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Jo Lendle - Die Kosmonautin


einz1975

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Reisen bildet – zumindest sagt man das. Jeder neue Eindruck, jede Begegnung, der Geruch der Fremde, das Ungewohnte am Wegesrand: All das regt zum Nachdenken an und findet irgendwann seinen Weg zurück in den eigenen Alltag. Hella befindet sich auf einer Reise, die nur sehr wenige Menschen jemals antreten werden. Ihr Ziel ist der Mond. Doch diese Reise ist keine, die aus einem inneren Drang heraus entstanden ist. Sie ist kein Traum, kein lange gehegter Wunsch. Vielmehr ist sie das Vermächtnis ihres Sohnes Tobi. Tobi war fasziniert vom Weltall, von Planeten, von der Entstehung des Universums und allem, was jenseits der Erde liegt. Nun schickt das Schicksal seine Mutter dorthin, wo er selbst nie ankommen konnte. Bevor es jedoch so weit ist, nimmt Hella sich Zeit, innezuhalten. Die Reise zum Weltraumbahnhof wird zu einer Reise durch ihr eigenes Leben, zu einem Rückblick auf das, was war, und auf das, was sie verloren hat.

Die endlosen, fast menschenleeren Straßen durch die Steppe wirken surreal und zugleich merkwürdig vertraut. Ein Mann mit einer Kuh auf einer Wiese. Ein kurzer Halt, ein Schluck frische Milch. Ein Dorffest in einem kleinen Ort, an dem sie niemanden kennt und doch ist sie mittendrin, Teil des Ganzen, aufgehoben in einer unerwarteten Intimität. Der Weg zum Weltraumbahnhof am Südrand der ehemaligen Sowjetunion hält zahlreiche solcher Momente bereit: unspektakulär, flüchtig, aber eindringlich. Schritt für Schritt erfahren wir als Leser mehr über Hella, vielleicht mehr, als je ein Mensch zuvor von ihr wusste. Jo Lendle blickt dabei nicht analytisch, sondern tastend in die Vergangenheit. Hellas Leben wird nicht seziert, sondern fragmentarisch sichtbar gemacht. Manche Erinnerungen werden ausführlich geschildert, andere lediglich angerissen, fast beiläufig erwähnt. Selbst der schlimmste Tag ihres Lebens – und damit auch der eigentliche Grund für diese Reise – taucht eher leise auf, ohne Pathos, ohne dramatische Zuspitzung. Genau darin liegt eine besondere Stärke, aber auch eine Herausforderung dieses Textes.

Die Sprache ist blumig, detailverliebt und entschleunigt das Erzählen konsequent. Die Handlung schreitet kaum voran, stattdessen blickt der Text immer wieder zurück: in Hellas Schulzeit, in kurze, alltägliche Episoden mit ihrem Sohn, in Momente, die scheinbar unbedeutend sind, aber emotional nachhallen. Erst im Camp der Kosmonauten öffnet sich ein neuer Raum. Andere Figuren treten auf, bleiben jedoch Randerscheinungen und weniger eigenständige Charaktere als Spiegel und Ergänzung für Hellas innere Bewegung. Dramatik, klassische Spannung oder ein klarer roter Faden fehlen weitgehend. Die Erzählung verharrt, sammelt Eindrücke, lässt Gedanken stehen. Der Leser ist eingeladen, selbst zu entscheiden, wo er verweilen möchte oder ob er weitergehen will. Die wortgewandte, teilweise sehr ausgeschmückte Sprache schafft starke Bilder und eindrückliche Momente, doch Hella selbst bleibt dabei oft eine Hülle. Vieles über sie entsteht erst im Kopf des Lesers.

Ob Die Kosmonautin als Science-Fiction-Erzählung gelesen werden kann oder eher als psychologische Reise durch Verlust, Einsamkeit und innere Leere, bleibt offen. Jo Lendle nutzt Sprache vor allem, um Bilder und Stimmungen zu erzeugen und weniger, um eine klassische Geschichte zu erzählen. Dieses Konstrukt geht nicht immer auf. In manchen Passagen trägt die Idee, in anderen verliert sie sich. Dennoch besitzt diese kurze Novelle etwas Eigenartiges, beinahe Einzigartiges: den Versuch, den Flug einer Frau ins All nicht als Aufbruch, sondern als Flucht zu erzählen – nicht vor der Welt, sondern vor dem eigenen Leben.

Fazit:
Die Kosmonautin ist keine Science-Fiction-Geschichte im klassischen Sinne. Die Heldin ist keine Heldin, das Ziel ist nebensächlich, denn der Weg selbst wird zur eigentlichen Erfahrung. Jo Lendles poetische Prosa richtet sich an Leserinnen und Leser, die bereit sind, im Moment zu verweilen, sich treiben zu lassen und zwischen den Zeilen zu lesen. Der Text will erinnern, festhalten, Verlust sichtbar machen, Ängste umkreisen und zur Selbstreflexion einladen. Nicht jede Passage trägt diese Idee gleichermaßen, doch am Ende bleibt für jeden Leser ein Moment der Erdung zurück. Möge jeder Mensch eines Tages ins All aufbrechen dürfen, nicht um zu fliehen, sondern weil er es will und kann. Die Kosmonautin ist ein leises Buch, das weniger voranschreitet, als den Blick nach innen lenkt.

Matthias Göbel

Autor: Jo Lendle
Taschenbuch: 192 Seiten
Verlag:btb Verlag
Veröffentlichung: 04.01.2010
ISBN: 9783442740154
 

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Bearbeitet von einz1975
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