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  • Monitor - 6x12: Der rechte Weg

    alles nur aus Liebe?
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    Immer tiefer verstrickt sich Jozarnay Woil in den Wirren seiner Gefühle. Liebe und seine Abhängigkeit zum Ketracel-White ziehen ihn immer tiefer in den Machtkampf zwischen Stella Tanner und Edward Jellico um die Vorherrschaft von Sektion 31


    Was bisher geschah...

    Der Antosianer war mit seiner menschlichen Begleiterin noch einige Zeit durch die Station geirrt. „Geirrt“ war wohl in diesem Fall das falsche Wort, denn es implizierte eine Art von Ziellosigkeit. Ziellos war jedoch ihr Weg ganz und gar nicht gewesen, viel eher geprägt durch den Versuch ihren unbekannten Häschern zu entgehen. Schließlich erreichten sie die belebte Promenade, wo sich Hunderte von Angehörigen verschiedenster Spezies aneinanderreihten und die Schaubuden. Woil blickte Stella an und ihr stummer Blick signalisierte Zustimmung. Beiden war klar, dass es manchmal am besten war sich an einem belebten Ort zu verstecken, in der Menge unterzutauchen. Also setzten sie sich an einen Ecktisch in einer schmierigen Kneipe und bestellten sich etwas zu trinken. Sie spekulierten darauf, dass Sektion 31 nicht so dumm wäre eine Konfrontation in der Öffentlichkeit zu suchen. Hoffentlich.
    „Was will Edward Jellico von dir?“ fragte Jozarnay leise, nachdem man ihnen das Bier gebracht hatte.
    „Ich sage mal so: unsere politischen Ansichten sind eher gegensätzlich, “ erklärte Stella mit normaler Stimme, so als bereitete es ihr keine Sorgen über diese Verschwörerorganisation in der Öffentlichkeit zu sprechen.
    „Du hattest also näher mit ihm zu tun?“
    „Du etwa?“
    Die rothaarige Frau blickte ihn erwartungsvoll an und Jozarnay wog ab, wie viel er sagen konnte. Doch irgendwie hatte er ein unglaubliches Vertrauen zu dieser Dame gefasst. Sie verursachte in ihm ein Gefühl, welches er schon lange nicht mehr gekannt hat. Wohl fühlte er sich in ihrer Nähe, geborgen. Ob sie auch so empfand? Zumindest schien sie ihm ebenfalls zu vertrauen, ansonsten würde sie nicht mit ihm darüber reden zu wollen.
    „Ich war früher bei der Sternenflotte und kenne Edward Jellico schon seit einigen Jahren.“
    „Tatsächlich?“ Stella weitete überrascht ihre bezaubernden Augen. „Dientest du auf einem Raumschiff?“
    „Ja“, erklärte Woil und ließ routinemäßig seine Augen über die Promenade schweifen. Bisher nichts Verdächtiges zu sehen. „Erst kannte ich ihn nur vom Hörensagen, dann von persönlichen Kontakten und die gab es reichlich. Wir, also meine ehemaligen Kameraden und ich, hatten einige unerfreuliche Begegnungen mit ihm.“
    Unruhig trippelte er mit seinen Fingern auf dem Tisch herum. Seine letzte Injektion lag schon Tage zurück und die Auswirkungen begann er immer deutlicher zu spüren. Das White, welches ihm von Tanner angeboten worden war, fiel den Flammen der Bombe zum Opfer. Noch ein wenig länger konnte er es ohne aushalten, doch irgendwann würde er eine Injektion brauchen, so viel stand fest.
    „Und du? Was verbindet euch?“ fragte der ehemalige Chefingenieur, teils um sich abzulenken, teils aus echtem Interesse.
    Die angesprochene Frau schien für einen Moment zu überlegen, wie viel sie von ihrem Leben preisgeben durfte, dann erklärte sie:
    „Auch ich war früher ein Mitglied von Sektion 31.“
    Diese Aussage war überraschend, gänzlich unerwartet. Früher, als er noch Mitglied der Sternenflotte gewesen war, wäre Jozarnay aufgesprungen und hätte sonst etwas gemacht. Doch heute nicht mehr. Viel zu sehr war er interessiert an der Geschichte dieser Frau, die ihn so sehr faszinierte. Sein Schweigen schien für sie nur noch mehr eine Aufforderung zum reden zu sein. Wie so oft, es schien eine Marotte zu sein, warf sie ihr langes Haar mit einer Hand zurück und erklärte:
    „Lange Zeit sogar habe ich dort verbracht, mich hochgearbeitet und an die Ideale dieser Organisation geglaubt. Ob du es glaubst oder nicht, früher wollte Sektion 31 nur das beste für die Föderation. Aber durch Edward Jellico wird alles pervertiert. Er möchte die Organisation zu seinem persönlichen Zwecke nutzen und nicht zum Wohl der Allgemeinheit. Ich bin die letzte Vertreterin der alten Ordnung, die, die sich ihm am hartnäckigsten widersetzt. Daher jagt er mich.“
    „Die Gruppe, von der du sprichst, habe ich aber anders erlebt.“
    „Ach ja? Wie denn?“
    „Verschlagen. Gemein. Selbstsüchtig, “ zählte der Antosianer auf. „Sie erhoben für sich den Anspruch den gottgleichen Auftrag zu haben die Föderation zu schützen, auch wenn ich dieses Wort nicht gerade benutzen würde. Sektion 31 zerstörte unzählige Existenzen und Leben, einige von ihnen waren mir bekannt.“
    „Dies waren schon die eingerissenen Strukturen“, beschwichtigte Stella ihn und legte ihre Hand auf seine. „Ich gehöre noch zur alten Garde, die dies alles genauso abstößt wie dich. Daher jagt man mich.“


    Weit entfernt von der Monitor, auf einer geheimen Basis, befand sich der ehemalige Chefingenieur eben jenes Schiffes und wanderte mit verschränkten Armen auf und ab. Jozarnay Woil befand sich in einer riesigen Halle, die gleichzeitig für Lagerung als auch als Shuttlerampe benutzt wurde. Links und rechts von ihm säumten mehrere kleine Raumschiffe die kalten Metallwände und einige Menschen in Overalls liefen hin und her. Bei ihnen handelte es sich um Techniker, die für die reibungslose Funktion dieser Anlage verantwortlich waren. Kurz hatte der Antosianer überlegt, ob er den Arbeitern zur Hand gehen sollte, hatte sich dann jedoch dagegen entschieden. Zu gering war inzwischen sein Interesse an jeglicher technischen Arbeit. Viel mehr interessierte er sich derzeit für die Person, die diese Anlage mit mehreren Dutzend Kameraden betrieb: Stella Tanner.
    Die erste Frau seit Larla, für die er wieder etwas empfand. Die er aus tiefsten Herzen liebte. Für einen Außenstehenden mochte es unsinnig sein, dass man schon nach so kurzer Zeit solche Gefühle für eine Person hegen konnte, doch tief in seinem Inneren war sich Jozarnay sicher, dass er diese Frau wollte. Und auch Stella selbst liebte ihn, davon ging er fest aus. Wenn sie nichts für ihn empfinden würde, hätte sie ihn dann in ihre wahre Existenz eingeweiht? Ihm von ihrer Fehde mit Edward Jellico, dieser geheimen Anlage und dem Kampf innerhalb von Sektion 31 erzählt? Einer Art Bürgerkrieg, die die mächtigste und konspirativste Geheimorganisation in der Geschichte der Menschheit, wenn nicht gar des Quadranten, zu entzweien droht. Doch hier, an jenem Ort, waren sie sicher vor den Zugriffen von Jellico und seinen Häschern, die Tanner und ihn schon bei ihrer ersten Begegnung umbringen wollten. Schon zu seinen Zeiten auf der Monitor hatte Woil nichts anderes als Verachtung für den ehemaligen Admiral übrig gehabt, nun hasste er diesen Mann. Wer Stellas Feind war, der war auch seiner. Er hatte sich geschworen mit dieser Frau, die er liebte, durch alle Widrigkeiten des Lebens zu gehen. Ihr Kampf zur Restaurierung der Sektion 31 in eine legale Gruppe war der gerechte Weg, dies stand für Woil fest und er wollte sie bei diesem ehrbaren Ziel unterstützen.
    Derzeit jedoch hatte sich Stella in ihre privaten Arbeitsräume zurückgezogen und sogar den ehemaligen Chief von sich gewiesen. Als dies vor gut zwei Stunden geschehen war, hatte sie dies damit begründet, dass sie nachdenken müsse. Jozarnay hatte ihr natürlich diese Freiräume gestattet und war etwas durch die Basis gewandert. Nun, nach diesen 120 Minuten, beschloss er noch einmal bei ihrem Büro anzuklopfen und sich nach ihrem Befinden zu erkundigen. Sehr zu seiner Überraschung wurde er in den Raum hinein gebeten. Das Büro war altmodisch eingerichtet, mit alten Holzvertäfelungen und alten Gemälden an der Wand. Laut ihrer Aussage handelte es sich bei jenen Werken ausnahmslos um Originale und dienten dazu, die „englische Clubatmosphäre“ zu unterstreichen. Woil hatte keine Ahnung, was eine englische Atmosphäre sein sollte, aber er fand diesen Raum auf jeden Fall beruhigend. Es war kein Wunder, dass Stella an diesem Ort am besten arbeiten konnte. Seine Liebe saß in dem Schreibsessel, ihren Kopf auf der aufgestützten Faust abgestellt, ihre roten Haare ummalten ihr zartes Gesicht. Wie in jeder Situation bot sie einen fabelhaften und anbetungswürdigen Anblick. Ihre grünen Augen richteten sich auf Jozarnay, als er in das Büro eintrat und fragend vor ihrem Schreibtisch stehen blieb.
    „Ich wollte sehen“, meinte der Antosianer fürsorglich, „ob es dir inzwischen besser geht. Vorhin sahst du sehr gestresst aus.“
    Für eine kurzen Moment sah die Frau sehr ratlos aus, dann lächelte sie herzerwärmend und antwortete:
    „Danke, dass ist lieb von dir. Ich war vorhin ein wenig grob zu dir. Bitte verzeih! Du musst verstehen, dass einiges geschehen ist, worüber ich mir Gedanken machen muss.“
    „Schlechte Nachrichten etwa?“ fragte Woil.
    „Eine Aktion ist nicht so verlaufen, wie ich sie mir erhofft hatte“, erklärte Stella Tanner ehrlich. Wie schon gesagt, diesen Vertrauensbeweis wusste der ehemalige Chefingenieur am meisten zu schätzen. Sie sprach mit ihm offen über ihre Operationen, zog ihn ins Vertrauen und hatte ihn sogar schon einmal konsultiert.
    „Eine große Sache?“
    „Nein, aber eine wichtige... so gesehen war es also doch eine große Sache. Du siehst, alles ist eine Frage der Ansicht und Auslegung.“
    Angesichts dieser Worte lächelte Jozarnay und ließ kurz seinen Blick durch den Raum schweifen. Bücherregale säumten die Wand, unterbrochen durch Terminals und Computerstationen.
    „Was denn für eine?“
    Woil erwartete nicht wirklich, auf seine Frage eine Antwort zu erhalten. Eigentlich interessierte es ihn auch nicht wirklich. Jedoch hoffte er vielleicht eine Last von der Frau, die er liebte, nehmen zu können. Wie erwartet blickte Stella ihn einige Sekunden lang an, dachte darüber nach, ob sie ihm dies anvertrauen konnte.
    Sehr zu seiner Überraschung gestand sie schließlich:
    „Edward Jellico ist nicht tot.“
    „Dies ist mir bekannt“, entgegnete Woil zynisch, „sonst hätte man es in den Nachrichten verlauten lassen. Jellico ist zwar ein Schwein, aber auch eine Berühmtheit innerhalb der Föderation.“
    „Nein, so meine ich dies nicht“, erklärte Stella seufzend und fragte sich, ob sie nicht gerade einen Fehler machte. Doch dieser Schritt hatte früher oder später erfolgen müssen. „Ich habe vor kurzem versucht das Shuttle dieses Verräters zu zerstören, doch er überlebte. Zwar litt er kurzweilig an einer Amnesie, doch er ist wohlauf und laut meinen Informationen auch wieder ganz der alte.“
    Die Worte stellten zwar keinen Schock, dennoch eine gewaltige Überraschung für den Antosianer dar. Natürlich wusste er, dass in diesem Bürgerkrieg Personen ums Leben kamen, doch niemals hatte er sich der Möglichkeit gestellt, dass es um gezielte Tötungen, Mord, gehen konnte. Wie überaus kurzsichtig von ihm. Immerhin redete man hier von einer intriganten Geheimorganisation, die schon seit Jahrhunderten sich dieser Mittel bediente. Wieso sollte sie also nun davon abweichen?
    Jozarnay war nur geringfügig entsetzt, dass Stella diesen Schritt getan hatte. Dennoch fragte er fast automatisch:
    „Du hast ihn töten wollen?“
    „Ja. Hast du ein Problem damit?“
    Für einen kurzen Moment kam in ihm noch einmal der alte Sternenflottler zum Vorschein und daher antwortete er:
    „Unter Umständen.“
    „Hör mal zu“, meinte die Frau und erhob sich aus ihrem Sessel. Sie umrundete den großen Schreibtisch und blickte ihrem Liebhaber direkt in die Augen. „Edward Jellico versucht mich schon seit langem zu töten. Du hast es selbst gesehen und auch selbst die Aktionen der letzten Wochen mitbekommen. Dieser Mann, dieser Verräter an den Idealen von Sektion 31, will mich tot sehen. Ist es da so unverständlich, dass ich ihm zuvorkommen möchte? Du kennst ihn, du weißt, mit Jellico kann man nicht verhandeln. Das einzige, was er verstehst, sind Taten.“
    Diese Worte ließ Jozarnay für einige Minuten auf sich einwirken. Krampfhaft versuchte er zu einer Entscheidung zu gelangen, diese Tat zu verurteilen. Doch bevor er eine definitive Aussage machen konnte, flüchtete er aus dem Arbeitszimmer und gab sich seinen Gedanken hin.

    Tief unten, in den Katakomben des Hautgebäudes des Tal Shiars auf Romulus, wo nur die allerwenigsten Zutritt haben, befand sich das Zentrum der Abteilung Blau, jenes geheimen Ordens innerhalb des romulanischen Geheimdienstes, der so gut wie unbekannt war. Selbst die meisten regulären Tal Shiar-Agenten, die nur wenige Meter oberhalb jener Abteilung ihr Büro hatten, wussten nichts von der Existenz jener Gruppe.
    Der Stellvertreter des Leiters dieser Abteilung, aus Geheimhaltungsgründen nur „Nummer 1“ genannt, saß in seinem großen und mit Arbeitsdokumenten übersäten Büro und startete auf den neusten Bericht, der gerade hereingekommen war. Endlich hatte die Offensive auf Remus Erfolg gehabt. Nach den wochenlangen Kämpfen und Bombardements war es Sondertruppen des Tal Shiar endlich gelungen die aufständischen Remaner zu besiegen. Die Kämpfe hatten länger gedauert, als so mancher Analytiker angenommen hatte, doch für Nummer 1 war dies keine Überraschung gewesen. Der romulanische Geheimdienst hatte bei weitem nicht die reguläre Stärke einer Armee und hatte seine Kräfte dosiert einsetzen müssen. Jeder Verlust war deutlich zu spüren gewesen und die Aufständischen hatten mehr als eine romulanische Anlage vernichten können. Sogar mehrere Kriegsschiffe waren gezielten Sabotageakten zum Opfer gefallen. Hinzu war die Geheimhaltung das größte Problem gewesen. Quasi die gesamte Abteilung Blau hatte die Aufgabe gehabt diese Kämpfe vor dem romulanischen Volk geheim zu halten. Für den einfachen romulanischen Bürger hatten diese Kämpfe gar nicht stattgefunden. Für sie herrschte im gesamten Romulanischen Sternenreich immer noch trügerischer Friede, man war vereint in der gemeinsamen Anstrengung, den Talarianern den Frieden aufzuzwingen. Doch in Wahrheit, dies wusste Nummer 1 nur zu gut, tobte ein Zweifrontenkampf. So sehr man sich auch bemühte Vorsicht walten zu lassen, die Zahl der Toten stieg täglich. Vor allem auf dem besetzten Talar kam es fast stündlich zu gewaltsamen Angriffen auf die romulanischen Besatzungstruppen, die zahlreiche Todesopfer forderten. Zwar gelang es der Regierung noch durch die gezielte Propaganda, das Abstempeln jener Täter als „Terroristen“ die Bevölkerung halbwegs zu beruhigen, doch immer mehr Romulaner fragten sich, ob all dies noch die Mühe wert war. Einer von ihnen war Nummer 1. Gedankenverloren wanderte sein Blick auf das Familienfoto, welches auf seinem Schreibtisch stand. Normalerweise war dies eine höchst irreguläre Angelegenheit, denn selbst untereinander wussten die Mitarbeiter der Abteilung Blau so wenig wie möglich von einander. Bei den persönlichen Familien machte man Ausnahmen, doch ansonsten wusste Nummer 1 nichts von seinen Kollegen. Nicht mal der Name des Leiters der Abteilung Blau war ihm oder jemand anderem bekannt. Je weniger man wusste, desto weniger konnte man bei einem eventuellen Verhör preisgeben.
    Auf dem Foto war seine Frau zu sehen und sein Sohn, ihr einziges Kind. Das Bild war schon älter, denn inzwischen war aus seinem Jungen ein stattlicher Mann geworden, der Verantwortung trug und seinen eigenen Weg ging. Er hatte eine altruistische Ader, die schon fast bewundernswert war. Normalerweise hätte es ihn als Vater nicht überrascht, dass sein Sohn voller Stolz die zweijährige Wehrpflicht auf sich nahm und in die romulanischen Streitkräfte eintrat. Es hatte einfach zu der Art seines Sohnes gepasst. Doch weder Nummer 1 noch seine Frau hatten damit gerechnet, dass er zu den Besatzungstruppen auf Talar versetzt wurde. Neben Remus der derzeit gefährlichste Ort im gesamten Reich. Täglich erhielten sie Nachrichten von ihrem Sohn, wo er versicherte, ihm ginge es gut und alles sei in bester Ordnung. Seine Frau war immer äußerst erleichtert diese Nachrichten zu erhalten, aber für Nummer 1 brachten sie nur wenig Trost. Der Grund hierfür waren die Schuldgefühle, die sie in ihm weckten. Immerhin waren er und seine Kollegen es erst gewesen, die diese furchtbare Ereigniskette in Gang gesetzt hatten. Die Abteilung Blau war es gewesen, die die Spuren vom Bombenattentat auf den romulanischen Senat zu gefälscht hatten, dass man die Talarianer dafür verantwortlicht machen konnte.
    Und dieses Wissen zerstörte ihn langsam von innen heraus. Ein Krieg war angezettelt, ein Volk besetzt und gedemütigt worden, nur weil er dabei mitgeholfen hatte Beweise zu fabrizieren, die keine waren. Er selbst hatte Millionen von Lebewesen in einen Krieg gestürzt, der unbarmherzig und vor allem eins gewesen war: sinnlos. Seit dem Moment der Kriegserklärung waren von Tag zu Tag die Zweifel in seinem Innersten angestiegen. Hätte er sich nicht besser gegen diese Idee stellen sollen? Hätte er nicht einfach „nein“ sagen können. Nun war es zu spät, doch er musste mit den Konsequenzen der Tat leben. Doch während Remus scheinbar befriedet worden war ( jeder Romulaner müsste eigentlich wissen, dass man die Remaner niemals in die Knie zwingen konnte ) wurde Talar zum Pulverfass. Das Romulanische Reich war politisch fast isoliert und stand als aggressiv da. War es das alles wert gewesen?

    Einige Stunden waren vergangen, seitdem das Außenteam von ihrer Mission zurückkehrt war. Die letzten Tage hatten ihren Tribut bei allen gefordert. Nachdem man die romulanischen Soldaten in Quartiere verfrachtete hatte waren die Senioroffiziere des Schiffes müde ins Bett gefallen. Jeder von ihnen brauchte diesen dringend benötigten Schlaf, der ihnen allen wie eine Erlösung vorkam. Doch Chief Woil wurde in seiner dringend benötigten Ruhe gestört. Die letzten drei Schichten hatte er ohne Pause gearbeitet, um das Wunder zu erreichen. Ohne seine aufopferungsvolle Arbeit wäre dies niemals möglich gewesen. So fühlte er sich auch und daher war der Antosianer alles andere als glücklich, dass man ihn mitten in der Nacht weckte. Verschlafen öffnete er die Tür und erlebte das nächste Ärgernis.
    „Was wollen sie denn hier?“ schnauzte er Edward Jellico an, der vor seinem Quartier stand. Der Angesprochene lächelte nur nachsichtig und hielt ihm eine kleine Phiole entgegen.
    „Als kleines Dankeschön von mir, dass sie uns alle gerettet haben“, erklärte Edward und überreichte ihm das kleine Gefäß.
    Woil ergriff es neugierig und erkannte gleich, was es war: Ketracel-White.
    „Ich habe gehört, ihr Vorrat wäre etwas knapp. Damit wollte ich mich erkenntlich zeigen, “ meinte Jellico und verschwand wieder.
    Jozarnay wusste tief in seinem Inneren, dass er diese Gabe hätte ablehnen müssen. Doch er tat es nicht. Er selbst wusste nicht wieso.


    Über dieses Erlebnis hatte Jozarnay lange nachgedacht. Ein Jahr war es her gewesen, während einer Geheimmission, bei der sie aufgrund des Einsatzes einer biologischen Waffe ermittelt hatten. Edward Jellico war bei dieser Mission dabei gewesen und hatte ihm am Ende eine Dosis Ketracel-White gegeben.
    Doch wozu? Hatte er damit irgendwelche Sympathien für sich wecken wollen? Betrachtete man die Szene aus der heutigen Perspektive, so wirkte sie fast wie eine gruselige Zukunftsvision. Ja, wie stand er eigentlich zu diesem Mann, der so lange ihr Widersacher gewesen war. Nein, korrigierte sich der Antosianer selbst, so ganz war diese Formulierung nicht ganz richtig. Jellico war der Kontrahent von Captain Lewinski gewesen. Ihn hatte er ausschalten oder gar töten wollen. Die Monitor und ihre Crew war nur in das Kreuzfeuer geraten, mehr nicht. Je länger Woil von seinen ehemaligen Kollegen getrennt war, desto mehr wurde ihm bewusst, dass sie alle in eine Privatfehde zwischen zwei Männern geraten waren. Es ging längst nicht mehr um die Föderation oder Sektion 31, sondern um den Kampf zwischen John Lewinski und Edward Jellico. Es war erst Jozarnays Austritt aus der Sternenflotte nötig gewesen, um dies zu erkennen. Eigentlich eine traurige Tatsache, wie er fand. Ob er seinen alten Freunden ebenfalls die Augen öffnen sollte? Jedoch war sich der ehemalige Chefingenieur nicht all zu sicher, ob man seinen Worten Gehör schenken würde. Manchmal war es nur einigen wenigen bestimmt, die Wahrheit zu erkennen.
    Ob man sich überhaupt noch an ihn erinnerte? Dem Antosianer fiel auf, dass er seit dem Verlassen des Schiffes keinerlei Kontakt zu der Besatzung aufgenommen hatte. Nicht einmal hatte er eine Nachricht versendet, einen Brief formuliert oder dergleichen. Es war ihm gelungen sich der routinemäßigen Überwachung des Sternenflottengeheimdienstes zu entziehen und damit schien er auch mit seiner Vergangenheit abgeschlossen zu haben. Die Monitor, die Missionen und die Besatzungsmitglieder, all dies war nun Vergangenheit für ihn. Wenn sich die seine ehemaligen Kollegen für ihn interessierten, wieso meldeten nicht sie sich bei ihm? Ja, dies war die verquere Logik, die Jozarnay Woil inzwischen an den Tag legte. So viel hatte sich im letzten Jahr verändert. Nein, diese Ansicht war nicht so ganz richtig. Er hatte sich verändert, auf eine dramatische Art und Weise. Doch in seinem momentanen Zustand war er nicht in der Lage dieses zu erkennen.
    Stella Tanner, derzeit der einzige Haltepunkt in seinem Leben, trat neben ihn.
    „Ich habe dich schon gesucht“, flüsterte sie und tätschelte dem Antosianer liebevoll den Arm.
    „Wieso denn?“ grummelte der Angesprochene.
    „Na ja, unser letztes Gespräch ist ja beileibe nicht ganz angenehm verlaufen und ich dachte mir schon, dass du dir um diese Sache einen Kopf machen würdest.“
    „Einen Kopf machen?“ fragte der ehemalige Chief verdutzt. „Wegen Edward Jellico? Niemals.“
    „So kam dies aber vorhin ganz und gar nicht herüber. Es erschien mir vielmehr so, als hättest du Mitleid mit diesem Verbrecher empfunden.“
    Wieso sollte er Mitleid mit diesem Mann haben? Einer Person, die ihm und seinen Kollegen von der Monitor schon so oft hatte schaden wollen und nun seine Liebste töten wollte. Verschwunden waren angesichts der Präsenz von Stella die Gedankengänge, die er noch vor wenigen Minuten gemacht hatte. Was nun zählte, war das Leben von Stella Tanner. Sie hatte mit ihrem Versuch richtig gehandelt; Jellico verdiente angesichts seiner Taten ein solches Schicksal.
    Stella konnte deutlich in seinem Gesicht ablesen, dass er verstand und sie lächelte.
    „Komm“, lud sie ihn ein, „lass uns essen gehen. Ich bin hungrig.“
    Er nickte und folgte ihr in die Küche. Ein voller Magen war nun genau das, was gebrauchen konnte. Ganz besonders, um sich von einem anderen Hunger abzulenken...

    Sie beide aßen in ihren Privaträumen, in einem komfortablen Essenszimmer. Die Mitarbeiter, die für Tanner an diesem geheimen Ort arbeiteten, hatten diese Möglichkeit nicht. Sie mussten mit einer großen Kantine vorlieb nehmen, in der sie ihr Essen zu sich nehmen konnten. Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: dieser Ort war alles andere als unbequem. Die Essensauswahl war großzügig, das Platzangebot ebenfalls und keiner der Bediensteten konnte sich beschweren. Es hatte auch keiner ein Interesse an Beschwerden, denn die meisten von ihnen waren ehemalige Sträflinge und hatten deutlich schlechtere Umstände als die gegenwärtigen erlebt. Sie hatten Essen, Unterkunft und reichlich Freizeit. Es gab schlimmere Arbeitgeber als sie. Eine Weile beobachtete Jozarnay Woil die Personen bei Tisch, dann bemerkte er, wie seine Liebschaft neben ihn trat. Doch im Gegensatz zum letzten Mal, wo er sie gesehen hatte, war ihr Gesicht versteinert, fast mürrisch. Ein Hauch von Trotz lag auf ihren zarten Wangen.
    „Was hast du?“ fragte der Antosianer und lächelte. Sehr zu seinem Missfallen wurde diese Geste nicht erwidert.
    „Es ist nichts“, grummelte Stella und versuchte das Gespräch abzubrechen. Doch Jozarnay ließ nicht locker.
    „Du brauchst mir nichts zu erzählen. Ich sehe dir ganz genau an, dass dich etwas bedrückt!“
    Statt einer Antwort erntete er nur eisiges Schweigen und so beschloss er weiter nachzubohren.
    „Es ist wegen Edward Jellico, nicht wahr? Du denkst immer noch darüber nach.“
    Immer noch verzichtete Stella auf eine verbale Antwort, doch nun drehte sie ihr Gesicht in seine Richtung und ihren Augen war deutlich zu entnehmen, dass der ehemalige Chief voll ins Schwarze getroffen hatte.
    „Du errätst auch alles, oder?“ grummelte die schöne menschliche Frau und fokussierte ihren Blick wieder auf die Untergebenen.
    Für einen kurzen Moment schwieg Jozarnay, überlegte, wie er die Stimmung der Frau wieder anheben konnte. Ein Essen, ein Geschenk? Manchmal bedurfte es nicht solcher komplizierten Dinge. Ab und an reichte auch mal eine einfache Frage, um an sein Ziel zu gelangen.
    „Und wie kann ich dir helfen?“ fragte Jozarnay Woil frei heraus. „Wie kann ich deine Stimmung wieder etwas anheben?“
    Die Antwort war genauso unerwartet wie unmöglich:
    „Töte Edward Jellico.“
    Tanner hatte diesen Satz so selbstverständlich, so scheinbar emotionslos ausgesprochen, als spräche sie über etwas völlig selbstverständliches. Doch hatte sie das eben Gesagte ernst gemeint? Der ehemalige Chief verzog seine Lippen zu einem schiefen Grinsen und entgegnete:
    „Na ja, gibt es auch etwas Einfacheres?“
    Abermals drehte sich Stella in seine Richtung, so dass er wieder in ihren Augen die Wahrheit lesen konnte und ihm gefiel ganz und gar nicht, was er dort fand. Sie meinte das, was sie eben gesagt hatte, ernst.
    „Ich möchte, dass du Jellico umbringst“, wiederholte sie noch einmal ihren Wunsch. „Dann würde es mir auch besser gehen.“
    „Das kann ich nicht tun“, entgegnete Woil entschieden und ihm gefiel ganz und gar nicht, welche Richtung dieses Gespräch nun nahm.
    „Wieso nicht?“
    „Weil… weil ich keinen Menschen einfach ermorden kann!“
    Jozarnay verstand nicht, wieso dieser Punkt nicht selbstverständlich war. Immerhin redeten sie hier über die gezielte Tötung eines Individuums.
    „Aber du hast doch schon getötet. Mehrfach, “ widersprach Stella Tanner argwöhnisch.
    „Ja, aber dies war immer zur Selbstverteidigung gewesen. Im Krieg zum Beispiel.“
    Genervt rollte die Frau mit den Augen, so als spräche sie mit einem kleinen Kind, welches begriffsstutzig ist.
    „Und dies hier ist keine Selbstverteidigung oder was? Vielleicht muss ich dich ja daran erinnern, aber Edward Jellico führt einen Krieg gegen uns und hat schon mehr als einmal versucht mich zu töten.“
    „Du verdrehst die Angelegenheit zu deinen Gunsten“, widersprach der Antosianer, der innerlich immer unruhiger wurde. Auf der einen Seite standen die moralischen Abwägungen, auf der anderen die Frau, die er liebte.
    „Nein, du versteckst dich nur“, entgegnete Stella zornig und verschwand, ohne dass ihm die Möglichkeit blieb noch etwas zu sagen. Sie hatten ihren ersten Partnerschaftsstreit!

    Seine Frau war die einzige, die von seinem Beruf wusste. Nachbarn, Freunde, selbst seine Geschwister wussten nichts von seiner Stellung als Nummer 1 der Abteilung Blau des Tal Shiars. Natürlich war es ein Gesetzesbruch, aber innerhalb der Abteilung galt es als offenes Geheimnis, dass jeder seinem Ehepartner von seinen Tätigkeiten erzählte. Jedem einzelnen von ihnen war klar, dass bei einer eventuellen Weitergabe von Informationen die Todesstrafe für die Ehefrauen und -männern bevorstand und daher konnte man auf die Verschwiegenheit der Partner hoffen.
    Als Nummer 1 auf seinem kleinen Computerbildschirm die Kom-ID seiner Frau aufblinken sah, fragte er sich instinktiv, was vorgefallen sein mochte. Im Regelfall rief seine Frau ihn nicht im Büro an, behelligte ihn aus Sicherheitsgründen nicht während der Dienstzeit. Nur in unbedingten Ausnahmesituationen oder Notfällen war es ihr gestattet seine Nummer zu wählen. Ein solcher Fall schien nun eingetreten zu sein. Mit fast zittrigen Fingern tippte der Romulaner den Befehl ein das Gespräch entgegen zu nehmen. Das zarte Gesicht seiner Frau erschien auf dem Kombildschirm und verhieß nichts Gutes. Über die Jahre war sie natürlich gealtert, doch in fast fünfundzwanzig Jahren Ehe schien sie nur schöner geworden zu sein. Hinzu war eine Reife gekommen, die man nur durch jahrelange Lebenserfahrung erhalten konnte und einen nur noch viel sinnlicher machte. Doch am heutigen Tage war das Gesicht seiner Frau von Tränen überströmt. Sie wirkte kraftlos, verzweifelt und der Nummer 1 wurde Angst und Bange. Noch versuchte er sich gegen das Unvermeidliche zu wehren, den Gedanken nicht aufkommen zu lassen, doch mit jeder Sekunde, die verstrich, wurde ihm die Unausweichlichkeit der kommenden Nachricht bewusst.
    „Hallo Schatz“, begrüßte er seine Frau, wobei seine Stimme anfing zu beben. Er wusste, was nun kommen würde. Nun würde er für seine Sünden zahlen.
    „Ich... ich habe einen Brief vom Verteidigungsministerium erhalten“, erklärte seine geliebte Frau und auch ihr fiel es schwer die Fassung zu behalten.
    „Und was steht drin?“
    Seine Frage war überflüssig, unsinnig. Ein verzweifelter Versuch etwas hinauszuzögern, was man nicht abwehren konnte. Die schreckliche Wahrheit war nur noch einen Atemzug entfernt.
    „Unser Sohn“, platzte aus seiner Ehefrau heraus und neuerliche Tränen schossen aus ihren Augen hervor, „ist gestorben.“
    Von dem ungeheuren Schmerz, der ihn überwältigt, schloss Nummer 1 seine Augen und kämpfte gegen die Tränen an. Diesen Kampf verlor und mit weinerlicher Stimme stellte er die Frage, die alle Eltern in einem solchen Moment interessierte:
    „Wie?“
    „Er war auf Patrouille in der talarianischen Hauptstadt, als er mit seinem Trupp in einen Hinterhalt geriet... niemand überlebte.“
    Mehr wollte, mehr konnte seine Frau nicht sagen. Die Erklärungen genügten auch. Ermattet ließ sich Nummer 1 in seinen Sessel zurückfallen und starrte gen Decke, fragte die Götter, wieso ihm dieses Opfer abverlangt wurde. Doch er kannte die Antwort nur zu gut. Nun wurde auch von ihm der Preis für seine Lügen verlangt. Tausende von Familien hatten ähnliche Verluste erleiden müssen in einem fingierten Krieg. Jetzt hat es auch seine Familie erwischt. Benebelt erinnerte sich der Stellvertreter daran, dass er versucht hatte seinen Einfluss geltend zu machen, als er von der Stationierung seines Sohnes auf Talar erfahren hatte. Doch es war sein geliebter Junge gewesen, der sich gegen diese Bevorteilung gewehrt hatte. Er hatte an einen gerechten Krieg geglaubt, an den Kampf gegen die aggressiven Feinde, die Romulus angegriffen hatten. Nur zu gerne hätte die Nummer 1 seinem Sohn die Lügen gebeichtet, die er selbst mit seinen Kollegen erarbeitet hatte, doch der Zwang der Geheimhaltung hatte dies verhindert.
    Und jetzt war sein Sohn tot, gestorben für eine Lüge. Er hatte den Preis für seine Sünden gezahlt.

    Ihre Beziehung war bisher nur von kurzer Dauer und dieser Streit war der erste überhaupt. Jozarnay war mit diese Situation alles andere als glücklich, doch wie konnte er die Sache verbessern? Immerhin hielt er an seiner Meinung fest. Ja, Edward Jellico war ein Schwein, ein böser Mensch, doch er würde doch niemals auf die Idee kommen, ihm umzubringen. Einem anderen Menschen das Leben zu nehmen war schon schwer genug und dies auch noch vorsätzlich zu tun, dies kam für den Antosianer überhaupt nicht in Frage. Nur zu deutlich konnte sich Woil an das erste Mal erinnern, als er getötet hatte. Es war während des Dominionkrieges gewesen, als sein altes Schiff, die USS Damaskus, nach einem schweren Raumkampf mit drei Jem´Hadar-Schiffen geentert wurde. Alle Sternenflottler wurden mit Handwaffen ausgestattet und bereiteten sich auf das Eintreffen des Feindes vor. Dennoch wurden sie alle überrascht. Wie aus dem Nichts materialisierten die geklonten Krieger des Dominion in den Gängen des Schiffes und eröffneten das Feuer. Chief Woil war damals gerade auf dem Weg zurück in den Maschinenraum gewesen, als drei Jem´Hadar an einer Wegegabelung erschienen. Er war so überrascht über dieses plötzliche Auftreten gewesen, dass er nicht schnell genug seinen Phaser hatte ziehen können. Die erste Phaserentladung rauschte an ihm vorbei und traf einen jungen Maat, der mit ihm auf den Weg in den Maschinenraum war. Instinktiv, ohne nachzudenken, hatte Woil die Waffe angelegt und den ersten Krieger erschossen. Seine Leiche war zu Boden gestürzt, mit einem dumpfen Knall und ohne das theatralische Röcheln, welches man aus Filmen kannte. Eine Existenz war ausgelöscht worden, von einer Sekunde auf die nächste. Was folgte war ein stundenlanger Feuerkampf zwischen den Invasoren und der Schiffsbesatzung gewesen. Erst als Jozarnay gefangen genommen und in ein Arbeitslager des Dominion gebracht worden war, hatte er die Gelegenheit über seine Tat nachzudenken. Obwohl er in Notwehr gehandelt hatte, zur Verteidigung seines Lebens und dem seiner Freunde, hatte er Schuldgefühle. Ein Counsellor, der Mithäftling gewesen war, hatte ihm erklärt, eine solche Reaktion wäre normal. Und wenn Jozarnay ehrlich war, so war er froh über diese Gefühle gewesen. Denn sie bewiesen, dass er nicht ein eiskalter Krieger wie die genetisch gezüchteten Krieger des Dominion war, sondern ein denkendes, fühlendes Individuum, welches noch zwischen Richtig und Falsch unterschieden konnte.
    Irgendwann entschloss sich Jozarnay in ihr privates Gemach zu gehen. Angetrieben wurde er dabei von einem ganz speziellen Bedürfnis, welches er dort stillen wollte. Wie erwartet war dort Stella. Sie saß in einem bequemen Sessel und las noch ein Buch, bevor sie sich zu Bett legen wollte. Scheinbar ignorierte sie den eintretenden Antosianer; sie blickte nicht von ihrer Lektüre auf. Woil ließ sich nicht von dieser Geste ärgern. Er sah sich im Recht und wenn sie eine Nacht darüber geschlafen hatte, dann würde Stella ganz sicher die Sache verstehen. Wie so viele Männer hoffte der ehemalige Chief, dass man die Sache aussitzen konnte. Mit scheinbar selbstverständlichen Schritten ging er zu der Kommode, öffnete die Schublade und wollte etwas ganz bestimmtes hervorholen. Doch zu seiner Überraschung fand er das Objekt seiner Begierde nicht vor. Irritiert grub er etwas in der Schublade herum, doch seine Suche blieb erfolglos.
    „Wo ist denn die Box?“ fragte Jozarnay schließlich.
    Nun endlich schien seine Freundin von ihm Notiz zu nehmen. Sie blickte auf, klappte das altmodische Buch zu und legte es auf ihrem Schoß ab.
    „Nicht mehr in der Kommode“, war die schlichte Antwort.
    „Und wo ist die Box jetzt?“
    „Du wirst nicht mehr herankommen.“
    Die Antwort war alles andere als zufrieden stellend für den Chefingenieur. Die Box selbst war nicht so wichtig, viel eher der Inhalt jenes Metallkastens: in ihm lagerte das Pärchen ihren privaten Vorrat an Ketracel-White samt Injektoren. Die letzte Dosis war für Jozarnay schon einen halben Tag her und langsam meldete sein Körper das Bedürfnis nach Nachschub.
    „Ich kriege kein White mehr?“ fragte Woil und versuchte seine Stimme nicht zu panisch klingen zu lassen.“
    „Nein.“
    Die Antwort schlicht und dennoch ernüchternd.
    Woil starrte die Frau an, die er liebte und sich plötzlich so kindisch benahm. Dass sie auf diese Art der Kriegsführung zurückgriff, empfand er als lächerlich.
    „Alles nur, weil ich deine völlig unrealistische Forderung zurückgewiesen habe?“
    „Du willst dich nicht an meinen Angelegenheiten beteiligen, na schön. Dann darfst du aber auch nicht mein Eigentum benutzen.“
    „Es ist unser White!“ schrie der Antosianer wütend.
    „Nein, es gehört mir.“
    „Na gut, “ schnaufte Woil angesichts der Starrköpfigkeit seiner Freundin. „Ich habe es nicht eilig. Mir ist es gut möglich noch länger auf die nächste Injektion zu verzichten. Irgendwann wirst du ja mit deinem kindischen Verhalten wieder aufhören!“
    Und mit diesen Worten rauschte ein erboster Jozarnay Woil aus dem Zimmer. Er hoffte nur, dass er lange genug durchhielt, bis Stellas Gemüt sich wieder gefangen hatte. Denn langsam machte sich der Entzug deutlich bemerkbar...

    Auch wenn er hundemüde war, weigerte sich Lieutenant-Commander Bruce Land vom Krankenbett seines Mannschaftskameraden zu weichen. Er hatte sich einen freien Stuhl genommen und vor dem Krankenbett Platz genommen, den immer schwerer werdenden Kopf auf seine Fäuste gestützt. Leise, geradezu hypnotisch summten die medizinischen Geräte der Krankenstation vor sich hin und machten Land noch schläfriger. Dr. Frasier huschte wie die sprichwörtliche gute Fee immer wieder hin und her, justierte ein paar Geräte oder nahm Überprüfungen vor. Aus einem unerfindlichen Grund sprach niemand. Man schien zu glauben, dass nur ein einziges Wort ein fataler Fehler, gleich welcher Art auch, sein mochte. Bruce verdrängte eine weitere Müdigkeitsattacke und beobachtete Woil, wie der so im Bett lag. Die Sternenflotteuniform hatte man ihm ausgezogen und gegen ein Nachtgewand ausgetauscht. Sein Atem ging ruhig und gleichmäßig und der leichte Anflug eines Bartes zeigte sich inzwischen auf seinem Gesicht. Sein ganzer Körper war am Kämpfen gegen die teuflischen Drogen, die er sich selbst injiziert hatte.
    Wieso?
    Dies war die zentrale Frage, die sich alle an Bord stellten. Wie konnte ein solch standhafter Mann wie Jozarnay Woil, der in seinem Glauben fest verankert war, in den Drogensumpf abdriften? Ihm ging es doch beileibe nicht schlecht. Er hatte Freunde, Besitz, eine Aufgabe, die ihn ausfüllte. Was konnte man sich mehr wünschen? Immer und immer wieder sinnierte Land über diese Frage, kam jedoch zu keiner Antwort.
    Plötzlich eine Regung und ein leises Husten seitens Woil. Der erste Offizier der Monitor war sofort hellwach und nahm überglücklich zur Kenntnis, dass der Chefingenieur seine vollkommen gelben Augen geöffnet hatte.
    „Bruce“, röchelte der Antosianer leise.
    Der Commander legte seine Hand auf die von Woil und befahl ihm so stumm, nun nicht zu sprechen. Elizabeth Frasier stieß nun auch zu ihnen und nahm einen schnellen Scan mit ihrem medizinischen Tricorder durch. Sie machte vorsichtshalber noch einen zweiten Check, bevor sie glücklich verkündete:
    „Ich glaube, der Chief wird so schnell nicht wieder ins Koma fallen.“
    Land nickte und blickte wieder zu Woil, der wieder dazu ansetzte, etwas zu sagen. Doch der Engländer hielt es für nötig, ihm zuvorzukommen:
    „Sie brauchen uns nichts zu sagen, Chief. Wir wissen bescheid.“
    Für einen kurzen Moment weitete Woil seine Augen und schien sich überlegen zu wollen, ob er alles abstreiten wollte, doch dann stieß er einen langen ( und schwachen ) Seufzer aus. Mit einem merkwürdigen Mischung aus Überdrehtheit und Müdigkeit musterte er die graue Decke der Krankenstation. Sein Organismus schien verrückt zu spielen. Diesmal hatte sein Körper vor der Übermacht des White kapituliert. Es war vorbei.
    Glücklich, dass der Chefingenieur wach war, wollte sich Commander Land von seinem Stuhl erheben und auf die Brücke zurückkehren, doch Chief Woil, der seine Hand gepackt hatte, hinderte ihn daran.
    „Bitte… bleiben… sie,” bat der Antosianer mit schwacher Stimme.
    Nur kurz musste Bruce überlegen und dann nickte, setzte sich zurück auf seinen Platz. Er wusste, dass es noch etwas dauern würde, bis der Chief ihnen etwas erzählte, vorerst brauchte er einfach nur Unterstützung und die wollte er ihm zukommen lassen.
    Für mehrere Stunden saß Bruce Land einfach nur da und schwieg. Der Chief tat es ihm gleich. Mal schien der Antosianer für einige Minuten zu dösen, dann blickte er sich immer mal wieder in der Krankenstation um. Auch er sagte nichts. Commander Land wollte ihn nicht drängen. Falls die Zeit reif wäre, würde Woil schon anfangen, zu erzählen.
    Und dann, Stunden später, war es soweit:
    „Sie fragen sich sicher, wieso jemand wie ich zu Drogen greift,“ sagte Woil leise und dabei klang es so, als spräche er mehr zu sich selbst denn zu seinem Vorgesetzten.
    Land richtete sich auf. Er wollte nun seine ganze Konzentration dem Chief zuwenden.
    „In der Tat, Jozarnay. Dies frage nicht nur ich mich, sondern die ganze Besatzung.“
    Wieder seufzte Woil. Dies alles hier, die Ereignisse, die erst seit kurzer Zeit hinter ihm lagen, erschienen ihm nun schon wie ein Traum. Wie sehr sich doch alles ändern konnte.
    „War es wegen des Krieges?“ fragte Bruce Land behutsam nach.
    Eine solche Lösung wäre nicht unwahrscheinlich gewesen. Der Krieg gegen das Dominion war der größte militärische Konflikt in der Geschichte der Föderation gewesen und hatte Schreckliches wahr werden lassen. Der Engländer kannte einige Offiziere, die er jahrelang gekannt hatte und sich immer noch, drei Jahre nach dem Ende des Konflikts, in psychologischer Behandlung wegen ihrer Erlebnisse befanden.
    Doch Woil schüttelte leicht den Kopf. Zu einer größeren Bewegung war sein schwacher Körper immer noch nicht in der Lage.
    „Nein, meine Sucht begann, wie sie sicherlich schon bemerkt haben, später.“
    „Und was war der Grund?“
    Wieder eine Pause. Abermals musterte der Antosianer die Decke der Krankenstation.
    „Die Integrität des Geistes ist unsere heilige Aufgabe“, zitierte er und als er daraufhin das leicht ratlose Gesicht des Commanders sah, lächelte er schwach. „Dies ist eines der wichtigsten Zitate der antosianischen Religion; einer der Grundfesten meines Glaubens. Dieser Satz stammt von der dritten Tafel namens Ylljil, die zu den wichtigsten Tafeln innerhalb der Reihe der antosianischen Gebetstafeln gehört.“
    Plötzlich, ohne dass er damit gerechnet hatte, wurden die gelben Augen des Chiefs feucht und nach ein paar Sekunden lief eine einzige, verloren aussehende Träne seine Wange herunter. Land musste zweimal hinsehen, um zu begreifen, was er da eben gesehen hatte. Neben dem Captain selbst war der Chief die Symbolisierung für eine fast schon lässige Selbstbeherrschung. Aus seinem Glauben schien er die Kraft für alle Anstrengungen zu erhalten, die das Universum für ihn vorsah. Noch nie hatte er bisher eine solch traurige Emotion bei Woil sehen dürfen, selbst während ihrer harten Zeit im Gamma-Quadranten. Aus Höflichkeit brachte er jedoch nicht das eben gesehen zur Sprache.
    „Ich weiß, dass sie einen starken Glauben haben,“ entgegnete Bruce, „ich habe sie immer dafür bewundert, dass sie für jede mögliche Situation ein Zitat vorbringen konnten, dass ihnen die Richtung vorgibt. Aber wieso brechen sie denn nun eines der Dogmen ihrer Religion?“
    Wie als wenn man ihm ein Messer in den Leib gestoßen hätte, zuckte Woil bei dieser Frage zusammen. Fast schon tat es Land leid, dass er diese Frage gestellt hatte, doch diese Themen mussten endlich zur Sprache gebracht werden. Er musste einfach reden.
    „Ich...ich..., “ stammelte der Antosianer und verstummte dann für einige Minuten, um die passenden Worte zu finden. Land gab ihm die benötigte Zeit. Schließlich griff Woil nach dem Haar, das ihm über die Schultern fiel. „Sehen sie dies, Bruce? So lange sie mich kennen, trage ich nun schon einen Pferdeschwanz. Es ist das religiöse Symbol meines Volkes. „Die wahrhaft Standhaften erkennen wir dadurch, dass sie das Gefäß ihres Geistes schützen. In meiner Kultur ist es selbst heute noch verpönt, sich eine Glatze rasieren zu lassen. Wir sagen, dadurch könne unser Geist Gefahren ausgesetzt werden. Darum trugen und tragen die Gläubigen ihr Haar lang, um den Geist zu schützen. Leider erscheine ich wie ein Paradiesvogel auf Antos und auch hier. Verstehen sie das? Ich bin hier unter Freunden und zu Hause wartet meine Familie, meine Geschwister und Eltern auf mich, aber nichtsdestotrotz fühle ich mich ALLEIN!“

    Bruce Land ging auf direktem Wege auf die Krankenstation, um weiter dem Chief zur Seite zu stehen. Mit dabei hatte er zwei grüne Steine. Der Antosianer richtete sich bei deren Anblick überrascht von seiner Liege auf.
    „Das sind ja Meditationssteine!“ rief er überrascht auf.
    Trotz der eben geschehenen Ereignisse lächelte der erste Offizier.
    „Ja, ich habe mich etwas schlau gemacht und möchte sie unterstützen. Wir werden gemeinsam eine antosianische Meditation durchführen.“
    Woils gelbe Augen funkelten, als er diese Worte hörte. Nicht, weil er unter dem Einfluss einer Droge stand, sondern weil er einen Freund hatte. Er war nicht mehr alleine.
    Woils gelbe Augen funkelten, als er diese Worte hörte. Nicht, weil er unter dem Einfluss einer Droge stand, sondern weil er einen Freund hatte. Er war nicht mehr alleine.


    Doch wie jede Person, die unter irgendeiner Form von Sucht litt, belog sich Jozarnay selbst. Besonders tragisch an der Sache war, dass er es eigentlich hatte besser wissen müssen. Sein Krankheitsschema ähnelte frappierend dem vor drei Jahren. Der Antosianer verleugnete seine Sucht, verklärte die Sicht der Dinge und gestand sich nicht die schwere Wahrheit ein. Er war keineswegs in der Lage länger als ein paar Stunden auf die nächste Injektion Ketracel-White zu verzichten. Dies war vielleicht noch im letzten Jahr möglich gewesen, doch inzwischen hatte sich sein Körper zu sehr an die Droge gewöhnt. Die mehrtägliche Einnahme war zu einem Ritual geworden, welches von ihm kaum bis gar nicht mehr kritisch hinterfragt worden war. Fast überhaupt nicht mehr dachte er über seinen Zustand nach und darüber, was er seinem Körper eigentlich antat. Wo andere Personen aßen oder tranken, nahm Jozarnay Woil Ketracel-White.
    Aus diesem Grund fiel es ihm ganz und gar nicht so leicht auf die Drogen zu verzichten, wie er es sich selbst gerne einreden wollte. Stundenlang wanderte er durch die geheime Basis, ruhe- und rastlos. Ohne Ziel, ohne klare Vorstellung trugen ihn seine Beine quer durch die Lagerhallen und Räume, Hauptsache weg von den Entzugserscheinungen, die sich schon so deutlich bemerkbar machten. Letztes Jahr, als er noch auf der Monitor gewesen war, hatte er schon einmal versucht für einen längeren Zeitraum auf die Drogen zu verzichten. Das Ergebnis war ein Desaster gewesen und hätte für ihn eine Warnung darstellen müssen, wie weit es schon mit ihm gekommen war. Doch der ehemalige Chefingenieur hatte nicht auf die Stimme der Vernunft gehört und auch in diesem Fall war sein Scheitern absehbar. Auf seiner Stirn perlte der Schweiß, seine Körpertemperatur war stark erhöht und sorgte für ein gesteigertes Aggressionspotential, welches er nirgendwo abbauen konnte. Ein paar Mal hätte er fast einige unschuldige Arbeiter angefahren, doch im letzten Moment hatte sich Woil noch zügeln können. Seine Herzen schlugen schneller und immer wieder überkamen ihn Schüttelanfälle. Seine Muskeln, sein Blut und sein Verstand verlangten nach Ketracel-White. Irgendwann rauschte der Gestresste zurück in die privaten Gemächer und stellte eine Komverbindung her. Er hatte sich an das Ereignis vor drei Jahren erinnert, als man ihm zur Hilfe gekommen und ihn aus dem verhängnisvollen Strudel der Sucht hervorgeholt hatte.
    Die Komverbindungen von dieser Basis aus waren alle geschützt und unmöglich zurückzuverfolgen. Es dauerte einige Minuten, dann war eine Leitung zur USS Voyager aufgebaut worden. Eine Person erschien auf dem Bildschirm, welche Jozarnay lange nicht mehr gesehen und der er so vieles zu verdanken hatte.
    „Jozarnay! Mit ihnen hätte ich jetzt gar nicht gerechnet!“ begrüßte Commander Land seinen alten Weggefährten.
    „Commander Land, ich hoffe ich störe sie gerade nicht“, entschuldigte sich der Angesprochene.
    „Nein, Captain Chakotay hat mir gestattet den Anruf entgegenzunehmen. Wie geht es ihnen? Das letzte, was ich von ihnen gehört habe, war, dass sie die Sternenflotte verlassen haben.“
    „Ja, meine Dienstzeit endete Anfang des Jahres. Nun bin ich glücklicher Zivilist.“
    Bruce lächelte angesichts dieser Worte. Es tat gut mit dem Antosianer zu reden. Wie viele andere auch hatte sich der ehemalige erste Offizier Sorgen gemacht und nun ein Lebenszeichen zu erhalten, war mehr als beruhigend. Aber fast augenblicklich fiel dem Engländer der schlechte Zustand von Woil auf.
    „Ist mit ihnen alles in Ordnung?“
    „Ja“, beschwichtigte Woil einen Tick zu schnell. „Ich wollte einfach nur… einfach nur mal mit einer bekannten Person reden.“
    „Selbstverständlich“, verstand Bruce, der sich ebenfalls erinnerte. Nicht nur an die Ereignisse vor drei Jahren, als der Chefingenieur zum ersten Mal zusammengebrochen und er an dessen Krankenbett geharrt hatte, sondern auch an die verdoppelte Monitor am Ende des letzten Jahres. Durch die Holoaufzeichnungen hatte er erschreckender Weise festgestellt, dass der Antosianer rückfällig geworden war. Doch er hatte beschlossen nichts zu sagen. Nicht, weil es ihm gleichgültig war oder dergleichen, sondern weil Jozarnay selbst mit sich ins Reine kommen musste. Es war sein Weg, den er beschritt und nur er allein war in der Lage wieder von der Droge loszukommen. Zumindest hatte Land dies damals gedacht. Wenn er nun den heutigen Zustand des alten Kollegen betrachtete, so kamen ihm erhebliche Zweifel an seiner Einstellung. War dieser Mann wirklich in der Lage von der Droge loszukommen.
    „Bruce“, stammelte Woil und plötzlich fühlte er sich sehr, sehr einsam. „Sie glauben gar nicht, wie gut es tut sie zu sehen.“
    Der Antosianer hatte natürlich keine Ahnung von dem Wissen des ehemaligen Vorgesetzten. Verkrampft versuchte er etwas zu verheimlichen, was schon längst bekannt war.
    „Geht mir genauso, Chief!“
    „So hat man mich schon länger nicht mehr genannt.“
    Sogar ein schiefes Lächeln bekam er angesichts dieser Worte zustande. Für einen kurzen Moment fühlte er sich wieder zu Hause, an Bord der Monitor und umgeben von seinen Kameraden und Freunden. All die Jahre hatte er sich eingeredet, dass er an Bord des Schiffes keine Freunde besessen hatte, doch nun begriff er die Falschheit dieser Ansicht. Sie waren für ihn da gewesen und wie Bruce Land auch wäre jeder andere bereit gewesen sich damals an sein Krankenbett zu setzen. Dass er dies damals nicht erkannt hatte, war ein Versäumnis, welches man nicht mehr rückgängig machen konnte.
    „Brauchen sie mich, Jozarnay?“ fragte Land und zielte mit seiner Frage auf einen ganz bestimmten Punkt. Er konnte nur helfen, wenn man seine Hilfe auch annehmen wollte. Nur so war eine Heilung möglich. Der Engländer betete für eine positive Antwort und für einen kurzen Moment herrschte eine nachdenkliche Stille. Der Antosianer war versucht die Wahrheit zu sagen. Sich zu offenbaren und ein weiteres Mal helfen zu lassen.
    Doch dann überwog die Scham noch einmal gescheitert zu sein und so winkte er ab.
    „Nein, es ist alles in Ordnung. Ich wollte mich nur mal wieder bei ihnen melden.“
    Deutlich konnte Commander Land erkennen, dass nichts in Ordnung war, doch er konnte seine Hilfe nicht aufzwingen. Wie auch, der momentane Standort seines Gegenübers war ihm unbekannt.
    Und so verabschiedete sich der ehemalige Chief. Einige letzte Grußworte wurden ausgetauscht und dann wurde der Kombildschirm wieder schwarz. Unterbewusst war Jozarnay klar, dass er den endgültigen Absprung verpasst hatte. Nun hatte er sich vollkommen der Sucht ergeben.

    Nach der Nachricht war alles sinnlos geworden. Wie ein träger Geist schleppte sich Nummer 1 durch die Verwaltungstrakte von Abteilung Blau, immer auf der Suche nach Ablenkung von der schrecklichen Trauer. Doch egal was er anstellte, überall wurde er nur an den schrecklichen Tod seines Sohnes erinnert. Auf seinem Schreibtisch stapelten sich inzwischen die Akten, zu deren Bearbeitung er sich nicht mehr in der Lage sah. Ein durchaus gefährlicher Zustand, denn wenn er noch mehr mit der Arbeit in Verzug kam, so würde man sich wohl früher oder später nach den Gründen erkundigen.
    Irgendwann erreichte der Romulaner die Küche, wo er sich eine Tasse frischen Kaffees einschenken wollte. Zwar tat er dies auch, doch statt sich das warme Getränk zuzuführen, starrte er nur die schwarze Flüssigkeit an, die dampfend vor ihm stand. Einige Minuten vergingen, dann bemerkte Nummer 1, dass er sich nicht mehr allein in der Küche befand. Soeben war Nummer 2 herein getreten, nach dem Leiter und ihm selbst die drittwichtigste Person innerhalb der Abteilung Blau. Freundlich nickte sein Stellvertreter ihm zu und schenkte sich ebenfalls etwas Kaffee ein. Nummer 2 wollte sich daraufhin schon wieder auf den Weg nach draußen machen, da nahm Nummer 1 allen Mut zusammen und fragte:
    „Empfanden sie jemals Reue deswegen?“
    Die Frage war unerwartet und fast schon schien es, als würde das Echo seiner Stimme in dem kleinen Raum widerhallen. Doch dies war nur eine Sinnestäuschung. Langsam drehte sich der Angesprochene herum.
    „Wie meinen sie das?“ fragte er verwirrt. Anscheinend konnte er sich beim besten Willen nicht denken, worauf sein Vorgesetzter hinaus wollte.
    Kurz fragte sich Nummer 1, ob sein Stellvertreter ebenfalls eine Familie besaß. Eine liebende Frau, Kinder?
    „Ich meine die manipulierten Beweise, die wir dem Senat vorgelegt haben. Den Krieg, den wir verursacht haben.“
    „Worauf wollen sie hinaus?“
    „Haben sie Gewissensbisse deswegen? Empfinden sie Scham?“
    Diese Frage war innerhalb der Mauern des Tal Shiar und vor allem in der Abteilung Blau niemals gestellt worden. Dementsprechend verwirrt war der Gesichtsausdruck der Nummer 2. Es dauerte einige Sekunden, bevor er sich zu einer Antwort durchrang. Kurzzeitig nahm der Stellvertreter an, bei dieser Frage handle es sich um einen Test, mit dem man seine Loyalität prüfen wolle. Aber aus welchem Grund? Bisher hatte er immer dem Reich treu gedient und niemals Anlass zur Sorge geboten.
    Vielleicht stand hinter dieser Frage wirklich nur der Wunsch nach etwas Konversation. In solchen Momenten hieß es die verschiedenen Möglichkeiten abzuwägen und im Anschluss eine Entscheidung zu treffen.
    „Nein, ich empfinde gar nichts dabei“, antwortete Nummer 2 schließlich. „Was wir taten, taten wir zum Wohle unseres Volkes. Aus dieser schrecklichen Krise sind alle Romulaner gestärkt hervorgegangen und ohne unsere Manipulation hätte sich alles zum schlechteren wenden können.“
    „Und die Toten?“
    Die Frage von Nummer 1 machte all zu deutlich, dass er sich schon viel zu lange mit dieser Frage herumgetragen hatte. Seine Selbstbeherrschung war inzwischen vollkommen verschwunden und er konnte nur hoffen, dass man ihm nicht schon bald auf die Fährte kommen würde.
    „Überall sterben Lebewesen. In jeder Sekunde, die wir leben, entsteht und endet Leben. Ob hier oder dort einige mehr oder weniger sterben ist für das Gesamtgefüge des Universums unerheblich.“
    Mehr wollte Nummer 2 nicht zu diesem Thema sagen, denn es wartete Arbeit auf ihn und so verließ er die Küche. Nummer 1 jedoch blieb noch etwas in dem kleinen Raum und dachte über die gleichgültigen Worte seines Stellvertreters nach. Dabei fragte er sich, ob dies noch das Romulus war, für das er früher eingetreten ist...

    So schnell es im getarnten Zustand möglich war, raste der getarnte Reiseshuttle in Richtung Erde. An Bord des kleinen Schiffes befand sich niemand geringeres als Jozarnay Woil. Nun war er auf einem Kurs, den er niemals hatte einschlagen wollen. Verzweifelt hatte er sich dagegen gesträubt, sich dagegen gesträubt, doch am Ende hatte er vor den Bedürfnissen seines Körpers kapitulieren müssen.
    Stella Tanner, die Frau die er liebte und mit der er zusammen war, hatte ihn im Sessel vorgefunden. Der Antosianer war kaum noch ansprechbar gewesen, hatte hohes Fieber gehabt. Schweißperlen hatten seine Stirn übersät und Woil hatte Angst um sein Leben empfunden. Schon einmal war dieser Zustand aufgetreten, kurz vor seinem Zusammenbruch auf der Monitor und instinktiv hatte er gespürt, dass er abermals nicht allzu weit vom endgültigen Kollaps entfernt war. Sein Körper verlangte mit jeder Faser nach dem inzwischen lebenswichtig gewordenen White und rebellierte. Ihm war kotzübel gewesen. Irgendwann hatte ihn seine Freundin in diesem Zustand vorgefunden und er hatte um Hilfe geröchelt, um Erlösung und Gnade.
    Doch statt ihm sofort zu helfen, hatte sie erst höhnisch gegrinst. Die Angelegenheit hatte sich so entwickelt, wie sie es erwartet hatte und wenn Jozarnay ehrlich zu sich selbst war, so wurde ihm bewusst, dass er niemals diesen Konflikt hatte gewinnen können. Ein mehrstündiger Entzug von der Droge war inzwischen für ihn unmöglich geworden und er hatte sich selber einer Tour der Force hingegeben, die unnötiger nicht hätte sein können.
    „White... bitte“, hatte der ehemalige Chefingenieur geröchelt und seine zittrige Hand Stella entgegengestreckt.
    „Nur unter einer Bedingung, “ erklärte die schöne Frau, „du tötest Edward Jellico.“
    Natürlich empfand Woil Ekel bei diesem Gedanken. Er wollte niemanden ermorden, auch wenn derjenige ein noch so schlechter Mensch war. Doch noch viel weniger hatte der Antosianer Interesse am eigenen Tod und so hatte er, nach viel Überwindung, mit dem Kopf genickt. Anschließend hatte er sich die lang ersehnte Injektion geben dürfte. Mehr noch, für die Reise zur Erde hatte Stella ihm weitere Rationen mitgegeben, mit denen sich Jozarnay über Wasser halten konnte. Ein Teufelskreis, aus dem er jedoch nicht mehr entkommen konnte.
    Und nun saß er hier im Shuttle auf dem Weg zur Wiege der Menschheit, wo er etwas höchst Unmoralisches tun sollte. Natürlich hätte der ehemalige Admiral der Sternenflotte aufgrund seiner Taten den Tod verdient gehabt, doch wer Woil, dass er entscheiden durfte, wer leben und wer sterben sollte? Er befand sich nur in dieser Lage aufgrund seiner Sucht. Nur für die war er bereit zu töten... und für die Liebe. Es war paradox. Obwohl Stella ihn ausgetrickst, ihn hatte leiden lassen und ihn so für ihre Zwecke manipulierte, empfand er nichts anderes als Liebe für diese Frau.
    Liebe macht blind sagen die Menschen. Auf keinen traf dieser Satz so sehr zu wie auf Jozarnay. Auf was hatte er nicht alles in seinem Leben verzichten müssen? Durch viele Widrigkeiten des Lebens hatte er gehen müssen; war es da nicht nur fair, wenn es ihm auch einmal gut ging? Und wenn Edward Jellico diesem Glück im Weg stand, so musste er halt beseitigt werden. Je länger die Reise dauerte und je mehr Ketracel-White durch seinen Körper floss, desto mehr freundete sich der Antosianer mit seiner Mission an. Wie schwer konnte es schon sein? Er hatte immerhin schön getötet. Einfach dem alten Mann auflauern und ihn erschießen. Eine Sache von wenigen Sekunden.
    Was würden nur seine Eltern sagen, wenn sie ihn in dieser Lage sehen könnten? Jozarnay vermisste sie und bereute, dass ihre letzten Worte im Zorn gesprochen worden waren. Vielleicht war es an der Zeit sich mal wieder bei ihnen zu melden und über die ganze Sache zu reden. Später, wenn er erst einmal Edward Jellico getötet hatte.

    Angesichts der Ereignisse im letzten Jahr hätte er vorsichtiger sein müssen. Er selbst hatte sich geschworen, dass niemand mehr so leicht an ihn herankommen und ihm gefährlich werden konnte. Doch ein jeder wurde alt und dies darf wohl auch im weitesten Sinne auf Edward Jellico zu. Natürlich war er immer noch ein Verschwörer und Intrigant, doch sein politischer Posten im Justizministerium hatte ihn träger gemacht, als er es sich selbst eingestehen wollte. Die alte Wachsamkeit war durch Bequemlichkeit ersetzt worden.
    Daher dürfte es auch niemanden überraschen, dass den ehemaligen Admiral der Sternenflotte im Turbolift eine Überraschung erwartete. Jellico wollte sich gerade auf dem Weg zu einer weiteren Besprechung machen. Wie so oft trug er einen teuren Anzug und in seiner linken Hand eine Aktentasche mit allen wichtigen Dokumenten, die er für eine solche Sitzung brauchte. Er war zufrieden mit sich selbst und der Arbeit. Immer tiefer wurde er ins Vertrauen gezogen, immer höher stieg er in der Gunst seiner Vorgesetzten. Aus dem ehemaligen Verräter, der beinahe für den Rest seines Lebens im Gefängnis gelandet wäre, war ein respektierter Mann geworden. Grund dafür waren die zahlreichen Erfolge gegen Sektion 31, die er vorweisen konnte. Beinahe schon war es zu einfach die alten Kollegen ans Messer der Justiz zu liefern. Wer weiß, vielleicht war irgendwann das Amt des Justizministers in greifbarer Nähe. Die öffentliche Meinung über ihn hatte sich gewandelt, Edward Jellico war beliebt und sicherlich ein guter Mandatsträger. Ein kleiner Ausgleich für den Tod seiner geliebten Familie, den er im letzten Jahr hatte hinnehmen müssen.
    Doch als er gedankenverloren in den Lift einstieg und sich die Türen schlossen, wurde ihm seine Nachlässigkeit bewusst. Ein Phaser wurde auf seinen Kopf gerichtet, summend erwachte die tödliche Waffe zum Leben. Aus dieser Entfernung bestand kein Zweifel an der Tödlichkeit eines Treffers.
    Langsam, ohne seinen Angreifer provozieren zu wollen, drehte sich Edward in die Richtung des Schützen und hob amüsiert die Augenbrauen.
    „Mr. Woil, es überrascht mich, sie zu sehen!“ meinte der alte Mann unerwartet
    fröhlich. „Noch mehr überrascht mich, was sie hier mitgebracht haben.“
    Der Antosianer erwiderte nichts, konzentrierte sich weiterhin darauf die Waffe auf den Kopf seines Feindes zu richten. Keine leichte Aufgabe, denn Jozarnay war kotzübel und er musste sich alle Mühe geben nicht zu zittern.
    „Nun sind sie also gekommen, um das Werk zu vollenden“, schwadronierte Edward Jellico weiter. „Haben sie keine Angst, dass sich schon im nächsten Moment die Türen dieses Turboliftes öffnen könnten?“
    „Ich habe das System manipuliert. Ohne mich wird hier wieder jemand ein- noch aussteigen, “ entgegnete der ehemalige Chief endlich. Jedes einzelne Wort hatte ihn eine unbändige Kraft gekostet. Abermals perlte Schweiß von seiner Stirn, diesmal jedoch nicht hervorgerufen durch den Entzug, sondern die Angst.
    „Ah, bei ihren Qualifikationen hätte ich mir dies auch selbst denken können. Dies erklärt auch, wie sie unbemerkt in das Ministerialgebäude haben eindringen können. Sehr clever von ihnen, wirklich. Nur denke ich nicht, dass das töten ebenfalls zu ihren Fähigkeiten gehört. Gehe ich recht in der Annahme, Mr. Woil?“
    Die Worte des alten Mannes ließen ihn nur noch nervöser werden. Was war hier los? Während des ganzen Fluges hatte er sich die ganze Sache so leicht vorgestellt. Einfach hineingehen und abdrücken. Doch nun, kurz vor dem Ziel, versagten ihm die Hände ihren Dienst. Oder war etwas anderes der Grund dafür?
    „Wie wäre es, wenn sie einfach die Schnauze halten?“ fauchte der Antosianer.
    „Sie sind nervös, Chief. Ich darf sie doch so anreden, auch wenn sie die Sternenflotte schon lange verlassen haben. Deswegen müssen sie sich keine Sorgen machen. Das erste Mal ist immer etwas Heikles. Als ich meinen ersten Menschen ermordete, war ich auch mehr als verängstigt. Doch je öfter man es macht, desto leichter geht es von der Hand.“ Kurz zögerte Edward Jellico und zum ersten Mal seit Woil ihn kannte, zeigte sich so etwas wie Menschlichkeit in den Augen des alten Gegners. „Manchmal jedoch, in den ruhigen Momenten, kehren vor dem geistigen Auge die Gesichter der Toten wieder und holen einen heim. Daran kann man sich leider nicht gewöhnen. Sind sie bereit für diese Bürde, Mr. Woil?“
    Der Angesprochene wünschte sich mit jeder Faser, dass der alte Mann endlich mit seinem Gequatsche aufhörte. Dabei hatte er das Mittel, ihn zum Schweigen zu bringen, in der Hand. Eine einzige Fingerbewegung und die Sache wäre erledigt gewesen. Schon zu lange befand er sich an diesem Ort, die Gefahr einer Entdeckung stieg kontinuierlich. Doch es ging nicht.
    „Wieso machen sie die Drecksarbeit für diese Frau?“ fragte Jellico direkt. „Wieso tötet sie mich nicht selbst, wieso schickt sie jemand anderes? Und wieso tun sie es? Tun sie es für das White? Falls ja, ich kann ihnen auch mehr als genug davon liefern. Erinnern sie sich noch an das letzte Jahr, als ich ihnen eine Phiole schenkte? Unzählige warten noch auf sie, falls sie möchte. Was also ist es?“
    Wieder schwieg Jozarnay. Immer mehr verkrampfte er und es fiel mehr als schwer die Fassung zu behalten. Die Worte des alten Mannes erzielten einen bestimmten Effekt bei ihm und dies war wohl beabsichtig.
    „Sie lieben sie“, stellte Jellico schließlich mit zusammengekniffenen Augen fest, so als hätte er die Gedanken seines Gegenübers gelesen. „Ja, sie tun es, weil sie in Stella Tanner verliebt sind und sie denken felsenfest, dass die Frau diese Gefühle erwidert. Doch dem ist nicht so. Sie spielt nur ein Spiel mit ihnen, glauben sie es mir!“
    Eigentlich waren diese Worte eine große Beleidigung für Jozarnay. Er kochte innerlich vor Wut, fluchte und raste. Doch der gute Mensch in ihm, der ehemalige Sternenflottler und alte Gläubige, gewann die Oberhand und fast schon panisch flüchtete er aus dem Turbolift. Vielleicht würde Edward Jellico schon im nächsten Moment die Wachen auf ihn hetzen oder sogar töten lassen, aber Woil musste hier weg.
    Noch lange nach dieser Aktion schaute Jellico in den Gang hinaus, in den Woil entflohen war. Obwohl ihm sofort der Gedanke gekommen war, ließ er den Gedanken der Rache an dem Antosianer fallen. Der ehemalige Chief war nur eine Marionette, dies wusste er. Vielmehr war Tanner das Ziel. Und irgendwie hatte er das Gefühl, dass seine Rache nicht mehr allzu weit entfernt war.

    Nummer 1 bewunderte seine Frau dafür, dass sie immer so geduldig gewesen war. Sie wusste nicht genau, was ihr Mann beim Tal Shiar machte und so gut wie kaum hatten sie jemals über die Arbeit sprechen können. Auch sie wusste nichts von der Kriegslüge, die er mitentwickelt hatte. Doch sie hatte ihm immer Kraft und Halt gegeben. Nun war es an der Zeit diese Gefühle zu erwidern. Selbstverständlich fiel es auch ihm schwer bei Fassung zu bleiben, doch er musste stark für sie bleiben. Das Haus wirkte auf einmal so leer ohne ihren Sohn. Überall, wo sie hingingen, sei es die Küche, das Wohnzimmer oder das Bad, an jedem Ort wurden sie an den schrecklichen Verlust erinnert. Nun standen sie beide am Fenster und beobachteten den Regen, der dagegen prasselte. Er hielt seine Frau zärtlich im Arm und versuchte sich der Situation klar zu werden. Vor kurzem hatten sie erfahren, dass sein Körper nicht beerdigt werden konnte. Die Talarianer hatten die Leichen der Romulaner verschleppt, schändeten sie wahrscheinlich in ihrem Zorn auf die Besatzer. In einigen Wochen würde es ein militärisches Begräbnis geben, doch ein leerer Sarg würde zu Boden gelassen werden. Ein weiterer Schicksalsschlag für die kleine Familie.
    Es war in diesem Moment, wo Nummer 1 entschied, dass es vorbei war. Würde die Besatzung noch weitergehen, so würde man täglich mit weiteren Toten rechnen müssen. Wie viele Familien würden noch bereit sein diese Last zu tragen? Den Gedanken daran, dass er für dieses Leid verantwortlich war, konnte Nummer 1 nicht mehr ertragen. Es musste enden.

    Es war mitten in der Nacht, als Commander Price geweckt wurde. Der Grund für die Stimmung war das piepende Komsignal, welches ihm eine Verbindung signalisierte. Mit krächzender Stimme befahl der Halbbetazoid „Licht!“ und richtete sich auf. Kurz warf er sich ein Shirt über und nahm das Gespräch entgegen.
    Schon im nächsten Moment bereute er diese Entscheidung.
    „Jellico! Ihre Fratze mitten in der Nacht ertragen zu müssen ist wirklich eine Pein. Bitte sagen sie mir, dass dies ein Albtraum ist!“
    „Nein, dem ist leider nicht so, Commander“, erklärte der ehemalige Admiral grinsend.
    „Gut, dann werde ich einfach die Verbindung beenden und so tun, als hätten sie niemals angerufen.“
    Der erste Offizier der Monitor wollte gerade seine Ankündigung in die Tat umsetzen, da rief Jellico:
    „Nein, warten sie, ich muss ihnen unbedingt etwas mitteilen!“
    „Und wieso ausgerechnet mir?“
    „Weil ihr Captain mir nicht zuhören wird. Lewinski ist derzeit mit ganz anderen Sachen beschäftigt.“
    Matthew zögerte kurz, seufzte anschließend und beschloss sich das Geschwätz des Verschwörers anzuhören. Was konnte es schon schaden, immerhin war er schon wach.
    „Was wollen sie?“
    „Jozarnay Woil hat mich heute umbringen wollen.“
    „Soll das ein schlechter Scherz sein?“
    Wieder hob Price die Hand mit der Absicht die Verbindung zu unterbrechen. Einen solchen Nonsens wollte er sich nicht anhören.
    „Sie sind doch empathisch veranlagt. Können sie nicht spüren, dass ich es ernst meine?“
    Und obwohl ihm dies alles andere als gefiel, hatte Jellico recht. Selbst mit seinen schwachen Ausprägungen war der Commander in der Lage zu ermitteln, dass Jellico nicht log.
    „Sehen sie? Ich habe die Wahrheit gesagt. Leider muss ich ihnen mitteilen, dass ihr ehemaliger Chief auf die schiefe Bahn geraten ist. Nun paktiert er mit Stella Tanner, einem Namen, den sie schon mal gehört haben dürften.“
    „Allerdings“, entgegnete Price und nun war sein Interesse geweckt und so beschloss er sich die Geschichte von Jozarnay Woil erzählen zu lassen. Immerhin ging es um das Leben eines Freundes...

    „Es tut mir leid, dass ich deinen Auftrag nicht habe ausführen können.“
    Er hatte mit Wut gerechnet, Zorn, aber nicht mit Vergebung. Wie ein geprügelter Hund war Jozarnay nach Hause zurückkehrt und beichte seinen Fehltritt. Doch statt Hass erntete er nur Liebe. Zärtlich nahm Stella Tanner ihn in den Arm und drückte ihn. Ihre Berührung tat gut und spendete Trost. Wieso hatte er es nicht tun können? Steckte noch so viel vom alten Woil in ihm, einem Mann mit festen moralischen Grundsätzen? Bisher hatte er immer angenommen, dass diese Person verschwunden war, doch anscheinend war sie noch mehr als lebendig. Weder die Liebe zu dieser Frau noch die Abhängigkeit hatten den guten Mann in ihm töten können.
    Stella vergab ihm, denn sie war zufrieden. Nicht im Geringsten hatte sie erwartet, dass er Jellico töten würde. Noch zu viel Gutes steckte in ihrem Liebhaber. Jedoch hatte er sich schon einmal auf den Weg zu der Mission gemacht, ein erster Schritt in die richtige Richtung. Es würde seine Zeit dauern, doch Schritt für Schritt würde ihn Stella formen und zu einem der ihren machen. Dieser Krieg war noch lange nicht entschieden. Er trat nun erst in die heiße Phase ein. Und am Ende würde nur einer übrig bleiben:
    Edward Jellico oder Stella Tanner.

    I hurt myself today to see if I still feel.
    I focus on the pain, the only thing that´s real.
    The needle tears a hole.
    The old familiar sting.
    Try to kill it all away, but I remember everything.

    What have I become my sweetest friend?
    Everyone I know goes away in the end.
    And you could have it all.
    My empire of dirt.
    I will let you down.
    I will make you hurt.

    I wear this crown of thorns on my liar´s chair.
    Full of broken thoughts I cannot repair.
    Beneath the stains of time the feelings disappear.
    You are someone else. I am still right here.

    What have I become my sweetest friend?
    Everyone I know goes away in the end.
    And you could have it all.
    My empire of dirt.
    I will let you down.
    I will make you hurt.

    If I could start again, a million miles away,
    I would keep myself. I would find a way.



    DER RECHTE WEG
    based upon "STAR TREK" created by GENE RODDENBERRY
    produced for TREKNews NETWORK
    created by NADIR ATTAR
    executive producer NADIR ATTAR
    co-executice producer CHRISTIAN GAUS & SEBASTIAN OSTSIEKER
    producer SEBASTIAN HUNDT
    lektor OLIVER DÖRING
    staff writers THOMAS RAKEBRAND & JÖRG GRAMPP and OLIVER-DANIEL KRONBERGER
    written by NADIR ATTAR
    TM & Copyright © 2005 by TREKNews Network. All Rights Reserved.
    "STAR TREK" is a registered trademark and related marks are trademarks of PARAMOUNT PICTURES
    This is a FanFiction-Story for fans. We do not get money for our work!


    Quelle: treknews.de
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