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  • Monitor - 7x03: Rettungsschuss

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    Der Selbstmord Timo Grubers sowie die Enthüllung, dass sich die biologische Waffe nicht in dem beschlagnahmten Koffer befindet, haben jegliche Hoffnung auf Erfolg zerschlagen. Captain Lewinski und seine Crew suchen verzweifelt einen neuen Anhaltspunkt. Kann Lewinskis inhaftierter Bruder Martin möglicherweise weiterhelfen?
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    Monitor 7x03 "Rettungsschuss"
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    Das letzte Mal in 7x02 „Unruhe“:

    Es war kurz vor vier Uhr nachts, die Zeit, in der die Müdigkeit am stärksten am menschlichen Körper zehrte. Auch John Lewinski fühlte deutlich das Bedürfnis nach Schlaf, konnte dies jedoch noch mit jede Menge Kaffe verdrängen. Auch wenn sie einen wichtigen Erfolg erzielt hatten, war die gegenwärtige Angelegenheit noch nicht ausgestanden. John würde sich erst zur Ruhe legen, wenn Gruber den örtlichen Behörden übergeben wurde. Die fortgeschrittene Nacht zehrte an den Kräften der Besatzungsmitglieder und der Gefangene würde ebenfalls ermattet sein. Darauf spekulierte der Kommandant, so dass sie nun an brauchbare Informationen gelangen konnten. Die Schotts zum Casino öffneten sich mit dem obligatorischen Zischen und offenbarten eine grausige Überraschung:
    der gefangene Timo Gruber lag reglos auf dem Boden, während ein herbeigerufener Sicherheitsoffizier versuchte mittels einer Herz-Lungen-Wiederbelebung Gruber wieder ins Reich der Lebenden zu holen.
    „Was ist hier geschehe?“ fragte Lewinski lauthals und ließ sich neben den Bewusstlosen auf den Boden sinken.
    „Ich kann es mir nicht erklären“, stammelte der Crewman und versuchte keuchend die Wiederbelebung fortzuführen. „In dem einen Moment saß er noch auf dem Stuhl, dann verdrehte er die Augen und lag regungslos am Boden. Es ist eben geschehen!“
    „Haben sie den Doktor gerufen?“ fragte John und tastete nach dem nicht mehr fühlbaren Puls.
    Die Frage erübrigte sich jedoch, denn schon im nächsten Moment eilte Dr. Frasier mit einem Medkit in das Casino und setzte den medizinischen Scanner an. Verzweifelt traten sowohl der Crewman als auch Captain Lewinski von dem Reglosen weg, jedoch dauerte die Behandlung der Ärztin nicht all zu lange.
    „Er ist tot“, stellte Elisabeth niedergeschlagen fest.
    „Wie konnte dies geschehen? Er war doch kerngesund!“
    Die Ärztin räusperte sich, ging die verschiedenen Möglichkeiten durch und erklärte dann:
    „Derzeit kann ich ohne genauere Untersuchungen nur spekulieren, aber ich denke Gruber starb an einem selbst verabreichten Gift!“
    „Ein Gift? Aber sie haben ihn doch untersucht!“
    „Es könnte besser versteckt gewesen sein, als ich dachte. Meine Scanner hätten es übersehen können.“
    Ratlos fuhr sich John durch die Haare und stellte zu seinem Erstaunen fest, dass diese klatschnass waren. Eben noch hatte er gehofft wichtige Informationen von Timo Gruber zu erhalten und nun war dieser tot. Sollte sich die Annahme von Dr. Frasier bestätigen und er ein Gift eingesetzt haben, so bedeutete dies nur eines: die Mitglieder der Untergrundbewegung waren eher bereit in den Tod als in ein Gefängnis zu gehen. Diese Einstellung machte sie zu nur noch gefährlicheren Gegnern.
    „Wenigstens haben wir eine Sache noch“, murmelte der Crewman, was er jedoch wohl besser nicht laut ausgesprochen hätte.
    Denn mit einem sorgenvollen Blick wandte sich die Ärztin an ihren Captain und sagte:
    „Ich wollte sie eben zu mir rufen, als der Notruf hereinkam.“
    „Sie mich?“ fragte Lewinski erstaunt. „Wieso denn das?“
    „Meine Untersuchungen der Waffe sind abgeschlossen“, erklärte Elisabeth und deutlich war ihr das Unbehagen abgeschlossen. Auch Lewinski bemerkte dies und drängte sie:
    „Machen sie es nicht so spannend, Elisabeth. Was ist es?“
    „Die Untersuchungen an dem Biovirus ergaben nicht die Werte, nach denen wir gesucht haben. Ich habe daraufhin die Probe noch einmal untersucht und kam zu demselben Ergebnis: wir haben nicht die Biowaffe in unseren Händen.“
    „Soll dies heißen…“ raunte Lewinski verzweifelt und wurde von Dr. Frasier unterbrochen:
    „Ja… in dem Koffer befand sich nicht die Waffe!“


    Und nun die Fortsetzung…

    Die Enttäuschung, die Captain John Lewinski in diesem Moment empfand, war nicht in Worte zu fassen. Noch vor einer Minute schienen sie alles gehabt zu haben, nun besaßen sie gar nichts mehr. Der Träger der Waffe hatte sich selbst umgebracht und auch die Waffe hatte sich nicht in seinem Besitz befunden. Dies hatte ihm zumindest Dr. Frasier mitgeteilt.
    „Wie konnte es sein“, fragte Lewinski mit fast tonloser Stimme, „dass sie dies erst jetzt bemerken? Ich dachte die Biowerte in dem Koffer wären eindeutig gewesen.“
    Die Chefärztin des Schiffes konnte sehr gut den Ärger des Captains nachempfinden und so ignorierte sie seine aus Frust entstandene Spitze. So sachlich wie möglich erklärte sie:
    „Es handelte sich um die raffinierteste Täuschung, die mir in meiner Karriere untergekommen ist. Die Werte wurden von einem versteckten Sendegerät so gut imitiert, dass selbst nach Öffnen des Koffers und Entnahme des angeblichen Virus mir erst nach eingehender Prüfung der Umstand auffiel. Niemand von uns hätte diese Täuschung aufdecken können, Sir.“
    Frustriert stemmte Captain Lewinski seine Hände in die Hüften, blickte zur Decke und fragte sich, was er nun tun sollte. Kurz schaute er zu der am Boden liegenden Leiche von Timo Gruber. Diese Person war für die Sache ihrer Gruppe in den Tod gegangen und hatte so deutlich gemacht, dass sie es mit Personen zu tun hatten, die ihr Ziel sehr wohl ernst meinten. Was für Fanatiker mochten dies sein, die einen biogenen Kampfstoff auf der Wiege der Menschheit einsetzen wollten?“
    „Lassen sie dich Leiche auf die Krankenstation bringen und führen sie eine vollständige Autopsie durch. Vielleicht sind sie ja in der Lage etwas Nützliches zu finden, “ befahl John der Ärztin und fuhr sich durch das von Bartstoppeln übersäte Gesicht. Elisabeth Frasier nickte wortlos und machte sich daran den Anweisungen nach zu kommen.
    John Lewinski selbst begab sich umgehend auf die Brücke und zu seinem Bereitschaftsraum. Alle Offiziere in der Zentrale blickten ihn erwartungsvoll an. Aus irgendeinem Grund schienen sie genau zu wissen, dass etwas nicht stimmte. Der Kanadier hatte absolut keine Ahnung, wie er diese Enttäuschung der Crew mitteilen sollte. Eben waren sie doch noch am Ziel gewesen und nun besaßen sie gar nichts!
    In seinem Arbeitsbereich angekommen ließ der Captain direkt eine Komverbindung nach Paris herstellen. Es dauerte eine Weile, bis jemand sich seiner annahm und zu seiner großen Überraschung war es nicht Edward Jellico, sondern der Präsident der Föderation selbst.
    Davon überrascht, richtete sich John ruckartig auf und fuhr sich überflüssigerweise über seine perfekt sitzende Uniform.
    „Mr. President“, begrüßte John den Staatsmann knapp, „ich habe ehrlich gesagt nicht mit ihnen gerechnet.“
    „Dies habe ich mir schon gedacht. Jedoch habe ich, als ich ihr Komsignal gesehen habe, mich dazu entschlossen selbst mit dem Mann an der Front zu sprechen. Was haben sie mir zu berichten, Captain?“
    Die Hoffnung in den Augen des Präsidenten machte es für Captain Lewinski noch schwieriger über diese Sache zu sprechen. Man hatte der Crew der Monitor vertraut und nun musste dieses Vertrauen enttäuscht werden. Natürlich war es nicht seine Schuld oder die eines anderen Crewmitgliedes gewesen, doch dies änderte nichts an seinen Gefühlen.
    „Bedauerlicherweise muss ich sie informieren, dass sich das Virus nicht in unseren Händen befindet.“
    John hatte die Worte so sachlich wie möglich herüber gebracht und wartete nun auf eine Antwort seines Oberbefehlshabers. Auch in den Augen des Präsidenten spiegelte sich deutlich der Schock und die Verwirrung über das eben gehörte wieder.
    „Wie kann dies sein?“ fragte das Staatsoberhaupt verwirrt. „Vor weniger als einer halben Stunde ist mir gemeldet worden, dass sich der Träger der Waffe sowie der Biovirus selbst auf ihrem Schiff in sicherem Gewahrsam befinden.“
    „Wir sind leider einem ausgeklügelten Trick auf den Leim gegangen, Mr. President.“ Dieses zuzugeben war für John eine der schwersten Momente seines Lebens. „Alles, was wir in den Händen hatten, war ein fabrizierter Köder, der uns ablenken sollte.“
    „Ein Köder ..., “ murmelte der Präsident ungläubig. Dies war in der Tat eine unvorhergesehene Wendung. „Ich möchte, dass sie diesen Timo Gruber verhören und den Standort der tatsächlichen Waffe ermitteln…“
    „Es tut mir leid“, unterbrach John den Redefluss seines Gegenübers, „aber auch dies wird leider nicht mehr möglich sein.“
    „Wieso?“
    „Timo Gruber ist tot.“
    Abermals schwieg der Präsident, als dieser sich den Konsequenzen einer solchen Aussage bewusst wurde. Auch ihn trafen diese Entwicklungen völlig unvorbereitet, dies war ihm nun deutlich anzumerken. Selbst die Jahre auf der politischen Bühne konnten nicht die Überraschung in seinen Gesichtszügen angesichts dieser Nachrichten verhindern.
    „Wie geschah dies?“
    „Scheinbar hat er sich mit einem Nervengift selbst getötet. Derzeit wird eine Autopsie durchgeführt, um an nähere Spuren heranzukommen.“
    „Ich verstehe. Wie gehen sie nun weiter vor?“
    Dies war nun der schwerste Moment für Captain Lewinski. Diesen Umstand zuzugeben war grausam und fast schon so etwas wie eine Premiere in seiner Karriere. Leider keine, die man feiern wollte oder gar sollte.
    „Wir wissen es nicht. Mr. President, mit dem Tod von Timo Gruber haben sich jegliche Spuren von uns erschöpft… ich besitze keine Anhaltspunkte mehr.“
    Abermals legte der Staatsmann eine Pause ein und wog die Worte sorgsam ab, die er nun benutzen wollte. Hier war nun die Arbeit eines Motivators gefragt. Nur zu deutlich sah man Captain Lewinski die Enttäuschung über die ganze Sache an und es war wichtig ihm deutlich zu machen, dass die ganze Entwicklung nicht seine Schuld gewesen ist.
    „Weiß ihre Crew schon, was vorgefallen ist?“
    „Zum Glück nicht“, erwiderte Lewinski fast flüsternd. „Ich kann nicht ermessen, welchen Effekt diese Nachricht auf die Moral der Crew haben wird.“
    „Sie müssen es ihr jedoch sagen, sie hat ein Anrecht darauf es zu erfahren. Was sie nun demonstrieren müssen, ist Stärke und Zuversicht. Die Ereignisse der letzten Minute sind nicht ihre Schuld und müssen sie nur noch mehr anspornen.“
    Überrascht über diese Worte blinzelte John Lewinski mehrfach den Präsidenten an. Er wusste nicht, was er nun sagen sollte.
    „Aber mit welcher Spur?“
    Vertrauensvoll beugte sich der Präsident vor und fixierte den Kommandanten mit seinem Blick.
    „Wir haben sie auf diese Sache angesetzt, weil sie die besten für diese Aufgabe sind. Mehr als einmal hat die Monitor das Unmögliche möglich gemacht. Wir alle zählen auf sie. Versuchen sie etwas bei der Autopsie zu erfahren, untersuchen sie den Köder und so finden sie eine Spur. Natürlich werden wir auch Lieutenant Bird kontaktieren, der uns mit neuen Informationen versorgen soll. Sie dürfen sich nun nicht hängen lassen.“
    Auch wenn er immer noch keinen Silberstreif am Horizont sehen konnte, richtete sich John innerlich wieder auf. Es mochte zwar kaum Hoffnungen geben, aber sie mussten jedwede Möglichkeiten nutzen. Die Konsequenzen einer Aufgabe waren einfach zu schwerwiegend, als dass man eine solche in Betracht ziehen konnte.
    „Die Crew wird ihr bestes geben“, versicherte Lewinski nachdrücklich und erntete dafür vom Präsidenten ein vorsichtiges Lächeln.
    „Etwas anderes habe ich von ihnen auch nicht erwartet!“
    Damit wurde die Verbindung vom Staatsmann beendet und John stand nun vor der Aufgabe, die Crew über die jüngste Entwicklung zu informieren. Eine Sache, die besser nicht allzu lang auf sich warten lassen sollte.
    So selbstsicher es ging, trat Captain John Lewinski auf die Brücke seines Schiffes und blickte seine Führungsoffiziere an. Auf dem Hauptschirm war zu sehen, wie die Monitor in den Orbit der Erde eingeschwenkt war. Innerhalb des Bruchteils einer Sekunde wurde sich John abermals bewusst, wie wunderschön der Planet doch war. Egal wie oft man ihn aus dem Weltall betrachtete, immer noch hatte dieser Moment etwas Magisches.
    „An alle Besatzungsmitglieder, hier spricht der Captain!“ begann John und automatisch wurde das interne Komsystem aktiviert. „In den letzten Minuten ist es zu dramatischen Ereignissen gekommen. Ich muss sie leider informieren, dass wir, entgegen ersten Gerüchten, nicht im Besitz der Biowaffe sind. Anstatt der realen Waffe haben wir nur einen Köder bekommen, der uns vom tatsächlichen Ziel ablenken sollte. Auch Timo Gruber, Träger des gefälschten Koffers, ist tot.“
    Kurzzeitig pausierte John, betrachtete die Gesichter seiner Offiziere. Verwirrung und Enttäuschung spiegelte sich in den verschiedenen Mienen wieder, stellenweise sogar Angst. Diese galt es mit allen Mitteln zu bekämpfen.
    „Die Lage scheint nun hoffnungslos. Manche von ihnen mögen denken, dass wir keine Spur und damit keine Chance mehr haben, um den heute stattfindenden Angriff abzuwehren. Dies stimmt jedoch nicht. Während ich zu ihnen spreche sind wir fieberhaft auf der Suche nach weiteren Indizien und Wegen, um den Einsatz der Biowaffe zu verhindern. Bleiben sie tapfer und bewahren sie den Glauben! Captain Lewinski, Ende.“
    Mit diesen abschließenden Worten wurde die Komverbindung wieder geschlossen und selbstsicherer, als er wohl selbst geglaubt hatte, betrachtete John seine Führungsoffiziere.
    Es würde sich sicher bald eine Spur auftun, dies hoffte er inständig.

    Eigentlich hatte Danny gehofft sich etwas Ruhe zu gönnen, doch leider wurde diese Hoffnung enttäuscht. Nur wenige Minuten zuvor hatte er sich hingelegt, die Augen geschlossen und war in eine Art Dämmerzustand übergetreten, da wurde das interne Komsystem aktiviert und eine ihm wohlbekannte Stimme meldete sich. Noch orientierungslos von der kurzen Schlafphase dachte Bird zu Beginn der Wecker würde ihn zu einem neuen Tage begrüßen, doch ein flüchtiger Blick auf den Chronometer machte deutlich, dass es sich immer noch um die selbe Nacht handelte.
    „Danny, du musst zu einer Besprechung!“ vernahm er die Stimme von Janine über das Komsystem. Übermüdet rieb sich Danny das Gesicht, aktivierte die Nachttischlampe und richtete sich in seinem Bett auf.
    „Bist du da?“ fragte die junge Frau noch einmal nach.
    Kurz seufzte Danny, fragte sich, ob er überhaupt antworten oder lieber so tun sollte, als würde er schlafen.
    „Ich bin wach, keine Sorge“, raunte der Lieutenant schließlich und rieb sich über das Kinn, stellte so fest, dass eine Rasur dringend von Nöten wäre. Doch woher die Zeit nehmen?
    „Mein Vater will in wenigen Minuten eine Besprechung abhalten“, erklärte Janine fast schon hektisch, „und hat alle eingeladen. Auch du musst vorbeikommen!“
    „Jetzt noch eine Besprechung? Ich dachte wir alle könnten uns noch etwas Ruhe gönnen!“
    „Es muss etwas geschehen sein, ansonsten würde es nicht so dringend sein“, erklärte die Frau und beendete die Verbindung.
    Danny streckte sich noch einmal in dem Bett und stellte fest, dass es in der Tat sinnlos war sich dem Unvermeidlichen entgegen zu stellen. Also erhob er sich, zog schnell seine Klamotten an und stattete dem Bad einen kurzen Besuch ab. Etwas Wasser ins Gesicht, dies musste reichen, um wieder wach zu werden. Angesichts der fortgeschrittenen Uhrzeit sowie des plötzlichen Aufstehens entschied sich der Mensch ebenso dagegen etwas zu aufwendiges anzuziehen. Ein einfaches Shirt sowie eine Jeans, normalerweise viel zu legère in den Augen James Talleys, mussten nun reichen.
    Innerhalb weniger Minuten erreichte Danny den Konferenzraum, in dem zu seiner Überraschung schon alle Mitglieder des Führungszirkels der Föderalen Befreiungsarmee warteten. Hatten sie etwa früher als er Bescheid bekommen oder schliefen sie einfach gar nicht? Am Kopfende des langen Tisches stand James Talley, einen Arm auf die lange Rückenlehne seines Stuhls gelehnt und bedeutete seinem neuesten Schüler wortlos sich zu setzen. Danny tat wie ihm geheißen und warf einen flüchtigen Blick in die Runde. Aus den Gesichtern der anderen Anwesenden konnte er schließen, dass sie ebenso wenig über den Grund ihres Hier seins wussten wie er selbst. Für einen winzigen Moment traf sich sein Blick mit Janines und die junge Frau deutete ein schüchternes Lächeln an, gerade lang genug, um von Danny zur Kenntnis genommen zu werden. Unmittelbar darauf wendeten alle ihre Aufmerksamkeit ihrem Anführer zu.
    „Es hat unvorhergesehene Ereignisse gegeben“, erklärte James Talley mit einem tiefen Basston und sein Blick schien jeden einzelnen, der am Tisch saß, zu durchbohren. „Aus diesem Grund musste ich sie zu dieser späten Uhrzeit noch zu mir bitten. Timo Gruber, der Mann, der die Waffe auf die Erde bringen sollte, ist gefasst und verhaftet worden.“
    Aufgeregtes Getuschel entstand an dem Tisch, als sich die Anwesenden der Konsequenzen dieser Aussage bewusst wurden. Auch Danny Bird startete eine aufgeregte Diskussion mit seinem Nebenmann, auch wenn für ihn diese Nachricht alles andere als überraschend gekommen war. James blickte kurz in die Runde, wartete, bis der Lärm abgeflacht war und fuhr dann fort:
    „Gruber wusste um seine Aufgaben und Pflichten, daher beging er Selbstmord, um unsere Gruppe zu schützen. Ebenso bin ich sicher, dass er keinerlei Informationen über uns oder die Waffe an die Behörden weitergegeben hat.“
    „Sind sie sich da absolut sicher, James?“ fragte Nelson unnötigerweise in die Gesprächsrunde hinein und zog sich damit den Zorn der anderen Mitglieder auf sich. Man unterbrach nicht den Führer dieser Untergrundbewegung bei seinen Reden und schon gar nicht mit unsinnigen Fragen. Aber in diesem Fall schien dies James Talley nichts auszumachen, er entgegnete mit gespenstisch ruhiger Stimme:
    „Ja, ich bin mir sicher. Ich habe Timo ausgesucht, weil er ein absolut integrer und gewissenhafter Mann ist, der an unsere Sache geglaubt hat. Er hat nichts verraten und zog den Tod dem Gefängnis vor. In meinen Augen ist er ein Held und damit Vorbild für uns alle.“
    „Ist damit also unser Plan gescheitert, nun wo der Virus in den Händen der Föderationsjustiz ist?“ erklang die Frage aus den hinteren Reihen. Danny konnte nicht erkennen, wer die Frage gestellt hatte. Abermals blickte er kurz zu Janine, versuchte ihre Gedanken zu erkennen. Doch mit angestrengtem Blick folgte sie den Ausführungen ihres Vaters.
    Die erste Reaktion auf diese Frage bestand zu Beginn aus Schweigen. Immer noch stand James Talley am Kopfende des Tisches, dieses Mal beide Arme auf dem Stuhl abgestützt und blickte in die Runde. Ob dies eine dramaturgische Pause war oder ihm Zeit zum Nachdenken bringen sollte, war unbekannt. Für Danny stand jedoch fest, dass der Anführer ein rhetorisches Genie war.
    „Nein, dem ist nicht so“, überraschte Talley die Anwesenden. „Ich habe einen Schritt weitergedacht, als viele von ihnen vermutet haben dürften. Timo Gruber war niemals im Besitz der echten Waffe. Er hatte nur eine Attrappe, einen Köder, bei sich.“
    Atemloses Schweigen bei allen Anwesenden, dies war die Reaktion im Raume. Auch Danny hatte alle Mühe sich nicht unterbewusst im Stuhl aufzurichten. Was er da hörte, gefiel ihm ganz und gar nicht.
    „Gruber hat sein Leben geopfert, um die Föderation in eine Falle zu locken und mir die Möglichkeit gegeben eine Theorie zu bestätigen: wir haben einen Verräter unter uns!“
    Wieder brandete Getuschel im Anschluss an diese Worte auf. Auch Danny Bird stimmte in die allgemeine Erregung ein, jedoch mehr, um sich zu tarnen. Denn bei dem unangenehmen letzten Satz hatte Talley ihn angeblickt. Ob dies rein zufällig oder nicht geschehen war, blieb unersichtlich.
    „Irgendjemand, der bei unserer letzten Besprechung dabei gewesen ist, “ fuhr der Anführer fort, „arbeitet als Spion für die Föderation. Anders ist es nicht zu erklären, wie man auf Timo Gruber kommen und ihn festnehmen konnte. Ich werde alle Hebel in Bewegung setzen, um diesen Maulwurf zu enttarnen und ihn seiner gerechten Strafe zuzuführen.“
    Im Anschluss an diese Worte verließ James den Saal und ließ seinen Untergebenen geschockt zurück. Jeder blickte den anderen an, so als könnte man anhand der Mimik erahnen, wer denn nun der Verräter war. In Dannys Kopf raste es. Nun hieß es auf der Stelle einen Ausweichplan aufzustellen.

    Elisabeth konnte gar nicht glauben, wie nahe sie doch der Lösung ihrer Probleme gewesen waren, nur um am Ende wieder mit leeren Händen da zu stehen. Noch vor wenigen Minuten hatten sie Timo Gruber in ihrem Gewahrsam gehabt und damit auch die scheinbare Waffe.
    Der Umstand, dass sie sich ebenfalls von der Attrappe hatte täuschen lassen, zeigte nur, wie raffiniert diese Untergrundbewegung war und, schlimmer noch, was ihr für technische Möglichkeiten zur Verfügung standen. Selbiges galt auch für den mysteriösen Tod des Gefangenen. In OP-Kleidung stand die Ärztin vor der Leiche des Mannes und führte eine Autopsie durch. Das Sterilitätsfeld summte monoton vor sich hin, während sie den Mann untersuchte. Ein Geräusch, welches ihr normalerweise Beruhigung und Konzentration verschaffte, sie jedoch heute schlicht und einfach nervte. Dies lang bestimmt an de fortgeschrittenen Uhrzeit, dem fehlenden Schlaf gepaart mit dem Stress, den die gesamte Situation mit sich brachte.
    Für einen kurzen Moment hielt Dr. Frasier inne und betrachtete die Person, die sich vor ihr aufgebahrt befand. Gruber war ein junger Mann gewesen, nicht einmal dreißig Jahre alt.
    Auch im Stadium des Todes blieb er mit seinen weichen Gesichtszügen und den noch immer sichtbaren Lachfalten attraktiv. Möglicherweise war er ein Frauenheld oder vielleicht sogar verheiratet gewesen. Sie wussten gar nichts über den Toten, in den Polizeiakten der Föderation tauchte er nicht auf. Ob er jemand geliebtes zurück gelassen hatte? Was mochte diese Person, ob Ehefrau, Kind oder Elternteil, wohl dazu sagen, dass sich ihr geliebter Timo einfach so getötet hatte, um eine obskure Organisation zu schützen. Unwillkürlich fragte sich Elisabeth, wie ein solcher Mann sich mit einer Gruppe wie der Föderalen Befreiungsarmee einlassen konnte. In ihren Augen und sicherlich auch in denen ihrer Kameraden handelte es sich hier um Fanatiker, die ein sinnloses und nicht nachvollziehbares Ziel verfolgten. Wie konnte ein normal denkender Mensch nur denken, dass die Föderation sie und ihre Freiheiten unterdrücken würde?
    Auf diese Fragen mochte sie vielleicht keine Antwort haben, auf andere jedoch schon. Wie schon bei der gefälschten Biowaffe bemerkt schien die Untergrundbewegung über beeindruckende technische Möglichkeiten zu verfügen. Selbiges galt auch für das Gift, mit dem sich Gruber das Leben genommen hatte. Die Bordärztin hatte einige Zeit lang suchen müssen, bevor sie die Lösung gefunden hatte, doch am Ende war sie fündig geworden. Hilfreich war dabei ein Artikel gewesen, an den sie sich erinnert hatte und der vor einigen Monaten im medizinischen Fachjournal der Föderation erschienen war. Dort hatte man über Implantate auf biochemischer Basis gesprochen, die Klingonen ins Nervenzentrum eingesetzt worden waren. Um der ruhmlosen Gefangenschaft zu entgehen und sich so den Weg ins Sto´vo´kor nicht zu verbauen, zogen Klingonen den rituellen Selbstmord der Entehrung vor. Da jedoch in Gefangenschaft nicht immer die einfache und schnelle Möglichkeit des Todes bestand, setzte der klingonische Geheimdienst in einem Versuchsprojekt ihren Agenten und Spezialeinheiten dieses Nervenimplantat ein, welches durch „einfache“ gedankliche Steuerung aktiviert werden kann und ein schnell wirkendes Gift verabreicht, was schlussendlich zum Tode führte.
    Ein genau solches Implantat hatte Elisabeth nach langem Suchen im Gehirn des Verstorbenen gefunden. Erleichtert fuhr sich die junge Frau über die schweißnasse Stirn und begann ihren Kittel abzulegen. Diese Untersuchung nach der Ursache war in der Tat die sprichwörtliche Suche nach der Nadel im Heuhaufen gewesen. Wer weiß, ob sie ohne die Erinnerung an den bereits erwähnten Artikel die Lösung gefunden hätte. Nun blieb am Ende noch die Frage: arbeiteten die Klingonen mit der Befreiungsarmee zusammen? Sicherlich eine unwahrscheinliche Sache, denn eine destabilisierte Föderation war ebenso wenig das Interesse ihrer glorreichen Alliierten wie auch von ihnen selbst. Also musste sich die Gruppe das Implantat selbst besorgen haben, was im Umkehrschluss wieder belegte, über was für Möglichkeiten diese Menschen besaßen. Und dieser Umstand machte ihren Gegner noch gefährlicher!

    Abermals konnte Danny Bird keine Zeit für sich allein finden. Nur wenige Minuten hatte er sich in seinem persönlichen Quartier befunden und die Aussagen der Sitzung Revue passieren lassen, als wieder an seiner Tür geklopft wurde. Der Lieutenant hatte es ganz bewusst vermieden in seinen Gemächern unruhig auf und ab zu gehen, hatte stattdessen auf einen Sessel Platz genommen und nachgedacht. Verdächtigte James Talley ihn tatsächlich des Verrats oder war seine abschließende Geste, der Blick in seine Richtung, nur ein Zufall gewesen? Sollte man ihn tatsächlich verdächtigen, so musste er schnellstmöglich eine Lösung für das Problem finden, andernfalls würde er die Mission abbrechen müssen.
    Sicherlich war von Anfang an klar gewesen, dass diese Infiltration mit Risiken verbunden sein würde, doch Bird hatte kein Interesse daran den Mond in einem Sarg zu verlassen. Bevor man ihn festnahm würde er eher versuchen zu verschwinden und dem Oberkommando so viel zu berichten wie möglich.
    Doch derzeit musste er sich um die Person kümmern, die an seiner Tür geklopft hatte. Noch bevor er sie hereingebeten hatte, wusste Danny, um wen es sich handelte. Das fast schon zärtliche Klopfen war ein typisches Markenzeichen von Janine, der schönen Tochter des Anführers der Föderalen Befreiungsarmee. Mit einem nachdenklichen Gesichtsausdruck betrat die schwarze Frau seine Räume und schloss die Tür vorsichtig hinter sich. Das lange schwarze Haar hatte sie zu einem Pferdeschwanz zurück gebunden und sie trug, angesichts dieser Tageszeit, nur wenig Makeup. Doch gerade diese Natürlichkeit machte sie in seinen Augen nur noch schöner. Vorsichtig blickte Danny in ihre braunen Augen und erkannte deutlich den Zweifel, der sich in ihnen widerspiegelte. Ungefragt setzte sich die junge Frau auf seine Bettkante und blickte nachdenklich zu Boden. Der Lieutenant wartete einige Sekunden, ließ die Besucherin zur Ruhe kommen und fragte schließlich:
    „Geht es dir nicht gut?“
    Jetzt erst blickte Janine auf. Erst schien sie die vor ihr liegende Wand zu betrachten, dann schaute sie Danny an und versuchte ihn zu mustern. Irgendeine Reaktion schien sie bei ihm finden zu wollen, die ihr jedoch verborgen blieb. Aus irgendeinem Grund kam es Danny so vor, als würde er gewissermaßen sondiert werden.
    „Ist etwas?“ fragte der Agent noch einmal und wartete scheinbar gespannt auf die Antwort Janines. Doch diese Spannung war wie so vieles andere nur gespielt. Natürlich war dem taktischen Offizier der Monitor völlig klar, wieso sich die Tochter von James hier befand.
    Sie schien ebenso schockiert über das zu sein, was ihr Vater gesagt hatte, wie Danny selbst.
    Und in der Tat wurde seine Vermutung bestätigt.
    „Ich kann nicht ignorieren, was mein Vater vorhin gesagt hatte“, murmelte Janine fast unhörbar und fuhr sich mit den Händen durch ihr zartes Gesicht. Auch ihr war deutlich die Müdigkeit und der Stress der letzten Stunden deutlich anzusehen. „Allein die Vorstellung, dass es einen Verräter innerhalb unserer Gruppe geben könnte, ist so unfassbar… wir sind doch alle eine kleine Familie, wie du wohl selbst festgestellt haben dürftest.“
    Danny nickte, verzichtete jedoch auf eine verbale Antwort. Es stimmte, was sie gesagt hatte. Die Untergrundorganisation war weitaus kleiner, als es die Sternenflottensicherheit zu Beginn angenommen hatte. Statt eines großen Netzwerkes, wie z.B. Sektion 31, war die Föderale Befreiungsarmee mehr ein Familienbetrieb. Zwar über einige Systeme verstreut, doch die meisten Mitglieder kannten sich untereinander seit Jahren. Es war schwer in diese Gruppe hineinzugelangen und dementsprechend hatte es lange gedauert, bis sich Danny dieses Vertrauen erarbeitet hatte.
    „Und seine Reaktion zum Schluss…“ Janine stockte, überlegte intensiv, wie sie diesen Punkt nun vorbringen sollte. Schließlich entschied sie sich für den direkten Weg. „Er hat zu dir geguckt, Danny, und diese Sache gefällt mir ganz und gar nicht. Bist du ein Verräter an unserer Sache?“
    Die Frage war so direkt gestellt, dass der Lieutenant sie gar nicht erwartet hatte, zumindest nicht auf diese Art und Weise. Mit ehrlicher Schockiertheit blickte er auf und in Richtung der jungen Frau. Ihre Blicke trafen sich und Danny konnte in ihren deutlich Angst sehen. Er hatte mit Zorn gerechnet, Verzweiflung, doch auf keinen Fall mit Angst. Eigentlich ein gutes Zeichen angesichts der Beziehung, die sich in den letzten Monaten zwischen ihnen aufgebaut hatte. Janine Talley schien in der Tat Angst zu haben, dass die vor ihr sitzende Person ein Verräter war und daher von ihrem Vater beseitigt werden musste.
    „Nein, du irrst dich“, entgegnete der junge Mann schließlich. „Ich bin kein Verräter und ich hoffe, dass du dich bezüglich der Einschätzung deines Vaters irrst. Ich für meinen Teil habe seinen Blick zu mir nicht als Schulzuweisung verstanden. Hätte ich etwa Grund dazu?“
    „Ja…Nein…, “ stammelte Janine und stockte. Mit einer Hand fuhr sie sich über das Gesicht, so als kämpfte sie mit Tränen. Danny tat es leid, sie so zu sehen und so rutschte er von seinem Sessel, kniete sich vor ihr hin und umfasste ihre beiden Hände mit den seinigen. Mit dieser einfachen, Jahrtausendealten Geste spendete er ihr neuen Mut und Zuversicht.
    „Es wird alles gut werden, Janine!“
    „Du kennst ihn nicht so gut wie ich, Danny“, erklärte die Frau und blickte zu dem einzigen Wandbild, welches sich in seinem Zimmer befand. Ironischerweise war es ein jahrhundertealtes Werk von der Erde, welches die Vertreibung Adam und Evas aus dem Paradies zeigte. „Er ist ein Mann mit festen Idealen und Wertvorstellungen, ein Patriot. Dass irgendjemand eine Sache, egal welche, verrät oder sie gar zu seinem persönlichen Vorteil benutzt, passt nicht in sein Weltbild. Ich weiß, was er mit diesen Menschen tut, die ihn auf diese Art und Weise verletzen und ich möchte nicht, dass selbiges mit dir geschieht.“
    Diese Aussage hätte ihn eigentlich beunruhigen müssen, aber sie war auch auf eine unglaubliche Art und Weise romantisch. Danny Bird wusste nicht, was er tun sollte. In seinem Innersten tobte ein Wechselbad der Gefühle. Zärtlich küsste er Janines Hände, die er immer noch hielt und sagte:
    „Janine, ich liebe dich und ich respektiere deinen Vater. Ich würde niemals ihn oder dich verletzen wollen. Ich bin kein Verräter, glaube mir das.“
    Nur ein einziger Punkt in diesem Satz war keine Lüge gewesen und dies bereitete Danny Kopfschmerzen. Ihm war das passiert, was niemals einer Person bei einem Undercover-Einsatz passieren sollte: er hatte eine persönliche Beziehung zu einer verdächtigen Person aufgebaut. Doch was hätte er tun sollen? Innerhalb kürzester Zeit hatte er sich in James Talleys Tochter verliebt und diese Gefühle waren von ihr erwidert worden. Nach der
    Enttäuschung rund um Elisabeth hatte er eigentlich nicht erwartet in näherer Zeit eine glückliche Liebe zu finden, doch ausgerechnet zu dem Zeitpunkt, wo keine Liebe sein durfte, hatte ihn diese ereilt. Nun hatte ihn also das Dilemma ereilt: auf der einen Seite liebte er Janine, doch er musste sie auch wissentlich betrügen und am Ende benutzen, um ihren Vater zu stoppen. Immerhin verfolgten sie als Ziel nichts anderes als Massenmord und dies machte sie zu Schwerkriminellen. Nachdem er sich über seine Gefühle im Klaren geworden war, hatte Danny alles versucht, um in Janine nur das Opfer der Intrigen ihres Vaters zu sehen. Leider hatte jedoch Danny einsehen müssen, dass die junge Frau tief im Führungsprozess der Organisation eingebunden war. Janine war mehr als nur ein Rädchen im Getriebe, sondern eine der wichtigsten Personen im engeren Umkreis ihres Vaters.
    Wenn Danny doch nur wüsste, wie er mit dieser Sache umgehen sollte…

    Auch Captain Lewinski wusste immer noch nicht, was sie nun tun sollten. Seine eigene Crew hatte er motivieren können, doch wer kümmerte sich um ihn? Sicherlich, der Präsident hatte sein Vertrauen in ihn gesetzt, doch der Staatschef befand sich nicht hier draußen und musste eine furchtbare Waffe stoppen, ohne den geringsten Anhalt oder eine Spur zu haben.
    Die Monitor befand sich im Orbit der Erde, kreiste dort und wartete auf eine neue Fährte, die sie aufnehmen konnte. Bis dies jedoch geschehen war, waren sie alle nutzlos. Nachdenklich saß der Captain an seinem Schreibtisch und starrte auf die Aktenberge vor ihm. Alle diese Dokumente, Unterlagen, Fahndungsfotos und dergleichen hatte er in der letzten Stunde durchforstet, immer auf der Suche nach einem neuen Ansatz für ihre Jagd. Leider hatte sich keine neue Lösung aufgetan. Sie alle wollten aktiv werden, ihrer Aufgabe nachkommen, doch wie, wenn man absolut keine Spur besaß. Etwas musste getan werden, denn nur durch Herumsitzen und warten gelangten sie nicht zu neuen Erkenntnissen, doch wo nur ansetzen?
    John konnte sich nicht daran erinnern, wann er das letzte Mal so ratlos gewesen war. Selbst im Kampf gegen Sektion 31 war er nur selten um eine Idee verlegen gewesen und hatte es immer wieder geschafft neue Fährten zu finden. Doch hier schien die Situation ausweglos zu sein.
    Mit dem Tod von Timo Gruber hatte sich ihre einzige Spur gewissermaßen in Luft aufgelöst. Für einen winzigen Moment waren sie dem Erfolg so nahe gewesen, nur um am Ende nun gar nichts zu haben. Die gefälschte Bombe hätten sie noch verkraften können, doch der Selbstmord des Kuriers war ein Schock gewesen. Und unweigerlich musste der Captain an den gar nicht so lange zurückliegenden Disput zurückdenken, den er mit seinem ersten Offizier gehabt hatte. Wäre es nach Matt gegangen, so hätten sie mentalen Druck eingesetzt, um an den wichtigen Informationen zu gelangen, die sie zur Verhinderung des Massenexodus brauchten. Lewinski war schockiert über den Vorschlag des Commanders gewesen. Es hatte einfach gar nicht so zu dem Halbbetazoiden gepasst einen anderen Menschen foltern, egal auf welche Art und Weise, zu wollen. Natürlich war ihnen allen die Harte Kindheit von Price bekannt, doch das wissentliche Erzeugen von Schmerzen zwecks Informationserlangung war für den Captain der Monitor einfach abwegig gewesen.
    Nun jedoch fragte sich der Kommandant, ob er selbst nicht falsch entschieden hatte. Hätten sie Matts Vorschlag sofort in die Tat umgesetzt, so wären sie möglicherweise an die Informationen gelangt, die sie gebraucht hätten. Vielleicht wüssten sie nun auch den tatsächlichen Standort der Waffe oder ähnliches. Aber John hatte sich aufgrund von Moral und Ethik gegen dieses Vorgehen entschieden. Basierend auf diesen beiden Entscheidungskriterien mochte sein Handeln richtig gewesen sein, doch was würde die Bevölkerung der Föderation davon halten, nachdem die Erde ausgelöscht worden wäre?
    Inter Arma Enim Silent Legis.
    „Im Krieg schweigen die Gesetze“, dieser Satz kam John wieder einmal in den Sinn. Wie sehr konnte man an seinen eigenen Idealen und Wertevorstellungen festhalten, wenn alles, was einem lieb und teuer war, bedroht wurde? War es rechtens in diesem Fall die Gesetze oder Rechte von einigen wenigen einzuschränken oder gar zu brechen, um der Masse zu helfen? Bisher hatte Captain Lewinski diese Frage immer mit einem kategorischen Nein beantwortet, doch in der momentanen Situation war er alles andere als sicher.
    Irgendwann jedoch, John wusste nicht, wie viele Minuten vergangen waren, schaffte er es sich von diesem Thema zu lösen. Egal wie man es drehte und wendete, am Ende waren alle Überlegungen rein hypothetisch. Stand über Vergangenes nachzudenken galt es nun nach vorne zu blicken und eine Lösung für das Problem zu finden. Egal, wie abstrus der Ansatz auch sein mochte!
    Es war in jenem Moment, als sich ein unerwarteter Hoffnungsschimmer auftat. Blinkend erwachte das Komterminal auf dem Schreibtisch des Captains zum Leben und machte so deutlich, dass jemand eine Sprechverbindung zu ihm herstellen wollte. In Erwartung den Präsidenten oder einen seiner Mittelsmänner zu sprechen, nahm Lewinski den Anruf entgegen. Doch statt der erwarteten Person blickte er in das Gesicht eines ihm unbekannten vulkanischen Captains. Dieser musterte John Lewinski kühl, wie es für viele Angehörige seiner Spezies üblich war und stellte sich vor:
    „Mein Name ist Captain Devol, Leiter des Hochsicherheitstraktes Alpha.“
    Der Name war natürlich dem Kommandanten der Monitor bekannt. Das Gefängnis, in dem sein Bruder interniert worden war.
    „Captain Lewinski von der Monitor“, entgegnete John unnötigerweise. „Was kann ich für sie tun, Captain?“
    „Ich habe hier einen Insassen meiner Vollzugsanstalt, der mit ihnen sprechen möchte“, erklärte der Vulkanier und trotz der Emotionslosigkeit, die für seine Spezies so üblich war, schien ein gewisser Unterton in seiner Stimme mitzuschwingen. Was genau er aussagen wollte, bliebt jedoch unklar.
    „Um wen handelt es sich?“
    Johns Frage war seltsam, konnte er sich doch ganz genau denken, um wen es hier ging.
    „Sind sie also bereit das Gespräch entgegen zu nehmen, Captain Lewinski? Immerhin ist es unüblich, dass wir unseren Gefangenen gestatten ein Telefonat zu führen. Jedoch hat ihr Bruder, Martin Lewinski, behauptet es handle sich um einen Notfall.“
    Worum es bei diesem Gespräch gehen würde war Captain Lewinski fast schon egal. Angesichts dieser Krise schien es einen kleinen Hoffnungsschimmer darzustellen, dass sein jüngerer Bruder endlich wieder mit ihm sprechen wollte. Dass ihn diese Möglichkeit mitten in der Nacht ereilte, tangierte ihn so gut wie gar nicht.
    „Stellen sie ihn bitte zu mir durch!“
    „Sehr wohl“, bestätigte Captain Devol und das Bild wechselte, zeigte statt dem seinigen Gesicht das von Martin Lewinski. Sein Anblick war für John keine Überraschung, immerhin warf er von Zeit zu Zeit ein Auge auf seinen kleinen Bruder. Seltsam, wie er immer noch diese Terminologie benutzte, obwohl Martin ein erwachsener Mann geworden war und, schlimmer noch, ein Krimineller. Vielleicht war in einem anderen Universum sein Leben glücklicher verlaufen, zumindest hoffte John, dass es nicht das Schicksal seines Bruders war, ein Verbrecher zu sein. Er wollte einfach nicht wahr haben, dass Martin ein schlechter Mensch war.
    „Schön, dich zu sehen“, begrüßte John seinen jüngeren Bruder und meinte diese Begrüßung ernst. „Geht es dir gut?“
    „Wie soll es mir schon gehen hinter schwedischen Gardinen?“ war die provokante Antwort Martins. Trotz seiner Verbitterung brachte der Waffenhändler ein schiefes Lächeln zustande. Oder lag es an dem Zynismus, der in seiner Stimme mitschwang?
    „Wenn es irgendetwas gibt, was ich für dich tun kann…“
    „Du hast Glück! Ich kann sogar etwas für dich tun, “ erklärte Martin Lewinski und erntete für diese Aussage verwunderte Blicke seitens John. „Mir ist es möglich euch bei der Suche nach der Biowaffe zu helfen!“
    Wie ein Schlag traf den Kommandanten der Monitor diese Aussage. Wo sollte er nur anfangen die ganzen Probleme, die sich an dieses Angebot knüpften, zu erfassen?
    „Wie… wie… ich weiß nicht, wovon du sprichst, “ stammelte John und schaffte es nicht, seine Überraschung zu verbergen.
    „Sich zu verstellen wird nichts bringen“, meinte Martin lächelnd, „ich weiß über alles Bescheid. Die Biowaffe, die Bedrohung der Erde und dass ihr Probleme habt sie zu finden. Denkst du nicht, dass ich in meiner Welt ein Mann mit Einfluss gewesen bin und dass ich auch hier drinnen, in einem so genannten Hochsicherheitsgefängnis an diese Informationen gelangen kann? Ich muss schon sagen, es sieht übel für euch aus!“
    Sich noch weiter über dieses Informationsleck zu wundern, würde derzeit nichts bringen. Zwar musste diese Quelle geschlossen werden, soviel war für den älteren der Lewinskis klar, aber derzeit hatten sie andere Prioritäten. Und wenn sich hier die Möglichkeit bot eine neue Spur zu finden, so mussten sie diese nutzen. Auch wenn sie aus einer obskuren Quelle kamen.
    „Also schön, raus mit der Sprache, “ forderte John seinen Bruder auf, „wie kannst du uns helfen?“
    Doch statt die erhoffte Antwort von sich zu geben, hob Martin mahnend seinen Zeigefinger und brachte sogar ein schiefes Grinsen zustande, welches Captain Lewinski ganz und gar nicht gefiel.
    „Na na, nicht so schnell! Bevor ich hier irgendetwas über mögliche Standorte oder Mittel erzähle, wie man die Biowaffe aufspüren kann, muss ich erst hier heraus!“
    „Wo heraus?“
    Die Frage an sich war völlig unsinnig, drückte jedoch deutlich die Überraschung aus, die der Captain angesichts dieser Worte empfand. Die Forderung war so abwegig, dass sie ihm niemals in den Sinn gekommen war.
    „Aus dem Gefängnis. Ich will sofort aus diesem Knast entlassen werden. Bevor ich keinen Fuß außerhalb dieser Mauern gesetzt habe, sage ich euch gar nichts!“
    Der Entschluss Martins schien unumstößlich, egal wie sinnfrei seine Forderung auch sein mochte. Ehrlich gesagt wusste John nicht, was er zu dieser Forderung sagen sollte.
    „Martin, dies muss ein Scherz sein. Ich kann dich nicht im Tausch gegen eine Information, von der ich nicht einmal weiß, ob sie uns helfen kann, aus dem Gefängnis holen.“
    „Sie wird euch helfen, keine Sorge! Und ich werde erst etwas sagen, wenn ich aus diesem Alpha-Trakt heraus bin.“
    „Verlegung in einen Minimumsicherheitsbereich, Haftverkürzung, vielleicht sogar Bewährung in einigen Jahren, dies kann ich dir anbieten, “ versuchte John seinem Bruder klar zu machen, „aber auf keinen Fall die Freiheit!“
    Enttäuscht von dieser Aussage lehnte sich Martin in seinem Stuhl, von dem aus er kommunizierte, zurück und brummte:
    „Dann ist es deine Schuld, dass die Erde zerstört werden wird.“
    Damit beendete Martin Lewinski die Verbindung und ließ seinen Bruder fast schon verzweifelt zurück. Dieser dachte einige Sekunden nach, bevor er eine erneute Verbindung zu Captain Devol herstellte. Der Vulkanier schien aus irgendeinem Grund den Rückruf erwartet zu haben, denn er saß immer noch in jene Haltung an seinem Schreibtisch wie während des ersten Gesprächs. Wie schaffte er es nur, trotz dieser frühen Tageszeit, so makellos auszusehen.
    „Ich habe irgendwie ihren Anruf erwartet, Captain Lewinski“, begrüßte Devol den Kommandanten trocken.
    „Dies kann ich sehen!“
    „Haben sie mit ihrem Bruder gesprochen?“
    „Ja, dies habe ich und ich möchte sie bitten diesen aus der Haft zu entlassen.“
    Selbst für einen stoischen Vulkanier wirkte Devol nun überrascht. Seine Überreaktion bestand in der typischen Wölbung einer Augenbraue.
    „Sicherlich habe ich mich da eben verhört, Captain Lewinski?“
    „Nein, haben sie nicht. Martin Lewinski befindet sich im Besitz von Informationen, die wichtig für die nationale Sicherheit sind. Jedoch ist er nur zur Preisgabe dieser Informationen im Tausch gegen seine Freiheit bereit.“
    Kurz überlegte der Vulkanier, was er sagen sollte.
    „Es ist schon seltsam,“ meinte Devol schließlich, „da es hier um ihren Bruder geht, könnte es von manchen Leuten als bewusste Täuschung interpretiert werden.“
    „Gehören auch sie zu diesen bewussten Leuten?“ fragte Lewinski im Gegenzug.
    „Nein, tue ich nicht. Jedoch steht die Freilassung ihres Bruders nicht in meiner Macht. Sie müssen sich schon an höhere Stellen wenden.“
    „Wie dem Justizministerium?“ fragte Lewinski und wurde sich abermals des Zeitfaktors bewusst, der bei dieser ganzen Sache eine kritische Rolle spielte.
    „Noch höher“, war die ernüchternde Antwort des Vulkaniers.

    Lange hatte der Präsident der Föderation überlegt, ob ein solcher Schritt überhaupt notwendig sei. Hin und her war er durch seine Gefühle gerissen worden. Zum einen war er natürlich um die Sicherheit seiner Familie besorgt. Er wollte sie auf keinen Fall auf der Erde wissen, wenn sie tatsächlich scheitern sollten und der Virus auf dem Planeten freigesetzt werden würde. Doch etwas in seinem Innersten hatte ihn bisher daran gehindert den entscheidenden Schritt zu tun. Es war, als hätte ihn eine unsichtbare Macht davon abgehalten seine Frau um diesen Gefallen zu bitten. Vermutlich war es das Gefühl, dass jene Bitte ein Eingeständnis des Scheiterns sein könnte. Ein Indiz dafür, dass sie tatsächlich nicht in der Lage sein könnten diese Terroristen an der Umsetzung ihres teuflischen Planes zu hindern. Bisher hatte der Staatschef keinen Zweifel am Erfolg des Guten gehabt. Egal wie düster manchmal die Situation für die Föderation gewesen sein mochte, am Ende hatten Recht und Moral obsiegt. Auch im Dominion-Krieg hatte der interstellare Völkerbund mehr als einmal mit dem Rücken zur Wand gestanden und hatte dennoch das Blatt wenden können.
    Doch hier war die Situation eine andere. Plötzlich hatten sie es nicht mit einer anderen Staatsmacht und riesigen Armeen als Gegner zu tun, sondern einer kleinen Gruppe von Menschen, die nur schwerlich aufzufinden waren und von denen man bisher keine Spur besaß. Die gesamten Hoffnungen der Menschheit ruhten derzeit auf den Schultern von Captain Lewinski und seiner Crew. Instinktiv fragte sich der Präsident, ob der Captain der Monitor mit diesem immensen Druck klar kam. Natürlich hatte er sich über den Werdegang des Kommandanten informiert ( dessen Akte lag immer noch auf seinem Schreibtisch ), aber dennoch war es eine berechtigte Frage, wie Lewinski die Sache aufnahm. Derzeit war er der einzige, der sich um diese Sache kümmern konnte. Wenn seine Crew und schlussendlich er selbst scheiterten, dann wäre es das Ende der Welt, wie sie sie kannten. Die politischen und wirtschaftlichen Folgen einer Vernichtung der Erde waren nicht auszudenken. Sie konnten das politische Gleichgewicht des Quadranten zerstören, ja sogar die Föderation als Institution selbst ins Wanken bringen. Geldentwertung, Massenbankrotts, Gesetzlosigkeit, dies wären nur einige der wenigen Folgen einer solchen Katastrophe.
    Entschieden schüttelte der Präsident den Kopf und versuchte so die unangenehmen Gedanken zu vertreiben. An diese Möglichkeiten wollte er nicht einmal denken. Vielmehr galt es nun optimistisch zu bleiben. Schließlich raffte er sich auf, verließ den Arbeitsbereich des Präsidialgebäudes und zog sich in den hinteren Wohnbereich zurück. Auch wenn oder gerade weil er nur wenig Freizeit hatte, besaß der Präsident eine großartige Wohngelegenheit mit mehreren herrlich ausgestatteten Räumlichkeiten, einem malerischen Esszimmer und einem unglaublichen Schlafzimmer. Wenigstens hier, so zumindest die Idee der Konstrukteure, sollte ein Staatsoberhaupt Ruhe nach einem anstrengenden Tag finden. Genau dort fand er auch seine Frau wieder, die seelenruhig auf der Couch lag, die Füße hochgelegt hatte und ein Buch las. Wie ein Fels in der Brandung, so kam sie dem Präsidenten vor und instinktiv musste er lächeln. Was für ein Glück er doch mit dieser Frau gehabt hatte!
    Endlich bemerkte seine Frau ihn und lächelte. Ruhig legte sie ein Lesezeichen in dem altmodischen Buch, welches aus Papier bestand, und packte es beiseite.
    „Da bist du ja!“ begrüßte ihn seine Frau, erhob sich von ihrem Platz und umarmte ihren Gatten. „Nach deinem überhasteten Wecken vor einigen Stunden habe ich mir schon Sorgen gemacht. Ist es nun vorbei?“
    „Nein, die Krise ist leider noch nicht ausgestanden“, entgegnete der Staatsmann ehrlich und überlegte, wie viel er seiner Gemahlin anvertrauen konnte. Normalerweise hatte er keinerlei Geheimnisse vor ihr, doch dieses Mal fragte er sich, wie schockierend die Nachricht sein konnte. „Vielmehr sind wir noch mitten drin.“
    „Etwas Ernstes?“ fragte sie überflüssigerweise und erntete von ihrem Mann ein Nicken.
    „Ja, es ist in der Tat ernst und daher möchte ich dich um etwas bitten: nimm die Kinder und verlass die Erde. Nicht für lange, nur bis die gegenwärtige Situation beendet wurde.“
    Überrascht löste sich seine Frau von ihm, stemmte ihre Hände in die Hüften und musterte das Gesicht ihres Ehemannes. Sie versuchte eine Antwort in seinen Zügen zu finden, doch zu ihrer Überraschung war sie dazu nicht in der Lage.
    „Die Erde verlassen? Wieso und was ist mit dir?“
    „Das kann ich dir leider nicht sagen. Tu bitte einfach das, was ich sage, ja? Es wäre mir eine große Erleichterung, wenn ich euch in Sicherheit wüsste.“
    Plötzlich schlug der Ton seiner Frau um, wandelte sich in ein vertrautes Flüstern, als sie fragte:
    „Ist es denn so ernst?“
    Statt einer Antwort nickte der Präsident nur, so dass seine Frau weiterfragte:
    „Und es wäre dir eine Hilfe, wenn wir nicht auf der Erde wären?“
    Auch bei dieser Frage nickte der Präsident und blickte seiner immer noch Jugendhaft schönen Frau in die Augen. Schließlich akzeptierte sie. Dazu musste sie kein Wort sagen, ein einfacher Blick reichte und der Präsident wusste, dass seine Frau dem Wunsch folge leisten würde. Es würde in jedem Fall eine gewaltige Erleichterung bedeuten, wenn seine Familie erst einmal auf dem Mars oder sonst wo wäre.
    „Du wirst eine der präsidialen Raumschiffe nehmen“, meinte der Staatsmann und aktivierte sogleich einen Kombildschirm. „Ich werde auf der Stelle eines vorbereiten lassen.“
    Im Anschluss an jenes Gespräch begab sich der Präsident wieder in seinen Arbeitsbereich, wo an seinem Terminal wieder zahllose Nachrichten und Anrufe auf ihn warteten. Kurz ging er die Liste der Meldungen durch, fand dann schließlich die Interessanteste von allen: ein Anruf von Captain Lewinski! Sofort ließ er den Captain der Monitor zu sich durchstellen.
    „Captain“, begrüßte der Präsident seinen derzeit besten Mann, „gut von ihnen zu hören!“
    „Mr. President, vielen Dank, dass sie so schnell auf meinen Anruf reagieren“, entgegnete John und trotz seiner jahrelangen Berufserfahrung war es ihm nicht gänzlich möglich seine Angespanntheit zu verbergen. „Es könnte sich eine neue Spur auftun.“
    „Erzählen sie mehr davon!“
    „Jemand bietet seine Hilfe bei der Suche an. Angeblich weiß diese Person ganz genau, wie man den Biovirus mittels Scannern orten kann.“
    Erfreutet weiteten sich die Augen des Staatsoberhauptes. Dies waren in der Tat erfreuliche Nachrichten. Man musste manchmal nur lange genug an sein Glück glauben, dann traf es auch ein!
    „Ausgezeichnet! Wer ist diese Person und arbeitet sie schon mit ihnen zusammen?“
    Nun pausierte John Lewinski für einen kurzen Moment und knirschte mit den Zähnen; das wohl sichtbarste Anzeichen, dass die Sache noch einen Haken hatte.
    „Nein, diese Person sitzt im Gefängnis und verlangt im Gegenzug für seine Hilfe sofortige Freilassung und Amnestie.“
    Nur kurzzeitig fragte sich Präsident, wie diese Person wohl im Gefängnis von der ganzen Sache erfahren haben konnte. Derzeit gab es dringlichere Fragen als diese.
    „Ich verstehe ihr Dilemma. Captain, wie heißt diese Person?“
    „Martin Lewinski.“
    Nun stockte auch der Präsident, musterte seinen Gesprächspartner und wusste für einen Moment nicht, was er sagen sollte. Zwar hatte er sich wieder innerhalb weniger Sekunden gefasst, dennoch war ihm das Misstrauen deutlich anzusehen gewesen.
    „Sie wissen schon, wie dies jetzt aussieht, Captain Lewinski?“ fragte der Präsident noch einmal nach und fasste damit deutlich seine Gedanken zusammen.
    „Ja, dies ist mir klar, Sir, aber ich muss betonen, dass dies vielleicht unsere einzige Spur zu diesem Fall sein könnte. Es wäre fatal dieser nicht nachzugehen.“
    „Es ist also ihr Bruder?“
    „Ja, in der Tat.“
    „Und weswegen sitzt er im Gefängnis?“ fragte der Präsident, faltete seine Hände und stützte sein Kinn darauf abwarten.
    „Waffenschmuggel sowie mehrfacher Mord“, gestand John ohne zu zögern. Was gab es auch an der schrecklichen Vergangenheit seines Bruders zu vertuschen?
    „Sie verlangen also im Ernst, dass ich ihren Bruder aus der Haft entlassen soll?“
    „Andernfalls ist er zu keiner Kooperation bereit, Mr. President!“
    „Ich kann ihm Hafterleichterung anbieten, Verringerung der Haftstrafe…“
    „All jenes lehnt er ab“, fiel ihm der Captain ins Wort und bereute sogleich seine Tat. „Er will auf freien Fuß gesetzt werden.“
    Lange dachte der Präsident über diese Sache nach. Was wog nun schwerer? Und sprach Martin Lewinski überhaupt die Wahrheit?
    „Diesen Fall muss ich überdenken“, entschied der Staatschef schließlich. „Ich werde die Akte ihres Bruders studieren und dann eine Entscheidung treffen.“
    Doch scheinbar war John Lewinski mit dieser Aussage alles andere als zufrieden, dies konnte man anhand seiner Reaktion ersehen.
    „Sir, bei allem Respekt, aber wir haben keine Zeit. Uns gehen die Optionen aus und…“
    „Ich werde ihren Fall bedenken“, würgte der Präsident den Kommandanten ab und beendete die Verbindung. Eine unhöfliche Reaktion, ja, aber angesichts der Situation musste er nachdenken. Egal wie er sich entschied, scheinbar würde er verlieren, zumindest hatte der Präsident dieses Gefühl!

    Immer noch wusste Danny Bird nicht, was er tun sollte. Das Gespräch mit Janine hatte ihn nur noch mehr verwirrt. Bleiben oder Gehen? Dies war die Frage, die er sich immer noch stellte. Natürlich wollte er der Sternenflotte so viele Informationen wie nur möglich liefern, aber dabei wollte er noch am Leben bleiben. Nach langem Überlegen hatte der Lieutenant eine Entscheidung getroffen: er brauchte einen Kaffee! Ruhigen Schrittes ging Danny durch die weiten Flure des Gebäudes, bis er schließlich in einer der zahlreichen Teeküchen ankam. Dort begann er sich einen Kaffee auf herrlich altmodische Art und Weise herzustellen. Natürlich befanden sich Replikatoren in diesem Raum, aber irgendwie stand ihm der Sinn nach der klassischen Zubereitungsart des koffeinhaltigen Getränkes. Ausgerechnet James Talley war es gewesen, der ihm diese Methode des Zubereitens gezeigt hatte und seitdem schwor Bird auf das jahrhundertealte Getränk. Vorsichtig füllte Danny fünf gestrichene Löffel Kaffeepulver in den Filter und aktivierte das Gerät. Langsam, mit dem typischen Geräusch einer Kaffeemaschine, welches so beruhigend wirkte, begann das Gerät die wertvolle Flüssigkeit herzustellen. Fast schon hypnotisiert blickte der Mensch auf die braune Flüssigkeit, welche in die Kanne floss. Sie würde ihm etwas Entspannung und Erholung bieten in dieser krisenreichen Zeit.
    Es dauerte einige Zeit, bis der Undercover-Agent bemerkte, wie jemand den Raum betreten hatte. Er stellte sich direkt neben Danny und holte eine weitere Kaffeetasse aus dem Holzregal. Nur mit Mühe konnte der taktische Offizier der Monitor seine Überraschung verbergen, als er ausgerechnet James Talley neben sich entdeckte. Immer noch wirkte dessen Miene undurchdringlich und nicht interpretierbar. Statt zu sprechen, nickten sich Danny und James nur zu, bevor sie ihre scheinbare Aufmerksamkeit wieder auf die Kaffeemaschine richteten.
    Was nur tun? Es war wie beim Poker, man konnte sich niemals sicher sein, was der Gegenüber wirklich annahm. Hielt James ihn nun für einen Verräter und den Grund, wieso Timo Gruber aufgeflogen war oder bildete er sich dies nur ein? Schwierig eine Entscheidung basierend auf diesen Grundlagen zu treffen. Dennoch musste er sich entscheiden. Abermals blickte Danny zu dem Mann neben ihm, welcher derzeit die größte Bedrohung für die Sicherheit der Föderation darstellte. Wie harmlos doch James Talley wirkte! Jede andere Person, die ihn vermutlich auf der Straße sähe, würde ihn für einen Geschäftsmann oder Lehrer halten, der ein liebevoller Vater war und nur das Beste für seine Tochter im Sinn hatte. Vermutlich traf das meiste auch auf ihn zu, bis auf den Punkt, dass er den Großteil des Lebens auf der Erde auslöschen wollte. Immer wieder musste Danny an die Ereignisse vor zwei Jahren zurückdenken, als er selbst die Auswirkungen der Biowaffe miterleben durfte. Allein die Vorstellung, dass sich die Bevölkerung der Erde gegenseitig im Wahn umbrachte, war grauenvoll.
    Und genau aus diesem Grund durfte Danny nicht gehen. Auch wenn ihn James, der sich gerade eine Tasse des fertigen Kaffees einschenkte, für einen Verräter hielt, so musste Lieutenant Danny Bird doch alles tun, um diesen Wahnsinn aufzuhalten. Wenn der Preis dafür sein eigenes Leben war, so musste dieser gezahlt werden, um Schlimmeres zu verhindern. Aus diesem Grund traf Danny die Entscheidung, welche er für richtig hielt. Daher schenkte er sich ebenfalls eine Tasse Kaffee ein, grinste James selbstsicher an und ließ ihn in der Teeküche zurück. Statt sich über eine Flucht Gedanken machen zu wollen, galt es nun ein Ablenkungsmanöver zu kreieren und glücklicherweise hatte Danny schon eine Idee, wie er dies anstellen wollte…

    „Es tut mir leid, aber leider kann ich ihrem Gesuch nicht stattgeben!“
    Der Captain hatte auf eine schnelle Entscheidung seitens des Staatsmannes gedrängt und tatsächlich hatte der Präsident ihn innerhalb von 20 Minuten zurückgerufen. Nur mit dem Ergebnis konnte sich John Lewinski alles andere als anfreunden. Nach allen Informationen, die er dem Oberhaupt der Föderation präsentiert hatte, war er sich sicher gewesen, dass dieser seinem Bruder eine Amnestie gewähren würde. Doch scheinbar hatte er sich geirrt.
    „Mr. President, bei allem Respekt“, fragte Captain Lewinski daher noch einmal nach, „haben sie sich dies auch gut überlegt?“
    „Selbstverständlich habe ich dies, Captain. Ich bin die Fakten des Falles noch einmal durchgegangen, habe mir ihre Argumente sowie die meiner Berater durch den Kopf gehen lassen und habe mich, basierend auf diesen Informationen, gegen eine Freilassung ihres Bruders entschieden.“
    Erschöpft lehnte sich John in seinem Sessel zurück. Für einen kurzen Moment hatte es so ausgesehen, als besäßen sie eine neue Spur. Doch auch diese blieb ihnen versagt.
    „Lassen sie mich raten: Justizminister Jellico hat sich ebenfalls gegen eine Amnestie ausgesprochen, oder?“
    Die Frage des Kommandanten war mehr als berechtigt. Wer anders als sein Intimfeind würde schon jubeln angesichts eines weiteren Schlages gegen ihn? Doch sehr zu seiner Überraschung erklärte der Präsident der Föderation:
    „Sie scheinen sich in dem Minister zu irren. Mr. Jellico hat sich explizit für eine Freilassung Martins ausgesprochen. Jedoch halte ich einen solchen Schritt für falsch.“
    „Sir, er könnte unsere einzige Spur zu der Waffe sein. Laut seiner Aussage können wir mittels seiner Informationen die Standorte der Biowaffe finden, “ merkte John nochmals mit Nachdruck an.
    „Und sie glauben ihm? Basierend worauf?“
    Kurzzeitig überlegte der Captain der Monitor, wie man eine solche Frage rational beantworten konnte. Wie drückte man ein Gefühl aus, eine Art Instinkt?
    „Er ist mein Bruder, Mr. President, und ich kenne ihn gut. Er sagt die Wahrheit.“
    „Dafür, dass er ihr Bruder ist, wussten sie jedoch recht wenig über seine kriminelle Tätigkeit“, entgegnete der Staatschef und bereute schon im nächsten Moment seine Worte, die ihm aufgrund des Stresses herausgerutscht waren. Auf ein solches Niveau sollte sich keiner herunter begeben. Der Satz traf John hart, dies war deutlich seinem Gesichtsausdruck zu entnehmen.
    „Martin Lewinski ist ein Straftäter und hat der Föderation mehr als einmal geschadet“, erklärte der Präsident noch einmal. „Wenn ich ihm nun Amnestie gewähre, ohne so recht zu wissen, ob seine Informationen uns weiterhelfen können oder nicht, so habe ich ab morgen hunderte von solchen Gesuchen auf meinem Schreibtisch liegen. Ich bin ja bereit ihm entgegen zu kommen, wenn er uns belegen kann, dass er Informationen von Wert besitzt.“
    Doch John musste als Antwort energisch den Kopf schütteln.
    „Bedauere, aber mein Bruder wird erst reden, wenn er einen Fuß auf freien Boden gesetzt hat.“
    Die Antwort des Gegenübers ließ einen Moment auf sich warten, als der Föderationspräsident überlegte, ob er die nächste Frage überhaupt stellen sollte. Auch diese konnte durchaus missverstanden werden.
    „Sind sie sicher, dass sie dies alles nur wegen der Sucher nach der Waffe tun? Oder spielt es nicht ebenso eine Rolle, dass sie ihren Bruder aus dem Gefängnis rausholen möchten?“
    „Bei allem nötigen Respekt, “ presste Captain Lewinski zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor, „aber ich war derjenige, der meinen Bruder gestellt und ihn der Justiz übergeben hat. Wieso sollte ich ihn nun auf Biegen und Brechen herausholen wollen?“
    „Sie kennen doch das Sprichwort Blut ist dicker als Wasser.“
    Statt zu antworten schwieg John den Präsidenten an, fixierte ihn mit seinem Blick. Bisher hatte er immer den höchsten Respekt vor diesem Mann gehabt, doch seine gegenwärtigen Aussagen entbehrten jedweder Logik. Manche waren gar in seinen Augen unverschämt.
    „Wäre dies alles, Sir?“ fragte John gereizt.
    „Ja, dies wäre es. Suchen sie nach alternativen Lösungswegen, Captain. Wir alle zählen auf sie und ich weiß, dass sie und ihre Crew es schaffen werden.“
    Mit diesen Worten beendete der Präsident die Komverbindung. Noch einige Zeit lang blickte John auf den schwarzen Bildschirm und dachte über dieses Gespräch nach, welches ihn fast zur Weißglut gebracht hatte. Wie über alternative Lösungen nachdenken, wenn sie überhaupt keinen Ansatz dafür besaßen? Die mögliche Lösung ihres Problems war praktisch vor ihrer Nase und der Präsident war dennoch nicht bereit über seinen Schatten zu springen. Schlimmer noch, er warf ihm Eigennutz vor. Gerade ihm, der wohl das schmerzlichste getan und seinen eigenen Bruder verhaftet hatte. Noch deutlich konnte er sich an den Moment erinnern, als er vor einem Jahr Martin endlich verhaftet und ihm erstmals seit Jahren wieder in Natura gegenübergesessen hatte:

    Gerade noch rechtzeitig war Martin Lewinski von seinem explodierenden Shuttle gebeamt worden. Wenn er ehrlich war, so war dies für ihn nicht überraschend gekommen. Anders als
    vielleicht die Klingonen hatte die Föderation Interesse an einer Strafverfolgung und einem Prozess.
    Was ihn jedoch sehr wohl überraschte, war seine Verlegung in das kleine Casino des Schiffes. Martin hatte damit gerechnet sofort in die Arrestzelle gebracht zu werden, doch
    scheinbar wollte man ihn verhören. Nun saß er hier, an einem Tisch in der Mitte des Raums. An beiden Zugängen stand jeweils ein bewaffneter Sicherheitsposten, der ihn mit Argusaugen
    beobachtete. Doch wohin hätte Martin schon fliehen können? Derzeit arbeitete er fieberhaft an einem Plan, aber im Moment war er ratlos.
    All diese Gedanken wurden jedoch unwichtig, als eine Person das Casino betrat. Natürlich hatte der Waffenhändler damit gerechnet vom Captain des Schiffes persönlich vernommen zu werden. Jedoch zu sehen, wer der Kommandant tatsächlich war, stellte mehr als nur eine große Überraschung dar.
    Auch für John Lewinski war dies ein schwerer Moment. Nachdenklich stand er in der Tür, blickte zu seinem Bruder und stellte sich instinktiv die Frage, wo dies alles noch hinführen sollte. Hier war er nun, nach einer fast einjährigen Jagd und hatte seinen Bruder festgenommen. Ob es dies schon einmal in der Geschichte der Föderation gegeben hatte? Erstaunlich selbstsicher saß sein Bruder da und starrte ihn an. Dass Martin eben fast ums Leben gekommen wäre, schien für ihn keine Rolle zu spielen. Keine Regung zeigte sich in seinem Gesicht. In diesem Moment bemerkte der Captain, wie alt sie doch geworden waren. Martin war nun 38 und er selbst 43. Fast ein halbes Jahrhundert hatten sie beide auf dem Buckel und was war ihre Bilanz? John sah seinen Bruder zum ersten Mal seit mehr als zehn Jahren nicht auf einem Komschirm, sondern in Natura. Die ganze Situation wirkte so unwirklich. John konnte nur hoffen, dass sich ihr Vater beim Anblick dieser Situation nicht im Grabe umdrehte.
    Der Einstieg in ein Gespräch war immer der schwerste Moment. John überlegte lange, was er zu Beginn sagen sollte. Er setzte sich gegenüber seinem Bruder auf den Stuhl und blickte ihn eindringlich an.
    "Im Namen der Vereinigten Föderation der Planeten nehmen wir dich wegen unerlaubten Waffenbesitzes, Waffenschmuggel und Mord fest“, erklärte Captain Lewinski. "Ich nehme mal an, ich muss dir nicht deine Rechte erklären, oder?"
    "Die scheinen ja eh keine Rolle zu spielen“, entgegnete Martin überaus selbstsicher. "Dies scheint mir ja kein reguläres Schiff zu sein. Ich glaube mich zu erinnern, dass du für den Geheimdienst tätig bist. Habt ihr überhaupt die Möglichkeit mich festzunehmen?"
    "Mit der Tötung eines Sternenflottenmitgliedes gabst du mir diese Erlaubnis."
    Johns Worte waren kalt und enthielten all den Schmerz, den er beim Verlust Hendersons empfand. Es war schon schlimm genug, dass sein eigener Bruder ein Krimineller war. Ihn jedoch als Mörder festzunehmen war noch grausamer.
    "Du hasst mich dafür, nicht wahr?" Martin schien seine Gedanken erraten zu haben. "Weil ich einen deiner Männer getötet habe."
    Lange dachte der ältere Bruder über diese Frage nach. Wie konnte man eine solche Frage beantworten?
    "Nein“, antwortete er schließlich. "Ich hasse dich nicht dafür. Du bist mein Bruder und ob du es glaubst oder nicht, ich liebe dich. Aber ich kann nicht gutheißen, was du getan hast.
    Nicht als kommandierender Offizier dieses getöteten Mannes... und nicht als liebender Bruder."
    Scheinbar war Martin überrascht über diese Aussage. Natürlich ließ er sich so gut wie nichts in seinen Gesichtszügen anmerken, aber als Bruder erkannte John sofort seine Reaktion.
    "Würde es für dich einen Unterschied machen, „ fragte der Waffenhändler, "wenn ich sage, dass der tödliche Schuss nicht gezielt abgegeben worden ist? Dass ich selbst überrascht
    war zu treffen?" Angesichts dieser Worte gab John sein Möglichstes, keine emotionale Reaktion zu zeigen, doch diese Intention schlug fehl. Er weitete seine Augen und innerlich jubilierte er.
    Es machte die Sache zwar nicht besser, aber zumindest einen kleinen Hoffnungsschimmer hatte er.
    "Und wie wird es nun weitergehen?"
    Als Zeichen einer wieder gefundenen Gelassenheit drehte sich John leicht herum und schlug seine Beine übereinander. Auch wenn er nicht als unbarmherzig dastehen wolle, eine gewisse Festigkeit musste er bei seinem Auftreten haben, besonders in diesem Fall.
    "Gegenwärtig befinden wir uns auf dem Weg zur Erde, wo du in Untersuchungshaft kommen und auf deinen Prozess warten wirst."
    Scheinbar teilnahmslos nahm sein jüngerer Bruder diese Worte auf, dachte über sie nach und schien sich fast jede einzelne Silbe auf der Zunge zergehen zu lassen. Schließlich fragte er:
    "Und du als älterer Bruder möchtest mir nicht helfen aus diesem Schlamassel herauszukommen?"
    Ruckartig stemmte sich John hoch und blickte auf seinen Bruder herab. Diese Worte hatten bei ihm im wahrsten Sinne des Wortes eine Sicherung durchbrennen lassen. Glaubte Martin wirklich nun an die Familienehre appellieren und wieder frei kommen zu können?
    "Nein, ich werde dir dabei nicht helfen. Weder als Offizier der Sternenflotte noch als dein älterer Bruder. Du verdienst einen fairen Prozess, bei dem dir jedoch hoffentlich das Handwerk gelegt werden wird. Glaubst du etwa, ich wäre nur zufällig hier? Das letzte
    Jahr über habe ich mühsam deine Spuren verfolgt, habe diskret ermittelt, um dich schließlich heute zu stellen. Ich wollte es sein, der deinem illegalen Treiben ein Ende setzt."
    "Du wolltest es also innerhalb der Familie regeln?"
    "Vielleicht könnte man es so ausdrücken“, gab der Kommandant zu.
    "Und wieso regelst du es jetzt nicht innerhalb der Familie?" fragte Martin und reckte ihm seine Hände entgegen, an denen Handschellen befestigt waren. "Bestrafe mich! Tu das, was Vater an deiner Stelle möglicherweise getan hätte."
    "WIE KANNST DU ES WAGEN VON VATER ZU SPRECHEN?" flippte Captain
    Lewinski aus. Seine Reaktion war in einer solchen Heftigkeit, dass selbst die Sicherheitsleute nervös zu ihren Phasern griffen. Dann beruhigte er sich wieder. Fast, denn panisch bemerkte er, wie sich Tränen in seinen Augen abzeichneten Die ganze Situation war einfach nur grauenvoll. Instinktiv fragte er sich, was aus ihm nur geworden war. "Er starb im Wissen, dass einer seiner Söhne etwas Falsches tat. Er wusste nicht was du getan hast, Martin, aber er ahnte es. Papa hat sich Sorgen gemacht! Und als er starb, warst du nicht an seiner Seite."
    "Du warst doch für ihn da“, entgegnete der jüngere Bruder kalt, "das hat doch gereicht."
    "Nein, hat es nicht! Ich schäme mich immer noch dafür nicht an seiner Seite gewesen zu sein, als es zu Ende ging und bei Gott, wir beide hätten an seinem Sterbebett stehen müssen!"
    Nun war es an Martin aufzuspringen. Sofort traten die beiden Wachen einen Schritt nach vorne, was den Waffenschieber dazu veranlasste sich wieder zu setzen. Mit gepresster Stimme erklärte er:
    "Vater hat dich immer mehr gemocht als mich."
    "Das stimmt nicht und das weißt du!"
    "Du warst das Wunderkind und ich ein Störfall. Es war doch kein Wunder, dass ich mir schließlich Anerkennung im Illegalen suchte."
    Drohend erhob John einen Zeigefinger.
    "Wage es niemals, dein verkorkstes Leben auf Vater zu schieben."
    "Muss ich gar nicht. Möglicherweise ist es DEINE Schuld!"
    Irritiert stand John vor seinem Gefangenen und sie starrten sich in die Augen. Schließlich drehte sich der Captain resignierend um und verließ den Raum. Das Verhör war zu Ende.


    Zum Wohle der Föderation hatte er quasi seine eigene Familie zerstört und nun war niemand bereit dieses Opfer zu würdigen. Abermals ging es nun darum die Föderation zu retten und man band ihm die Hände. Was nur machen?
    John überlegte lange und traf schließlich seine eigene Entscheidung.
    „Lewinski an Price und Kensington“, aktivierte der Captain eine interne Komverbindung, „melden sie sich umgehend in meinem Bereitschaftsraum!“
    Es dauerte nur einige Sekunden, bis beide Offiziere den kurzen Weg von der Brücke zum Bereitschaftsraum zurückgelegt hatten. Lewinski blickte sie beide eindringlich an. Ob es richtig war diesen Schritt zu gehen? Noch vor kurzem hatte er bei Matt jegliche Abweichung vom Protokoll und den Gesetzesbruch abgelehnt. Jetzt wollte er selbst einen drastischen Schritt machen. Doch für Zweifel war es bereits zu spät; die Sache musste nun durchgezogen werden.
    „Noch vor einer Stunde wollten sie harte Mittel einsetzen, um Timo Gruber zum Reden zu bringen“, erklärte Captain Lewinski in Richtung seines Stellvertreters. „Sind sie auch willens andere Wege zu gehen, um so die Rettung der Erde zu gewährleisten?“
    Ohne zu zögern antwortete der Halbbetazoid:
    „Ich bin bereit alles dafür zu tun, Skipper!“
    Dies war die Antwort, mit der John gerechnet hatte. Fähnrich Kensington musste er gar nicht erst fragen. Sie war ein aufstrebender Karriereoffizier, die alles für eine positive Beurteilung seitens ihrer Vorgesetzten tun würde. Auch sie würde mit dabei sein.
    „Was ich ihnen jetzt sage, ist als im höchsten Maße vertraulich zu behandeln“, erklärte der Kommandant. „Außer der Führungscrew des Schiffes sowie einem ausgewählten Team werden sie absolut niemandem davon erzählen.“
    Die beiden neu hinzugekommenen Offiziere nickten verstehend und warteten gespannt darauf, was ihnen ihr Captain nun zu sagen hatte.
    „Äußere Umstände zwingen uns dazu Martin Lewinski aus der Haft im Hochsicherheitsgefängnis Alpha zu befreien. Fähnrich Kensington, sie werden ein Einsatzteam von insgesamt drei Leuten aufstellen, welches von mir geführt werden wird. Des Weiteren bereiten sie einen Lageplan zwecks Orientierung vor. Commander Price, sie werden für die Ablenkung sorgen müssen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass wir uns einfach da unten hinein beamen können. Denken sie sich was gemeinsam mit Ardev aus. Habens sie beide verstanden?“
    Beide Offiziere nickten und schienen von der Mimik her zu urteilen nicht allzu schockiert darüber zu sein, dass sie gerade den Befehl erhielten in eine Anlage der Föderation einzubrechen.
    „Was wir hier zu tun gedenken, ist gefährlich und ein Verstoß gegen jedwedes Protokoll. Ich habe dies jedoch aufgrund der Sicherheit der Föderation vor. Wenn irgendjemand von ihnen Bedenken deswegen hat, so soll er diese nun äußern.“
    Doch zu seiner Überraschung kam nichts in dieser Hinsicht und so ließ er beide Offiziere wieder wegtreten. John hatte seine Entscheidung getroffen. Hoffentlich war es die Richtige…

    Diese Gespräche hasste James Talley. Zwar waren sie notwendig, aber dennoch versuchte er sie zumeist so schnell wie möglich zu beenden. Vielleicht lag es an der beängstigenden Atmosphäre, die von dieser Person ausging. Manche Personen, vor allem jene, die ihre Ziele nicht verstanden, schienen James für einen Wahnsinnigen zu halten. Jedoch verglichen mit dieser Person war er fast schon ein Priester. Sie hatte Unzählige auf ihrem Gewissen, gefoltert und ermordet auf bestialische Art und Weise. Ob sein Gesprächspartner überhaupt wusste, wie viele Lebewesen er schon getötet hatte?
    „Sind sie noch im Zeitplan?“ fragte die Person, welche auf dem Komschirm zu erkennen war. Vielleicht lag sein Unbehagen ja weniger an der Person, sondern vielmehr an dem Ort, von wo sie aus sprach. Allein das Gesicht auf dem Bildschirm zu sehen war einerseits sensationell, aber auch seltsam abstrus. Dass dies überhaupt möglich war!
    „Ja, noch läuft alles gut. Zwar ist einer unserer Männer von der Föderationssicherheit gefasst worden, aber ich habe diese Fall antizipiert.“
    „In wie fern?“ fragte der Gegenüber und wölbte, gemeinsam mit einem spitzbübischen Lächeln, eine Augenbraue.
    „Er trug nicht die tatsächliche Waffe bei sich, sondern nur einen Köder.“
    „Gute Idee. Aber wie konnte er gefasst werden?“
    „Wir haben einen Verräter unter uns“, gestand James Talley. Nur vor wenigen Personen hatte der schwarze Mann Respekt, sein Gegenüber war einer davon. Obwohl sie unzählige Lichtjahre trennten, schien es so, als könnte sein Gesprächspartner im schlimmsten Falle ihn durch den Bildschirm packen und töten.
    „Ach ja, der leidige Verrat. Ihr Menschen schein ja sehr anfällig für dieses Thema zu sein, “ seufzte die Person und rollte übertrieben mit den Augen. Zumindest hielt James dies für eine übertrieben gekünstelte Reaktion. Obwohl eigentlich alles an dieser Person gekünstelt wirkte. Sei es ihre Aussprache, ihre Gestik, ihre Kleidung, alles wirkte völlig abgehoben. Ob die Person selbst dies wusste oder schon längst vergessen hatte? „Ich bin sicher sie kümmern sich darum, James?“
    „Aber selbstverständlich! Ich habe auch schon mehrere Personen im Verdacht. Es sollte nicht mehr lange dauern, bis wir den Täter gefasst haben.“
    „Schön, schön. Ich bin sicher noch von ihnen zu hören.“
    Mit diesen abschließenden Worten beendete die mysteriöse Person das Gespräch. Erleichtert seufzte James, als das Gesicht vom Bildschirm verschwand. Eine seltsame Person, aber auch ein wertvoller Auftrag- und Geldgeber. Nur aus diesem Grund hatte er sich mit ihr einlassen müssen.

    Weit entfernt, in einer düsteren Zelle, lag der Antosianer Jozarnay Woil reglos auf dem Boden. Unter seinem Körper bildete sich eine große Blutlache und scheinbar hatte der ehemalige Chefingenieur das Bewusstsein verloren, denn er hatte seine Augen geschlossen. Für einen Außenstehenden musste dies ein furchtbares Bild darstellen und genau dies war beabsichtigt. Routinemäßig blickte eine der Wachen, welche sich vor seiner Zelle befanden, in den Raum hinein und erstarrte. Innerhalb nur einer einzigen Sekunde hatte der Wachmann die Tür geöffnet und war in den kleinen Raum hineingestürmt. Sofort erkannte er, was vorgefallen war: trotz strengster Sicherheitsvorkehrungen war es dem Gefangenen gelungen sich mit einer zerbrochenen Tasse die Pulsadern aufzuschneiden. Wie der Gefangene der Sektion 31 dies geschafft hatte blieb der Wache unklar. Die Essensrationen, die sie Woil zuteilten, waren nicht nur begrenzt, sondern wurden auch in Tellern und Gefäßen gereicht, die eigentlich nicht als Waffe missbraucht werden konnten. Aus irgendeinem ihm unbekannten Grund hatte der ehemalige Chief es dennoch geschafft die Tasse als Selbstmordinstrument zu nutzen. Im Kopf der Wache raste es. Panisch blickte er zu seinem Kollegen, der sich im Flur befand und vor sich hin döste. Edward Jellico würde toben, wenn er erführe, dass sein persönlicher Gefangener tot war. Was würde nur aus ihm selbst werden und seinem Partner?
    Was die aufgeregte Wache jedoch nicht wusste war, dass ein Antosianer viel mehr Blut verlieren konnte als ein Mensch. Jeder Erdenbewohner, und genau dies war der Wachmann, wäre bei diesem Literverlust schon gestorben, doch der Körberbau Woils unterschied sich grundlegend von dem seiner Bewacher. Für ihn war dieser Verlust an Blut nur ein kleines Ärgernis. Demzufolge war er auch beileibe nicht bewusstlos, sondern wartete auf den richtigen Moment, der schon im nächsten Augeblick folgte. Entsetzt beugte sich die Wache über den Oberkörper Jozarnays, um seine Lebenszeichen zu ertasten und dies war sein Fehler. Plötzlich und überrascht drehte sich Woil herum und schlug seinem Bewacher mehrfach ins Gesicht. Der verdutzte Mann hatte nicht einmal die Gelegenheit zu reagieren. Zwar versuchte er es, doch ein gezielter Tritt in die Weichteile der Wache taten ihr übriges. Röchelnd brach die Person zusammen und Woil sprang vom Boden auf. Dieses Mal war es an ihm den Zustand des Bewusstlosen zu überprüfen. Dieses Mal jedoch bestand an der körperlichen Verfassung seines Gegenübers kein Zweifel: die Wache war bewusstlos und würde sich so schnell nicht erholen. Für einen kurzen Moment hielt der Antosianer inne und lauschte in den Gang hinaus, ob die andere Wache den kleinen Zweikampf bemerkt hatte. Zum Glück war er lautlos genug vorgegangen, um den anderen Wachmann nicht aus dem Schlaf zu reißen.
    Im Anschluss an seinen gelungenen Hinterhalt durchsuchte Woil den Wachmann nach nützlichen Gegenständen, die er alsbald fand: eine Phaserpistole, ein Kommunikator sowie eine Zugangskarte, zumindest hielt Jozarnay das Objekt für eine solche. Erst jetzt, nachdem sich seine erste Aufregung gelegt hatte, bemerkte er immer noch seine blutende Wunde. Sogleich riss er den Pullover des Bewusstlosen und verband seinen Arm, um die Blutung zu stoppen. Kurz blickte er zu der Lache, in der er eben noch gelegen hatte. Sie wirkte auf einen Menschen sicherlich gewaltig, dies musste Woil schon zugeben. Erst jetzt wurde ihm bewusst, wie naiv sein Plan eigentlich gewesen war. Es hatte sich bei seiner Aktion um den ältesten Trick der Welt gehandelt und dennoch hatte er funktioniert; vermutlich ein deutlicher Beweis dafür, dass es sich bei seinen Bewachern auf keinen Fall um Profis handelte. Wieso Sektion 31 ausgerechnet solche Amateure einstellte war zwar unklar, auf jeden Fall stellte es eine deutliche Erleichterung für ihn da.
    Konzentriert blickte Jozarnay zu der Zellentür, die nun weit offen stand und ihm so den Weg in die Freiheit wies. Dort, im Rahmen, stand Stella Tanner in einem schönen Kleid und lächelte ihm zu. Glücklich erwiderte Jozarnay dieses Lächeln. Ja, sie war mit seiner Tat zufrieden und lud ihn nun ein, ihr in die Freiheit zu folgen. Konnte es ein schöneres Ziel für einen Mann geben? Auf Zehenspitzen schlich der Antosianer nach draußen und überraschte die schlafende zweite Wache. Auch sie schlug er bewusstlos, trug sie dann in die Zelle und verschloss im Anschluss diese. Seltsam, nach der monatelangen miserablen Behandlung hatte er erwartet Hass oder ähnliches auf seine Peiniger zu empfinden, doch stattdessen fühlte er nichts. Zumindest nicht in Bezug auf seine Bewacher, die nur Mittelsmänner für ihn waren. Natürlich wollte er sich rächen, aber in derjenigen Person, die für sein Leiden verantwortlich war: Edward Jellico!
    Und um dieses Ziel zu erreichen, musste er den Weg aus diesem Gefängnis herausfinden. Noch ein letztes Mal atmete der ehemalige Chief tief durch und machte sich dann auf den Weg in die Freiheit.

    Auf einem gänzlich anderen Planeten mit dem Namen Rigel war es wie so oft eine kalte Nacht. Der Wind fauchte durch die Straßen der grauen Industriestadt und nur wenige Bewohner waren unterwegs, um noch einige letzte Besorgungen zu machen. Birgit Price, die Mutter des ersten Offiziers des Raumschiffs Monitor, packte ihre Sachen für den morgigen Tag zusammen und wollte sich eigentlich auf den Weg in ihr Schlafzimmer machen, als es an ihrer Tür klingelte. Sie war überrascht, dass sie jemand noch so spät besuchen wollte und öffnete vorsichtig die Tür. Wen sie vor dieser sah, ließ sie fast vor Schreck erstarren. Diese Person auf einmal vor sich zu sehen kam so unerwartet, dass es fast schon unwirklich anmutete.
    Vor ihrer Haustür stand niemand anderes als Arsani Parul, der Vater ihres Kindes.
    Der Mann hatte sich verändert. Gehüllt war er in einen dicken Mantel, der ihn vor der Kälte Rigels schützen sollte, jedoch nicht annähernd so luxuriös war, wie er es eigentlich gewohnt war. In seinem Gesicht zeigte sich ein leichter Bartschatten. Trotz des Abstiegs, den er in den letzten Monaten nach dem Bekenntnis zu seinem unehelichen Sohn durchgemacht hatte, hatte er immer noch nichts von seiner Attraktivität eingebüßt.
    „Hi“, sagte Parul fast schüchtern und brachte ein schiefes Lächeln zustande.
    Der Mann, der unzählige Verträge ausgehandelt und verfeindete Völker an einen Tisch gebracht hatte, wirkte nun völlig eingeschüchtert.
    Doch auch Birgit Price war überrascht von der Situation. Lange hatte sie sich ausgemalt, wie sie wohl reagieren würde, wenn dieser Mann eines Tages vor ihr stehen würde, doch nun war sie ebenso sprachlos. Schon das zweite Mal innerhalb eines Jahres war er nun bei ihr.
    Daher bat sie den Mann in ihre Wohnung. Es war Zeit über die Vergangenheit zu sprechen…

    Nach einer immens kurzen Vorbereitungszeit war es nun soweit. Obwohl es der Captain niemals zugeben würde, er war sehr nervös. Gemeinsam mit Fähnrich Kensington und Chief Broome stand er im kleinen Transporterraum seines Schiffes und traf die letzten Vorbereitungen für die Außenmission. Sie alle trugen schwarze Kampfanzüge, waren ausgestattet mit allerlei technischem Equipment und nicht zuletzt Handfeuerwaffen. In der rechten Hand hielt Captain Lewinski den Kommunikator, den er soeben abgelegt hatte. Nichts an ihren Anzügen sollte auf ihre Sternenflottenherkunft hindeuten. Aus genau diesem Grund trug auch niemand von ihnen die Rangpins, die normalerweise an ihrer rechten Kragenseite angebracht waren. Unter normalen Umständen wäre ihr Außenteam von drei Mann viel zu klein, doch John wollte den Kreis der Wissenden um diese Mission so klein wie möglich halten. Klugerweise hatte Samira Kensington Chief Broome gewählt, der erfahren genug war, um diese Angelegenheit mit der nötigen Vertraulichkeit zu behandeln. Jeder von ihnen ging noch einmal die Waffen durch, vergewisserte sich über den Ladezustand der Energiezellen und dass sie den Betäubungsmodus eingestellt hatten. Für einen kurzen Moment hielt John inne und fragte sich abermals, ob er das richtige vorhatte. Immerhin beabsichtigte er in eine Sternenflotteneinrichtung einzubrechen und seinen Bruder aus der Haft zu befreien. Damit würde er gegen die direkten Befehle des Präsidenten der Föderation verstoßen.
    Doch seltsamerweise waren John die eventuellen Konsequenzen seiner Tat völlig egal. Hier ging es um die Rettung der Erde und aus irgendwelchen Gründen wollte man nicht der einzigen Spur folgen, die sich ihnen bot. Aus diesem Grund wurde der Kommandant der Monitor gezwungen das Gesetz in die eigene Hand zu nehmen.
    „Lewinski an Price, wie weit sind sie?“
    Die über Interkom durchgegebene Frage war unnötig, denn der erste Offizier war mehr als bereit. Gemeinsam mit Ardev hatte er eine Möglichkeit erarbeitet, um das Außenteam in den Komplex des Hochsicherheitsgefängnisses zu beamen. Nachdem der erste Offizier dem Andorianer vom Plan des Captains berichtet hatte, war er sich nicht sicher gewesen, ob dieser an der Sache teilnehmen würde. Doch der Kommandant konnte sich der Loyalität seiner Crew gewiss sein. Auch wenn sein Vorgehen im besten Fall mysteriös, im schlimmsten illegal war, die Besatzung vertraute ihm und war sich sicher, dass hinter seinen Aktionen ein Sinn steckte. Daher hatte Lieutenant Ardev pausenlos an einer Möglichkeit der Infiltration gearbeitet. Nach einigem Probieren und Versuchen hatte er sich schließlich auf die Möglichkeit der Einschleusung eines Computervirus konzentriert. Die Computersysteme des Gefängnisses, insbesondere deren Sicherheitssysteme, waren hochkomplex, doch Ardev war gut in seinem Fach und so hatte er schließlich alles für den Start der Aktion vorbereitet.
    Ein letztes Mal blickte Price zu dem Einsatzoffizier, dieser nickte ihm zu, und er erwiderte:
    „Wir sind soweit, Captain. Auf ihr Signal kann der Virus eingeschleust werden.“
    Im Anschluss an diese Worte wartete der Captain einen Moment, ließ sich die ganze Sache noch einmal durch den Kopf gehen. Fähnrich Kensington wirkte ebenso entschlossen wie er selbst. Kein Wunder, witterte sie doch hinter dieser ganzen Sache eine gewaltige Karrierechance. John war nicht entgangen, wie die junge Frau um eine Beförderung kämpfte. Manches Mal wirkte sie eindeutig zu ehrgeizig, doch in diesem speziellen Fall kam ihr Engagement gerade recht. Chief Broome hingegen wirkte professionell wie immer. Sicherlich hatte auch er mit seinem Gewissen in dieser Sache zu kämpfen, doch derzeit dachte er nur über die Missionsziele und die Vorgehensweise nach. Fähnrich Kensington hatte einen Lageplan des Hochsicherheitstraktes Alpha besorgt und einen exakten Vorgehensplan erarbeitet. Das ganze Vorgehen basierte auf dem Element der Schnelligkeit. Das Außenteam musste einfach Martin Lewinski schneller erreichen, als die Sicherheitsleute des Gefängnisses. Zwar standen ihnen zahlreiche Sicherheitssysteme im Weg, diese würden jedoch hoffentlich vom eingespeisten Virus neutralisiert werden.
    Captain Lewinski nickte, dann stellte sich das dreiköpfige Außenteam auf die Transporterplattform. An den Kontrollen stand wie so oft Alex Bolder. Er war immer noch der beste seines Fachs und am ehesten in der Lage das Außenteam so unbemerkt wie möglich in den Trakt hinein zu beamen.
    „Lewinski an alle: es kann losgehen!“
    Lieutenant Ardev, der wie immer an seiner Konsole saß, wartete gar nicht erst auf eine Bestätigung seitens des ersten Offiziers, sondern machte sich sofort an die Arbeit. Innerhalb weniger Sekunden hatte er sich in das Computernetz des Hochsicherheitsgefängnisses gehackt und versuchte einen Weg zu finden, um den Computervirus einzuschleusen. Dies stellte sich jedoch als schwieriger dar als angenommen. Price stand die gesamte Zeit über hinter dem Andorianer und versuchte aus den Unmengen an Zahlen und Diagrammen, die über die Bildschirme des Einsatzoffiziers huschten, schlau zu werden. Natürlich war Matt alles andere als dumm und besaß wie jeder andere die Grundkenntnisse, die man für den Dienst an Bord eines Raumschiffes benötigte. Doch wenn man einem Mann wie Ardev über die Schulter schaute wurde einem bewusst, was für ein Experte dieser Mann doch war.
    „Gibt es ein Problem, Ardev?“ fragte Price und versuchte dabei erfolglos keine Sorge in seiner Stimme erkennen zu lassen. Rein gefühlsmäßig dauerte dem Halbbetazoiden die Sache etwas zu lange.
    „Das Computersystem der Anstalt hat mehr Firewalls und Sicherheitssysteme, als ich angenommen habe“, murmelte der Lieutenant und seine Finger huschten über die Tastatur.
    „Konntest du dies nicht vorausahnen?“
    „Ich habe natürlich vorher einige Simulationen laufen lassen, aber die uns zur Verfügung stehenden Daten über das Alpha-Gefängnis waren wohl unvollständig. Nun ja, die da unten wären ja auch schön blöd, würden sie alle Details ihrer Sicherheitssysteme frei zugänglich machen.“
    Price verschränkte nachdenklich die Arme. Auch wenn er die Probleme verstehen konnte, hier stand einfach zu viel auf dem Spiel.
    „Kannst du es schaffen oder nicht?“
    Statt eine Antwort von sich zu geben widmete sich Ardev einfach weiter seiner Arbeit. Zwei Firewalls hatte er mittels seiner Tricks und Kenntnisse umgegangen, noch drei standen einer Einschleusung des Virus im Weg. Natürlich hätte er noch viel schneller vorgehen können, doch bei dieser gesamten Operation musste er peinlichst genau darauf achten, dass man ihr Eindringen nicht bemerkte. Überhaupt es zu versuchen das Computersystem zu infiltrieren, ohne entdeckt zu werden, war nahezu ein Ding der Unmöglichkeit. Einen solchen Coup hatte Ardev noch nie in seinem Leben versucht. Bei der gesamten Aktion wurde er von seiner neben ihm sitzenden Frau beobachtet. Arena wünschte sich instinktiv ihrem Mann helfen zu können, aber ihre eigenen Fähigkeiten in diesem Bereich waren einfach zu beschränkt, als dass sie effektiv hätte etwas tun können.
    „Matt, was ist da los?“ erklang die Stimme des Captains aus dem Interkom und er hörte sich ebenfalls besorgt an.
    „Wir haben es gleich, Skipper“, entgegnete Price zähneknirschend. „Ardev muss nur noch einige Einstellungen beachten und dann kann es schon losgehen!“
    Nervös blickte John zu Fähnrich Kensington und versuchte in ihrem Gesicht die Besorgnis zu sehen, die sich wahrscheinlich bei ihm widerspiegelte. Jedoch wirkte die junge Frau ungemein selbstsicher. Hatte sie etwa keine Angst bei dieser Aktion? Noch besaß Captain Lewinski die Möglichkeit die ganze Sache abzublasen und eine andere Lösung für das Problem zu finden. Leider gab es jedoch keine andere Lösung. Martin Lewinski war der Schlüssel, die einzige Fährte, zu der Biowaffe. Ohne ihn wäre die Erde verloren, davon war John überzeugt.
    Konzentriert blickten die Augen Ardevs auf seinen Bildschirm, wo er mittels schnell eingegebener Befehle noch eine Firewall geknackt hatte. Es war ein fast schon ungleicher Kampf Mensch gegen Maschine. Der Einsatzoffizier musste einfach schneller sein als das Programm des Hochsicherheitsgefängnisses, welches verzweifelt versuchte ihn am Eindringen zu hindern. Dabei war Ardev mehr als verwundert darüber, dass man sein Eindringen in das System noch nicht bemerkt hatte. Scheinbar waren seine Computerfähigkeiten besser, als er selbst für möglich gehalten hatte. Alle auf der Brücke schwiegen, denn man fürchtete mit jedem weiteren Wort den Andorianer abzulenken und ihn zu einem fatalen Fehler zu verleiten.
    Schließlich erreichte der Einsatzoffizier sein Ziel. Ganz vorsichtig, um sich nicht auf der Zielgeraden doch noch alles kaputt zu machen, zog er sich wieder aus dem fremden System zurück und starrte für einen kurzen Moment ungläubig auf den Bildschirm. Diese Reaktion reichte Commander Price, um eine neue Komverbindung zu Lewinski zu öffnen:
    „Skipper, der Virus ist eingeschleust worden und wartet nur auf ihren Aktivierungsbefehl.“
    Ein letztes Mal atmete der Captain tief durch und blickte in das entschlossene Gesicht von Fähnrich Kensington. Nun gab es kein zurück mehr. Möglicherweise zerstörte er in diesem Moment seine Karriere. Alles zum Wohle der Föderation.
    Es sollte wohl so sein…
    „Aktivieren sie den Virus!“
    Ein simpler Tastendruck genügte und der ausgeklügelte Computervirus wurde aktiviert.
    Die Sicherheitssysteme der Justizvollzugsanstalt waren modern und auf einem unglaublich hohen Stand, doch mit dieser Art von Aggressor konnten sie nichts anfangen. Der Computervirus war eigens für die technologische Kriegsführung in einem Gemeinschaftsprojekt mit den Tamarianern entwickelt worden. Dieses hoch entwickelte Mitgliedsvolk der MPA, welches sich einer seltsamen Sprache bediente, benutzte ihre verwirrende Grammatik auch in den Algorithmen ihrer Computersysteme und machte sie so für Abwehrmechanismen zu einem fast unbezwingbaren Gegner. So gut wie niemand wusste etwas von diesem Programm, welches nur wenigen Schiffen wie der Monitor zur Verfügung stand. Dabei hatte Captain Lewinski jedoch nicht damit gerechnet, dass der erste Einsatz dieses Virus ausgerechnet gegen die eigenen Leute stattfinden würde.
    Sofort brach in der Hochsicherheitsanstalt Alpha Chaos aus. Captain Devol blickte irritiert an die Decke, als das Licht begann zu flackern und ihm sein persönlicher Computer den Dienst versagte. Auf typisch vulkanische Art und Weise wölbte er die Augenbrauen, versuchte eine Kommunikationsverbindung zu der Zentrale herzustellen, was ihm jedoch nicht gelang.
    Auf allen Ebenen griff der Virus an, sabotierte ein System nach dem anderen und begann das feindliche Computernetzwerk zu übernehmen. Es dauerte nur eine weitere Millisekunde, bis dem Anstaltsleiter klar wurde, dass ein Ausbruch oder gar ein Angriff bevorstand. Seine Wachen waren bestens ausgebildet und würden sich schon in diesem Moment auf alle Eventualitäten vorbereiten.
    Nur wenige Sekunden nach dem Einspielen des Virus gab John Lewinski das Okay für den Transport. In einer schimmernden Säule verschwand das dreiköpfige Außenteam von der Transporterplattform und materialisierte an ihrem Zielort. Das Gefängnis war ein fensterloser Ort und damit auf die Innenbeleuchtung angewiesen, die der Virus ebenfalls in Mitleidenschaft gezogen hatte. Aus diesem Grund hatte der Captain Nachtsichtgeräte an seine beiden Begleiter austeilen lassen, was ganz sicher einen taktischen Vorteil einbrachte. Kurz versuchte sich der Captain zu orientieren, aktivierte dann das auf seinem Handgelenkt angebrachte Display und stellte zu seiner Freude fest, dass sie an der richtigen Stelle materialisiert hatten. Von jetzt an versuchten sie nur lautlos miteinander zu kommunizieren. Mittels Handzeichen machte Lewinski Fähnrich Kensington und Chief Broome deutlich ihm zu folgen. Auch ihnen war natürlich bekannt, wo sich ihr Ziel befand. Der Virus hatte in der Tat ganze Arbeit geleistet, in der Anstalt war ein heilloses Chaos ausgebrochen. Dabei hatte Ardev bei der Programmierung des kleinen Programms darauf geachtet nicht die Zellenmechanismen in Mitleidenschaft zu ziehen. Sie hatten ganz gewiss kein Interesse daran die gefährlichsten Straftäter der Föderation frei herumlaufen zu lassen.
    Das Außenteam hielt inne, als ein Schatten auf sie zutrat. Innerhalb weniger Augenblicke reagierte Captain Lewinski und schlug den Sicherheitsmann nieder, der überhaupt nicht wusste, wie ihm in diesem Moment geschah. Es war irgendwie ein seltsames Gefühl für den Kommandanten der Monitor, auf einen seiner eigenen Leute loszugehen. Gegen andere Sternenflottler zu Felde zu ziehen war etwas, was John niemals hatte tun wollen.
    Um jeden Preis mussten sie Tote bei dieser Aktion vermeiden. Ohne sich allzu lange aufzuhalten ging das Außenteam weiter vor, passte die richtigen Momente ab, um unbemerkt an den umherirrenden Wachleuten vorbeizukommen und näherte sich dem Ziel, der Zelle von Martin Lewinski. Dieser wurde von einem bewaffneten Wachmann auch weiterhin in Schach gehalten. Lewinski und Kensington postierten sich links und rechts des Schotts, welches zu Martin führte und Chief Broome warf auf ein Zeichen hin eine Blendgranate in den Raum hinein. Diese blitzte mit einem gewaltigen Knall auf und gab dem Fähnrich die Möglichkeit mit einem gezielten Schuss den Sicherheitsmann zu betäuben. Schnell stürmten die drei in die Zelle hinein und erblickten einen zufrieden grinsenden Martin Lewinski. Anscheinend hatte der Waffenhändler irgendwie damit gerechnet von seinem Bruder gerettet zu werden.
    „Du hast dir ganz schön Zeit gelassen“, raunte Martin, wurde jedoch nur von John am Handgelenk gepackt und aus dem Raum gezogen. Für langwierige Diskussionen oder gar eine Widersehensfeier war beileibe keine Zeit.
    „Kann ich auch eine Waffe haben?“ fragte Martin daher. „Zur Selbstverteidigung?“
    „Das kannst du vergessen!“ antwortete John und an der Art und Weise, wie er dies sagte, konnte kein Zweifel an der Endgültigkeit dieser Aussage bestehen.
    Mehr Zeit blieb auch nicht für weitere Gespräche, denn schon im nächsten Moment rannte das nun vierköpfige Außenteam in eine Patrouille. Diese schien genauso überrascht zu sein jemanden anzutreffen wie die Eindringlinge und reagierten damit einen Tick zu spät.
    Chief Broome war der erste, der sein Gewehr hochriss und die erste von vier Wachen betäubte. Auch die anderen taten es ihm gleich. Hatte sich John einige Minuten zuvor noch unwohl gefühlt einen anderen Crewman der Sternenflotte niederzuschlagen, so fühlte er sich in diesem Moment noch furchtbarer. Mit einer Waffe, auch wenn sie nur auf Betäuben gestellt war, auf die eigenen Menschen zu schießen war grauenvoll. Wie hatte er doch früher diejenigen verabscheut, die die Föderation verraten und sich gegen die eigenen Leute gestellt hatten. Gehörte Captain Lewinski nun auch zu diesen Personen. Seltsamerweise schien Fähnrich Kensington keinerlei Probleme dieser Art zu haben, als sie blitzschnell ein neues Ziel suchte und erneut den Abzug betätigte. Oder war sie einfach nur in der Lage, genau wie Chief Broome, ihre Gefühle zu unterdrücken? Zwar schafften die Gefängniswachen es noch zwei ungezielte Schüsse abzugeben, doch diese verfehlten ihre Ziele bei weitem. Einen Effekt hatten sie dennoch, sie alarmierten weitere Sicherheitskräfte, die auf der Suche nach den Angreifern waren. Nun hieß es sich beeilen. Laut der Karte von Captain Lewinski war ihr Transferpunkt noch einige Meter entfernt. Trotz des eingespeisten Virus funktionierte die Transporterblockade noch gut genug, so dass sie nur von diesem Punkt aus beamen konnten. Im Laufschritt begaben sich die vier an jenen Ort und hörten hinter sich schon die Schritte der herannahenden Wachen.
    „Stehen bleiben!“ rief eine der Personen hinter ihnen und Fähnrich Kensington reagierte instinktiv, feuerte mehrere Schüsse auf die Angreifer ab. Zwei davon waren Volltreffer, während die restlichen vier Wachen ebenfalls das Feuer eröffneten. Die beiden Lewinskis gingen in Deckung, John feuerte aus den Rohren und musste mit ansehen, wie Chief Broome zu Boden ging. Dieser war jedoch nur am Bein getroffen worden und schleppte sich weiter.
    Unter Deckungsfeuer von Lewinski und Kensington rannten sie weiterhin in Richtung Transferpunkt, immer darauf bedacht ihre Verfolger auf Abstand zu halten. Immer wieder versuchten sie Korridore oder andere Hindernisse zwischen sich zu bringen, um den Verfolgern keine optimale Schussposition zu ermöglichen. Einmal versuchte Martin eine am Boden liegende Waffe aufzunehmen, wurde jedoch von seinem Bruder davon gehindert. Auch trotz der brenzligen Lage war er nicht bereit seinem Bruder den Zugang zu Schusswaffen zu ermöglichen. Schließlich, und nicht zu spät, erreichten sie ihr Ziel. Der Captain musste nicht einmal mehr etwas sagen, denn man hatte schon auf das Außenteam gewartet und so wurden sie erfolgreich zurück an Bord des Schiffes geholt. Scheinbar war ihre Aktion glücklich verlaufen.
    Scheinbar…

    Der Anruf seitens James Talley hatte in Danny Bird eine innere Unruhe entfacht, die sich schon lange bei ihm aufgestaut hatte. Während der vergangenen zwei Stunden hatte er mit der Angst leben müssen, dass der Anführer der Föderalen Befreiungsarmee ihn enttarnt hatte und bald beseitigen würde. Seit ihm zum ersten Mal dieser Verdacht gekommen war hatte Danny alles versucht, um diese Schuld von sich abzulenken. Vor wenigen Minuten hatte James nun ihm eine Nachricht zukommen lassen, dass er unbedingt in den Garten des prächtigen lunaren Anwesens kommen sollte. Danny hatte wieder einmal seinen teuren Anzug angelegt, den er meistens bei Treffen mit Talley trug und hatte sich auf den Weg gemacht. Flüchtig blickte der Lieutenant auf die Uhr. Es war kurz vor sechs, auch auf dem Mond würde bald der Morgen grauen. Kurz fragte sich der Agent, wie lange er schon nicht mehr geschlafen hatte. Mehr als eine kurze Pause war ihm nicht vergönnt gewesen.
    Und auch wenn es der Sicherheitsoffizier der Monitor nicht zugeben wollte, er hatte Angst. Angst davor, dass er gerade seine letzten Schritte als lebende Person machen und schon in wenigen Minuten tot sein würde. Was hatte er nicht alles in diese Mission investiert!
    Seit drei Monaten befand er sich unter diesen Leuten, versuchte ihren teuflischen Plänen auf die Schliche zu kommen und gleichzeitig nicht von ihnen vereinnahmen zu lassen. Seit dem Beginn dieser Mission hatte Bird nicht mehr seine Freunde an Bord der Monitor gesehen, die er so sehr vermisste. Es war ihm nie bewusst gewesen, wie viel ihm die anderen bedeuteten. Möglicherweise war es nun zu spät, um ihnen dies jemals mitzuteilen.
    Dannys Laune steigerte sich nicht gerade, als er in den garten des Anwesens kam. In dem von einigen Laternen erleuchteten Areal befand sich ein großer Teil des Führungszirkels der Untergrundarmee, inklusive Janine. Diese blickte ihn kurz an, als er die Treppen herunterstieg, schlug jedoch im Anschluss sofort ihren Blick nieder. Mit zusammengepressten Lippen musterte ihr Vater Danny, schien seine Gedanken oder Intentionen abschätzen zu wollen. Das ganze hatte irgendwie eine gespenstische Atmosphäre, beklemmend und unheimlich.
    „Endlich bist du auch da!“ begrüßte James ihn mit ernster Stimme, nachdem sich Danny Bird in den Kreis der Anwesenden gestellt hatte, und trat selbst in die Mitte. Der Anführer atmete tief ein und aus, bewunderte einmal mehr das Wunder des Terraforming. Dass Menschen hier mal Sauerstoff atmen konnten, hätte noch vor einigen Generationen niemand für möglich gehalten. „In wenigen Minuten wird die Sonne aufgehen und damit auch ein neuer Tag anbrechen. Ein Neuanfang für jeden Bürger, der sich auf ein Neues daran macht in seinem Leben nach Glück zu streben. Die Altlasten des vorherigen Tages werden abgeworfen und man konzentriert sich auf die Zukunft. Genau dasselbe habe ich auch vor, “ erklärte James Talley und grinste fast schon freundlich. Beiläufig zupfte er an seinem Sack, strich seine Krawatte glatt und blickte dann zu Danny. Dieser hatte alle Mühe, um nicht instinktiv zurückzuweichen.
    „In den letzten Stunden ist einiges passiert, meine Herren. Die Jagd nach einem potentiellen Verräter hat uns allen den Atem stocken lassen und mir vor allem eine schlaflose Nacht bereitet… genauso wie ihnen. Allein die Vorstellung, dass sich jemand gegen die Ziele unserer Gruppe stellt, ist für mich einfach nur widerlich und unfassbar. Dennoch hat es dieses Subjekt gegeben.“
    Jetzt sagt er es, dachte Danny und gab sich alle Mühe keine Regung in seinem Gesicht zu zeigen, jetzt enttarnt er mich!
    „Und nach langer Suche, “ erklärte James und hob nun seine Stimme an, so dass man ihn quer durch den Garten hören konnte, „haben wir endlich den Verräter in unseren Reihen gefunden.“
    Danny wartete nur auf den Finger von James Talley, der in fast altmodischer Manier auf ihn zeigen sollte, doch stattdessen wandte sich der Anführer einer anderen Person zu: Nelson.
    Dieser wich erschrocken zurück und blickte sich zu seinen Kollegen um, die ihn ebenfalls überrascht musterten.
    „Ich?“ fragte das Führungsmitglied der Föderalen Befreiungsarmee ungläubig. „James, du glaubst ich würde dich verraten?“
    „Ich glaube es nicht… ich weiß es!“
    Rein äußerlich zeigte Danny Bird absolut keine Regung, innerlich jedoch fiel ihm ein Stein vom Herzen. Hatte es also tatsächlich geklappt, hatte er in der Tat den Verdacht auf Nelson lenken können? Die ganze Idee war eiligst zusammengeschustert worden und hatte kaum Aussicht auf Erfolg gehabt, doch scheinbar hatte der Lieutenant ganze Arbeit geleistet.
    Abwehrend hob Nelson seine Hände, bemühte sich nicht noch einen weiteren Schritt nach hinten zu machen und eine selbstsichere Stimme zu haben, was ihm jedoch nur leidlich gelang. Der Vorwurf traf ihn dermaßen aus heiterem Himmel, dass er nicht in der Lage vernünftig zu reagieren.
    „Wie kannst du mir dies nur vorwerfen, James? Wir kennen uns seit Jahren und verfolgen die gemeinsamen Ziele! Verdammt, ich habe diese Organisation mit dir aufgebaut und nun soll ich sie verraten? Denk doch mal vernünftig darüber nach!“
    Doch in James´ Stimme war eine Kälte und Selbstsicherheit, die jeden im Garten, selbst seine Tochter, erschaudern ließ.
    „Ich habe die Beweise in meinem Büro. Es hat mir das Herz gebrochen zu erfahren, dass du es warst, der Timo verraten hat. Wie konntest du nur? Wieso hintergehst du mich so?“
    Nelson öffnete seinen Mund, als wollte er etwas sagen, doch es fiel ihm nichts ein. Instinktiv versuchte er zu fliehen, wurde jedoch von seinem rechten und linken Nebenmann festgehalten.
    „Ich dulde keinen Verrat“, raunte James und holte einen Phaser hervor. Es bestand absolut kein Zweifel daran, was er damit vorhatte. Doch überraschenderweise wandte er sich an Bird.
    „Töte ihn!“ befahl der Anführer und streckte ihm die Waffe entgegen.
    Verwirrt musterte der Lieutenant seinen Gegenüber.
    „Wie bitte?“
    „Töte den Verräter“, forderte James und drückte ihm die Waffe in die Hand. „Beseitige ihn und nimm im Anschluss seinen Platz in unserem Zirkel ein.“
    Egal was er vorgehabt hatte, diese Dinge hatte Danny ganz gewiss nicht im Sinn gehabt. Nelson zu erschießen war ganz sicher nicht das, was er wollte. Doch scheinbar gab es keinen Ausweg. Irritiert betrachtete Danny die Waffe und stellte überflüssigerweise fest, dass sie auf Töten eingestellt war.
    „Muss das sein?“ fragte Danny und versuchte die ganze Angelegenheit in eine andere Richtung zu lenken. „Lass uns ihn einsperren und verhören. Vielleicht können wir so mehr über seine Auftraggeber erfahren!“
    „Nein. Auf Verrat steht bei uns der Tod. Töte ihn nun oder stell dich neben ihn!“
    James´ Aussage war ernst gemeint. Verloren blickte Danny zu Janine, die jedoch seinen Blick nicht erwiderte. Von ihr oder den anderen im Garten konnte er keine Hilfe erwarten. Musste es also darauf hinauslaufen? Musste er einen Unschuldigen, auf den er die Beweise gelenkt hatte, töten? Drei Monate lang hatte Danny sich bemüht nichts Verbotenes oder gar Unmoralisches zu tun und nun das?
    Langsam trat der Lieutenant vor und richtete den Phaser auf Nelson, der zu Boden gedrückt wurde. Der vermeintliche Verräter kniete vor seinem Henker und blickte ihm starr in die Augen. Am liebsten hätte Danny weggeschaut, als er abdrückte, doch er konnte nicht.
    Er musste gegenüber den anderen eine Härte demonstrieren, die er nicht besaß. Aus dem Phaser löste sich der Energieimpuls und traf Nelson im Herzen. Das Geräusch seines auf dem Boden aufschlagenden Körpers hallte scheinbar noch minutenlang durch den großen Garten.

    Fortsetzung folgt...

    RETTUNGSSCHUSS

    based upon "STAR TREK" created by GENE RODDENBERRY
    produced for TREKNews NETWORK
    created by NADIR ATTAR
    executive producers NADIR ATTAR & CHRISTIAN GAUS
    co-executice producer SEBASTIAN OSTSIEKER
    producer SEBASTIAN HUNDT
    lektor OLIVER DÖRING
    staff writers THOMAS RAKEBRAND & JÖRG GRAMPP and OLIVER-DANIEL KRONBERGER
    written by NADIR ATTAR
    TM & Copyright © 2005 by TREKNews Network. All Rights Reserved.
    "STAR TREK" is a registered trademark and related marks are trademarks of PARAMOUNT PICTURES
    This is a FanFiction-Story for fans. We do not get money for our work!


    Quelle: treknews.de
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