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  • Monitor - 7x12: ...es endet

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    Das Jahr 2006 endet mit der letzten Episode der siebten Staffel der Fanfictionserie Star Trek: Monitor! Lest in "...es endet", ob der Präsident entmachtet wird und ob es die Crew der Monitor heil in das eigene Universum schafft. Spannung ist garantiert!
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    Monitor 7x12 "...es endet"


    Das letzte Mal in 7x11 „Kampf“:

    Was hatte er nur getan?
    Dies hatte sich der Innenminister im Verlaufe des Abends immer wieder gefragt. Gegenwärtig riskierte er seine gesamte politische Karriere und wollte einen Misstrauensantrag gegen den Präsidenten durchbringen. Weil er der Überzeugung war das Richtige zu tun. Doch während er nun vor dem Tisch stand und darauf wartete, dass jeder einzelne Minister seine Stimme abgab, überkamen ihn Zweifel. Der Präsident war ein guter Mann. Nicht nur ein fähiger Politiker und Präsident, sondern auch ein wunderbarer Mensch. Ein ehrenwerter Mann, für den es nichts Wichtigeres gab als das Wohl der Bürger. Sogar seine Familie war nur an zweiter Stelle gekommen, dies hatte seine Frau, die ihn bedingungslos unterstützte, immer gewusst. Eigentlich hatte der Föderation nichts Besseres passieren können als dieses Staatsoberhaupt.
    Nun jedoch versuchte der Minister für innere Angelegenheiten eine Ereigniskette in Gang zu setzen, die letztendlich diese Präsidentschaft beenden sollte. Manchmal, während die Abstimmung lief, trafen sich die Blicke des Präsidenten und die seinigen. Dann bemühte er sich eine Reaktion in den Augen des Präsidenten zu sehen oder zu erahnen, ob er nun in seinen Augen ein Verräter war. Doch der Staatschef starrte ihn nur kurz an, bevor er sich wieder anderen Dingen widmete. Sollten sich die Kabinettsmitglieder gegen einen Amtsenthebungsantrag entscheiden, was würde dann aus dem Innenminister geschehen? Vermutlich wäre er nicht mehr in der Lage ein Amt in dieser Administration zu bekleiden. Für diesen Fall hatte er sich schon mental auf seinen Rücktritt von seinem Amt als Innenminister vorbereitet. Zu diesem Opfer, dem Ende seiner Karriere, war er immer noch ohne zu zögern bereit. Er glaubte an die Richtigkeit seines Tuns, auch wenn er sich inzwischen fragte, ob er den richtigen Weg gewählt hatte.
    Es handelte sich um eine öffentliche Abstimmung. Ein Minister nach dem anderen konnte sich für oder gegen den angestrebten Antrag entscheiden. Niemand musste sich für seine Meinung schämen. Manche der Minister begründeten ihre Entscheidung mit einigen Worten an den Präsidenten, der diese nickend zur Kenntnis nahm, andere beschränkten sich auf eine knappe Wahlentscheidung. Minister für Minister wurden die Stimmen abgegeben, bis am Ende das Ergebnis fest stand.
    „Wir haben ein Unentschieden!“
    Die Erklärung des Innenministers löste, sehr zu seinem Erstaunen, ein freudiges Raunen im Saal aus.
    „Damit wäre die Sache wohl beendet“, meinte der Präsident und machte Anstalten sich von seinem Platz an den Tischenden zu erheben. Doch leider freute er sich zu früh.
    „Tut mir leid, Mr. President, “ erklärte der Innenminister und bedeutete ihm noch einen Moment sitzen zu bleiben. „Eine Stimme fehlte noch.“
    Wie aufs Stichwort öffnete sich die Tür zu dem Konferenzraum und Edward Jellico betrat den Raum. Überrascht blickte der Präsident den Justizminister an und erkannte dann seinen Rechenfehler. Als Mitglied des Kabinetts war er natürlich auch stimmberechtigt.
    „Schön, dass Sie noch kommen konnten, Edward“, begrüßte ihn der Innenminister mit einem Lächeln. „Ich denke, Sie sind über die bisherige Abstimmung auf dem Laufenden?“
    Seltsam nervös nickte der ehemalige Admiral und nästelte an seinem Anzug herum.
    „Mir ist bekannt, dass es gegenwärtig ein Unentschieden gibt.“
    „Dies ist richtig. Ihre Stimme ist die letzte, die fehlt…Sie geben den Ausschlag darüber, ob ein Misstrauensantrag gegen den Präsidenten der Föderation gestellt wird.“
    Verstehend nickte Jellico und blickte kurz dem Präsidenten. Dieser fiel aus allen Wolken. Edward Jellico, der ihm vor zwei Stunden in den Rücken gefallen war, hielt nun die Zukunft seiner Präsidentschaft in den Händen. Für das Staatsoberhaupt gab es keinen Zweifel darüber, wie sich der Justizminister entscheiden würde. Auch Jellico hatte seine Entscheidung getroffen und öffnete den Mund, um sie zu verkünden…


    Und nun die Fortsetzung…

    „Ich bin gegen einen solchen Antrag.“
    Die Entscheidung Jellicos fiel überraschend aus. Nicht nur für die anwesenden Minister des Kabinetts, sondern vor allem auch für den Präsidenten selbst. Während der gesamten Abstimmung hatte er so gut wie keine Regung gezeigt, sich einfach nur auf die Ergebnisse konzentriert und dabei versucht einen selbstsicheren Eindruck zu machen. Nun, nachdem Edward Jellico scheinbar den Spieß herumgedreht hatte, konnte er nicht anders, als den Justizminister ungläubig anzustarren. Fast wäre ihm noch die Kinnlade heruntergeklappt, doch dies konnte das Oberhaupt aller Föderationsvölker gerade noch verhindern.
    Auch der wortführende Innenminister konnte nur schwerlich seine Überraschung verbergen. Schließlich fasste er sich wieder und verkündete:
    „Die Abstimmung ist hiermit beendet. Es wurde sich also gegen einen Misstrauensantrag entschieden.“
    Langsam, ja geradezu unsicher, erhob sich der Innenminister und schritt auf den Präsidenten zu. Auch dieser erhob sich der Höflichkeit halber und wurde schon zum zweiten Male innerhalb kürzester Zeit überrascht. Sein Kontrahent reichte ihm eine zittrige Hand, welche der Staatschef ergriff.
    „Ich gratuliere Ihnen, Mr. President“, erklärte der Innenminister mit fast schon flüsternder Stimme. „Das Kabinett steht hinter Ihnen. Ich möchte die Gelegenheit nutzen, um Ihnen mitzuteilen, dass ich noch morgen früh mein Rücktrittsgesuch bei Ihnen einreichen werde.“
    Für einen scheinbar unendlich langen Moment blickte der Präsident seinem Gegenüber in die Augen. Aus diesen wollte er das Wesen des Mannes ergründen, der ihn vor knapp zwei Stunden herausgefordert hatte. Dabei kam er zu dem Schluss, dass der Innenminister kein schlechter Mensch war. Im Glauben das richtige zu tun hatte er zwar falsch gehandelt, doch an seinen hehren Absichten bestand kein Zweifel. In den vergangenen Jahren hatte sich der Minister für innere Angelegenheiten als exzellenter Kollege und auch Freund erwiesen. Genau aus diesem Grund war dieser scheinbare Aufstand, der innerhalb kürzester Zeit mit friedlichen Mitteln wieder niedergeschlagen worden war, völlig überraschend gekommen.
    Doch der Präsident glaubte an ihn, genauso wie an jedes andere Mitglied des Kabinetts. Außer an Jellico.
    „Ich akzeptiere Ihren Rücktritt nicht“, entgegnete der Präsident und wendete seinen Blick vom verdutzten Innenminister ab, schaute stattdessen zu seinem Kabinett. „Am heutigen Tage sind viele schreckliche Dinge geschehen. Seit Jahrzehnten, wenn nicht gar Jahrhunderten, hatte sich die Erde nicht mehr in einer solchen Gefahr befunden. Die Menschen auf den Straßen sind verängstigt und brauchen Zuspruch. Wir benötigen nun eine starke Regierung, die eine harmonische Einheit bildet. Es gilt nun an einem Strang zu ziehen, um dem Chaos Herr zu werden. Auch wenn mich diese Sitzung hier überrascht und offen gesagt auch gekränkt hat, glaube ich an ihre guten Absichten. Wir alle müssen uns nun gegenseitig bestärken!“
    Die Überraschung in den Gesichtern der anwesenden Minister wich Zuversicht und Freude. Spontan erhoben sich die Kabinettsmitglieder und begannen zu klatschen. Der Applaus galt nicht nur dem Staatsoberhaupt, sondern in gewisser Weise auch sich selbst. Einmal mehr hatte er sich überaus weltmännisch verhalten.
    Noch bevor der Jubel abgeklungen war, machte sich der Präsident auf den Rückweg in seinen Amtsitz. Dabei würdigte er Edward Jellico, obwohl dieser ihm gerade die Präsidentschaft gerettet hatte, keines einzigen Blickes. Stattdessen trottete der Justizminister dem Regierungschef hinterher. Auch diese Krise war also abgewendet worden.

    Der Monitor flog auf den Dimensionsübergang zu, der sie wieder in ihr eigenes Universum bringen sollte. Ihre Mission, sowohl die Gefangennahme des klingonischen Regenten als auch die Rettung von Lieutenant Bird, war erfolgreich beendet worden. Nun galt es nur noch das brutale Spiegeluniversum zu verlassen, um endlich diesen grauenvollen Tag hinter sich bringen zu können.
    Auf der Brücke des Schwesterschiffes Defiant stand ihr Kommandant Bruce Land und haderte mit sich selbst. Gerade in diesem Moment fragte sich der Mann, ob er nicht das Feuer auf das Sternenflottenschiff eröffnen sollte. Am Anfang schien ihr Plan so eindeutig gewesen zu sein: nachdem man sich in einer gemeinsamen Aktion den Regenten geschnappt hätte, wollte man die Monitor kapern. Ein zweites Schiff dieser Klasse würde die Schlagkraft der Rebellenflotte, die sich eines übermächtigen Feindes erwehren musste, massiv erhöhen. Die Mannschaft würde man vor die Wahl stellen, sich entweder freiwillig der Rebellion anzuschließen oder in Gefangenschaft zu geraten. Auf jede mögliche Eventualität hatte man sich vorbereitet.
    Alle, bis auf eine.
    Bruce Land hatte plötzlich Gewissensbisse. Was der Grund dafür war, konnte er nicht mit Bestimmtheit sagen. Möglicherweise hatte ihn am meisten die Begegnung mit Captain John Lewinski beeinflusst, dem Kommandanten der USS Monitor. Dieser hatte ihn von einem anderen Leben in einem anderen Universum erzählt. Einem, in dem sie beide die besten Freunde waren. Im Spiegeluniversum war dies undenkbar. Hier war der Name Lewinski mit dem Makel des Verrats beschmutzt und immer noch hatte Martin Lewinski mit den Nachwirkungen der Taten, welche sein älterer Bruder begangen hatte, zu kämpfen.
    Eben jener Martin Lewinski war es nun auch, der am heftigsten protestierte, dicht gefolgt von Jozarnay Woil, dem taktischen Offizier des Schiffes.
    „Die Monitor kehrt in wenigen Sekunden in ihr eigenes Universum zurück“, wütete der als Navigator eingesetzte Martin Lewinski. „Bruce, wir müssen jetzt das Feuer eröffnen.“
    Doch Bruce Land zögerte immer noch. Er flehte alle Götter, deren Namen er kannte, um Beistand an, doch er erhielt keine Antwort. Nur er alleine würde die Entscheidung treffen.
    Wutentbrannt wirbelte Martin herum und deutete mit einem Finger auf Woil. Wieso war er so erpicht seinen Bruder, auch wenn dieser aus einem anderen Universum stammte, in Gefahr zu bringen?
    „Woil, erfass die Antriebe der Monitor und warte auf meinen Feuerbefehl.“
    „NEIN!“
    Lands Stimme durchschnitt die Brücke und ließ alle zusammenzucken. Urplötzlich hatte sich der Engländer aus der Lethargie gerissen, denn nun endlich hatte er eine Entscheidung getroffen. Doch Martin konnte nicht glauben, was er da eben gehört hatte.
    „Du willst sie also wirklich laufen lassen und mit ihnen ein Schiff, welches wir im Moment dringend gebrauchen können?“
    „Ja, genau dies habe ich vor!“ bestätigte Land. „Wir werden nicht auf dieses Schiff feuern. Sie haben uns bei der Gefangennahme des Regenten geholfen und daher werden wir ihnen die Rückkehr gestatten.“
    „Woil, erfass das Schiff,“ wiederholte der Navigator seine Anweisung, so als ob er seinem Kommandanten gar nicht zugehört hätte.
    Daraufhin schlug Land mit der flachen Hand wütend auf die Armlehne seines Kommandantenstuhls.
    „Ich bin der Captain auf diesem Schiff und bestimme, was wir tun und was nicht,“ erklärte er mit einer Stimme, aus der man erkannte, dass er keinen Widerspruch duldete. „Wir werden die Monitor ziehen lassen. Basta!“
    Martin Lewinski setzte zu einer weiteren Erwiderung an, doch dann verschwand die Monitor durch den dimensionalen Riss, der sich auch im nächsten Moment sofort schloss. Lewinskis Gesicht, und nicht nur das seinige, versteinerten daraufhin. Man sah deutlich ihre Enttäuschung und wie sie ihre Hoffnung verloren. Damit war ihr so akribisch vorbereiteter Plan fehlgeschlagen. Während Martin eine große Leere und Enttäuschung spürte, war Bruce mehr als stolz auf sich. Er hatte die moralisch richtige Entscheidung getroffen. Denn egal wie verzweifelt ihr Kampf um Freiheit und Überleben auch sein mochte, sie durften auf keinen Fall ihre ethischen Grundsätze vergessen. Die Dinge, die sie überhaupt zu Menschen machten und sie von der Allianz unterschieden. Dies musste die Menschheit noch lernen, wenn sie nicht wieder zurück in die alten Zustände des Terranischen Imperiums fallen wollten. Wenn sie wahrlich frei sein wollten.

    T’Nol hatte sich mit Menek in der Krankenstation eingefunden. Gegenüber Woils Biobett – der dort im übrigen friedlich schlief – nahe dem kleinen Büro des Arztes standen die beiden vor einer Wand aus Monitoren. Auf einem der Bildschirme beobachtete T’Nol angewidert das Foto von der entstellten Leiche.
    Wie sollte, konnte er das dem imperialen Kommando erklären? Zwei furchtbare Morde auf seinem Schiff. Geschehen während der ersten beiden Stunden seiner Kommandantur. Und wenn er es nicht schaffte, diese Krise zu bewältigen würden dies auch die letzten beiden Stunden werden. Denn das imperiale Kommando duldete keine Schwäche. Besonders nicht, wenn es um Führungskräfte ging und das Reich in Gefahr war.
    Gefahr. Ja, so hatte es begonnen. Telk wollte sich mit ihm treffen und einige Berichte durchgehen. Einige Berichte aus der Föderation. T’Nol hasste es, wenn er keine Ahnung von dem hatte, was um ihn herum geschah. So wie jetzt. Als schien ein gigantisches Fragezeichen über der ganzen Situation zu schweben.
    „Wer war sie?“, wollte er wissen und versuchte, seine Gedanken mal wieder auf die üblichen Bahnen und diesen Mord zu lenken.
    „Corporal Nerel. Es war ihre erste Mission.“
    „Wie konnte das geschehen?“ T’Nol deaktiviert den Bildschirm und lehnte sich an das nahe Biobett. Seiner Stimme waren deutlich Anspannung und Nervosität anzuhören.
    „Ihre Schichte war eben zu Ende gegangen. Sie wollte sich nur kurz umziehen um zu einer der Übungen zu kommen, die Sie befohlen hatten. Als sie nicht erschien, ließ R’Quam sie suchen. Er fand sie schließlich... so zugerichtet.“
    „Hat er mit den Ermittlungen bereits begonnen?“
    „Natürlich... aber Sir, das wird nicht reichen.“
    T’Nol blickte mit großen Augen zu Menek. „Wie meinen Sie das, Doktor?“
    „Die Crew braucht einen starken Captain. Sie braucht Führung. Sie müssen handeln und aus der Defensive heraus kommen.“
    „Wir müssen den Täter finden!“, platzte es aus T’Nol heraus. „Das hat oberste Priorität.“ Menek konnte sich des Eindrucks nicht verwehren, dass T’Nol nur nach Floskeln und einer Ausrede suchte, bis er wusste, was zu tun war. „Das wird das Einzige sein, dass die Crew wieder motivieren wird, wieder motivieren kann.“
    „Der Täter hat bereits zwei mal auf grauenvolle Weise zugeschlagen. Ohne Spuren zu hinterlassen. Die Crew fühlt sich von einem Gespenst verfolgt.“
    Menek versuchte T’Nol aus seiner Lethargie herauszureißen, doch er vermochte es nicht. Der stellvertretende Kommandant hatte sich bereits in sich selbst zurück verkrochen, so wie andere auch.
    „Gespenster – Humbug! Die Crew ist rational und professionell genug diesen Schauermärchen keinen Glauben zu schenken. R’Quam wird der Sache Herr werden.“ T’Nol blickte zum schlafenden Woil. Er seufzt. Als schien der Anblick Woils ihn daran zu erinnern, dass es ihn auch noch gab. Ihn – ein weiteres großes Fragezeichen. „Wie geht es ihm?“
    „Stabil. Seine Lebensfunktionen stabilisieren sich. Auch wenn ich mir nicht sicher bin, wieso.“ Menek blickte ahnungslos düster drein. „Mal davon abgesehen, dass ich noch nie einen Antosianer behandelt habe... habe ich auch keine Daten um seine Werte zu vergleichen.“
    „Rufen Sie mich, wenn es etwas Neues gibt. Egal ob von ihm oder von... der Autopsie.“ T’Nol atmete schwer, wollte noch etwas sagen, schluckte das aber runter und verschwand so schnell er konnte von der Krankenstation.

    Die Gesichter der Brückenoffiziere der Monitor hellten sich merklich auf, als sie den Riss passierten und innerhalb einer Sekunde wieder in ihrem eigenen Universum waren. Angesichts der Tatsache, dass ihre Reise mehr als ungewöhnlich war, gestaltete sich der Transfer zwischen den Universen abermals als reichlich unspektakulär. Weder verspürten sie Erschütterungen, Schwindel oder gar eine Art von Orientierungslosigkeit. Es war fast so, als wären sie von einem Raum in den anderen gegangen. Doch die Gefühle, welche die Besatzung empfand, waren auch so schon überwältigend genug.
    Eine Welle der Erleichterung durchströmte Captain Lewinski, als der Wandschirm wieder die gewohnte Erde zeigte. Nicht die verwüstete Erde des Spiegeluniversums, die von der Allianz vernichtet worden war, sondern die gewohnte Wiege der Menschheit. Der Planet, den sie am heutigen Tage erfolgreich gerettet hatten.
    Wie wunderschön sie doch ist.
    Es war also endlich vorbei. Mit der Rettung von Danny Bird hatten sie die letzte Hürde genommen, die ihnen am heutigen Tage in den Weg gestellt worden war. Nun endlich konnten sie diese grauenvolle Sache abschließen. Der Captain las aus den Gesichtern seiner Offiziere deutlich heraus, dass diese ähnlich empfanden. Von ihnen war heute viel verlangt worden und sie hatten in der Tat außergewöhnliches geleistet. Am liebsten würde Lewinski allen einzeln die Hand schütteln und ihnen für ihre herausragenden Taten gratulieren. Doch derzeit war dies leider noch nicht möglich, denn es galt einige letzte Maßnahmen zu treffen. Nachdenklich blickte der Kommandant den eben geretteten Danny Bird an. Auch dieser blickte fasziniert auf die Erde und schien für einen kurzen Moment seinen schmerzenden Körper zu vergessen. John fragte sich, was dem jungen taktischen Offizier wohl durch den Kopf gehen mochte. Drei Monate lang hatten sie ihn nicht mehr gesehen und es war deutlich die Freude der Crew zu erkennen, dass Danny wieder an Bord war. Auch ihm selbst hatte der Lieutenant gefehlt. Nun endlich war die Familie der Monitor wieder komplett. Bis auf Ardev, der noch immer im Sternenflottenkrankenhaus lag. Und Miguel Sanchez, der heute sein Leben lassen musste.
    „Sir, wir werden vom Geheimdienstoberkommando gerufen,“ meldete Arena Tellom ihm, die trotz der schweren Verletzungen ihres Mannes konzentriert weitergearbeitet hatte.
    „Leiten Sie es in mein Büro weiter. Bereiten Sie außerdem eine Schaltung zum Präsidenten vor. Ich möchte ihn persönlich informieren, was geschehen ist,“ befahl Captain Lewinski und begab sich ohne Umschweife in seinen Bereitschaftsraum. Noch wollte er sich keine Pause oder gar eine Auszeit gönnen.
    Matt Price schwenkte die Monitor in die Umlaufbahn der Erde ein und lehnte sich danach ebenfalls erleichtert in seinem Stuhl zurück. Er drehte sich auf seinem Platz herum und sein Blick traf sich mit dem von Danny Bird. Beide Männer nickten sich zu und wussten instinktiv, was der andere sagen wollte. Es bedurfte keiner überflüssigen Worte. Bis auf die entscheidenden:
    „Ich danke Ihnen allen!“
    Die Offiziere und Freunde nickten dem Lieutenant zu. Sie alle wussten, dass seine Worte ehrlich gemeint waren und von Herzen kamen. Sie alle hatten ihr Leben aufs Spiel gesetzt und hatten eine einzigartige Reise angetreten, um ihn aus der Gefangenschaft zu befreien. Diese Großtat würde er ihnen niemals vergessen. Ob er jemals in der Lage war seine Schuld begleichen zu können?

    Auch wenn dank der modernen Transportertechnologie der Rückweg vom Innenministerium in den Amtssitz des Präsidenten nur Sekunden dauerte, kam es dem Präsidenten wie eine kleine Ewigkeit vor. Der Grund dafür war Edward Jellico, der sich mit ihm hatte zurückbeamen lassen. Am liebsten hätte das Staatsoberhaupt den ehemaligen Admiral sofort von seinen Pflichten entbunden und nach Hause geschickt. Doch dies konnte er im Moment nicht. Zu sehr benötigte er noch die Fähigkeiten Jellicos, der tief in die Abwicklungen des heutigen Tages verstrickt war. Einfach so den Justizminister zu entmachten war derzeit unmöglich. Was den Präsidenten jedoch am meisten störte, war der Umstand, dass Jellico nichts sagte. Während des gesamten Rückwegs in das Büro des Präsidenten schwieg der ehemalige Verschwörer von Sektion 31 und machte keinerlei Anstalten irgendwie zu den vorangegangenen Ereignissen Stellung zu beziehen. Seufzend ließ sich der Präsident, nachdem er in seinem Büro angekommen war, in den Ledersessel fallen und betrachtete Jellico. Noch immer schweigend betrachtete dieser das Staatsoberhaupt, die Hände hinter dem Rücken verschränkt. Unbewusst hatte er damit die Haltung eines Sternenflottenoffiziers angenommen, der er ja auch mal gewesen war. Ratlos erwiderte der Präsident den Blick. Wieso hatte er dies nur getan?
    Diese Frage schoss ihm immer und immer wieder durch den Kopf. Erst hatte ihm Jellico die geheime Sitzung des Kabinetts verschwiegen; scheinbar, um ihn aus dem Amt zu hebeln. Als es Edward Jellico jedoch in der Hand hatte seine Präsidentschaft zu beenden, hatte sich der ehemalige Admiral anders entschieden und gegen den Misstrauensantrag gestimmt. Nicht nur der Präsident selbst, sondern auch alle anderen Minister waren über dieses Ereignis mehr als überrascht gewesen. Doch was war der Auslöser für diese Entscheidung gewesen?
    „Haben Sie noch irgendwelche Anweisungen?“ fragte Edward Jellico schließlich und durchbrach damit das unangenehme Schweigen.
    Abermals trat eine längere Phase der Stille ein, als der Präsident darüber nachdachte, was er nun antworten sollte. Inzwischen hatte er wieder seine emotionslose Miene aufgesetzt, die ihm in so vielen Debatten geholfen hatte. Innerlich brodelte er zwar, doch sein äußeres Auftreten ließ keine Rückschlüsse auf seine Empfindungen zu.
    „Warum haben Sie das getan?“ fragte der Präsident schließlich.
    Für einen kurzen Moment hatte Jellico überlegt den Unwissenden zu spielen, sich herauszuwinden und das Thema zu wechseln. Doch dann entschied er sich (ungewohnterweise) für die Wahrheit.
    „Ich wollte nicht, dass Ihre Präsidentschaft endet,“ antwortete der ehemalige Admiral.
    Daraufhin folgte abermals eine längere Phase des Schweigens. Beide Männer schienen zu überleben, wie sie nun reagieren sollten. In gewisser Weise erinnerte das ganze an eine Schlacht zweier Strategen, die jeden weiteren Schritt gegeneinander abwogen.
    „Genau das ist es jedoch, was mich irritiert,“ erklärte der Präsident schließlich und blinzelte während des gesamten Gesprächs nicht ein einziges Mal. „Vor drei Stunden wollten Sie mir nichts über die geheime Sitzung meines Kabinetts sagen, so dass ich mich nicht vorbereiten konnte und damit Gefahr lief mein Amt zu verlieren. Eine mögliche Konsequenz, die scheinbar Ihr Ziel gewesen ist. Dann jedoch, als Sie die Gelegenheit hatten meiner Ära ein Ende zu setzen, entschieden Sie sich gegen den Misstrauensantrag. Wieso?“
    Auch Edward Jellico zeigte keine Regung, während er die misstrauischen Worte des Staatschefs vernahm. Abermals ließ er sich sehr lange Zeit für seine Antwort. Der Grund dafür war, dass der Justizminister selbst nicht so recht wusste, wie er seine Entscheidung begründen sollte. Es war eine reine Bauchentscheidung gewesen. Viel hatte er nicht darüber nachgedacht, sondern war einfach nur seiner inneren Stimme gefolgt.
    „Ich wollte nicht, dass Ihre Präsidentschaft endet,“ wiederholte Jellico und verwirrte damit den Präsidenten nur noch mehr. Doch er gab seine Bemühungen auf. Scheinbar würde er am heutigen Tage keine befriedigenden Antworten von dem ehemaligen Admiral erhalten. Möglicherweise sogar niemals.
    Die Gedanken des Präsidenten wurden jäh unterbrochen, als Commander Elena Kranick sein Büro betrat. Sie wirkte aufgeregt und für einen winzigen Augenblick befürchtete der Präsident, dass sie eine neue Schreckensnachricht zu verkünden hatte. Doch dann erkannte er ihren freudigen Gesichtsausdruck und er entspannte sich innerlich.
    „Die Monitor ist in unser Universum zurückgekehrt,“ meldete Kranick ihm. „Ihnen ist es gelungen sowohl Commander Kranick als auch Janine Talley zurückzuholen.“
    „Und James Talley?“
    „Darüber weiß ich leider nichts. Aber Captain Lewinski wartet auf einer Komleitung. Er wurde uns direkt vom Sternenflottenkommando durchgestellt.“
    Endlich gute Nachrichten. Sofort ließ der Präsident seine Zweifel fallen und konzentrierte sich stattdessen auf das nun folgende Gespräch.

    Captain Lewinski hatte sich in die Ruhe seines Bereitschaftsraums zurückgezogen und wartete darauf, dass eine Kommunikationsverbindung zum Präsidenten hergestellt wurde. Obwohl er noch mehr als genug Dinge zu erledigen hatte, fühlte sich der Kanadier zum ersten Mal seit fast vierundzwanzig Stunden befreit. Eine große Last war ihm von den Schultern genommen worden. Erstmals konnte er Dinge erledigen, ohne den nagenden Zahn der Zeit zu spüren. Ohne das Wissen, dass jede Verzögerung Menschenleben kosten könnte.
    Endlich wurde das Symbol des Präsidenten auf dem Bildschirm durch das Gesicht des Staatschefs ersetzt. Dieser saß wie so oft hinter seinem Schreibtisch, hatte die Hände vor sich gefaltet auf dem Tisch abgelegt und blickte so neutral wie möglich in die Kamera. Doch auch bei ihm Zeichen der Erschöpfung zu erkennen. An keinem war dieser Tag spurlos vorbeigegangen. Lewinski erkannte jedoch noch etwas an anderes in den Gesichtszügen des Oberhauptes aller Föderationsvölker. Es dauerte einen Moment, dann konnte er jedoch dieses Ausdruck näher bestimmen: es war die Hoffnung darauf, dass nun endlich vorbei war. Dass Captain Lewinski ihm nun freudige Nachrichten überbrachte und John wollte ihm nur zu gerne diesen Wunsch überbringen.
    „Mr. President, wir haben unseren Auftrag beendet,“ erklärte der Kommandant ihm. „Wir haben Lieutenant Bird und Janine Talley aus dem Spiegeluniversum herausgeholt.“
    Die Miene des Präsidenten hellte sich auf und für einen kurzen Moment schaute er zu einer Person außerhalb von Lewinskis Blickfeld. Wahrscheinlich seinen Beratern; sogar Edward Jellico.
    „Was ist mit James Talley?“ fragte der Staatschef.
    „Er war schon tot, als wir Bird und seine Tochter aufgegriffen haben. Scheinbar wurde er von denselben Menschen ermordet, die ihn zu Beginn unterstützt haben.“
    Nun zögerte der Präsident, blinzelte zweimal und seufzte.
    „Ist es also vorbei?“
    Dies war die entscheidende Frage gewesen, auf die jeder so lange gewartet hatte. Nun war endlich auch John Lewinski bereit sich ein kleines Lächeln zu gönnen, als er antwortet:
    „Ja, Sir, es ist vorbei. Es gibt keine Anzeichen, dass die Föderale Befreiungsarmee noch weitere Aktionen geplant hat.“
    Natürlich hatte John schon länger dies vermutet, doch diese Worte über die Lippen zu bringen, löste eine neue Welle an Erleichterung, ja sogar Euphorie, in ihm aus. So lange hatte er diesen Moment herbeigesehnt und nun war es endlich soweit. Natürlich würde es noch einiges an Aufräumarbeiten geben, doch das Gröbste hatten sie endlich hinter sich gebracht.
    „Von wem wurden sie denn nun unterstützt?“ wollte der Präsident wissen.
    „Scheinbar hat die Allianz, die dominante politische Macht im Spiegeluniversum, die Organisation bei ihrem Anschlag auf die Erde unterstützt. Ich werde dazu noch einen detaillierten Bericht schreiben, der sich vor allem auf die Aussagen von Lieutenant Bird stützen wird.“
    Neue Sorgen durchströmten den Präsidenten. Ob dem Captain bewusst war, welche Implikationen seine Aussagen mit sich brachten? Immerhin bedeuteten diese, dass sich eine Macht aus einem fremden Universum in ihre Welt einmischte. Mehr noch, sie hatte versucht das Zentrum der Föderation zu vernichten. Der Staatschef erschauderte bei dem Gedanken, welche neue Gefahren und Gegner die Zukunft möglicherweise für sie bereithalten würde.
    „Ich möchte diesen so schnell wie möglich erhalten,“ wies er den Captain der Monitor an. „Und übermitteln Sie Lieutenant Bird meinen aufrichtigsten Dank.“
    „Dies werde ich tun,“ antwortete John und beide Männer schwiegen.
    Der Captain kannte den Grund dafür. Nun, wo diese Krise endlich ausgestanden, jede Schlacht geschlagen worden war, gab es nur noch eine letzte Sache zu erledigen. Ein unangenehmes Versprechen musste noch eingelöst werden. Während der vergangen Stunden hatte er nicht mehr an seine Schuld gedacht, die er noch einlösen musste. Vergessen hatte er sie bei weitem noch nicht. Obwohl so vieles inzwischen geschehen war, erinnerte er sich nur zu deutlich an nahezu jedes einzelne Wort:
    „Stellen Sie umgehend eine Verbindung zum Präsidenten her,“ befahl John und setzte sich wieder in seinen Stuhl. „Er muss umgehend über die neuesten Erkenntnisse informiert werden.“
    Endlich zeigte sich wieder ein Hoffnungsschimmer am Horizont; endlich konnte sie selbst agieren statt zu reagieren.
    Die Kommunikationsverbindung zum Präsidenten herzustellen hatte nicht lange gedauert. Immerhin hatte dieser die ganze Zeit vor dem Computer nur darauf gewartet über die neuesten Entwicklungen in Sachen Captain Lewinski informiert zu werden. Diesen nun auf dem Bildschirm zu erblicken war gelinde gesagt eine Überraschung.
    „Ich hoffe Sie sind nun bereit sich uns zu übergeben,“ sagte der Präsident anstelle einer Begrüßung und starrte seinen Gegenüber an.
    „Leider muss ich Sie da enttäuschen, Mr. President, denn die Community hat ihren Anflug abgebrochen.“
    „Was?“
    In den Worten des Staatsoberhauptes spiegelten sich Fassungslosigkeit, Sprachlosigkeit und Wut wieder. Scheinbar riss die Kette an seltsamen Ereignissen derzeit nicht ab.
    „Sie wissen nicht, was Captain Kyle und ich nun wissen,“ erklärte John und legte seine gesamte Überzeugungskraft in seine Worte. Nun galt es den Präsidenten für seinen Plan zu gewinnen und das schnell. „Vor wenigen Minuten haben wir den Aufenthaltsort der Waffe feststellen können. Wir sind nur noch wenige Schritte vom Ziel entfernt. Mr. President, bitte hören Sie mich an: lassen Sie mich diese Mission zu Ende bringen und im Anschluss werde ich mich der Justiz übergeben, die dann über meine Taten richten soll.“
    Für einen kurzen Moment schwiegen die beiden Männer und der Präsident überlegte, was er von diesem Angebot halten sollte. Flüchtig blickte er zu dem hinter ihm stehenden Jellico, wurde sich jedoch schnell klar, dass er diese Entscheidung treffen musste.
    „Ist Ihr Angebot ehrlich gemeint?“ fragte der Präsident noch einmal nach.
    „So war ich hier stehe,“ bestätigte John Lewinski. „Sobald diese Krise überwunden ist werde ich mich stellen. Derzeit jedoch sehe ich keinen anderen, der befähigter wäre diese Mission zu erfüllen als meine Crew und mich. Geben sie mir die Möglichkeit diese Fährte zu verfolgen und ich werde sie nicht enttäuschen. Jede Minute zählt jetzt!“
    Das Angebot hatte in der Tat einen gewissen Reiz. Schnell ging der gewählte Führer der Föderation seine Handlungsalternativen durch. Konnte man John Lewinski vertrauen? Normalerweise hätte man diese Frage mit einem klaren Ja beantworten können, doch in den letzten Stunden hatte sich der Captain so irrational benommen, dass man sich bei ihm nicht mehr sicher sein konnte, woran man war. Jedoch hatte Lewinski recht, er war derzeit der einzige, der alle Erkenntnisse über die Waffe besaß. Jemand anderen einzuweisen würde Stunden dauern. Eine Zeitspanne, die sie absolut nicht besaßen.
    „Also gut,“ erklärte sich der Präsident bereit und faltete seine Hände auf dem Tisch. „Sie haben auch weiterhin das Kommando über diese Mission, bis diese abgeschlossen worden ist. Im Anschluss werden sie sich gegenüber der Militärjustiz verantworten müssen.“

    Es handelte sich um eine bindende Zusage, die John nicht umgehen wollte. Ihm war völlig klar, dass er Gesetze gebrochen hatte, um das seiner Meinung nach richtige zu tun. Dafür wollte er gerichtet werden.
    „Ich werde noch einige letzte Dinge hier zum Abschluss bringen,“ erklärte Lewinski mit fast schon monotoner Stimme. „Im Anschluss werde ich die Sternenflottensicherheit kontaktieren und mich in deren Gewahrsam übergeben.“
    Bedächtig nickte der Präsident. Er wusste, dass Lewinski nicht fliehen oder andere Dummheiten versuchen würde. Nach allem, was dieser Mann mit seiner Crew am heutigen Tage geleistet hatte, wollte er ihm noch etwas Zeit geben.
    „Ich erwarte dann Ihren Bericht, Captain!“ entgegnete der Präsident und beendete die Verbindung.
    Noch einige Minuten starrte John auf den nun schwarzen Bildschirm. Den ganzen Tag über hatten sie gegen die Zeit gekämpft und waren in höchster Eile gewesen. Nun lief die Uhr abermals erbarmungslos, nun jedoch gegen ihn selbst. Wenn man musste, dass man nur noch wenige Stunden in Freiheit hatte, was tat man dann als erstes? Früher hatte sich John in der Schule mit dieser philosophischen Frage befasst. Dass er sich jedoch jemals in der Realität mit ihr auseinandersetzen musste, war ihm niemals in den Sinn gekommen.

    Über Schmerz waren sowohl Woil, als auch Ke’ler schon lange hinweg. Inzwischen fristeten sie nur noch ihre Zeit ab. Bewegungsunfähig wurden sie festgehalten, ihre Willen waren gebrochen worden. Ihre Leben hatten sich an diesem Tag auf so grundlegende Weise verändert – es würde nie wieder dasselbe sein.
    Ke’ler war die Nummer Zwei einer geheimen Mission gewesen. So geheim, dass nicht einmal sie wusste, welches Ziel diese Mission verfolgte. Inzwischen hatte sie die Zügel übernommen um das romulanische Imperium vor dem Untergang zu bewahren. Eine Intrige hatte nun das Aus für ihr Unterfangen bedeutet.
    Woil hatte schon das Ende seines Lebens in dieser Zelle gesehen. Halluzinationen quälten ihn den ganzen Tag über, zwangen sein Schicksal mehrere Male in neue Bahnen. Seine Flucht in die talarianische Eiswüste, der Angriff des Talarianers, seine „Rettung“ durch die Romulaner, die Verhöre durch Ke’ler und die harsche Behandlung von ihr. Und über allem thronte der Verlust der Liebe seines Lebens und die Blutrache an Edward Jellico.
    Dieser Tag hatte diesen beiden Personen, wie sie unterschiedlicher nicht hätten sein können, einige Gemeinsamkeiten aufgedrängt. Gemeinsamkeiten, die sie nie hätten teilen wollen, die sie nie erfahren wollten.
    In diesem Moment kam eine weitere dazu.
    Vor ihren Augen schien sich nämlich das Schiff aufzulösen. Nein, dies stimmte nicht genau. Das Licht flackerte, der Boden schwankte. Nur kurz, beinah unmerklich, wenn es bei diesem einen Einzelfall geblieben wäre. Doch dem war nicht so. Es geschah erneut. Und da wurde das Schiff auch schon von einem schrillen Alarm durchflutet und Aufmerksamkeit erregende Lichter begannen zu blinken. Sie verliehen dem Schiff eine neue Stimmung, eine neue Atmosphäre. Eine Atmosphäre aus Spannung und Angst.
    Auf der Brücke erreichte die Spannung ihren Höhepunkt. T’Nol blickte entsetzt zu seinem Sicherheitschef R’Quam. Die beiden kleinen Erschütterungen hatten es zwar nur vermocht, ein kurzes Flackern der Lichter zu verursachen, doch selbst ein solches war schon ein Zeichen für Probleme.
    „Was war das?“, fragte T’Nol.
    R’Quam betätigte alle möglichen Tasten an seiner Konsole. Die Blicke der gesamten Brückencrew hatten sich nun auf diesen Mann vereinigt und warteten gespannt auf den Bericht des Sicherheitschefs. „Zwei Verteilerknoten sind implodiert. Die Hauptenergie ist um 5% gefallen. Wir haben Schwankungen im Tarn- und Warpfeld.“
    „Wodurch wurde das verursacht?“, fragte T’Nol in Richtung eines Technikers, der – logischerweise – an der technischen Station stand.
    „Ich kann keine Fehlfunktionen im Schiffsbetrieb erkennen.“ Der junge Mann wirkte noch etwas nervös. Etwas Grün hinter den Ohren. Vermutlich war es auch seine erste Mission. Vielleicht war er mit Corporal Nerel beim letzten Zwischenstopp an Bord gekommen. Sie waren noch Kinder. Sie hatten keine Ahnung, was sie erwartete.
    „Ich habe eine Antwort“, platzte es aus R’Quam heraus. Alle lauschten nun wieder dem Sicherheitschef. „Die Tal Shiar Agenten sind aus ihren Quartieren ausgebrochen. Es werden Kämpfe vom ganzen Schiff gemeldet.“
    Der Schock saß tief. Am Härtesten traf es den Kommandanten selbst. Mit versteinerter Miene und schweren Gliedern schleppte er sich zum Captainsstuhl und ließ sich in ihn hineinfallen.
    R’Quam drängte zu einer Lösung. „Sir, was sollen wir tun?“
    Als käme die Frage überraschend, drehte sich T’Nol zum Sicherheitschef um und blickte ihn mit großen Augen an. Dann sah er zum Wandschirm und den dort vorbeiziehenden Warpsternen.
    „Versuchen Sie... Halten Sie sie auf. Mit allen Mitteln“, wies T’Nol an.
    Stumm, mit einem knappen Kopfnicken, nahm sich R’Quam einen Disruptor aus einem nahen Waffenschrank und verließ die Brücke.
    Als sich dir Tür wieder hinter ihm schloss, wurde das Schiff erneut von einer Explosion – genauer: Implosion, erschüttert. Dieses mal mit schwerwiegenderen Konsequenzen. Der Warpantrieb versagte seinen Dienst. Ebenso wie das Tarnfeld.
    In diesem Moment vergrub T’Nol sein Gesicht in seinen Händen. Während der ersten Stunden seines Kommandos hatte es so viele Katastrophen gegeben. Niemals würde er dieses Kommando behalten dürfen. Er musste wohl froh sein, wenn er nicht unehrenhaft aus der Flotte entlassen wurde. Dies war sein Ende. Noch bevor seine Karriere überhaupt angefangen hatte, kam sie zu einem Ende. Ein Scherbenhaufen lag vor ihm. Und ein Tribunal würde sich dann um das letzte bisschen Stolz kümmern.
    In diesem Moment konnte es unmöglich schlimmer kommen. Doch natürlich kommt es immer anders. Und immer anders, als man denkt.
    Sein Blick fiel auf den Hauptschirm. Dort erkannte T’Nol ein sich enttarnendes Raumschiff. Den Schiffstyp selbst hatte er noch nie gesehen. Die Konfiguration erinnerte ihn jedoch schwer an ein Schiff der Sternenflotte.
    Und dieses feuerte eine Salve Torpedos ab.

    In seinem Innersten hätte er natürlich wissen müssen, dass er in der Krankenstation auf Elisabeth Frasier treffen würde. Dennoch zuckte Danny Bird für einen winzigen Moment zusammen, als er die Chefärztin sah. Drei Monate lang hatte er die Frau, die er einst geliebt hatte, nicht mehr gesehen. Nun jedoch stand sie leibhaftig vor ihm und untersuchte die Frau, die er nun liebte. Janine Talley saß traurig auf einer Pritsche und blickte nur kurz auf, als ihr Freund herein getreten war. Im Hintergrund hielt sich eine Wache auf, die sich jedoch diskret zurückgezogen hatte.
    Auch Elisabeth zögerte für einen kurzen Moment, als sie Danny erblickte. Dann legte sie die Untersuchungsgeräte beiseite, trat auf den taktischen Offizier zu und umarmte ihn. Natürlich war auch sie voller Sorge um ihn gewesen und der Lieutenant wusste diese Geste sehr wohl zu schätzen. Auch wenn er niemals mit der Ärztin zusammengekommen war, so fühlte er dennoch eine gewisse Vertrautheit mit ihr.
    „Ich bin so froh, dass du wieder da bist,“ flüsterte Elisabeth und die Umarmung schien fast einen Moment zu lange zu dauern.
    „Danke,“ war die schlichte Erwiderung Dannys, der sich schließlich aus der Umarmung löste und dann auf Janine zutrat, die die beiden Umarmenden überrascht gemustert hatte. Auch Janine war deutlich die Müdigkeit anzusehen und die dunkelhäutige Frau hatte Hunger. Kurz strich sie sich über ihren Bauch, so als würde sie das kleine Leben, welches in ihr heranwuchs, schon jetzt spüren. Danny konnte noch immer nicht so recht fassen, dass er Vater wurde. Das ganze grenzte für ihn an ein Wunder, welches er unbedingt erleben wollte.
    „Wie geht es dir?“ fragte er Janine.
    „Es geht,“ murmelte die junge Frau und nun war es Danny, der sie an sich drückte. Noch immer zitterte sie am ganzen Leib. Sie hatte den Verlust ihres Vaters noch immer nicht verkraftet.
    Bird schaute zu der Ärztin und Elisabeth erklärte freundlich:
    „Ihr fehlt nichts. Sie ist etwas dehydriert, aber ansonsten geht es Ihr gut.“
    „Und das Baby?“
    „Es ist gesund und wohlauf.“
    Elisabeth wollte gar nicht fragen, wer der Vater des Kindes ist. Sie konnte es sich ohnehin denken. Die zärtlichen Gesten, die Bird und Talley austauschten, waren Beweis genug. Es war ohnehin nicht an ihr über diese Beziehung zu urteilen. Niemand konnte sich vorstellen, was Danny in den vergangenen drei Monaten hatte durchmachen müssen. Es war wohl nur natürlich gewesen, dass er sich in dieser Zeit nach Nähe und Zärtlichkeit gesehnt hatte.
    „Schön zu hören,“ entgegnete der Lieutenant und war in der Tat erleichtert. „Kannst du uns für einen Moment allein lassen?“
    Verstehend nickte die Chefärztin und zog sich zu dem Wachmann in den Hintergrund zurück, um dem Paar Gelegenheit zum Reden zu geben.
    „Was werdet ihr mit mir machen?“ fragte Janine. In ihrer Stimme konnte man eine Mischung aus Verbitterung und Angst erkennen.
    Missmutig betrachtete Danny die Frau, die für ihn der schönste Mensch der Welt war. Natürlich war ihm der klassische Fehler aller Undercoveragenten unterlaufen und er hatte eine persönliche Beziehung zu einem Feind hergestellt. Doch wer konnte sich anmaßen über ihn zu richten? Drei Monate lang war er allein gewesen, hatte sich immer wieder in Todesgefahr befunden und hatte Dinge tun müssen, die ihn anwiderten. Der grauenvollste Moment war am heutigen Morgen gewesen, als er Nelson getötet hatte.
    Der Anruf seitens James Talley hatte in Danny Bird eine innere Unruhe entfacht, die sich schon lange bei ihm aufgestaut hatte. Während der vergangenen zwei Stunden hatte er mit der Angst leben müssen, dass der Anführer der Föderalen Befreiungsarmee ihn enttarnt hatte und bald beseitigen würde. Seit ihm zum ersten Mal dieser Verdacht gekommen war hatte Danny alles versucht, um diese Schuld von sich abzulenken. Vor wenigen Minuten hatte James nun ihm eine Nachricht zukommen lassen, dass er unbedingt in den Garten des prächtigen lunaren Anwesens kommen sollte. Danny hatte wieder einmal seinen teuren Anzug angelegt, den er meistens bei Treffen mit Talley trug und hatte sich auf den Weg gemacht. Flüchtig blickte der Lieutenant auf die Uhr. Es war kurz vor sechs, auch auf dem Mond würde bald der Morgen grauen. Kurz fragte sich der Agent, wie lange er schon nicht mehr geschlafen hatte. Mehr als eine kurze Pause war ihm nicht vergönnt gewesen.
    Und auch wenn es der Sicherheitsoffizier der Monitor nicht zugeben wollte, er hatte Angst. Angst davor, dass er gerade seine letzten Schritte als lebende Person machen und schon in wenigen Minuten tot sein würde. Was hatte er nicht alles in diese Mission investiert!
    Seit drei Monaten befand er sich unter diesen Leuten, versuchte ihren teuflischen Plänen auf die Schliche zu kommen und gleichzeitig nicht von ihnen vereinnahmen zu lassen. Seit dem Beginn dieser Mission hatte Bird nicht mehr seine Freunde an Bord der Monitor gesehen, die er so sehr vermisste. Es war ihm nie bewusst gewesen, wie viel ihm die anderen bedeuteten. Möglicherweise war es nun zu spät, um ihnen dies jemals mitzuteilen.
    Dannys Laune steigerte sich nicht gerade, als er in den garten des Anwesens kam. In dem von einigen Laternen erleuchteten Areal befand sich ein großer Teil des Führungszirkels der Untergrundarmee, inklusive Janine. Diese blickte ihn kurz an, als er die Treppen herunterstieg, schlug jedoch im Anschluss sofort ihren Blick nieder. Mit zusammengepressten Lippen musterte ihr Vater Danny, schien seine Gedanken oder Intentionen abschätzen zu wollen. Das ganze hatte irgendwie eine gespenstische Atmosphäre, beklemmend und unheimlich.
    „Endlich bist du auch da!“ begrüßte James ihn mit ernster Stimme, nachdem sich Danny Bird in den Kreis der Anwesenden gestellt hatte, und trat selbst in die Mitte. Der Anführer atmete tief ein und aus, bewunderte einmal mehr das Wunder des Terraforming. Dass Menschen hier mal Sauerstoff atmen konnten, hätte noch vor einigen Generationen niemand für möglich gehalten. „In wenigen Minuten wird die Sonne aufgehen und damit auch ein neuer Tag anbrechen. Ein Neuanfang für jeden Bürger, der sich auf ein Neues daran macht in seinem Leben nach Glück zu streben. Die Altlasten des vorherigen Tages werden abgeworfen und man konzentriert sich auf die Zukunft. Genau dasselbe habe ich auch vor,“ erklärte James Talley und grinste fast schon freundlich. Beiläufig zupfte er an seinem Sack, strich seine Krawatte glatt und blickte dann zu Danny. Dieser hatte alle Mühe, um nicht instinktiv zurückzuweichen.
    „In den letzten Stunden ist einiges passiert, meine Herren. Die Jagd nach einem potentiellen Verräter hat uns allen den Atem stocken lassen und mir vor allem eine schlaflose Nacht bereitet… genauso wie ihnen. Allein die Vorstellung, dass sich jemand gegen die Ziele unserer Gruppe stellt, ist für mich einfach nur widerlich und unfassbar. Dennoch hat es dieses Subjekt gegeben.“
    Jetzt sagt er es, dachte Danny und gab sich alle Mühe keine Regung in seinem Gesicht zu zeigen, jetzt enttarnt er mich!
    „Und nach langer Suche,“ erklärte James und hob nun seine Stimme an, so dass man ihn quer durch den Garten hören konnte, „haben wir endlich den Verräter in unseren Reihen gefunden.“
    Danny wartete nur auf den Finger von James Talley, der in fast altmodischer Manier auf ihn zeigen sollte, doch stattdessen wandte sich der Anführer einer anderen Person zu: Nelson.
    Dieser wich erschrocken zurück und blickte sich zu seinen Kollegen um, die ihn ebenfalls überrascht musterten.
    „Ich?“ fragte das Führungsmitglied der Föderalen Befreiungsarmee ungläubig. „James, du glaubst ich würde dich verraten?“
    „Ich glaube es nicht… ich weiß es!“
    Rein äußerlich zeigte Danny Bird absolut keine Regung, innerlich jedoch fiel ihm ein Stein vom Herzen. Hatte es also tatsächlich geklappt, hatte er in der Tat den Verdacht auf Nelson lenken können? Die ganze Idee war eiligst zusammengeschustert worden und hatte kaum Aussicht auf Erfolg gehabt, doch scheinbar hatte der Lieutenant ganze Arbeit geleistet.
    Abwehrend hob Nelson seine Hände, bemühte sich nicht noch einen weiteren Schritt nach hinten zu machen und eine selbstsichere Stimme zu haben, was ihm jedoch nur leidlich gelang. Der Vorwurf traf ihn dermaßen aus heiterem Himmel, dass er nicht in der Lage vernünftig zu reagieren.
    „Wie kannst du mir dies nur vorwerfen, James? Wir kennen uns seit Jahren und verfolgen die gemeinsamen Ziele! Verdammt, ich habe diese Organisation mit dir aufgebaut und nun soll ich sie verraten? Denk doch mal vernünftig darüber nach!“
    Doch in James´ Stimme war eine Kälte und Selbstsicherheit, die jeden im Garten, selbst seine Tochter, erschaudern ließ.
    „Ich habe die Beweise in meinem Büro. Es hat mir das Herz gebrochen zu erfahren, dass du es warst, der Timo verraten hat. Wie konntest du nur? Wieso hintergehst du mich so?“
    Nelson öffnete seinen Mund, als wollte er etwas sagen, doch es fiel ihm nichts ein. Instinktiv versuchte er zu fliehen, wurde jedoch von seinem rechten und linken Nebenmann festgehalten.
    „Ich dulde keinen Verrat,“ raunte James und holte einen Phaser hervor. Es bestand absolut kein Zweifel daran, was er damit vorhatte. Doch überraschenderweise wandte er sich an Bird.
    „Töte ihn!“ befahl der Anführer und streckte ihm die Waffe entgegen.
    Verwirrt musterte der Lieutenant seinen Gegenüber.
    „Wie bitte?“
    „Töte den Verräter,“ forderte James und drückte ihm die Waffe in die Hand. „Beseitige ihn und nimm im Anschluss seinen Platz in unserem Zirkel ein.“
    Egal was er vorgehabt hatte, diese Dinge hatte Danny ganz gewiss nicht im Sinn gehabt. Nelson zu erschießen war ganz sicher nicht das, was er wollte. Doch scheinbar gab es keinen Ausweg. Irritiert betrachtete Danny die Waffe und stellte überflüssigerweise fest, dass sie auf Töten eingestellt war.
    „Muss das sein?“ fragte Danny und versuchte die ganze Angelegenheit in eine andere Richtung zu lenken. „Lass uns ihn einsperren und verhören. Vielleicht können wir so mehr über seine Auftraggeber erfahren!“
    „Nein. Auf Verrat steht bei uns der Tod. Töte ihn nun oder stell dich neben ihn!“
    James´ Aussage war ernst gemeint. Verloren blickte Danny zu Janine, die jedoch seinen Blick nicht erwiderte. Von ihr oder den anderen im Garten konnte er keine Hilfe erwarten. Musste es also darauf hinauslaufen? Musste er einen Unschuldigen, auf den er die Beweise gelenkt hatte, töten? Drei Monate lang hatte Danny sich bemüht nichts Verbotenes oder gar Unmoralisches zu tun und nun das?
    Langsam trat der Lieutenant vor und richtete den Phaser auf Nelson, der zu Boden gedrückt wurde. Der vermeintliche Verräter kniete vor seinem Henker und blickte ihm starr in die Augen. Am liebsten hätte Danny weggeschaut, als er abdrückte, doch er konnte nicht.
    Er musste gegenüber den anderen eine Härte demonstrieren, die er nicht besaß. Aus dem Phaser löste sich der Energieimpuls und traf Nelson im Herzen. Das Geräusch seines auf dem Boden aufschlagenden Körpers hallte scheinbar noch minutenlang durch den großen Garten.

    Danny hatte Nelson nie gemocht. Tatsächlich war es sogar davon ausgegangen, dass wenn einer seine wahre Identität aufdecken würde, es Nelson wäre. Zu konträr waren ihre Ansichten gewesen, zu groß der Neid Nelsons über den schnellen Aufstieg von Danny Bird innerhalb der Organisation. Doch nie im Leben hatte er ihn ermorden wollen. Der Lieutenant hatte damit gerechnet ihn möglicherweise in Notwehr töten zu müssen, doch niemals auf so kaltblütige Art und Weise. Allein für das Aufzwingen dieser Tat hasste er James Talley und doch empfand er ein widerliches Gefühl von Trauer in Bezug auf den alten Mann, der wie ein Ersatzvater für ihn gewesen war. Oder empfand er nur so, weil er Janines Schmerz erkannte? Es würde lange dauern, bis sich Bird von diesem Einsatz erholt hatte. Im schlimmsten Fall würde es nie wieder so sein wie früher.
    „Ich werde das Kind behalten,“ murmelte Janine schließlich.
    Die Worte waren leise ausgesprochen worden, doch für Danny stellten sie eine Erleichterung dar. Immer wieder hatte er sich in Gefangenschaft gefragt, ob seine Freundin nicht etwas unternommen würde, um die Geburt zu verhindern. Doch diese Zweifel wurden nun glücklicherweise in alle Winde zerstreut. Erleichtert ergriff Danny ihre Hand und streichelte sie.
    „Danke,“ antwortete er und lächelte sie an.
    „Wirst du mir helfen?“
    „Ich werde immer für dich da sein.“
    Janine merkte sofort, dass seine Worte ernst gemeint waren. Natürlich hatten sie schon während der Gefangenschaft ein wenig darüber geredet, doch oftmals gestalteten sich Dinge außerhalb dieser Krisensituationen etwas anders.
    Einmal mehr bekräftigte Danny seinen Entschluss:
    „Ich werde die Sternenflotte verlassen, um für dich und das Kind da zu sein.“
    Elisabeth Frasier hatte die Worte aus dem Hintergrund vernehmen können und zuckte innerlich zusammen, verzichtete jedoch auf eine Antwort. Dies war nicht der richtige Zeitpunkt, um über seine möglicherweise überstürzten Entscheidungen zu sprechen.
    Der Lieutenant, der nun so glücklich wirkte, winkte die Ärztin wieder heran und sie setzte ihre Diagnosen fort. Dabei wich Danny Bird die gesamte Zeit über nicht von der Seite seiner Freundin.

    Immer noch saß Captain John Lewinski in seinem Büro und starrte das gegenüberliegende Schott an. Zuerst hatte er begonnen einen Bericht über den heutigen Tag zu schreiben. Dann jedoch, schon nach wenigen Zeilen, hatte er seine Arbeit abgebrochen. Irgendwie war ihm derzeit nicht danach, einen trockenen Report zu verfassen. Zu viele Gedanken schwirrten ihm im Kopf. Nicht über Paragraphen oder Protokelle, sondern über Menschen. Zivilisten und Crewmitglieder, die heute unglaubliches geleistet haben. Und die heute ihr Leben lassen mussten.
    Das Türsignal erklang und Lewinski bat die beiden Besucher, die er schon sehnsüchtig erwartet hatte, herein. Es handelte sich um die Lieutenants Alex Bolder und Salma Halek.
    „Wir melden uns wie befohlen, Sir!“ erklärte Bolder und beide Offiziere stellten sich vor dem Schreibtisch des Kommandanten auf.
    Doch John war nicht nach einer formellen Atmosphäre. Daher deutete er mit einer Hand auf das an der Wand stehende Sofa und bedeutete den beiden Gästen sich zu setzen. Etwas irritiert, aber durchaus dankbar, nahmen Bolder und Halek das Angebot an. Captain Lewinski setzte sich auf eine Tischkante und verschränkte die Arme vor der Brust. Wie sollte er nur den Einstieg in ein solches Gespräch finden?
    „Wissen Sie, wieso ich Sie beide zu mir bestellt habe?“ fragte der Captain schließlich.
    „Wir können es uns denken,“ gab Lieutenant Halek zu. „Aber ich möchte keine wilden Spekulationen anfangen.“
    Eine kurze Pause trat ein, dann schmunzelte John verschmitzt und erklärte:
    „Ich wollte einen Bericht über die heutigen Ereignisse verfassen. Ich muss auch etwas zum Tod von Lieutenant Sanchez schreiben. Dabei ist mir aufgefallen, wie wenig ich eigentlich über den Lieutenant weiß. Sicherlich, ich könnte in seine Personalakte schauen und mir von dort die benötigten Informationen holen. Doch dies möchte ich nicht. Stattdessen will ich mir von Ihnen etwas über Miguel Sanchez erzählen lassen. Ein Mann, von dem ich weiß, dass er Ihr Freund gewesen ist.“
    Nun blickten sich Bolder und Halek verstehend an. Ob sie beide das richtige vermutet haben, war nicht ersichtlich, aber sie freuten sich über diese Möglichkeit. Überwunden hatten sie den Tod des Chefingenieurs bei weitem noch nicht, dies würde seine Zeit dauern.
    „Ich weiß nicht, wo ich anfangen soll?“ meinte Bolder schließlich.
    „Nun ja, beginnen Sie doch einfach mit seiner Herkunft,“ schlug Captain Lewinski zu.
    Nun hellte sich das Gesicht des Transporterchefs auf, als er einen Anknüpfungspunkt fand.
    „Ja, dies wäre in der Tat sinnvoll!“ fand Alex Bolder. „Ich könnte damit anfangen, dass er eigentlich gar kein Spanier ist, wie alle denken.“
    „Ach nein?“ fragte der Kommandant und wölbte überrascht die rechte Augenbraue.
    „Nein, er ist in Buenos Aires geboren worden, aber schon relativ früh mit seinen Eltern nach Spanien gezogen. Er ist also, wenn man es genau nimmt, Argentinier.“
    Dies hatte Lewinski in der Tat nicht gewusst. Scheinbar hatte sich in Sanchez´ Personalakte ein Fehler eingeschlichen, denn dort wurde Spanien als Geburtstort angegeben.
    „Und weiter?“
    „Wir beide kennen…kannten Miguel seit der Akademie,“ fuhr Salma Halek mit den Erzählungen fort. „Für ihn gab es nie etwas anderes, als Offizier in der Sternenflotte gewesen. Es hatte sich dabei um seinen Lebenstraum gewandelt. Miguel war es auch gewesen, der uns überredet hat sich nach dem erfolgreichen Abschluss der Akademie beim Geheimdienst der Sternenflotte zu bewerben.“
    „Ohne ihn wären wir jetzt nicht hier,“ bestätigte Bolder. „Auch wenn er scheinbar nur ein Ingenieur war, so faszinierte ihn die Aura des Geheimnisvollen, die mit dieser Arbeit einhergeht. Nachdem er sein erstes Ziel erreicht hatte, verfolgte er mittelfristig sein zweites Lebensziel.“
    „Das da gewesen wäre?“
    „Chefingenieur dieses Schiffes zu werden,“ erklärte Salma Halek und begann zu schluchzen. Bolder nahm sie in den Arm, drückte sie an sich und spendete ihr Trost. Verständnisvoll wartete Captain Lewinski einige Sekunden lang, bis die junge Frau von selbst fort fuhr. „Er hatte so viel von Chief Woil gehalten und von ihm gelernt. Dabei hatte er unbedingt auf der Monitor Chefingenieur werden wollen.“
    Vor allem der Satz mit dem Chief überraschte John. Immerhin hatte es in den letzten Wochen vor Woils Dienstzeitende massive Probleme zwischen dem Antosianer und Lieutenant Sanchez gegeben. Scheinbar hatte jedoch der erste Eindruck getäuscht.
    „Ich frage mich,“ murmelte Halek, „wieso er sterben musste.“
    „Das frage ich mich auch,“ entgegnete Lewinski traurig und blickte zu Boden. Im Laufe seiner Karriere beim Geheimdienst und vor allem während des Krieges hatte er zahlreiche Briefe an Hinterbliebene schreiben und sein Beileid bekunden müssen. Gewöhnen konnte man sich daran nie, aber vielleicht sollte man dies auch niemals. Der nicht natürliche Tod eines Menschen, vor allem eines so jungen wie Lieutenant Sanchez, war immer eine Katastrophe.
    „Gab es eine Familie, von der nichts in den Akten stand? Eine Freundin möglicherweise?“ fragte Lewinski.
    „Nein, so was gab es nicht. Miguel hat nur für seinen Beruf gelebt,“ antwortete Alex Bolder und in seiner Stimme schwang ein seltsamer Unterton mit. Möglicherweise erkannte er, dass es mehr im Leben gab als nur den Beruf. Dass es sich sehr wohl lohnte, eine eigene Familie zu gründen. Für John Lewinski war es dafür schon zu spät. Der Captain hatte jede Hoffnung auf die Liebe seines Lebens aufgegeben. Doch diese beiden jungen Menschen hatten noch Hoffnung auf ein erfülltes Familienleben.
    „Miguel hat heute seinen Beitrag geleistet,“ erklärte John Lewinski schließlich. „Und auch wenn meine Worte schal oder sogar pathetisch klingen mögen, er starb als Held; für den Schutz der uns unterstellten Menschen und der Erde. So schmerzhaft sein Verlust auch sein mag, wir dürfen sein Opfer nie vergessen.“
    Die beiden jungen Offiziere nickten verstehend. Verstanden sie jedoch wirklich? Im Moment überwog die unbändige Trauer und Wut über den Verlust eines geschätzten Freundes. Aber sie würden darüber hinwegkommen, davon war Lewinski überzeugt. Unwillkürlich fragte sich Lewinski, ob Lieutenant Halek, die besonders schwer getroffen zu sein schien, in Miguel Sanchez verliebt gewesen war. Er verzichtete jedoch auf die Stellung dieser Frage, da diese wahrscheinlich zu indiskret gewesen wäre.
    Schließlich bedankte sich der Captain und die beiden Lieutenants traten an ihre Stationen zurück. Auch wenn das Gespräch nicht zu lange gedauert hatte, so war er um einige wichtige persönliche Informationen reicher. Nun fühlte er sich in der Lage weiter an seinem Bericht zu schreiben. Möglicherweise dem letzten seiner Karriere.

    Das unbekannte Sternenflottenschiff barg einige Geheimnisse. Und auf der Brücke des vermeintlichen Sternenflottenschiffs herrschte Ruhe. Beinahe unheimlich war der Kontrast im vergleich zu dem manövrierunfähigen romulanischen Scoutschiff. Der Bildschirm offenbarte den Ausgang der ersten Attacke in seiner ganzen Tragödie. Das romulanische Schiff trieb ziellos umher, wie ein Stück Treibgut auf offener See.
    Das vermeintliche Sternenflottenschiff, obwohl mit Sternenflottenoffizieren bemannt, gehörte weder zur Sternenflotte, noch zur Föderation. In einem grauen Winkel der unzähligen Föderationsgesetze gehörte es einer Abteilung eines Geheimdienstes an. Offiziell war es der militärische Abschirmdienst. Inoffiziell Sektion 31. Doch dies war nur wenigen Menschen überhaupt bekannt. Einer von diesen Menschen heißt Roger Mannox. Der direkte Vorgesetzte des Schiffes.
    Die Tarnvorrichtung stammte aus geheimen Abkommen mit den Klingonen. Geborgen aus einem Wrack während des Dominion Krieges. Die verbesserten Sensoren: eine Weiterentwicklung von Borgtechnologie, die die Voyager aus dem Delta Quadranten mitgebracht hatte. Die Verfolgung und Enttarnung eines kleinen romulanischen Schiffes – vereinfacht durch die verbesserten Sensoren und die rebellierenden Romulaner, eine Kleinigkeit.
    Der Captain des Schiffes, das inoffiziell den Namen Schatten trug, war ein Vulkanier. Sein Haar war grau, sein Gesicht gezeichnet durch das Jahrhundert, das er schon für die Flotte Dienst tat.
    „Feuern Sie, brechen Sie durch die Schilde. Und holen Sie den Antosianer“, wies der Vulkanier an. Seine Brückencrew begann zu arbeiten. Ruhig, konzentriert und völlig professionell.
    Die Mission war nun ein Kinderspiel. Ihr Zielobjekt hatten Sie schnell gefunden, jetzt mussten sie es unter ihre Kontrolle bringen, Jozarnay Woil finden und ihn an Bord holen. Sie mussten herausfinden, was er den Romulanern bisher erzählte. Und dann oblag ihnen die Befugnis entsprechend zu handeln.
    Noch nie hatten sie versagt. Auch dieses Mal würden sie es nicht.

    Auch der erste Offizier des Schiffes konnte sich endlich um seine privaten Angelegenheiten kümmern, die er so lange hatte aufschieben müssen. Genau wie Arena Tellom hatte er versucht seinen Schmerz und seine Sorgen zu verdrängen, um sich auf die Aufgabe im Spiegeluniversum zu konzentrieren. Nun hatten sie Danny Bird herausgeholt, eine Katastrophe auf der Erde vereitelt und zumindest eine Urheberin des heutigen Attentats festnehmen können. Nun befand sich Commander Matthew Price in seinem kleinen Quartier und dachte nach. Der Halbbetazoid hatte sich auf seine Pritsche gesetzt, dachte über den schrecklichsten Moment seines Lebens nach, der erst wenige Stunden alt war. Immer wieder ging ihm dieses furchtbare Gespräch durch den Kopf, welches sein gesamtes Leben verändert hatte:
    Auf dem Bildschirm erschien das Gesicht eines Rigellianers, der nach menschlichen Maßstäben um die dreißig Jahre alt sein musste.
    „Guten Tag, ich bin Detective Jol von der rigellianischen Polizei. Spreche ich mit Commander Matthew Price?“
    „Mit dieser Annahme liegen Sie richtig,“ entgegnete der erste Offizier auf seine typisch flapsige Art und Weise.
    „Sind Sie der Sohn von Birgit Price, die in Rigel City wohnt?“ war die nächste Frage des Beamten.
    Die ganze Sache kam Matt nun sehr seltsam vor. Ein ungutes Gefühl beschlich ihn und daher antwortete er argwöhnisch:
    „Ja, das bin ich… Detective, wir haben hier momentan sehr viele Dinge zu tun und meine Zeit ist leider nur begrenzt. Kann ich Sie daher bitten mir den Grund ihres Anrufs zu verraten?“
    Der Polizist stockte für einen kurzen Moment, schien nach den richtigen Worten zu suchen. Offenbar war ihm diese Sache sehr unangenehm und instinktiv wusste Price, dass etwas Schreckliches geschehen sein musste. Eine Sache noch furchtbarer als alles, was sie heute erlebt hatten. Ein letztes Mal räusperte sich der Beamte, bis er schließlich einsah, dass er irgendwann die Wahrheit erzählen musste. Ihre Blicke trafen sich kurz und in den Augen des Rigellianers zeigte sich eine Anteilnahme, die man üblicherweise nur in einem speziellen Fall antraf. Fast schon zerriss es Matt vor Neugierde, dann erklärte Detective Jol schließlich:
    „Mr. Price, es ist leider meine traurige Aufgabe Ihnen mitzuteilen, dass heute Ihre Mutter Birgit tot in ihrer Wohnung aufgefunden worden ist.“
    Die ganze Welt um Matthew herum schien in sich zusammenzufallen. Alles drehte sich, dem Halbbetazoiden fiel es schwer nur einen klaren Gedanken zu fassen. Irgendwann, der erste Offizier wusste nicht, wie lange es gedauert hatte, fing er sich wieder und stammelte:
    „Wie…wie?“
    Dem Detective war deutlich das Unbehagen anzusehen, welches er beim Übermitteln dieser Nachricht empfand. Nicht zum ersten Mal hatte er dies tun müssen und es wurde einfach nicht leichter.
    „Eine Nachbarin hat uns alarmiert“ erklärte der Polizist, „nachdem sie mehrfach versucht hatte ihre Mutter zu erreichen. Nachdem sie keine Antwort von ihr erhalten hatte, brach sie die Tür auf und fand ihre Mutter leblos am Boden liegen.“
    Price versuchte sich das Bild, welches im geschildert wurde, vorzustellen, jedoch war diese ganze Situation viel zu abwegig, als dass er sie sich im Geiste ausmalen konnte.
    „Haben Sie schon eine Spur, wer für diese Tat verantwortlich sein könnte?“
    „Mr. Price… ich weiß, es wird schwer für Sie sein dies zu akzeptieren, aber ihre Mutter hat Selbstmord begangen!“
    „Selbstmord?“
    Wieder begann sich die Welt um den Commander zu drehen. In der Tat konnte er nicht glauben, was er da eben gehört hatte.
    „Ihre Mutter Birgit hat sich die Pulsadern aufgeschnitten. Sie verblutete in ihrer eigenen Wohnung.“
    Die restlichen Worte des Polizisten gingen in den Ohren des ersten Offiziers unter. Detective Jol sprach von Ergründen der Selbstmordumstände, von Ermittlungen, doch für Price waren dies alles nur schale Worte.
    Seine Mutter war tot.

    Seine Mutter, der Mensch, der ihn großgezogen hatte, war tot. Einfach so von der Welt gegangen, von einem Moment auf den anderen. Natürlich war Matt im Laufe seines Berufes desöfteren mit dem Tod konfrontiert worden und diese Erlebnisse waren ihm immer wieder nahe gegangen.
    Doch nun seine eigene Mutter verloren zu haben, war ein furchtbares Gefühl, welches er niemals beschreiben konnte. Erfolglos versuchte Price seine Tränen zurückzuhalten, doch er konnte nicht. Er, der oftmals so cool und gelassen wirkte, weinte bitterlich über diesen grauenvollen Verlust. Wie sollte er sich nur jemals an diesen Verlust gewöhnen? Konnte man dies überhaupt jemals?
    Erst vor einem knappen Jahr hatte er seinen leiblichen Vater kennen gelernt oder besser gesagt ihn wieder gefunden. Dafür hatte er nun seine geliebte Mutter verloren. Im ersten Moment hatte er Arsani Parul die Schuld am Tod Birgits gegeben. Immerhin hatte seine Mutter niemals aufgehört den ehemaligen Sonderbotschafter der Föderation zu lieben. Zwar hatte sie dies niemals zugegeben, doch Matt hatte dies spüren können. Was für Parul eine Affäre gewesen war, hatte für seine Mutter die große Liebe dargestellt. Eine Liebe, die von Beginn an zum Scheitern verurteilt gewesen war, denn Arsani Parul war schon verheiratet gewesen. Nach Bekannt werden dieser Affäre hatte der Betazoid Parul alles verloren: seine Familie, seinen Beruf, seinen Ruf und nun auch seine Geliebte. Nun erst bemerkte Matt endgültig, wie unfair seine Ablehnung gegenüber seinem Vater war. Er hatte ihm die Schuld für den Selbstmord seiner Mutter gegeben. Möglicherweise war dies auch so, aber Parul litt genauso sehr wie sein Sohn. Im Moment litten beide Männer bitterlich. In diesem Moment brachten gegenseitige Schuldzuweisungen nichts; was sie nun brauchten, war ihre gegenseitige Unterstützung. Genau aus diesem Grund wählte Matt Price die Nummer von Arsani Paruls Hotelzimmer. Er wollte mit ihm sprechen, hier und jetzt.
    Doch der Verbindungsaufbau dauerte. Der Commander blickte auf den Bildschirm und wartete darauf, dass das Gesicht seines Vaters erschien. Doch niemand antwortete.
    Price wartete.
    Eine Minute. Zwei Minuten. Die dritte Minute brach an.
    Dann begann sich der Halbbetazoid Sorgen zu machen und Angst erfasste ihn. Es war eine irrationale Panik, die er nicht so recht erklären konnte. Aus irgendeinem Grund machte er sich auf einmal Sorgen, dass sein Vater gar nicht mehr ran gehen würde. Dass er ebenfalls sein Leben aus Frust beendet hatte!
    Mit zittrigen Händen betätigte Matthew die Rufwiederholungstaste, wieder und wieder. Nun erst wurde Price gänzlich bewusst, wie niedergeschlagen der ehemalige Botschafter bei ihrem letzten Gespräch gewesen war. Price hatte sich so sehr auf seinen eigenen Schmerz konzentriert, dass er die Warnzeichen gar nicht erkannt hatte. Hatte Parul etwa auch seinem Leben ein Ende gesetzt? Hatte er keinen Sinn mehr in seiner Existenz gesehen, nachdem er nun alles verloren hatte?
    Dann endlich verschwand die Schwärze des Bildschirms und Price fürchtete, dass nun abermals die Polizei am anderen Ende der Leitung erschien, um ihm erneut eine grauenvolle Nachricht zu überbringen. Doch dem war nicht so. Statt eines Unbekannten blickte er in die traurige Miene seines Vaters.
    „Matt!“ frohlockte Parul und sein Gesicht hellte sich merklich auf.
    „Gott sei Dank!“ entgegnete der Commander und tausend Steine schienen ihm vom Herzen zu fallen. „Ich dachte schon….es dauerte so lange…“
    Price brauchte nichts Weiteres zu sagen, denn beide Männer verstanden. Es war eine Ironie des Universums, dass in diesem Moment der Trauer die beiden Männer eine Vertrautheit empfanden, die sie so lange vermisst hatten. Endlich waren sie Vater und Sohn.
    „Nein, es ist alles in Ordnung. Mir geht es gut,“ beruhigte Parul seinen unehelich geborenen Sohn. „Was kann ich für dich tun?“
    „Ich möchte vorbeikommen…nach Rigel.“
    Damit hatte Price alles gesagt. Sein Vater nickte verstehend und schien sich trotz der überwältigenden Trauer sogar zu freuen. Sie würden also gemeinsam die Bestattung von Birgit Price durchführen und so dieser Frau die letzte Ehre erweisen. Möglicherweise würde sich dabei auch die Gelegenheit bieten einige Dinge zu klären. Endlich eine Familie sein.
    „Ich freue mich darauf,“ erklärte Parul und Price lächelte dieses Mal. Zwar brannten die Tränen, die er immer noch vergoss, heiß in seinem Gesicht, aber er sah auch Hoffnung am Horizont. Das Leben würde weitergehen. Es musste weitergehen.

    Nachdem die Krisen bewältigt worden waren, hatte Arena Tellom endlich die Möglichkeit ihren Mann ein weiteres Mal im Sternenflottenkrankenhaus zu besuchen. Die Terellianerin hatte sich sofort nach der Rückkehr vergewissert, dass keine weiteren Aufgaben mehr anstanden und sich dann nach San Francisco begeben. Eigentlich hatte sie ihn erst vor wenigen Stunden das letzte Mal gesehen, doch in jener Zeit war unglaublich viel geschehen. Nur mit Mühe hatte sie sich während ihres Aufenthalts im Spiegeluniversum konzentrieren können. Immer wieder waren ihre Gedanken zu Ardev abgedriftet, der schwer verletzt im Krankenhaus lag.
    Als sie endlich sein Zimmer betrat, in dem er aus Sicherheitsgründen alleine lag, blickte er aus müden Augen zu ihr auf. Fast sein ganzer Körper war bandagiert, um die erlittenen Verbrennungen zu mildern. Vor Jahrhunderten wäre sein Körper für den Rest seines Lebens entstellt gewesen, doch dank der Medizin des 24. Jahrhunderts würde es nur wenige Wochen bis zu seiner Rekonvaleszenz dauern. Bis dahin würde Arena nicht mehr von seiner Seite weichen. Sie wollte zum schnellstmöglichen Moment Urlaub einreichen und dann nur noch ihren andorianischen Ehemann bei seiner Heilung unterstützen.
    „Hey,“ begrüßte Ardev seine Frau mit schwacher Stimme, als er sie im Eingang erkannte. Er war noch etwas benebelt von den Anästhetika, die man ihm zur Schmerzlinderung gegeben hatte.
    „Hallo du,“ erwiderte Arena die Begrüßung, schnappte sich einen Stuhl und setzte sich neben sein Bett.
    Lieutenant Ardev brachte ein schwaches Lächeln zustande, hustete und murmelte dann:
    „Schön, dass du wieder da bist. Es war langweilig gewesen, ohne dich.“
    Arena konnte nicht anders, als über diese Aussage zu schmunzeln und nur mit Mühe konnte sie ihre Tränen unterdrücken. Da lag ihr Mann, der nur mit viel Glück dem Tod entronnen war, vollkommen in Bandagen gehüllt und sprach von Langeweile. Es waren diese winzigen Momente, die sie einmal mehr daran erinnerten, wieso sie ihn liebte.
    „Jetzt bin ich ja wieder da!“ flüsterte die Terellianerin und drückte seine blaue Hand.
    „Was habt ihr erlebt?“
    „Nicht besonderes,“ winkte Tellom an. Derzeit wollte sie nicht über die Zeit im Spiegeluniversum reden. Im Moment hatte sie nur das Bedürfnis in seiner Nähe zu sein. Schließlich rückte sie dennoch mit einer wichtigen Information heraus. „Danny ist wieder da.“
    Für einen kurzen Moment zögerte der Andorianer, so als hätte er vergessen, wer Danny Bird war. Dann schien er sich zu erinnern und lächelte einmal mehr.
    „Das ist schön.“
    Zu wissen, dass sein bester Freund wohlbehalten wieder zurück war, freute ihn ungemein. Leider konnte er diese Empfindungen derzeit nicht allzu deutlich zeigen. Aber irgendwann würde er in der Lage sein Danny in den Arm zu schließen.
    Mehr sagten die beiden Ehepartner nicht; brauchten sie auch gar nicht. Es war die große Liebe zwischen den beiden Offizieren. Sie brauchten keine unnötigen Worte zu verlieren, um sich gegenseitig Beistand zu geben. Jeder war für den anderen da und dies machte die Ehe zwischen diesen Angehörigen zweier so unterschiedlicher Völker so einzigartig. Mit jedem Tag liebten sich die beiden Lieutenants mehr und mehr. Diese Ehe, dies schoss sowohl Ardev als auch Arena in diesem Moment, war ein Geschenk. Egal welche Probleme sie in der Vergangenheit gehabt haben mochten, welche (wenigen) kleinlichen Streitereien sie gehabt haben mochten, beide waren füreinander bestimmt. Bis ans Ende ihres Lebens.
    my immortal
    I’m so tired of being here
    suppressed by all of my childish fears
    and if you have to leave
    I wish that you would just leave
    because your presence still lingers here
    and it won't leave me alone

    these wounds won't seem to heal
    this pain is just too real
    there's just too much that time cannot erase

    when you cried I’d wipe away all of your tears
    when you'd scream I’d fight away all of your fears
    and I’ve held your hand through all of these years
    but you still have all of me

    you used to captivate me
    by your resonating light
    but now I’m bound by the life you left behind
    your face it haunts my once pleasant dreams
    your voice it chased away all the sanity in me

    these wounds won't seem to heal
    this pain is just too real
    there's just too much that time cannot erase

    when you cried I’d wipe away all of your tears
    when you'd scream I’d fight away all of your fears
    and I’ve held your hand through all of these years
    but you still have all of me

    I’ve tried so hard to tell myself that you're gone
    and though you're still with me
    I’ve been alone all along


    Jozarnay Woil hielt sich aufrecht, so gut er konnte. Er stolperte durch die dunklen Korridore. Die Energie des romulanischen Schiffes war ausgefallen. Somit auch die Energie für das ihn festhaltende Kraftfeld um das Biobett auf der Krankenstation. Diese Chance konnte er nicht ungenutzt lassen.
    Immer wieder musste der Antosianer einigen Crewmitgliedern ausweichen. Zumeist reichte es, wenn er sich in einigen dunklen Winkeln versteckte. Disruptorblitze zuckten hier und da durch das Schiff. Ihn wunderte nur, dass es Romulaner waren. Sie bekämpften sich gegenseitig!
    Schnell setzte er seine Hoffnungen auf diesen Umstand. Vielleicht war er der lachende Dritte dieser Situation.
    Die Luft roch muffig, abgestanden. Schreie erfüllten die Luft, verbranntes Fleisch und Tod kamen hinzu. Das Schiff wurde von Einschlägen erschüttert. Anscheinend musste sich der Kommandant dann nicht nur mit Rebellen innerhalb seines Schiffes auseinandersetzen, nein, Hilfe kam somit auch von außen. Doch die Kommandofrage interessierte Jozarnay Woil herzlich wenig. Er beließ es bei einer Suche nach einem Fluchtweg.
    Ziellos lief er umher. Sollte er versuchen, sich ein Shuttle zu schnappen? Dazu musste er die Shuttlerampe finden. Wie nur auf einem ihm unbekannten Raumschiff? Er konnte ja nicht mal den Computer benutzen ohne sich zu verraten. Mal davon abgesehen, dass der Computer aufgrund der Schäden wohl nicht funktionierte. Also hieß es für ihn sich auf sein Wissen und seine Spürnase zu verlassen.
    Schritte... sie näherten sich schnell. Woil sah sich um. Es war keine Ecke, kein Versteck zu sehen. Also wandte er sich an die Tür zu seiner Rechten. Zum Glück bot die romulanische Architektur genügend Möglichkeiten Türen auch ohne Kraftanstrengungen oder irgendwelche Geräte zu öffnen.
    Gerade als die Romulaner um die Ecke des Korridors kamen – und dabei auf einige Romulaner hinter ihnen feuerten – huschte Woil in den Raum und die Tür fiel hinter ihm zu. Die Ruhe hier drin überraschte ihn. Überall sonst war es keine Sekunde lang ruhig gewesen. Doch hier drin schien man in einer eigenen Welt zu sein.
    Und obwohl diesen Raum noch nie betreten, geschweige denn von ihm gewusst hatte, erkannte er ihn sofort. Es war der Raum neben dem Verhörraum. Und dieser war durch eine große Scheibe zu sehen. Und in diesem Raum saß Ke’ler. Festgekettet auf dem Stuhl, auf dem er vor noch nicht allzu langer Zeit gesessen hatte.
    Woil taumelte erschrocken zurück, bis er an die Rückwand des kleinen Nebenraumes stieß. Und trotz der vielen qualvollen Stunden, die er in diesem Raum verbringen musste, schaffte er es nicht, den Blick von Ke’ler abzuwenden. Sie bekam offensichtlich nicht mit, was im Moment auf dem Schiff geschah. Abgesehen von den vielen Erschütterungen, die natürlich auch hier zu spüren waren.
    Ke’ler schrie etwas. Hier drin war es jedoch nicht zu hören, so gut war dieser Raum isoliert. Und Woil tat etwas, was er nie für möglich gehalten hatte. Er betrat den Verhörraum – völlig freiwillig.
    Die Tal Shiar Agentin Ke’ler bemerkte natürlich sofort, dass jemand den Raum betreten hatte. Sie hörte die zögerlichen Schritte und das leise Atmen.
    „Sind Sie das... T’Nol? Wieso so... ängstlich?“, fragte sie mit soviel Verachtung, wie es ihr gebrochener Körper zuließ.
    Woil erschrak. Ke’ler sah grauenhaft aus. Mit ihr war man nicht so „gut“ umgegangen wie mit ihm. „Was hat man mit Ihnen gemacht?“
    „Woil?“, verwundert versuchte sie den Antosianer im Dunkel des Raumes auszumachen. Der Raum war nun noch dunkler. Denn die ansonsten sehr helle Lampe war ausgefallen und ein grünes Notlicht ersetzte es.
    Der Angesprochene kam näher und nun konnte auch Ke’ler ihn sehen. „Was machen... Sie hier?“
    „Die Crew bekämpft sich gegenseitig und das Schiff wird angegriffen.“
    Ke’ler lachte. „Wissen Sie... dass das... die erste... Frage ist... die Sie mir... beantworten?“
    Leicht beschämt blickte Woil zu Boden, natürlich hatte er keinen Grund dazu, doch er tat es trotzdem. Denn gerade stachen seine Kopfschmerzen erneut zu. Er musste mehrere Male kräftig durchatmen, bis sie wenigstens ein wenig abklangen.
    „Ich muss los“, sagte er
    „Sie... sterben.“
    Jozarnay blieb stehen. „Ich weiß“, antwortete er nüchtern. „Ich bin schon tot.“
    „Ihre Sucht... wird Sie... dahin raffen.“
    „Ich weiß.“
    „Ich kann... helfen.“
    Woil drehte sich nun doch um und sah in Ke’lers Augen? Konnte er ihr trauen? Konnte sie ihm wirklich helfen?
    Ihr Körper war aufs übelste zugerichtet. Er würde sich revanchieren müssen? Wollte sie mit ihm mitkommen? „Wie?“
    „Ketracel Blau... so gut wie... Weiß. In meinem... Quartier“, antwortete sie bereitwillig.
    „Wo ist das? Ihr Quartier?“
    Ke’ler deutete auf ihre Fesseln. „Befreien... Sie mich.“
    „Wieso sollte ich Ihnen vertrauen? Wieso sollte ich Sie befreien?“ Den Antosianer war kurz davor den Raum zu verlassen. Er verschwendete hier doch nur seine Zeit. Doch seine Sucht hielt ihn an Ort und Stelle.
    „Die Shuttles... sind ein... Deck tiefer. Zwei Sektionen... in diese... Richtung“, Ke’ler legte ihren Kopf in eine bestimmte Richtung, um ihre Aussage zu bekräftigen.
    Nun stellte sich die interessanteste Frage für Woil. War diese Antwort ein Vertrauensbeweis? Oder doch nur eine Lüge und Ausrede, damit sie fliehen konnte?
    Dies konnte keine Kopfentscheidung werden. Sein Kopf war im Moment eh nur da, damit es nicht in ihn hineinregnete. Die Schmerzen steigerten sich jede Sekunde. Also, musste Woil auf seinen Bauch horchen. Und dieser hatte die Entscheidung längst getroffen.

    Immer noch war Danny Bird nicht von der Seite seiner sich inzwischen in Gefangenschaft befindenden Freundin befunden. Dr. Frasier untersuchte sie weiterhin gründlich, wollte auf besonderen Wunsch Dannys jedwede mögliche Krankheit oder Verletzung ausschließen. Die Chefärztin erfüllte ihm diesen Wunsch einer so intensiven Untersuchung ohne zu Murren. Nicht nur, weil der Lieutenant ein Freund war, sondern auch, weil Elisabeth die bedingungslose Liebe des taktischen Offiziers erkennen konnte. Natürlich war sie etwas irritiert über diese Verbindung, doch es war nicht an ihr zu urteilen. Wer konnte denn auch nur erahnen, was Danny in den letzten drei Monaten durchgemacht hatte? Wahrscheinlich hatte er sich allein gefühlt und verlassen. Diese Frau, auch wenn sie eine Terroristin war, hatte wahrscheinlich seinen einzigen Halt bei diesem gefährlichen Einsatz dargestellt.
    Für einen winzigen Moment erinnerte sich die Ärztin an einen Moment vor zwei Jahren zurück, als sie gemeinsam mit dem Lieutenant auf einer Mission gewesen war. Damals hatten sie sich als Ehepaar ausgeben müssen und in einem stillen Moment hatte Bird ihr quasi seine Liebe gestanden. Zu jenem Zeitpunkt war Elisabeth völlig konsterniert gewesen. Nicht nur, weil sie schon zu diesem Zeitpunkt Commander Price geliebt hatte, sondern auch weil dieses Geständnis völlig unerwartet gewesen war. Nur mit großem Schmerz hatte sie Danny erwidern können, dass sie seine Gefühle nicht erwiderte. Manchmal, in stillen Momenten, hatte sie deswegen so etwas wie ein schlechtes Gewissen gehabt.
    Vorsichtig trat sie an Danny heran und sagte:
    „Kann ich Sie einen Moment sprechen, Lieutenant?“
    Der taktische Offizier nickte fast schon geistesabwesend, drückte Janine die Hand und ging
    dann zu der Ärztin.
    „Ich habe, wie du es dir gewünscht hast, sie ein zweites Mal von oben bis unten untersucht,“ erklärte die Bordärztin mit müder Stimme. „Auch dieses Mal gilt: weder ihr noch dem Kind fehlt etwas. Du brauchst dir keine Sorgen zu machen.“
    „Danke für deine Bemühungen,“ antwortete Danny und nahm auch weiterhin nicht seine Augen von der jungen Frau.
    Für wenige Minuten schwiegen die beiden Menschen, dann fragte Elisabeth:
    „Wie stellst du dir das vor?“
    „Was meinst du?“ war die Gegenfrage Birds.
    „Das Kind groß zu ziehen…für sie beide da zu sein.“
    „Ich werde die Sternenflotte verlassen.“
    Die Aussage kam einem Schock gleich. Ungläubig blinzelte Frasier zwei Mal und brauchte einen Moment, um diese Information zu verarbeiten.
    „Das kann nicht dein ernst sein.“
    „Doch, das ist es,“ flüsterte Danny fast schon trotzig und sein Tonfall ließ erkennen, dass er seine Entscheidung längst getroffen hatte. „Ich werde die Sternenflotte schnellstmöglich verlassen.“
    „Wegen ihr?“
    Nun endlich blickte Danny zum ersten Mal die Ärztin direkt an. Trotz der deutlich erkennbaren Müdigkeit in seinen Augen erkannte sie eine Sicherheit und Zuversicht, die sie in diesem Moment nicht bei dem Lieutenant erwartet hätte.
    „Nicht nur…aber auch,“ gestand Lieutenant Bird wehmütig. „Drei Monate war ich weg. In ständiger Gefahr und Angst. Wofür?“
    „Ohne dich hätten wir niemals den heutigen Anschlag vereiteln können. Du bist ein Held,“ versuchte Elisabeth ihn aufzumuntern, doch dies gelang ihr nur leidlich.
    „Ich mag Orden kriegen, Belobigungen oder irgendetwas anderes. Aber mein Leben werde ich nie zurückerhalten…wenn ich überhaupt jemals eines gehabt habe.“
    In den Worten Dannys lag eine Schwermut, die Elisabeth so bei ihm noch nie gesehen hatte. Dabei schien er jedes einzelne Wort, was er sagte, Ernst zu meinen. Dachte er erst seit den vergangenen drei Monaten so oder hatte er schon seit längerem diese Empfindungen? Früher hatte sie nie dieses Verhalten bei ihm beobachtet.
    „Du solltest nicht überstürzt handeln,“ riet sie Danny. „Möglicherweise bist du einfach nur ausgebrannt.“
    „Ich weiß, was mit mir los ist…ich möchte ein Leben.“
    „Der Sternenflottengeheimdienst wird dich niemals gehen lassen.“
    „Chief Woil durfte auch.“
    „Der war aber nicht in dem Maße an Geheimoperationen beteiligt wie du,“ erklärte die Ärztin fast schon verzweifelt. „Überleg doch nur, was du in den vergangenen Jahren getan hast. Wenn dich eine fremde Macht in die Hände kriegen würde…“
    Irgendwie bemerkte Elisabeth, wie sie immer mehr nach Gründen suchte, um Danny zum Bleiben zu überreden. Doch wieso tat sie dies? Möglicherweise hatte auch sie in den vergangenen Monaten, in denen er nicht da gewesen ist, bemerkt, wie sehr er auch ihr gefehlt hatte. Der Gedanke, dass er nun für immer gehen wollte, behagte ihr nicht. Er zu sehr Bestandteil dieser Crew, um nun einfach so gehen zu dürfen.
    „Ich habe der Sternenflotte mein Leben geopfert,“ meinte Danny nachdenklich und schien sich seine Gedanken von der Seele reden zu wollen. „Freunde, Familie, ein eigenes Privatleben, all das habe ich zurückgestellt. Nun erwartet eine Frau, von der ich weiß sie ist eine Terroristin, mein Kind und ich frage mich, wie nun meine Prioritäten im Leben gesetzt werden sollen.“
    „Du bist ein guter Mensch, Danny!“
    „Gute Menschen werden nicht wahrgenommen,“ murmelte Bird traurig.
    Elisabeth öffnete den Mund, wollte noch etwas sagen. Diese schwermütigen Empfindungen kannte sie gar nicht von dem taktischen Offizier. Scheinbar waren die letzten Monate noch härter gewesen, als es sich irgendjemand ausmalen konnte. Sie wollte noch etwas sagen, kam jedoch nicht dazu, denn Fähnrich Kensington betrat die Krankenstation der Monitor. Die Stellvertreterin des Lieutenants warf einen geringschätzigen Blick zu Janine Talley, erspähte dann Bird und trat auf ihn zu. Die ganze Zeit über hatten Elisabeth und Danny miteinander geflüstert und so wirkte die nun mit normaler Zimmerlautstärke sprechende Kensington so, als würde sie brüllen:
    „Ist die Gefangene bei guter Gesundheit?“
    „Die Gefangene hat einen Namen,“ raunte Danny und warf der Frau, die er damals eigenhändig als seine Vertreterin ausgesucht hatte, einen zornigen Blick zu.
    „Ihr fehlt nichts,“ erklärte Dr. Frasier und versuchte mit ihrer ruhigen Stimme die Situation etwas zu entschärfen, was ihr jedoch nur leidlich gelang.
    „Dann werde ich sie nun mitnehmen!“ erklärte Fähnrich Kensington mit einer Selbstsicherheit, die fast schon an Überheblichkeit grenzte.
    „Nein, das werden Sie nicht,“ widersprach Danny ihr, nutzte dabei nun jedoch einen deutlich kühleren Tonfall. „Sie ist noch nicht in der Verfassung, um transportiert zu werden.“
    Samira Kensington schaute kurz zu der Bordärztin, die betreten zu Boden blickte. Für den Fähnrich war dies Antwort genug.
    „Dr. Frasier und ich sehen dies aber anders,” erklärte Kensington. „Ich werde nun Janine Talley der terranischen Bundespolizei übergeben, wo man sie schnellstmöglich ihrer Verbrechen anklagen wird.“
    „Sie werden gar nichts machen, Fähnrich,“ erklärte Danny Bird grollend. „Das ist ein Befehl.“
    „Die Order kommt direkt vom Oberkommando. Sie können mir also gar nichts gegenteiliges befehlen, Lieutenant,“ entgegnete Kensington und für einen Sekundenbruchteil meinte Danny in ihrer Stimme so etwas wie Befriedigung zu hören. Es war nichts, was er so richtig belegen konnte, mehr ein Gefühl. Doch dieses reichte ihm.
    Blitzschnell stieß der Lieutenant vor und verpasste dem Fähnrich einen gezielten Schlag, der sie taumeln ließ. Zwar wollte er zu einem weiteren Hieb ansetzen, doch zu seinem Entsetzen wurde er ausgerechnet von Elisabeth Frasier zurückgehalten. Sie packte ihn an den Armen und trotz seiner rudernden Bewegungen konnte er sich nicht von ihr losreißen.
    Langsam fing sich Fähnrich Kensington wieder, fuhr sich mit der Hand durch das Gesicht und stellte erleichtert fest, dass weder etwas gebrochen war, noch das sie blutete.
    „Scheinbar verstehe ich nun,“ raunte Kensington verächtlich, „wieso Sie sich so gut unter die Talleys mischen konnten.“
    Im Anschluss gab sie dem Sicherheitsmann, der sich bisher ruhig in der Krankenstation aufgehalten hatte, ein Zeichen und dieser legte Janine Handfesseln an. Die Freundin Dannys ließ es einfach geschehen, übernahm gar nicht den Versuch sich zu wehren. Am heutigen Tage hatte sie alles verloren. Ihren Ideale, ihre Freiheit und nicht zuletzt ihren Vater.
    Schließlich schaffte Danny sich loszureißen und gab Janine einen letzten Kuss, bevor man sie in den Transporterraum brachte. Nur zu gerne hätten sich die beiden Liebenden etwas gesagt, doch ihnen fielen keine passenden Worte für einen solchen Moment ein. Gab es überhaupt welche?
    Noch lange starrte Danny auf das Schott, welches Janine verschluckt hatte wie ein gewaltiges Ungeheuer. Der junge Mensch schwor sich seine Freundin nicht aufzugeben. Er würde für sie und ihr gemeinsames Kind da sein. Koste es, was es wolle!

    Did I disappoint you or let you down?
    Should I be feeling guilty or let the judges frown?
    'Cause I saw the end before we'd begun,
    Yes I saw you were blinded and I knew I had won.
    So I took what's mine by eternal right.
    Took your soul out into the night.
    It may be over but it won't stop there,
    I am here for you if you'd only care.
    You touched my heart you touched my soul.
    You changed my life and all my goals.
    And love is blind and that I knew when,
    My heart was blinded by you.
    I've kissed your lips and held your head.
    Shared your dreams and shared your bed.
    I know you well, I know your smell.
    I've been addicted to you.

    Goodbye my lover.
    Goodbye my friend.
    You have been the one.
    You have been the one for me.

    I am a dreamer but when I wake,
    You can't break my spirit - it's my dreams you take.
    And as you move on, remember me,
    Remember us and all we used to be
    I've seen you cry, I've seen you smile.
    I've watched you sleeping for a while.
    I'd be the father of your child.
    I'd spend a lifetime with you.
    I know your fears and you know mine.
    We've had our doubts but now we're fine,
    And I love you, I swear that's true.
    I cannot live without you.

    Goodbye my lover.
    Goodbye my friend.
    You have been the one.
    You have been the one for me.

    And I still hold your hand in mine.
    In mine when I'm asleep.
    And I will bear my soul in time,
    When I'm kneeling at your feet.
    Goodbye my lover.
    Goodbye my friend.
    You have been the one.
    You have been the one for me.
    I'm so hollow, baby, I'm so hollow.
    I'm so, I'm so, I'm so hollow.


    Die Brücke war ein Trümmerhaufen. Und der König des Trümmerhaufens, T’Nol, stand in der Mitte und bediente die taktische Konsole. Feuer stoben aus einigen Lecks, Rauch und Gas verminderte die Sicht so sehr, dass T’Nol nicht einmal mehr die Steuerfrau sehen konnte, geschweige denn den Hauptbildschirm. Was ihnen auch nichts ausmachte, da dieser schon von der ersten Salve zerstört worden war, mussten sich die beiden einzigen Überlebenden schon seit geraumer Zeit auf die Sensordaten und ihr Gespür verlassen.
    T’Nol hatte seine Karriere als Sicherheitschef begonnen. Seine schnellen Beförderungen errang er aufgrund seiner hervorragenden Taktiken. Im Dominion Krieg hatte er sich zweier imperialer Tapferkeitsorden verdient gemacht. Soviel waren seit einem Jahrhundert keinem Offizier mehr zugestanden worden. In der letzten Stunde kam er jedoch an seine Grenzen. Die Kommandantur eines Schiffes verlangte von ihm Fähigkeiten ab, die er nicht besaß. Führung lag ihm nie. Torpedos und Disruptoren waren leicht zu befehligen. Die gehorchten auf einen simplen Tastendruck.
    Eine Crew hingegen bedurfte einer totalen Hingabe, einer 27-stündigen Vollverpflegung durch den Kapitän.
    Vor einem Jahr war er Telks Ruf gefolgt. Das Imperium hatte T’Nol etwas vernachlässigt. Nach dem Eingeständnis der romulanischen Regierung, den Krieg gegen Talar aufgrund gefälschter Informationen geführt zu haben, waren Krieger wie er nicht mehr in Mode. Diplomatie hieß das Stichwort. Ein Prätor, der nur seinen Pflichtdienst in der Flotte geleistet hatte, übernahm die Kontrolle der Regierung. Nur die älteren Mitbürger konnten sich an einen Prätor erinnern, der ähnlich wenig Erfahrung im Militärdienst gesammelt hatte. Ein Skandal!
    T’Nol hatte die Zeichen der Zeit erkannt. Also, entschloss er sich, Führungsaufgaben wahr zu nehmen. Hier, unter Telks Kommando hoffte er, die so genannten Soft Skills zu entwickeln, die mehr Macht versprachen.
    Doch diese Hoffnungen starben mit Telk.
    Das Schiff stand am Rande der Zerstörung, aufgrund seiner Schwächen.
    Dass das Schiff noch nicht zerstört war, eine Leistung T’Nols persönlicher taktischer Überlegenheit.
    Doch die Zerstörung war unausweichlich. Denn das Sternenflottenschiff glänzte noch und feuerte unablässig.
    Eine weitere Salve traf das Schiff. Eine Explosion direkt auf der Brücke riss T’Nol den Boden unter den Füßen weg. Er wurde an die nahe Wand geschleudert. Er spürte einige Knochen brechen und sank dabei auf den Boden zurück.
    Er sah eine große Platzwunde an seinem Arm. Blut quoll heraus. Viel Blut.
    Vor seinen Augen verschwammen die Umrisse und Konturen.
    Stille kehrte ein, das Sternenflottenschiff feuerte nicht mehr.
    „Sie haben uns... geentert.“
    T’Nol sah Ke’ler. Sie kam näher. Sie, die ihn – den doppelten Tapferkeitsordenträger – beschuldigt hatte, nichts über das Imperium zu wissen. Sie, die Telk getötet hatte, seinen Mentor. Sie, die diese Mission verkompliziert hatte, das Schiff und diese Crew auf dem Gewissen haben würde.
    „Das ist alles Ihre Schuld!“, zischte T’Nol wie eine Kobra.
    „Oh... nein“, antwortete Ke’ler leise, sammelte ihre Kräfte und rammte ihm ihre Hand entgegen.
    Vollkommen perplex sah T’Nol dieser Bewegung nach und fand in ihrer Hand ein großes Trümmerstück, das nun in seiner Brust steckte. Sie hatte gut gezielt. Er spürte das. Mit dem flachen Metallstück hatte sie den Raum zwischen zweier Rippen genau getroffen, hatte genau die richtige Stelle über seinem Herzen anvisiert und die Aorta durchtrennt.
    Sein Tod trat nicht auf der Stelle ein. Es würde einige Zeit dauern. Er würde miterleben, wie ihm die Kräfte versagen würden und voller Schmerzen sein, bis sein Gehirn aufgrund des Sauerstoffmangels erstickte.
    T’Nol musste Ke’ler ein Kompliment machen. Sie hatte gewonnen und sie hatte ihm die Schmerzen heimgezahlt, die er ihr zugefügt hatte.
    Ke’ler gab noch einige Befehle in die Konsolen ein und verließ die Brücke.
    Den sterbenden T’Nol würdigte sie keines Blickes. Er fand alleine sein Ende.

    Nachdem er mit seinem Vater gesprochen hatte, hatte Commander Price alles für seine Abreise vorbereitet. Innerhalb weniger Minuten war seine Tasche zusammengepackt und der Urlaubsantrag an den Captain abgeschickt. Sorgen hatte er sich kurzzeitig um Elisabeth gemacht. Würde sie seinen Wunsch der Abreise verstehen oder sich quer stellen?
    Matt war auf die Krankenstation gegangen, kurz nachdem Janine Talley unter wütenden Protesten von Danny Bird zum Transporterraum gebracht worden war. Schließlich hatte sich der taktische Offizier dazu entschlossen seine Freundin zu begleiten und so befand sich nur noch Price mit Frasier auf der Krankenstation. Für einen kurzen Moment zweifelte der Halbbetazoid daran, ob nun überhaupt der richtige Zeitpunkt für dieses Gespräch sei. Dann sah der erste Offizier ein, dass es wohl niemals die richtige Gelegenheit dafür gäbe.
    „Hast du einen Moment Zeit?“ fragte Price und streichelte seine Freundin behutsam am Oberarm.
    „Jetzt ja,“ entgegnete die Ärztin und blickte ihn aus müden Augen an.
    War es wirklich schon fast 24 Stunden her, dass sie beide bei einem gemütlichen Abendessen gesessen und sich ihre gegenseitige Liebe bezeugt hatten? So viel war inzwischen geschehen. Vieles würden beide am liebsten schnellstmöglich vergessen, doch so einfach machte es ihnen das Leben nicht. Von nun an mussten sie mit den heutigen Ereignissen und deren Konsequenzen leben.
    „Ich werde nun nach Rigel fliegen,“ erklärte Price direkt. „Mein Schiff wird schon in zwei Stunden aufbrechen. Der Captain hat meinem Urlaubsgesuch stattgegeben. Bitte versteh, dass ich dich nicht mitnehmen kann.“
    Einige Sekunden lang musterte Elisabeth Frasier den Mann, den sie liebte, ohne etwas zu sagen. Price fürchtete Zorn oder Ablehnung bei ihr zu erkennen, doch stattdessen empfand sie Verständnis.
    „Es ist kein Problem,“ erklärte sie mit ruhiger Stimme.
    „Ich werde mich auf Rigel mit Arsani Parul treffen…“
    Mehr brauchte Price nicht zu sagen. Die Chefärztin wusste, dass diese Sache eine Angelegenheit zwischen Vater und Sohn war. So gerne sie ihrem Liebsten in dieser Situation Beistand geleistet hätte, so sehr wusste sie auch, dass er diese schwierige Reise alleine antreten musste. Es ging nicht nur darum seiner Mutter, die er über alles geliebt hatte, die letzte Ehre zu erweisen. In gewisser Weise konnte das Ende seiner Mutter einen Neuanfang für die Beziehung zwischen Matt und Arsani Parul darstellen. Daher drückte Elisabeth ihn, küsste Price ein letztes Mal zärtlich und ließ ihn dann ziehen.
    Der Halbbetazoid war dankbar dafür, eine so verständnisvolle Frau an seiner Seite zu haben. Auch wenn sie nun nicht mit ihm nach Rigel reiste, so würde sie immer bei ihm sein. Elisabeth hatte sogar freiwillig die Aufgabe übernommen Selina Kyle zu informieren und sich in der Zeit seiner Abwesenheit etwas um Yasmin zu kümmern. Es war also alles geregelt. Was nun noch fehlte, war sich von Captain Lewinski zu verabschieden. Matt betätigte den Türsummer zu dessen Bereitschaftsraum und unverzüglich wurde er hereingebeten. Der Captain brütete noch über einigen Berichten, die er zu verfassen hatte. Wie bei jedem anderen auch zeigten sich bei Lewinski deutlich die Spuren der Erschöpfung.
    Auch sie beide waren heute einen langen Weg gegangen. Nie zuvor hatten sie so intensiv zusammengearbeitet und auch niemals zuvor war ihre Freundschaft so nahe der Katastrophe gewesen. Nur zu deutlich erinnerte sich Price daran, was am heuten Morgen geschehen war:
    Alles deutete auf eine Eskalation der Situation hin. Fähnrich Kensington hatte den Finger schon über dem auslösenden Knopf und wollte diesen gerade betätigen, um so die gesamte todbringende Energie des Raumschiffs Monitor zu entfesseln. Doch sie kam nicht dazu.
    Wie ein Blitz schreckte Matt Price von seinen Navigationskontrollen hoch, wirbelte herum und richtete einen Phaser auf den taktischen Offizier. Die Waffe hatte er eben aus der versteckten Halterung hervorgeholt, welche sich für gewöhnlich an genau jenem Platz unter der Konsole befand. Jedoch war dieses Versteck für ganz andere Situationen angelegt worden als die Waffe auf die eigenen Leute zu richten.
    „Rühren Sie den Auslöser auf keinen Fall an,“ rief Matt Price und im Gegensatz zu sonst schien seine Stimme regelrecht zu zittern. Deutlich war ihm die Anspannung anzusehen, die diese Situation auslöste.
    Sowohl Captain Lewinski als auch Captain Kyle, die immer noch die Geschehenisse auf der Brücke der Monitor via Bildschirm mitverfolgen konnte, stockte der Atem.
    „Matt…,“ versuchte der Kommandant seinen ersten Offizier zu beruhigen, „du begehst gerade einen ganz großen Fehler.“
    „Nein, du tust es!“ Trotz der Angst in seiner Stimme war deutlich erkennbar, dass es dem Halbbetazoiden ernst war. „Ich werde nicht zulassen, dass du auf ein anderes Sternenflottenschiff feuerst. Schon gar nicht das, wo meine kleine Tochter an Bord ist.“
    Beschwichtigend hob John die Hände. Verdammt, die Zeit lief ihnen davon! Mit einer Meuterei seines ersten Offiziers hatte er beileibe nicht gerechnet. Natürlich waren seine Maßnahmen hart, vielleicht sogar extrem, doch John hatte auf die Loyalität aller seiner Besatzungsmitglieder gehofft. Eine Hoffnung, die wohl oder übel enttäuscht werden musste.
    „Bitte, Matt, die Zeit läuft uns davon!“
    „Denk doch mal nach, John! Es muss einen anderen Weg geben als diesen. Denk an Yasmin!“
    Die Community kam immer näher und würde ihr Schiff in wenigen Sekunden abgefangen haben. Im Geiste suchte John Lewinski nach einer Lösung, die er jedoch nicht fand.
    Fähnrich Kensington versuchte auf eigene Art und Weise die Situation zu lösen. Auch sie wollte nach dem Phaser greifen, welcher unter ihrer Konsole festgemacht war, überschätzte dabei jedoch ihre eigene Geschwindigkeit. Noch bevor sie ansatzweise in die Nähe der Strahlenwaffe gelangt war, schoss Price einen Phaserstrahl auf die junge Frau, die betäubt zusammenbrach. Wenn es überhaupt noch einen Zweifel an der Entschlossenheit des ersten Offiziers gab: dieser war nun ausgeräumt!
    „Ich denke die ganze Zeit über nur an Yasmin,“ versuchte John seinen Freund und Vertrauten zu beruhigen. „Die ganze Zeit über denke ich an all die Kinder, die wir versuchen zu retten. Wir dürfen auf keinen Fall zulassen, dass diese Biowaffe auf der Erde eingesetzt wird. Deswegen tue ich dies doch alles nur… der Kinder zuliebe!“
    Schmerz und Ratlosigkeit spiegelte sich in den Augen des Halbbetazoiden wieder, als er seine Handlungsalternativen durchging. Die Augen der gesamten Brückenbesatzung ruhten auf ihm und selbst seine Imzadi Selina Kyle konnte die gesamte Szennarie nur angespannt beobachten.
    Dann jedoch wurden sie erlöst. Nicht von der Einsicht des Commanders, sondern durch ein piepsendes Geräusch, welches von der Konsole Lieutenant Ardevs erklang. Schnell checkte der Andorianer die Anzeigen, warf einen prüfenden Blick zu dem hinter ihm stehenden Martin Lewinski und verkündete dann aufgeregt:
    „Wir haben den Aufenthaltsort der Biowaffe ausfindig machen können!“
    Aufgeregt wirbelte der Kopf John Lewinskis herum und er fragte:
    „Wie exakt sind die Daten?“
    „Bis auf den Meter genau, Captain! Wir haben die Schweinehunde!“
    Ohne seinen ersten Offizier weiter zu würdigen blickte der Kommandant der Monitor zum Wandschirm und hoffte in diesem Moment instinktiv auf die Einsicht der anderen Kommandantin. Hoffentlich erkannte sie in dieser Sache dieselbe Möglichkeit wie er.
    „Captain Kyle,“ flehte John fast schon, „sie haben es eben gehört und ich weiß sie sind eine vernünftige Frau. Wir haben eben eine exakte Spur zu der biologischen Waffe gefunden. Schon in dieser Stunde könnten wir die Krise überwinden und die größte Bedrohung für die Erde seit dem Krieg beseitigen. Ich bitte sie, brechen sie ihren Abfangkurs ab und geben sie mir die Möglichkeit meine Arbeit zu beenden. Dafür übernehme ich die volle Verantwortung, dies verspreche ich ihnen!“
    „Aber die Befehle des Präsidenten sind eindeutig.“
    Die Worte der Frau sprachen für sich. Unter normalen Umständen waren die Anweisungen des gewählten Staatsoberhauptes auch für Captain Lewinski Gesetz, doch in diesem Falle mussten sie ignoriert werden.
    „Ich kann sie nur bitten mir in dieser Sache zu vertrauen… bitte geben sie mir die Zeit.“
    Tausende von Gedanken gingen Selina Kyle durch den Kopf. Wie sollte sie nun reagieren? Vor wenigen Minuten wollte John Lewinski noch das Feuer auf ihr Schiff eröffnen, nun sollte sie ihn quasi laufen lassen und damit gegen die direkten Befehle des Präsidenten verstoßen.
    Nun hieß es die richtige Entscheidung zu treffen. Sie wägte das Für und Wider ab, sich wohl bewusst, dass nur wenig Zeit blieb.
    „Abfangkurs abbrechen und in stabilen Orbit zurückkehren,“ befahl sie schließlich ihrem Navigator und jedem an Bord der beiden Schiff fiel mindestens ein Stein vom Herzen.
    „Danke,“ entgegnete John und meinte dies ehrlich.
    „Schnappen Sie sich die Schweine,“ war die einzige Erwiderung der Frau, bevor sie mit einem letzten Blick zu Matt Price die Verbindung beendete.
    Der erste Offizier ließ die Waffe geschafft sinken und war froh, dass diese Situation gemeistert worden war. Diese ganze Sache musste so schnell wie möglich hinter sich gebracht werden. Zu viel war in den vergangenen Stunden geschehen, war niemals hätte passieren dürfen.
    „Es tut mir leid.“
    Die Entschuldigung des Commanders war ernst gemeint, dies wusste John. Und dennoch durfte er einen solchen Verrat nicht ungestraft lassen. Zu viel stand derzeit auf dem Spiel.
    Er musste sich der Loyalität aller gewiss sein, ansonsten würden sie die gegenwärtige Situation nicht schaffen.
    „Rufen Sie Dr. Frasier, Sie soll sich umgehend um Fähnrich Kensington kümmern. Lieutenant Ardev!“
    „Sir?“
    „Bringen sie Mr. Price in die Arrestzelle.“
    Für einen kurzen Moment zögerte der Andorianer, war sich nicht sicher, ob er das eben gesagte richtig verstanden hatte. Dann blickte er zu seiner Frau, welche ihm zunickte und erhob sich dann. Sanft griff er den Halbbetazoiden am Arm und brachte ihn von der Brücke. Price war nicht in der Lage seinem Captain in die Augen zu schauen.

    Schlussendlich hatte Captain Lewinski ihn wieder freigelassen, denn man hatte nicht auf die Fähigkeiten des ersten Offiziers verzichten können. Doch hatte ihm sein Vorgesetzter auch seine Taten verziehen?
    Andererseits gab es in den Augen Matts nichts zu verzeihen. Weiterhin blieb er davon überzeugt das richtige getan zu haben. Dass er sich dabei gegen einen Mann stellen musste, den er sehr bewunderte, tat ihm zwar weh, war jedoch notwendig gewesen.
    Erwartungsvoll blickte ihn Captain Lewinski an.
    „Ich wollte mich bei dir abmelden!“ erklärte Price und stemmte seine Hände in die Hüften, so als ob er nichts mit ihnen anzufangen wüsste.
    „Alles erledigt?“
    Lewinskis Frage war eher rhetorischer Natur gewesen, denn er konnte sich auf seinen ersten Offizier verlassen.
    „Ja, ich habe all meinen Papierkram erledigt; die Tasche ist gepackt und ich habe mich von Elisabeth verabschiedet.“
    „Wie lange wirst du weg sein?“ fragte Lewinski mit fast schon flüsternder Stimme.
    „Ich weiß es nicht,“ gestand der Halbbetazoid ehrlich. „Eine Woche, vielleicht zwei…“
    „Nimm dir die Zeit, die du brauchst.”
    Als ein Mensch, der schon beide Elternteile verloren hatte, wusste John wie schwierig diese Situation war. Er wollte seinen ersten Offizier zu nichts drängen. Was nun an erster Stelle stand, war nicht der Dienst, sondern die Bewältigung seiner Trauer über einen solch unfassbaren Verlust.
    „Danke,“ entgegnete Price und machte Anstalten den Bereitschaftsraum zu verlassen. Bevor sich jedoch das Schott vor ihm öffnete, drehte sich der Commander ein letztes Mal herum. Er wollte nicht etwas sagen, etwas loswerden, was ihm sehr am Herzen lag.
    „John, es…“
    Doch der Captain winkte ab, brachte sogar ein schwaches Lächeln zustande.
    „Ist schon gut.“
    Mehr musste nicht gesagt werden. Nun fühlte sich Price deutlich besser. Er wusste, dass wenn er zurück an Bord kommen würde, die Differenzen zwischen ihm und John beigelegt wären. Diese einfachen drei Worte hatten genügt, um jedwede Befürchtungen in ihm zu zerstreuen. Einmal mehr wurde so die besondere Beziehung deutlich, die zwischen ihnen beiden bestand. Hatten sie sich ganz zu Beginn eher weniger leiden können, so waren sie in den letzten Jahren zu Kameraden und Freunden zusammengewachsen. Zu Offizieren, die voneinander lernten und sich aufeinander verlassen konnten. Daran konnte selbst ein Tag wie der heutige nichts ändern.
    Ohne ein weiteres überflüssiges Wort zu verlieren verließ Matt das Büro des Captains und begab sich zum Transporterraum, um seine Reise anzutreten. Eine Reise, um seiner Mutter das letzte Geleit zu geben.

    Where'd you go?
    I miss you so,
    Seems like it's been forever,
    That you've been gone.

    She said "Some days I feel like shit,
    Some days I wanna quit, and just be normal for a bit,"
    I don't understand why you have to always be gone,
    I get along but the trips always feel so long,
    And, I find myself tryna stay by the phone,
    'Cause your voice always helps me when I feel so alone,
    But I feel like an idiot, workin' my day around the call,
    But when I pick up I don't have much to say,
    So, I want you to know it's a little fucked up,
    That I'm stuck here waitin', at times debatin',
    Tellin' you that I've had it with you and your career,
    Me and the rest of the family here singing "Where'd you go?"

    I miss you so,
    Seems like it's been forever,
    That you've been gone.
    Where'd you go?
    I miss you so,
    Seems like it's been forever,
    That you've been gone,
    Please come back home...

    You know the place where you used to live,
    Used to barbeque up burgers and ribs,
    Used to have a little party every Halloween with candy by the pile,
    But now, you only stop by every once in a while,
    Shit, I find myself just fillin' my time,
    Anything to keep the thought of you from my mind,
    I'm doin' fine, I plan to keep it that way,
    You can call me if you find you have somethin' to say,
    And I'll tell you, I want you to know it's a little fucked up,
    That I'm stuck here waitin', at times debatin',
    Tellin' you that I've had it with you and your career,
    Me and the rest of the family here singing "Where'd you go?"


    I miss you so,
    Seems like it's been forever,
    That you've been gone.
    Where'd you go?
    I miss you so,
    Seems like it's been forever,
    That you've been gone,
    Please come back home...

    I want you to know it's a little fucked up,
    That I'm stuck here waitin', no longer debatin',
    Tired of sittin' and hatin' and makin' these excuses,
    For while you're not around, and feeling so useless,
    It seems one thing has been true all along,
    You don't really know what you got 'til it's gone,
    I guess I've had it with you and your career,
    When you come back I won't be here and you'll can sing it...

    Where'd you go?
    I miss you so,
    Seems like it's been forever,
    That you've been gone.
    Where'd you go?
    I miss you so,
    Seems like it's been forever,
    That you've been gone,
    Please come back home...
    Please come back home...
    Please come back home...
    Please come back home...
    Please come back home...


    Mit der Kollision hatte die Schatten nicht gerechnet. Ke’lers erstklassiges taktisches Manöver veränderte die Lage fundamental. Aus der Niederlage für die Romulaner wurde ein Unentschieden. Keiner der beiden Geheimdienste gewann vertrauliche Informationen hinzu, keiner der Geheimdienste zog einen Vorteil aus diesem Konflikt.
    Die Trümmer schwebten im herrenlosen Raum, in irgendeiner uninteressanten Region, die nur hin und wieder beflogen oder durchkreuzt wurde. Wahrscheinlich würden die Trümmer irgendwann von Raumnomaden aufgesammelt. Irgendwelche intakten Systeme fand man immer.
    Einige Millionen Kilometer entfernt von Trümmerfeld, von den stummen Zeugen eines Konflikts, der in keinen Berichten auftauchen würde, schwebte ein kleines Objekt. Es trieb nicht, es flog. Es hatte einen Kurs.
    In dem kleinen Objekt, einer Rettungskapsel, saß Ke’ler. Sie hatte Kurs auf den Romulus gesetzt. Nur mit Manövriertriebwerken ausgestattet, dauerte die Reise beinahe Jahrtausende. Doch Hilfe war schon unterwegs.
    Ein anderes romulanisches Schiff hatte ihr Notsignal bereits empfangen.
    So wurde sie zum zweiten Mal an diesem Tag gerettet. Zum zweiten Mal an diesem Tag hatte sie ein Unglück angerichtet. Eines in der talarischen Eiswüste, eines in der Hitze einer Weltraumschlacht.
    In ihrem Geiste formulierte sie bereits ihre Aussage vor dem Tribunal, welches sie erwartete. Sie musste es geschickt anstellen. Felsenfest war sie davon überzeugt die Natur ihrer Mission, an der sie heute morgen noch beteiligt war, zu kennen.
    Jozarnay Woil hatte ihr die entscheidenden Hinweise gegeben. Doch seine Antworten brachten nur noch mehr Fragen auf. Diese galt es zu beantworten.
    Ke’ler stellte sich die Mission vor, die sie zu vollenden gedachte. Eine Undercover Mission auf der Erde. Selbst Tal Shiar Agenten wurde diese Ehre nur äußerst selten zu teil. Doch sie musste die Rätsel, die ihr dieser Tag aufgab, lösen.
    Sie wusste, dass das Reich nur so zu beschützen, nur so zu retten war.
    Subcommander Ke’ler, eine der fähigsten Agentinnen des Tal Shiar, eine der großen Nachwuchshoffnung, hatte keine Ahnung wie falsch sie lag.
    Denn der wahre Grund ihrer Mission befand sich in dieser Rettungskapsel.
    Und er war schrecklicher als sie es sich je vorstellen konnte.

    Woil hatte die letzten Minuten im Rausch verbracht. Ein Schuss Ketracel Blau in seinen Adern hatte ihn weiter gebracht. Es hatte ihn überlebensgroß gemacht. Er konnte sich nicht erinnern, wie er es geschafft hatte. Die Decks hinunter, an Dutzenden Romulanern und ebenso vielen „Sternenflottenoffizieren“ vorbei. Es geschah wie immer Zeitraffer.
    Doch er machte sich keine Gedanken – denn keine Sekunde hatte er allein verbracht. Mit seinen Augenwinkeln konnte er sie immer noch erkennen. Die Personen, die sein Schicksal geformt hatten. Er sah Stella Tanner, die ihn am Leben gehalten hatte. Er sah Edward Jellico, der ihn für immer wegsperren wollte. Er sah John Lewinski. Den Captain, den Menschen, dem einzigen Menschen, dem er bisher so etwas ähnliches wie Respekt entgegengebracht hatte. John Lewinski hatte ihn nicht gerettet. Der Vorsatz keinen Offizier zurück zu lassen galt wohl nicht für Unteroffiziere wie ihn.
    Seine Finger huschten über die Tasten des Shuttles.
    Das Shuttle selbst besaß keine Tarnvorrichtung. Also erwartete er jede Sekunde einen Transporterstrahl oder das Einsetzen eines Beamvorgangs.
    Doch anscheinend schienen die beiden Schiffe zu sehr mit sich beschäftigt zu sein.
    Jozarnay Woil ahnte nicht, wie viel Glück er gehabt hatte. Er ahnte nicht, dass es Ke’ler noch auf die Brücke geschafft hatte. Er wusste nicht, dass sie es mit einer geschickten Explosion eines Torpedos geschafft hatte, die Sensoren der Schatten für einige Sekunden lang zu blenden.
    Dies waren die Sekunden seiner Flucht.
    Dies waren die Sekunden, während denen das romulanische Schiff, dessen Namen Woil nicht kannte, Kurs nahm auf das feindliche Schiff, das Woil nicht einmal angesehen hatte.
    Gerade, als er den Warpantrieb des Shuttles aktivierte, kollidierten die beiden Schiffe.
    Woil hingegen kannte nur ein Ziel: Föderationsgebiet.
    Um genauer zu sein hatte er Kurs genommen auf Edward Jellico, der ihm soviel Leid zugefügt hatte, und auf John Lewinski, der es nicht verhindert hatte... der noble Captain hätte ihn retten müssen. Nicht irgendwelche wildfremden Romulaner!
    Er nahm einen tiefen Atemzug und roch Stellas Parfum. Er spürte ihre Liebe und ihre Unterstützung.
    Dann versprach er sich, nicht mehr anzuhalten.
    Er versprach sich, nicht zurückzuschauen.
    Er versprach sich, die beiden Männer leiden zu lassen.

    First they ignore you
    Then laugh at you and hate you
    Then they fight you – then you win
    When the truth dies, very bad things happen
    They’re being heartless again

    I know it’s coming
    There’s going to be violence
    I’ve taken as much, as I’m willing to take
    Why do you think we should suffer in silence?
    When a heart is broken, there’s nothing to break

    You’ve been mixing
    With some very heavy faces
    The boys have done a bit of bird
    They don’t kill their own, they all love their mothers
    But you’re out of your depth son, have a word

    I know it’s coming
    There’s going to be violence
    I’ve taken as much, as I’m willing to take
    Why do you think, we should suffer in silence?
    When a heart is broken, there’s nothing to break

    All is wonderful in this life
    Dreaming of the sun she warms
    You should see me in the afterlife
    Picking up the sons of dust

    When you think we’re lost, we’re exploring
    What you think is worthless I’m adoring
    You don’t want the truth, truth is boring
    I got this fever need to
    Leave the house leave the car
    Leave the bad men where they are
    Leave a few shells in my gun
    And stop me staring at the sun

    I know it’s coming
    There’s going to be violence
    I’ve taken as much as I’m willing to take
    Why do you think we should suffer in silence?
    When a heart is broken, there’s nothing to break


    Und Captain Lewinski? Dieser hatte alle Arbeiten, die er sich vorgenommen hatte zu erledigen, abgeschlossen. Sämtliche relevanten Abschlussberichte waren geschrieben worden und zusätzlich hatte er einen Beileidsbrief an die Familie von Miguel Sanchez verfasst. Zu einem späteren Zeitpunkt würde er den Eltern persönlich zu dem Verlust ihres Sohnes kondolieren, doch nicht jetzt. Aus eigener Erfahrung wusste John, dass sie beim Empfang der Todesnachricht nicht in der Lage sein würden all zu viele Informationen aufzunehmen.
    Nun, wo er alles erledigt hatte, starrte John die gegenüberliegende Wand an und dachte nach. Es herrschte eine gespenstische Stille im Bereitschaftsraum und im kompletten Schiff. Nur das monotone Surren der Umweltanlagen war zu vernehmen. Nach der ganztätigen Hektik und Anspannung hatte sich die Monitor nun in so etwas wie einen Ort der Ruhe verwandelt. Lewinski versuchte noch etwas zu finden, was er tun konnte, doch ihm fiel nichts ein. Stattdessen musste sich der Captain eingestehen, dass er nur das Unvermeidliche hinauszögern wollte. Irgendwann musste er sich seinem Versprechen stellen und sich den örtlichen Behörden übergeben, damit man ihn wegen Befehlsverweigerung anklagen konnte.
    Plötzlich piepte sein Komterminal. Jemand versuchte ihn zu erreichen, jedoch war kein Anrufer angegeben und es kam auch nur als Audiosignal herein. John fragte sich, wer dies wohl sein mochte, dann nahm er das Gespräch entgegen. Ob dies der Präsident oder gar Edward Jellico war, die ihn an sein Versprechen erinnerten?
    „Hallo John!“
    Doch zu seiner Überraschung vernahm er eine ganz andere Stimme: die seines Bruders Martin! Ein Lächeln zauberte sich auf Johns Gesicht. Scheinbar endete dieser Tag doch noch mit einer guten Nachricht für ihn.
    „Martin! Bist du es tatsächlich?“ fragte John und konnte seine Freude nur schwerlich verbergen. Seitdem er seinen Bruder die Freiheit geschenkt hatte, begleitete den Captain die Frage, ob Martin die Seuche in Emden überlebt hatte.
    „Ja, ich bin es,“ erklärte die Stimme. „Verzeih die Audioübertragung, aber du dürftest selbst am besten wissen, wie vorsichtig man sein muss.“
    John wusste dies nur zu gut. Nachdem er nun seit einigen Stunden ein freier Mann war, wollte Martin sicherlich nicht sofort wieder von der Sternenflottensicherheit geschnappt werden.
    „Natürlich tue ich dies. Ich bin so froh von dir zu hören. Ist alles in Ordnung bei dir?”
    Das Schicksal hatte ihm wahrlich einen seltsamen Tag beschert. Erst hatte John seinen Bruder aus dem Gefängnis befreit, nur um ihn dann wieder laufen zu lassen. Dann hatte er zwar Martin wieder getroffen, doch in seiner Spiegelinkarnation, die sich so sehr vom Waffenhändler Martin Lewinski unterschieden hatte. Nun jedoch hörte er wieder die Stimme seines leibhaftigen Bruders. Martin und er waren nach dem Tod ihrer Eltern die letzten beiden Lewinskis und würden es aller Wahrscheinlichkeit nach auch bleiben. Dies schien ihr Schicksal zu sein.
    „Ja, bei mir ist alles in Ordnung,“ entgegnete Martin und schien für einen kurzen Moment nicht zu wissen, was er sagen sollte. Solche Gefühle zu artikulieren schien ihm noch fremder als John zu sein. „Ich wollte mich einfach nur noch einmal melden. Sagen, dass es mir gut geht; du dir keine Sorgen machen brauchst.“
    „Das ist schön zu hören.“
    Trotz der schweren Entscheidungen am heutigen Tage war John glücklich. Er mochte zwar zahllose Menschenleben heute gerettet haben, doch am meisten interessierte ihn das seines Bruders.
    „Danke dir.“
    Danach wurde die Verbindung beendet. Mehr musste nicht gesagt werden. John nahm den Dank wohlwollend entgegen und hoffte, dass nun möglicherweise sein Bruder einen vernünftigeren Weg einschlug. Er hatte so viele Talente, die er durchaus im legalen Bereich verwenden konnte. Einmal mehr betrauerte Captain Lewinski die Zeit, die er nicht mit seinem Bruder hatte verbringen können. Nun würde es einmal mehr wieder zu spät sein.
    Langsam erhob sich John von seinem Stuhl. Ob es das letzte Mal war, dass er seinen Bereitschaftsraum, sogar sein Schiff sah? Kurz überlegte der Captain, ob er sich bei jemandem verabschieden sollte, bevor er sich den Behörden überstellte. Doch bei wem hätte er dies tun sollen?
    Matt Price war auf dem Weg nach Rigel. Danny Bird bei seiner Freundin Janine auf der Erde. Arena Tellom und Ardev befanden sich im Sternenflottenkrankenhaus. Nur Dr. Frasier war noch hier und die hielt im Moment Absprechen mit den Seuchenbeauftragten der Erde in Bezug auf das Biovirus.
    Er war quasi allein, denn auch Martin war verschwunden und an einem ihm unbekannten Ort.
    Captain Lewinski schüttelte den Kopf. Nein, er wollte einen stillen Abschied. Am Ende würde ihn seine Crew noch als Held oder dergleichen feiern und dies wollte er auf keinen Fall. Er hatte getan, was seiner Ansicht nach getan werden musste. Mehr nicht. Wem Dank gebührte war seine Crew, die ihn so tapfer unterstützt hatte.
    Mit einer ruhigen Bewegung strich Captain John Lewinski seine Uniform glatt. Dann verließ er mit einem mulmigen Gefühl seinen Bereitschaftsraum. Und die USS Monitor.

    Show me the meaning of being lonely
    So many words for the broken heart
    It's hard to see in a crimson love
    So hard to breathe
    Walk with me, and maybe
    Nights of light so soon become
    Wild and free I could feel the sun
    Your every wish will be done

    They tell me...

    Show me the meaning of being lonely
    Is this the feeling I need to walk with
    Tell me why I can't be there where you are
    There's something missing in my heart

    Life goes on as it never ends
    Eyes of stone observe the trends
    They never say forever gaze
    Guilty roads to an endless love
    There's no control
    Are you with me now
    Your every wish will be done
    They tell me

    Show me the meaning of being lonely
    Is this the feeling I need to walk with
    Tell me why I can't be there where you are
    There's something missing in my heart

    There's nowhere to run
    I have no place to go
    Surrender my heart' body and soul
    How can it be you're asking me to feel the things you never
    show

    You are missing in my heart
    Tell me why I can't be there where you are

    Show me the meaning of being lonely
    Is this the feeling I need to walk with
    Tell me why I can't be there where you are
    There's something missing in my heart


    Unzählige Male war Edward Jellico an diesem Tag de Korridor zum Büro des Präsidenten entlanggelaufen. Dies würde aber nun definitiv das letzte Mal sein. Es war kurz vor zwölf, dieser schreckliche Tag neigte sich dem Ende zu. Auch die schrecklichsten Tage enden einmal.
    Und dieser Tag stand in seiner persönlichen Top Ten ziemlich weit oben. Soeben hatte er auch noch eine Nachricht von Roger bekommen. Der Kontakt zur Schatten war abgebrochen. Nicht unbedingt ein gutes Zeichen. Wahrscheinlich mussten sie jetzt auch noch ein weiteres Schiff dorthin schicken um die Gründe dafür in Erfahrung zu bringen. Die Geheimhaltung dieses Vorfalls wurde schwieriger und schwieriger. Und falls die Schatten tatsächlich zerstört worden war musste jemand die Fragen der Angehörigen beantworten.
    So wie es aussah erwartete den Justizminister auch morgen eine Menge Arbeit. Er musste die unzähligen Fäden, die sich an diesem Tag ineinander verstrickt hatten wieder entwirren. Er hoffte nur, keinen gordischer Knoten aufzufinden.
    Der Korridor endete, auch mit geschlossen Augen hätte er den Weg zum Büro des Präsidenten gefunden. Vorbei an den Wachen des Secret Service, am inzwischen verwaisten Vorzimmer. Die große Holztür stand offen. Trotzdem blieb Edward Jellico stehen und richtete ein letztes Mal den Kragen seines Anzuges, bevor er das Büro des Präsidenten betrat. Das Staatsoberhaupt hatte ihn völlig überraschend zu sich bestellt, ohne dass der Justizminister der Grund dafür kannte.
    Der Präsident saß wie erwartet an seinem Schreibtisch, die Hände gefaltet vor sich abgelegt und starrte den Besucher an. Er erweckte den Eindruck, als hätte er sich lange auf diesen Moment vorbereitet.
    Jellico schloss die Tür, trat auf den Präsidenten zu und blieb vor dem Schreibtisch stehen, ohne sich hinzusetzen. „Sie wollten mich sprechen, Sir?“, fragte er.
    „Ich erwarte Ihren Rücktritt noch vor Ende der Woche“
    Die Worte waren geradeheraus und ehrlich gemeint, dies war dem ehemaligen Admiral völlig klar. Dabei hatte der Präsident keine Miene verzogen. War dies also der Lohn dafür, dass Jellico den Mann an der Macht gelassen hatte?
    Doch diesen Gedanken sprach der Justizminister selbstverständlich nicht aus.
    „Sind Sie sich sicher?“ fragte er stattdessen.
    „Sie haben in dieser Administration nichts mehr verloren,“ erläuterte der Präsident seine Entscheidung, ohne dabei irgendeine Gefühlsregung zu zeigen. „Wenn Sie glauben, dass ich erpressbar sei, nur weil Sie der Ansicht sind mir vor wenigen Stunden geholfen zu haben, so irren Sie sich. Ich gebe Ihnen noch eine Woche ihre Dinge zu ordnen und die Übergabe Ihrer Amtsgeschäfte vorzubereiten. Für den Grund ihres Rücktritts können Sie sich eine adäquate Ausrede überlegen, die wir der Presse präsentieren können.“
    Jellico verzichtete auf eine Antwort, starrte seinen Gegenüber einfach nur an. Sollte nun seine politische Karriere enden? Ohne sein Zutun wäre dieser Mann gar nicht mehr Präsident der Föderation und so wurde es ihm gedankt?
    Verdammt, was erlaubte sich dieser Mann überhaupt? Je länger Jellico darüber nachdachte, desto mehr war er von seiner Sicht der Dinge überzeugt. Vor nicht einmal fünf Stunden hatte der Präsident mit dem Rücken zur Wand gestanden, seine Präsidentschaft war aufgrund seiner katastrophalen Fehlentscheidungen zu gut wie beendet gewesen. Wenn man es recht bedachte, dann wäre ohne Jellicos Hilfe diese Präsidentschaft schon viel früher beendet gewesen. Immerhin war es Edward Jellico gewesen, der heute einen Großteil der Ideen gehabt hatte. Der den Präsidenten mit seiner Erfahrung unter die Arme gegriffen hatte. Ohne den Justizminister wäre dieser heutige Tag in einer Katastrophe geendet.
    Überraschenderweise wurde die Tür zu dem Büro geöffnet und Commander Elena Kranick trat herein. Sie sah seltsam aus, ihr Gesicht zeigte einen seltsamen Ausdruck. Erst nach einigen Sekunden bemerkte Jellico, dass die Frau kreidebleich war. Auch der Präsident schaute sorgenvoll zu dem Verbindungsoffizier der Sternenflotte und fragte:
    „Commander, ist alles in Ordnung mit Ihnen?“
    Eine Antwort sollte der Staatschef nie erhalten. Ohne eine weitere Sekunde zu zögern holte die Frau einen Phaser hervor, welchen sie an den Agenten des Secret Service vorbeigeschmuggelt hatte, und schoss auf den Präsidenten. Entsetzt musste Jellico mit ansehen, wie der Getroffene von der Wucht des Phaserimpulses zu Boden gerissen wurde. Im nächsten Augenblick fasste er sich wieder und wollte sich auf die Angreiferin stürzen, doch auch dieses Mal war Commander Elena Kranick schneller. Nachdem sie ihr Werk vollendet hatte, hielt sie die Waffe in einer fließenden Bewegung an ihre Schläfe und drückte ab. Die ganze Aktion, die aus heiterem Himmel gekommen war, hatte nicht länger als zwei Sekunden gedauert. Die hereinstürmenden Leibwächter des Präsidenten kamen zu spät. Sofort fiel Jellico auf alle viere und krabbelte zu dem am Boden liegenden Präsidenten. Doch seine vor Schreck aufgerissenen Augen ließen schreckliches erahnen. Ein kurzes Tasten nach dem Puls brachte die schreckliche Gewissheit.
    Der Präsident der Föderation war tot.
    Jellico wusste nicht, was er sagen sollte. Ihm war noch nicht einmal klar, wie er empfinden sollte. Es gab jedoch nur eine Gewissheit:
    am Ende hatte die Föderale Befreiungsarmee doch noch gewonnen.

    ENDE SEASON 7

    ...ES ENDET

    based upon "STAR TREK" created by GENE RODDENBERRY
    produced for TREKNews NETWORK
    created by NADIR ATTAR
    executive producers NADIR ATTAR & CHRISTIAN GAUS
    co-executice producer SEBASTIAN OSTSIEKER
    producer SEBASTIAN HUNDT
    lektor OLIVER DÖRING
    staff writers THOMAS RAKEBRAND & JÖRG GRAMPP and OLIVER-DANIEL KRONBERGER
    written by NADIR ATTAR & CHRISTIAN GAUS
    TM & Copyright © 2005 by TREKNews Network. All Rights Reserved.
    "STAR TREK" is a registered trademark and related marks are trademarks of PARAMOUNT PICTURES
    This is a FanFiction-Story for fans. We do not get money for our work!






    Quelle: treknews.de
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