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...wipe them out - all of them!

Gabriel Kerguelen – ULURU: Der Preis der Sterne - Band 1


einz1975

Empfohlene Beiträge

Joaquim Moreau befindet sich auf einer Reise nach Australien – einem Land, einem ganzen Kontinent, der trotz moderner Zeitrechnung noch immer voller Geheimnisse steckt. Eigentlich will er nur einen alten Freund besuchen. Gemeinsam möchten sie ein paar ruhige Tage verbringen, vielleicht aus reiner Nostalgie ein wenig Gold schürfen und über vergangene Zeiten plaudern. Doch Australien ist mehr als nur Landschaft und Weite: In Begegnungen mit den Aborigines kommt Joaquim einer uralten Geschichte näher, denn niemand kann die Vergangenheit eines Volkes authentischer erzählen als jene, die sie selbst erlebt und bewahrt haben. Als sein Freund plötzlich in eine Felsspalte stürzt und nur knapp dem Tod entgeht, beginnt sich alles zu verändern. Joaquim stößt auf etwas, das er zunächst kaum glauben kann: Hat tatsächlich eine Spinne seinem Freund das Leben gerettet? Ist es möglich, dass ein Mensch mehrere Tage ohne Wasser und Nahrung überlebt? Der Genetiker in Joaquim erwacht, und aus Neugier wird bald eine obsessive Suche nach der Wahrheit.

Gabriel Kerguelen beginnt seinen Roman auffallend ruhig. Die Handlung spielt in einer nahen Zukunft, die unserer Gegenwart erstaunlich ähnlich ist. Zwar ist die Menschheit gerade dabei, den Mars zu erreichen, doch diese Mission, trotz ihrer Probleme und drohenden Katastrophen, bleibt zunächst nur eine Randnotiz. Der Fokus liegt ganz klar auf Australien. Über weite Strecken fühlt sich das Buch wie ein atmosphärischer Reisebericht an. Detailreiche Beschreibungen lassen Landschaft, Flora, Fauna und das Leben im Outback lebendig werden. Auch die Figuren entwickeln sich langsam und organisch; man nähert sich ihnen vorsichtig, fast tastend. Besonders hervorzuheben ist die sorgfältig recherchierte Einbindung der Kultur und Mythen der Aborigines, die glaubwürdig und respektvoll in die Geschichte eingeflochten werden.

Manches davon ist vertraut, anderes völlig neu, wie etwa die Existenz eines besonderen Insekts, das den Menschen nachhaltig verändern kann. Die Aborigines kannten die Wirkung dieser Spinne bereits vor Jahrhunderten und verbannten sie bewusst aus ihrem Leben. Doch einige Exemplare haben überlebt und wurden nun wiederentdeckt. Ihr Netz enthält ein Gift, das seine Opfer lähmt, sie jedoch nicht tötet, sondern über Wochen hinweg am Leben hält. Beim Menschen jedoch entfaltet diese Substanz eine weitaus tiefgreifendere Wirkung: Wunden heilen schneller, Krankheiten verschwinden, der Körper verjüngt sich. Doch all das ist nur die Oberfläche. Denn dieses Molekül verändert auch das Bewusstsein selbst. Es ist nicht einfach ein Traum, den die Betroffenen erleben. Einige wenige Menschen begeben sich auf eine Reise des Ichs – der Geist überschreitet unvorstellbare Entfernungen, wandert an Orte jenseits unseres bisherigen Verständnisses. Und all das ist real. Wirklichkeit.

Joaquim ist einer dieser wenigen Auserwählten, und bald wird klar, wie süchtig dieses Erleben machen kann. Die Sehnsucht nach dieser Erfahrung ist so stark, dass Loslassen unmöglich erscheint. Dass auch andere Parteien auf dieses Phänomen aufmerksam werden, ist unausweichlich und so entwickelt sich die Geschichte zunehmend zu einem Thriller. Die Struktur des Romans ist dabei nicht immer geradlinig. Kerguelen erlaubt sich Abschweifungen, nimmt Umwege in Kauf, um Joaquim näher zu beleuchten: seine Gedanken, seine Beweggründe, seine kleinen Alltagsbeobachtungen, aber auch sein Scheitern, seine Abhängigkeit und den beinahe vollständigen Verlust seiner selbst. Gegen Ende nimmt die Action spürbar zu, was nicht zwingend notwendig gewesen wäre, denn die eigentliche Faszination liegt in der Idee selbst: Ist das Bewusstsein womöglich quantenverschränkt und existiert in einer bislang unbekannten Dimension des Seins? Eine gewagte, faszinierende Hypothese – Science-Fiction, wie man sie schon lange nicht mehr gelesen hat.

Fazit:
Auf unserer Erde existiert unermessliches Wissen, von dem vieles verloren gegangen ist. Manche alten Völker bewahrten Weisheiten, die wir heute mühsam neu entdecken müssen. Und es gibt Geheimnisse, die vielleicht niemals hätten wiedergefunden werden sollen – so wie jene dieser kleinen Spinne. Dass ihr Molekül so viel Gutes bewirken könnte, der Mensch jedoch auch nach Jahrtausenden noch immer nicht fähig ist, verantwortungsvoll damit umzugehen, bildet den tragischen Kern der Geschichte. Joaquim funktioniert als solide Hauptfigur, wobei man sich fragen kann, ob nicht vielmehr die Menschheit selbst die eigentliche Protagonistin ist. Denn diese Entdeckung hätte das Potenzial, eine völlig neue Lebensweise einzuläuten: keine Krankheiten mehr, schnelle Heilung, ein langes Leben und Reisen zu den Sternen allein mit dem Bewusstsein. Ich gebe zu, Gabriel Kerguelen hat mich mit dieser Geschichte überrascht. Der Umfang ist enorm und an manchen Stellen vielleicht zu lang, doch er belohnt mit eindrucksvollen Bildern Australiens und einer außergewöhnlich durchdachten Science-Fiction-Idee. Eine ungewöhnliche, manchmal fordernde Reise, aber eine, die man nicht so schnell vergessen wird. Klare Leseempfehlung.

Matthias Göbel

Autor: Gabriel Kerguelen
Taschenbuch: 750 Seiten
Verlag: Selfpublisher
Veröffentlichung: 01.01.2026
ISBN: 9791097902445
 

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