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Tanja Reize – Das Verbot - Band 2


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Mit dem zweiten Band von „Das Verbot“ führt Tanja Reize ihre dystopische Vision konsequent weiter und erweitert die im ersten Teil geschaffene Welt um neue, deutlich dunklere Facetten. Während wir in Band eins eine beinahe perfekte Utopie kennenlernen durften, überschattet lediglich von dem strikten Verbot, über die Marsmission zu sprechen oder Fragen zu stellen, zeigt sich nun, dass die damaligen Enthüllungen nur der Auftakt zu weitreichenderen Umwälzungen waren. Der Widerstand gegen das bestehende System wächst, und mit ihm kommen Wahrheiten ans Licht, die das Fundament dieser Gesellschaft nachhaltig erschüttern. Neben der bekannten Controllerin und ihrem geheimnisvollen Partner tritt eine neue Figur auf den Plan, die möglicherweise für einen echten Neubeginn der Menschheit stehen könnte.

Bereits auf den ersten Seiten wird deutlich, dass sich der zweite Band atmosphärisch bewusst vom Vorgänger absetzt. Der Ton ist ernster, bedrohlicher, und die dystopischen Elemente stehen nun offen im Vordergrund. Diese Entscheidung verleiht der Geschichte eine neue Intensität und unterstreicht die Konsequenzen der zuvor aufgedeckten Lügen. Zwar treten die ruhigen, beinahe alltäglichen Momente aus Band eins etwas in den Hintergrund, doch dafür gewinnt der Roman an Dynamik und Dringlichkeit. Die Flucht der Controllerin aus ihrem Unterschlupf, der verheerende Brand, der eine technikfreie Gemeinschaft auslöscht, sowie die Offenlegung des DECIDOM – des dezentralen Entscheidungsmatrixsystems der Regierung – treiben die Handlung mit hoher Spannung voran und vertiefen das Bild eines Systems, das weitreichender kontrolliert, als es zunächst den Anschein hatte. Besonders interessant ist die Darstellung der Rebellion.

Eine Gruppe von Aufständischen dringt in die Machtzentren ein und deckt Wahrheiten auf, die sowohl die Figuren als auch die Leser zum Nachdenken zwingen. Die Autorin entscheidet sich dafür, zentrale Informationen früh preiszugeben, weniger als Spannungsinstrument, sondern vielmehr als Einladung zur Reflexion. Denn schnell wird klar, dass auch die Rebellion nicht frei von problematischen Idealen ist. Der Kampf um Freiheit und Selbstbestimmung wird mit Ideen verknüpft, die selbst wieder neue Formen von Kontrolle und Anpassung erzeugen. Gerade diese moralische Grauzone verleiht dem Roman zusätzliche Tiefe und verhindert einfache Schwarz-Weiß-Zuordnungen. Leon, der Erotikexperte, entwickelt sich in diesem Band besonders vielschichtig. Hinter der Fassade des kontrollierten Funktionsträgers verbergen sich dunkle Geheimnisse, die nach und nach ans Licht kommen und seine Rolle innerhalb des Systems neu definieren.

Ergänzt wird diese Ebene durch die Einführung eines Jungen, der sich durch seine außergewöhnliche emotionale Wahrnehmung deutlich von allen anderen unterscheidet. Fragen nach kontrollierter Empathie, gezielter Entwicklung von Emotionen und möglicher Evolution verleihen der Geschichte eine philosophische Dimension, die über die reine Handlung hinausweist. Welche Verantwortung trägt der Einzelne und welche die Gesellschaft für das, was aus dem Menschen gemacht wird? Auch der Bereich der Erotik erfährt eine Weiterentwicklung. Die erotischen und teils sehr expliziten Szenen sind erneut ein fester Bestandteil der Geschichte, wirken diesmal jedoch kühler und konzeptioneller. Neue Formen von Nähe, Züchtung und Bindung spiegeln die emotionale Entfremdung dieser Welt wider und passen thematisch gut zur zunehmenden Härte der erzählten Realität. Im Vergleich zum ersten Band stehen weniger romantische Entdeckungen im Vordergrund, dafür aber eine konsequente Auseinandersetzung mit Macht, Kontrolle und Abhängigkeit.

Fazit:
Das Verbot – Band 2 ist eine konsequente, aber gewagte Fortsetzung, die den Fokus klar verschiebt: von der trügerischen Harmonie hin zur offenen Konfrontation mit den Abgründen einer kontrollierten Gesellschaft. Die Geschichte ist düsterer, zugleich aber auch komplexer und gedanklich anspruchsvoller. Die Figuren entwickeln sich glaubwürdig weiter, auch wenn ihre Entscheidungen nicht immer angenehm oder wünschenswert sind. Die Erotik bleibt ein prägender Bestandteil und ist erneut sehr explizit, fügt sich jedoch thematisch in die kältere Welt dieses Bandes ein. Besonders die aufgeworfenen Fragen nach Freiheit, Wissen, technischer Kontrolle und menschlicher Identität machen den Roman lesenswert. Auch wenn Band eins emotional stärker wirken mag, überzeugt der zweite Teil durch seine Tiefe, Konsequenz und den Mut, unbequeme Gedanken zuzulassen.

Matthias Göbel

Autorin: Tanja Reize
Taschenbuch: 287 Seiten
Verlag: Selfpublisher
Veröffentlichung: 13.01.2026
ISBN: 9798243942928
 

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