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  • Monitor - 7x07: Feinde

    12:00 - 14:00 Uhr
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    Eine neue spannende Episode der TREKNews-Erfolgs-FanFiction "Star Trek: Monitor"!
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    ( 12:00 - 14:00 Uhr )
    Von Nadir Attar und Christian Gaus
    Das letzte Mal in 7x06 „Verderben“:
    Mehrfach blinzelte Danny Bird und versuchte Konturen zu erkennen, die langsam deutlicher wurden. Nach und nach kehrten seine Sinne zurück und ihm wurde klar, dass er auf einem Stuhl saß. Seine Hände und Füße waren an den Stuhl gefesselt und boten ihm so nicht einmal den kleinsten Zentimeter an Bewegungsfreiheit. Scheinbar rührte seine schlechte Sicht nicht unbedingt von seiner mehrstündigen (?) Bewusstlosigkeit, sondern der Raum, in dem er sich befand, war offenkundig abgedunkelt. Kahle Wände umgaben ihn, vor ihm befand sich keine Tür oder irgendeine andere Art von Zugangsmöglichkeit. Ob sich eine solche in seinem Rücken befand, war unbekannt. Zumindest sah dieser Ort nicht so aus wie einer der Räume, die sich in James´ Haus befanden. Der Undercover-Agent wusste dies ganz genau, denn im Vorfeld der Mission hatte er natürlich die Lagepläne des Anwesens studiert und diese dann im Laufe der Monate überprüft. Scheinbar hatte man ihn also an einen ihn unbekannten Ort entführt.
    Dies war so ungefähr sein letzter klarer Gedanke, bevor der Schmerz im Hinterkopf Überhand nahm. Danny verzog das Gesicht und wurde sich erst jetzt bewusst, dass man ihn niedergeschlagen hatte.
    Langsam trat eine Person in das Sichtfeld. Aufgrund der mangelhaften Beleuchtung dauerte es eine Weile, bis er sie als Janine identifizierte. Die Frau, die er liebte.
    „Es tut mir leid,“ erklärte sie mit seltsam ruhiger Stimme.
    Die Frau, die ihn niedergeschlagen hatte.
    „So beweist du mir also deine Liebe?“ fragte Danny und verzog aufgrund der Kopfschmerzen abermals das Gesicht. „Indem du mich niederschlägst?“
    „Besser als dein Liebesbeweis, der Verrat ist? Du wolltest meinen Vater töten.“
    Nun war erstmals der Zorn in Janines Stimme zu vernehmen und ehrlich gesagt konnte der Lieutenant ihr diese Emotion nicht verübeln.
    „Meine Absicht war es ihn festzunehmen.“
    „Also bist du doch ein Agent; ausgeschickt, um unseren Plan zu vereiteln.“
    Brachte es überhaupt noch etwas zu lügen? Offenbar war er gescheitert und wie er die Situation einschätzte, so wäre eine Rettung eher unwahrscheinlich. Dennoch durfte er sich nicht aufgeben und schon gar nicht seine Vorgesetzten verraten.
    „Du meinst den Plan die Wiege der Menschheit zu vernichten? Den würde ich in der Tat gerne vereiteln.“
    Langsam beugte sich Janine zu ihm herunter, ihre Hände umfassten seine Armlehnen und deutlich konnte er ihr Parfum riechen, ihre Anziehungskraft spüren. In einer anderen Welt, bei einer anderen Gelegenheit wären sie ein glückliches Paar geworden. Doch nun hatten sie beide wohl keine Zukunft.
    „Wer ist dein Auftraggeber?“
    Bird zog es vor zu schweigen und seine Freundin anzustarren. Sie hielt seinem Blick stand, wartete noch einige Sekunden und erhob sich dann, als jemand näher trat. Die eine Person war James Talley, der ihn mit versteinerter Miene anblickte. Die andere Person, eine rothaarige Frau, ließ Danny erstarren. Sie war Bajoranerin, hatte eine auffallend dunkle Kleidung und ein fast schon diabolisches Lächeln aufgesetzt.
    „Guten Tag, Mr. Bird,“ begrüßte sie ihn schelmisch.
    Es war an James, sie dem verdutzten Lieutenant vorzustellen:
    „Darf ich dich ihr bekannt machen, Danny? Dies ist die ehemalige Intendantin von Bajor Kira Nerys!“

    Und nun die Fortsetzung…
    Was er da eben gehört hatte, konnte Danny nicht glauben. Er brauchte einige Zeit, um die eben gehörte Information zu verarbeiten. Nicht nur aufgrund der immer noch herrschenden Desorientierung, die seine Bewusstlosigkeit mit sich gebracht hatte, sondern auch wegen der geradezu unglaublichen Entwicklung der Lage.
    Dies ist die ehemalige Intendantin von Bajor…
    Nur zu gern hätte Lieutenant Bird gehofft, dass dieses Kapitel seines Lebens abgeschlossen war. Doch er musste eines besseren belehrt werden. Mehr als einmal hatte er mit dem Spiegeluniversum und seinen Figuren zu tun gehabt. So oft, dass das mysteriöse „Projekt Zeichen“, die wohl unbekannteste Organisation des Sternenflottengeheimdienstes, ihn für ihre Zwecke rekrutiert hatte. Bisher hatte jeder Besuch in diesem Paralleluniversum Schmerz und unsägliches Leid mit sich gebracht und Danny ging nicht davon aus, dass es dieses Mal anders verlaufen würde.
    Auf den Gesichtszügen der Frau, die bis aufs Haar Colonel Kira Nerys, Kommandantin der Raumstation Deep Space Nine glich, zeigte sich ein zufriedenes Lächeln.
    „Er weiß, wer ich bin,“ schmunzelte sie und blickte zufrieden zu James Talley. „Mein Ruf eilt mir also sogar bis in ihr Universum voraus. Schön zu hören.“
    Mit einem finsteren Gesichtsausdruck blickte Danny zu dem Anführer der Föderalen Befreiungsarmee.
    „Ich dachte, ich hätte dich gut gekannt,“ meinte der Lieutenant. „Aber ich hätte niemals angenommen, dass du deinen Coup mithilfe der Allianz planen würdest.“
    „Ich für meinen Teil hätte niemals gedacht, dass du ein Verräter bist,“ erwiderte der Mann kalt. „Schon gar nicht, nachdem du dich mit meiner Tochter eingelassen hast.“
    Am liebsten wäre Danny aufgesprungen und hätte wild um sich geschlagen. Doch der taktische Offizier wurde durch seine auf den Rücken gefesselten Hände aufgehalten. Seine Liebe zu Janine mochte zwar tragisch sein, seine Gefühle jedoch aufrichtig.
    „Die Intendantin und mit ihr die Allianz benutzt dich nur,“ schrie Bird ihn voller
    Inbrunst an. „Du glaubst doch wohl nicht ernsthaft, dass eine Organisation, die in diesem Universum die Menschheit versklavt hat, den Menschen in einer anderen Realität helfen würde. Sie verfolgt ihre eigenen Ziele.“
    „Jeder verfolgt seine eigenen Ziele,“ erklärte Janine, die sich nun wieder in die Diskussion einmischte. „Wir haben unsere eigene Agenda und die Intendantin auch. Zu unserem Glück überschneiden sich jedoch unsere und daher haben wir uns entschieden, unsere Kräfte zu bündeln.“
    „Ein Plan, der fast aufgegangen wäre,“ fuhr die Bajoranerin fort und verschränkte ihre Arme vor der Brust. Es mutete seltsam an, eine Bajoranerin ohne die gewohnten religiösen Ohrringe zu sehen. „Zumindest haben wir es geschafft auf der Erde den Virus freizusetzen. Ich revanchiere mich nun bei Mr. Talley und seiner reizenden Tochter, indem ich ihnen Asyl gewähre.“
    „Also befinden wir uns hinter dem Spiegel?“
    Auf diese Frage bekam Bird jedoch keine Antwort. Kira lachte nur und blickte zu ihren beiden Geschäftspartnern.
    „Ich schlage vor, ihn zu verhören. Er könnte über wichtige Informationen verfügen.“
    „Welche Art von Verhör meinen sie?“ fragte Janine und auf einmal schwang so etwas wie Besorgnis in ihrer Stimme mit.
    „Lass dies mal meine Sorge sein,“ antwortete James und tätschelte seine Tochter auf den Arm. „Gehen wir uns nun etwas erholen.“
    Die drei Personen verließen den dunklen Raum, in dem sich Danny befand. Bevor sie ihn jedoch allein ließen, raunte James ihm zu:
    „Wir sehen uns gleich wieder!“
    Und zum ersten Mal, seit der ihn kannte, hörte Danny in Talleys Stimme eine unglaubliche Kälte und Grausamkeit. Seine Aussage wirkte nicht so sehr wie ein Versprechen, sondern mehr wie eine Drohung.

    Zeit, dies wussten sie, war in der gegenwärtigen Situation ein knappes Gut. Hektisch blickte sich Matt Price in dem Klassenzimmer um und überlegte, was er als Verteidigung gegen die angreifenden Opfer des Virus benutzen konnte. Aus taktischer Sicht war dieser Ort alles andere als optimal, dennoch musste er für den Moment reichen. Eine einfache Handbewegung des ersten Offiziers reichte und die Mitglieder des Teams begannen sich für die Verteidigung einzurichten. Young warf einen Schrank um, den er eiligst mit einem weiteren Crewman vor die Tür schob. Als weitere Blockade wurden Tische und Stühle davor geschoben, um ein eventuelles Durchbrechen der Infizierten zu verhindern. Was jedoch unvermeidbar war.
    „Price an Monitor,“ sagte der erste Offizier, nachdem er eine Komverbindung zum Schiff hergestellt hatte. „Die Transportblockade muss gesenkt werden; wir stecken hier mit einer ganzen Schulklasse tief im Schlamassel!“
    Die Transportblockade war im Rahmen der Quarantäne über den Stadtteil gelegt worden, damit nicht aus irgendwelchen nicht näher zu bestimmenden Gründen ein Virusopfer aus der Stadt hinausgebeamt werden konnte. Nun jedoch stellte diese Blockade die möglicherweise größte Gefahr für die noch überlebenden Menschen dar.
    Captain Lewinski wusste dies ganz genau und ging daher das Für und Wieder sorgfältig in seinem Kopf durch. Natürlich würde es nur eine Sache von wenigen Minuten darstellen, alle Eingeschlossenen zu befreien, aber dennoch beinhaltete dies die Chance eines Ausbrechens von Infizierten. Die Auswirkungen eines Quarantänebruchs wären einfach katastrophal und so musste der gerade erst von Arena Tellom zurückgekehrte Captain Lewinski entgegnen:
    „Negativ, Commander, wir können dies nicht riskieren. Ich werde alle verfügbaren Einsatzteams informieren, die sie unterstützen sollen.“
    „Und wie weit sind diese entfernt?“
    Lewinski blickte zu Fähnrich Halek, welche an der wissenschaftlichen Station Tellom vertrat, und diese zeigte mit den Fingern eine Zahl an, die niemandem so recht gefallen wollte.
    „Wollen dies wirklich wissen?“ antwortete der Captain daher mit einer Gegenfrage.
    „Verdammt!“ erwiderte Price und beendete die Verbindung. Jegliches Wehklagen half nun nichts mehr, stattdessen hieß es die Kinder zu verteidigen. Um jeden Preis!
    „Young! Peca! Rechts der Tür positionieren. Aris, sie und ich verbarrikadieren uns direkt vor der Tür. Bently, sie kümmern sich um die Kinder!“
    Jedes der angesprochenen Mitglieder der Gruppe nickte und begab sich auf seinen Posten. Egal ob Tischte, Stühle oder Kommoden, alles wurde als Deckung und mögliche Hindernisse verwendet.
    Auf dem Flur hörte man hektische Schritte, deutlich erkennbar stammten sie von mehreren Personen. Aufgeregtes Gemurmel ertönte von den Kindern, die völlig verängstigt waren, während von außerhalb der verrammelten Tür deutlich Stimmen zu hören waren. Es waren die Rufe der vom Virus Infizieren, die miteinander kommunizierten.
    „Borg! Sie sind hier!!“ riefen sie und klopften panisch gegen jede Tür der Schule. Zweifelsohne kamen sie immer näher.
    Matt Price umfasste sein Gewehr noch etwas fester und bereitete sich auf das Unvermeidliche vor, da bemerkte er eine Person hinter sich. Es war die junge Lehrerin, die bisher so tapfer auf die Kinder aufgepasst hatte. Sie zitterte wie Espenlaub und wusste nicht so recht, was sie angesichts dieser Situation sagen sollte.
    „Sie sehen so aus,“ meinte Price fast im Flüsterton, „als hätten sie eine Unmenge an Fragen.“
    „Vor allem habe ich Angst!“ gab die Lehrerin ohne zu zögern zu. Angesichts des Schreckens, der sich derzeit in Emden abspielte, gab es keinen Grund für ein Verbergen der Gefühle.
    „Aber sie wollen wissen, was mit diesen Menschen los ist?“ bohrte der erste Offizier weiter nach und hörte abermals, wie die laute der veränderten Menschen näher kam.
    „Ja.“
    „Vor zwei Stunden ist ein viraler Kampfstoff freigesetzt worden, der das Gehirn der Betroffenen anfällt. Einfach gesagt halten die Betroffenen andere Personen für Feinde.“
    „Wie in diesem Fall die Borg?“ fragte die Lehrerin und nickte verstehend.
    „Die Rufe auf dem Flur sollten ja Antwort genug sein,“ entgegnete der Commander und blickte zu den Kindern, welche auf dem Fußboden in der Ecke des Raums hockten und wimmerten. Einige von ihnen hatten eine Decke über den Kopf gezogen, andere blickten ihn apathisch an. Verflucht seien diejenigen, die diesen Kindern dies antaten! Price hoffte inständig, dass Danny Bird es geschafft hatte, die Urheber dieser Schreckenstat dingfest zu machen.
    Die Rufe der infizierten Menschen kamen immer näher und damit auch der unausweichliche Kampf ums Überleben…

    Es war furchtbar, wenn man aktiv werden wollte, aber es nicht konnte. Der Präsident der Föderation war im Moment dazu verdammt untätig herumzusitzen und auf Nachrichten von der Front zu warten. Ja, genau das war Emden nun geworden, eine Frontstadt, in der ein gnadenloser Krieg tobte. Ein Kampf ums Überleben, bei dem man sich den schlimmsten Ängsten stellen musste. Nur zu gern hätte er selbst ins Geschehen eingegriffen, selbst einige Aufgaben wahrgenommen, doch er konnte nicht. Die Einsatzteams der Polizei und Sternenflotte, dies wusste er ganz genau, taten ihr Bestes, um der Situation Herr zu werden. Leider sah die Situation derzeit alles andere als gut aus.
    Von James Talley oder den anderen Urhebern dieser Tat fehlte noch immer jegliche Spur. Sie waren im wahrsten Sinne des Wortes vom Erdboden verschluckt worden. Das gesamte Anwesen der Talleys auf dem Mond wurde durchsucht, alle Räume auf den Kopf gestellt. Jedoch fand man nichts. Keine versteckten Fluchttüren, keine Tunnel und keine Reiserouten. Der Anführer der Föderalen Befreiungsarmee war mitsamt seiner Tochter und dem Führungsstab seiner Organisation verschwunden. Ob man sie jemals für ihre Tat zur Rechenschaft ziehen könnte? Sobald der gegenwärtige Kampf gegen das Virus gewonnen worden war, würde das Staatsoberhaupt alle Ressourcen auf die Ergreifung Talleys lenken. Ihm musste in jedem Fall der Prozess gemacht werden, so viel stand fest.
    Wie so oft an diesem Tag kam Commander Kranick herein und musterte den müde wirkenden Präsidenten. Natürlich war ihr klar, dass auch sie nicht wie das blühende Leben aussehen musste, doch der Staatschef machte einen besorgniserregenden Eindruck. Es war wahrscheinlich die Last der Gesamtverantwortung und die Angst um die Erde, die so schwer auf seinen Schultern lastete. Der Präsident war deswegen so beliebt bei seinem Volk, weil er Politik immer als eine sehr persönliche und emotionale Sache ansah. Jetzt jedoch kam ihm diese persönliche Natur alles andere als entgegen.
    „Geht es ihnen gut, Mr. President?“ fragte Elena Kranick besorgt.
    „Ja, es geht schon,“ raunte das Oberhaupt der Föderation und las sich ein weiteres Padd mit Berichten aus Emden durch.
    „Sir, sie müssen eine Erklärung veröffentlichen. Am besten eine Ansprache via Fernsehen, in der sie den Bürgern der Erde klar machen, was im Moment geschieht.“
    Fast schon erfreut blickte der Präsident auf. Bot sich hier nun endlich die Chance selbst Handeln zu können?
    „Eine gute Idee, Commander. Daran hätte ich schon viel früher denken müssen. Wann können wir auf Sendung gehen?“
    „Ich habe mir die Freiheit genommen die Sendeanstalten über unsere Absichten zu informieren. Sobald sie mit der Rede fertig sind, können wir auf Sendung gehen.“
    Bedächtig nickte der ältere Mann und ging im Geiste schon die ersten Zeilen seiner Rede durch.
    „Gut. Ich werde sie dann rufen lassen, Commander, wenn ich soweit bin.“
    „Sehr wohl, Sir!“ entgegnete der Commander und nickte überflüssigerweise, bevor sie wieder das Büro verließ. Sie wollte dem Präsidenten die Ruhe zum Arbeiten geben.

    Unsanft wurde Jozarnay Woil auf ein Feldbett gelegt. Sofort kümmerte sich ein romulanischer Arzt um ihn.
    Ke’ler nahm ihren Helm ab und sah dem Geschehen zu. In dem kleinen Sanitätscontainer war kaum Platz für eine Hand voll Leute. Noch immer war sie etwas erstaunt über den seltsamen Fund, den sie vor nicht allzu langer Zeit in den Trümmern einer alten Halle gemacht hatten. Sie wollte zuerst den Anzeigen ihres Trikorders nicht glauben, als dieser ein nicht talarianisches Lebenszeichen empfing. So weit abseits der üblichen Zentren, an denen sich die interplanetare Hilfe organisiert hatte.
    Zuerst war ein Funken Hoffnung in ihr aufgekeimt. Sie hatte gehofft, die Zielperson gefunden zu haben. Um somit dem Ende ihrer Mission und dem heimischen Romulus einen Schritt näher zu kommen.
    Doch einen Antosianer hier zu finden, damit hatte sie nicht gerechnet. Sie musste sogar zugeben, dass dies der erste Antosianer war, den sie überhaupt getroffen hatte. Schließlich war dieses Volk nicht für seine extrovertierte Art bekannt. Im Gegenteil. Dieses Volk war für sehr wenig bekannt. Sie hatte einmal einer Besprechung während des Dominion Krieges beigewohnt in welcher über Angriffe auf verschiedene Föderationsplaneten die Rede war. Die Analysen kamen alle einhellig zu dem Schluss, dass Antos sowohl von seiner militärischen Bedeutung, als auch aufgrund seines Ressourcenaufkommens sehr unbedeutend war. Nicht nur für das Dominion, als auch für das Romulanische Imperium.
    Eine weitere Person betrat den Container. Es war Men’tesz, der Kommandant des kleinen Lagers. Somit befanden sich nun 4 Romulaner – neben Men’tesz, Ke’ler waren dies der Arzt und eine Schwester, die ihm half – und Woil in dem Container. Und dieser schien damit aus allen Nähten zu platzen. Men’tesz Blick war grimmig. Nun gut, dies war nichts Neues. Aufgrund der ausbleibenden Fortschritte der Mission war sein Status innerhalb des Tal’Shiar gefährdet. Und Ke’ler war schon lange genug im Dienst um zu wissen, was dies bedeutete.
    Men’tesz sah sich den schwer verletzten Antosianer genau an.
    „Prognose?“, fragte er den Arzt.
    Doch dieser schüttelte nur den Kopf. „Ihn hat’s schwer erwischt. Das Beste wird sein, sie lassen mich arbeiten.“
    Men’tesz wandte sich zu Ke’ler und wirkte in dem kleinen, düsteren Zelt noch grimmiger als er es eh schon war. „Wieso bringen Sie mir einen fast toten Antosianer?“
    „Wegen der Frage, die auch in ihrem Kopf ist. Was hat er mit der Mission zu tun? Was macht ein Föderationsbürger auf der umkämpftesten Welt des Quadranten seit dem Dominion Krieg? Wieso trägt er nur ein Leinengewand während um ihn der atomare Winter tobt?“, antwortete Ke’ler, ohne ihren Blick von Woil zu nehmen.
    „Wenn die Föderation etwas von der Sache mitbekommt, wird das ein Desaster“, bekannte Men’tesz leise und offen gegenüber seiner Stellvertreterin.
    Ke’ler spürte ihre Chance kommen. „Weihen Sie mich ein Sir, vielleicht kann ich Ihnen helfen“, forderte sie.
    „Nein, noch nicht, Subcommander. Noch nicht.“ Men’tesz hielt inne. „Geben Sie mir Bescheid, sobald sich der Zustand unseres Patienten ändert. Ich logge mich in die Datenbanken ein. Mal sehn ob die Föderationstruppen einen ihrer Männer vermissen.“
    Der Kommandant schloss seine Jacke und zog seine Mütze an. „Ich bin in meiner Baracke.“
    Dann ging er hinaus in die Kälte.

    Einige Hundert Meter entfernt von dem Lager der Romulaner lagen Jellicos Agenten, Nathan Burbank und Marc Mallon, eingepackt in Raumanzügen, im Schnee und blickten wieder einmal durch ihre Ferngläser und auf die Trikorderanzeigen. Beide blickten auf eine Ebene vor ihnen und sahen – nichts.
    „Sie haben sogar ihr Lager getarnt. Verfluchte Romulaner“, flüsterte Burbank.
    „Die Trikorder zeigen immer noch nichts an“, berichtete Mallon. „Eine so perfekte Tarnung, auf einem strahlenverseuchten Planeten, hab ich noch nie gesehen.“ Mallon sah zu seinem Kollegen. „Was nun?“
    „Wir haben keine Wahl. Wir müssen Woil holen.“

    Immer noch lief die Operation an Ardev, dem andorianischen Einsatzoffizier des Raumschiffs Monitor. Sowohl das MHN als auch Dr. Frasier operierten schon seit Stunden den schwer verletzten Lieutenant und versuchten ihm das Leben zu retten. Mehr noch, ihm ein lebenswertes Leben zu ermöglichen. Vor dem OP wartete immer noch Arena Tellom auf eine Nachricht über den Zustand ihres Mannes.
    Von all dem bekam der Andorianer nichts mit. Er war immer noch narkotisiert und befand sich in einem Zustand des konstanten Träumens. Ardev nutzte die Zeit, um über sein Leben nachzudenken. Obwohl dies vielleicht die falsche Umschreibung für das war, was in seinem Kopf durchging. Denn eigentlich hatte er sich die Themen seiner Träume, die für ihn ungewöhnlich real waren, nicht ausgesucht. Sie entstanden eigentlich von selbst und drehten sich um das wichtigste Thema seines Lebens: seine Frau Arena.
    In Gedanken reflektierte er noch einmal die Situationen und Momente, in denen sie sich näher gekommen waren und sich schließlich lieben gelernt hatten. Vor ungefähr fünf Jahren gab es die erste Situation, in der er Arena, mit der er damals befreundet gewesen war, sein Herz geöffnet hatte:
    Der Andorianer Ardev schlief jedoch nicht. Obwohl es mitten in der Nacht war, konnte er einfach nicht einschlafen. Stundenlang hatte er sich hin und her gewälzt, hatte stundenlang nachgedacht, über etwas, was schon zurücklag und ihm immer noch Sorgen, ja sogar Angst bereitete. So stand er schließlich, nur halb angezogen, vor einem ganz bestimmten Quartier. Er betätigte den Türsummer. Das Schott glitt zur Seite.
    "Hallo Arena."
    "Guten Abend, oder morgen... Weißt du überhaupt wie spät es ist, Ardev?"
    Ardev beantwortete diese rhetorische Frage nicht, sondern betrat das Quartier der Terellianerin. Ihre Zimmergenossin hatte Brückendienst und schlief daher allein. Im Moment wollte Ardev auch nicht zu wenig Aufmerksamkeit. Er setzte sich auf die Bettkante und Fähnrich Tellom tat es ihm nach. Ihre Hand berührte sanft die seine und mit mitfühlendem Blick fragte sie:
    "Was ist los mit dir?"
    Ardev zögerte lange, während sein Blick durchs Quartier huschte. Er schaffte es nicht, einen bestimmten Punkt zu fixieren. Schließlich blickte er zu Boden und sagte den Satz, den normalerweise kein Offizier zugeben würde:
    "Ich habe Angst."
    Tellom war zu verwirrt um etwas zu sagen. Der Andorianer war normalerweise ein Quell der Professionalität und der Ruhe, doch heute war es anders. Er war verschwitzt, er schien unkonzentriert und er zitterte. Ob er einen Alptraum gehabt hatte, ließ sich nicht sagen. Lange Zeit herrschte Schweigen zwischen den beiden, bis Ardev endlich weitersprach.
    "Diese Nacht hier, ... es könnte morgen Krieg geben. Und ich fürchte mich davor."
    Tellom beschloß nichts zu sagen, stattdessen nur zuzuhören.
    "Als ich vor einem Jahr von den Bolivianern gefangengenommen worden war, da haben sie mich verhört. Über den Krieg... den Konflikt mit dem Dominion..."
    Seine Stimme bebte. Seine Augen wurden feucht. Er kämpfte mit sich selbst um seine Fassung. Schließlich verlor er und weinte. Er weinte wie noch nie in seinem Leben. Es war ihm peinlich. Doch die Person seines Vertrauens verstand ihn und nahm in zärtlich in den Arm. Bisher hatte Ardev mit niemandem über seine Gefangenschaft gesprochen. Bis heute. Das bedeutete Tellom sehr viel.
    "Ich habe einen Unschuldigen getötet," schluchzte er, "ich, ein Mitglied der Sternenflotte, habe einen Mann getötet, der nur helfen wollte. Einen Sanitäter."
    Mehr konnte er nicht sagen. Er brauchte auch nicht. Und obwohl Arena Tellom während dieser ganzen Zeit nichts gesagt hatte, herrschte ein geheimes Einverständnis zwischen ihnen beiden. Sie verstanden sich, daß wussten beide. Und so teilten sie Arm in Arm ihren Schmerz, ihre Angst und ihre Hoffnungen. Sie schenkten sich Kraft.

    Das Warten war das schlimmste von allem. Bird konnte sich nur zu gut denken, was bald folgen würde. Noch immer befand er sich in diesem Raum, der nur von einer einzigen Lichtquelle beleuchtet wurde und harrte der Dinge. Wie lange er sich hier schon befand, konnte er nicht einschätzen. Ohne andere Menschen zu sehen, ohne Fenster konnte er nicht die vergangenen Minuten einschätzen. Womöglich waren es sogar schon Stunden!
    Danny zwang sich ruhig zu atmen. Ob er gerade die Luft eines anderen Universums inhalierte? Er ging jede Wette ein, dass er sich nicht mehr auf dem Mond befand.
    Halt, diese Aussage war vermutlich nicht ganz richtig! Möglicherweise befand er sich zwar noch auf dem Mond, jedoch nicht mehr in seinem Universum. Sicherlich war er von Talley in das Spiegeluniversum entführt worden, denn ansonsten hätte die Sternenflotte sie schon gefunden. Ob man überhaupt wusste, wo er sich befand? Wenn nein, dann konnte er noch lange auf eine Rettung warten.
    Dass er sich jemals wieder hier befinden würde, hätte der Lieutenant beim besten Willen niemals angeben. An diesem Ort kulminierte für ihn jeder Alptraum, den man über das Schicksal der Menschheit haben konnte. Er stellte ein Zerrbild dar oder ein Spiegel.
    Der Föderation und dem Alpha-Quadranten war er schon seit mehr als hundert Jahren bekannt, seit der Zeit von James T. Kirk. Jener glorreiche Pionier der Raumfahrt war während einer harmlosen Außenmission aufgrund eines Transporterunfalls in das Spiegeluniversum geraten, dass ein verzerrtes Abbild der Menschheit zeigte. Dort gab es nicht die Vereinigte Föderation der Planeten, sondern das Terranische Empire, dass mit eiserner Hand über ein Gebiet herrschte, dass zweimal so groß wie das der Föderation war. Zahllose Völker waren durch das brutale Bündnis von Menschen und Vulkaniern unterjocht und ausgelöscht worden, es herrschte Barbarei. Die Sternenflotte existierte nicht hauptsächlich, um zu forschen oder zu verteidigen, sondern um die innere Ordnung mit unglaublicher Härte aufrecht zu erhalten. Doch diese Schreckensversion eines Quadranten, diese abstoßende Gesellschaft erschien noch als ein Segen, im Vergleich dazu, was im 24. Jahrhundert auf den Alpha-Quadranten hinzukam. Die Allianz formte sich, ein politisches, wirtschaftliches Bündnis aus Klingonen, Cardassianern, Bajoranern und einem Dutzend anderer Spezies. Es hätte das Äquivalent der Föderation sein können, doch stattdessen wurde es ein militärischer Block, der nur auf eines aus war: die Vernichtung des Empires. In einem langen, blutigen Konflikt, in dem fast der ganze Alpha- und Beta-Quadrant involviert waren, wurde das Empire langsam zurückgedrängt, erst von den Außenwelten, dann schließlich nach Vulkan und der Erde. Und genauso wie das ruchlose Empire kannte die Allianz keine Gnade, als sie den Planten vier Tage und Nächte lang bombardierte, bis der ganze pazifische Ozean verdampft und soviel Staub in die Atmosphäre aufgewirbelt worden war, dass sich aus der Weltraum nur noch schwarze Wolken über aschgrauen Landmassen zeigten. Dann war Vulkan dran. Trotz ihrer Kapitulation wurde auch dieser Planet verwüstet. Das gesamte Raumgebiet des Empire diente nun als gigantisches Gefangenenlager, wo Milliarden von Menschen und Vulkaniern nur einen geringfügig höheren Status als Tiere hatten und eine neue Zeit der Dunkelheit legte sich über den Quadranten. Exekutionen, Arbeitslager, Folterungen, auch von Frauen und Kindern, sind an der Tagesordnung bei der Allianz, die vom brutalen klingonischen Regenten Worf geführt wird. Und abermals sollten Besucher aus dem anderen Universum eine Veränderung einleiten. Aufgrund eines Plasmalecks strandeten Major Kira Nerys und Doktor Julian Bashir in diesem Universum, auf Terok Nor, einem weiteren Internierungslager, indem zahllose Menschen in den Minen schuften mussten. Ihr Besuch stachelte die Leute an, allen voran den alles andere als ehrenwerten Frachterkapitän Ben Sisko und Miles "Smiley" O´Brien, einen Aufstand anzuzetteln, die große Terranische Rebellion, welche innerhalb kürzester Zeit Terok Nor eroberte und Widerstandszellen in den Badlands und auf Dutzenden von anderen Planeten einrichtete. Wieder einmal zerriess ein Krieg dieses Universum; ein Krieg, der nur schleppend voranging. Doch dank der Hilfe der hier konstruierten Defiant, die mithilfe unseres Captain Sisko gebaut worden war, hatten die Rebellen eine halbwegs schlagkräftige Flotte aufgebaut.. Der Transfer in dieses Universum war jedoch immer noch verboten, aus gutem Grund, wie sich wieder einmal herausstellte. Nur zu gerne wollte Danny wissen, welche Pläne die Intendantin Kira verfolgt. Jedoch schienen diese auf der Hand zu liegen: jedwedes menschliche Leben zu vernichten, egal ob in ihrem oder in anderen Universen.
    Endlich öffnete sich die Tür und eine Person betrat den Raum. Aufgrund der schlechten Beleuchtung dauerte es etwas, bis der Lieutenant den Besucher als James Talley erkannte.
    Der Anführer hatte wieder sein geschäftsmännisches Gesicht aufgesetzt und wirkte so, als könne er keiner Fliege etwas zu Leide tun. Doch hinter dieser so netten Fassade steckte ein skrupelloser Mensch, der, wie Danny in den letzten drei Monaten hatte feststellen müssen, nicht vor Genozid zurückschreckte.
    „Ich habe mich schon gefragt, wann du auftauchen würdest,“ begrüßte Danny seinen Besucher und brachte sogar ein schiefes Lächeln zustande. Er wollte einen starken, furchtlosen Eindruck machen. Was ihm jedoch nur leidlich gelang.
    „Man sieht dir deine Angst an,“ erklärte James und stellte sich vor dem Gefangenen
    auf. „Dein Versuch, als starker Mann zu erscheinen, ist gescheitert.“
    Innerlich kämpfte Danny gegen die aufkeimende Verzweiflung an. Seine Kidnapper haben ihr Ziel erreicht: durch das lange Alleinsein schwand langsam, aber sicher seine Hoffnung. Seine auf den Rücken gefesselten Hände schmerzten und am liebsten hätte er sich die Beine vertreten, doch es ging nicht. Das lange Sitzen war unbequem und verursachte schon fast Schmerzen.
    „Wie konntest du nur, James?“ fragte Danny und versuchte ein Gespräch zu beginnen; wohlwissend, dass er wohl scheitern würde. „Die Wiege der Menschheit zu zerstören? Scheinbar hast du deine Herkunft vergessen?“
    Doch der Angesprochene ging gar nicht auf diese Aussage ein. Stattdessen schlug Talley ihm mit der flachen Hand ins Gesicht. Kurz zeigte sich auf seinem Gesicht ein grimmiger Gesichtsausdruck, dann fing sich der geflohene Anführer wieder und stellte die Gegenfrage:
    „Wie konntest du nur, Danny? Mein Vertrauen missbrauchen und uns alle verraten? Ich habe dir die ganze Zeit über vertraut!“
    „Ich entnehme dieser Aussage, dass ich meine Sache wohl gut gemacht haben muss,“ entgegnete Danny und lächelte abermals schief. „Also danke für das Kompliment!“
    Sofort im Anschluss bereute der Lieutenant seine provokante Aussage, denn abermals bekam er einen Schlag ab. Dieses Mal jedoch verschonte James sein Gesicht, schlug ihm stattdessen mit voller Wucht in den Magen. Die Luft blieb dem taktischen Offizier weg, für einen kurzen Moment wurde ihm schwarz vor Augen. Mit diesem Verlauf der Ereignisse hatte er insgeheim gerechnet. Nachdem James Talley zu Beginn des heutigen Tages schon seinen langjährigen Wegbegleiter Nelson beseitigt hatte, war es wohl nur eine Frage der Zeit gewesen, bis er zum Mittel der Folter zur Informationsgewinnung zurückgreifen würde.
    „Also, für wen arbeitest du?“ stellte James Talley die nächste Frage.
    Doch statt einer Antwort erntete der Anführer der Föderalen Befreiungsarmee dieses Mal nur schweigen. Obgleich sich Danny sicher war, dass er auch mit dieser Reaktion wohl Schmerzen ernten würde.
    „Wer ist dein Auftraggeber?“ fragte James Talley abermals. „Sternenflotte? Bundespolizei? Verfassungsschutz? Ich werde es sowieso irgendwann herausfinden, also rück mit der Sprache raus!“
    „Dann fang mal mit dem Suchen an, denn ich werde es dir ganz sicher nicht sagen,“ erwiderte Danny kalt. „Wo wäre denn dann der Spaß an der ganzen Sache?“
    Eisig blickte James zu ihm herab und ging im Kopf seine Handlungsalternativen durch. Er konnte eine mannigfaltige Zahl an Foltertechniken anwenden, doch aus irgendeinem Grund zögerte er diese anzuwenden.
    Denn auch wenn er sich dies nur ungern eingestehen wollte, er mochte Danny. Dieser Mann mochte sie alle und ihre Ziele zwar verraten haben, doch er konnte die Gefühle für diesen Menschen nicht einfach abschalten. Drei Monate lang hatte er ihn in seine Gruppe und sogar Familie eingeführt. Nicht erst seit er mit Janine eine Beziehung eingegangen war, hatte James in dem jungen Mann einen Sohn gesehen; möglicherweise sogar einen potentiellen Nachfolger. Zu erfahren, dass diese Person der Maulwurf gewesen war, hatte sich als schwerer Schlag für ihn herausgestellt.
    „Bitte zwing mich nicht Methoden anzuwenden, die uns beiden nicht gefallen werden,“ erklärte James Talley mit einer seltsam traurigen Stimme.
    „Ich zwinge dich zu gar nichts. Du hast die Wahl, die Handlungsalternative. Stell dich jetzt den Föderationsbehörden und ich werde ein gutes Wort bei dir einlegen.“
    Angesichts der in dieser Situation so abwegigen Worte schüttelte James den Kopf.
    „Du hattest deine Chance,“ erklärte der dunkelhäutiger Mann mit trauriger Stimme. „Was nun folgt, daran wirst du Schuld sein.“
    Statt einer Antwort blickte Danny ihn nur an und wartete auf die Dinge, die nun unweigerlich auf ihn zukommen würden. Natürlich hatte er Angst vor den Schmerzen, die bald auf ihn zukommen würden, doch er war bestrebt nicht aufzugeben. Er war willens sich nicht brechen zu lassen.
    James begann mit harmlosen Dingen: mit den Fäusten schlug er ihm mehrfach ins Gesicht, bis einige Zähne zertrümmert waren und Blut aus mehreren klaffenden Wunden tropfte. Dann verlagerte er seine Aktivitäten in den Bereich von Dannys Oberkörper. Seine Rippen wurden malträtiert, danach seine Lungen und Nieren. Bis alles, was es an Birds Körper tat, schmerzte. Der Lieutenant hatte keinerlei Ahnung, wie viel Zeit verging. Möglicherweise waren es nur zehn Minuten, die vergangen waren, aber es kam ihm wie Stunden vor. Alles schmerzte, sein Körper schrie nach Erbarmen, doch Danny versuchte im Geiste stark zu bleiben. Er wollte sich gegenüber James nicht die Blöße der Aufgabe geben. Auch wenn dies zur Folge hatte, dass der Schmerz immer und immer wiederkehren würde…

    Laut schlugen die infizierten Menschen gegen die Tür des Klassenzimmers und versuchten sich gewaltsam Zutritt zu verschaffen. Fast schon war Matthew froh, dass sie nun hier waren. Manchmal war die Phase des Wartens schlimmer als der Kampf, diese Erfahrung hatte der Commander im Dominion-Krieg machen müssen. Jedoch war er gezwungen, schon bald diese Einschätzung zu korrigieren.
    „Borg! Borg!“ erschallte es von draußen und abermals schlugen die vom Virus veränderten Menschen gegen die altmodische Holztür. Die Mitglieder des Teams bereiteten sich auf den Angriff vor, während die Lehrerin verzweifelt versuchte die schreienden Kinder zu beruhigen, was ihr jedoch nur leidlich gelang.
    „Alle bereit?“ fragte Price in die Runde hinein und bekam ein Nicken seiner Kameraden als Antwort.
    Die Grundschule war als traditionelles Lehrinstitut errichtet worden, mit altmodischem Mobiliar und Einrichtung, damit die Schüler in einer natürlichen Umgebung lernen konnten. Doch nun wurde ihnen diese Bauweise zum Verhängnis. Es dauerte nur wenige Minuten, bis die Holztür dem wütenden Ansturm der Angreifer nachgeben musste.
    Ein etwa faustgroßes Loch wurde in den Eingang geschlagen, durch den Matt Price sofort einige ungezielte Schüsse abfeuerte. Schreie vom Flur bedeuteten ihm, dass er tatsächlich getroffen hatte. Doch immer mehr Hände versuchten durch die Öffnung zu greifen und sich weiter Zugang zu verschaffen. Ein weiteres Holzstück wurde herausgerissen, groß genug, dass man die Infizierten erblicken konnte. Es handelte sich bei ihnen um ganz normale Menschen, Männer und Frauen, die unter normalen Umständen niemals zu diesen Taten im Stande gewesen wären. Sie alle waren Opfer dieser furchtbaren biologischen Waffe, die von der Föderalen Befreiungsarmee eingesetzt worden war. Chief Aris und Matt gaben noch einige weitere Schüsse durch die entstandenen Öffnungen ab und erwischten abermals einige Angreifer, die auch keine Anstalten machten in irgendeiner Art und Weise taktisch vorzugehen. Die Infektion hatte sie auf einen reinen Selbsterhaltungstrieb beschränkt. Sie alle sahen nur noch Borg vor sich, gegen die sie sich verteidigen mussten.
    Es gab ein ohrenbetäubendes Krachen, dann gab schließlich die Holztür unter dem Ansturm nach. Nun strömten die Infizierten zuhauf in den Raum, nur noch gebremst durch die Barrikaden, die von dem Außenteam aufgebaut worden waren.
    „Freies Feuer!“ schrie Price seinem Team zu und gab instinktiv mehrere Salven in die angreifende Menge ab. „Jeder Schuß muss ein Treffer sein!“
    Ohne zu zögern kam das Team diesem Befehl nach und eröffnete ebenfalls das Feuer. Ein Infizierter nach dem anderen wurde von Gewehrsalven getroffen und ging zu Boden, doch der Strom an Angreifern schien nicht abzureißen. Scheinbar waren inzwischen mehr Menschen von der Epidemie betroffen, als zuvor geahnt worden war. Price schmerzte es deutlich, einen Zivilisten nach dem andere erschießen zu müssen. Mittels seiner empathischen Fähigkeiten spürte er ganz deutlich, dass die Angreifer ebensoviel Angst hatten wie das verteidigende Team. Sie waren einfach nur Opfer einer viralen Umprogrammierung geworden.
    Während die Infizierten immer weiter vorrückten, fragte sich Price, ob es überhaupt eine Rettung für die Betroffenen gegeben hätte. Hätte man bei ausreichender Zeit einen Impfstoff oder gar eine Heilung entwickeln können? Scheinbar nicht, denn das Wissen um die Biowaffe war schon über ein Jahr alt und dennoch hatte man bisher keinen Schutz entwickeln können. Abermals versuchte sich Matthew einzureden, dass er die Menschen von ihrem Leid erlöste, als er einen weiteren niederschoss, doch dies war nur ein schwacher Trost.
    Inzwischen glühten die Phasergewehre des Außenteams, doch sie schafften es einfach nicht die Angreifer am Vordringen zu hindern. Zu zahlreich waren sie und zu wenige das Team von der Monitor. Schritt für Schritt zogen sie sich in den hinteren Bereich des Raums zurück, zu den an der Wand kauernden Kindern, um sie zu schützen. Doch sie alle wussten, dass sie so nur Zeit schindeten. Ihre Niederlage war unausweichlich, so viel stand fest.
    „Wir schaffen es nicht!“ schrie Crewman Young und wich gerade noch so eben einem gezielten Hieb von einem Infizierten aus. Eine einzige Berührung hätte das Ende für ihn bedeutet.
    „Stellung halten!“ schrie Price in das Chaos hinein, um sowohl das Phaserfeuer, die Angreifer und zugleich die weinenden Kinder zu übertönen. Was sollte bloß aus ihnen werden?
    Doch alles Schießen und Kämpfen brachte nichts. Crewman Peca konnte nicht dem Ansturm standhalten und zwei Angreifer stürzten sich auf den schreienden Mann, infizierten ihn mit einer bloßen Berührung. Sowohl Price als auch Aris reagierten instinktiv, als sie die panisch aufgerissenen Augen ihres Kameraden erblickten und erschossen ihn. Im Moment der Infektion wurden aus ehemaligen Freunden Feinde, dies war das Teuflische an dieser Waffe. Peca, der sonst immer so ruhige Mann, der für alles und jeden ein freundliches Wort übrig gehabt hatte.
    Natürlich fiel ihnen diese Tat nicht leicht, doch für Schuldgefühle war derzeit kein Platz. Es war im wahrsten Sinne des Wortes ein Kampf um das Überleben.
    Ein Kampf, den sie gerade im Begriff waren zu verlieren.
    Innerlich schloß Matt mit seinem Schicksal ab. Seine letzten Gedanken vor dem unausweichlichen Ende galten Elisabeth und seiner Tochter Yasmin. Wenigstens waren sie beide in Sicherheit. Wie würden sie nach seinem Tod klar kommen? Direkt vor Matt stand ein Infizierter und bereitete sich auf den Angriff vor. Zwar schoß der Halbbetazoid weiter, aber es half nichts. Die Schreie und Rufe der Infizierten waren ohrenbetäubend und schrecklich.
    Plötzlich fauchten noch mehr Phaserstrahlen durch den Raum und neutralisierten einen Großteil der Angreifer. Das Team rund um Commander Price brauchte eine Weile, um zu verstehen, dass die Schüsse aus dem rückwärtigen Bereich des Raumes kamen: es war die Gruppe rund um Fähnrich Kensington, die sprichwörtlich in letzter Minute gekommen war. Mit vereinten Kräften kämpften beide Teams die Infizierten nieder und schafften es doch noch, die Kinder vor dem sicher geglaubten Tod zu retten.
    „Rettung in letzter Minute, nicht wahr, Commander?“ rief Fähnrich Kensington auf ihre typisch spöttische Art und Weise, nachdem der Raum gesichert worden war.
    „Ich hätte nicht gedacht, dass ich dies mal sagen würde,“ erwiderte der erste Offizier der Monitor, „aber ich bin froh, sie zu sehen!“
    „Verluste?“
    „Peca ist tot,“ erklärte Price und blickte erst zu der Leiche des jungen Sternenflottlers, dann zu den Unzähligen anderen, die auf dem Boden lagen. Es war in der Tat ein harter Kampf gewesen.
    Angesichts dieser Information nickte Samira Kensington betroffen, sagte jedoch nichts. Wahrscheinlich hatte es auch ihr die Sprache verschlagen angesichts dieses ganzen Leids.
    „Es sind einfach zu viele,“ meinte sie schließlich und überprüfte die Anzeigen ihres Tricorders. „Wir kommen einfach nicht hinterher. Eine andere Lösung muss her.“
    „Ich bin offen für Vorschläge,“ erwiderte der Commander und blickte zu den Kindern, die zwar immer noch verängstigt waren, aber zum Glück nicht mehr schrieen.
    Doch leider hatte niemand von ihnen eine Idee, wie sie der Situation Herr werden sollten. Vielleicht war das Schicksal der Erde ja doch besiegelt.
    Chief Aris ging durch den Raum und blieb bei einer Leiche stehen. Er betrachtete sie lange, stupste sie gar vorsichtig mit dem Fuß an, so als könne er nicht so recht glauben, dass sie tatsächlich tot war. Irgendetwas schien den Unteroffizier zu beschäftigen.
    „Ist es nicht seltsam,“ fragte er in den Raum hinein, „dass auf einmal so viele von ihnen aufgetaucht sind? Die ersten, die uns entdeckt hatten, waren bei Weitem nicht so zahlreich.“
    „Da haben sie recht,“ bestätigte ihn der Fähnrich und auch Price hörte nun genauer zu. An dem, was der Chief gesagt hatte, war etwas dran.
    „Worauf wollen sie hinaus, Chief?“ fragte der Halbbetazoid interessiert.
    „Bisher sind wir davon ausgegangen, dass infizierte Personen nur noch eine rudimentäre Intelligenz besitzen. Jegliches taktische Denken haben sie verloren, auch ihre Fähigkeit zur klaren Kommunikation; wenn man mal von den Rufen absieht, die sie immer wieder von sich geben.“
    „Aber sie gehen von einer Kommunikation aus?“ schlussfolgerte Matt Price.
    „Ja, denn anders kann ich mir einfach nicht erklären, wie auf einmal so viele von ihnen uns angreifen konnten. Auf irgendeine Art und Weise muss es sich herumgesprochen haben, dass hier ein Team der Sternenflotte fest gesessen hat.“
    „Telepathie,“ vermutete Fähnrich Kensington und die an der Diskussion beteiligten Personen nickten.
    Eine einleuchtende Erklärung, wenn man längere Zeit einmal darüber nachdachte. Bisher hatte man niemals Tests an betroffenen Personen durchführen können, daher konnte auch niemand das Gegenteil beweisen und Price war schon während des Angriffs ein bestimmtes Gefühl aufgefallen, welches er gespürt hatte. Er hatte es für Emotionen seines Teams gehalten, doch genauso gut hätten sie von den Angreifern stammen können.
    „Ich glaube hier bietet sich eine Chance,“ murmelte Price gedankenverloren.
    „Wie meinen sie das, Sir?“ fragte Fähnrich Kensington und wölbte überrascht eine Augenbraue. Für einen Moment schien sie ihren Ärger über den ersten Offizier zu vergessen.
    „Ich denke da weniger an Kommunikation,“ erklärte Price, „als vielmehr an eine Falle. Ich muss auf der Stelle auf die Monitor zurückkehren. Chief Aris, sie übernehmen das Team!“
    Tatsächlich hatte der Commander eine Idee. Es galt nur noch, sie schnell genug umzusetzen!

    Die Fernsehkameras waren aufgestellt, der Präsident für den Auftritt in der Öffentlichkeit vorbereitet worden. Vor ihm, auf einem Teleprompter, wartete seine Rede nur darauf von ihm verlesen zu werden. Dieses Mal hatte er darauf bestanden, sie selbst zu schreiben. Nicht nur, weil er selbst etwas zu tun haben wollte, sondern auch weil er auf diese Art und Weise viel persönlicher sprechen konnte. Es sollten seine Worte sein, die das Volk erreichen sollten.
    Die zahlreichen Techniker in seinem Büro nahmen die letzten Justierungen an den Kameras und Mikrofonen vor. Alles sollte perfekt wirken. Der Präsident saß an seinem Schreibtisch, seine Hände gefaltet vor sich auf ihm abgelegt. Zu seiner rechten und linken war die Flagge der Vereinigten Föderation der Planeten aufgestellt, im Hintergrund zeigte sich durch das große Fensterpanorama die Kulisse von Paris. Majestätisch ragte der Eiffelturm in den Himmel, wie ein Fels in der Brandung. Genau so wollte das Staatsoberhaupt ebenfalls erscheinen. Es galt dem Volk der Erde Halt und Kraft zu geben.
    Ein Fernsehtechniker zählte mit seiner rechten Hand die letzten Sekunden herunter und gab ihm mit einer abschließenden Geste zu verstehen, dass sie nun auf Sendung waren. Noch einmal sammelte der Präsident sich und begann dann mit der Rede:
    „Meine verehrten Bürgerinnen und Bürger, ich wende mich in einer außergewöhnlichen Stunde an sie alle. Manche von ihnen mögen es vielleicht schon aus den Nachrichten gehört haben, andere sind möglicherweise direkt von der Krise betroffen. Ich möchte die Sendezeit nutzen, um sie über die genauen Ereignisse aufzuklären und um ihnen mit zu machen.
    In der Tat ist die Erde Ziel eines terroristischen Angriffs geworden. Vor gut drei Stunden ist es einer Organisation namens Föderaler Befreiungsarmee gelungen, in der norddeutschen Stadt Emden eine biologische Waffe freizusetzen. Diese bewirkt eine Veränderung der chemischen Prozesse im Gehirn, woraufhin die Betroffenen wie wild reagieren. Dank der hervorragenden Arbeit unserer Sicherheits- und Hilfsorganen ist es gelungen die Ausbreitung des Virus auf einen Emder Stadtteil zu begrenzen. Ich betone also an dieser Stelle noch einmal, dass derzeit keine Gefahr für den restlichen Teil Deutschlands oder gar der Erde besteht. Sämtliche eingesetzten Behören sind absolut Herr der Lage und werden in wenigen Stunden wieder gänzlich die Kontrolle über die Stadt erlangen.
    Ich möchte ihnen allen jedoch auch nichts vor machen. Derzeit ist die Lage innerhalb des betroffenen Stadtteils ernst. Viele Menschen sind gestorben oder derzeit noch auf der Flucht. Glauben sie mir jedoch, wenn ich versichere, dass alles gut werden wird. Nicht nur wird in Emden bald wieder die Ordnung hergestellt werden, auch werden wir die Urheber dieser grauenvollen Tat ausfindig machen und nach unseren Gesetzen bestrafen.
    Was wir nun brauchen, ist der Zusammenhalt aller. Die Föderation, dessen bin ich mir absolut sicher, wird gestärkt aus dieser Krise hervorgehen. Bis dahin möchte ich sie um ihre Hilfe bitten. Spenden sie, helfen sie mit Lieferungen oder beteiligen sie sich aktiv an bereits eingeleiteten Wideraufbauprojekten.
    Gemeinsam werden wir diese Krise meistern! Danke für ihre Aufmerksamkeit.“
    Die Kameras erloschen und die Techniker lächelten ihrem Präsidenten zu. Dieser atmete tief durch und war zufrieden. Die Rede war besser gelaufen, als er angenommen hatte. Hoffentlich schaffte er es mit ihr den Menschen etwas Hoffnung zu spenden. Diese benötigten sie gerade jetzt am dringendsten!

    Immer wieder brachen die Wellen. Sie erzeugten dieses wohlklingende Geräusch, das sich jedes Mal veränderte. Für jeden mochte dies nur ein dumpfes Hintergrundrauschen sein, doch Jozarnay Woil vermochte es, den Unterschied wahrzunehmen. Er vermochte, die Einzigartigkeit zu erkennen. Diese unendliche Perfektion jedes einzelnen Moments.
    Er spürte den feinen Sand, auf dem er saß.
    Er spürte den sanften Wind, der seinen Körper umschloss und doch weitertrug. Er spürte den prickelnden Schauer einer Gänsehaut, den die Brise auslöste. Mit seinen tiefen Atemzügen nahm er die Luft in seine Lungen auf, jeden Geruch, jedes Geräusch, alle Wärme, die dieser Tag bereithielt.
    Er öffnete die Augen und blickte in den Sonnenuntergang, der den Himmel und die unzähligen kleinen Wolken blutrot färbte.
    „Was denkst du?“ Stellas Stimme flog zu ihm und fügte sich in den Wind ein.
    „Dies ist der schönste Tag meines Lebens“, antwortete Woil sofort. Glücklich, mit einem Lächeln auf den Lippen. Trauriger blickte er darauf zum Sonnenuntergang. „Schade, dass er zu Ende geht.“
    Stella saß hinter Woil. Sie legte ihre Arme um ihn, umschlang ihn geradezu damit und legte ihren Kopf auf seine Schulter.
    „Wieso denkst du, dass der Tag zuende ist?“, wollte Stella wissen.
    „Ich spüre es. Tief in mir“
    Stelle drehte Woils Kopf sanft zu ihrem herum, damit sie ihm in die Augen sehen konnte. Dann küsste sie ihn.
    „Du irrst dich.“
    Verwundert blickte er in Stellas Augen. Sie war sich dessen so sicher. Doch wie konnte sie das.
    In diesem Moment berührte die untergehende Sonne den Horizont.
    Doch anstatt der eintretenden Dunkelheit geschah das Gegenteil. Über die Wellen des Meeres breitete sich ein Teppich aus Licht aus. In Windeseile legte er sich auf alles. Als würde jedes Atom strahlen vor Glück und Freude. Und so geschah es, dass Woil inmitten glitzernden Lichts saß. Inmitten einer Welt, wie er schöner noch nie eine gesehen hatte.
    „Jozarnay, dies ist erst der Anfang“, klang Stellas Stimme. Doch sehen konnte Woil sie nicht mehr.
    „Ich liebe dich Jozarnay.“
    Dann gab sich Woil dem Licht hin.

    Die Operation an Ardev dauerte noch an und immer noch dachte er über seine Ehe nach. Es hatte nach diesem denkwürdigen Moment, indem er seine Angst gegenüber Tellom zugegeben hatte, nicht mehr lange bis zum Eingestehen der Liebe gedauert. Während die Monitor im Orbit der Erde angedockt gewesen war, hatte ein Großteil der Crew die Zeit für Landurlaub genutzt. Auch Ardev und Arena hatten sich ein im wahrsten Sinne des Wortes romantisches Fleckchen Erde ausgesucht und so war das Eingeständnis ihrer Liebe zu einem wunderschönen Ereignis geworden, wie man es eigentlich nur aus einem Film oder der Literatur kannte:
    Die Bucht von San Francisco war nachts nur mit einem Wort zu beschreiben: atemberaubend. Wunderschön traf es auch, doch dieses Attribut hieb sich Lieutenant Ardev für jemanden anderen auf. Lange betrachtete er Arena Tellom, wie sie den Mond und die Sterne beobachtete. Ihr Haar wehte sanft im Wind hin und her und ihre Augen leuchteten, während sie von ihrer Heimat erzählte:
    "Terellia ist ein wunderbarer Planet. Warme Temperaturen, freundliche Menschen, viele historische Schätze. Du würdest es mögen."
    Komisch. Nach all den Jahren im Weltraum hatte Ardev etwas nicht annähernd so schönes gesehen wie diese junge Frau. Ihre kindliche Begeisterung war fast schon ansteckend.
    "Ich denke," sagte sie und streckte den Zeigefinger in den dunklen Himmel, "er befindet sich hier."
    Ardev lächelte und zeigte erst auf einen weiteren Stern, senkte seine Hand dann jedoch langsam und deutete auf seine weibliche Begleiterin, die ihn weiterhin lächelnd ansah.
    "Meine Heimat," sagte er freundlich, "ist immer da, wo du auch bist!"
    Es waren die romantischsten Worte, die Tellom je gehört hatte. Seit sie den Entschluß gefaßt hatte, zur Sternenflotte zu gehen ( und das war im Alter von 9 gewesen), hatte sie nur auf dieses Ziel hingearbeitet. Für lange Freundschaften oder gar Beziehungen war da nie Platz gewesen. Sie war zufrieden damit gewesen, ihr Leben mit Arbeit zu füllen, kosmische Phänomene zu beobachten und hin und wieder ihre Familie zu besuchen. Doch dieser junge Mann hatte schon vor langem in ihr eine Seite berührt, die sie bisher noch nicht gekannt hatte. Sein exotisches Äußeres, seine blaue Haut und insbesondere natürlich seine offene, ehrliche Art übten eine starke Anziehungskraft auf sie aus. Sie nahm ebenfalls ihren Finger vom Nachthimmel und langsam berührten sich ihre Finger. Beide lächelten. Dies war der Beginn von etwas neuem. Etwas wunderbarem, wie beide hofften.

    James Talley hatte endlich mal von ihm abgelassen. Nun befand sich Danny Bird allein in diesem dunklen Raum und wartete auf die nächsten Wellen des Schmerzes, welche durch seinen Körper jagen sollten. Seltsamerweise war es mal wieder so, dass die Erwartung von Schlägen schlimmer war als die Schläge selbst. Blut tropfte von seinem geschundenen Körper herab und hatte sein Hemd eingefärbt. Zahllose Schrammen und Wunden zeigten sich in seinem Gesicht und Danny hatte vor kurzem einen Zahn ausgespuckt.
    Das letzte Mal, als Danny Bird gefoltert worden war, hatte er sich ebenfalls im Spiegeluniversum befunden. Damals war er an diesen Ort gekommen, um „Smiley“ O´Brien zu finden, der spurlos verschwunden war. Wie sich später herausgestellt hatte, befand sich der Anführer der Rebellen in einem veränderten Universum, in der das Terranische Empire niemals untergegangen war und mit harter Hand herrschte. An Bord der ISS Monitor waren sowohl O´Brien als auch Bird grausam gefoltert worden. Zynischerweise hatte es sich bei seinem Peiniger um Captain Bruce Land gehandelt. Während der Bruce Land seines Universums einer seiner engsten Kameraden und Vertrauten war, hatte es sich bei der Spiegelversion um einen Sadisten gehandelt, dem jedes Mittel recht gewesen war.
    Auch James Talley war jedes Mittel recht, jedoch ließ er die sinnlose Brutalität vermissen, die Captain Land an den Tag gelegt hatte. Irgendwie wirkte James trotz seiner Methoden seltsam kultiviert. Ein kurioser Widerspruch, in der Tat, aber er war ein Fakt.
    Eine Tür öffnete sich und abermals betrat eine Person den Raum. Für einen kurzen Moment fürchtete Danny, dass James zurückkehrte und sein grausames Werk fortsetzen wollte, doch zu seiner Überraschung handelte es sich bei der Besucherin um Janine. Trotz der momentanen Situation war der taktische Offizier der Monitor erleichtert, sie zu sehen. Ihre Schönheit stand in einem seltsamen Kontrast zu der Brutalität dieses Ortes und spendete ihm Kraft.
    Wie hatte ihm dies nur passieren können? Sich in die Person zu verlieben, die man eigentlich observieren sollte, gehörte zu den klassischen Fehlern eines Agenten. Auf den Lehrgängen wurde man immer wieder davor gewarnt, sich zu nah an die Zielpersonen heranzuwagen. Doch die Personen, die diese Regeln aufgestellt hatten, mussten sich wohl niemals in einem solchen Einsatz befunden haben. Monatelang unter Fremden zu arbeiten, das gewohnte Umfeld und Freunde zu verlassen war überaus hart und daher war es nur natürlich, dass man neue soziale Kontakte innerhalb der Struktur knöpfte, die man eigentlich unterwandern sollte.
    Janine Talleys Gesicht zeigte eine Mischung aus Entsetzen und Verzweiflung. Natürlich hatte sich Danny Bird als ihr Feind herausgestellt. Jedoch war er auch der Mann, den sie liebte.
    „Du siehst nicht gut aus,“ raunte Janine, holte ein Taschentuch aus ihrer Hosentasche und tupfte damit sein Gesicht ab.“
    „Du solltest deinen Vater nach dem Grund hierfür fragen,“ entgegnete Danny und versuchte zu lächeln, was ihm aufgrund der Schmerzen jedoch deutlich misslang.
    „Dad hat Gründe für sein Handeln und das weißt du.“
    „Nein, das weiß ich nicht!“ erwiderte der Lieutenant zornig. „Ich weiß nicht, wie man Folter rechtfertigen kann, um an Informationen zu gelangen.“
    Irritiert hielt Janine von ihrem Tun inne und musterte ihren Freund. In ihrem Gesicht zeigte sich dasselbe Unverständnis wie bei Danny.
    „Du hast uns belogen und fast verkauft,“ erklärte Janine auf eine Art und Weise, als würde man einem Kind Sachverhalte erklären müssen. „Würdest du in einer ähnlichen Situation nicht genauso handeln wie wir?“
    „Ich wäre niemals in eine solche Situation gekommen, Janine, denn ich käme niemals auf die Idee, die Erde zu vernichten.“
    Traurig seufzte die hübsche Frau.
    „Du verstehst unsere Ziele einfach nicht. Ich dachte, du wärst ein treuer Anhänger unserer Ideale geworden, doch ich scheine mich geirrt zu haben.“
    „Wie kann man nur so verblendet sein?“
    „Verblendet?“ Zum ersten Mal wirkte Janines Stimme gereizt. Scheinbar hatte Danny gerade etwas sehr falsches gesagt. „Mein Vater hat Ideale und Ziele, für die er hart gearbeitet hat. Bist du dir eigentlich bewusst, wie viel Zeit und Energie er investiert hat, damit dieser heutige Tag Wirklichkeit wird?“
    „Das klingt bei dir so, als wärst du stolz darauf, was er getan hat.“
    „Das bin ich auch. Mein Vater sieht nicht nur die Probleme, sondern er will auch etwas verändern.“
    Für einen kurzen Moment schwiegen die beiden jungen Menschen. Es dauerte einige Zeit, bis Danny seine Gedanken geordnet hatte. Zu abwegig schien die ganze Diskussion in seinen Augen zu sein. Doch etwas Gutes hatte die ganze Sache: im Zuge der Aufregung hatte er die Schmerzen, welche an ihm nagten, vergessen.
    „Und was für Probleme wären das, bitte schön?“
    „Er will die Macht wieder in die Hände des Volkes legen. Die Regierung hat sich schon zu weit von uns entfernt.“
    „Für so etwas gibt es Wahlen. Das ist halt so in einer Demokratie!“
    Aufgeregt warf Janine ihre Hände in die Höhe.
    „Wir haben es doch nur noch mit einer Scheindemokratie zu tun! Die politische Elite tut alles, damit ihr die Macht nicht entrissen werden kann. Wir haben doch gar keine andere Wahl, als zu diesen Mitteln zu greifen!“
    Es war schon seltsam, dass extreme Gruppierungen immer davon sprachen, äußere Umstände hätten sie zu ihren Taten gezwungen. Ein Paradoxon, welches sich durch alle Völker und Epochen zieht.
    „Ich sehe dies ein wenig anders…“ erklärte Danny lapidar und merkte, dass aus dieser Diskussion die Luft raus war. Auch Janine räusperte sich kurz, bevor sie meinte:
    „Du hast uns bei allem belogen. Es war alles nur ein Trick.“
    „Nicht alles.“
    Über diese Aussage war Danny selbst überrascht. Fast schon war sie ihm nur so herausgerutscht. Doch es lang ihm am Herzen einige Dinge klar zu stellen.
    „Zum Beispiel?“ fragte die hübsche Frau argwöhnisch.
    „Dass ich dich liebe, war keine Lüge!“
    Ihre Blicke trafen sich und in seinen Augen konnte Janine deutlich lesen, dass er die Wahrheit sagte. Für einen kurzen Moment herrschte eine unglaubliche Wärme zwischen ihnen beiden.
    „Bitte sag meinem Vater alles, was er wissen will. Dann wird er dir auch nicht weiter Weh tun müssen.“
    Es war ein Herzenswunsch der jungen Frau. Sie sagte es mit einer solchen Inbrunst, dass Bird wirklich für einen kurzen Moment aufgeben wollte.
    „Du weißt, dass ich das nicht kann.“
    Janine nickte verstehend und schien gleich den Raum verlassen zu wollen. Bevor sie dies jedoch tat, sagte sie noch:
    „Ich wünschte der Vater meines Kindes hätte anders entschieden.“
    Verdutzt blickte der Lieutenant auf. Hatte er da eben richtig gehört oder den Sachverhalt einfach nur falsch verstanden?
    „Wie meinst du das?“
    „Das ist das, was ich dir heute schon in deinem Zimmer hatte sagen wollen: ich bin schwanger…. wir werden ein Kind bekommen!“
    Mehr konnte Janine nicht sagen. Überwältigt von ihren eigenen Gefühlen eilte sie aus dem Folterraum und ließ den enttarnten Agenten abermals allein. Dieser wusste nicht mehr, was er nun sagen sollte.

    Auf der Brücke der Monitor liefen alle Informationen über die Ereignisse in Emden zusammen. Wie ein Fels in der Brandung stand Captain John Lewinski in der Mitte der Kommandozentrale und überblickte seine arbeitenden Offiziere. Er versuchte eine Atmosphäre der Ruhe zu verbreiten, die er selber gar nicht spürte. Denn in seinem tiefsten Inneren, auch wenn er dies natürlich niemals zugeben würde, hatte er Angst. Angst davor, was aus der Erde werden würde, wenn sie es nicht schaffen würden die Epidemie einzudämmen. Das Schicksal der Menschheit schien sich gerade in diesem Moment zu entscheiden und derzeit sah es alles andere als gut aus. Die Zahl der Infizierten stieg einfach zu schnell, die Eingreifteams kamen einfach nicht mit ihrer Arbeit hinterher. Wobei „Arbeit“ ein sehr makaberer Begriff für das war, was sie machen mussten. Immerhin wurde von diesen Männern und Frauen verlangt, dass sie Dutzende Menschen töteten. Unschuldige und im schlimmsten Falle sogar Kinder. Es würde lange dauern, bis viele von ihnen mit ihrem Gewissen ins Reine kamen. Auch John würde es nicht anders gehen. Dieser Tag war der wohl schlimmste in seinem Leben. Erst die Nachricht von dem Angriff, dann das Befreien seines Bruders, das Stellen gegen die direkten Befehle des Präsidenten und nun die Freisetzung des Virus. Konnte es noch schlimmer werden?
    Zischend öffnete sich die Zugangstür zur Brücke und Commander Price trat hinein. John hatte gar nicht so recht mitbekommen, dass sein Stellvertreter zur Monitor zurückgekehrt war und hoffte, dass wenigstens er mit guten Nachrichten aufwarten konnte.
    „Was ist, Matt?“
    „Die Situation ist schlimm, Skipper,“ entgegnete der Halbbetazoid und fuhr sich mit dem Ärmel seiner Uniform über die schwitzende Stirn. „Die Zahl der Infizierten steigt einfach viel zu schnell.“
    „Habe ich schon gehört,“ war die niedergeschlagene Erwiderung des Kommandanten.
    „Ich habe jedoch eine Idee.“
    „Nur raus damit!“
    In dieser Situation war der Captain für jeden Vorschlag offen, der sie einer Lösung des Problems näher bringen konnte, egal, wie abwegig sie auch sein mochte.
    „Vor wenigen Minuten sind wir nur knapp einem großen Angriff von Infizierten entgangen. Sie kamen in einer derart großen Zahl, dass ich ehrlich gesagt schon mit meinem Leben abgeschlossen hatte.“
    „Verluste?“ fragte Lewinski entsetzt.
    „Peca,“ erklärte Price ohne zu zögern. Diese Geste sollte nicht respektlos wirken, es galt einfach nur nicht irgendwelche Zeit zu verlieren. „Es waren plötzlich so viele von ihnen, ohne die Hilfe von Fähnrich Kensington wären wir da nicht herausgekommen.“
    „Peca… Peca,“ murmelte der Captain mehrfach und sein Blick ging ins Leere. Ein weiterer Crewman, der am heutigen Tage schon sein Leben lassen musste.
    „Meiner Meinung nach müssen die Infizierten sich untereinander verständigt haben, denn anders kann ich es mir einfach nicht erklären, dass sie in immer größeren Wellen kamen.“
    „Was meinst du damit?“
    Die Frage Lewinskis war berechtigt und aus den Augenwinkeln nahm er wahr, dass nun auch andere Offiziere auf der Brücke ihrem Gespräch folgten.
    „Ich denke da an Telepathie… ich habe da so etwas gespürt.“
    „Und wie soll uns das weiterhelfen? Eine friedliche Lösung werden wir nicht finden. Dazu ist die Intelligenz der Betroffenen auf ein zu rudimentäres Maß zurückgestuft worden.“
    „Ich weiß,“ erklärte Price und lächelte plötzlich. „Daher dachte ich vielmehr an die Möglichkeit einer Falle!“
    „Eine Falle? Wie soll das denn funktionieren?“
    Für einen winzigen, fast unmerklichen Moment zögerte der Halbbetazoid. Seine Idee war, wenn man ehrlich war, völlig abgehoben und eine Erfolgsgarantie war ebenfalls nicht gegeben.
    „Meine Absicht ist es von hier aus ein telepathisches Signal zu senden,“ erklärte Price seinen Plan, „der die Infizierten zu einem bestimmten Punkt lockt.“
    Die Reaktion des Captains war genau so, wie er sie erwartet hatte: ungläubig musterte John ihn und ging im Geiste durch, ob eine solche Idee überhaupt zu realisieren war.
    „Geht das überhaupt?“
    „Ja, es würde funktionieren,“ meinte Lieutenant Halek, die sich ungefragt in die Diskussion einmischte. Momentan war Lewisnki jedoch für jede Hilfe dankbar. „Wenn wir eine Art Emitter nutzen könnten, der die telepathische Botschaft des Commanders verbreitet, dann wäre dieser Plan ausführbar.“
    „Ich zweifle weniger an den technischen Möglichkeiten, sondern eher an denen des Commanders,“ erwiderte Captain Lewinski und stemmte seine Hände in die Hüften. Er war hungrig, müde und sehnte sich nach einer Pause. Je länger diese Krise andauerte, desto größer wurde die Wahrscheinlichkeit für Fehler und diese durften sie sich derzeit wirklich nicht erlauben. „Matt, du bist Empath und deine telepathischen Fähigkeiten reichen höchstens aus, um mit anderen Betazoiden zu kommunizieren!“
    „Dann können wir ja jetzt mal sehen, ob mir dieser Lehrgang, den mir die Sternenflotte vor zwei Jahren spendierte, etwas gebracht hat!“ entgegnete Matt Price und dachte an den letzten Aufenthalt auf Betazed zurück. Die Fortbildung, bei der er Marissa kennen gelernt und die sein Gefühlsleben so durcheinander gewirbelt hatte.
    Ein letztes Mal dachte John über die Optionen nach, die ihnen noch blieben. Müde rieb er sich den Hals und fragte seine stellvertretende Wissenschaftlerin:
    „Sind sie in der Lage einen solchen Emitter zu konstruieren?“
    Auch wenn er dies natürlich niemals zugeben würde, so wünschte sich John, dass nun Arena Tellom hier wäre. War es nicht Halek gegenüber unfair anzunehmen, dass Lieutenant Tellom diese Aufgabe wohl besser erledigen konnte? Vielleicht war es auch einfach nur die Macht der Gewohnheit, die ihn zu diesen Gedankengängen zwang.
    „Das Geheimdienstoberkommando arbeitet schon länger an und mit diesen Geräten. Innerhalb der nächsten Stunde könnte die Sache anlaufen,“ meinte Halek und wirkte bei diesen Worten überaus selbstbewusst. Vielleicht ahnte sie ja die Gedanken, die ihrem Captain durch den Kopf gingen und wollte ihm das Gegenteil beweisen. Immerhin bot sich hier die Gelegenheit zu zeigen, was in ihr steckte.
    Ein letztes Mal musterte der Captain seinen Stellvertreter und den Wissenschaftsoffizier.
    „Bereiten sie alles vor!“ befahl er schließlich und wandte sich wieder den Berichten über die eskalierende Epidemie zu. Möglicherweise war dies ihre letzte Chance!

    Irgendwann war der Moment, wo der menschliche Körper nicht mehr konnte. Wenn er den Belastungen des Tages nachgeben musste. Diesen Punkt hatte Edward Jellico erreicht. Nur für einen kurzen Moment hatte sich der Justizminister hinlegen und entspannen wollen. Doch innerhalb weniger Sekunden war er eingeschlafen. Eine völlig verständliche Reaktion, wenn man bedachte, wie lange er schon auf den Beinen war und man höchste Konzentration von ihm verlangte.
    Jedoch brachte der Schlaf nicht die ersehnte Erholung. Stattdessen träumte der ehemalige Admiral. Er befand sich an einem völlig dunklen Ort, leer und ohne jedwede Annehmlichkeit, die das Leben mit sich brachte.
    „Hallo?“ fragte der alte Mann, erntete als Antwort jedoch nur sein eigenes Echo.
    Panik begann ihn zu erfassen. Was ging hier nur vor sich? Scheinbar durchlebte er gerade einen Alptraum, dies stand für ihn fest. Nur zu gerne wäre er aus ihm erwacht, doch dies war ihm nicht möglich. Zu groß war das Schlafbedürfnis seines Körpers, der sich nun mit aller Macht erholen wollte.
    Einige Zeit lang ging Edward auf und ab, ohne ein Ziel erreichen zu können. Schließlich jedoch hörte er die hallenden Schritte einer weiteren Person, die auf ihn zukam. Erleichtert wandte sich der Minister der Geräuschquelle zu, doch das angedeutete Lächeln auf seinem Gesicht fror ein, als er erkannte, wer sich ihm näherte: Jozarnay Woil.
    „Mr. Woil,“ raunte der Chefverschwörer von Sektion 31 und trat einen Schritt zurück, „es ist gelinde gesagt eine Überraschung, sie hier zu sehen!“
    Dies war also der Inhalt seines Traums. Die Nachricht über die Flucht Woils und dessen Gefangennahme durch Romulaner war nur eine gute Stunde alt, bereitete ihm jedoch immenses Kopfzerbrechen.
    „Diese Aussage überrascht mich,“ entgegnete der Antosianer und machte einen weiteren Schritt auf ihn zu. Der ehemalige Chefingenieur der Monitor sah nicht so aus wie auf den Bildern, die Jellico gesehen hatte. Stattdessen machte Woil einen gepflegten und starken Eindruck; auch seine Kleidung war makellos. „Dabei liegt es doch nahe, dass man sich als guter Gast bei seinem Gastgeber für den Aufenthalt in einem seiner Unterkünfte bedankt.“
    Darauf lief also die ganze Sache hinaus. Noch während er sich im Traum befand, analysierte Edward die Bedeutung des gesehenen. Völlig klar, er hatte Angst. Angst davor, dass Jozarnay Woil die Flucht nutzte, um sich schließlich für seine Gefangennahme an ihm zu rächen.
    „Es handelt sich hierbei nur um einen Traum. Sie sind gar nicht wirklich hier!“ raunte Edward und versuchte mittels dieser Aussage sich selbst zu ermutigen.
    „Und wenn sie sich da so sicher sind, wieso schwitzen sie dann? Wieso haben sie Angst, Edward?“
    Immer näher kam der Antosianer und Edward Jellico wich zurück, ohne jedoch seinem Gegenüber entkommen zu können. Natürlich hatte er Furcht vor diesem Mann, keine Frage.
    „Ich werde mich nicht von ihnen beeindrucken lassen.“
    „Doch, dies werden sie,“ erklärte Woil mit einer erstaunlichen Selbstsicherheit. „Sie fürchten sich und dies zu Recht. Nun, wo ich frei bin, ist der Tag der Abrechnung nicht mehr allzu fern. Nicht nur für das, was sie mir in den vergangenen drei Monaten angetan haben, sondern auch wegen ihrem Mord an Stella Tanner. Der Frau, die ich geliebt habe.“
    Woil fixierte seinen gegenüber mit einem unheilvollen Blick, der keinen Zweifel an der Aufrichtigkeit seiner Aussagen ließ, dann schreckte Edward endlich aus dem Schlaf hoch. Er war von den Qualen dieses Alptraums erlöst worden!
    Atemlos ging er zur Waschnische und schüttete sich etwas Wasser ins Gesicht, um wieder auf klare Gedanken zu kommen. Doch viel Zeit um sich von diesen Erlebnissen zu erholen, hatte er nicht. Der Türsummer wurde betätigt und ohne auf ein Zeichen zu warten, betrat Commander Elena Kranick sein Büro.
    „Sie hätten wenigstens auf das Herein warten können,“ meinte Edward Jellico schlecht gelaunt und trocknete sich das Gesicht mit einem Handtuch ab, welches er im Anschluss wieder akkurat zurückhängte.
    „Für Höflichkeitsfloskeln haben wir keine Zeit,“ entgegnete die Sternenflottlerin lapidar und wirkte mehr als ungeduldig. „Ich muss sie sprechen!“
    „In der Tat. Wieso sonst sollten sie hier sein?“
    Genervt blickte Kranick den Justizminister an. Auch sie war übermüdet, gestresst und wollte am liebsten einfach nur nach Hause. Doch die Krise war noch nicht ausgestanden und bis es soweit war, würde sie dem Präsidenten der Föderation nicht von der Seite weichen. Dieses Versprechen hatte sie sich selbst gegeben.
    „Lieutenant Bird ist verschwunden!“
    Mit dieser Aussage hatte sie die ungeteilte Aufmerksamkeit des ehemaligen Admirals gewonnen. Jellico blickte sie mit einer Mischung aus Überraschung und Entsetzen an.
    „Wie meinen sie das?“
    „Unsere Teams haben das gesamte Anwesen der Talleys auf dem Mond abgesucht. Von James Talley, seiner Tochter und der gesamten Führung der Organisation fehlt jedwede Spur; inklusive Bird.“
    „Er muss entführt worden sein,“ murmelte Jellico und rieb sich durch das Gesicht.
    „Oder etwas anderes…“
    Der Unterton in der Stimme des Commanders gefiel Edward Jellico ganz und gar nicht.
    „Wie meinen sie das?“
    Sie räusperte sich, bevor sie fast schon mit Unbehagen gestand:
    „Schon einmal hat Danny Bird die Föderation verraten. Vielleicht ist es nun zum zweiten Mal geschehen.“
    Die Sternenflottengesandte spielte auf den Verrat Birds an, der sich während des Krieges gegen das Dominion ereignet und eine neue Identität des Lieutenants zur Folge gehabt hatte. Eine furchtbare Angelegenheit, die vor allem am neuen Danny selbst genagt hatte.
    „Nein, das ist unmöglich,“ winkte der Minister entsetzt ab. „Glauben sie mir, ich kenne Danny Bird länger als sie und er ist kein Verräter…. zumindest nicht der neue Danny Bird. Für ihn lege ich die Hand ins Feuer.“
    Niemals hätte der alte Mann geglaubt, dass er sich einmal für ein Besatzungsmitglied der Monitor verbürgen würde. Ausgerechnet die Männer und Frauen, die ihm am liebsten ins Gefängnis bringen würden. Wenn doch nur Captain Lewinski diese von ihm so selbstlose Tat sehen könnte!
    „Wie auch immer, unser Agent ist verschwunden und damit unsere Fähigkeit, direkt aus dem Herzen des Feindes Informationen zu beziehen,“ fuhr Kranick fort. „Wir müssen es dem Präsidenten sagen!“
    „Wie bitte? Sie sind ja wohl wahnsinnig! Derzeit hat der Präsident alle Hände voll zu tun und ist mit seinen Gedanken völlig woanders. Wir können ihn jetzt nicht auch noch damit belasten!“
    Nun war es an Elena Kranick ihren Gegenüber mit Entsetzen anzublicken:
    „Das kann nicht ihr Ernst sein!“
    „Doch, das ist es.“
    „Wir können dem gewählten Oberhaupt der Völker der Föderation nicht diese wichtigen Information vorenthalten,“ argumentierte Kranick. „Ich werde es ihm sagen.“
    „Es ist ein Fehler, glauben sie mir das!“
    „Dann wird es mein Fehler sein!“ erwiderte Kranick ungewöhnlich selbstsicher und verließ sein Büro. Wieso hatte der Justizminister nur das Gefühl, dass sein Einfluss und Gewicht derzeit schwand?

    Ke’ler betrat den Container ihres Vorgesetzten. Sofort blieb die Kälte und die Ungemütlichkeit der Talarianischen Welt hinter ihr zurück. Sogar die hektische Betriebsamkeit des romulanischen Lagers schien auf einmal wie weggeblasen.
    Neben Men’tesz befand sich noch der Arzt des Lagers im Container des Kommandanten.
    „Sir“, grüßte Ke’ler ihn und stellte sich neben den Mediziner vor den Schreibtisch.
    „Schön, dass Sie auch zu uns stoßen“, sagte Men’tesz ohne Anstalten zu machen, den Seitenhieb zu verbergen. „Berichten Sie Doktor.“
    „Es war knapp, aber wir konnten das Leben des Antosianers retten“, begann er. Aufgrund des forschenden Blickes des Kommandanten fuhr er sogleich fort: „Im Moment verabreichen wir ihm einen Blutersatz. Seine äußeren Wunden konnten wir alle schließen, aber wie schon gesagt: er hat viel Blut verloren. Beinah zuviel. Ich muss ihn sediert halten, bis er genügend Fusionen antosianischen Blutes erhalten hat. Unnötig zu erwähnen, dass dies in diesem Sektor Mangelware ist. Zudem leidet er an einem Schock, der nichts mit den Verletzungen zu tun hat.“
    „Wie meinen Sie das?“, fragte Ke’ler nach.
    Der Arzt blickte ernst in die Augen seines Kommandanten. „Entzugserscheinungen.“
    „Entzugserscheinungen?“, fragte Men’tesz. „Entzug von was?“
    „Ketracel Weiß“, antwortete der Arzt nach einem tiefen Atemzug.
    „Na toll, ein antosianischer Junkie...“, kommentierte Ke’ler gewohnt zynisch.
    „Dieser Mann entwickelt sich immer mehr zu einem Rätsel. Anstelle von Antworten erhalten wir noch mehr Fragen“, resümierte Men’tesz. „Ich habe mich in den Zentralcomputer der provisorischen talarianischen Regierung gehackt. Nach den Angaben des Korps der Föderation befinden sich drei Antosianer auf Talar. Dies sind zwei Frauen und ein 58jähriger Sanitäter.“
    „Unser Antosianer ist jünger. Etwa 30 Jahre, das hat die Zelluntersuchung ergeben“, schloss der Arzt an.
    „Das heißt unser Antosianer ist nicht mit der Föderation nach Talar gekommen“, folgerte Ke’ler. „Gibt es Antosianer, die mit anderen Organisationen her gekommen sind?“
    „Nein“, antwortete Men’tesz. „Antosianer sind sehr loyal. Wenn sie einmal eine Allianz eingegangen sind, halten sie sich auch daran. Unser Antosianer dürfte nicht hier sein.“
    „Könnte er etwas mit unserer Mission zu tun haben?“, wagte sich Ke’ler vor.
    „Kann ich Ihnen noch nicht sagen. Ich habe die Daten, die ich vom Doktor bekommen habe, zum Romulus gesendet. Dort werden sie dann im Zentralrechner ausgewertet. Aufgrund der atmosphärischen Störungen kann dies jedoch etwas dauern.“
    „Aber Sie müssen doch wenigstens wissen...“, drängte sie.
    „Subcommander, mir ist bewusst, dass Sie mehr über die Mission wissen wollen. Im Moment bin ich jedoch noch nicht autorisiert Ihnen mehr zu sagen, als sie bereits wissen.“
    „Ich weiß doch gar nichts! Ich weiß, dass die Zielperson weder talarianisch noch romulanisch ist. Das trifft jedoch auf so ziemlich jeden hier zu, der mit Schutzanzug herumläuft. Geschweige denn der Tatsache, dass mir nicht mal das Geschlecht dieser Person bekannt ist!“
    Men’tesz stand auf und beugte sich leicht zu Ke’ler vor. Gerade als er zum verbalen Gegenschlag ansetzen wollte, mischte sich der Arzt ein. „Was ist das für ein Geräusch?“, fragte dieser kritisch.
    Die beiden streitenden Offiziere blickten verwirrt zu dem Mediziner. Doch ihre Verwunderung wich schnell Gewissheit. Denn sie hörten das leise Pfeifen auch... und erkannten es.
    Nur Bruchteile einer Sekunde später spürten sie die Erschütterung, die Hitze, hörten den Lärm der nahen Detonation.
    Benommen wurde alle drei zu Boden gerissen.

    Es glich dem Einmarsch der Gladiatoren. Nur wirkte es seltsam bizarr. Es gab kein Kolosseum und keine Tribünen, kein Kaiserwetter und keine Löwen.
    Stattdessen gab es Dutzende in dicke Schutzanzüge eingepackte, bis an die Zähne bewaffnete Soldaten und einen eisigen Schneesturm.
    Die Tarnung des Camps der Romulaner war ausgefallen. Nun konnte man die gut zwei Dutzend Container erkennen, die bisher unter dem Schutz des Tarnschirms und einer halbwegs funktionierenden Wetterstation standen.
    Dies war nun wie weggeblasen.
    Ke’ler erwachte aus ihrer Bewusstlosigkeit. Alle Sinne kehrten mit einem Schlag zurück. Sie spürte die Kälte, den nuklearen Winter, hörte durch das dichte Schneetreiben die Energiestöße der Disruptoren. Wie weit waren sie entfernt?
    Sie drehte sich herum. Der Arzt war tot.
    Bei seinem Anblick erschrak sie. Schnell sah sie an sich herab – keine Wunden. Sie berührte ihr Gesicht und konnte dort eine kleine Schnittwunde auf ihrer Stirn ertasten. Aber ansonsten schien sie unverletzt zu sein.
    Sie hatte Glück gehabt. Denn sie sah nun das große Trümmerstück, das im Rücken des Arztes steckte.
    Ke’ler setzte sich auf. Zu schnell, plötzlich begann sich alles zu drehen und sie bekam keine Luft mehr. Vermutlich eine Gehirnerschütterung. Und eine geprellte Rippe.
    Da, der Commander.
    Men’tesz röchelte. Er schien noch zu leben. Schnell rutschte sie zu ihm hinüber. Eine große Wunde bekleidete seinen Bauch. Eine große Blutlache hatte sich schon neben ihm gebildet.
    „Commander...“, begann Ke’ler.
    „Subcommander...“, erwiderte Men’tesz, sichtlich entkräftet. „Im Orbit... Ein Transporter, getarnt...“ brachte er heraus.
    „Was?“
    „Bringen Sie... die Leute weg...“, befahl er. Und trotz seines nahen Todes hatte er nichts von seiner autoritären Kraft verloren. Er deutete zu etwas auf seinem Schreibtisch.
    Ke’ler stand auf und fand dort einen Kommunikator. Sie aktvierte ihn – und sandte ein Stoßgebet zu ihren Göttern, dass sie das noch konnte – und kehrte dann mit ihm zu Men’tesz zurück.
    „Sir, die Frequenz“, bat Ke’ler.
    Doch Men’tesz konnte nicht mehr antworten.
    Sie erlaubte sich keine Trauer. In einer Krisensituation konnte dies der sichere Tod sein. Also sah sie schnell nach, wo die Angreifer waren. Sie näherten sich über den Nordhang. Unaufhaltbar. Es waren einfach zu viele. Ke’ler schätze etwa 30. Ihre Männer gaben Kontra. Doch der Überraschungseffekt hatte auf Seiten der Anderen gelegen.
    Sie zog ihren Disruptor und lud ihn. Glücklicherweise hatte auch dieser die Detonation überstanden. Während sie sich in Richtung „Kampflinie“ durchschlug, veränderte sie immer wieder die Frequenzen des Kommunikators. Mit irgendeiner musste sie schließlich durchkommen.
    Nach nur wenigen Metern war sie schließlich an der Front angelangt, wie man so schön sagen wollte. Dort hatten sich ihre Männer und Frauen hinter Baracken und Containern verschanzt und feuerten auf die Angreifer, die ihrerseits Deckung suchten, hinter Felsen und den Trümmern von zerstörten Häusern. Es schien als sie ihr Vordringen erstmals gestoppt oder verlangsamt worden.
    „Berichten Sie“, wie Ke’ler einen der Soldaten – sie erkannte ihn als den jungen Gefreiten T’k’ot. Ke’ler musste schreien, um sich gegen den Kampflärm und das Schneetreiben durchzusetzen.
    „Wir können sie so langsam in Schach halten. Sie haben ohne Vorwarnung angegriffen“, begann er. „Subcommander, wo ist der Kommandant?“
    „Er ist tot!“
    T’k’ot erschrak. Er war noch jung, dies seine erste Mission. Schnell konzentrierte er sich jedoch wieder auf das feindliche Feuer und feuerte mit seinem Disruptorgewehr. „Was machen wir jetzt?“, fragte er ratlos.
    Ke’ler schaffte es noch immer nicht, das romulanische Schiff zu kontakten. Sie blickte hilfesuchend zum Himmel. „Konnten Sie erkennen, wer die Angreifer sind?“
    Der junge Gefreite griff in eine Tasche und holte einen Trikorder hervor. Er aktivierte ihn und hielt ihn in Richtung der Angreifer. Er konnte der Anzeige auf diesem Gerät nicht glauben.
    Desillusioniert sah er zu seiner Vorgesetzten. „Es sind Menschen!“
    Subcommander Ke’ler riss die Augen auf. Schnell ordnete sie diese Information ein. Doch Zeit zum Nachdenken hatte sie nicht. Denn der Kommunikator meldete sich.
    „Hier Observer. Was gibt es Eagle?“

    Burbank und Mallon näherten sich ebenfalls dem Kampfgeschehen. Natürlich aus der anderen Richtung um nicht in die Auseinandersetzung mithineingezogen zu werden, nichtsdestotrotz waren sie bewaffnet. Burbank hielt dabei Mallon den Rücken frei, der mit einem Trikorder das Lager scannte.
    „Ich erhalte seine Werte. Woil ist im Lager“, meldete Mallon über den Funk ihrer Schutzanzüge.
    Beide setzten ihren Weg durch die talarianische Nacht fort.
    Sie näherten sich den unbewachten Baracken. Ihr Plan war aufgegangen. Alle waren damit beschäftigt, den Sturmangriff abzuwehren.
    Schnell näherten sie sich der gesuchten Baracke. Mallon konnte in dieser Woils Lebenszeichen ausmachen. Burbank nickte, als er die Angaben auf dem Trikorder sah. Neben Woil befand sich noch eine weitere Person in dem Container. Ein Romulaner.
    Mallon steckte das kleine Messinstrument weg und öffnete die Tür schlagartig. Burbank hielt dabei die ganze Zeit sein Gewehr bereit.
    Und so kam ihr Eindringen ebenfalls überraschend. Die Krankenschwester, die sich um Woil kümmerte erschrak. Doch zum Schreien blieb ihr keine Zeit, Burbank schoss.
    Tot fiel die junge Frau zu Boden.
    Mallon näherte sich mit großen Schritten ihrem Ziel während Burbank ihm den Rücken frei hielt.
    Ein kurzer Blick auf den Trikorder und die Instrumente, an die Woil angeschlossen war, genügten. „Seine Werte sind stabil.“
    „Dann entfernen Sie die Schläuche von ihm, wir gehen!“
    Mallon tat wie geheißen. Er entfernte alle Geräte, die an Woil hingen.
    „Sie sollten sich beeil...“, begann Burbank. Unterbrochen wurde er vom Schuss aus einem Disruptor, der ihn mitten in den Rücken traf. Mallon zuckte zusammen, wollte nach seinem Phaser greifen, doch dies schaffte er nicht rechtzeitig. In der Tür stand Ke’ler. Ihren Disruptor hoch erhoben.
    „Denken Sie nicht mal dran.“
    Langsam stand Mallon auf, seine Hände erhoben. Er versuchte krampfhaft seinen Puls und seine Atmung zu beruhigen, doch recht wollte es ihm nicht gelingen.
    „Wer sind Sie?“, fragte Ke’ler. „Wer ist er?“
    Mallon antwortete nicht.
    „Na schön, wenn sie es auf die harte Tour wollen.“ Ke’ler senkte die Waffe und schoss. Der Schuss streifte Mallons Wade. Woraufhin dieser schreiend zu Boden ging.
    Ke’ler näherte sich und blickte durch sein Visier direkt in Mallons Gesicht.
    „Ich habe alle Zeit der Welt“, kündigte sie an.
    Doch Mallon antwortete nicht. Sein Gesicht war gezeichnet vom Schmerz. Der Schweiß stand ihm auf der Stirn.
    In diesem Moment erklang T’k’ots Stimme aus Ke’lers Kommunikator.
    „Subcommander, die Menschen brechen durch. Wir könne sie nicht mehr aufhalten.“
    Auch Mallon hatte diese Nachricht gehört. Für einen Moment war der Schmerz aus seinem Gesicht vertrieben. Ja, sogar ein Lächeln war zu erkennen.
    „Oh ich freue mich schon, mich zu revanchieren.“
    Ke’ler senkte ihre Waffe und hob ihren Kommunikator.
    „Eagle, jetzt.“ Kaum hatte sie die Worte ausgesprochen Verschwand sie in einem grünen Schimmer. Sie wurde weggebeamt. Ebenso wie Woil.
    Für Mallon war es, als würde die Zeit stehen bleiben. Von einem Moment auf den andern brach alles zusammen.
    In der Tür stand plötzlich einer seiner Männer. Mit einem Phasergewehr bewaffnet.
    „Sir, die Romulaner sind alle weg“, meldete dieser.
    Mallon blickte zu der leeren Liege, in der soeben noch Woil gelegen hatte. „Helfen Sie mir hoch. Wir ziehen uns zurück.“

    Im Orbit um Talar enttarnte sich für einen Moment das kleine romulanische Transportschiff. Nur für einen Moment war es sichtbar, dann aktivierte es seine Tarnvorrichtung auch wieder und verschwand in der Unkenntlichkeit.
    An Bord des Schiffes stand Ke’ler, zusammen mit den anderen Männern und Frauen ihres Lagers. Sowie Woil. Mittels eines Frachttransporters war es gelungen alle zur selben Zeit heraufzubeamen. Etwas verwirrt blickten sich manche um, doch dies legte sich schnell, nachdem sie erkannten, wo sie waren.
    Vor der Transporterplattform stand eine Technikerin sowie ein großer Trupp Sicherheitsleute.
    Ke’ler entdeckte jedoch noch etwas anderes. „Wo sind die Menschen?“ Sie trat von der Plattform herab zur Technikerin.
    „Wir konnten sie nicht erfassen“, lautete die trockene Antwort.
    Die romulanische Agentin zögerte nicht lange und öffnete einen internen Kom Kanal. „Ke’ler an Brücke. Zerstören Sie das Lager und fliegen Sie uns augenblicklich aus dem System!“

    Mallon konnte immer noch glauben, was dort eben geschehen war. Er wurde von einem der Soldaten gestützt weggetragen. Er musste Jellico berichten. Die anderen Soldaten seiner Einheit hatten sich inzwischen wieder formatiert und waren ebenso auf dem Rückzug.
    Ein helles Licht erhellte plötzlich den talarianischen Himmel.
    Doch noch bevor Mallon oder irgendjemand anders reagieren konnte, wurden alle von der gewaltigen Druckwelle, mit der der Torpedo die Baracken zerstörte, zu Boden gerissen.

    Natürlich war nicht alles eitel Sonnenschein in ihrer Beziehung gewesen. Ab und an hatten sie gestritten und mehr als einmal hatte sich Ardev gefragt, ob diese Beziehung überhaupt gut gehen konnte. Denn immerhin stammten sie aus zwei völlig unterschiedlichen Kulturkreisen. Ardev war ein traditionell lebender Andorianer gewesen, während Arena Anhängerin ihrer für Terellianer typisch hedonistischer Kultur war. Dennoch hatten sie gemeinsame Nenner gefunden und so war die lang ersehnte Heirat der beiden vor drei Jahren die logische Konsequenz gewesen:
    Für die meisten an Bord des kleinen Schiffes war heute ein ganz besonderer Tag, denn heute sollte die lang erwartete Hochzeit von Lieutenant Ardev und Fähnrich Tellom stattfinden. Für drei Jahre waren die beiden Führungsoffiziere das offizielle Liebespaar des Schiffes gewesen, der lebende Beweis für die Familie, die die Crew darstellte. Und heute sollte es soweit sein, diese beiden jungen Personen wollten den ewigen Bund fürs Leben schließen. Die Feier fand in der prächtigen Gartenanlage der Sternenflottenakademie statt. Das Brautpaar hatte sich für die andorianische Hochzeitszeremonie entschieden, was den so traditionsbewussten Ardev gerührt hatte. Da Andor zu weit weg war, um dorthin zu reisen und an jenem Ort die Hochzeit durchzuführen, hatte man sich für die Akademie auf der Erde entschieden. Ihre Grünanlagen mit den weiten Wiesen und den beeindruckenden Bäumen ähnelten dem Klasse L- Planeten Andor sehr. Auf der Wiese waren mehrere Reihen von Bänken aufgestellt worden, auf dem die zahlreichen Hochzeitsgäste Platz genommen hatte. Unter ihnen waren Offiziere der Sternenflotte, die in Galauniformen gekleidet waren, Beamte der Föderation, alte und neue Freunde des Paares und noch weitere. Aufgeregt murmelten die Gäste vor sich hin. Niemand von ihnen war jemals Zeuge einer andorianischen Hochzeit gewesen, um so mehr war man also gespannt, wie das ganze ablaufen sollte. Seltsamerweise saßen einige der Offiziere der Monitor, wie z.B. die Captains Lewinski und Price sowie Lieutenant Bird nicht auf ihren Ehrenplätzen in der ersten Reihen, sondern waren über die hinteren Plätze verteilt. Ganz vorne, auf einem kleinen Podest, stand Arena Tellom, die in ein terellelianisches Festkleid gewandet war. Bei ihrer Spezies existierte keine Ehe und daher konnte sie auch kein Brautkleid tragen, daher hatte sie sich für etwas entschieden, was in etwa ein Äquivalent darstellte.
    Langsam verstummte die wartenden Menge, als sich immer mehr Personen nach hinten drehten. Lieutenant Ardev war nun am hinteren Ende der Reihe erschienen, nur mit einer schwarzen Hose bekleidet, während sein blauer Oberkörper frei blieb. Selbstsicher schritt der Andorianer, den festen Blick auf den Podest mit seiner Frau gerichtet, durch die Reihen hindurch. Plötzlich sprang Captain Matthew Price von seinem Platz auf und versperrte ihm mit grimmigen Blick den Weg. Der Lieutenant antwortete mit einer imaginären Bewegung, die Price zur Seite schubsen sollte und der betazoidische Kommandant tat, wie ihm geheißen und machte den Weg frei. Man hatte ihnen am Anfang genau die andorianische Zeremonie erklärt: das Volk der Andorianer war eine kriegerische und stolze Kultur. Auch wenn sie inzwischen besonnener geworden waren, hielten sie an ihren Traditionen fest. Wollte ein Mann seine Geliebte zur Frau nehmen, so musste er sich früher im wahrsten Sinne des Wortes durch die Reihen derjenigen kämpfen, die ihm diese Hochzeit streitig machen wollten. Heutzutage wurde diese Art von Kampf nur noch nachgestellt und Verletzte blieben so aus. Ardev schritt weiter durch die Menge, die gebannt das Schauspiel beobachtete. Als nächste kam ihm Lieutenant Danny Bird in die Quere. Die beiden jungen Männer waren schon immer sehr gute Freunde gewesen und so war es selbstverständlich gewesen, dass er sich für die Hochzeit bereit erklärt hatte, den „Trauzeugen“ zu spielen. Lieutenant Ardev fuhr sein Bein aus und stoppte die Trittbewegung kurz vor dem Kopf Birds, der artig den Weg freigab. Und er schritt weiter. Nur noch wenige Meter, dann hatte er es geschafft und die Trauung konnte beginnen. Sein letzter Gegenspieler jedoch war, zumindest war es früher so gewesen, der stärkste Widersache gewesen. Gespielt wurde er von Captain John Lewinski, der nach einem simulierten Aufwärtshaken jedoch auch kapitulierte. Endlich konnte der Andorianer den Podest erklimmen und legte beide Hände Telloms in die seinen.
    „Geliebte Arena,“ sprach Ardev die traditionellen Hochzeitsworte, „ich habe alle Widerstände überwunden und meine stärksten Feinde besiegt. Nur noch eine Hürde hindert mich, der stolzeste Andorianer zu sein: das Geschenk, dass du mir machen kannst, indem du meine Frau wirst.“
    Und Fähnrich Tellom antwortete traditionsgemäß:
    „Ardev von Andor, ich akzeptiere dein Angebot.“
    Die andorianische Hochzeitszeremonie war hiermit abgeschlossen. Auf Ardevs Heimatplaneten galten die beiden nun als Ehepaar. Nun war es Zeit, diesen Umstand auch auf die gesamte Föderation auszuweiten. John Lewinski und Matthew Price bestiegen beide ebenfalls den Podest. Da sie irgendwie derzeit beide die Kommandanten der beiden waren und sie sich nicht zwischen den beiden Captains entscheiden wollten, hatten sie einfach vereinbart, dass beide die Trauung durchführten. Matt Price begann als erstes:
    „Verehrte Gäste, liebes Brautpaar, wir haben heute uns hier versammelt, um diese beiden Personen in den Stand der Ehe zu versetzen, welches zu den schönsten Pflichten eines Kommandanten gehört.
    Zwei grundverschiedene Individuen haben sich hier zusammengefunden, um sich für ein gemeinsames Leben zu entscheiden, was ein außerordentlicher Schritt ist. Sie werden ihre verschiedenen Traditionen und Ansichten, ihre Meinungen und Wünsche in diese Partnerschaft einbringen und so es dem anderen hoffentlich ermöglichen, ein erfülltes Leben zu führen. Wir alle hier können ihnen dabei nur alles Gute wünschen.
    Ardev von Andor, ich frage dich, möchtest Arena Tellom zu deiner Frau machen, sie lieben und ehren, bis dass der Tod euch scheidet?“
    „Ja ich will,“ antwortete der Lieutenant und blickte seine Fast-Frau an. Deutlich war ihm nun die Mischung aus Aufgeregtheit und Freude anzusehen.
    John Lewinski fuhr nun mit der Zeremonie fort:
    „Arena Tellom, ich frage dich, willst du Ardev von Andor zu deinem Mann machen, ihn lieben und ehren, bis dass er Tod euch scheidet?“
    „Ja ich will,“ kam auch die Antwort von der jungen Frau. Sie strahlte über das ganze Gesicht.
    „Dann,“ schloss Lewinski ab, „erkläre ich euch hiermit zu Mann und Frau! Sie dürfen nun die Braut küssen!“
    Und unter jubelnden Klatschen tat Ardev, wie ihm geheißen. Nun war es offiziell, dass erste verheiratete Paar würde auf der Monitor dienen!
    Im Anschluss an die Zeremonie wurde das reichhaltige, mit andorianischen und terellianischen Spezialitäten gedeckte, Buffet für eröffnet erklärt. In kleineren Gruppen standen die Leute zusammen und unterhielten sich über die verschiedensten Sachen, die im Zusammenhang mit dieser Hochzeit standen. Etwas abseits, auf einer kleinen Anhöhe, von welcher man die Partygäste gut beobachten konnte, stand John Lewinski, mit einem Glas Sekt in der Hand und dachte nach. Es dauerte nicht lange, bis ihn sein bester Freund Lieutenant-Commander Bruce Land, der erste Offizier der Monitor, bemerkt hatte und sich, ebenfalls mit einem Getränk bewaffnet, ihm näherte.
    „Schöne Zeremonie,“ meinte der Navigator und nippte an seinem Orangensaft. Es war eine Wohltat nach all den Monaten mal wieder echten, in der Natur hergestellten Saft zu trinken.
    „Finde ich auch,“ entgegnete John und starrte weiter vor sich hin. „War mal interessant, die andorianische Hochzeitszeremonie kennen zulernen. Nur gut für Ardev, dass er mit nicht wirklich geschlagen hat. Ansonsten hätte ich mich gewehrt und du weißt ja, wie so etwas dann ausgeht.“
    Daraufhin lachten beide Männer und schweigen dann. Dies war das wunderbare an einer Freundschaft: man konnte auch einmal schweigen und dabei schien man doch alles zu verstehen, was der gegenüber meinte.

    Ein weiteres Mal wurde er überrascht, als nicht James Talley oder dessen Tochter, sondern Kira Nerys den kleinen Folterraum betrat. Danny Bird blinzelte mehrfach und versuchte sich zum wahrscheinlich hundertsten Mal am heutigen Tage klar zu machen, dass dies nicht die Bajoranerin war, die er kannte. Stattdessen war es die ehemalige Intendantin des bajoranischen Sektors, willfährige Handlangerin der Allianz und Unterdrückerin tausender Menschen. Mit einem aufgesetzt wirkenden Lächeln trat sie auf ihn zu.
    „Guten Tag, Mr. Bird,“ säuselte sie und bewegte beim Gang auf ihn zu die Hüften etwas deutlicher, als es normal gewesen wäre. „Wie geht es ihnen bisher?“
    „Die Unterkunft könnte angenehmer sein,“ entgegnete Bird ironisch. Er musste mit diesen sarkastischen Kommentaren aufhören, die ihm nur Ärger einbrachten. Jedoch waren diese auch das einzige, die ihm derzeit etwas Stärke verliehen.
    „Glücklicherweise scheinen sie ihren Humor nicht verloren zu haben,“ meinte die Intendantin und setzte sich auf seinen Schoß. Eine merkwürdig intime Geste angesichts der Situation, in der Danny derzeit steckte. Wenn die Bajoranerin jedoch hoffte, mit dieser Aktion etwas bei ihm zu bewirken, so musste sie enttäuscht werden. „Ich kann ihnen helfen aus dieser Situation heil herauszukommen!“
    „So wie sie den Menschen in ihrer Besatzungszone geholfen haben?“ war die lakonische Gegenfrage des Lieutenants. „Wieso sollten ausgerechnet sie mir helfen wollen?“
    „Oh, höre ich da etwas Kritik aus ihrem Satz heraus? Sie müssen wissen, dass die Geschichtsbücher etwas bei meiner Darstellung übertrieben haben…zumindest die terranischen! Tatsächlich habe ich eine Schwäche für ihre Spezies entwickelt. Fragen sie doch nur einmal James! Wir sind inzwischen gute Geschäftspartner geworden.“
    „Sie sind keine Geschäftspartner, sie nutzen ihn nur für ihre Ziele aus.“
    Kira musterte ihn, erhob sich dann endlich von seinem Schoß und hielt ihm einen Elektroschocker an den Hals. Wo das kleine Gerät auf einmal hergekommen war, wusste Lieutenant Bird nicht. Viel entscheidender war jedoch der Umstand, dass es höllisch wehtat! Unzählige Volt rasten durch seinen bereits lädierten Körper und ließen ihn erbeben.
    „James und ich verfolgen gemeinsame Interessen,“ erklärte die ehemalige Intendantin, nachdem sie das Gerät endlich abgeschaltet hatte. „Er möchte die Regierung der Föderation stürzen und ich hätte mit dieser Entwicklung kein Problem. Ganz im Gegenteil, es wäre mir eine persönliche Freude, an diesem hehren Ziel teilhaben zu können!“
    Immer noch benommen von den Elektroschocks leckte sich Bird über die ausgetrockneten Lippen und versuchte seine Gedanken zu ordnen.
    „Wieso? Was ist ihre Intention dabei?“
    Statt einer Antwort bekam der junge Mensch wieder nur Elektroschocks zu spüren. Fast eine halbe Minute lang wurde er dieser grauenvollen Prozedur ausgesetzt, dann ließ sie endlich von ihm ab und entgegnete:
    „Was ist denn ihre Vermutung?“
    „Ich denke, sie tun dies aus reiner Bosheit…um die menschliche Spezies weiter zu bekämpfen…“
    Danny wollte noch mehr sagen, konnte jedoch nicht. Aufgrund der hohen Voltzahlen, die durch seinen Körper gejagt waren, übergab er sich. Röchelnd tropfte noch etwas Speichel von seinem Mund, den er aufgrund der Handfesseln nicht abwischen konnte. Wie lange würde sein Körper noch diese Behandlung durchhalten?
    „Nein, dies ist nicht der Grund, obwohl er in ihren Augen nahe läge. Ich überlasse es ihrer Phantasie eine Begründung zu finden. Was ich jedoch von ihnen haben will, sind Antworten. Antworten auf Fragen, die James ihnen schon gestellt hat und die sie nicht beantworten wollten.“
    „Wieso sollte ich sie dann ihnen beantworten?“
    Die Antwort auf seine Frage waren erneute Voltstöße, länger und intensiver als bisher.
    Danny wurde fast besinnungslos, bevor die Prozedur endlich abgebrochen wurde.
    „Ein nettes, kleines Gerät, nicht wahr?“ frohlockte Kira und betrachtete das zigarrenförmige, schwarze Objekt in ihren Händen. „Ich habe es einem Ferengi abgekauft, der es angeblich von den Romulanern hat. Eine geheimnisvolle Spezies, diese Romulaner! Mir ist zu Ohren gekommen, dass sie in ihrem Universum weitaus weniger isolationistisch sein sollen als bei uns. Nur zu gerne hätten wir sie für die Allianz gewonnen, aber sie lehnen eine Beteilung in die Politik dieses Quadranten ab.“
    „Vielleicht möchten sie ja nicht an dem Völkermord teilhaben,“ raunte Danny und befürchtete schon im nächsten Moment abermals Stromstöße als Strafe zu erhalten. Doch diese bleiben aus.
    „Es ist nicht an uns ihre Motive zu erfragen. Zurück zum Thema, Danny…ich darf sie doch Danny nennen?“
    Der Angesprochene schüttelte den Kopf, doch erwartungsgemäß wurde seinem Einwand kein Gehör geschenkt.
    „Für wen arbeiten sie? Ist man den Talleys schon auf der Spur?“ fuhr Nerys mit ihrer Fragerei fort.
    Doch sie erntete nur Schweigen. Als Konsequenz setzte sie zwei weitere Stromschläge an, doch Bird blieb hart. Er war willens sich nicht diese Informationen entlocken zu lassen.
    „Scheinbar möchten sie sich nicht mit mir unterhalten!“ stellte die in Leder gekleidete Frau fest.
    „Mit ihrer Vermutung könnten sie richtig liegen.“
    „Ich kenne jedoch eine Möglichkeit, wie ich sie zum Reden bringen kann,“ erklärte die Bajoranerin und lächelte abermals. Dieses Mal wirkte es jedoch nicht aufgesetzt, sondern vielmehr sadistisch. „Mir ist schon aufgefallen, dass sie eine besondere Beziehung zu Janine zu haben scheinen, Danny.“
    Die Augen des Lieutenants weiteten sich in Panik. Nein, das konnte sie doch nicht ernst meinen! Bird hatte sich auf alles vorbereitet, nur nicht darauf, dass eine andere Person als er selbst in diese Sache hineingezogen werden könnte.
    „Wagen sie es ja nicht!“ drohte der Mensch, aber sein Einwand schien im Nichts zu verpuffen.
    „Oder was? Sie sind nicht gerade in der Lage oder gar der Verfassung, um mich aufzuhalten. Soll ich also nach Janine rufen lassen oder sagen sie mir nun, was ich wissen will?“
    Tausende Gedanken gingen Danny Bird nun durch den Kopf. Die dringlichste war:
    Was sollte er nur tun?
    Natürlich konnte er seine Missionsgeheimnisse bewahren, aber dafür würde eine Frau in Mitleidenschaft gezogen werden, die trotz ihrer kriminellen Machenschaften die Mutter seines Kindes sein würde. Wie handelte man in einer solchen Situation?
    „Haben sie es sich überlegt, Danny?“
    Statt eine Antwort von sich zu geben, schwieg der Lieutenant nur. Angesichts des Bevorstehenden grinste die ehemalige Intendantin. Deutlich war ihr die Freude anzusehen, als sie einen Kommunikator aktivierte und fragte:
    „Janine, würden sie bitte einmal zu mir in den Verhörraum kommen?“

    Die Vorbereitungen waren endlich abgeschlossen worden. Sie hatten lange gedauert, fast eine Stunde und während dieser Zeit war Captain Lewinski auf der Brücke umher gewandert.
    Die Rolle des unbeteiligten Beobachters war die schlimmste von allen, denn am liebsten wurde John aktiv und wollte an Problemlösungen teilhaben. Doch dieses Mal hatte er anderen Menschen dieses Feld überlassen müssen. Er verstand ehrlich gesagt kaum etwas von der Technik, die bei diesem Plan angewandt wurde und den größten Teil der Federführung hatte ohnehin Commaner Price übernommen. John war nichts anderes übrig geblieben, als die Gesamtüberwachung auszuüben und auf das Ergebnis zu warten.
    Jetzt war es endlich soweit. Matt Price hatte sich an den Tisch gesetzt, welcher sich im hinteren Bereich der ohnehin nur kleinen Brücke befand und hatte ein seltsames Gerät auf den Kopf gesetzt. Es war eine Art Helm, an dem mehrere Kabel angeschlossen waren. Neben dem Halbbetazoiden stand Lieutenant Halek und half bei der Justierung des experimentellen Gerätes. In einer Nacht und Nebelaktion hatten sie es aus den Experimentallaboren des Sternenflottengeheimdienstes holen müssen, wozu Captain Lewinski eigens seinen Sicherheitscode hatte verwenden müssen.
    „Sind sie soweit?“ fragte die Vertreterin von Arena ihren Vorgesetzten und Matthew nickte, nachdem er den Helm etwas zurecht gerückt hatte.
    Diese Sache war bisher noch nicht probiert worden und daher gab es keinerlei Erfolgsgarantie. Jedoch musste alles klappen, denn inzwischen waren ihnen die Optionen ausgegangen. Die Stadt Emden begann allmählich im Chaos zu versinken. Unzählige Infizierte verwüsteten den betroffenen Stadtteil, so gut wie alle örtlichen Polizisten waren im Einsatz und die Sternenflotte hatte Probleme genügend Kräfte bereit zu stellen. Dies war möglicherweise die letzte Chance auf ein glückliches Ende.
    „Hopp oder Top,“ murmelte Price und seufzte. Die ganze Sache würde anstrengend werden und vielleicht sogar schmerzhaft. Keine Ahnung, was er nun zu erwarten hatte. In der wenigen Vorbereitungszeit, die er zur Verfügung hatte, hatte er sämtliche Datenbanken zum Thema Telepathie und Gedankenkontrolle durchforstet, die er hatte finden können. Zu dumm, dass es an Bord der Monitor keine geeigneteren Personen gab, wie reine Betazoiden oder Vulkanier. Diese hätten wahrscheinlich besser eine solche Aufgabe erledigen können.
    Doch es war Price´ Idee gewesen und daher hätte er sie ohnehin selbst umsetzen wollen.
    Es lag einfach in seiner Natur sich großen Aufgaben stellen zu wollen.
    „Lewinski an Kensington“, sagte der Captain, nachdem er den Kommunikator aktiviert
    hatte, „ist alles vorbereitet?“
    „Wir sind soweit, Sir!“ antwortete Fähnrich Kensington, die sich mit einem taktischen Team auf die Lauer gelegt hatte. Mittels eines Fernglases beobachtete sie aus einem Hochhaus heraus die Sporthalle der Schule
    „Dann kann es ja losgehen,“ murmelte der Kommandant der Monitor und nickte seinem Stellvertreter zu.
    Dieser schloss seine Augen, legte seine Hände flach auf dem Tisch ab und atmete ein letztes Mal tief durch, bevor er begann sich zu konzentrieren. Er dachte einige Sekunden lang nach, begann dann mit einem Prozess, den man wohl am besten mit einer Meditation vergleichen konnte. Er musste sich auf die vor ihm liegende Aufgabe konzentrieren; versuchen, sein volles mentales Potential auszuschöpfen.
    Lieutenant Halek überwachte auf ihrem Padd die Gehirnaktivitäten des Commanders und begann den telepathischen Emitter zu aktivieren. Langsam fuhr sie das experimentelle Gerät, welches direkt an die Deflektorscheibe des Schiffs angeschlossen war, hochzufahren.
    Sie hoffte inständig, dass die Systeme und Relais diese Belastung aushalten würden.
    Nach dem Tod von Lieutenant Sanchez versuchte die Crew noch Herr über das Chaos im Maschinenraum zu werden und so war es schwierig geworden ein Gerät an die Schiffssysteme anzuschließen, welches niemand bisher gesehen hatte.
    Die Gehirnaktivitäten von Matthew Price schossen in die Höhe, je mehr er sich konzentrierte. Einige Zeit lang hatte der Halbbetazoid überlegt, welche telepathische Botschaft er den Infizierten senden sollte, dann jedoch war ihm bewusst geworden, dass die betroffenen Personen über nur noch ein sehr einfaches Bewusstsein verfügten. Also beschränkte sich der Commander darauf einen Warnruf zu senden.
    „Borg!“ dachte er und hoffte, dass seine Gedanken stark genug waren, um alle Infizierten in Emden zu erreichen. „Borg in der Schulsporthalle! Borg! Borg! In der Sporthalle!“
    Die Sensoren des Emitters zeichneten seine Hirnwellen auf und leiteten sie an den Deflektor weiter, der wiederum die Gedanken zur Erde sendete. Minutenlang saß Commander Price einfach nur da, mit geschlossenen Augen, und dachte an seine Botschaft. Fast eine halbe Stunde lang dauerte die Prozedur. Nervös biss sich John Lewinski auf der Unterlippe herum. Waren sie etwa gescheitert? Vielleicht war der Plan ja doch nicht so ausgereift gewesen, wie sie es alle gehofft hatten.
    Dann jedoch öffnete Samira Kensington eine Komleitung:
    „Kensington an Monitor, ich sehe hier Bewegung. Einige Infizierte bewegen sich auf die Turnhalle zu.“
    „Wie viele sind es?“ fragte Lewinski und hoffte das Beste.
    „Es sind einige Dutzend… Moment, es scheinen immer mehr zu werden. Sieht so aus, als strömen sie aus der gesamten Stadt her.“
    Überrascht und vor allem erfreut runzelte John die Stirn und blickte zu seinem ersten Offizier. Hoffentlich hielt er noch einige Sekunden lang diese anstrengende Prozedur durch. Deutlich zeigten sich auf dessen Gesicht die Schweißperlen und ab und zu zog er Grimassen vor Anstrengung.
    „Warten sie auf den richtigen Moment, Fähnrich!“
    „Keine Sorge, Captain, dies werde ich!“ versicherte der taktische Offizier und gab per Funk weitere Anweisungen an ihr Team. Jeden Moment würde es soweit sein.
    Schließlich überprüfte sie ein letztes Mal die Scans auf ihrem Tricorder und zufrieden stellte sie fest, dass alle Infizierten in die Sporthalle geströmt waren. Das Gebäude musste wohl aus allen Nähten platzen.
    „Es ist soweit,“ gab der Fähnrich durch.
    „Tun sie es!“ befahl Captain Lewinski ohne jedes weitere Zögern.
    Die Vertreterin von Danny Bird betätigte einen Knopf und Sprengladungen, die die taktischen Teams im Vorfeld an der Turnhalle befestigt hatten, explodierten in einem ohrenbetäubenden Knall. Das Dach der Sporthalle sowie die tragenden Säulen wurden eingerissen und begruben alle Infizierten unter sich. Schutt Rauch stieg auf, als das Gebäude wie ein Kartenhaus in sich zusammenfiel.
    „Kensington an alle: Start Phase Zwo!“ befahl Samira im Anschluss.
    Nun tauchten mehrere Einsatzgruppen aus ihren Verstecken auf und näherten sich der eingestürzten Halle. Ihre Aufgabe war es alle Infizierten, die unwahrscheinlicherweise diese Explosion überlebt hatten, zu töten. Tatsächlich fanden sie zwischen den Trümmern noch einige, die sie mit gezielten Schüssen neutralisierten.
    Dann war es endlich vorbei.
    „Kensington an Monitor!“
    „Hier Lewinski.“
    „Alle Infizierten sind neutralisiert worden!“
    Der Kommandant des Geheimdienstschiffes blickte zu Lieutenant Halek, die die Erde noch einmal scannte und ihm schließlich zunickte. Es war tatsächlich geschafft.
    „Gute Arbeit!“ erklärte John und reckte siegreich eine Faust in die Höhe. Sein nächster Blick galt Matt Price, der erschöpft, aber glücklich den Emitter abnahm und tief durchatmete. „Bleiben sie noch etwas vor Ort, Fähnrich, und behalten sie die Lage im Auge. Ich möchte nicht von einem Infizierten überrascht werden, der vielleicht doch diese Sache überlebt hat.“
    „Dies werde ich, Sir. Kensington, Ende!“
    Lewinski konnte nicht den Stolz in Worte fassen, den er nun für seine Crew empfand. Sie hatten es tatsächlich geschafft diese Krise zu meistern. Mit vereinten Kräften war ihnen das Unmögliche gelungen.
    „Dann werde ich mal den Präsidenten informieren,“ meinte John Lewinski und wollte gerade Lieutenant Halek befehlen eine Kommunikationsverbindung herzustellen, doch die junge Frau kam ihm zuvor:
    „Sir, ich habe hier einen Anruf von der rigellianischen Polizei. Sie möchten mit Commander Price sprechen!“
    Überrascht blickten sich Lewinski und Price an.
    „Gibt es da etwas, was ich wissen sollte?“ fragte der Captain.
    „Ich bin genauso verdutzt, wie du. Wo kann ich das Gespräch entgegennehmen?“
    „In meinem Büro,“ erwiderte John Lewinski und wies die Wissenschaftlerin an, das Gespräch dorthin umzuleiten. Der erste Offizier erhob sich und ging schnurstracks in den Bereitschaftsraum des Captain. Im Anschluss ließ er sich mit dem Präsidenten verbinden.
    Es dauerte nicht lange, bis er zum Oberhaupt der Föderation durchgestellt worden war. Um Bedächtigkeit bemüht, jedoch sichtlich angespannt, saß der Präsident wie immer hinter seinem großen Schreibtisch, während hinter ihm Edward Jellico und Commander Elena Kranick standen. Sie alle schienen auf gute Nachrichten zu hoffen. Und diese hatte der Captain in der Tat.
    „Mr. President, ich habe exzellente Neuigkeiten für sie!“
    „Diese kann ich derzeit auch dringend gebrauchen,“ war die ermattete Antwort des Staatsoberhauptes. „Wie ist die gegenwärtige Lage?“
    „Dank eines ausgeklügelten Plans meiner Offiziere ist es uns gelungen sämtliche infizierte Personen zu eliminieren.“
    Erfreut weiteten sich die Augen des Präsidenten.
    „Ist dies auch bestätigt?“
    „Natürlich überwachen wir auch weiterhin die Stadt, doch unser Erfolg sollte als sicher gelten!“ war die freudige Erklärung des Captains.
    Zufrieden und zutiefst erleichtert lehnte sich der Präsident in seinem Stuhl zurück und blickte kurz zu Edward Jellico. Noch vor zwei Stunden hatte dieser die völlige Vernichtung der Stadt Emden gefordert. Nun war es ihnen dennoch gelungen der Lage Herr zu werden.
    „Captain Lewinski, ich weiß nicht, wie ich ihnen und ihren Besatzungsmitgliedern danken soll. Sie haben in der Tat großes geleistet.“
    „Vielen Dank, Mr. President!“
    Natürlich wusste John, dass der Ärger zu Beginn des Tages noch lange nicht vergessen war und dies wollte der Kommandant auch nicht. Doch etwas Freude und Dankbarkeit war an dieser Stelle für die erschöpfte Besatzung nicht verkehrt. Sie hatten in der Tat viel leisten und Opfer bringen müssen… im wahrsten Sinne des Wortes.
    „Captain, ich würde natürlich am liebsten ihrer Besatzung etwas Ruhe gönnen, dennoch muss ich sie mit einer weiteren schlechten Nachricht konfrontieren, die ich vor kurzem erhalten habe.“
    Überrascht weitete Captain Lewinski die Augen. Wie viele schlechte Nachrichten würde der heutige Tag denn noch mit sich bringen?
    „Zwar ist das Anwesen von James Talley auf dem Mond gestürmt worden, doch von ihm und auch Lieutenant Bird fehlt jegliche Spur.“
    „Wie meinen sie das?“ fragte Lewinski entsetzt nach. „Ist er etwa mit Talley und seinen Anhängern geflohen?“
    „Ich denke, wir können eher von einer Gefangennahme des Lieutenants ausgehen,“ korrigierte ihn Commander Kranick, die sich nun ungefragt in das Gespräch mit einmischte. Sie war ursprünglich dagegen gewesen, dass man Lewinski über diese Sache informierte, aber der Präsident hatte sich anders entschieden. „Derzeit setzen wir alle Ressourcen ein, um ihn zu finden.“
    „Haben sie denn eine Spur?“
    Die lange Redepause seiner Gesprächspartner war Antwort genug. Dieser Tag wurde abermals von Stunde zu Stunde schlimmer.
    „Ich werde bei der Suche unterstützen,“ erklärte Captain Lewinski und blickte kurz in die Gesichter seiner Brückenoffiziere. Sie alle machten sich Sorgen um Danny und wollten ihn finden. Egal, wie lange dies noch dauern würde.
    „Captain, ich weiß nicht, ob dies eine so gute Idee ist,“ fand der Präsident, doch John ließ sich nicht von seiner Meinung abbringen.
    „Bei allem Respekt, Sir, aber hier geht es um eines meiner Besatzungsmitglieder. Ich werde mich an seiner Suche beteiligen.“
    Dies schien das letzte Wort Lewinskis zu sein und der Präsident akzeptierte dies. Immerhin schuldeten sie nun dem Captain und seiner Crew etwas. Wann würde dieser Tag endlich enden?

    In der Krankenstation der „Eagle“ stand Ke’ler vor Woils Bett. Er war wieder an alle möglichen Gerätschaften angeschlossen und Dutzende Monitore überwachten seine Lebenszeichen.
    Ke’ler trug noch ihre schmutzige, zerrissene Uniform. Ein Pflaster bedeckte den Kratzer an ihrem Kopf. Sie wartete noch, bis eine der Pflegerinnen genug Zeit hatte, sie zu behandeln.
    Sie legte den Kopf etwas zur Seite und näherte sich vorsichtig dem Antosianer. Als sei er eine tickende Zeitbombe. Und nach dem Vorfall der vergangenen Stunde war sie sich nicht mehr so sicher, dass dieser Mann keine war.
    „Wer sind Sie Antosianer?“, fragte sie ihn. „Wer sind Sie, dass andere bereitwillig ihr Leben für Sie riskieren?“
    Doch ihre Fragen blieben unbeantwortet.
    Zumindest bis Woil erwachte.
    Dann, so schwor sie sich, musste er ihr einige Fragen beantworten. Und wenn er es nicht tat – dann würde er es sich wünschen, schon tot zu sein.

    Die vergangenen Jahre, die er gemeinsam mit Arena Tellom verbracht hatte, waren die besten seines Lebens gewesen. Nicht eine Sekunde hatte Ardev die gemeinsame Zeit mit seiner Frau bereut. Selbst nach drei Jahren Ehe verzehrte er sich immer noch nach ihr, sobald er sie auch nur einen Tag nicht gesehen hatte. Sogar Streits vermisste er da und würde er für alles Geld der Welt wieder erleben, wenn dies dazu führen würde, dass er sie wieder sehen könnte.
    Was noch zum Glück ihrer Familie fehlte, war ein gemeinsames Kind. Ein Herzenswunsch der beiden, welcher jedoch leider noch nicht in Erfüllung gegangen war. Die Genetik von Andorianern und Terellianern war sehr unterschiedlich und eine Schwangerschaft zwar nicht unmöglich, aber dennoch eine schwierige Sache. Einmal, im letzten Jahr, wäre es fast soweit gewesen. Der Traum eines Kindes war zum Greifen nah gewesen, doch er war leider zerplatzt wie eine Seifenblase:
    Diese Mission hatte alles von ihnen gefordert. Captain Lewinski hatte am meisten persönliche Opfer bringen müssen, aber auch die anderen Teile der Crew waren erschöpft. Sie waren in eine Privatfehde geraten, die so niemand erwartet hatte. Der Turbolift sauste auf seiner kurzen Fahrt durch die Röhren des Schiffes und Ardev lehnte gegen die Wand, schloss seine Augen und atmete tief durch.
    Familie war nicht immer nur Harmonie und Frieden. Diese Lektion war nicht neu für ihn, Arena und er hatten es letztes Jahr nach den Unruhen auf Terellia zu spüren bekommen. Vielmehr war die Familie ein immerwährender Kampf für diese beiden Werte. Zu sehen, dass auch Captain Lewinski nicht vor diesen Probleme gefeit war, machte ihn nur noch menschlicher und dadurch sympathischer. Ob Arena bei der ganzen Sache an ihren ermordeten Bruder Reno hatte denken müssen?
    Endlich erreichte der Lift sein Ziel und Ardev stieg aus, ging in Richtung des gemeinsamen Quartiers. Er brauchte eine Dusche und Schlaf, soviel war ihm klar. Sehr zu seiner Überraschung wartete schon seine Frau auf ihn. Lieutenant Tellom saß auf dem gemeinsamen Bett, welches den größten Teil des Quartiers ausmachte. Sie wirkte nicht mehr so früh wie heute morgen, viel nachdenklicher und zurückgezogener. Als sich das Schott öffnete und der Andorianer hereinkam, blickte Arena ihn mit traurigen Augen an. Sofort spürte der Einsatzoffizier, dass etwas nicht stimmte.
    „Ist das Ergebnis von Dr. Frasier da?“ fragte Ardev und kannte doch schon die Antwort.
    „Ich bin... leider nicht schwanger,“ meinte Arena traurig und fiel in die Arme
    ihres Mannes. „Elisabeth hat mich vor wenigen Minuten informiert, dass meine Werte negativ sind.“
    Der Andorianer hielt sie ganz fest, drückte sie an sich. Nicht nur um Trost zu geben, sondern sich auch selbst zu trösten. Wie sehr hatte er sich doch auf einen möglichen Nachwuchs gefreut! Die Möglichkeit, selber das Abenteuer des Vaterseins anzutreten, hatte ihn frohlocken und aufhorchen lassen. Nun jedoch war dieser Traum zerplatz.
    Nein, korrigierte er sich selbst, dies war nicht richtig. Der Traum war nur aufgeschoben worden. Dieses Mal hatte es vielleicht nicht geklappt, doch beim nächsten Mal.
    Weder Arena noch Ardev mussten ein Wort sagen, um zu beschließen, dass sie von nun an versuchen würden ein Kind zu bekommen. Es war der nächste logische Schritt in ihrer Entwicklung: die Gründung einer eigenen Familie. Denn heute hatten sie den Wert derselben erkannt.
    Dann, plötzlich, endeten die Träume. Ardev war verwirrt und versuchte den Grund dafür zu erkennen, doch er wurde ihm recht schnell klar: er wachte auf! Er wurde aus der Welt der Gedanken gerissen und erwachte wieder in der realen Welt. Sein Schädel dröhnte und die Konturen des Raums, in dem er sich befand, wurden nur langsam deutlich, dennoch schien alles mit ihm in Ordnung zu sein. Medizinische Geräte waren an ihn angeschlossen, dies konnte er erkennen und auch Teile seines Kopfes waren bandagiert.
    Doch was noch wichtiger war, war der Umstand, dass eine andere Person neben seinem Bett saß und ihn anblickte. Es handelte sich um niemand geringeres als seine Frau Arena, die ihn anlächelte.
    „Hallo,“ begrüßte sie ihn mit sanfter Stimme, die in seinen Augen wie die eines Engels klang.
    „Hi,“ entgegnete Ardev mit schwacher Stimme. Es würde noch etwas dauern, bis er wieder gänzlich im Vollbesitz seiner Kräfte war.
    „Wie geht es dir?“
    „Etwas…gerädert,“ entgegnete der Lieutenant und verzog seine Lippen zu einem schiefen Lächeln, welches ihm jedoch weh tat. „Wie ist die Lage?“
    Sie legte ihre Hand auf die seinige und spendete ihm so Trost.
    „Das ist jetzt nicht so wichtig,“ erklärte Arena. Scheinbar wollte sie derzeit dieses Thema nicht zur Sprache zu bringen.
    „Doch…“ röchelte Ardev und hustete.
    „Wir haben alles unter Kontrolle.“
    Diese Antwort musste genügen. Ardev wurde müde. Es würde wohl noch etwas dauern, bis er sich von der Explosion und der folgenden Operation gänzlich erholt haben würde.
    „Wie sehe ich aus?“
    Seine Frage war nicht ganz unberechtigt. Er wusste, die Explosion hatte ihn stark verbrannt und die Notoperation hatte lange gedauert. Ob er jemals wieder so aussehen würde wie früher?
    „Du siehst gut aus,“ erwiderte Arena, lächelte ihn an und streichelte sein bandagiertes Gesicht. „Elisabeth hat dich persönlich operiert und sie hat mir versichert, dass alles gut werden wird. Wir brauchen nur etwas Zeit.“
    Die Antwort war beruhigend, jedoch für Arena wichtiger als für Ardev. Er selbst war froh überlebt zu haben.
    „Ist der Captain in Ordnung?“
    „Ja, ihm ist nichts passiert!“
    „Und Miguel?“
    Arena brauchte auf diese Frage gar keine Antwort zu geben, denn Ardev konnte sie anhand ihrer verfinsterten Miene erkennen. Es hatte also einen Toten gegeben. Hoffentlich der einzige für diesen Tag!
    „Ich bin froh, dich zu haben,“ gestand Ardev und blickte seine Ehefrau dankbar an. „Jeder Tag mit dir ist ein Geschenk.“
    Nun konnte Arena nicht anders, als zu weinen. Die ganze Zeit über war sie stark geblieben, hatte tapfer gewartet und das Beste gehofft. Jetzt, wo ihr Mann gerettet war, brachen bei ihr im sprichwörtlichsten Sinne alle Dämme.
    „Ich liebe dich, Ardev,“ erklärte sie und legte ihren Kopf auf seinem Brustkorb ab.
    So verharrte das Ehepaar und genoss für einen kurzen Moment den Augenblick der Ruhe. Vielleicht der einzige, der ihnen an diesem Tag blieb.

    In der Zwischenzeit hatte sich Commander Matthew Price in den Stuhl des Captains in seinem Bereitschaftsraum gesetzt und den Tischcomputer aktiviert. Er hatte absolut keine Ahnung, wieso er nun einen Anruf von Rigel bekam, dem Wohnort seiner Mutter und seine ehemalige Heimat. Dem Ort, an dem er aufgewachsen war.
    So vieles war heute schon geschehen, der Tag hatte sich als Wechselbad der Gefühle erwiesen und es wurde ganz sicher nicht besser, soviel schien für den Commander fest zu stehen.
    Auf dem Bildschirm erschien das Gesicht eines Rigellianers, der nach menschlichen Maßstäben um die dreißig Jahre alt sein musste.
    „Guten Tag, ich bin Detective Jol von der rigellianischen Polizei. Spreche ich mit Commander Matthew Price?“
    „Mit dieser Annahme liegen sie richtig,“ entgegnete der erste Offizier auf seine typisch flapsige Art und Weise.
    „Sind sie der Sohn von Birgit Price, die in Rigel City wohnt?“ war die nächste Frage des Beamten.
    Die ganze Sache kam Matt nun sehr seltsam vor. Ein ungutes Gefühl beschlich ihn und daher antwortete er argwöhnisch:
    „Ja, das bin ich… Detective, wir haben hier momentan sehr viele Dinge zu tun und meine Zeit ist leider nur begrenzt. Kann ich sie daher bitten mir den Grund ihres Anrufs zu verraten?“
    Der Polizist stockte für einen kurzen Moment, schien nach den richtigen Worten zu suchen. Offenbar war ihm diese Sache sehr unangenehm und instinktiv wusste Price, dass etwas Schreckliches geschehen sein musste. Eine Sache noch furchtbarer als alles, was sie heute erlebt hatten. Ein letztes Mal räusperte sich der Beamte, bis er schließlich einsah, dass er irgendwann die Wahrheit erzählen musste. Ihre Blicke trafen sich kurz und in den Augen des Rigellianers zeigte sich eine Anteilnahme, die man üblicherweise nur in einem speziellen Fall antraf. Fast schon zerriss es Matt vor Neugierde, dann erklärte Detective Jol schließlich:
    „Mr. Price, es ist leider meine traurige Aufgabe ihnen mitzuteilen, dass heute ihre Mutter Birgit tot in ihrer Wohnung aufgefunden worden ist.“

    Fortsetzung folgt…

    Quelle: treknews.de
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