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...wipe them out - all of them!

Kali Wallace - Dead Space


einz1975

Empfohlene Beiträge

In einer fernen Zukunft sind künstliche Intelligenzen aus Wirtschaft, Wissenschaft und Alltag nicht mehr wegzudenken. Sie steuern komplexe Prozesse, analysieren riesige Datenmengen und übernehmen Aufgaben, die für Menschen längst nicht mehr zu bewältigen wären. KI-Trainerin Hester Marley gehörte einst zu den vielversprechendsten Köpfen ihres Fachs. Mit ihrer eigens entwickelten KI betrat sie technologisches Neuland, ein Modell, das in seiner Leistungsfähigkeit und Autonomie bislang einzigartig war. Doch während eines hochrangigen Symposiums kommt es zu einem verheerenden Terroranschlag. Hesters KI wird zerstört, zahlreiche Menschen sterben, und sie selbst überlebt nur knapp. Schwer verletzt verliert sie ein Bein, einen Arm und ein Auge, welche durch hochentwickelte Prothesen ersetzt wurden. Neben den körperlichen Narben bleibt vor allem ein tief sitzendes Trauma. Viele Jahre später arbeitet Hester als Security Officer im Bereich Analyse auf einer abgelegenen Raumstation, die auf einem Asteroiden errichtet wurde. Dort ist sie für Risikoanalysen, Sicherheitsbewertungen und interne Ermittlungen zuständig, ein ruhiger Posten, fernab der Öffentlichkeit und ihrer Vergangenheit. Doch die holt sie schneller ein, als ihr lieb ist: Kurz vor seinem Tod kontaktiert sie ein Mann, der ebenfalls den damaligen Anschlag überlebt hatte. Er deutet an, dass es neue Erkenntnisse zu den Ereignissen von einst gibt, dann wird er ermordet. Wusste er mehr? Und musste er deshalb sterben?

Kali Wallace eröffnet die Geschichte eindringlich: Ein junger Mann, der sich illegale künstliche Implantate einsetzen ließ, wird schwer verletzt aufgefunden und schwebt zwischen Leben und Tod. Schon hier zeigt sich die dunkle Seite dieser Zukunft, der verzweifelte Wunsch nach Optimierung, nach Zugehörigkeit oder wirtschaftlichem Überleben, der Menschen dazu bringt, enorme Risiken einzugehen. Technologischer Fortschritt bedeutet hier nicht automatisch Fortschritt für die Menschlichkeit. Gleichzeitig erhält der Leser erste Einblicke in den damaligen Terroranschlag und lernt Hester als vielschichtige Protagonistin kennen. Ihr Umgang mit den künstlichen Gliedmaßen ist geprägt von Pragmatismus, aber auch von Schmerz, physisch wie psychisch. Die verlorene Karriere, die Schuldgefühle und die nie vollständig verarbeiteten Erinnerungen begleiten sie permanent. Trotz allem hat sie sich zurück ins Leben gekämpft, wenn auch in einer anderen Rolle als ursprünglich geplant.

Auch die Raumstation wird atmosphärisch dicht beschrieben: ihre sterile Architektur, die Enge der Korridore, das kalte Licht, das Gefühl permanenter Isolation im All. Funktionalität steht über allem. Diese klaustrophobische Umgebung unterstreicht die Grundstimmung des Romans: düster, angespannt, unterschwellig bedrohlich. Der Ermordete bleibt trotz seines frühen Todes eine zentrale Figur. Durch Rückblenden, Gespräche und Akten erhält man umfassende Einblicke in sein Leben und seine Verbindung zum damaligen Anschlag. War sein Tod eine späte Konsequenz der Ereignisse von einst? Oder verbirgt sich hinter dem Mord ein ganz anderes Motiv? Gemeinsam mit ihrem Vorgesetzten beginnt Hester, die Crew der Station zu befragen. Dabei treten Widersprüche und vage Aussagen zutage, die Misstrauen säen. Die Ermittlungen entwickeln sich Schritt für Schritt, eher analytisch und methodisch als spektakulär. Genau hier liegt die Stärke des Romans: in der präzisen, beinahe detektivischen Kleinarbeit. Allerdings werden Dialoge häufig von längeren Gedankengängen und erklärenden Passagen unterbrochen. Diese liefern zwar interessante Hintergrundinformationen, bremsen jedoch den Lesefluss. Straffere Dialogführung hätte hier für mehr Dynamik sorgen können.

Die Geschichte bleibt nicht bei einem Mordfall. Weitere Vorfälle verschärfen die Lage auf der Station, und die Spannung nimmt zu. Es kommt zu actionreicheren Szenen, die das Tempo deutlich anziehen. Diese sind nachvollziehbar und dramaturgisch sinnvoll eingebettet, wirken jedoch mitunter etwas ausgedehnt. Die Wahrheit offenbart sich nach und nach in kleinen Puzzleteilen. Als Expertin für künstliche Intelligenzen erkennt Hester Muster und Zusammenhänge, die anderen entgehen. Ihre fachliche Kompetenz wird so zum entscheidenden Werkzeug, nicht rohe Gewalt oder Zufall, sondern analytisches Denken führt sie näher an die Lösung heran. Als schließlich alle Fäden zusammenlaufen, wirkt die Auflösung insgesamt eher nüchtern als spektakulär. Dennoch schließt sich ein Kreis, der Jahre zuvor mit dem Terroranschlag begann. Der Roman verweist dabei subtil auf aktuelle Entwicklungen im Bereich KI und stellt die Frage, wie viel Kontrolle der Mensch langfristig über seine eigenen Schöpfungen behalten kann.

Fazit:
„Dead Space“ – nicht zu verwechseln mit dem gleichnamigen Videospiel – ist ein atmosphärischer Science-Fiction-Thriller mit starkem Krimi-Anteil. Kali Wallace verbindet klassische Ermittlungsarbeit mit Zukunftsvisionen und einer beklemmenden Raumstationskulisse. Besonders gelungen sind die dichte Grundstimmung, die glaubwürdige Protagonistin und die detaillierte Ausarbeitung der technologischen Hintergründe. Schwächen zeigen sich vor allem in der teilweise überladenen Dialoggestaltung und einigen etwas zu langen Actionpassagen. Der Plot selbst ist solide, wenn auch nicht gänzlich neu. Wer jedoch Lust auf eine düstere, klaustrophobische Sci-Fi mit psychologischem Tiefgang und KI-Thematik hat, findet hier eine gut erzählte Geschichte.

Matthias Göbel

Autorin: Kali Wallace
Übersetzung: Bernhard Kempen
Taschenbuch: 348 Seiten
Verlag: Heyne Verlag
Veröffentlichung: 14.01.2026
ISBN: 9783641334741

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Bearbeitet von einz1975
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