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  • Über die Arbeit eines Übersetzers

    wie funktioniert das ganze eigentlich?
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    Viele Menschen lesen begeistert Bücher. Selbiges gilt auch für Star Trek Fans. Nur wenige denken dabei darüber nach, dass diese Werke von ihrer Originalsprache ins Deutsche übertragen werden müssen. SF-Radio hat nun einen interessanten Artikel online gestellt, in dem Bernhard Kempen, renommierter Übersetzer von Star Trek Romanen und weiterer Literatur, über seine Arbeit und Techniken spricht. Ein Blick auf diesen umfangreichen Artikel lohnt sich in jedem Fall!
    Wie immer präsentieren wir euch an dieser Stelle einen kleinen Ausschnitt, den Rest findet ihr unten als Link angegeben.


    Romanübersetzer haben einen undankbaren Job. Besonders frustrierend ist die Tatsache, daß diese Tätigkeit für die meisten Leser offenbar völlig unsichtbar bleibt. Davon wurde ich selbst vor einiger Zeit auf eindrucksvolle Weise überzeugt, als verschiedene Bekannte bei mir anfragten, ob ich schon von einem kürzlich erschienenen prähistorischen Roman gehört hätte, weil diese Leute wußten, daß ich mich sehr für »Steinzeitliteratur« interessiere. Ich mußte diesen wohlmeinenden Bekannten nun erwidern, daß ich dieses Werk sogar sehr gut kenne. Ich kenne es vielleicht sogar besser als die meisten deutschen Leser - weil ich es nämlich selbst übersetzt habe. Dabei wurde mir gleichzeitig bewußt, daß ich offenbar der einzige Mensch bin, dem auf der Seite 3 die unter den Titel des Romans gesetzten Zeilen »Ins Deutsche übertragen von Bernhard Kempen« sofort unübersehbar ins Auge springen.
    Aber es gibt natürlich auch Leser, denen bewußt ist, daß irgendwer seine Finger im Spiel gehabt haben muß, wenn es den Roman eines amerikanischen Autors plötzlich in einer deutschsprachigen Version zu kaufen gibt. Doch davon abgesehen kursieren in der Leserschaft kaum mehr als ein paar vage Vorstellungen über das, was ein Übersetzer eigentlich so den lieben langen Tag treibt.
    Ich arbeite seit 1991 - und hauptberuflich seit 1993 - als Übersetzer und habe in dieser Zeit etwas über 50 Titel vor allem aus dem Bereich der Science Fiction übersetzt. Von Anfang an hatte ich einen gewissen Bezug zu Star Trek, da meine Karriere mit der Tek-Serie von William Shatner begann, von der ich sechs Bände übersetzen durfte, bis die Serie eingestellt wurde. Ebenfalls für den Bastei-Verlag habe ich unter anderem die neun Bände der prähistorischen Saga Die großen Jäger von William Sarabande und die Mana-Bücher von Ian Watson ins Deutsche übertragen. Seit 1995 habe ich außerdem knapp dreißig Star-Trek-Romane und -Sachbücher für den Heyne-Verlag übersetzt.
    Welche berufliche Qualifikation muß ein Übersetzer eigentlich für seinen Job mitbringen? Ich habe Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft und Philosophie studiert, aber das Fachwissen, das ich während des Studiums erworben habe, nützt mir bei der Übersetzung eines Science-Fiction-Romans nur wenig. Im Verlauf meiner Arbeit wären mir ausführliche Kenntnisse in der Waffenkunde, der arktischen Biologie oder der Kultur Finnlands weitaus nützlicher gewesen.
    Es dürfte jedem sofort einleuchten, daß jemand, der englische Romane ins Deutsche übersetzt, Englisch können sollte. Was mich betrifft, habe ich allerdings weder Anglistik noch Amerikanistik studiert. Viel mehr Eindruck kann ich bei potentiellen Auftraggebern machen, wenn ich erwähne, daß ich ein Jahr lang in England studiert habe. Doch auch hier muß ich sagen, daß ich während dieser Zeit die nützlichsten Dinge außerhalb der Bibliothek und der Seminarräume gelernt habe. Allerdings denke ich heute, daß ich damals vielleicht in die USA hätte gehen sollen. Dann würde ich mehr von Baseball verstehen, was für das Verständnis amerikanischer Romanliteratur äußerst hilfreich sein kann.
    Natürlich gibt es an jeder besseren Universität Studiengänge, in denen man sich zum Übersetzer ausbilden lassen kann. Eine solche Qualifikation mag ganz nützlich sein, wenn jemand Science-Fiction-Romane übersetzen will. Doch die erfolgreichen Absolventen eines solchen Studiums, die sich Diplom-Übersetzer nennen dürfen, arbeiten meistens in Bereichen, in denen sich viel mehr Geld verdienen läßt - zum Beispiel in Wirtschaft, Justiz oder Politik. Sie übersetzen keine Literatur, sondern Verträge, Gesetzestexte und andere Dokumente. Ich habe mich einmal mit einer Diplom-Übersetzerin unterhalten, und dabei konnten wir den Unterschied zwischen ihrer und meiner Arbeit treffend auf den Punkt bringen:
    Diplom-Übersetzer müssen korrekt übersetzen, und Literatur-Übersetzer müssen gut übersetzen.
    Deshalb haben sich die Verlagsredakteure nie sonderlich für meine akademische Ausbildung interessiert. Ein Übersetzerkollege hat mir sogar eingeschärft, daß ich bei solchen »Bewerbungsgesprächen« auf gar keinen Fall erwähnen sollte, daß ich Doktor der Literaturwissenschaft bin. In der Regel läuft es nämlich so ab, daß der Verlag von einem potentiellen Übersetzer zunächst eine Probeübersetzung von 20 oder 30 Seiten sehen will. Und genau das ist der Punkt. Die Redakteure wollen sich mit eigenen Augen davon überzeugen, was jemand kann. Ein Übersetzer braucht keine Abschlußzeugnisse, sondern er muß übersetzen können.


    Quelle: treknews.de
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    • Hallo Gast - Aufgrund des vielen Spams müssen leider ein paar Fragen beantwortet werden.

      Bitte der Reihe nach durchführen, sonst kann das Captcha nicht erfolgreich abgeschlossen werden...
      Schritt 1: Wenn Picard ein Captain ist, sollte hier ein Haken rein...
      Schritt 2: und wenn es in der Nacht nicht hell ist, sollte hier der Haken raus!
      Schritt 3:

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