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  • Monitor - 6x13: Der Wert der Familie

    All new episode!
    Wenn die Familie in Gefahr ist, wenn die Nerven blank liegen, wenn man mit dem Feind zusammenarbeiten muss... dann stellt sich die Frage: Was ist der Wert der Familie?

    Vor 38 Jahren...


    Der große, einschneidende Moment für die Familie Lewinski war gekommen. An der Hand seines Vaters wurde John in das Krankenzimmer geführt. Er fürchtete sich ein wenig vor diesem Ort, denn er war fremd. Die Wände wirkten kühl und abweisend, hatten nichts von der Wärme, die ihr Zuhause in Toronto aufwies. Auch der Grund für den Besuch hier erschien dem kleinen Jungen skurril. Das einzige, was er wusste, war die plötzliche Abwesenheit seiner Mutter vor einigen Tagen gewesen, gepaart mit der gestiegenen Nervosität seines Vaters. 
    Ab und an hatten sie mit John Gespräche darüber geführt, dass sich ihre Familie bald verändern würde, doch so richtig hatte er den Grund nicht verstanden.
    Endlich konnte er aus seiner niedrigen Position seine Mutter erkennen. Wie sehr er sie doch vermisst hatte! Langsam wurde er von seinem Vater Luke zum Bett geführt und dann darauf gehievt.
    Dann erst erkannte er das ungewöhnliche Objekt in den Armen seiner Mutter. Es war klein, fast schon zart und wirkte wie eine Puppe. Bei näherem Hinsehen konnte man jedoch erkennen, dass sich die Puppe bewegte. Sie atmete und bewegte ab und an die Augenlieder. Sie schlief! Es schien sich in der Tat um ein menschliches Wesen zu handeln, dies war John schon mit seinen fünf Jahren klar! Seine Mutter lächelte ihn an und auch sein Vater schien überaus glücklich.
    „John, das ist hier dein Brüderchen“, erklärte seine Mutter. Sie war zwar noch geschwächt von der Geburt, aber dennoch überaus glücklich. „Sag Hallo zu Martin!“
    Der kleine John Lewinski konnte nicht anders, als fasziniert auf das kleine Objekt, dass sein Bruder sein sollte, zu starren. Sanft berührte er das Wesen und fühlte seine weiche, warme Haut. Das Baby wirkte so zerbrechlich! Irgendwie konnte sich John beim besten Willen nicht vorstellen, wie das funktionieren sollte. Im Gegensatz zu vielen anderen Kindern in dieser Situation empfand er keinen Neid oder dergleichen, er war einfach nur nicht in der Lage sich vorzustellen, wie das ganze nun funktionieren sollte. Neben seinen Eltern, ihm, nun eine Person namens Martin? Was für eine Person würde er sein, wie würde er sich entwickeln?
    Ein ganz neues Abenteuer stand den Lewinskis bevor, soviel stand für John schon einmal fest! 


    Ganz in zivil gekleidet, liefen Captain Lewinski, Lieutenant Bird und der Sicherheitsmann Henderson durch die Gassen der Stadt. Menschenmassen drängten sich an ihnen vorbei, nahmen jedoch nicht von ihnen Notiz. Für die Einheimischen waren sie nichts Weiteres als eine weitere Gruppe an Touristen. Dass sie in Wirklichkeit Sternenflottler waren, mehr noch, für den Geheimdienst arbeiteten, das war niemandem bewusst. John Lewinski setzte eine grimmige Miene auf. Erst vor wenigen Stunden waren sie auf der Föderationskolonie Proxima Centauri eingetroffen, doch er fühlte, dass er hier richtig war. Seit einer guten halben Stunde wanderten sie durch die Hauptstadt des Planeten, auf der Suche nach einer ganz bestimmten Person. Dabei irrten sie ganz und gar nicht herum, ihr Gang erschien nur ziellos, um keinen Verdacht zu erregen. In Wahrheit wussten sie alle ganz genau, wo ihr Ziel war.
    Während der bisherigen Mission hatte die Gruppe nicht miteinander gesprochen. Danny Bird hatte zwar mehrfach versucht ein Gespräch über den Ablauf anzufangen, doch der Captain war wortkarg geblieben. Dieses Mal gab sich der Kommandant keinerlei Mühe seine Anspannung zu verstecken, sie war auch so deutlich sichtbar. Niemand konnte es ihm verdenken. Meistens, wenn sich die Monitor auf einer Mission befand, konnte man berufliches und privates voneinander trennen. Doch was, wenn diese beiden Faktoren miteinander verknüpft waren? Dann wurde es schwierig.
    Endlich erreichten sie ihr Ziel, einen scheinbar einfachen Laden, in dem elektronisches Gerät verkauft wurde. Falls man Uhren, Computer, Spielzeug oder ähnliches suchte, hier fand man es. Die Inhaberin war eine Frau Anfang dreißig, die für diese Art von Verantwortung noch zu
    Jung wirkte. Dennoch schien sie im Gespräch mit ihren Kunden vollste Kontrolle zu besitzen. Die drei Männer betraten den Mann, schauten sich dann beinahe beiläufig um und warteten, bis die letzten Kunden, ein älteres Ehepaar, den Laden verlassen hatten. Dann ging Lewinski auf die Inhaberin mit dem Namen Talula zu. Bird und Henderson stellten sich in jeweils eine Ecke des überschaubaren Ladens und achteten unauffällig darauf, dass niemand Zeuge des folgenden Gesprächs werden würde.
    „Kann ich irgendetwas für sie tun?“ fragte Talula. Die Bajoranerin sah genauso aus wie auf dem Foto, welches John nach mühsamer Suche hatte finden können. Ungewöhnlicherweise trug sie keinen Ohrring, normalerweise das religiöse Symbol ihres Volkes. Der Kommandant gab sich alle Mühe in diese Auffälligkeit nichts hineinzuinterpretieren, was ihm jedoch nur leidlich gelang.
    „Ich bin auf der Suche“, erklärte John mit ruhiger Stimme und log dabei nicht mal. Kurz strich er seine Jacke zurück, stemmte die Hände in die Hüften und setzte eine trotzige Haltung auf.
    „Und was darf es denn sein, mein Herr? Sind sie möglicherweise auf der Suche nach einem Geschenk?“
    Talula lächelte im Anschluss an diese Frage, doch John merkte, wie unecht diese Geste doch war. Schon zu lange hatte er mit solchen Personen zu tun. Menschen, die Masken aufsetzten, um von der Wirklichkeit abzulenken; Leute, die nur spielten.
    „Ich bin auf der Suche nach einer Person“, erklärte Lewinski mit bewundernswert ruhiger Stimme und holte ein Padd hervor, auf dem ein Bild abgespeichert war. Das von Martin Lewinski. Er zeigte es der Verkäuferin und versuchte eine Reaktion aus ihrem Gesicht herauszulesen. Für diese Identifizierung hatte John kein Fahndungsfoto genommen, sondern ein Familienfoto. Eine Aufnahme aus glücklicheren Tagen. Es war eine der letzten gewesen, bevor Martin aus ihrem Leben verschwunden war. Zwar war es schon einige Jahre alt, doch es würde reichen, um zu erkennen, wer die gesuchte Person war. John hatte es einfach nicht übers Herz gebracht ein Verbrecherfoto seines Bruders mit sich zu führen. 
    „Tut mir Leid, kenne ich leider nicht.“
    Rein sprachlich klang ihre Antwort überzeugend, doch der Kanadier konnte deutlich die Lüge in ihren Gesichtszügen ablesen. Er hatte in den letzten Wochen nicht so hart gearbeitet, hatte nicht so viel geopfert, um sich nun kurz vor Schluss so abspeisen zu lassen.
    „Sind sie sicher?“ fragte er noch einmal mit bemerkenswerter Ruhe.
    „Ja, absolut“, entgegnete Talula. „Ich weiß nicht, wer dieser Mensch ist.“
    John wandte seinen Blick ab, schaute zu Henderson und dann zu Bird. Danny erwiderte seinen Blick, fragte sich, was der Captain wohl nun tun würde. Seit Tagen konnte man bei ihm die Anspannung beobachten und nun diese Abfuhr?
    Dann tat der Mensch etwas, was keiner erwartet hatte. Er lächelte schief. Diese Geste wirkte zum momentanen Zeitpunkt so deplaziert wie eine Geburtstagsparty auf dem Friedhof. Dann griff er unter seine Jacke, holte einen Phaser hervor und richtetet ihn blitzschnell auf die Ladeninhaberin. Talula wich erschrocken einen Schritt zurück und lief gegen ihre Theke.
    „Was... was geht hier vor sich?? Ist dies ein Einbruch?“ rief sie schockiert und versuchte den stummen Alarm auszulösen, der an der Theke angebracht war. Doch das Sternenflottenteam hatte ihn schon beim Betreten des Geschäfts ausgeschaltet und so waren ihre Bemühungen zwecklos.
    „Sie brauchen ihre Spielchen nicht mehr weiterzuspielen. Ich weiß, wer sie sind und ich weiß ganz genau, dass sie wissen, wo sich Martin Lewinski aufhält, “ keifte John und richtete dabei weiter die Waffe auf die Frau. „Sie werden mir nun auf der Stelle sagen, wo sich dieser Mann befindet oder sie werden so lange in einem Gefängnis schmoren, dass sie nicht mehr wissen, wann sie überhaupt Geburtstag haben!“
    „Wer sind sie?“ Panik stieg langsam in Talula auf. „Sind sie von der Polizei?“
    „Nein, ich bin etwas viel schlimmeres. Sagen sie mir jetzt endlich, wo ich Martin Lewinski finde!“
    „Oder was? Töten sie mich dann?“
    Die Frage kam überraschend für alle Anwesenden, doch John blieb cool. Vielleicht sogar zu cool.
    „Die Waffe ist auf jeden Fall auf Töten eingestellt.“
    Irritiert blickten sich Henderson und Bird an. Der Crewman weitete überrascht die Augen, während Danny versuchte sich nichts anmerken zu lassen. Vielleicht funktionierte der Bluff ja. Es war doch ein Bluff, oder etwa nicht? 
    Talula blickte zu Lewinski, auf die Waffe und dann wieder zurück auf den Fragesteller. Schließlich nickte sie.
    „Mr. Bird, “ befahl John, ohne dabei den Blick von der Gefangenen zu nehmen, „wir bringen Ms Talula an Bord des Schiffes, wo sie uns einige Fragen beantworten möchte. Ich bin immer glücklich, wenn man mit den offiziellen Stellen zusammenarbeitet.“
    Endlich steckte der Captain den Phaser wieder in den Hohlster und ließ Danny die Koordinaten an das Schiff durchgeben. Für einen kurzen Moment hatte der Sicherheitschef befürchtet, dass... 
    Ja, was hatte er eigentlich befürchtet? Seit einigen Tagen wirkte der Captain anders. Hoffentlich ging diese Sache gut aus.

    Das seine Frau aufgeregter als sonst war, war Ardev schon vor einer ganzen Weile aufgefallen. Obwohl sie alle in die Bewältigung der aktuellen Mission vertieft waren, konnte der Andorianer sein Privatleben nicht außer Acht lassen. Seine Frau wirkte lebendiger als sonst, sprunghafter. Irgendetwas ging in ihrem Kopf vor und der Lieutenant beschloss der Sache auf den Grund zu gehen. Während eines kurzen Abstechers in den Maschinenraum fing er Arena ab und bat sie um ein kurzes Gespräch.
    „Mir ist aufgefallen“, meinte der Andorianer, „dass du heute irgendwie anders bist. Ich habe das Gefühl, du bist auf etwas gespannt. Hat es etwas mit unserer Mission zu tun?“
    Arena Tellom blickte kurz zu Boden, dachte darüber nach, wie sie die Sache am besten sagen sollte. Es war wunderbar.
    „Ich war vor kurzem bei Elisabeth“, erklärte die Terellianerin und bezog sich dabei auf die Bordärztin der Monitor, „und habe mich untersuchen lassen. Es besteht die Möglichkeit, dass ich schwanger bin.“
    Im Anschluss an diesen Satz herrschte für einen Sekundenbruchteil bedeutungsschwangere Stille. Den meisten wäre sie gar nicht aufgefallen, doch für Ardev kam sie wie eine Ewigkeit vor. Noch einige Male hallten ihre Worte in seinen Gedanken nach und langsam begann er zu lächeln. Konnte es denn möglich sein? Er wollte keiner Sache vorgreifen, doch der Gedanke daran, dass es wahr sein könnte, war wundervoll.
    „Was bedeutet es besteht die Möglichkeit?“ fragte Ardev und war auf einmal genauso aufgeregt wie seine Frau.
    „Nun, die Physiologie unserer beiden Spezies ist recht verschieden. Kompatibel, wie sie es uns schon einmal erklärt hat, dennoch komplex. Ich habe ihr eine Blut und Urinprobe hinterlassen, mit der sie genauere Untersuchungen durchführen wird. Sie setzt diese Sache ganz oben auf ihre Prioritätenliste!!“
    Seiner Frau war deutlich die Freude anzusehen und auch er selbst konnte sich der Magie dieses Momentes nicht entziehen. War es denn tatsächlich möglich? Vielleicht meinte es das Schicksal, nachdem letzten schweren Jahr, doch noch gut mit ihnen beiden.

    „Nächster Down!“
    Professionell imitierte John den Schlachtruf eines Quarterbacks. Es war ein frostiger kanadischer Herbstmorgen. Das Laub fiel von den Bäumen, der Wind blies ihm und seinem Bruder ins Gesicht. Mit seinen zehn Jahren war John zwar im schulpflichtigen Alter, doch endlich gab es Ferien und Zeit, das Leben zu genießen. Martin musste noch nicht zur Schule, aber auch er würde bald den Ernst des Lebens kennen lernen. Doch jetzt war es erst einmal an der Zeit die Sorgen des Lebens zu vergessen. Die beiden Lewinskis standen auf einer großen Wiese und John hielt einen Football in der Hand. Ihm gegenüber, etwa 30m entfernt, wartete Martin nur darauf seinen Angriff abzublocken. Aus dem kleinen Bündel war inzwischen ein Junge geworden, der eigene Sprache und Gedanken entwickelt hatte. Für John war es kaum vorstellbar, dass er selbst einmal in diesem Alter gewesen war. Wie so viele Kinder in seinem Alter wollte er auf der einen Seite erwachsen behandelt und ernst genommen werden. Doch auch seine kindliche Seite sollte nicht zu kurz kommen. Ein schwieriger Spagat, dies hatten seine Eltern mehr als einmal feststellen müssen.
    Doch in einer Rolle war er felsenfest: der als älterer Bruder. Es hatte seine Zeit gedauert, bis er sich in dieser Position akklimatisiert hatte, doch inzwischen empfand er stolz dabei, Martin die Weisheiten des Lebens zu zeigen; auch wenn sein eigener Fundus an Erfahrungen noch nicht so groß sein mochte. Doch ab und an nahm er Martin an die Hand, passte auf ihn auf und sorgte dafür, dass sich seine Eltern ab und an auch mal zurücklehnen dürften. 
    Doch das höhere Alter von John war logischerweise der Grund für eine seinem Bruder überlegene körperliche Kraft. Beide Brüder rannten aufeinander los, doch für den älteren Lewinski war es ein leichtes dem Angriff von Martin auszuweichen und bis zur Ziellinie zu sprinten. Triumphierend schleuderte John den Football zu Boden und feierte. In seinem Kopf ließ er einen mentalen Film ablaufen, wähnte sich im großen Stadion, der von Tausenden Zuschauern bejubelt wurde. Wie alle Kinder in seinem Alter besaß er eine lebende Fantasie. Doch es gab auch etwas, was ihn von anderen Jungs unterschied: eine fast schon väterliche Weitsicht. John bemerkte, wie sein junger Bruder entmutigt den Football aufnahm und sich daran machte seinen eigenen Angriff zu starten. Bisher lag er 0:4 zurück und es sah alles andere als so aus, dass er das Spiel noch drehen könnte. John ging in die Verteidigungsposition und fasste einen Entschluss. Siegessicher, aber langsamer als John, rannte Martin Lewinski auf seinen Bruder zu. Doch unerwarteter weise konnte er dem Angriff des Verteidigers ausweichen und seinen ersten Punkt in dem Spiel erzielen. Mit einem Lächeln schaute John seinen Bruder hinterher. Endlich hatte dieser auch ein Erfolgserlebnis.
    Leider akzeptierte Martin diese Geste nicht. Ganz im Gegenteil!
    „Was soll denn dieser Mist?“ fragte Martin wutentbrannt und tapste drohenden Schrittes in Richtung seines älteren Bruders.
    „Ich weiß nicht, was du meinst!“
    Angesichts der Situation hielt es John für besser, den Ahnungslosen zu spielen.
    „Dieser Angriff war Mist!“
    „Wenn er dies gewesen wäre, dann hättest du ja wohl keinen Touchdown erzielt, Martin.“
    „Nein das meine ich nicht“, schrie der kleine Bruder und versuchte John zu schubsen, was ihm natürlich nicht gelang. „Du hast mich absichtlich vorbei gelassen!“
    „Nein, habe ich nicht.“
    „Doch, das hast du!“ In Martins Augen loderte der Zorn. „Ich will nicht, dass du mir hilfst. Niemand soll mir helfen! Entweder schaffe ich etwas aus eigener Kraft oder gar nicht.“
    Nach diesen Worten stampfte der Bruder wutentbrannt in Richtung Haus. John blickte ihn noch lange Zeit nach und fragte sich, was er falsch gemacht hatte. 

    Direkt nach der Befragung betrat der Captain die Brücke und ging in seinen Bereitschaftsraum. Commander Matthew Price, der in seiner Abwesenheit das Kommando über das Schiff inne gehabt hatte, erhob sich und folgte dem Kommandanten ungefragt in dessen Büro.
    „Haben sie etwas herausgefunden, Skipper?“ fragte Price und blieb vor dem Schreibtisch Lewinskis stehen. Dieser wandte sich jedoch an seinen kleinen Spind, wo seine Sternenflottenuniform fein säuberlich aufgehängt war und begann diese gegen die Zivilkleidung auszutauschen. 
    „Ja, Ms Talula war mehr als kooperativ, “ raunte John und zog den Pullover über den Kopf und legte ihn so gut wie möglich zusammen, bevor er ihn in den Spind steckte. „Es ist schon erstaunlich, was man alles herausbekommen kann, wenn man nur mit der Staatsgewalt droht.“
    Price blickte kurz betreten zu Boden, überlegte seinen nächsten Schritt.
    „Mir ist zu Ohren gekommen, dass sie mit weit mehr als nur der Staatsgewalt gedroht haben.“
    Lange hatte Matt, nachdem er von Lieutenant Bird gehört hatte, was vorgefallen war, überlegt, ob diese Sache ansprechen sollte. Gerade aus seinem Mund würde es zynisch wirken, wenn er sich auf die Vorschriften berief. Mehr als einmal hatte er selbst Mist gebaut und dabei die Regeln gebogen. Man denke nur einmal an den Vorfall vor drei Jahren zurück, als er die Drogenschmiede eines Ferengis mit Torpedos zerstört hatte. 
    Und irgendwie konnte er den Captain bei diesen ganzen Sachen verstehen. Immerhin ging es bei dieser ganzen Sache um seinen Bruder!
    Genervt stoppte John für einen kurzen Moment seine Umzugsaktion und blickte zu Boden.
    „Hat Danny also nicht seine Klappe halten können?“
    „Danny sprach zu mir im Vertrauen und genau das tue ich bei ihnen auch, Skipper“, entgegnete Price und tat etwas, was er noch nie gemacht hatte: der Halbbetazoid legte seinem Kommandanten kameradschaftlich eine Hand auf die Schulter. „Sir, ich kann sie gut verstehen. Seit Wochen sind sie angespannt und haben nur ein Ziel vor Augen. Jeder hier weiß, dass ich auf ihrer Seite. Das Schiff steht auf ihrer Seite! Aber dazu müssen sie die Regeln einhalten! Die Regeln, die wir beschützen und an die sie auch so fest glauben. Sie jetzt über den Haufen zu werfen, wäre falsch.“
    John schloss die Uniformjacke und heftete sich als letzte Aktion den Kommunikator wieder an die Brust. Nun war er wieder für alle gut sichtbar ein Captain der Sternenflotte. Nachdenklich schloss er den Spind und wanderte durch sein kleines Büro.
    „Seit Wochen habe ich schon privat gegen meinen Bruder ermittelt“, erklärte John mit Grabesstimme. Zum ersten Mal war ihm deutlich die Erschöpfung anzusehen. „Immer wieder, zwischen unseren Aufträgen und in meiner Freizeit, habe ich Spuren verfolgt, Leute angerufen und befragt. Jetzt endlich habe ich genug Beweise gesammelt und Admiral LaToya gab uns die Erlaubnis meinen Bruder zu schnappen.“
    Price nickte. Natürlich kannte er dies alles schon, doch er hätte es als falsch empfunden seinen Captain zu unterbrechen. Für Lewinski war dies eine schwierige Phase. Wer an Bord dieses Schiffes hatte eigentlich keine Familienprobleme mehr? 
    „Ich muss ihn schützen“, murmelte John geistesabwesend, „am meisten vor sich selbst. Er ist ein Waffenhändler. Wer weiß, wie viele Menschen durch seine Verkäufe gestorben sind. Haben sie Geschwister, Commander?“
    „Nein“, entgegnete Price und dachte kurz nach. Obwohl es unsinnig war, lächelte er. „Na ja, inzwischen habe ich ja einen Halbbruder und eine Halbschwester, wie mir Arsani gesagt hat...“
    Mehr sagte Price nicht. Deutlich konnte er erkennen, dass der Mensch ihm nicht richtig zuhörte. John war inzwischen wieder in seine eigene Welt versunken und ein wenig ärgerte sich Matt darüber. Dachte der Captain etwa, er wäre der einzige mit Sorgen? Seit Wochen schon hatte Price nichts mehr von seinem Vater gehört und auch seine Tochter vermisste er. Sollte er beide anrufen? Wie ging man in solchen Fällen vor?
    „Setzen sie Kurs ins Sirius-System“, riss ihn Captain Lewinski unabsichtlich aus seinen Gedanken. „Dort soll mein Bruder laut Ms Talula seine Basis haben.“
    „Und woher weißt die Frau das?“
    Price´ Einwand war berechtigt. Außer, dass diese Frau den Aufenthaltsort kennen sollte, wusste er nichts über sie.
    „Sie und mein Bruder hatten eine gemeinsame Basis.“
    „Eine gemeinsame Basis?“ fragte Matt überrascht.
    „Sex.“ Mehr brauchte John nicht zu sagen, denn sein erster Offizier verstand. „Bevor wir gehen, übergeben sie bitte die Bajoranerin an die örtlichen Behörden. Ich bin sicher die Staatsanwaltschaft wird sehr interessiert über ihre Kontakte zu einem Waffenverkäufer sein.“
    „Aye, Sir, ich kümmere mich darum!“ bestätigte Price und verließ den Bereitschaftsraum. Im Moment war es wohl besser, wenn man den Skipper in Ruhe ließ.

    Campen war inzwischen zu einer festen Tradition im Hause Lewinskis geworden. Nicht nur Luke und seine Kinder führten dieses Ritual durch, nein, von einem Vater zum nächsten war dies weitergegeben worden. Luke hatte von seinem Vater die Fertigkeiten des Überlebens in der Natur gelernt und dieser von seinem, und so weiter und so weiter. Generationen von Lewinski hatten schon ihre Freizeit in den kanadischen Wäldern verbracht und nun war es an der Zeit, dass auch John und Martin diese Fähigkeiten lernten. Natürlich war die Situation nicht mehr so wie vor zweihundert Jahren. Wilde Tiere gab es kaum noch und die Technik hatte den Campern Annehmlichkeiten gebracht, die früher undenkbar gewesen waren. Doch am Ende kam es immer auf den Menschen an und diese Lektion sollten die Jungs lernen. 
    Luke war stolz auf seine Kinder. John war mit seinen 14 Jahren ungewöhnlich reif und besonnen. Dies machte den Vater überaus glücklich, doch ab und an betrachtete er diese Entwicklung auch mit Sorge. Genoss sein Ältester überhaupt seine Kindheit? In einigen Momenten wirkte John sehr nachdenklich, so als denke er über alle Probleme des Universums nach und wie er die Last auf seinen Schultern tragen könnte. Ab und zu musste John auch einmal sich fallen lassen können. Möglicherweise bot dieser Ausflug genau die richtige Gelegenheit, um seine Gedanken einmal treiben zu lassen.
    Martin war mit seinen 9 Jahren nicht minder erstaunlich, jedoch völlig anders als sein Bruder. Er war lebhaft und ehrgeizig; zudem sehr emotional. Der kleine Bruder besaß einen fabelhaften Willen, was jedoch auch manchmal zu Frustration und Jähzorn führte. Immer häufiger kam es zu Streit zwischen den Geschwistern.
    Luke saß mit John am Lagerfeuer, während Martin unterwegs war, um etwas Brennholz zu sammeln. Das Feuer hatten sie auf völlig altmodische Art und Weise entfacht. Zwar hatte der junge John genörgelt und mehr als einmal ein Feuerzeug benutzen wollen, doch Luke hatte ihn daran gehindert.
    „Schon vor 20.000 Jahren hat der Mensch Feuer gemacht, “ erklärte der Vater, „und dabei hatte ganz gewiss nicht den Stand der Technik, den wir heute haben. Dennoch haben sie es geschafft. Wir sollten nichts unsere Wurzeln vergessen. Wer weiß, vielleicht wirst du es ja eines Tages brauchen.“
    „Wenn unsere Vorfahren ein Feuerzeug gehabt hätten, sie hätten es sicher eingesetzt.“
    Johns Antwort war launisch, doch er akzeptierte die Sache. Nun starrten sie beide in das Feuer, wärmten sich an ihm und genossen das knisternde Geräusch. Irgendwann, so empfand Luke, war der richtige Moment gekommen.
    „Ich mache mir Sorgen um euch, John.“
    „Um wen?“ fragte der Junge und richtete sich auf. „Um Mama?“
    „Nein, um Martin und dich. Eure Entwicklung in letzter Zeit gefällt mir nicht.“
    „Was meinst du damit?“ 
    Entweder versuchte John abzublocken oder er verstand wirklich nicht, was sein Vater meinte. Kinder in seinem Alter neigten dazu vieles schnell zu vergessen.
    „Immer öfters kommt es zu Streit zwischen euch“, erklärte Luke. „Manchmal schreit ihr das ganze Haus zusammen. Wieso?“
    Kurz dachte John nach. Er blickte kurz ins Feuer, so als würden dort die Antworten verborgen sein und entgegnete:
    „Ich finde ich habe nichts falsch gemacht...“
    „Es geht mir nicht darum, wer angefangen hat“, unterbrach ihn Luke. „Mir geht es darum, dass diese Reiberein enden und ihr euch wieder vertragt. Wir alle sind eine Familie. Niemand wird dir jemals näher sein als deine Mutter, ich oder dein Bruder. Blut ist dicker als Wasser, kennst du diesen Ausspruch?“
    John schüttelte den Kopf.
    „Was bedeutet das?“ fragte er.
    „Es bedeutet, dass dein Bruder immer dein Bruder sein wird, egal was geschieht. Ihr beide seid bis ans Ende eures Lebens miteinander verbunden und müsst füreinander aufpassen.“
    „Ich möchte ja auf ihn aufpassen. Aber er lässt mich nicht!“
    „Und wieso denkst du das?“
    „Weil... ich weiß es nicht.“
    Fürsorglich lächelte Luke.
    „Dein Bruder ist nicht dieselbe Persönlichkeit wie du, John. Dies haben deine Mutter und ich schon sehr früh festgestellt. Doch nur weil ihr unterschiedliche Individuen seid, heißt dies noch lange nicht, dass ihr nicht miteinander auskommen könnt.“
    „Ich liebe ihn ja!“ unterbrach ihn John sauer.
    „Daran habe ich auch keinen Zweifel. Und Martin liebt dich auch. Ihr seid Geschwister und werdet immer füreinander da sein, ich weiß das. Dennoch müsst ihr auch den normalen Alltag miteinander bewältigen. Wir sind so stolz auf euch beide. Es wird Zeit, dass aber eure Streitereien aufhören, noch bevor sie eskalieren. Wollt ihr das versuchen?“
    Verstehend nickte John und schmiegte sich an seinen Vater. Egal was war, seine Eltern hatten immer eine Lösung für jedes Problem. John und Martin bewunderten sie. Keiner von beiden konnte sich jemals eine Welt ohne sie vorstellen.

    Im getarnten Zustand bremste die USS Monitor ab und flog in das Sirus-System ein, welches zu den zentralen Systemen der Föderation zählte. So ganz konnte Lewinski nicht glauben, dass sich sein Bruder hier aufhalten sollte. Aufrecht saß der Captain in seinem Sessel und starrte auf den Wandschirm. Um ihn herum arbeitete seine Crew fieberhaft. Sie alle wussten, worum es bei dieser Mission ging und leider konnte John ganz und gar nicht seine Anspannung verbergen. Kerzengerade saß er da und seine Hände hatten die Armlehnen so fest umschlossen, dass seine Knöchel weiß hervortraten. Seinen Blick konnte er nicht vom Wandschirm nehmen, als die Raumstation Paradise Island erschien. Eine riesige kommerzielle Raumstation, gleichzeitig Raumhafen für alle Reisenden zum Planeten als auch Warenumschlagplatz und sogar Erholungsort. Tausende von Personen waren gegenwärtig an Bord und so langsam begriff der Captain die Strategie seines Bruders. Wo sonst konnte man besser untertauchen als an diesem Ort, im Zentrum des Gegners und umgeben von unzähligen Unschuldigen. 
    Kurz blickte Lewinski zu seinem ersten Offizier. Wie üblich hatte Commander Price seinen Platz an der Con eingenommen und flog das Schiff sanft zu seiner Warteposition. Gekonnt umging er alle Sensorenstationen und sonstige Phalanxen, die dem Schiff gefährlich werden konnten. Eigentlich war die Tarnvorrichtung der Monitor kaum aufzuspüren, doch sicher war sicher. 
    „Wir sind da.“
    Die Information des Halbbetazoiden war lakonisch, doch für den Captain stellte sie eine fast schon spirituelle Botschaft dar. Er wandelte derzeit auf einen schmalen Grat, dies wusste John Lewinski. Noch nie waren Privates und Mission so sehr miteinander verschmolzen wie heute. Sicherlich, die Begegnungen mit Edward Jellico hatten auch inzwischen etwas von einer Privatfehde. Doch diese Situation hier war eine andere. Hier ging es um Familienangelegenheiten.
    Price drehte sich auf seinem Platz herum und blickte zum Captain. Mittels seiner empathischen Fähigkeiten konnte er ganz genau fühlen, was Lewinski derzeit durchmachte. 
    In gewisser Weise verstand er den Skipper auch, aber was er hier tat, war gefährlich. Denn er ließ sich von seinen Gefühlen leiten und diese hatten, dies würde jeder Vulkanier bestätigen, nicht immer etwas mit Logik zu tun. Zwar würde er dies niemals vor anderen Offizieren zugeben, doch Matt hatte Angst, dass Captain Lewinski das ganze Schiff wegen dieser Sache in Gefahr brachte. Sicher, er hatte die Erlaubnis des Oberkommandos, doch wieso war ihm diese überhaupt erteilt worden? Irgendjemand hätte da doch mal mitdenken müssen?
    Obwohl völlig unpassend zur Situation, erinnerte sich der erste Offizier an das Gespräch, welches er vor kurzem mit Edward Jellico geführt hatte. Eigentlich war es kein richtiges Gespräch gewesen. Der alte Verschwörer hatte ihn angerufen und mehr als einmal war der Commander versucht gewesen die Verbindung wieder zu kappen. Aus heutiger Sicht war es gut gewesen sich dagegen entschieden zu haben. Der Grund dafür waren die hochexplosiven Informationen, die ihm so zuteil wurden. 
    „Leider muss ich ihnen mitteilen, dass ihr ehemaliger Chief auf die schiefe Bahn geraten ist. Nun paktiert er mit Stella Tanner, einem Namen, den sie schon mal gehört haben dürften.“
    Dies waren die Worte des alten Mannes gewesen. Schon schlimm genug, aber dann setzte Jellico noch einen drauf: „Jozarnay Woil hat mich heute umbringen wollen.“
    Und obwohl sie sich mitten in einer gefährlichen Mission befanden, obwohl sie bald die Station stürmen würden, kam Commander Price nicht umhin, über diese Worte nachzudenken. War denn schon so viel Zeit seit Jozarnays Weggang geschehen? Erst nach diesen Worten von Jellico war ihm aufgefallen, wie wenig sie von dem Antosianer gehört hatten. Eigentlich so gut wie gar nichts. Die Sternenflottenüberwachung, die routinemäßig ehemalige Agenten verfolgte, hatte den Chief irgendwann aus den Augen verloren und nicht wieder gefunden. Kein ungewöhnlicher Vorgang, je länger jemand draußen war, desto weniger Mühe gab man sich ihn zu beschatten. Doch wenn die Informationen Jellicos der Wahrheit entsprachen, so hatte man in diesem Fall damit einen Fehler begangen. 
    War dies denn überhaupt vorstellbar? Dass Jozarnay Woil zur Erde flog, um den ehemaligen Admiral der Sternenflotte zu töten, konnte er sich kaum vorstellen. Ergäbe es denn irgendeinen Vorteil für Edward Jellico, wenn er dies Geschichte erfände? Matthew konnte sich beim besten Willen keinen vorstellen. Inzwischen suchte die gesamte Föderationsjustiz nach Woil, die Sternenflotte inklusive. Egal ob diese Geschichte der Wahrheit entsprach oder nicht, am klügsten wäre es, wenn sich Jozarnay bei seinen alten Kameraden meldete. Doch bis heute blieb der befreiende Anruf aus.
    „Lieutenant Ardev, sind wir entdeckt worden?“ Die Frage des Captains riss Price aus seinen Gedanken.
    „Nein, Captain. Der Frachtverkehr geht seinen üblichen Geschäften nach und die Tarnung arbeitet optimal.“
    Blitzschnell drehte Lewinski seinen Captain zu der von ihm aus gesehen linken Brückenseite und wandte sich an den Chefingenieur.
    „Mr. Sanchez...“
    „Ja“, unterbrach ihn Lieutenant Sanchez und grinste, „ich garantiere ihnen für die volle Funktionsfähigkeit der Tarnvorrichtung.“
    In solchen Momenten pflegte Lewinski immer diese Frage zu stellen und Miguel Sanchez diente schon lange genug auf der Monitor, um diesen Sachverhalt zu erkennen.
    Überrascht erwiderte Lewinski den Blick, doch er schien die Sache nicht verstanden zu haben. Stattdessen erhob er sich aus seinem Kommandantenstuhl und befahl:
    „Mr. Bird, sie begleiten mich mit Henderson auf die Station.“
    Fast schon sprungartig erhob sich Commander Price von seinem Platz.
    „Ich halte das für keine gute Idee!“
    „Wie bitte?“ Die Verwunderung Lewinskis war ihm deutlich anzusehen und auch die anderen Brückenmitglieder blickten irritiert zum ersten Offizier. Normalerweise waren Alternativvorschläge beim Captain immer willkommen, doch in dieser Situation hätte sich niemand getraut ihm zu widersprechen. Alle, bis auf Price.
    „Sie wollen ihren Bruder suchen? Wie bitte sehr wollen sie ihm auf die Schliche kommen, wenn er sie entdeckt?“ fragte Price direkt.
    „Ich passe schon auf“, entgegnete Lewinski und wandte sich in Richtung Ausgang. Doch abermals kam ein Einwand seines ersten Offiziers.
    „Glauben sie etwa ein so gewitzter und vor allem gesuchter Mann wie Martin Lewinski würde auf dieser Station sein Domizil aufschlagen, wenn er sich nicht in die Sicherheitssysteme der Station gehackt hätte? Sobald er ihr Gesicht auf den Überwachungsbildschirmen sieht, verschwindet er.“
    Die Ansicht des Halbbetazoiden hatte etwas für sich. Ganz genau konnte er die Zustimmung der restlichen Brückenbesatzung fühlen, auch wenn es niemand wagte dies offen kund zu tun.
    „Ich werde statt ihnen runter gehen“, schlug Price vor und machte einen Schritt auf Lewinski zu. Beide sahen sich fest in die Augen und der Captain versuchte etwas in den tiefschwarzen Augen seines ersten Offiziers zu erkennen. Wie immer misslang ihm dies. „Bitte, John.“
    „Na schön. Gehen sie... aber passen sie auf sich auf, “ raunte der Kanadier und setzte sich wieder in seinen Stuhl. Erleichtert seufzte Matt unhörbar und bedeutete dann Bird ihm zur Transporterplattform zu folgen.

    Wie sein Kommandant bei der letzten Außenmission, so hatte sich Matt Price nun auch zivile Klamotten angezogen und beamte mit seinen beiden Untergebenen auf die Raumstation. Als erfahrener Transporterchef hatte Fähnrich Bolder den richtigen Moment abgepasst, um den Transfer tarnen zu können und so hatte niemand die Ankunft der neuen „Gäste“ bemerkt. 
    Die Crew des Schiffes war inzwischen mehr als geübt darin geheime Operationen durchzuführen.
    Das drei Mann starke Außenteam war in einem Nebenkorridor materialisiert. Sofort trat Price in die Mitte der gewaltigen Promenade. Am auffälligsten wäre es, sich krampfhaft tarnen zu wollen und so gab sich der Halbbetazoid als staunender Tourist aus. Lieutenant Bird und Crewman Henderson beschlossen es ihrem Vorgesetzten gleichzutun, was ihnen nicht sehr schwer fiel. Paradise Island war atemberaubend. Menschenmassen drängten sich aneinander, sich lautstark in den verschiedensten Sprachen und Dialekten unterhaltend. Eine unglaubliche Zahl an Geschäften säumten die Promenade. Egal was das Herz begehrte, hier schien man es zu finden. Überrascht schaute Danny Bird durch ein Schaufenster und erspähte einen Anzug, den er schon lange gesucht hatte und den auch noch zu einem fantastischen Preis.
    „Wir müssen weiter“, raunte der erste Offizier und vermied es seinen Sicherheitsoffizier mit Namen oder Rang in der Öffentlichkeit anzusprechen.
    „Zu dumm, dass ich jetzt nicht einkaufen kann“, seufzte der Mensch und folgte dem Commander. Aufgrund ihrer Kleidungswahl hatten sie nur Phaser mitnehmen können, die sie unter ihren Jacken versteckten und die Tricorder konnten sie nur nutzen, wenn sie sich in eine Gasse stellten und sicher waren, nicht beobachtet zu werden.
    Endlich war ein solcher Moment gekommen.
    „Empfängst du irgendwelche Biosignale von Martin Lewinski?“ fragte Price und versuchte auf das Display von Birds Tricorder zu blicken.
    Der Lieutenant zog seine Stirn kraus und justierte das kleine Gerät neu.
    „Ich habe zwar seine genetischen Werte eingespeichert, aber hier sind so viele Personen an Bord! Wir haben nur eine Chance, wenn ich den Tricorder mit den Sensoren der Monitor kopple.“
    Nun war es an dem ersten Offizier die Stirn kraus zu ziehen.
    „Das könnte uns verraten.“
    „Wollen wir Martin finden oder nicht?“ entgegnete Bird kühl, ohne ernsthaft eine Antwort auf diese Frage zu erwarten.
    „Wozu immer sie sich auch entscheiden“, warf Henderson ein, der Schmiere stand, „sie sollten sich beeilen. Ich für meinen Teil würde es sehr auffällig finden, wenn drei Männer über einen längeren Zeitraum hinweg in einer dunklen Ecke miteinander tuscheln.“
    Nachdenklich blickte Matt zu Henderson und dann wieder zu seinem Sicherheitsoffizier. Schließlich nickte er. Ohne zu zögern betätigte Bird die Monitor, stellte eine Verbindung zu Ardev her und ließ ihn die Sensoren des Schiffes an den Tricorder koppeln. So wurde die Station extern und intern von den leistungsstarken Scannern abgesucht. 
    Wären sie hier auf ausländischem Territorium, Price hätte diese Vorgehensweise niemals erlaubt. Zu stark wären die elektrischen Abstrahlungen gewesen, die auf jedem Sichtschirm wie ein Weihnachtsbaum aufgeblinkt wären. Doch hier, im Heimatgebiet der Föderation, war die Chance auf Enttarnung durch andere Geheimdienste oder Spionageabwehr eher gering. Die Sekunden zogen sich, wurden zu Minuten. Langsam gingen die drei Männer weiter, schlenderten über die Promenade und versuchten interessiert die Läden zu bestaunen. 
    Dann endlich piepste der Tricorder...

    Ardev war ein Naturtalent. Nicht nur im Gebiet der Einsatztechnik, sondern auch in der Wissenschaft; dem Bereich, in dem er seine Karriere bei der Sternenflotte begonnen hatte. Er besaß die seltene Gabe sich auf mehrere Dinge gleichzeitig konzentrieren zu können, ohne den einen oder anderen Punkt zu vernachlässigen. Mit der einen Hälfte seiner Konzentrationsfähigkeit befasste er sich mit der aktuellen Suche nach Martin Lewinski und wie man ihn dingfest machen konnte. Die anderen fünfzig Prozent nutzte er, um über seine Privatangelegenheiten nachzudenken. Es war erst wenige Stunden her, dass Arena ihm von der großartigen Möglichkeit erzählt hatte. Seitdem hatte sich alles für Ardev geändert. 
    Aus irgendeinem Grund hatten sich ganze Prioritäten verschoben und er dachte über Dinge nach, die ihm nie zuvor in den Sinn gekommen waren. Eigentlich hatte er niemals ein Vater sein wollen. Andere Dinge hatte für ihn im Vordergrund gestanden. Er bewunderte seine eigene Familie, seine Eltern, wie sie ihn großgezogen hatten. Doch für ihn selber war dies niemals in Betracht gekommen. Möglicherweise jedoch würde er bald in die Fußstapfen seines Vaters treten. Arena hatte nicht explizit versucht schwanger zu werden, es ist möglicherweise einfach geschehen. Wie sehr man sich doch irren konnte! 
    Ursprünglich hatte Ardev ja nicht einmal heiraten, hatte sich voll auf seine Karriere konzentrieren wollen und nun konnte er sich keinen Tag mehr ohne Tellom vorstellen. Genauso verhielt es sich nun mit dieser eventuellen Schwangerschaft. Was dies doch nur für weit reichende Konsequenzen mit sich bringen würde. Auf der Monitor ein Kind großzuziehen war so gut wie unmöglich. Matt Price grübelte immer noch darüber, was er erst einmal mit Yasmin anstellen sollte, wenn sie zu ihm kommen würde. Wie würde ihr eigenes Kind aufwachsen sollen und wer würde die Verantwortung dafür tragen wollen? Es stand außer Frage, dass beide sich um das Kind kümmern wollten, doch einer musste dies mehr tun als der andere, vor allem in den ersten Monaten. Die Frage, wen Captain Lewinski mehr entbehren konnte, schoss Ardev in den Kopf. Sie beide waren wichtig und sie beide liebten ihre Arbeit. Würde es ihnen so leicht fallen darauf zu verzichten? Sorge stieg in dem Andorianer auf, aber auch Zuversicht.
    Seit Hunderttausenden von Jahren bekamen die verschiedensten Spezies des Universums Nachkommen. Und obwohl viele von ihnen unter den widrigsten Umständen geboren wurden, hatten sie ein erfülltes Leben gelebt und ihrerseits wieder Nachwuchs gezeugt. Eine tiefe Zufriedenheit machte sich in Ardev breit. Egal was geschehen würde, sie beide würden es schon schaffen!

    Der große Moment, auf den er so viele Jahre lang hingearbeitet hatte, war endlich gekommen. Wie viele andere seines Jahrgangs stand John Lewinski auf dem großen Platz vor der Sternenflottenakademie und hatten Paradeaufstellung genommen. Wie so oft, eigentlich wie immer, herrschte Sonnenschein in San Francisco. Gerade an diesem besonderen Tage hatte man nichts dem Zufall überlassen und die Wetterkontrollen entsprechend justiert. Um die jungen Männer und Frauen verschiedenster Spezies herum hatten sich ihre Angehörigen aufgestellt. Zeitweilig war es schwer zu unterscheiden, wer nervöser war: die Kadetten der Abschlussklassen oder ihre Eltern. John lächelte verschmitzt. Die letzten vier Jahre waren hart gewesen. Direkt nach der Schule, im Alter von 18 Jahren, war er auf die Akademie gegangen. Er war seiner Berufung gefolgt. Schon seit Jahren war es für John klar gewesen, dass er ein Kommando wollte. Die Jahre auf der Akademie waren voller Entbehrungen gewesen, doch lehrreich und sinnvoll. Zum ersten Mal in seinem Leben hatte er sein Elternhaus und damit auch seine Familie verlassen. Ein neuer Lebensabschnitt hatte begonnen; er war nun für sich selbst verantwortlich. 
    Endlich betrat der Leiter der Sternenflottenakademie das Podium, welches extra für ihn angefertigt worden war. Der Bolianer hielt eine kurze, einleitende Rede, bevor er das Wort an den heutigen Ehrengast übergab: dem Sternenflottenminister der Vereinigten Föderation der Planeten. Die Kadetten vergaßen für einen winzigen Moment ihre Diskussion und tuschelten aufgeregt miteinander, als diese wichtige Persönlichkeit das Wort ergriff. Sein Besuch war eine große Ehre und viele von ihnen würden ihn heute das erste und auch letzte Mal zu Gesicht bekommen. Auch der Minister sprach kurz über ihre kommenden Aufgaben und Pflichten, lobte alle für ihre Leistungen und, zu guter letzt, vollführte die wichtigste Aktion: der Reihe nach wurden die einzelnen Kadetten aufgerufen und zu Fähnrichen ernannt. Zum ersten Mal war es John und seinen Kameraden gestattet die reguläre Dienstuniform zu tragen und nicht die der Kadetten, die ihn überall als Schüler entlarvte. Aufgeregt hielt er den Atem an, als der Sternenflottenminister ihm seinen ersten Rangpin an den Kragen heftete und ihm die Hand reichte.
    „Ich gratuliere ihnen, Fähnrich Lewinski!“
    Dies war der einzige Satz, den der Minister zu ihm gesprochen hatte, doch für John bedeutete er die Welt. Endlich war er ein Offizier, endlich war er jemand.
    Am Ende der Veranstaltung erspähte John seine Familie und lief auf sie zu. Die stolzen Eltern umarmten ihren Sohn und auch Martin fiel seinem Bruder um den Hals.
    „Wir sind so stolz auf dich!“ gratulierten ihm seine Eltern und Mutter Lewinski kullerten sogar Tränen über die Wangen. Bisher war die Familie Lewinski immer erdbezogen gewesen, hatte nur selten die Heimatwelt oder gar Toronto verlassen. Nun also würde einer der ihren die Sterne bereisen. Was für ein Moment dies doch war!
    Schnell stellte John seinen Eltern noch einigen Freunden vor und dann machte er sich gemeinsam mit seinen Bruder auf einen kleinen Spaziergang durch die prächtigen Gärten der Akademie. Boothby, der Gärtner der Installation, leistete großartige Arbeit und hatte sich, sowie den Kadetten, ein kleines Paradies erschaffen.
    „Wir sind alle so stolz auf dich“, meinte Martin und bewunderte die Grünanlagen. „Junge, in der Schule bin ich ein Star. Alle wissen, dass mein großer Bruder nun Offizier in der Sternenflotte ist. Junge, ich bin gefragter bei den Mädels als je zuvor.“
    Angesichts dieser Worte konnte sich John sein Lächeln nicht verkneifen. Sein 17-jähriger Bruder war, anders als er selbst, ein ganz schöner Frauenheld. Er hatte schon einige gebrochene Herzen hinterlassen und umgekehrt. Es war einfach seine Art und Weise Erfahrungen zu machen. Vor Jahren hätte den älteren Bruder dies vielleicht aufgeregt, doch er war in ein Alter gekommen, wo er die Unterschiede seines Bruders akzeptierte.
    „Du kannst ja auch dem Ruf des Alls folgen. Auch dir stehen die Pforten der Akademie offen, “ schlug John vor.
    „Nein, das wird nichts“, entgegnete Martin abwehrend. „Meine Noten reichen bei weitem nicht aus, um die Aufnahmeprüfung zu bestehen und ich weiß nicht, ob ich mich diesem System von Befehl und Gehorsam unterordnen kann.“
    „Das ganze Leben besteht aus einem System...“
    „Glaube mir, du hast dir das richtige für dich ausgesucht“, fand Martin und lächelte, wobei diese Geste gezwungener wirkte als noch zu Beginn. „Nein, für mich ist das nichts.“
    „Und was hast du stattdessen vor?“
    „Ich... weiß es nicht.“
    Überrascht blieb John stehen und blickte seinem Bruder eindringlich in die Augen.
    „Martin, du beendest in einem Jahr deine Schule! Du musst doch irgendeine Vorstellung haben, was du mal tun möchtest.“
    „Ich habe keine genauen Vorstellungen. Vielleicht selbstständig sein, mein eigener Chef.“
    „Sehr vage.“
    Genervt drehte sich Martin weg und blickte in den strahlend blauen Himmel.
    „Herrje, du klingst schon wie Mama und Papa! Können wir das Thema nicht einmal lassen? Ich werde schon zurechtkommen.“
    Der frischgebackene Fähnrich Lewinski ließ diese Worte auf sich einwirken und lächelte dann. Vertrauensvoll legte er eine Hand auf die Schulter seines Bruders. Martin würde schon seinen Weg gehen, so viel war sicher. Es bestand absolut kein Grund zur Sorge und John würde ja eh ein wachsames Auge haben. Immerhin handelte es sich hier um seinen Bruder.


    Die Raumstation bestand jedoch nicht nur aus Hotels, Erholungszentren und Geschäften, sondern auch aus Frachträumen und einem Hafen. Paradise Island war eine gewaltige Wirtschaftszone, lukrativ für die Kolonie und die Föderation. Gewaltige Frachträume säumten den Außenring der Station, wo sich Tausende von Kisten, Containern und stellenweise sogar Frachtern türmten. So gut wie alles wurde hier verschifft. Waren im Wert von mehrere Billionen Krediteinheiten lagerten hier.
    Aus diesem Grund war es wohl auch kaum verwunderlich, dass auch so manches Geschäft hier abgeschlossen wurde. Nicht nur legale, manchmal auch illegale. Hinter einer dieser Machenschaften steckte Martin Lewinski. Tief durchatmend und wie immer Herr der Lage stand er hinter zwei großen Transportkisten, die sein Eigentum waren. Noch, denn schon bald hoffte er seine Ware gegen etwas Profit eintauschen zu können. Er war ein Dienstleister, wie so viele andere Menschen auch. Moralisch verwerflich fand er seine Arbeit nicht. 
    Wieso auch? Immerhin war er nicht verantwortlich dafür, was seine Kunden mit seinen Produkten machten. Sie alle waren doch erwachsene Menschen und selbstständig. Im Grunde genommen war es nicht einmal seine Ware, sondern er nur der Übermittler.
    Endlich kam sein neuer Kunde. Fast schon nervös drehte sich die talarianische Frau um, wollte anscheinend sicher gehen von niemanden verfolgt zu werden. Martin lächelte die überrascht attraktive Frau an; eine Geste, die nicht erwidert wurde. Sie war vielleicht Mitte Zwanzig, wenn man menschliche Maßstäbe ansetzte. Ihre Kleidung war zwar nicht ungepflegt, aber einfach. Es waren keine einfachen Zeiten für dieses Volk.
    „Es ist kalt hier“, meinte die Frau und fröstelte demonstrativ.
    „Nicht so kalt wie ein Morgen auf Rurapenthe“, entgegnete Martin und verschränkte seine Hände hinter dem Rücken. Dies war das vereinbarte Codewort gewesen. Nun wussten sie beide, dass sie es mit der richtigen Person zu tun hatten.
    „Sie sind spät“, fand Martin und verschränkte selbstsicher die Arme vor der Brust.
    „Es tut mir leid, aber ich muss Vorkehrungen treffen. Hier erwischt zu werden wäre sicher auch nicht in ihrem Interesse.“
    Schief grinste der Mensch. Es machte ihm Spaß etwas mit seinen Kunden zu spielen, sie zu verunsichern. Dies mochte sich am Ende positiv auf den Kaufpreis auswirken.
    „Nun gut, dann wollen wir doch mal zu dem geschäftlichen Teil kommen“, erklärte Martin und öffnete eine der beiden Kiste. Im Inneren befanden sich, sorgfältig sortiert, mehrere Gewehre. Eines davon nahm Lewinski heraus und nahm es in Probeanschlag. „In diesen beiden Kisten finden sie fünfzig Jem´Hadar-Gewehre neuester Bauart. Rotierende Modulation, mehrere Desintegrationsstufen. Die Waffe liegt perfekt in der Hand, ist gut ausbalanciert und kinderleicht zu bedienen. Meiner bescheidenen Meinung nach eine der besten Handfeuerwaffen auf dem Markt.“
    Zufrieden blickte die Talarianerin auf die Waffen. Genau so hatte sie sich den Deal vorgestellt.
    „Ich würde ihnen ja gerne einen Probeschuss vorführen, aber sie wissen selbst, dass wir an Bord einer Föderationsstation keine Waffe abfeuern können“, erklärte Martin lächelnd und senkte das Gewehr, bereitete sich darauf vor sie wieder in die Kiste zu packen. „Kommen wir also zur Bezahlung.“
    Nun jedoch räusperte sich die Talarianerin und wirkte äußerst verlegen. Genervt rollte Martin Lewinski mit den Augen. Er wusste ganz genau, was nun kommen würde.
    „Leider konnten wir nur 25.000 Credits aufbringen“, erklärte die junge Frau gedrückt.
    „Vereinbart waren jedoch 30.000.“
    „Es tut uns leid, aber mehr haben wir nicht...“
    „Dieser Preis ist schon ein Sonderangebot“, erklärte Martin direkt, jedoch ohne Zorn. „Für diese Gewehre könnte ich locker ein Drittel draufschlagen, jedoch war ich zu dem vereinbarten Preis bereit. Und nun wollen sie mir sagen, dass sie das Geld nicht aufbringen können?“
    „Der Widerstand finanziert sich nicht über Steuern oder Fonds, Mr. Lewinski“, erklärte die Talarianerin und wirkte auf einmal sehr aufgebracht. „Viele Talarianer haben dieses Geld aus ihren eigenen Beständen gespendet. Wir brauchen diese Waffen, um den Kampf gegen die Besatzung weiterführen zu können. Haben sie etwa kein Verständnis für uns?“
    Martin hielt ihrem Blick selbstsicher stand.
    „Nein“, antwortete er. „Ich habe kein Verständnis dafür. Es interessiert mich auch nicht. Was sie mit diesen Waffen auf ihrem Planeten machen ist mir völlig gleichgültig. Was mir wichtig ist, ist meine Bezahlung. Für diese beiden Kisten möchte ich 30.000 Credits haben. Falls sie sie nicht aufbringen können, bitte sehr! Ich werde mit Sicherheit einen anderen Abnehmer finden.“
    Martin wollte noch einen drauf setzen, sie noch mehr zermürben. Doch er konnte nicht. Aus den Augenwinkeln sah er mehrere Personen, die aus einer Ecke zu ihm rüberlugten. Kurz ging Lewinskis jüngerer Bruder die Möglichkeit durch, dass es sich um Dockarbeiter handeln könnte. Doch dem war nicht so. Man hatte ihn entdeckt.
    „Sie haben mich verraten“, erklärte Martin und blickte die Talarianerin finster an.
    Diese war genauso überrascht wie der Händler und wusste nicht, wie ihr geschah.
    Im nächsten Moment rannte das Sternenflottenteam los. Deutlich hatte Price erkennen können, dass Martin ihre Präsenz entdeckt hatte. Nun hieß es schnell zuschlagen.
    Blitzschnell brachte Martin Lewinski das Gewehr, welches er immer noch in den Händen hielt, in Anschlag und feuerte einen ungezielten Schuss ab. Der erste Offizier der Monitor sah entsetzt den Disruptorimpuls. Ein schlechtes Zeichen, denn aus zahlreichen Gefechten wusste er, dass wen man die Entladung sah es schon zu spät war. Er versuchte noch auszuweichen, doch instinktiv war ihm klar, dass es zu spät war. Doch sehr zu seiner großen Überraschung raste die Entladung an ihm vorbei. Sie war für einen anderen bestimmt. Wie in Zeitlupe blickte Matte hinter sich und musste mit ansehen, wie Crewman Henderson zu Boden gerissen wurde. Der Impuls hatte ihn mit voller Wucht erwischt, verbrannte seinen Brustkorb und die Organe. Henderson starb mit einem Schrei auf den Lippen. Danny Bird wirbelte ebenfalls herum und untersuchte seinen Untergebenen, nur um dessen Tod festzustellen. Die Augen des Crewman blickten ins Leere, hatten jeglichen Glanz des Lebens verloren. 
    Martin war selbst überrascht, dass er jemanden erwischt hatte. Er hatte nur einen Deutschuss in die ungefähre Richtung abgegeben und dennoch jemanden getroffen. Als nächstes wandte er sich der Talarianerin zu. Ob sie diese Leute, Polizei oder Sternenflotte, zu ihm geführt hatte, wusste er nicht. Auf jeden Fall konnte er keine Zeugen gebrauchen. Mit kaltem Gesichtsausdruck richtete er die Waffe auf die potentielle Käuferin und desintegrierte sie. 
    Das letzte, was er von ihr sah, war ein entsetzter Ausdruck in ihren schönen Gesichtszügen. Im Anschluss rannte er los. Commander Price, immer noch geschockt von dem Tod eines Besatzungsmitglieds, sah ihre Zielperson los rennen. Er blickte zu Bird, der Hendersons Leiche in den Armen hielt, dann wieder zu Martin Lewinski. Der Waffenhändler entfernte sich immer weiter; eine Entscheidung musste getroffen werden. Für den Crewman konnte man nichts mehr tun, aber es bestand die realistische Chance seinen Mörder zu fassen. 
    Wenn sie diese Gelegenheit verstreichen ließen würde sich möglicherweise nie mehr eine bieten. Mit gezücktem Tricorder sprintete Price ebenfalls los und versuchte mittels der Anzeigen den Menschen zu verfolgen. 
    „Lewinski an Außenteam, was ist hier los?“ erklang die aggressive Stimme des Captains aus seinem Kommunikator.
    „Ich verfolge unsere Zielperson!“ hechelte Price und wich einigen Dockarbeitern aus. „Er befindet sich auf der Flucht, vermutlich zu einem Shuttle.“
    Nun ganz unter Strom stehend sprang Lewinski aus seinem Stuhl auf und beugte sich über Ardev, um die Anzeigen auf seinem Bildschirm lesen zu können.
    „Ja, wir haben Martin auf den Anzeigen. Er nähert sich den Andockbuchten. Matt, sie werden keinerlei Chance haben ihn noch zu erreichen. Wir beamen das Außenteam an Bord.“
    „Negativ!“ schrie Matt Price. „Ich komme an ihn heran; bin gleich bei ihm.“
    „Commander, wir werden ihn uns im Shuttle schnappen. Kommen sie an Bord zurück, das ist ein Befehl!“
    Price stoppte, völlig außer Atem und blickte durch die endlosen Gänge der Raumstation.
    Was sollten sie nur in dieser Situation tun? 
    „Bereit zum Beamen“, bestätigte der Halbbetazoid schließlich und wartete auf das Prickeln des Transportervorgangs. 

    Martin Lewinskis kleines Reiseshuttle fuhr die Systeme hoch. Natürlich war es kein normales Schiff, sondern mit allen möglichen technischen Spielereien ausgestattet. Er hätte wohl kaum so lange überlebt, wenn er nicht einiges investiert hätte. Ohne auf irgendwelche Genehmigungen zu warten, löste sich das Shuttle von den Andockklemmen und flog aus dem Bereich der Station heraus. Womit er jedoch auf keinen Fall gerechnet hatte, war das plötzliche Enttarnen eines Schiffes der Defiant-Klasse direkt über ihm. Es hatte weder Kennung noch Schriftzüge auf dem Rumpf und war so nicht zu identifizieren. Wozu ihm eh keine Chance geblieben wäre, denn Martin drehte hart ab, entging so nur knapp der Erfassung eines Traktorstrahls.
    „Ich habe ihn verloren“, erklärte Ardev überrascht. „Sein Shuttle hat sich schneller bewegt als die Zielerfassung.“
    „Feuern sie auf seinen Antrieb“, befahl Captain Lewinski und fixierte das auf dem Bildschirm dargestellte Shuttle.
    „Sir, der Antrieb ist sehr nahe am Warpkern des Schiffes. Es besteht die Möglichkeit eines...“ warf Danny Bird ein, wurde jedoch von seinem Kommandanten zum Schweigen gebracht:
    „Feuern sie!“
    Die Waffen der Monitor entluden ihre destruktive Energie und ließen die Schilde des Shuttles kollabieren. Was sie hier taten war mehr als gefährlich. Vor so vielen Zeugen das Schiff zu enttarnen und ein Gefecht zu beginnen, war alles andere als geheim und der Geheimdienst würde Mühe haben die ganze Sache zu decken. Doch im Moment war dies John egal. So kurz vor dem Ziel würde er nicht zulassen, dass sein Bruder verschwand. Hier nun würde der Schlussstrich gezogen werden.
    Der Bruder wurde von den Treffern hart durchgeschüttelt. Die Beleuchtung fiel aus und der Computer zeigte eine ganze Reihe von ausgefallenen Systemen an. Instinktiv flog er sich aus dem Schussfeld und versuchte auf Warp zu gehen, was ihm jedoch misslang. So musste er versuchen seine Verfolger abzuschütteln. Haarscharf jagte er an anderen Raumschiffen vorbei, zwang das andere Schiff dadurch zu Ausweichmanövern, was die Monitor stark abbremste. Mehr noch, auf diese Art und Weise war ein Einsatz von Waffen zu gefährlich.
    „Verdammt, der Junge ist gut!“ rief Matt Price, der wieder seinen Platz am Steuer eingenommen hatte und versuchte dem Shuttle auf den Fersen zu bleiben.
    „Sie sind besser, Matt! Bleiben sie dran!“
    Die Worte von John waren ernst gemeint und ein schönes Lob, doch derzeit hatte der erste Offizier keine Zeit, um sich über dieses Kompliment zu freuen. Zu anstrengend war es in diesem Chaos das Shuttle weiterhin zu verfolgen.
    „Der Abstand wird größer!“ meldete Lieutenant Tellom. 
    Die Verzweiflung in John wurde mit jedem Mal größer. So viele Schiffe waren in dem Gebiet, viele davon zivil und Martin tat sein bestes, um immer mindest eines zwischen ihm und der Monitor zu haben. So würden sie ihn niemals kriegen. Wahrscheinlich versuchte er gerade fieberhaft seinen Warpantrieb wieder zu reparieren und dann würden sie ihn nicht mehr einfangen können. Es musste hier und jetzt entschieden werden.
    „Torpedos vorbereiten“, raunte Captain Lewinski und erntete dafür einen entsetzten Blick seines Sicherheitschefs.
    „Da sind zu viele andere Schiffe, Captain! Ich kann ihnen nicht garantieren, dass wir nicht...“
    „Dann zielen sie gut!“ schrie John und sein Blick ließ keinen Zweifel daran, dass er es ernst meinte.
    Danny blickte zu seinem Freund Ardev, der genau neben ihm saß und genauso ratlos war.
    Was sollten sie nur tun?
    „Vertrauen sie mir nicht, Lieutenant?“ fragte Lewinski frei heraus und wartete auf Dannys Antwort.
    „Sir, ich... halte es für zu gefährlich.“
    „Denken sie denn etwa ich würde ihnen dies nicht befehlen, wenn ich nicht absolut überzeugt davon überzeugt wäre, dass sie es schaffen würden?“
    Im Gegensatz zu seinem Wutausbruch vor einer halben Minute waren diese Worte völlig ruhig vorgetragen worden und dies irritierte die gesamte Brückenbesatzung. Diese Mission ging Captain Lewinski schwer an die Nieren.
    Dann drehte sich Lieutenant Bird zu seiner Station, versuchte das Ziel zu erfassen. Er verlor jedoch immer wieder das kleine Schiff.
    „Feuern sie nach eigenem Ermessen“, befahl John und beobachtete, wie die Monitor dem Shuttle seines Bruders hinterher jagte.
    Schließlich setzte Danny alles auf eine Karte. Für einen winzigen Moment erklang der Erfassungston und sofort betätigte er den Auslöser. Ein Quantentorpedo wurde abgefeuert, schlängelte sich an zwei Passagierschiffen vorbei und traf tatsächlich das Shuttle, welches aus der Bahn geworfen wurde. Die Außenhülle begann zu reißen, Explosionen ruckten durch das Schiff und Martin glaubte nun sein Ende vor sich zu haben. Wie hatte man ihn treffen können? Nur ein Meisterschütze hätte einen solchen Schuss abfeuern kann. Er schloss mit seinem Leben ab, als der Kern überlastet wurde. Dann jedoch spürte er das vertraute Gefühl eines Beamvorgangs und er schrie. Man hatte ihn gefangen genommen!

    Gedrückt betrat Commander Price den Bereitschaftsraum und wollte etwas sagen, doch er schaffte es nicht. Stattdessen blickte er zu seinem kommandieren Offizier, der in seinem Stuhl saß und aus dem Fenster auf die Sterne blickte. Zwar schien er das Hereintreten seines Stellvertreters bemerkt zu haben, doch er konzentrierte sich weiterhin auf den Ausblick.
    "Ihr Bruder... Martin Lewinski ist nun im Casino“, erklärte Matt schließlich. "Dr. Frasier hat ihn schnell durchgecheckt, er hat keinerlei Verletzungen."
    Resignierend ließ Lewinski den Kopf sinken. Dann endlich drehte er den Stuhl, fragte:
    "Und Henderson?"
    "Er war sofort tot gewesen."
    Die Nachricht war kaum zu verarbeiten. Nun endlich hatte er seinen Bruder, doch dafür einen Mann verloren. Wie ungerecht die Welt doch sein musste.
    "Ich kannte ihn kaum“, meinte der Captain traurig. 
    "Da sind sie nicht der einzige. Larry Henderson war ein stiller Mensch gewesen. Zwar beliebt, doch oft in sich gekehrt. Angeblich hätte er Offizier werde können, doch er zog die Mannschaftsränge vor."
    "Angeblich?" fragte Lewinski überrascht. 
    Price schluckte traurig. Irgendwie war es ihm peinlich dies zu sagen: "Wir wissen so gut wie nichts über Henderson. Er war einfach immer zur Stelle, wenn man ihn brauchte, meldete sich freiwillig, aber sonst... ich weiß gar nichts über den Mann! Ob er Familie hat, Hobbies, all das muss ich in der Personalakte später nachlesen. Henderson gab sein Leben für diese Mission und für die Föderation und ich weiß nicht einmal, wo er geboren wurde."
    Traurig blickte John seinen ersten Offizier an. Dann erhob er sich und legte ihm freundschaftlich eine Hand auf die Schulter. Wie weit sie doch beide gekommen waren. Als vor drei Jahren ihre schwierige Zusammenarbeit begann, war sich Lewinski nicht sicher, ob er es mit einem solchen Stellvertreter aushalten würde. Nun konnte er sich keinen Dienst mehr ohne Matt Price an seiner Seite vorstellen.
    "Matt, ich empfinde genauso wie sie. Wir werden Henderson mit allen Ehren beisetzen und seine Familie benachrichtigen. Nun, wo wir gesehen haben, wie er starb, müssen wir herausfinden, wie er gelebt hat!"
    Diese Worte wirkten ungemein tröstend auf den Halbbetazoiden. Er nickte trotzig und bedankte sich.
    "Seien sie aber nicht sauer, „ erklärte Matt vor dem Hinausgehen, "wenn ich ihren Bruder für das, was er getan hat, verabscheue."
    John presste seine Lippen aufeinander, wog seine Reaktion sorgsam ab.
    "Ich denke da werden sie nicht der einzige sein."

    „John! Endlich höre ich wieder etwas von dir!“
    Luke Lewinski war alt geworden. Nicht nur er, sondern auch sie alle. Dies war einer der ersten Gedanken von John Lewinski, als er seinen Vater auf dem Komschirm sah. Sein alter Herr hatte eine vorwurfsvolle Miene aufgesetzt, die natürlich nur gespielt war. Private Kommunikation in Kriegszeiten war äußerst schwierig und John konnte seltener zuhause anrufen, als ihm lieb war. Doch dies würde sich hoffentlich bald ändern.
    „Vater, ich melde mich mal wieder bei dir, um zu versichern, dass alles in Ordnung ist.“
    Deutlich war Luke die Erleichterung anzusehen.
    „Es tut gut dich wohlauf zu sehen, John. Als ich die Nachricht erhielt, dass die Teneriffa zerstört wurde... ich habe bei allen möglichen Abteilungen der Sternenflottenauskunft angerufen, aber man konnte mir nicht weiterhelfen.“
    Kurzzeitig flammte Schmerz in John auf, als er an den tragischen Verlust hatte. Die Zerstörung der Teneriffa war immer noch ein großer Schock für ihn. Seit seiner Beförderung zum Fähnrich war dies sein Schiff gewesen und mit vielen Kameraden war er gemeinsam die Karriereleiter hinaufgeklettert. Nun waren viele von ihnen tot, gestorben bei der Rückeroberung von Deep Space Nine. War es dies wert gewesen? Aus strategischer Sicht schon, aber aus emotionaler?
    „Es ist einiges passiert, Papa. Du hast es ja in den Nachrichten gehört...“
    „Ja, der Krieg nimmt eine Wendung, wir sind endlich einmal in der Offensive. Vielleicht ergibt sich daraus ja die Möglichkeit auf Verhandlungen.“
    „Möglicherweise“, war die ernüchternde Antwort Johns. Ihm war natürlich klar, dass das Dominion nur die Möglichkeit eines Siegfriedens in Betracht zog und diesen Konflikt nicht vorzeitig beenden würde. Doch er wollte seinem Vater die Illusion nicht rauben.
    „Du siehst anders aus!“ fiel es ihm endlich auf.
    „Ich bin nun Captain geworden!“
    In den Augen von Luke spiegelte sich stolz wieder.
    „Das ist ja großartig! Ich gratuliere dir von Herzen.“
    Doch John war nicht nach feiern zumute, denn er wusste ganz genau, wie diese Beförderung zustande gekommen ist.
    „Mein ganzes Leben lang habe ich für ein eigenes Kommando gearbeitet“, murmelte John traurig. „Ich wollte es mir verdienen. Nun bin ich Captain, aber in Kriegszeiten spielt dies keine Rolle. Wir haben so viele Verluste, Beförderungen gehen schneller vonstatten als üblich.“
    „So eine Entwertung deiner Leistung will ich nicht hören!“ fuhr ihm Luke dazwischen. „Du bist ein fabelhafter Offizier und hast diesen vierten Rangknopf verdient. Deine Mutter wäre stolz auf dich und dein Bruder auch, glaube mir das.“
    Die Erwähnung dieser beiden Personen tat weh, aber sie verfehlte ihre Wirkung nicht. John hörte auf zu lamentieren und fragte stattdessen:
    „Hast du inzwischen was von Martin gehört?“
    Doch die Antwort war seit Jahren dieselbe.
    „Nein, er hat sich immer noch nicht gemeldet“, erklärte Luke traurig. „Ich habe das Gefühl, John, wir haben deinen Bruder verloren. Er ist hinfort und will auch keinen Kontakt zu uns. Seit Jahren ist er weg und wir wissen nicht einmal, was er tut. Deine Mutter starb in der Ungewissheit...“
    Mehr konnte sein Vater nicht sagen. Noch immer war der Schmerz zu frisch. Nicht nur seine Frau hatte er verloren, sondern auch einen seiner Söhne. Ob Martin jemals wieder auftauchen würde?
    „Du wirst doch weiter auf deinen Bruder aufpassen, oder Captain?“ fragte Luke hoffnungsvoll. Vielleicht würden sie Martin nie wieder finden, aber John nickte. Immerhin war er der ältere Bruder und es war seine Aufgabe für ihn da zu sein. Wo immer er sich auch befand.


    Gerade noch rechtzeitig war Martin Lewinski von seinem explodierenden Shuttle gebeamt worden. Wenn er ehrlich war, so war dies für ihn nicht überraschend gekommen. Anders als vielleicht die Klingonen hatte die Föderation Interesse an einer Strafverfolgung und einem Prozess.
    Was ihn jedoch sehr wohl überraschte, war seine Verlegung in das kleine Casino des Schiffes. Martin hatte damit gerechnet sofort in die Arrestzelle gebracht zu werden, doch scheinbar wollte man ihn verhören. Nun saß er hier, an einem Tisch in der Mitte des Raums. An beiden Zugängen stand jeweils ein bewaffneter Sicherheitsposten, der ihn mit Argusaugen beobachtete. Doch wohin hätte Martin schon fliehen können? Derzeit arbeitete er fieberhaft an einem Plan, aber im Moment war er ratlos.
    All diese Gedanken wurden jedoch unwichtig, als eine Person das Casino betrat. Natürlich hatte der Waffenhändler damit gerechnet vom Captain des Schiffes persönlich vernommen zu werden. Jedoch zu sehen, wer der Kommandant tatsächlich war, stellte mehr als nur eine große Überraschung dar.
    Auch für John Lewinski war dies ein schwerer Moment. Nachdenklich stand er in der Tür, blickte zu seinem Bruder und stellte sich instinktiv die Frage, wo dies alles noch hinführen sollte. Hier war er nun, nach einer fast einjährigen Jagd und hatte seinen Bruder festgenommen. Ob es dies schon einmal in der Geschichte der Föderation gegeben hatte? Erstaunlich selbstsicher saß sein Bruder da und starrte ihn an. Dass Martin eben fast ums Leben gekommen wäre, schien für ihn keine Rolle zu spielen. Keine Regung zeigte sich in seinem Gesicht. In diesem Moment bemerkte der Captain, wie alt sie doch geworden waren. Martin war nun 38 und er selbst 43. Fast ein halbes Jahrhundert hatten sie beide auf dem Buckel und was war ihre Bilanz? John sah seinen Bruder zum ersten Mal seit mehr als zehn Jahren nicht auf einem Komschirm, sondern in Natura. Die ganze Situation wirkte so unwirklich. John konnte nur hoffen, dass sich ihr Vater beim Anblick dieser Situation nicht im Grabe umdrehte.
    Der Einstieg in ein Gespräch war immer der schwerste Moment. John überlegte lange, was
    er zu Beginn sagen sollte. Er setzte sich gegenüber seinem Bruder auf den Stuhl und blickte ihn eindringlich an.
    "Im Namen der Vereinigten Föderation der Planeten nehmen wir dich wegen unerlaubten Waffenbesitzes, Waffenschmuggel und Mord fest“, erklärte Captain Lewinski. "Ich nehme mal an, ich muss dir nicht deine Rechte erklären, oder?"
    "Die scheinen ja eh keine Rolle zu spielen“, entgegnete Martin überaus selbstsicher. "Dies scheint mir ja kein reguläres Schiff zu sein. Ich glaube mich zu erinnern, dass du für den Geheimdienst tätig bist. Habt ihr überhaupt die Möglichkeit mich festzunehmen?"
    "Mit der Tötung eines Sternenflottenmitgliedes gabst du mir diese Erlaubnis."
    Johns Worte waren kalt und enthielten all den Schmerz, den er beim Verlust Hendersons empfand. Es war schon schlimm genug, dass sein eigener Bruder ein Krimineller war. Ihn jedoch als Mörder festzunehmen war noch grausamer.
    "Du hasst mich dafür, nicht wahr?" Martin schien seine Gedanken erraten zu haben. "Weil ich einen deiner Männer getötet habe."
    Lange dachte der ältere Bruder über diese Frage nach. Wie konnte man eine solche Frage beantworten?
    "Nein“, antwortete er schließlich. "Ich hasse dich nicht dafür. Du bist mein Bruder und ob du es glaubst oder nicht, ich liebe dich. Aber ich kann nicht gutheißen, was du getan hast. Nicht als kommandierender Offizier dieses getöteten Mannes... und nicht als liebenderBruder."
    Scheinbar war Martin überrascht über diese Aussage. Natürlich ließ er sich so gut wie nichts in seinen Gesichtszügen anmerken, aber als Bruder erkannte John sofort seine Reaktion.
    "Würde es für dich einen Unterschied machen, „ fragte der Waffenhändler, "wenn ich sage, dass der tödliche Schuss nicht gezielt abgegeben worden ist? Dass ich selbst überrascht war zu treffen?"
    Angesichts dieser Worte gab John sein Möglichstes, keine emotionale Reaktion zu zeigen, doch diese Intention schlug fehl. Er weitete seine Augen und innerlich jubilierte er. Es machte die Sache zwar nicht besser, aber zumindest einen kleinen Hoffnungsschimmer hatte er.
    "Und wie wird es nun weitergehen?"
    Als Zeichen einer wieder gefundenen Gelassenheit drehte sich John leicht herum und schlug seine Beine übereinander. Auch wenn er nicht als unbarmherzig dastehen wolle, eine gewisse
    Festigkeit musste er bei seinem Auftreten haben, besonders in diesem Fall.
    "Gegenwärtig befinden wir uns auf dem Weg zur Erde, wo du in Untersuchungshaft kommen und auf deinen Prozess warten wirst."
    Scheinbar teilnahmslos nahm sein jüngerer Bruder diese Worte auf, dachte über sie nach und schien sich fast jede einzelne Silbe auf der Zunge zergehen zu lassen. Schließlich fragte er: "Und du als älterer Bruder möchtest mir nicht helfen aus diesem Schlamassel herauszukommen?"
    Ruckartig stemmte sich John hoch und blickte auf seinen Bruder herab. Diese Worte hatten bei ihm im wahrsten Sinne des Wortes eine Sicherung durchbrennen lassen. Glaubte Martin wirklich nun an die Familienehre appellieren und wieder frei kommen zu können? "Nein, ich werde dir dabei nicht helfen. Weder als Offizier der Sternenflotte noch als dein älterer Bruder. Du verdienst einen fairen Prozess, bei dem dir jedoch hoffentlich das Handwerk gelegt werden wird. Glaubst du etwa, ich wäre nur zufällig hier? Das letzte Jahr über habe ich mühsam deine Spuren verfolgt, habe diskret ermittelt, um dich schließlich heute zu stellen. Ich wollte es sein, der deinem illegalen Treiben ein Ende setzt." "Du wolltest es also innerhalb der Familie regeln?" "Vielleicht könnte man es so ausdrücken“, gab der Kommandant zu.
    "Und wieso regelst du es jetzt nicht innerhalb der Familie?" fragte Martin und reckte ihm seine Hände entgegen, an denen Handschellen befestigt waren. "Bestrafe mich! Tu das, was Vater an deiner Stelle möglicherweise getan hätte."
    "WIE KANNST DU ES WAGEN VON VATER ZU SPRECHEN?" flippte Captain Lewinski aus. Seine Reaktion war in einer solchen Heftigkeit, dass selbst die Sicherheitsleute nervös zu ihren Phasern griffen. Dann beruhigte er sich wieder. Fast, denn panisch bemerkte er, wie sich Tränen in seinen Augen abzeichneten Die ganze Situation war einfach nur grauenvoll. Instinktiv fragte er sich, was aus ihm nur geworden war. "Er starb im Wissen, dass einer seiner Söhne etwas Falsches tat. Er wusste nicht was du getan hast, Martin, aber er ahnte es. Papa hat sich Sorgen gemacht! Und als er starb, warst du nicht an seiner Seite."
    "Du warst doch für ihn da“, entgegnete der jüngere Bruder kalt, "das hat doch gereicht."
    "Nein, hat es nicht! Ich schäme mich immer noch dafür nicht an seiner Seite gewesen zu sein, als es zu Ende ging und bei Gott, wir beide hätten an seinem Sterbebett stehen müssen!"
    Nun war es an Martin aufzuspringen. Sofort traten die beiden Wachen einen Schritt nach vorne, was den Waffenschieber dazu veranlasste sich wieder zu setzen. Mit gepresster Stimme erklärte er:
    "Vater hat dich immer mehr gemocht als mich."
    "Das stimmt nicht und das weißt du!"
    "Du warst das Wunderkind und ich ein Störfall. Es war doch kein Wunder, dass ich mir schließlich Anerkennung im Illegalen suchte."
    Drohend erhob John einen Zeigefinger.
    "Wage es niemals, dein verkorkstes Leben auf Vater zu schieben."
    "Muss ich gar nicht. Möglicherweise ist es DEINE Schuld!"
    Irritiert stand John vor seinem Gefangenen und sie starrten sich in die Augen. Schließlich drehte sich der Captain resignierend um und verließ den Raum. Das Verhör war zu Ende.

    Persönliches Computerlogbuch
    Captain John Lewinski
    Die dramatische Ereigniskette der letzten Zeit scheint nicht abzureißen. Wenigstens ist nun etwas Positives geschehen. War es überhaupt positiv? Je mehr ich darüber nachdenke, desto unsicherer bin ich mir in Bezug darauf.
    Es war nur kurze Zeit später, nachdem Admiral LaToya die Verbindung beendet und ich wieder einmal sinnierend in meinem Büro gesessen hatte. Meine Wut auf Dr. Frasier war maßlos, gelinde gesagt, und ich war dabei meine nächsten Schritte zu bedenken. Dann jedoch piepte das Komm-Terminal erneut auf und als ich meinen Blick auf den Ursprung warf richtete ich mich überrascht auf. Ich kannte diese Koordinaten nicht!
    Wer würde nun auf der anderen Seite der Leitung sein? Das Oberkommando oder irgendein Admiral, der mich von meinem Kommando entbinden würde?
    Doch als ich das Gespräch entgegennahm und mein Gegenüber auf dem Bildschirm erschien erlebte ich eine viel größere Überraschung als ich sie mir jemals vorgestellt hatte.
    Auf dem Bildschirm sah ich eine Person, die ich seit einer Ewigkeit nicht mehr gesehen hatte: meinen Bruder Martin.
    Fast schon hatte ich seinen Anblick vergessen und so überraschte es mich zu sehen wie jung er eigentlich noch wirkte. Er war nur drei Jahre jünger als ich, also 38 Jahre alt, und wirkte dabei noch so fit. Auch ich bin eigentlich in einer physisch guten Verfassung, doch die Ereignisse der letzten Jahre haben ihre Spuren bei mir hinterlassen. Fast schon amüsiert stellte ich bei meinem Bruder ebenfalls leichte Geheimratsecken fest.
    Martin blickte mich mit scheinbar ausdrucksloser Miene an und fragte:
    „Ich habe gehört du wolltest mich sprechen?“
    So wie der dies sagte klang es als hätten wir uns erst heute Morgen zuletzt gesehen. Das es jedoch mehr als fünf Jahre waren kam ihm scheinbar nicht in den Sinn. Und ich muss gestehen dieser Einstieg in das Gespräch verletzte mich zutiefst. Keine freundliche Begrüßung, keine Liebeserklärung an den älteren Bruder, den man so lange schon nicht mehr gesehen hat. Eine tiefe Trauer erfasste mich. Mein Verhältnis zu Martin war nie das Beste gewesen, aber mit wem war mein Bruder schon gut klar gekommen? Er war ein Einzelgänger gewesen, jemand der seinen Weg ging.
    Wenigstens hatte Edward Jellico tatsächlich sein Wort gehalten und meinen Bruder aufgespürt. Allein das überraschte mich. Was würde der alte Mann wohl irgendwann als Gegenleistung einfordern?
    „Es tut gut dich wieder zu sehen“, begrüßte ich ihn mit traurigen Worten. 
    „Danke, es geht mir gut“, war die seltsame Antwort Martins. Scheinbar wollte er jedweden Smalltalk abblocken. Kurz betrachtete ich das Ambiente des Raumes, aus dem er telefonierte. Ich erkannte nicht gerade viel, aber das was ich sah war bemerkenswert. Ein sehr teures Bild an der Wand, welches vermutlich ein Original war, eine stillvolle Couch und auch das Hemd, welches mein Bruder trug, hatte sicherlich seinen Preis gehabt. Seltsam, all die Jahre hatte ich Angst gehabt meinen Bruder irgendwann verarmt in einer dunklen Ecke wieder aufzufinden, aber er schien mehr Wohlstand zu besitzen als ich. Womit verdiente er wohl seinen Lebensunterhalt.
    Noch einmal betrachtete ich Martin und stellte absolut keine Emotionen in seinem Gesicht fest. Schade. 
    Ich beschloss sogleich zum Punkt zu kommen. 
    „Vater ist tot“, erklärte ich ihm und wartete auf eine Reaktion meines Bruders.
    Dieser blinzelte zweimal, wendete kurz seinen Blick vom Bildschirm ab und entgegnete dann:
    „Wann starb er?“
    „Vor zwei Tagen. Ich habe schon seit Ewigkeiten versucht dich zu erreichen. Ich bin sicher Vater hätte dich gerne noch einmal gesehen, bevor er...“
    „Hast du noch etwas?“ unterbrach Martin mich kalt und diese Herzlosigkeit schnürte mir fast die Kehle zu. 
    „Du meinst außer dass unser Vater tot ist?“
    „Außer das, ja.“
    „Nein, es ist nichts.“
    „Dann danke ich dir für diese Informationen. Leb wohl.“
    Damit schaltete mein Bruder den Bildschirm ab. Fassungslos, noch unverständlich als ihm Gespräch mit Admiral LaToya zuvor, starrte ich das Schwarz der Projektionsscheibe an. Das war es? Fünf Jahre habe ich ihn nicht gesehen und nach diesem kurzen Informationsaustausch war er wieder weg? Ich wusste doch gar nichts von ihm! Wo war er, was machte er? Und berührte ihn Lukes Tod überhaupt nicht?
    Mein Bruder war schon immer ein Rätsel für mich gewesen, doch am heutigen Tage erschien er mir wie ein Fremder.


    Lieutenant Bird freute sich über seinen Dienstschluss. Jeder freute sich darüber, ganz besonders nach dieser Mission. Es war ein hartes Unterfangen gewesen und jeder an Bord war gefordert gewesen, um Martin Lewinski zu fassen. Endlich hatten sie diesen Kriminellen hinter Schloss und Riegel gebracht, würden ihn bald auf der Erde abliefern. Was er jetzt brauchte, war eine Pause. Natürlich dachte er über Henderson nach. Einen Mann oder Frau bei einer Mission zu verlieren war immer schwer. Morgen würde eine kleine Trauerfeier abgehalten werden und der Leichnam auf traditionelle Sternenflottenweise bestattet werden. Auch Danny hatte vor, einige Worte über Larry zu verlieren. Wie jeder andere auch wusste er so gut wie kaum etwas über den Crewman, doch als sein Abteilungsleiter sah er es als seine Pflicht an, das Opfer des Mannes herauszuheben. 
    Dannys Weg führte ihm am Quartier des ersten Offiziers vorbei und etwas brachte ihn dazu, davor stehen zu bleiben. Trotz der Schallisolierung konnte er dort drinnen ungewöhnliche Geräusche vernehmen. Es war eine Art Gerumpel, ab und an auch ein Klirren. Der Sicherheitschef fackelte nicht lange, gab seinen Sicherheitscode ein und betrat das Quartier.
    Was er dort fand, war ein erschöpft keuchender und verschwitzter Matthew Price.
    Der Commander blickte ihn überrascht an und nicht minder überrascht war Bird, als er das Chaos im Quartier seines Vorgesetzten sah. Matt hatte seine ganzen Möbel umgeworfen, Gläser zersplittert und den Inhalt des Wandschranks im gesamten Raum verteilt.
    „Was machst du hier?“ fragte der Halbbetazoid und fuhr sich mit einer Hand durch seine klatschnassen Haare.
    „Dasselbe könnte ich dich auch fragen“, entgegnete der Lieutenant. „Ich habe den Lärm von draußen gehört und wollte nachsehen, ob es ein Problem gibt. Offenbar hatte ich recht.“
    „Ich bin nur gestolpert.“
    Diese Erklärung war nur ein schwacher Versuch den Menschen abzuwimmeln. So einfach jedoch ließ sich Danny Bird nicht vertreiben. Er trat einen Schritt auf den immer noch schwer keuchenden Price zu und meinte:
    „Möchtest du reden?“
    Kurz dachte Matt nach. Elisabeth hatte noch keine Zeit und musste sich selbst erholen. Ehrlich gesagt wollte er nicht noch mehr Strapazen zumuten und als Schwächling wollte er ihr gegenüber auch nicht erscheinen. So altmodisch war Price noch, dass er als starker Mann erscheinen wollte. Konnte es denn schaden über Probleme mit einem Freund zu reden?
    „Mir geht es nicht gut“, gab der erste Offizier schließlich zu.
    „Das sehe ich auf jeden Fall. Du hast hier gut aufgeräumt. Aber was ist geschehen?“
    Kurz zögerte Price, versuchte sich seine Worte zurechtzulegen.
    „Mir geht das alles auf den Geist“, erklärte er schließlich. „Diese ganze Mission, diese Fixierung des Captains auf seinen Bruder…“
    „Aber kannst du nicht sein Problem verstehen? Ich weiß nicht, wie ich reagieren würde, wenn so etwas in meiner Familie geschähe…vorausgesetzt, ich hätte noch eine.“
    Noch einmal wartete Price mit einer Erwiderung, musterte stattdessen den Lieutenant. 
    Im letzte Jahr hatte es einige Spannungen zwischen ihnen beiden wegen Elisabeth Frasier gegeben. Danny hatte sich auch in die schöne Ärztin verliebt und war auf Matt sauer gewesen. Nun, fast zwölf Monate später, hatte sich die Beziehung zwischen ihnen beiden wieder normalisiert und Matt war mehr als glücklich darüber. Schlechte Stimmung konnten sie untereinander nicht gebrauchen, ganz besonders nicht auf diesem Schiff, wo es auf gegenseitiges Vertrauen ankam.
    „Aber sieht er denn nicht, dass wir alle Probleme haben?“ fragte Price schließlich. „Er und sein Bruder… mir geht es auch nicht gut und ich habe meine Probleme wegen der Sache zurückgestellt!“
    „Welche Probleme meinst du?“
    „Denkst du etwa nicht, ich würde mir etwa keine Sorgen machen? Erst taucht mein angeblich verlorener Vater auf, der irgendwie versucht etwas wieder gut zu machen, was man nicht kitten kann. Und ich habe eine Tochter, sowie eine ehemalige Imzadi, die mich das Kind kaum sehen lässt. Nicht nur in der Familie Lewinski gibt es Probleme! Auch die Price´ haben es nicht leicht.“
    Kameradschaftlich legte Danny eine Hand auf die Schulter seines Vorgesetzten. Nun verstand er ganz genau, was Matt meinte. Natürlich wollte er dem Captain nichts böses, er war einfach nur aufgewühlt wegen der ganzen Sache. 
    „Du vermisst deine Tochter?“
    „Ich vermisse eine Familie“, gestand der Commander traurig. „Meine Tochter, meinen Vater und meine Mutter. Es müssen Jahrzehnte vergehen, bevor wir uns klar werden, was wir eigentlich haben... oder hatten.“
    „Du hast Elisabeth“, munterte Danny ihn auf und erntete dafür einen überraschten Blick. „Sie liebt dich und sie ist glücklich mit dir. Ich bin mir ganz sicher, dass sie für dich da ist und dir helfen möchte. Geh zu ihr, sprich mit ihr über deine Gefühle und ich bin sicher, ihr werdet eine Lösung finden können. Und was das andere angeht… ruf einfach an.“
    „Arsani oder Selina?“
    „Beide“, fand Danny und lächelte aufmunternd. Dies war wahrscheinlich das erste Mal, wo einem Betazoiden emotional geholfen werden musste. Aber er tat dies gerne, weil er ein Freund war.

    Diese Mission hatte alles von ihnen gefordert. Captain Lewinski hatte am meisten persönliche Opfer bringen müssen, aber auch die anderen Teile der Crew waren erschöpft. Sie waren in eine Privatfehde geraten, die so niemand erwartet hatte. Der Turbolift sauste auf seiner kurzen Fahrt durch die Röhren des Schiffes und Ardev lehnte gegen die Wand, schloss seine Augen und atmete tief durch. 
    Familie war nicht immer nur Harmonie und Frieden. Diese Lektion war nicht neu für ihn, Arena und er hatten es letztes Jahr nach den Unruhen auf Terellia zu spüren bekommen. Vielmehr war die Familie ein immerwährender Kampf für diese beiden Werte. Zu sehen, dass auch Captain Lewinski nicht vor diesen Probleme gefeit war, machte ihn nur noch menschlicher und dadurch sympathischer. Ob Arena bei der ganzen Sache an ihren ermordeten Bruder Reno hatte denken müssen? 
    Endlich erreichte der Lift sein Ziel und Ardev stieg aus, ging in Richtung des gemeinsamen Quartiers. Er brauchte eine Dusche und Schlaf, soviel war ihm klar. Sehr zu seiner Überraschung wartete schon seine Frau auf ihn. Lieutenant Tellom saß auf dem gemeinsamen Bett, welches den größten Teil des Quartiers ausmachte. Sie wirkte nicht mehr so früh wie heute Morgen, viel nachdenklicher und zurückgezogener. Als sich das Schott öffnete und der Andorianer hereinkam, blickte Arena ihn mit traurigen Augen an. Sofort spürte der Einsatzoffizier, dass etwas nicht stimmte.
    „Ist das Ergebnis von Dr. Frasier da?“ fragte Ardev und kannte doch schon die Antwort.
    „Ich bin... leider nicht schwanger, “ meinte Arena traurig und fiel in die Arme 
    ihres Mannes. „Elisabeth hat mich vor wenigen Minuten informiert, dass meine Werte negativ sind.“
    Der Andorianer hielt sie ganz fest, drückte sie an sich. Nicht nur um Trost zu geben, sondern sich auch selbst zu trösten. Wie sehr hatte er sich doch auf einen möglichen Nachwuchs gefreut! Die Möglichkeit, selber das Abenteuer des Vaterseins anzutreten, hatte ihn frohlocken und aufhorchen lassen. Nun jedoch war dieser Traum zerplatz.
    Nein, korrigierte er sich selbst, dies war nicht richtig. Der Traum war nur aufgeschoben worden. Dieses Mal hatte es vielleicht nicht geklappt, doch beim nächsten Mal. 
    Weder Arena noch Ardev mussten ein Wort sagen, um zu beschließen, dass sie von nun an versuchen würden ein Kind zu bekommen. Es war der nächste logische Schritt in ihrer Entwicklung: die Gründung einer eigenen Familie. Denn heute hatten sie den Wert derselben erkannt.

    Doch es war nicht alles so schlecht, wie Matt dachte. Vielleicht war es auch so, dass andere Personen seine Empfindungen teilten. Wie viele andere war er nicht mit seinen Empfindungen allein.
    Lichtjahre entfernt befand sich ein Dr. Dr. Arsani Parul, ehemaliger Sonderbotschafter der Vereinigten Föderation der Planeten. Nachdem er alles verloren hatte, seinen Posten, seine Frau und seine Kinder, war er nach Rigel geflogen, um wenigstens eine Sache in Ordnung zu bringen. Trotz allem, was er verloren hatte, bereute er nichts. Was ihm jedoch fehlte war eine Familie und so klingelte er an einer ganz bestimmten Haustür. Es dauerte eine Weile, dann schob sich das Schott zur Seite und eine Frau, die er jahrzehntelang nicht mehr gesehen hatte, erschien. Ihre Augen weiteten sich überrascht, als sie sich bewusst wurde, wer eigentlich vor ihrer Tür stand. Natürlich hatte sie ihn oft in den Nachrichten gesehen, im Fernsehen, aber seit Jahrzehnten nicht in Natura.
    „Birgit“, stammelte der Betazoid die Mutter seines Sohnes Matthew an, „es tut mir leid… für alles.“
    Die menschliche Frau wusste nicht, was sie sagen sollte. Doch obwohl sie diesen Mann für das Verlassen gehasst hatte, konnte sie nicht vergessen, was sie einmal für ihn empfunden hatte. Was sie möglicherweise immer noch empfand und so bot sie ihm an in ihre bescheidene Wohnung einzutreten. Es war Zeit über einige Dinge zu reden…

    Wiederum einige Lichtjahre weiter, an Bord eines Raumschiffes namens USS Community, saß Commander Selina Kyle auf ihrem Sofa und beobachtete ihre Tochter Yasmin, wie sie mit einer Puppe spielte. Das kleine Mädchen war wunderschön und ihr größter Stolz. Ganz deutlich konnte man erkennen, wer die Eltern dieses kleinen Geschöpfs waren. Es hatte dieselben schwarzen Augen wie ihr Vater. Immer wenn Selina ihre Tochter ansah, so würde sie an ihren Imzadi erinnert werden. An den Mann, der sie für eine andere verlassen hatte.
    Instinktiv fragte sich Kyle, ob sie sich nicht etwas vormachte. Hatte sie sich denn jemals Hoffnungen gemacht, Matt wiederzugewinnen? Die Entfernung zwischen ihnen beiden war zu groß und genauso unterschiedlich waren ihre Aufgaben. Dennoch, sie liebte Matt über alles. Er hatte mal gesagt, er würde sie immer noch lieben; eine Imzadi könne man nicht vergessen. Doch war er nun mit einer anderen Frau zusammen.
    Natürlich hatte Selina zu Beginn darüber nachgedacht es ihm heimzuzahlen. Ihre gemeinsame Tochter wäre dazu das ideale Mittel zum Zweck gewesen. Sie hatte das Sorgerecht, darauf hatten sie sich geeinigt und bisher hatte Selina ihm nicht Yasmin gebracht, damit auch er etwas Zeit mit ihr verbringen konnte. 
    Doch nun, während sie ihre Tochter beim Spielen beobachtete, wurde ihr klar, dass eine solche Idee falsch war. Sie schickte sich nicht als Offizier der Sternenflotte und schon gar nicht als liebende Mutter. Das Kind brauchte ebenso sehr einen Vater wie eine Mutter. 
    Ab und zu deutete das Kind auf Bilder von ihnen aus gemeinsamen Tagen und Selina bildete sich ein, daraus eine Frage nach Papa zu erkennen. Ihren Streit auf das Kind zu verlagern wäre das schlechteste, was man tun konnte.
    Und so beschloss Selina ihren Frieden mit Matt zu machen. Des Kindes zuliebe…

    Und Captain Lewinski, der Hauptakteur dieser Geschichte? Er schaute nachdenklich aus dem Fenster seines Bereitschaftsraums auf die Sterne und dachte nach. Soeben hatte er Admiral LaToya berichtet, dass sie Martin geschnappt hatten und auf dem Weg zur Erde waren. Seine Oberbefehlshaberin war darüber mehr als glücklich gewesen und hatte ihn ausdrücklich gelobt. 
    Nun würde sich John an die schwere Aufgabe machen müssen einen Brief an die Familie von Crewman Henderson zu schreiben. Doch derzeit wusste er nicht, wie diese Zeilen formulieren sollte. Larry Henderson war auf einer Mission gestorben, ja, aber auch für den Captain. 
    Würde der Crewman noch leben, wenn sich John nicht um diese Mission gerissen und seinen Bruder hatte unbedingt fangen wollen? Möglicherweise wäre dieser Mann dann noch am Leben. Leider würden sie diese Frage niemals beantworten können. Was wäre geschehen, wenn Price seinen Captain nicht hätte davon überzeugen können an Bord des Schiffes zu bleiben? Es hätte einiges anders verlaufen können und möglicherweise wäre am Ende er selbst der Tote gewesen. Traurig schüttelte John den Kopf und setzte sich an seinen Schreibtisch. Er aktivierte sein Terminal und ließ sich ein Kamerabild der Arrestzelle zeigen. Deutlich erkannte er seinen Bruder, wie er auf der schmalen Pritsche lag und an die Decke starrte. Seinem Gesicht war keine Reue zu entnehmen, kein Zorn oder dergleichen. Dass er zwei Personen bei dieser Aktion getötet hatte, schien ihn überhaupt nicht zu tangieren.
    Eigentlich hätte John Lewinski froh sein müssen einen solchen Kriminellen das Handwerk gelegt zu haben. Doch wieso hatte er dann das Gefühl mit dieser Tat endgültig seine Familie zerstört zu haben?


    It's not time to make a change
    Just relax, take it easy
    You're still young, that's your fault
    There's so much you need to know
    Find a girl
    Settle down
    If you want you can marry
    Look at me, I am old
    But I'm happy
    I was once like you are now
    And that's not easy
    To be calm when you found
    Something going on
    But take your time, think a lot
    Think of everything you've got
    For you will still be here tomorrow
    But your dreams may not

    How can I try to explain
    'Cause when I do
    He turns away again
    It's always been the same
    Same old story
    From the moment
    I could talk
    I was ordered to listen
    But there's a way and I know
    That I have to go away
    I know I have to go

    It's not time to make a change
    Just sit down
    Take it slowly
    You're still young, that's your fault
    There's so much you have to know
    Find a girl
    Settle down
    If you want you can marry
    Look at me, I am old
    But I'm happy

    All the times that I've cried
    Keeping all the things
    I know inside
    It's hard, but it's harder
    To ignore it
    If they were right, I'd agree
    But it's them they know, not me
    Now there's a way
    I know that I have to go away
    I know that I have to go

    Ende


    DER WERT DER FAMILIE
    based upon "STAR TREK" created by GENE RODDENBERRY
    produced for TREKNews NETWORK
    created by NADIR ATTAR
    executive producer NADIR ATTAR
    co-executice producer CHRISTIAN GAUS & SEBASTIAN OSTSIEKER
    producer SEBASTIAN HUNDT
    lektor OLIVER DÖRING
    staff writers THOMAS RAKEBRAND & JÖRG GRAMPP and OLIVER-DANIEL KRONBERGER
    written by NADIR ATTAR
    TM & Copyright © 2005 by TREKNews Network. All Rights Reserved.
    "STAR TREK" is a registered trademark and related marks are trademarks of PARAMOUNT PICTURES
    This is a FanFiction-Story for fans. We do not get money for our work!

    Quelle: treknews.de

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