis, um dies feststellen zu können. So bin ich auf Vermutungen angewiesen.“
    „Ich akzeptiere dies einfach mal als Ja auf meine Frage“, kürzte Lewinski das Gespräch ab. Er wusste nicht so recht, was er sagen sollte. Wie ging man mit einer Person um, die scheinbar an Amnesie litt? Welche Fragen waren die richtigen, sollte er überhaupt etwas fragen? „Wissen sie denn, wie sie hierher gekommen sind?“
    Kurz dachte er über diese Frage nach. Doch leider versagte ihm sein Geist den Zugriff auf diese Daten.
    „Nein, leider nicht. Meine Erinnerungen setzen dort ein, wo ich hier aufwache und sie vor mir sehe.“
    „Wir haben sie aus den Trümmern eines Shuttles geborgen“, erklärte der Captain, der sich für die Wahrheit entschlossen hatte. „Sie trudelten steuerlos im All und wir sind nur zufällig auf sie gestoßen. Etwas später und sie wären nicht mehr am Leben.“
    „Dann denke ich, dass ich ihnen meinen Dank schulde. Sie haben mir mein Leben gerettet.“
    Angesichts dieser Worte wirkte Lewinski peinlich berührt. Betreten blickte er zu Boden, presste kurz seine Lippen aufeinander und überlegte, was er dazu sagen sollte. Ihm fiel nichts ein und daher schwieg er.
    „Wissen sie, was ich tat? Wohin ich auf dem Weg war?“
    Vielleicht wussten seine Retter ja mehr über ihn. Möglicherweise brauchte es nur einige Anhaltspunkte, um sein Gedächtnis wieder in Schwung zu bringen.
    „Nein. Sie waren auf dem Rückweg zur Erde, das ist alles, was ich weiß. Derzeit arbeitet Dr. Frasier an einer Möglichkeit ihren neurologischen Schaden zu beheben. Sie ist eine gute Ärztin und ich denke, sie wird es schaffen.“
    „Dies hoffe ich auch“, entgegnete er traurig. „Als Namenloser durch die Welt zu streifen, nicht zu wissen, wer man ist oder wen man kennt... so habe ich mir nicht mein Leben vorgestellt. Zumindest weiß ich nicht, wie ich mir mal mein Leben vorgestellt habe, aber bestimmt nicht so.“
    Lewinski nickte angesichts dieser Worte und machte Anstalten zu gehen. Er hatte noch einen ganzen Haufen Arbeit vor sich, Papierkram und unangenehme Gespräche. Also machte er sich auf den Weg zur Tür, als ihn der Patient mit einer letzten Frage anhielt:
    „Wissen sie, wer ich bin?“
    Der Captain der Monitor zögerte kurz, dann verließ er die Krankenstation. Hinter sich konnte er noch den alten Mann hören, wie er rief:
    „Sie wissen, wer ich bin! So sagen sie es mir doch!!“

    Der Weg des Captains führte ihn direkt in den kleinen Shuttlehangar des Schiffes. Dorthin hatte man das verunglückte Gefährt des Patienten gebracht, um es einer intensiven Untersuchung zu unterziehen. Kurz bevor er sein Ziel erreichte, hielt der Captain plötzlich inne, als der stechende Schmerz zurückkehrte, der ihm in den letzten Wochen und Monaten so schwer zu schaffen gemacht hatte. Er stütze sich an der Wand ab, atmete mehrfach tief ein und aus und erkannte, dass er es mal wieder versäumt hatte mit Dr. Frasier zu sprechen. Es war einfach so viel um sie herum los, ein Besuch auf der Krankenstation schien fast unmöglich zu sein. Er durfte jetzt auf keinen Fall schlapp machen, auch dieser Fall brauchte seine vollste Aufmerksamkeit. Langsam wich der Schmerz und John konnte sich weiter auf den Weg machen.
    Lieutenant Bird und Lieutenant Ardev inspizierten mit ihren Geräten jeden Quadratmeter des Schiffes. Dabei bot sich den beiden Freunden endlich die Gelegenheit etwas miteinander zu reden.
    „Und? Wie geht es dir inzwischen?“ fragte Ardev, justierte seinen Tricorder und scannte mit ihm einen verbrannten Teil der Schiffshülle.
    „Wenn du mit dieser Frage auf meinen Verrat anspielst... den habe ich überwunden, “ antwortete Danny grundehrlich. Mit diesem Kapitel seines Lebens hatte er abgeschlossne. Zwar würde er ihn niemals vergessen, was wohl auch besser war, dennoch hatte er es geschafft, seinen Frieden mit sich selbst zu machen. Er hatte akzeptiert, dass der Danny Bird, der damals übergelaufen war und der Danny, der er heute war, zwei grundverschiedene Personen waren. Sie mochten im selben Körper stecken, doch von ihren Charakteristika unterschieden sie sich ganz massiv. Ab und an erschien ihm sein früheres Ich noch im Traum, versuchte ihn zu überzeugen seinen Körper wiederherzugeben, aber inzwischen ließ sich der Sicherheitschef nicht mehr von diesen Träumen beeindrucken.
    „Nein, dies meinte ich nicht. Es ging mir eher um dich und Dr. Frasier.“
    Nun stockte der Mensch für einen kurzen, unmerklichen Moment, bevor er sich ein technisches Gerät schnappte und eine Klappe an dem Shuttle öffnete. Mit dieser Frage hatte ihn Ardev kalt erwischt. In dem ganzen Trubel um die anderen Dinge hatte er diese Enttäuschung völlig aus seinem Leben verdrängt.
    „Ich denke, “ erklärte Danny schließlich, „dass man sagen kann, ich habe auch mit diesem Teil abgeschlossen.“
    „Dies klingt weit weniger überzeugend als noch die vorherige Antwort.“
    Ardevs bohrende Fragen waren nervend und ihm auf eine suspekte Art und Weise unangenehm, dennoch fühlte er den Wunsch über die Sache zu reden. Wozu waren denn Freunde da, wenn man sich ihnen nicht anvertrauen konnte?
    „Doch, ich hab es aufgeben. Sie und Matt sind nun ein Paar und wer bin ich, dass ich dies nicht akzeptiere?“
    „Aber es gefällt dir nicht?“ war die unangenehme Erwiderung des Andorianers.
    „Nein“, gestand der Lieutenant nach kurzem Überlegen. „Natürlich gefällt es mir nicht. Ich hab Elisabeth geliebt, mit allem, was dazugehörte. Aber sie entschied sich für jemand anderen.“
    Bedächtig legte Ardev seinen Tricorder zur Seite und machte einen Schritt auf seinen Freund zu. Auch wenn Danny diese Sache am liebsten nicht besprechen wollte, so bestand seiner Meinung nach dringender Klärungsbedarf. Nicht, dass es eines Tages zu Unstimmigkeiten gar Streitereien kam. Also stellte der Einsatzoffizier die Frage, die ihm schon länger auf der Zunge lag:
    „Hast du seitdem ein Problem mit Matt?“
    Angesichts dieser unerwarteten Frage blickte Lieutenant Bird von seinen Untersuchungen auf, musterte das Gesicht seines Gegenübers und fragte sich, was er mit dieser Frage bezweckte.
    „Ich verstehe nicht, wieso du diese Frage stellst.“
    „Aber ich sehe sehr wohl einen Sinn in ihr. Wenn du, der taktische Offizier dieses Schiffes, ein Problem mit dem Stellvertreter des Captains hast, was nicht dienstlich, sondern wegen einer Frau ist, dann müsst ihr das klären. Diese Sache kann die Atmosphäre auf einem Schiff vergiften, ganz besonders auf einem wie unseren, wo wir so sehr auf die Kameradschaft angewiesen sind. Jeder von uns muss sich sicher sein, dass er sich im Ernstfall auf den anderen verlassen kann. Also stelle ich die frage noch einmal: hast du nun ein Problem mit Commander Price?“
    Intensiv blickte Danny seinem Freund in die Augen und überlegte, was er tun sollte. Rein dienstlich stand er eine Stufe über dem Andorianer und hätte daher die Frage nicht beantworten müssen. Doch ein Berufen auf den Rang wäre nicht die Art und Weise, wie man sich gegenüber einem Freund verhielt und würde nur noch die Beunruhigungen Ardevs verstärken. Danny entschloss sich für die Wahrheit:
    „Ich finde es nicht in Ordnung, wie Matt im letzten Jahr mit Elisabeth umgegangen ist und wenn ich sie gewesen wäre, so hätte ich ihm niemals seine Eskapaden, seine Verirrungen, verziehen. Aber sie hat sich auf ihn eingelassen und derzeit scheint er sie nicht zu verletzen. Das ist es letztendlich, worum es mir geht: dass Elisabeth glücklich ist und nicht von ihm verletzt wird.“
    „Eine erwachsene Antwort“, fand Ardev und verstummte, als er den herannahenden Captain vernahm. Dieser legte Danny väterlich eine Hand auf die Schulter und fragte:
    „Haben sie beide schon herausgefunden, was für die teilweise Zerstörung des Shuttles verantwortlich ist?“
    „Wir haben einige Vermutungen, Sir“, erklärte Danny Bird und zeigte dem Kommandanten die Aufzeichnungen des Tricorders. „Ausschließen können wir auf jeden Fall den Beschuss durch Phaser. Anhand der Art und des Grades der Zerstörungen gehen wir von einem Sprengsatz aus, der nicht funktionsgerecht detoniert und daher nicht die vollständige Zerstörung des Shuttles ausgelöst hat.“
    „Also können wir einen Angriff durch ein anderes Schiff ausschließen“, fasste Lewinski zusammen und dachte kurz nach. „Eine Bombe wiederum führt zu dem Schluss, dass ihn jemand ganz bestimmtes töten wollte.“
    Instinktiv dachte John an den Fall vor einigen Wochen zurück, als sie einen Mann gefunden hatten, der ebenfalls durch einen Anschlag eine Amnesie erlitten hatte. Eine Person, die sich am Ende als ein auf ihn engagierter Attentäter herausgestellt hatte. Wie sich die beiden Fälle doch glichen! Es schien wie eine göttliche Gerechtigkeit zu sein, dass nun die Gegenseite diese Krankheit erlitten hatte und nur wenige Tage danach.
    „Weiß er schon, wer er ist?“ fragte Ardev behutsam nach.
    „Nein, noch nicht. Aber ich denke, wir können es nicht mehr lange verheimlichen.“
    „Wieso nicht?“ entgegnete Bird entsetzt und wunderte sich über die Einstellung seines Captains. „Es mag herzlos klingen, aber ist es nicht so besser für uns? Nach allem, was wir durchgemacht haben... es wäre nur fair, wenn auch wir einmal einen Sieg davontragen würden.“
    „Es klingt herzlos“, unterbrach ihn der Captain und blickte ihn strengen Blickes an. Er selbst konnte zwar nicht glauben, was er eben sagte, doch eigentlich war dies ein gutes Zeichen. Es bedeutete, dass er nach all den Jahren noch immer nicht seinen Sinn für Richtig und Falsch verloren hatte. „Wir können nicht von einem Sieg reden, wenn ein Mann im mentalen Sinne verkrüppelt wurde. Immerhin wurde er fast Opfer eines Mordanschlags. Und wie stellen sie sich überhaupt das weitere vorgehen vor, Lieutenant? Dass wir ihn wie einen Fisch im Wasser zappeln lassen, nur um unsere Gier nach Rache zu befriedigen?“
    Peinlich berührt angesichts dieser Standpauke blickte Bird zu Boden.
    „Nein, Sir, tut mir leid. Ich denke, bei mir sind eben etwas die Gefühle durchgegangen.“
    „Kein Problem, Danny. Ich kann ihren Zorn verstehen. Aber derzeit ist unser Patient so wehrlos wie ein Kleinkind. Zumindest auf die Wahrheit hat er ein Anrecht. Und alles weitere... derzeit wissen wir noch nicht, ob sein Schaden irreparabel ist oder nicht.“
    Die beiden Lieutenants blickten sich kurz an, signalisierten sich so ihre Zustimmung. Der Captain hatte Recht. In diesem Fall durften sie sich nicht von niederen Rachegefühlen leiten lassen, sondern von ihrer Barmherzigkeit. Denn diese war es, die am Ende die Menschen auszeichnete.

    Jetzt oder nie! Matt Price hatte sich in sein Quartier begeben, um endlich den längst überfälligen Anruf zu tätigen. Sehr zu seiner Überraschung zitterten seine Hände, als er mittels eines verbalen Befehls die Herstellung einer Verbindung zur USS Community befahl. Ein kleiner Teil in ihm hoffte, dass Selina in diesem Moment nicht da sein würde, doch dies würde nichts anderes darstellen als eine Flucht. Irgendwann mussten sie dieses Thema klären, so viel war Matt klar. Innerhalb weniger Sekunden erschien das Gesicht seiner Imzadi auf dem Kombildschirm.
    „Was möchtest du, Matt?“ fragte der erste Offizier der Community argwöhnisch, „ich habe nicht allzu viel Zeit.“
    Die Begrüßung war recht unfreundlich und Price konnte ihr dies nicht verdenken. Sie hatte allen Grund sauer auf ihn zu sein.
    „Ich möchte mit dir reden. Es ist einige Zeit her, seitdem wir das letzte Mal miteinander gesprochen haben, “ erklärte der Halbbetazoid ehrlich.
    „Wenn man den Leuten Glauben schenkt, die behaupten Zeit heile alle Wunden, dann ist es noch nicht lang genug her. Ich bin immer noch zornig, Matt.“
    „Und du hast auch allen Grund dazu“, beschwichtige er sie. Auf keinen Fall durfte sie nun das Gespräch beenden, nun, da sie schon dabei waren. „Ich habe im letzten Jahr einige Fehler gemacht und viele Personen verletzt. Nicht nur dich, sondern auch andere, die mir nahe stehen…“
    „Wie geht es deiner Ärztin?“ fragte seine Imzadi aus heiterem Himmel, brachte ihn so ins Stocken.
    „Bitte, dies soll jetzt nicht das Thema unseres Gespräches sein.“
    „Sondern?“
    „Wir müssen über Yasmin reden“, gestand Matt Price und versuchte in den Augen Selinas eine Reaktion zu erahnen. Leider gelang ihm dies nicht. „Es ist unser Kind und ich möchte mich an seiner Erziehung beteiligen.“
    „Ich erinnere mich! Das hast du schon einmal gesagt, als du mir Hoffnungen machtest, wir könnten eine kleine Familie werden.“
    Mahnend hob Price angesichts dieser Worte den Zeigefinger und schüttelte den Kopf.
    „Nein, ich habe dir keine Hoffnungen gemacht. Du magst zuviel in einige meiner Gesten interpretiert haben, aber ich war nie an einer neuen Beziehung zu dir interessiert.“
    „Lügner“, war die ruhige, dennoch böse Reaktion Kyles.
    „Hör mal, wir können uns noch stundenlang über dieses Thema streiten und möglicherweise sollten wir dies auch eines Tages tun. Wir haben viel Klärungsbedarf und wenn wir die Zeit finden, so sollten wir darüber reden. Im Moment jedoch habe ich nur wenig Zeit und möchte daher zu meinem wichtigsten Anliegen kommen: unsere Tochter.“
    Nun war es Selina, die ihn musterte und in seinem Gesicht nach Emotionen suchte. Sie kannte ihn schon so lange, war bestens in der Lage ihn einzuschätzen. Für Price stand ohne Zweifel, dass sie ihn immer noch liebte und dies sagte er nicht aus einem überhöhten Selbstwertgefühl, sondern weil er dies bei ihrem letzten Treffen gespürt hatte. Wieso sonst wäre auch Selina so enttäuscht von ihm gewesen.
    „Was schlägst du vor?“ fragte sie schließlich.
    „Ich… ich weiß nicht so recht. Wenn ich ehrlich bin, habe ich mir darum noch nicht so recht Gedanken gemacht, da ich niemals rechnete unser Gespräch würde so schnell zu diesem Punkt gelangen. Vielleicht wäre es ja möglich gemeinsamen Landurlaub zu machen oder etwas in der Art.“
    „Und dann unserer Tochter eine perfekte Familie vorspielen?“
    „Nein, das meine ich doch nicht!“ schüttelte Matt eifrig diesen Vorwurf ab. „Unsere Tochter soll nicht mit einer Lüge aufwachsen, sondern mit der Wahrheit. Doch für ein Kind ist es überaus wichtig mit beiden Elternteilen aufzuwachsen. Dies habe ich doch bei mir selbst bemerkt. Sie soll ab und zu die Möglichkeit bekommen, ihren Vater zu sehen. Vielleicht könnte ich sie ja auch ab und an zu mir an Bord nehmen.“
    „Auf die Monitor?“ Selinas Reaktion war pure Fassungslosigkeit angesichts dieses Vorschlags. „Auf keinen Fall! Dein Schiff ist zu gefährlich für ein kleines Kind und…. Ich überlege es mir.“
    Ihr Einlenken rührte daher, dass sie ebenso sehr wie Matt wusste, wie dringlich eine Lösung des Problems war. Einfachs Abblocken würde niemanden von ihnen weiterbringen. Sie sollten sich alle Optionen offen halten und darüber reden.
    „Wann kann ich dich wieder anrufen?“ fragte Price hoffnungsvoll. Endlich sah er Licht am Horizont.
    „Ich werde mich bei dir melden. Bis dahin warte einfach ab.“
    „Okay und gib unserer kleinen einen Kuss von mir.“
    Selina Kyle wollte etwas erwidern, verkniff es sich jedoch und deaktivierte die Verbindung. Erleichtert und geschafft starrte der Halbbetazoid noch einige Zeit auf den schwarzen Bildschirm. Er war nun weiter gekommen, als er es zu hoffen gewagt hatte. Vielleicht würden sie ja tatsächlich eine gute Lösung für sie beide finden.

    Der Raum, in dem er sich nun befand, war um einiges komfortabler und angenehmer als der vorherige. Er hatte zwar keine Ahnung, wieso man ihn nun ins so genannte Casino gebracht hatte, doch hier gab es wenigstens die Möglichkeit zu essen und zu trinken. Doch die Phase seiner Einsamkeit war nur kurz. Nur wenige Minuten, nachdem er hierher gebracht wurde, betrat Captain John Lewinski das Casino.
    „Möchten sie etwas trinken?“ fragte er den Patienten höflich und begab sich zum Replikator.
    „Ich denke ein Kaffee würde mir zusagen.“
    Der Captain entschied sich für dasselbe Getränk, gab die Bestellung in den Computer ein und holte zwei dampfende Tassen aus dem Replikator heraus. Er stellte sie an einem Tisch ab, die beiden Männer setzten sich und schienen gedankenverloren in ihrem Getränk herumzurühren. Schließlich entschloss sich der namenlose Patient ein Gespräch zu beginnen:
    „Sie kennen mich also?“
    Lewinski nahm einen kurzen Schluck aus seiner Tasse, antwortete dann:
    „Ich habe lange darüber nachgedacht, ob und wie ich ihnen dies sagen kann. Schließlich entschloss ich mich dazu, es hier und jetzt zu tun. Sie haben ein Anrecht darauf die Wahrheit zu wissen.“
    Augenblick bemerkte der Kommandant, wie schal diese Worte angesichts der Person wirkten, die ihm gegenüber saß. Er schob dem Patienten ein Padd zu, welches dieser aufnahm und sich ansah. Auf dem Padd war eine Personalakte aufgespielt worden. Das Foto zeigte ihn selbst, so wie er sich im Spiegel erkannt hatte, und neben dem Foto war ein Name abgedruckt:
    Edward Jellico.
    „Ist dies mein Name? Edward Jellico?“ fragte er und der Name fühlte sich ungewöhnlich auf seinen Lippen an. Falls er gehofft hatte, durch die Aussprache einige weitere Erinnerungsfetzen zu erlangen, so musste er leider enttäuscht werden.
    „Ja, dies ist korrekt. Sie heißen Edward Jellico.“
    John Lewinski blickte sein Gegenüber streng an, durchbohrte ihn geradezu mit seinem Blick. Irgendetwas versuchte er hinter dieser hilflosen Fassade zu entdecken, einen Rest des alten Jellicos, doch er fand nichts. Der alte Mann hatte jegliche Erinnerung an sein früheres Ich verloren.
    Bedächtig legte Jellico das Padd zur Seite, nahm einen Schluck Kaffee und fragte schließlich:
    „Kennen wir beide uns?“
    Wieder dachte der Kanadier lange über diese Frage nach. Wie nur sollte er mit dieser Situation umgehen? Immerhin saß er hier mit seinem schlimmsten Feind an einem Tisch, der sich nicht an ihre gemeinsame Vergangenheit erinnerte.
    „Ja, wir haben eine gemeinsame Geschichte.“
    „Ich hoffe, sie ist positiver Natur“, schockte ihn der Patient. „Sie sind ein sympathischer Mann, dem ich noch nicht für meine Rettung gedankt habe. Ohne sie wäre ich scheinbar in meinem Shuttle gestorben. Haben sie Dank.“
    Angesichts dieser unerwarteten, völlig irrsinnigen Worte verschluckte John fast seinen Kaffee. Nie im Leben hätte er erwartet, dass ihm der alte Mann einmal danken würde. Nicht einmal damals, als er als junger Fähnrich dem Verschwörer das Leben gerettet hatte, hatte ihm dieser gedankt. Scheinbar war der alte Mann so hilflos wie ein Kind.
    Edward Jellico bemerkte, dass er auf diese Aussage keine Antwort erhalten würde und wechselte zu einer anderen Frage, die ihn schon lange beschäftigte:
    „Habe ich eine Familie?“
    Was war besser? Geliebt und verloren oder niemals geliebt zu haben? Seit Jahrtausenden stritten sich die Philosophen über diese Frage, ohne jemals zu einer eindeutigen Antwort zu gelangen. Niemals hätte Lewinski erwartet, dass er sich jemals mit diesem Problem befassen musste. Der Geisteszustand von Jellico war immer noch instabil und es war nicht zu deuten, wie er mit der Wahrheit umgehen konnte.
    „Ich denke“, meinte John, nahm das Padd und stand auf, „dass wir Schritt für Schritt vorgehen müssen. Sie wissen nun ihren Namen. Der Rest der Informationen sollte Schritt für Schritt ihnen vorgelegt werden. Dr. Frasier arbeitet immer noch an einer Methode, um ihre Amnesie zu heilen und sie empfiehlt ein vorsichtiges Vorgehen.“
    Den Augen Jellicos war deutlich die Enttäuschung anzusehen, doch er verstand.
    „Ich danke ihnen dennoch, Captain. Sie haben mir einen Namen gegeben.“
    Irritiert war Lewinski nicht einmal in der Lage etwas zu entgegen und verließ daher eiligst das Casino. Ihm war schlecht. Er erinnerte sich an die Sache vor drei Wochen, als sie die Krise mit dem Attentäter gelöst hatten, der eigens auf seinen Kopf angesetzt worden war:

    Ungefragt betrat Matt den Bereitschaftsraum, knallte Lewinski mehrere Padds auf den Schreibtisch und erwartete stillschweigend dessen Reaktion, die er prompt zu spüren bekam.
    „Können Sie mir mal verraten, was dieser Auftritt hier soll?!“
    Wütend teilte der Halbbetazoid dem Kanadier mit, was Erdal ihm mittels Empathie verständlich gemacht hatte, bevor jener auf den Commander geschossen hatte: „Es war Jellico, er ist unser Auftraggeber!“
    Angesichts dieser Worte blickte John betreten an Price vorbei. Sie hatten sich also das letzte Jahr nicht in dem Chefverschwörer von Sektion 31 getäuscht. Er war nicht zum Guten bekehrt worden, sondern strebte mehr denn je nach Macht. Und schreckte dabei nicht einmal vor Mord an Captain Lewinski zurück. John war sich sicher: eine neue Runde in dem Zweikampf hatte begonnen…

    Und nun die umgedrehte Situation: der Auftraggeber als das Opfer! Wie sollte John mit einem Mann umgehen, der ihm schon mehrfach nach dem Leben getrachtet, es zur Hölle gemacht hatte und mit den Verschwörern von Sektion 31 paktierte, wenn nicht sogar der Kopf war?
    Edward Jellico hatte sich im Laufe seines Lebens so vieler Verbrechen schuldig gemacht, war er da nicht auf einmal an der Reihe zu leiden? Eine definitive Antwort auf diese Frage konnte der Kommandant nicht finden. Wie jemanden bestrafen, wenn derjenige nicht einmal wusste, wofür?
    Nachdenklich betrat John Lewinski die Brücke, hielt für einen kurzen Moment inne und beobachtete, wie seine Mannschaft zusammenarbeitete. Wie ein gut geöltes Uhrwerk ging jede einzelne Person ihrer Aufgabe nach, dabei immer im Verbund mit anderen. Für sie mochte dies alles selbstverständlich geworden sein, doch dies war es nicht. Um ein solches Verständnis für die Belange des anderen aufzubringen bedurfte es einer langen Zeit. Die Crew der Monitor war über die Jahre hinweg und durch die gemeinsamen Erlebnisse zu einer Einheit geworden, stellenweise sogar zu Freunden. Dieses Glück war ein Geschenk und manchmal bedurfte es einen Moment der Ruhe, um sich dieses bewusst zu werden.
    „Was gibt es neues?“ fragte Lewinski, der sich von seinen Überlegungen gelöst und wieder in das Hier und Jetzt zurückgekehrt war. Erst jetzt schien die Brückenbesatzung von ihm Notiz zu nehmen, viel zu sehr waren sie in ihre Überlegungen vertieft gewesen.
    Arena Tellom trat auf ihn zu und berichtete:
    „Wir haben alles im Umkreis mehrerer Lichtjahre abgesucht, jedoch nichts gefunden. Wer auch immer diesen Anschlag auf Edward Jellico ausgeführt hat, hat sein Bestes getan, um seine Spuren zu verwischen.“
    „Heißt dies, wir haben gar nichts?“
    „Captain, ich muss sagen“, gab die Terellianerin zähneknirschend zu, „derzeit könnte ich nicht einmal beweisen, dass jemand anderes an Bord von Jellicos Schiff war. Jedoch hat irgendjemand die Bombe dort platziert. Der oder die Täter könnte Hunderte von Lichtjahren entfernt sein, etwas Genaues kann ich ihnen nicht sagen.“
    John nickte frustriert und schickte Arena wieder an ihre Station. Also gab es auch in dieser Richtung keine Fortschritte. Was konnten sie, was konnte er jetzt noch tun? Scheinbar schien der Zufall eine sehr große Rolle in dieser Sache zu spielen. Jellico hatte sich mit seinem Shuttle auf dem Weg zurück zur Erde befunden, nachdem er auf einer Konferenz gewesen war. Auch die Monitor war für einen kurzen Zwischenstopp zurück zur Erde gerufen worden. Wie hoch war die Chance, dass sich diese zwei Schiffe in diesem riesigen Universum aufeinander trafen? Hatte jemand möglicherweise gewollt, dass ausgerechnet sie die Überreste des explodierten Shuttles fanden? Einmal mehr fühlte sich John in seiner Ansicht bestätigt, dass die Schicksale Edward Jellicos und seine untrennbar miteinander verknüpft waren.
    Die Schotts zur Brücke öffneten sich und Commander Price trat herein. Sofort näherte er sich dem Captain. Mittels seiner empathischen Fähigkeiten spürte der Halbbetazoid sofort die tiefe Sorge, die von seinem Kommandanten ausging. Wie so oft zermarterte sich Lewinski den Kopf, schien die gesamte Last des Universums auf seinen Schultern tragen zu wollen. Nachdem Matt die Brücke verlassen hatte, um das dringende Telefonat mit Selina zu führen, beschloss er nun seinem Captain zu helfen.
    „Wie geht es unserem Patienten?“ fragte Matt im vertraulichen Flüsterton und blickte seinen Vorgesetzten wartend an. Dieser bedeutete dem ersten Offizier ihm in den Bereitschaftsraum des Captains zu folgen. Lewinski nahm auf seinem Stuhl hinter dem Schreibtisch Platz, während Price natürlich ungefragt auf dem Platz ihm gegenüber Platz nahm.
    „Nun“, beantwortete der Kanadier schließlich die Frage, „er weiß endlich, wer er ist. Ich habe ihm seinen Namen gesagt.“
    „Und seine Reaktion?“
    „Er verlangt nun nach noch mehr Informationen. Sein Name hat noch keine Flut an Erinnerungen ausgelöst, er kann mit ihm nichts anfangen und so möchte er mehr Details erfahren, “ gab John zerknirscht zu.
    „Wie zum Beispiel?“
    „Er möchte wissen, ob er eine Familie hat.“
    „Wieso sagen sie ihm nicht einfach die Wahrheit?“ fragte Matt Price fast schon gutgläubig.
    „Das kann nicht ihr ernst sein, Commander!“
    „Wieso nicht, Skipper? Sind sie nicht selbst der Meinung, dass er ein Anrecht auf die Wahrheit hat?“
    Matts Aussage spiegelte genau das tiefe Dilemma wieder, in dem sich John derzeit befand. Für ihn stellte sich die Frage, wie weit die Wahrheit gehen durfte.
    „Mich überrascht ihre Reaktion, Matt“, gab Captain Lewinski schließlich zu. „Immerhin waren sie es gewesen, der hier vor drei Wochen wutentbrannt hereingerast ist und mir mitgeteilt hatte, dass Edward Jellico den Killer auf mich angesetzt hatte. Nun machen sie sich für ihn stark?“
    „Ich glaube, wir haben es hier mit einem Missverständnis zu tun“, wiegelte der Halbbetazoid ab. „Mir geht es nicht darum die Wünsche dieses Mannes zu erfüllen. Ich kann ihn genauso wenig leiden, wie sie, Skipper, aber ich versuche das Gesamtbild im Auge zu behalten. Ein Nichtswissender Edward Jellico kann uns niemals helfen Sektion 31 zu schlagen.“
    Endlich kamen sie zum Kern des ganzen Problems. Alles, was sie vorher besprochen hatten, war nichts anderes gewesen, als um den heißen Brei herumzureden. Hier ging es um weit mehr, als nur um das Schicksal einer Person. Es ging um etwas weitaus größeres.
    „Es ist unglaublich“, gab John lächelnd zu, „aber wir scheinen tatsächlich die selbe Ansicht zu vertreten. Noch vor kurzem hatte ich mit Danny Bird dieselbe Diskussion. Er machte sich dafür stark, dass wir Jellico in seinem Zustand belassen.“
    „Dies können wir nicht tun. Es bringt uns nichts.“
    „Uns etwas bringen? Glauben sie etwa, durch unsere Hilfe könnten wir diesen Mann etwa läutern?“
    Price dachte kurz über diese Worte nach, bevor er antwortete:
    „Ich denke, dies läge tatsächlich im Bereich des möglichen.“
    „Nein, diese Möglichkeit ist absolut unrealistisch. Ich kenne Edward schon länger als sie und wenn es um den Kosten-Nutzen Faktor geht, so wäre es am besten gewesen, wenn er in dieser Explosion...“
    Weiter kam er nicht, denn John erschrak über seine eigenen Worte. Wie hatte er nur diese Worte aussprechen können? War es überhaupt rechtens, sich den Tod dieses Menschen zu wünschen. Immerhin war er ihr Feind, der Böses im Schilde führte.
    „Wir reden so“, fuhr schließlich Lewinski fort, nachdem er sich wieder gefasst hatte, „als ob es eine hundertprozentige Möglichkeit gäbe, Jellico sein Gedächtnis wieder zu geben. Dem ist jedoch nicht so. Dr. Frasier arbeitet fieberhaft an einer Möglichkeit, ist jedoch noch nicht an einer Lösung dran. Bis dahin müssen wir mit diesem Mann umgehen.“
    „Und wieso berichteten sie ihm nun nicht von seiner Familie?“
    „Dieser Mann ist instabil, Matt! Was würde passieren, wenn wir ihm von der Ermordung seiner Frau und seines Sohnes erzählten? Es könnte seinen neurologischen Schaden verschlimmern und eine Heilung völlig unmöglich machen.“
    Kurz dachte Matt über diese Aussage nach, dann fragte er:
    „Kennen sie das Sprichwort Es ist besser geliebt und verloren, als niemals geliebt zu haben?“
    „Ja, ich kenne es und es ist schwachsinnig“, entgegnete John und dachte an die Frau, die er geliebt und verloren hatte. Captain Maria Enriquez, die sich mit ihrem Schiff heldenhaft in ein Borg-Schiff gestürzt und so eine Invasion des Alpha-Quadranten verhindert hatte. Wer auch immer sich diese Weisheit ausgedacht hatte, musste so etwas noch durchgemacht haben.
    „Sie lassen sich hier von ihren eigenen Erfahrungen lenken, John.“
    „Tun wir dies nicht schon die ganze Zeit über?“ fragte Lewinski ratlos und erhob sich von seinem Platz. Er blickte aus dem kleinen Fenster auf die Sterne hinaus, so als hoffte er zwischen ihnen die Lösung für ihre Probleme zu finden. „Alles was wir tun, ist nach unseren Erfahrungen vorzugehen. Der an Amnesie leidende Edward Jellico ist zu einem Spielball unserer Experimente geworden. Wir können nicht wissen, was unsere nächsten Schritte bewirken könnten.“
    „Sagen sie es ihm. Er hat, wie sie selbst sagten, ein Anrecht auf die Wahrheit. Am Ende erinnert er sich möglicherweise wieder an alles und er wird es ihnen danken. Und was ist die Alternative? Wenn wir keine Möglichkeit finden seinen Schaden zu beheben, so muss Jellico für den Rest seines Lebens mit der Amnesie leben. Da ist es nur fair, wenn er so gut wie möglich über sein früheres Leben Bescheid weiß.“
    „Je mehr Informationen wir ihm geben, desto mehr will er haben“, brachte Lewinski es auf den Punkt. „Irgendwann wird er nach seinem Beruf fragen und dann wird Sektion 31 zur Sprache kommen müssen. Dieser Zeitpunkt macht mir Sorgen.“
    „Sie können nicht ermessen, wann oder ob er überhaupt eintreten wird.“
    „Er wird es, keine Angst“, murmelte John, der schlussendlich doch seine Entscheidung getroffen hatte. Er konnte dem Patienten nur einige Brotkrumen vorwerfen. Was daraus werden würde, dies lag nicht in seinen Händen.

    Der Mann, der erfahren hatte, dass er Edward Jellico hieß, saß immer noch im Casino und harrte der Dinge, die noch auf ihn zukommen würden. Die letzten Stunden hatte er damit verbracht sich an irgendwelche Details zu erinnern, die ihm jedoch nicht einfielen. Hunderte von Male hatte er jede einzelne Silbe dieses Namens ausgesprochen, gehofft so sein Erinnerungsvermögen ansprechen zu können, war jedoch erfolglos geblieben. Die Amnesie schien stark ausgeprägt zu sein. Zur Entspannung hatte er sich mehrere Mahlzeiten aus dem Replikator genommen. Teilweise wegen des Hungers, aber auch in der Hoffnung, dass ein bekanntes Gericht ein Erinnern auslösen könnte. Doch auch gab es eine Fehlanzeige.
    Die Schotten zum Casino der Monitor öffneten sich und Captain John Lewinski, die einzige Person, die Edward bisher kannte, betrat den großen Raum.
    „Ich fragte mich schon, wann sie wieder auftauchen würden“, begrüßte ihn Edward mit einem Lächeln und setzte sich erwartungsvoll auf einen der zahlreichen freien Stühle. John nahm ohne Umschweife ihm gegenüber Platz und faltete die Hände. Offenbar hatte er ein ernstes Anliegen.
    „Ich habe sehr lange und intensiv über ihren Wunsch nachgedacht“, erklärte der Kanadier mit ruhiger Stimme. „Ehrlich gesagt bin ich dagegen, doch ich selbst habe meiner Crew gesagt, dass sie ein Anrecht auf die Wahrheit haben. Sie fragten nach ihrer Familie; jeder weiß, dass die Familie zu den wichtigsten Dingen im Leben eines Menschen gehört. Und möglicherweise könnte es ihnen bei der Suche nach Gedächtnisfragmenten helfen.“
    „Freut mich, dass sie sich so entschieden haben“, entgegnete Jellico und wartete gespannt.
    „Sie hatten eine Frau und einen Sohn“, begann der Captain und versuchte in den Augen seines Gegenübers irgendeine Reaktion zu erspähen.
    „Wie ist ihr Name?“
    „Sie hießen Jessica und Mark“, erklärte Captain Lewinski mit behutsamer Stimme.
    Erst jetzt schien dem Patienten die Wortwahl des Kommandanten aufzufallen. Er runzelte die Stirn, ließ die beiden Sätze noch einmal in seinem Kopf Revue passieren und meinte anschließend:
    „Sie sprechen in der Vergangenheitsform. Muss mir dies Angst machen?“
    Kurz zögerte John, fürchtete sich vor den nächsten Sekunden. Jedoch hatte er mit dieser Sache nun begonnen, es galt sie zu Ende zu bringen.
    „Ihre Frau und ihr Sohn“, erklärte er mit Grabesstimme, „sind seit einem Jahr tot.“
    Schon im nächsten Moment erwartete John Tränen, Gezeter und Wehklagen. Während er von dem Schicksal Jellicos Familie erzählte, musste er an seine eigene denken. An seine Mutter, die schon vor Jahren verstorben war und natürlich an seinen Vater Luke, der krankheitsbedingt im letzten Jahr verschieden war. Es war eine schmerzhafte Zeit gewesen, die er immer noch nicht vollends verarbeitet hatte. Ersichtlich wurde dies an seinem Kampf gegen die Tränen, die in seinen Augen aufsteigen wollten.
    Doch Jellicos Reaktion überraschte ihn: nichts geschah. Kein Zorn, kein Frust, keine Trauer. Das Gesicht des Patienten blieb so ausdruckslos wie zuvor und den alten Mann schien dies selbst am meisten zu irritieren.
    „Es ist seltsam“, gestand er sich selbst ein, „aber ich empfinde nichts bei dieser Information. Wie soll man um jemanden trauern, den man nicht gekannt hat?“
    „Sie erinnern sich also immer noch nicht?“
    „Nein. Selbst die Erwähnung meiner Familie löst keinerlei Erinnerungen bei mir aus... es ist seltsam. Sie sagen mir, dass ich eine Frau hatte und einen Sohn, die beide tot sind. Wie starben sie?“
    „Man ermordete beide“, erklärte John ehrlich. „Der Täter ist bis heute unbekannt.“
    Kurz wartete Edward, ließ die Worte auf sich wirken.
    „Jessica und Mark Jellico“, sagte der an Amnesie leidende noch einmal zu sich selbst und dachte über diese Worte nach. Er hatte in der Tat eine Familie besessen. Eine Frau, die auf ihn zu Hause gewartet hatte und einen Sohn, einen Stammhalter sozusagen. Zu gerne würde er wissen, wie sie aussahen, was sie getan und was sie so besonders gemacht hatte, doch er konnte sich absolut nicht an sie erinnern.
    „Es macht mir Angst“, gestand der alte Mann.
    „Was?“
    „Dass ich keine Reaktion zeige. So gefühlskalt kann doch kein Mensch sein. Ich meine, sie berichten mir von einer Frau und einem Kind, welche nicht mehr unter uns weilen und ich empfinde gar nichts. Was für ein Mensch muss dies sein, der die Nachricht vom Tod so leicht hinnimmt?“
    Unglaublicher, ja geradezu beängstigender, hätte Edward Jellico dies nicht sagen können. Aus gutem Grund wich John Lewinski für Millisekunden zurück, erschrocken über diese Worte. Was ging hier nur vor sich? Edward Jellico war in der Tat ein Mann, der den Tod anderer Menschen leichtfertig hinnahm, ganz besonders, wenn dies in seinem Interesse stand. Ganz deutlich erinnerte sich der Captain an das Ereignis vor knapp zwei Jahren, als Jellico den Chefverschwörer von Sektion 31, Nathan Sloan, getötet hatte:

    „Sie wollen uns doch nicht sagen, dass wir umsonst geflogen sind?“ fragte Lewinski wütend. Ein neuerlicher Trick von Jellico wäre in diese Situation äußerst kontraproduktiv.
    „Nicht wenn ich mir das Inventarverzeichnis dieses Schiffes ansehe“, erwiderte der ehemalige Admiral mit einem Seitenblick zu Yates.
    „Wie meinen sie dies?“
    „Wie ich dies hier lese haben sie aufgrund des Krieges noch zwei Photonentorpedos an Bord?“
    „Dies ist korrekt“, antwortete die Frachterkommandantin.
    Ohne ein weiteres Wort betätigte Jellico den Auslöser und das Schiff erbebte unter dem Torpedostart.

    Er genoss wirklich die Ruhe, wenn er hier war. Nathan Sloan atmete einmal tief durch und genoss das Ambiente, welches dieser Laden ausstrahlte. Er fühlte einen inneren Frieden, der ihm manchmal bei der Arbeit fehlte. Es war immer gut, wenn man Orte hatte, an die man sich zurückziehen konnte. Gerade beriet er ein Ehepaar, das auf der Suche nach einem alten Grammophon war. Ab und zu mal etwas ganz anderes machen, dies lockerte den Geist. Gerade wollte er über die Zahlungsmodalitäten verhandeln, da piepte sein Computerterminal. Nathan entschuldigte sich und rief die entsprechenden Daten auf. Es näherte sich ihm ein Objekt mit großer Geschwindigkeit... ein Gefechtskopf!
    Sekunden nach der Realisierung dieser Nachricht explodierte das Geschäft.

    „Was zum Teufel haben sie da getan?“ schrie Lewinski und stürmte vorwärts, packte Jellico am Kragen und drückte ihn gegen die Wand.
    „Ich habe nur ein Problem beseitigt. Es war doch ihr Wunsch, dass Sloan neutralisiert wird, “ erklärte Jellico fröhlich und schien nicht den Zorn von John Lewinski nachvollziehen zu können.
    „Ich wollte ihn schnappen und vor ein Föderationsgericht stellen, nicht ihn einfach umbringen. Wer gab ihnen überhaupt das moralische Recht diese Entscheidung zu treffen?“
    Jellico riss sich los und ordnete erst wieder sein Hemd neu, bevor er antwortete:
    „Moralisch, dies ist genau das worum es hier geht, John. Dieser Nathan Sloan hat Hunderte von Leben auf dem Gewissen. Er hat Tausende Existenzen zerstört. Es ist nur Gerechtigkeit, wenn ihm dasselbe widerfährt.“
    „Es sind Unschuldige bei der Detonation gestorben!“
    „Kollateralschäden“, winkte Edward Jellico verächtlich ab. „Wir führen einen Krieg gegen den Terror, John, und im Krieg gibt es Verluste. Ihre Familien können sich mit dem Gedanken trösten, dass sie für eine gute Sache gestorben sind.“
    „Sie Schwein!“ brüllte John wieder, „sie verdammtes Schwein! Ich mache sie persönliche für den Mord an diesen Menschen verantwortlich.“
    „Dies mag ja sein, “ erwiderte Jellico mit einem süffisanten Lächeln, „aber nichtsdestotrotz brauchen sie mich. Ich bin der einzige, der Sektion 31 ans Messer liefern kann. Und ich kann sagen, ich freue mich schon auf unsere weitere Zusammenarbeit.“


    An dieses Ereignis konnte sich der Kommandant erinnern, als ob es gestern gewesen wäre. Jellico hatte keine Wimper gezuckt und die Waffen abgefeuert. Nicht einen Anflug von Reue hatte dieser Mann gezeigt, ganz im Gegenteil, er hatte sich herausgewunden und war seiner Strafe entgangen. Von diesem Moment an war John überzeugt gewesen, dass der alte Mann dies getan hatte, um den Platz Nathan Sloans als Führer von Sektion 31 einzunehmen. Natürlich hatte er ihm dies bis heute nicht nachweisen können und derzeit sah es alles andere als gut für seinen Kampf gegen die Untergrundorganisation aus.
    Gerade aus diesem Grund war John so schockiert über diese Selbsteinsicht eines Mannes, der sich dieser Läuterung nicht einmal bewusst war. Edward Jellico kritisierte sich selbst, ohne sich dessen überhaupt bewusst zu sein.
    „Haben sie Familie?“
    Die Frage des alten Mannes riss John aus seinen Gedanken. Entsetzt stellte er fest, dass er die letzten Sekunden gedankenverloren vor sich hingeblickt hatte. Mehrere Sekunden brauchte er, um die Frage zu realisieren, dann antwortete er:
    „Nein... nein, meine Eltern sind tot.“
    „Und ihre Frau? Haben sie Kinder?“
    „Ich habe keine Frau.“
    „Dies ist schade“, entgegnete Jellico und hoffte, dass dies die richtige Antwort gewesen war. So etwas sagte man doch in einem solchen Moment, oder etwa nicht? „Gab es denn nie eine Person in ihrem Leben, mit der sie sich hätten vorstellen können für den Rest ihres Lebens zusammen zu sein?“
    Wieder war John überrascht, gepaart mit einer Mischung aus Entsetzen. Die Fragen des Patienten waren privat und gingen ihn eigentlich nichts an. Doch Edward Jellico fragte aus ehrlichem Interesse. Langsam musste sich der Captain bewusst werden, dass er hier nicht seinen alten Feind vor sich hatte, sondern eine komplett andere Person, die hilflos und krank war. Ging es ihn überhaupt etwas an, wie es um sein Privatleben stand? `
    „Doch, die gab es“, entgegnete John schließlich und erinnerte sich abermals an Captain Maria Enriquez. „Aber auch sie verschied viel zu früh aus dem Leben.“
    „Dies tut mir leid“, meinte Jellico und diese Worte taten in Johns Herzen umso mehr weh, da sie ehrlicher Natur waren.
    „Und nun?“
    „Ich bin zu alt für so etwas geworden.“
    Dies war natürlich nicht die Wahrheit, doch wie konnte er die Sache auch seinem Gegenüber erklären? John Lewinski hatte sich dem Kampf gegen Sektion 31 verschrieben und damit sein Privatleben völlig aufgegeben. Es war in den Hintergrund gerückt für eine größere Sache, die seiner Meinung nach getan werden musste und die nur er selbst anpacken konnte. Der Preis dafür war ewige Einsamkeit und der Verzicht auf die eigene Familie. Nicht nur der abgebrochene Kontakt zu seinem nun toten Vater und einem Bruder, den er Jahre nicht mehr gesehen hatte, sondern auch die Aufgabe von einer Frau und eigenem Nachwuchs. Sollte Martin nicht selbst eine Familie gegründet haben, so würde die Linie der Familie Lewinski bald ändern. Alles wegen des Kampfes gegen Sektion 31. Einer Organisation, von der John fest glaubte, dass sie sich in den Händen von Edward Jellico befand. Demselben Mann, der nun vor ihm saß und ihm ehrliches Mitgefühl entgegen brachte.
    „Wie sieht es mit meiner restlichen Familie aus?“
    „Ihre Eltern sind tot und sie sind Einzelkind“, war die ernüchternde Antwort auf Edwards Frage.
    Ruckartig riss sich Captain Lewinski hoch. Plötzlich hatte er nur noch das instinktive Bedürfnis hier wegzukommen. Er brauchte Zeit zum Nachdenken.
    „Sie wollen mich schon verlassen?“ fragte der Patient, der die Aufbruchstimmung bemerkt hatte.
    „Ja, ich habe noch einiges auf der Brücke zu tun.“
    „Und ich habe noch mehr Fragen.“
    Ohne ein weiteres Wort verließ John das Casino. Er hielt es nicht mehr länger mit dieser Person aus.

    Die Arbeiten waren anstrengend und beanspruchten viel Zeit. Dr. Frasier setzte sich erschöpft an ihren Schreibtisch und fuhr sich mit ihren Händen durch das blonde Haar. Sie brauchte eine Pause. Seit Stunden versuchte sie eine Möglichkeit zu finden, wie man das Gedächtnis von Edward Jellico wiederherstellen konnte, doch sie kam nur Schrittweise voran. Sie brauchte etwas Zerstreuung, denn ansonsten fürchtete sie ihr Kopf würde platzen. Vor ihr lag ein Padd mit der aktuellen Zeitung, welche sie von Matt mitgenommen hatte. Kurz dachte sie darüber nach, ob sie den Leitartikel lesen sollte, dann fing sie an. Jedwede Ablenkung war ihr derzeit recht:

    Sonderbotschafter Parul im exklusiven Gespräch mit uns

    Danach setzte die attraktive Ärztin wieder das Padd ab. Eine seltsame Art von Skrupel beschlich sie. Noch vor kurzem hatte sie mit Matt darüber geredet, dass es ihm alles andere als gefiel sein Privatleben so öffentlich gesehen werden zu lassen. Doch wie konnte sie ihm helfen, wenn sie nicht wusste, was genau vor sich ging? Sie liebte ihn von Herzen, dies wusste er und sie wollte sich informieren. Also fasste sie sich ein Herz und begann zu lesen:

    Sonderbotschafter Parul im exklusiven Gespräch mit uns
    Universe Today berichtet die Wahrheit

    In den letzten Tagen und Wochen war viel über das private Leben von Dr. Dr. Arsani Parul, einem der Verdientesten Diplomaten der Föderation, geschrieben worden. Die Medien waren beherrscht von Halbwahrheiten und Mutmaßungen, welche nicht selten irreführend, manchmal sogar schlichtweg falsch waren. Universe Today hat den Anspruch die Leser mit der Wahrheit zu konfrontieren. Es geht uns um eine saubere und ehrliche Darstellung der gegenwärtigen Sachlage.

    Aus diesem Grund gestattete es uns Mr. Parul ein exklusives Interview mit ihm zu führen. UT-Redakteur Jake Sisko führte mit dem Betazoiden ein Gespräch über seine Familie, seinen neu aufgetauchten Sohn und die Zukunft.

    Jake Sisko: Dr. Dr. Parul, es freut mich, dass sie sich die Zeit zu diesem Interview nehmen.
    Arsani Parul: Es hat mich einige Überwindung gekostet, doch nun freue ich mich auf dieses
    Gespräch.

    JS: Botschafter, es hat einige Wochen gedauert, bis sie sich zu einem Interview mit uns, und der Öffentlichkeit generell, bereiterklärt haben. Woher dieser Sinneswandel?
    AP: Mir war klar geworden, dass etwas geschehen musste. In den letzten Wochen ist so vieles über mich und meine Familie geschrieben worden, was schlichtweg falsch gewesen ist. Daher habe ich mich nach langem Nachdenken zu der Flucht nach vorne entschlossen. Ich möchte Gerüchten entgegentreten, die meine Karriere und mein Leben zerstören könnten.

    JS: Und ich möchte ihnen versichern, dass ich mich mehr als geschmeichelt fühle, dass sie uns dieser Ehre zuteil werden lassen. Ich versichere ihnen, dass wir das in uns gesetzte Vertrauen nicht enttäuschen werden.
    Fangen wir doch also gleich mit der dringlichsten Frage an: haben sie noch einen weiteren Sohn?
    AP: Ja, ich habe neben meinen beiden Kindern noch ein drittes Kind, einen Sohn. Er heißt Matthew und ist ungefähr Mitte Dreißig.

    JS: Mitte? Kennen sie nicht sein genaues Alter?
    AP: Doch, dies kenne ich, doch ich möchte nicht zu sehr ins Detail gehen.

    JS: Aus Sorge um ihn?
    AP: Ganz recht. Noch war er in der Lage sich von diesem ganzen Rummel fernzuhalten, doch wenn ich zu viel von ihm preisgebe, könnten ihn die Journalisten aufspüren. Matthew ist schon zu sehr aufgewühlt damit zu erfahren, wer sein Vater ist.

    JS: Er wusste also nichts von ihrer Identität?
    AP: Nein, er weiß es erst seit Anfang dieses Jahres.

    JS: Wieso dauerte es so lange, bis er von ihrer Rolle erfuhr? An wem lag es?
    AP: Definitiv an mir. Ich traute mich einfach nicht meine Identität preiszugeben. Zu sehr fürchtete ich eine ablehnende Reaktion. Wer hätte es ihm verdenken können? Wie auch andere Kinder in seiner Lage verachtete er den Vater, der seine Mutter und ihn allein gelassen hatte. Dennoch habe ich über die Jahre hinweg sein Leben verfolgt und unser Aufeinandertreffen war nicht rein zufällig gewesen.

    JS: Sie hatten also geplant ihre Identität als Vater preiszugeben?
    AP: Nein, es... es ist schwierig zu erklären. Mein Geständnis war eher zufällig gewesen. Ich denke, irgendwann bekam ich das unbändige Verlangen in seiner Nähe zu sein und dann führte eines zum anderen.

    JS: Wie reagierte er auf die Enthüllung?
    AP: Anders als ich erwartet hatte. Vermutlich auch anders, als er selbst es erwartet hatte. Es war kein Zorn oder Gezeter, sondern viel eher Überraschung... und Erschöpfung.

    JS: Wer war seine Mutter?
    AP: Eine wundervolle Frau, die ich vor langer Zeit kennen gelernt hatte.

    JS: Also stimmt es, dass es sich bei dieser Person nicht um ihre Ehefrau handelt, die sich derzeit aktiv um eine Scheidung bemüht?
    AP: Ja, es ist eine andere Frau. Wir hatten eine Affäre, zumindest aus meiner Sicht war es eine solche gewesen. Doch mit dieser Einstellung und meinem späteren Verschwinden habe ich sie sehr verletzt. Dies tut mir leid. Genauso tut mir meine Frau und meine beiden Kinder leid, denn sie haben nicht diesen Ärger verdient. Ich liebe meine Frau noch immer.

    JS: Und diese Geliebte? Wie waren ihre Gefühle für sie gewesen?
    AP: Ich habe sie gemocht. Doch Liebe? Ich weiß nicht.

    JS: In Anbetracht der Tatsache, dass man derzeit überlegt sie aus dem diplomatischen Korps zu entfernen, aufgrund von „moralischen Verfehlungen, die sie untragbar machen“: haben sie damals einen Fehler gemacht?
    AP: Mir war ein wunderbarer Sohn geschenkt worden, der sich zu einem starken Mann entwickelt hat. Ich würde daher niemals über ihn als einen Fehler sprechen. Ich stehe zu ihm, ich liebe ihn. Ich kann nur hoffen, dass er mir für meine jahrelange Abwesenheit verzeihen wird.

    JS: Herr Botschafter, ich danke ihnen für dieses Gespräch.


    Überrascht, ja fast schon imponiert, legte Elisabeth Frasier das Padd zur Seite. Nach den
    Worten von Matt hatte sie einiges erwartet, doch Arsani Parul hatte die Situation großartig gemeistert. Mehr noch, er stand zu Matt und machte in aller Deutlichkeit klar, dass er ihn liebte. Ihr geliebter Matt brauchte sich keine Sorgen zu machen. Es würde schon alles gut werden!
    Von diesem Liebesbeweis beflügelt machte sich Elisabeth weiter an die Arbeit. Neue Energien durchströmten ihren Körper und sie fühlte sich bereit zu neuen Taten.

    Vernachlässigte er derzeit seinen Dienst? Matthew Price hoffte nicht, denn abermals befand er sich in seinem Quartier, um ein wichtiges Gespräch zu führen. Natürlich waren die Ereignisse rund um den an Gedächtnisverlust leidenden Edward Jellico tragisch, aber an erster Stelle kam seine Familie. Es galt noch so vieles zu klären, also hatte er sich zurückgezogen und eine Komverbindung nach Rigel geöffnet. Schon nach kurzer Zeit erschien seine Mutter auf dem Bildschirm. Birgit war gealtert, doch war immer noch würdevoll und strahlte die Stärke aus, die es ihr ermöglicht hatte in diesen unwirtlichen Bedingungen einen Sohn großzuziehen.
    „Hallo Mama, “ begrüßte Matt seine Mutter kleinlaut und spürte schon im nächsten Moment, wie er sehr er sie doch vermisste. Sein letzter Aufenthalt zu Hause war schon viel zu lange her.
    „Matt, mein Junge, ich habe mich schon gefragt, wann du dich melden würdest“, entgegnete seine Mutter warmherzig und ihr war deutlich anzusehen, wie sie sich freute.
    „Ist alles in Ordnung bei dir? Brauchst du etwas?“
    „Mir geht es gut, Matt, danke der Nachfrage. Jedoch siehst du so aus, als ob du etwas auf dem Herzen hättest.“
    Abermals wunderte sich der Halbbetazoid darüber, wie seine Mutter es immer wieder schaffte ihn zu durchschauen, obwohl sie ein Mensch war. Wie wohl alle Mütter schien sie einen sechsten Sinn zu besitzen.
    „Du hast mich durchschaut und ich denke mal, du weißt worum es gehen wird. Also werde ich dich frei heraus fragen: wusstest du es die ganze Zeit über?“
    Der Gesichtsausdruck von Birgit Price wurde ernst angesichts dieses Themas. Sie mussten nun über diese Sache sprechen, es war notwendig.
    „Ja, ich wusste es die ganze Zeit über.“
    „All die Jahre habe ich also Arsani Parul in den Medien gesehen und niemals geahnt, dass er mein Vater ist? Wieso hast du es mir nicht gesagt?“ fragte Commander Price verzweifelt, der das ganze immer noch nicht glauben konnte.
    „Junge, dies ist einfach so schwierig zu erklären! Mehr als einmal war ich kurz davor es dir zu sagen, habe mich dann aber dagegen entschieden. Ich war sauer auf Arsani und hatte mit ihm abgeschlossen. Er existierte für mich einfach nicht mehr, war quasi tot für mich. Und zudem...“
    „Was?“ fragte der erste Offizier, der merkte, dass seine Mutter noch etwas auf dem Herzen hatte.
    „Ich wollte ihn schützen, Matt. Schützen vor dem, was nun über ihn kommt.“
    „Schützen? Eben noch sagtest du, dass du mit ihm abgeschlossen hattest.“
    „Ja, dies habe ich. Aber ich liebte ihn und hatte daher immer noch den Wunsch ihn vor dem ganzen zu bewahren. Manchmal geht die Liebe seltsame Wege, dies müsstest du doch am besten wissen!“
    „Da hast du recht“, bestätigte er sie und dachte an sein eigenes verkorkstes Liebesleben. „Und was wirst du nun tun? Wirst du dich bei ihm melden?“
    „Nein. Ich hätte es all die Jahre tun können, habe es jedoch nicht getan. Wieso auch? Er schien mich nicht geliebt zu haben, also wollte er nichts mehr mit uns zu tun haben. Aber lass mich dir etwas sagen, Matt!“
    „Ja?“
    „Wenn er jetzt mit mir sprechen wollte“, erklärte Birgit melancholisch, „dann würde ich darauf eingehen. So viele Jahre und so viel Ärger liegt zwischen uns, nun wäre es an der Zeit dies alles aufzuarbeiten. Und dass er sich so öffentlich für dich einsetzt, seine Liebe zu dir deutlich macht und dafür sogar seine eigene Ehe opfert, dies imponiert mir.“
    „Ja, er ist ein großer Mann“, sagte Matt Price fast selbstverständlich und wunderte sich über seine Worte. Vielleicht würde doch noch alles zwischen ihnen gut werden. Möglicherweise würde er doch noch eine richtige Familie haben. Man musste nur abwarten, was die Zeit mit sich brachte.

    Sein Schlaf war unruhig, dennoch war er dankbar für diese kleine Pause gewesen. Nach dem langen Aufenthalt im Casino hatte man Edward Jellico gestattet sich in ein Quartier zu begeben. Dort angekommen hatte er sich sogleich hingelegt und war eingeschlafen. In seinen Träumen waren ihm Bilderfetzen von Personen und Begebenheiten begegnet, die er nicht zuordnen konnte. Sen Geist versuchte fieberhaft sich zu erinnern, was ihm jedoch nicht gelang. Irgendwann, Edward wusste nicht, ob es schon der nächste Morgen war, wachte er auf und stellte zu seiner Überraschung fest, dass Captain Lewinski neben seiner Liege auf einem Stuhl saß. Sein Gesichtsausdruck war ernst, er schien sich große Sorgen zu machen.
    „Captain Lewinski!“ begrüßte ihn der Patient freundlich. „Schön, sie zu sehen.“
    „Haben sie etwas schlafen können?“
    „Ja, es tat gut mal wieder ein Auge zuzumachen. Sie müssen wissen, ich habe die letzten Stunden sehr intensiv nachgedacht.“
    „Dies kann ich mir vorstellen“, entgegnete der Captain und blickte zu Boden. Irgendetwas schien in seinem Kopf vorzugehen.
    „Was haben sie auf dem Herzen?“
    Die Frage Jellicos war ernst gemeint und er lächelte sogar. Irgendwie mochte er diesen Mann, der sich bisher um ihn gekümmert hatte. Sie beide schienen sich tatsächlich zu kennen, auch wenn er mit dem Namen Lewinski bisher nichts anfangen konnte.
    „Dr. Frasier ist es gelungen eine Rekonvaleszenzmethode für ihr Gedächtnis zu finden. Der Eingriff wäre schwierig, aber machbar, “ erklärte Lewinski frei heraus.
    Im Geiste des Captains raste es. Im Grunde hatten sie die ganze Zeit über auf diese Entwicklung gehofft, denn sie bedeutete die Heilung des Patienten. Doch was bedeutete dies noch? Edward Jellico würde zu dem Menschen werden, der er vorher gewesen war. Einem Intriganten, einem potentiellen Mörder und einem Feind der Föderation. John hatte die einmalige Chance gehabt es seinem Widersache endlich heimzuzahlen und dennoch hatte er sich vor der gesamten Mannschaft dafür eingesetzt diese Chance nicht zu nutzen. Erst jetzt wurde ihm bewusst, was dies bedeutete. Der alte Mann, der sich in den letzten Stunden und Tagen so großartig mit ihm verstanden hatte, der scheinbar ein so geläuterter Mann geworden war, würde bald wieder verschwunden sein. Am meisten beschämte es John, dass er Mitlied mit dem Verschwörer empfunden hatte. Durfte man seinen Feind bedauern? Bald, sobald die Therapie abgeschlossen worden war, würden sie beide sich wieder auf gegensätzlichen Seiten befinden.
    Das Gesicht Jellicos drückte Freude aus. Er sprang von der Liege hoch, umarmte den Captain und meinte:
    „Das sind ja großartige Neuigkeiten, mein Freund! Ich danke ihnen!“
    Diese Worte fühlten sich wie Nadelstiche in Johns Herzen an. Er stockte.
    „Was haben sie?“ fragte der Patient, dem diese Veränderung natürlich aufgefallen war.
    „Sie haben mich eben einen Freund genannt.“
    „Und dies sind sie auch? Seit meinem Erwachen haben sie sich so intensiv um mich gekümmert; ich kann ihnen dafür gar nicht dankbar genug sein.“
    Doch Edward bemerkte, dass etwas nicht stimme. Die Augen des Kommandanten boten eine seltsame Mischung aus Wut und Trauer.
    „Aber wir sind keine Freunde“, erklärte John Lewinski.
    „Kennen wir uns denn? Ich habe die ganze Zeit über vermutet, dass sich unsere Wege schon einmal gekreuzt haben.“
    „Ich versuche seit Jahren gegen sie zu ermitteln“, gestand der Captain schließlich. Zu groß war der Druck auf ihn geworden, er musste endlich die Wahrheit loswerden.
    Es war dem alten Mann deutlich anzusehen, wie geschockt er über diese Entwicklung war. Mit diesen Worten hatte er ganz und gar nicht gerechnet.
    „Wieso wollen sie gegen mich ermitteln?“
    „Sie sind eine Gefahr für die Föderation...“
    Weiter kam Lewinski nicht, denn er stockte. In dieser Situation konnte er einfach nicht weiter sprechen. Es lenkte auch viel zu sehr von dem eigenen Thema ab.
    „Sie müssen sich entscheiden, ob sie sich behandeln lassen wollen oder nicht. Zwingen kann sie keiner von uns.“
    „Noch vor wenigen Minuten war ich fest entschlossen mein Bewusstsein wieder zu erlangen und nun erzählen sie mir das hier“, murmelte Jellico nachdenklich. „Wir beide Feinde... damit hätte ich nie gerechnet. Ich habe unsere gemeinsame Zeit sehr genossen und ich wünschte, wir würden uns unter anderen Umständen kennen gelernt haben. Ich werde mich sofort behandeln lassen.“
    „Und zu dem Mann werden, der schlechtes im Sinn hat...“
    „Woher wollen sie das wissen??“ fragte Jellico traurig. „Woher wollen sie wissen, was meine Motive, was meine Ziele sind. Können sie mich überhaupt einschätzen. Und überhaupt: ich bin, was ich bin. Ich kann kein neues Leben in diesem Alter beginnen, ein Leben ohne Erinnerungen und Freunde. Ich bin Edward Jellico und ich werde es immer sein.“
    „Es ist ihre Entscheidung“, entgegnete Captain Lewinski nachdenklich und erhob sich von seinem Stuhl. „Ich werde Dr. Frasier Bescheid sagen.“
    „Ich bitte darum“, war der letzte Satz, den John von dem neuen Edward Jellico hörte.
    Für einen kurzen Moment waren sie beide keine Widersacher gewesen. Eine viel zu kurze Zeit.

    Das Casino, der Ort, der während der letzten Ereignisse der zentrale Handlungsort gewesen war, war nun feierlich gestaltet und geschmückt worden. Nach dem ganzen Stress gab es endlich einmal gute Nachrichten zu verkünden. Ausgewählte Offiziere hatten sich in dem Casino aufgestellt und richteten ihr Augenmerk auf drei Personen, die in der Mitte des Raumes in Reihe standen: die Fähnriche Miguel Sanchez, Salma Halek und Fähnrich Alex Bolder. Feierlich trat Captain John Lewinski nach vorne, er hielt eine Urkunde aus echtem Papier in der Hand und er lächelte den drei jungen Menschen zu. Es war ein feierlicher Moment, auf den sie lange genug gewartet hatten.
    „Werte Gäste und Offiziere,“ begann der Kommandant der USS Monitor, „wir haben uns hier zusammengefunden, um drei verdiente Kameraden zu ehren, die schon seit langer Zeit auf unserem Schiff dienen und auf diesen Moment warten. Im Namen des Oberkommandos der Sternenflotte der Vereinigten Föderation der Planeten ist es mir eine besondere Ehre
    Fähnrich Miguel Sanchez, Fähnrich Salma Halek und Fähnrich Alex Bolder in den Rang eines Lieutenants Junior Grade zu befördern, mit allen dazugehörigen Rechten und Pflichten. Gerade für Lieutenant Sanchez ist dies ein wichtiger Moment, da ihn diese Beförderung als neuen Chefingenieur der Monitor bestätigt. Ich habe keinerlei Zweifel, dass er der großartigen Tradition von Chief Woil und Chief O´Brien folgen wird.“
    Unmittelbar im Anschluss an diese Worte klatschten die anwesenden Gäste und der Captain heftete den glücklich lächelnden Offizieren den zusätzlichen Rangpin an den Kragen. Nachdem der Captain zurückgetreten war, beugte sich Bolder zu seinem Freund Miguel und flüsterte ihm augenzwinkernd zu:
    „Siehst du? Man muss nur lang genug warten können. Nun haste deine Beförderung.“
    „Ja. Endlich, “ stimmte der Spanier zu, dessen Brust stolzgeschwellt war. Nun hatte er nach fünf Jahren sein Ziel erreicht: er war der verantwortliche Chefingenieur des Schiffes geworden, er würde die Verantwortung tragen. Um dieser Aufgabe so gut wie möglich zu entsprechen, würde er sein bestes geben. Dies schwor er sich.
    Nach dieser kleinen Zeremonie begann der gesellige Teil des Abends. Getränke und kleine Häppchen wurden gereicht, die anwesenden Gäste bildeten kleine Diskussionsgrüppchen, in denen es vornehmlich um die neuen Lieutenants ging. Dr. Frasier suchte in der Gruppe der Anwesenden ihren Liebsten und trat auf ihn zu. Der Halbbetazoid stand etwas verloren in der Ecke und schien nachzudenken. Sein Gesicht hellte sich etwas auf, als er Elisabeth sah.
    „Hi du, “ begrüßte er sie. „Ich hätte nicht gedacht, dass du nach dieser anstrengenden Behandlung noch die Zeit für diese Zeremonie aufbringen könntest.“
    „Für gute Freunde schaffe ich alles. Und für die Menschen, die ich liebe, auch.“
    Angesichts dieser Worte runzelte Matt die Stirn.
    „Wie meinst du das?“
    „Du solltest dir nicht so viele Sorgen machen, Matt. Die ganzen Dinge um uns herum geschehen und einige davon können wir nicht beeinflussen. Was am Ende zählt, ist unsere Liebe. Auch der Liebe deines Vaters kannst du dir gewiss sein. Ich habe das Interview mit Arsani gelesen und in Verbindung damit, wie wir diesen Mann kennen gelernt haben, denke ich nicht, dass er dich ausschlachtet. Ganz im Gegenteil, er steht in aller Öffentlichkeit zu dir und darauf solltest du stolz sein.“
    „Vielleicht hast du recht“, entgegnete der erste Offizier, dem diese Worte gut taten.
    „Was Selina angeht...,“ fuhr die Ärztin fort, „da habe ich auch das Gefühl, dass sich noch alles zum Guten wenden wird. Du wirst deine Tochter noch oft genug sehen, glaube mir... unsere Tochter.“
    Angesichts dieser Worte lächelte der Halbbetazoid und er umarmte die Frau, die er liebte. Mit ihr, so hatte er das Gefühl, konnte er alles im Leben schaffen. Sie war es, mit der er den Rest seines Lebens verbringen wollte. Er konnte gar nicht genug dankbar dafür sein, dass sie ihn ebenfalls liebte.

    Captain Lewinski selbst hatte sich recht früh von der Feier verabschiedet. Er hatte noch etwas zu tun, was ihm am Herzen lag. Als ob er magisch angezogen werden würde, begab er sich auf die Krankenstation, wo neben einer Sicherheitswache auch Edward Jellico auf einem Biobett lag. Der alte Mann hatte sich, gerade erholt von der Behandlung, im Bett aufgesetzt und las etwas. Als John in sein Sichtfeld kam, zeigte Edward nicht mehr einen Anblick der Freude, sondern der des Verstehens.
    „Guten Abend, Captain Lewinski“, begrüßte der Verschwörer den Kommandanten und seine Stimme wirkte viel zynischer als vorher.
    „Mr. Jellico, wie ich hörte, ist ihre Behandlung erfolgreich verlaufen.
    Mit beiden Händen wuchtete sich der alte Mann vom Bett herunter und machte einige wacklige Schritte auf den Captain zu. Von ihm ging keine Gefahr aus, er wollte nur seinem Gegenüber in die Augen blicken können.
    „Ja, ich habe mein Gedächtnis wieder vollständig erlang. Mein Dank gilt natürlich Dr. Frasier, deren Behandlung gewirkt hat.“
    „Schön. Wir befinden uns auf dem Weg zur Erde, wo wir sie absetzen werden.“
    Eigentlich hatten dies seine letzten Worte sein sollen. John drehte sich herum und machte Anstalten die Krankenstation zu verlassen, dem Ort, wo alles begonnen hatte, doch die Stimme Edward Jellicos hielt ihn auf.
    „Captain, eine Sache wäre da noch!“
    „Ja?“ fragte Lewinski misstrauisch und drehte sich noch einmal in Richtung seines Erzfeindes.
    „Während meiner zeitweiligen Amnesie haben sie sich um mich gekümmert und mir geholfen. Ich habe nicht vergessen, was in dieser Zeit geschehen ist. Dafür haben sie meinen Dank.“
    Diese Worte schienen Jellico leicht über die Lippen zu gehen, viel schwerer fiel es dem Kanadier zu erwidern:
    „Gern geschehen.“
    „Aber wieso haben sie dies getan? Sie hätten mich in meinem Zustand belassen können, allein und verloren. Dennoch kümmerten sie sich um mich. Wieso?“
    Auf diese Frage wusste John Lewinski selbst keine richtige Antwort. Wie konnte man dies anderen Personen erklären? Es hatte sich mehr um ein Gefühl statt einer Erklärung gehandelt.
    „Weil sie ein Mensch sind“, meinte der Captain schließlich. „Das unterscheidet uns von den Tieren: man hilft seinem Feind.“
    „So denken sie immer noch über mich? Ich wäre ihr Feind?“ fragte der alte Mann enttäuscht.
    „An dieser Einstellung wird sich wohl auch nie etwas ändern.“
    „Dennoch möchte ich ihnen meinen Dank aussprechen, dafür, dass sie mir geholfen haben. Und auch wenn sie denken, dass ich nicht zur Milde fähig wäre, so mache ich ihnen ein Geschenk: in Zukunft werde ich ihr Leben unangetastet lassen.“
    Diese Worte schockten John, obwohl sie nicht unerwartet kamen. Meinte er dies ernst?
    „Ist dies ein Geständnis, dass sie versucht haben mich zu töten?“
    „Ich gestehe gar nichts“, entgegnete Jellico generös. „Ich verspreche ihnen nur, dass sie am Leben bleiben werden.“
    Mehr wollte John nicht hören. Die letzten Ereignisse waren ihm wie ein zynischer Witz des Universums vorgekommen. Er flüchtete fast schon panisch aus der Krankenstation und wurde sich klar, dass es abermals in dieser Runde zwischen ihm und Jellico nur ein Unentschieden gegeben hatte.

    Der Türsummer riss ihn wieder aus den Gedanken, die sich seither nur um dieses Gespräch mit Jellico drehten.
    Schnell sammelte sich Lewinski wieder und erteilte der Tür den Befehl den Besucher den Eintritt in den Bereitschaftsraum zu gestatten. Wie erwartet sah der Captain dann Matt Price dort stehen.
    „Sie wollten mich sprechen Skipper?“, fragte Matt freundlich.
    „Ja Matt, setzen Sie sich“, antwortete Lewinski und deutete auf den Stuhl vor dem kleinen Schreibtisch.
    Matt setzte sich und spürte sofort, dass etwas nicht stimmte. Lewinski hatte seinen Kopf in die Handflächen gestützt und atmetet schwer.
    „Stimmt etwas nicht?“, fragte Price.
    Lewinski nahm einen tiefen Atemzug und lehnte sich zurück. „Sagen Sie mir, dass wir das Richtige gemacht haben.“
    „Sie haben Zweifel?
    Wieder seufzte er und überdachte dabei seine Frage und seine Antwort. „Nein, eigentlich nicht. Zweifel ist wohl das falsche Wort.“
    „Auf was wollen Sie hinaus?“
    „Ich will...“, Lewinski hielt inne und atmete schwer. Verzweifelt versuchte er tief und gleichmäßig zu atmen. Doch es half nichts.
    „Mit Ihnen stimmt doch was nicht. Skipper, was ist los?“, fragte Price, dem natürlich aufgefallen war, dass Lewinski Schmerzen hatte. Dazu der schwere Atem, der Schweiß auf seiner Stirn, der plötzliche bleiche Gesichtsausdruck.
    „Es ist nichts... es geht gleich wieder“, wich Lewinski aus. Doch damit belog er sich nur selbst. So schlimm waren die Schmerzen noch nie gewesen.
    Matt entschied jedoch anders. Er stand auf und trat neben seinen Captain. „Es geht nicht Skipper. Ich bringe Sie jetzt auf die Krankenstation.“ Er ließ seinen Worten Taten folgen und hievte Lewinski aus dem Stuhl. Zuerst wollte sich dieser noch wehren, doch selbst zu einem kleinen Widerstand fehlte ihm die Kraft.

    Doktor Frasier staunte nicht schlecht, als Matt Price die Krankenstation betrat und dabei John Lewinski stützte. Doch dieses Bild schüttelte sie sofort aus ihren Gedanken und widmete sich ihrem Patienten.
    Im Hintergrund stützte sich Edward Jellico auf und beobachtete das Geschehen.
    „Was ist mit ihm passiert?“, fragte sie Matt, während sie den Captain mit dem Tricorder scannte.
    „Ich habe mit ihm gesprochen, da bekam er plötzlich Schmerzen“, antwortete Matt, der Lewinski geholfen hatte, auf eines der Biobette zu liegen.
    Wo der Herd der Schmerzen lag war nicht schwer zu erkennen für die erfahrene Ärztin. Verkrampft hielt Lewinski seine Hand auf eine Stelle an seinem Bauch. Er war in der Zwischenzeit kaum mehr ansprechbar, so sehr wurde er von den Schmerzen in Anspruch genommen.
    „Ich kann nichts erkennen“, berichtete die Ärztin, klappte den Tricorder zu und wandte sich an Matt. „Öffne seine Uniform.“
    Price tat wie geheißen und entkleidete den Oberkörper des Captains.
    Frasier holte schnell einige andere medizinische Geräte aus einem der Schränke und trug sie auf einem Tablett zum Biobett.
    Sie verabreichte Lewinski zuerst ein Hypospray. „Das ist gegen die Schmerzen, sie müssten sich gleich besser fühlen“, berichtete sie und sah, wie sich Lewinski auch gleich wieder etwas entspannte. Dann zog sie einen kleinen Schlauch aus der Wand und befestigte das Ende an Lewinskis Nase. Mit einigen Tastendrücken auf dem Display an der Wand aktivierte sie das System und verabreichte dem Captain Sauerstoff.
    Sie leget darauf einige Messinstrumente auf Lewinskis Stirn und auch auf seine Brust. Die Daten wurden auf dem Bildschirm über dem Bett ausgegeben. Sie entnahm dem Captain dann auch noch eine Blutprobe, die sie sogleich vom Computer untersuchen ließ. Schließlich nahm sie noch ein etwas größeres Gerät zur Hand, an dessen Ende eine matte Konvexe Fläche war, die nach aktivieren des Geräts leicht rosa schimmerte. Sie hielt das Gerät direkt auf den Bauch des Captains und sah sich die Daten, die dieses Gerät ausgab auf dem Bildschirm an.
    Schon nach wenigen Sekunden kam ihr ein erschreckender Gedanke.
    „Captain, hatten Sie schon mal solche Schmerzen?“
    Lewinski nickte stumm. Noch immer schwächten ihn die Schmerzen, die sich zwar etwas beruhigt hatten, ihn jedoch noch immer quälten und ihm jede Kraft raubten.
    Ein akustisches Signal wies Frasier darauf hin, dass die Blutanalyse beendet war. Sie rief die Daten mit einem Knopfdruck auf den Schirm und sah sich die Werte an.
    Sie ließ schon nach wenigen Moment mit dem anderen Gerät von Lewinski ab und ging in die Hocke. So konnte sie Lewinski direkt in die Augen sehen, der inzwischen seinen Kopf müde zur Seite gelegt hatte.
    „Sir, es bestehen mehrere Möglichkeiten für den Grund ihrer Schmerzen, jedoch weiß ich ja über ihren Vater Bescheid. Demnach nehme ich an, dass es antallianischer Krebs ist.“
    Geschockt rang Lewinski um Fassung. Doch es gelang im nicht lange. Schon nach wenigen Sekunden rannen ihm einige Tränen über die Wangen.
    „Haben Sie mich verstanden Sir? Es ist antallianischer Krebs. Ich überweise Sie in die Sternenflottenklinik auf der Erde. Dort können Sie eingehend untersucht werden“, wiederholte Frasier und sah dabei nur, wie Lewinski erneut stumm nickte. Sie richtete sich daraufhin auf und suchte Trost in Matts Augen. Doch auch er war von der Situation mitgenommen. Denn von den Gefühlen, die er von Lewinski empfing, dieser Mischung aus Angst, Verzweiflung, Hoffnungslosigkeit und Einsamkeit, konnte er sich nicht abschirmen. Er wollte es auch nicht.
    Lewinski entdeckte jetzt Edward Jellico, der zu ihm vom anderen Biobett sah und nun Augenkontakt mit ihm herstellte. Sein Gesicht bildete den selben arroganten Ausdruck, den er immer trug. „Es scheint, als bräuchten Sie mich gar nicht um zu sterben“, flüsterte Jellico. Doch Lewinski verstand die Worte.
    Er verstand das Urteil, dass ihm zuteil wurde.
    Er schloss die Augen und gab sich der Dunkelheit hin.
    Und zum ersten Mal überhaupt zog sein gesamtes Leben an ihm vorbei.




    DER FREMDE
    based upon "STAR TREK" created by GENE RODDENBERRY
    produced for TREKNews NETWORK
    created by NADIR ATTAR
    executive producer NADIR ATTAR
    co-executice producer CHRISTIAN GAUS & SEBASTIAN OSTSIEKER
    producer SEBASTIAN HUNDT
    lektor OLIVER DÖRING
    staff writers THOMAS RAKEBRAND & JÖRG GRAMPP and OLIVER-DANIEL KRONBERGER
    written by NADIR ATTAR
    TM & Copyright © 2005 by TREKNews Network. All Rights Reserved.
    "STAR TREK" is a registered trademark and related marks are trademarks of PARAMOUNT PICTURES
    This is a FanFiction-Story for fans. We do not get money for our work!

    Quelle: treknews.de
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