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Sam Hughes - Wir haben keine Antimemetik-Abteilung


einz1975

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„Ein Antimeme ist eine Idee, die sich selbst zensiert, ein Gedanke, der von Natur aus verhindert, dass Menschen ihn erinnern oder weitergeben können.“ Mit dieser ebenso faszinierenden wie verstörenden Prämisse erklärt Sam Hughes seinen ungewöhnlichen Roman. Doch was genau ist eine Antimemetik-Abteilung? Welche Aufgabe erfüllt sie? Und wie bekämpft man eine Bedrohung, an die sich niemand erinnern kann? Im Zentrum der Geschichte steht eine geheime Spezialeinheit, deren Auftrag es ist, sogenannte antimemetische Entitäten aufzuspüren, zu analysieren und wenn möglich, zu neutralisieren. Diese „Wesen“ sind keine klassischen Monster. Vielmehr handelt es sich um Ideen oder Phänomene, die sich dem menschlichen Gedächtnis entziehen. Wer mit ihnen in Berührung kommt, vergisst sie wieder. Manche löschen nur Minuten aus dem Kurzzeitgedächtnis, andere ganze Lebensabschnitte. Damit wird Erinnerung selbst zur brüchigen Ressource.

Auch langjährige Mitarbeiter der Abteilung sind davor nicht geschützt. Figuren wie Marion Quinn oder andere Agenten kämpfen nicht nur gegen das Unbekannte, sondern auch gegen das eigene Vergessen. Sie arbeiten mit Notizen, Tattoos, Medikamenten und komplexen Dokumentationssystemen, um sich an das zu erinnern, was nicht erinnerbar sein will. Dennoch bleibt jede Erkenntnis fragil. Ein haushoher Monolith kann mitten in der Landschaft stehen und niemand außer speziell geschulten Agenten nimmt ihn wahr. Im Verlauf des Romans wird deutlich, dass die Bedrohung weit größer ist als einzelne Vorfälle. Einige antimemetische Entitäten erscheinen harmlos oder leben unerkannt unter den Menschen.

Andere jedoch sind von zerstörerischer Natur und führen letztlich zu einer unsichtbaren Form des Krieges, einem Krieg, der beginnt und endet, ohne dass sich die Mehrheit der Menschheit je daran erinnern könnte. Realität, Zeit und Identität geraten ins Wanken. Hughes’ Stil ist experimentell und fragmentarisch. Der Roman setzt sich aus Berichten, Dialogen, Aktenauszügen und geschwärzten Passagen zusammen. Diese Form unterstützt das zentrale Thema des Vergessens und der Informationslücken, erschwert jedoch gleichzeitig die Lektüre. Zusammenhänge erschließen sich nicht immer sofort, Figuren wirken teilweise eher wie Träger philosophischer Ideen denn als emotional greifbare Charaktere. Der Text verlangt Aufmerksamkeit und Bereitschaft, sich auf ein ungewöhnliches Erzählexperiment einzulassen.

Hier liegt sowohl die große Stärke als auch die Schwäche des Buches. Die Grundidee, ein Roman über Ideen, die sich selbst auslöschen, ist originell und intellektuell reizvoll. Sie berührt fundamentale Fragen: Was ist Erinnerung? Was bedeutet Identität? Wie stabil ist unsere Wahrnehmung der Wirklichkeit? Doch die Umsetzung ist komplex, stellenweise sperrig und nicht immer leicht zugänglich. Die fragmentierte Struktur kann faszinieren, aber auch distanzieren. So richtet sich das Werk vor allem an Leserinnen und Leser, die Freude an konzeptioneller Science-Fiction, philosophischen Gedankenspielen und experimentellen Erzählformen haben. Wer eine klar strukturierte Handlung mit klassischem Spannungsaufbau erwartet, könnte hingegen Schwierigkeiten haben.

Fazit:
„Wir haben keine Antimemetik-Abteilung“ ist ein Roman mit Kultcharakter, gerade weil er sich einfachen Erklärungen verweigert. Ideen werden zu Monstern, Erinnerung wird zur Waffe, und das Vergessen selbst wird zur größten Bedrohung. Die Charaktere fungieren oft nur als Symbole innerhalb eines größeren Konzepts, während die Entitäten nüchterne Bezeichnungen tragen, als ließen sie sich katalogisieren, obwohl sie sich jeder Ordnung entziehen. Was genau Sam Hughes mit seinem Werk aussagen möchte, bleibt offen. Vielleicht ist genau das Teil des Konzepts, denn wenn es tatsächlich eine Antimemetik-Abteilung gäbe, hätten wir sie womöglich längst vergessen. Das größte Problem des Romans ist, dass er mehr Konzept als Geschichte ist. Die Grundidee, ein Buch über Ideen, die sich selbst auslöschen, ist außergewöhnlich. Doch die emotionale und narrative Umsetzung bleibt hinter diesem Anspruch zurück. Die philosophischen Fragen nach Erinnerung, Identität und Wirklichkeit sind interessant, werden jedoch eher angedeutet als konsequent durchdacht. Definitiv kein Buch für nebenbei, sondern eines, das fordert. Ob es dabei auch nachhaltig berührt, bleibt fraglich.

Matthias Göbel

Autor: Sam Huges
Übersetzung: Urban Hofstetter
Taschenbuch: 320 Seiten
Verlag: Heyne Verlag
Veröffentlichung: 12.11.2025
ISBN: 9783453275539

 

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