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James Blish – Der Gewissensfall


einz1975

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Im Alpha-Centauri-System, nur wenige Lichtjahre von der Erde entfernt, befindet sich der Planet Lithia. Er liegt in einer habitablen Zone und bietet überaus stabile klimatische Bedingungen, ideale Voraussetzungen für die Entwicklung von Leben. Tatsächlich ist auf Lithia eine intelligente Spezies entstanden, deren Gesellschaftsform die menschlichen Beobachter gleichermaßen fasziniert wie verstört. Seit mehreren Wochen hält sich eine menschliche Sternenexpedition auf dem Planeten auf. Ihr Ziel ist es, möglichst viele Informationen zu sammeln, das fremde Leben zu dokumentieren und vor allem zu verstehen. Die Lithianer leben in einer nahezu perfekten Harmonie: Ihre Gesellschaft kennt weder Krieg noch Mord, weder Neid noch Habgier. Gewalt ist ihnen vollkommen fremd, soziale Konflikte scheinen nicht zu existieren. Gerade diese makellose Ordnung beeindruckt Pater Ramon Ruiz-Sanchez, einen Jesuitenpriester und Biologen, zutiefst und erfüllt ihn zugleich mit wachsendem Unbehagen. Denn die Lithianer kennen keinen Glauben an Gott, kein Konzept von Sünde oder Erlösung. Für Ruiz-Sanchez wirft das eine beunruhigende Frage auf: Kann eine moralisch perfekte Gesellschaft existieren, ohne Gott? Oder ist diese Perfektion womöglich ein trügerisches Werk des Teufels?

Hier setzt der zentrale Konflikt des Romans an. Theologie und Wissenschaft geraten, wie so oft, aneinander. Während einige Mitglieder der Expedition Lithia als einzigartiges Paradies schützen wollen und für eine vollständige Quarantäne plädieren, sehen andere in dem Planeten strategisches Potenzial: als Militärstützpunkt, als Produktionsstätte für Waffen, als Bollwerk im ideologischen Machtkampf der Menschheit. Die Angst des Kalten Krieges durchzieht jede Diskussion, die Furcht vor dem Unbekannten, vor einem Gegner, der moralisch oder technologisch überlegen sein könnte. Die Situation eskaliert, als die Lithianer der Expedition freiwillig einen Embryo übergeben. Dieses Kind soll auf der Erde aufwachsen, ein Akt des Vertrauens, der weitreichende Folgen hat. Der Lithianer wächst unter Menschen heran und wird zum Prüfstein für Moral, Religion und politische Interessen. Seine Existenz verändert die Perspektive der Menschheit auf sich selbst und bestätigt letztlich Ruiz-Sanchez’ schlimmste Befürchtungen.

Blish nimmt sich viel Zeit für die Darstellung der außerirdischen Spezies. Die Lithianer sind reptilienartig und weisen zahlreiche Parallelen zu irdischen Tierarten auf. Ihr Sozialverhalten, ihre Fortpflanzung, Kinderaufzucht und sogar ihre Geschichtsschreibung werden detailliert beschrieben. Diese biologisch-anthropologische Herangehensweise gehört zu den Stärken des Romans. Dem gegenüber stehen zahlreiche Dialoge der Wissenschaftler und Militärs, die aus heutiger Sicht teils erschreckend kalt und zynisch wirken. Die Vorstellung, einen friedlichen Planeten aus reiner Vorsicht oder strategischem Kalkül zu bombardieren, ist klar vom Denken der 1950er-Jahre geprägt. Der Kalte Krieg schreibt sich hier unübersehbar in die Handlung ein. Ergänzt wird dies durch die religiöse Ebene: Sind die Lithianer Geschöpfe Gottes? Haben sie eine Seele? Oder fallen sie außerhalb der christlichen Schöpfungsordnung?

Problematisch bleibt jedoch die Figurenzeichnung. Zwar gibt es eine Handvoll wiederkehrender Charaktere, doch kaum eine Figur gewinnt wirkliche Tiefe. Die Protagonisten bleiben oft Beobachter statt Handelnde und verschwimmen in einer Abfolge von Diskussionen und Ereignissen. Auch der Lithianer selbst wirkt weniger wie eine eigenständige Figur als vielmehr wie ein erzählerisches Mittel, ein Instrument, um Blishs philosophische und theologische Fragen zuzuspitzen. Die Spannung leidet darunter spürbar. Der Roman funktioniert weniger als klassische Science-Fiction-Erzählung, sondern vielmehr als Parabel seiner Zeit. Blish spiegelt Ängste, Denkweisen und ideologische Grabenkämpfe der Nachkriegsära wider. Zwar sind die anfänglichen Begegnungen mit den Lithianern und die frühen Dialoge durchaus fesselnd, doch verliert sich der Text zunehmend in abstrakten Debatten.

Fazit:
James Blishs Der Gewissensfall bietet dem Leser eine doppelte Zeitreise: Zum einen führt er in eine Zukunft mit außerirdischem Leben, das eine harmonische Gesellschaft verkörpert, ein Ideal, das in der Menschheitsgeschichte wohl nie existiert hat. Zum anderen eröffnet der Roman einen tiefen Einblick in die Denkweisen und Ängste der Zeit des Kalten Krieges: die allgegenwärtige Bedrohung durch Bomben, das Misstrauen gegenüber dem Fremden und die ideologische Vergiftung des öffentlichen Denkens. Die theologischen Fragestellungen verleihen dem Roman zusätzliche Tiefe, machen ihn jedoch zugleich schwer zugänglich. Der Text ist stellenweise sperrig, argumentativ überladen und erzählerisch zäh. Dialoge und Ereignisse verwässern mitunter den Kern der Geschichte, statt ihn zu schärfen. So bleibt Der Gewissensfall ein ambitioniertes, gedanklich herausforderndes Werk – nicht immer fesselnd, aber auf seltsame Weise doch unterhaltsam. 

Matthias Göbel

Autor: James Bilish
Übersetzung: Walter Brumm
Taschenbuch: 154 Seiten
Verlag: Heyne Verlag
Veröffentlichung: 1953 / 1986
ISBN: 9783453312883

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