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  • Voyager9 - 9x24: Titanic

    Gäste auf der Jungfern-Fahrt
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    • TheOssi
    Nach all dem Stress der vergangenen Monate, treten Harry und Barclay an die Führungsoffiziere der Voyager heran und bieten ihnen eine kleine Urlaubsreise auf dem Holodeck an. Und zwar auf keinem anderen Schiff, als der Titanic...

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    Das Schiff war fast so schön wie die Voyager. Vielleicht war es sogar genauso schön.
    Nein, es war schöner. Es war prächtiger.
    Langsam und gleichsam majestätisch schwamm es vorwärts, auf dem großen unendlichen Ozean. Genau wie die Voyager im unendlichen Universum.
    Anstelle von zwei leuchtenden Warpgondeln spiegelte sich das romantische Licht der am Horizont untergehenden, rötlichen Sonne sich an der Oberfläche von vier goldenen Zylindern, deren letztes Fünftel oben schwarz angestrichen war. Schwarz war auch der aus den drei vorderen Zylindern austretende Rauch.
    Und es gab noch andere Unterschiede. Dieses Schiff kam niemals auf Warpgeschwindigkeit. Und es hatte kein U.S.S. vor seinem historischen Namen, sondern ein R.M.S. Es war ein königliches Postschiff, kein Forschungsschiff, das dorthin vorstoßen sollte (und das auch geschafft hatte), wo noch nie ein Mensch zuvor gewesen war.
    Es war ein prächtiger Anblick.

    Die Nachtschicht hatte auf der Brücke Dienst. Zu ihr gehörte – wie fast immer – Harry, der momentan auch das Kommando innehatte. Nach und nach entwickelte sich Harry zu einer Fledermaus. Er schlief tagsüber, und es war nur noch eine Frage der Zeit, bis er nachtaktiv werden würde, wenn das mit seinen Nachtschichten in dem Maße weitergehen sollte.
    Und noch etwas trat immer wieder von neuem ein: Es geschah nichts. Nie passierte etwas bei seinen Nachtschichten. Nie mal ein Erstkontakt, nie mal irgendein Notruf oder sonst etwas, das seine Aufmerksamkeit erforderte.
    Das einzige, auf das er und die drei anderen Offiziere sich mit aller Kraft konzentrieren mussten, war vor Langeweile nicht einzuschlafen.
    Ein schrilles Piepsen unterstützte Harry und die anderen dabei. Endlich kam Leben in die Brücke. Alle Blicke richteten sich gespannt auf ihn, während er auf das kleine Anzeigenfeld neben seinem – beziehungsweise Captain Janeways Sessel – blickte und die Daten gespielt aufmerksam studierte.
    „Oh, mein Gott...“
    Die drei Offiziere sahen sich untereinander und Harry ein wenig beunruhigt an.
    „Ein Raumschiff nähert sich uns mit Impulsgeschwindigkeit...“
    Alle seufzten und lächelten ein wenig, als sie merkten, dass sie auf den Arm genommen worden waren.
    Das, was als nächstes geschah, war hingegen kein Witz. Eine heftige Explosion schüttelte die Voyager durch und ließ Harry aus dem Sessel des Captains rutschen.
    Instinktiv tippte er als erstes auf seinen Kommunikator: „Kim an Janeway!“
    „Ich bin ja schon wach!“ kam als Antwort und Harry fasste das als „Ja, ich komme auf die Brücke!“ auf.
    Erneut bebte das ganze Schiff.
    „Soll ich die Schilde aktivieren, Sir?“ fragte Fähnrich Postoljewski, der an der Sicherheits- und Taktikstation während dieser Schicht arbeitete.
    Harry konnte diese dämliche Frage nicht fassen. Dieser unerfahrene Offizier war derart Pflichtversessen und hielt sich so stark an das Protokoll, dass er sogar die Zerstörung der Voyager zu riskieren schien.
    „Natürlich!“ schrie Harry und verschwieg das „Sie Idiot!“. Erneut wurde das Schiff getroffen und Janeway stolperte aus dem Turbolift.
    „Bericht!“ rief sie.
    „Captain auf der...“, versuchte Fähnrich Postoljewski zu melden, wurde aber von einer abweisenden Geste Janeways sofort zum Schweigen gebracht.
    „Wir werden angegriffen, Sir!“
    „Von wem?“ erkundigte sie sich, während sie den Kommunikator an ihrer Uniform richtig schob und ihre Uniform zurechtrückte. Schnell fuhr sie mit ihrer Hand noch einmal durch die Haare. Offenbar hatte sie Harry mitten aus dem Schlaf gerissen.
    Harry eilte an seine Station, um die Frage seiner Vorgesetzten beantworten zu können, während Tuvok, Chakotay und Annika auf dem Kommandozentrum des Schiffes erschienen.
    „Von einem Schiff unbekannter Herkunft. Es hat einen hohen Anteil an Krobdrium in seiner Schiffshülle...“
    „Krobdrium findet man nur im Delta-Quadranten!“ bemerkte Chakotay.
    „Interessant.“
    Funken stoben aus einer Konsole hinter Janeway und Chakotay. Es war Zeit zu handeln.
    „Tuvok, setzen Sie ihre Waffen außer Gefecht!“
    Auf dem Bildschirm sah man wie ein Phaser den Bug des Schiffes traf, welches sich nur durch seine dunklen grünen Töne nur schwach vom Weltraum ab. Es verfügte offenbar über keine Warpgondeln, besaß am Heck dafür aber einen hellblau leuchtenden Antrieb. Das sehr elegant und aerodynamisch wirkende Schiff hatte keine Fenster und war vielleicht halb so groß wie die Voyager. Aber nicht weniger gefährlich.
    „Treffer, aber keine Beschädigungen am Schiff!“
    Unterdessen war auch Tema’na eingetroffen und löste den Steueroffizier ab, der zuvor dort gesessen hatte.
    „Dann nehmen sie einen Torpedo! Stellen Sie ihn auf konzentrierte Entladung ein!“ befahl der Captain.
    Erneut sah man auf dem Schirm, wie eine Waffe der Voyager das fremde Schiff traf – und nichts beschädigte.
    „Das ist unmöglich...“ Tuvok konnte nicht fassen, was er sah. „Sind das Borg?“
    „Offensichtlich nicht, Commander!“ entgegnete Tuvok.
    Annika arbeitete völlig unbeeindruckt von dem, was um sie herum geschah, an irgendwelchen Daten. „Captain, ich habe hier etwas!“
    „Was?“ wollte die Kommandantin wissen.
    „Das Schiff scheint keine Schutzschilde zu besitzen, sondern eine Art Tarnfeld um sich herum, an den unsere Torpedos explodieren. Das wahre Schiff ist wesentlich kleiner.“
    „Nicht schlecht... Tuvok, lassen Sie einen Torpedo ohne direktes Ziel auf das Schiff zusteuern.“

    Erneut löste sich ein Torpedo aus der Voyager und flog auf das fremde Schiff zu. Aber anstatt auf seiner Außenhülle zu explodieren, durchdrang er sie ohne eine Explosion.
    Bruchteile einer Sekunde später war eine Explosion zu sehen und das Schiff brach scheinbar zusammen. Übrig blieb ein etwa halb so großes Schiff, das im Raum trieb.

    „Volltreffer, wie es scheint!“
    Tuvok nickte, als Janeway ihn anblickte.
    „Vielleicht sind sie ja jetzt gesprächig“, mutmaßte und hoffte sie und nickte Harry zu.
    „Kanal offen, Sie können sprechen!“
    Janeway erhob sich und ging auf den Hauptschirm zu, während sie sprach: „Hier ist Captain Kathryn Janeway vom Föderationsraumschiff Voyager!“
    Sekunden verstrichen ohne eine Reaktion der unbekannten Angreifer.
    „Captain, ich empfange eine Textnachricht... Sie ist auf Englisch!“
    „Woher kennen die unsere Sprache?“ sprach Chakotay die Frage aus, die allen in den Köpfen herumschwirrte.
    „In der Tat, das würde mich auch interessieren! Lesen Sie sie vor, Harry!“
    Der genannte las mit einem Blick der Furcht: „Föderationsabschaum! Janeway, Sie bringen uns den Untergang!“
    „Freundliche Begrüßung, finden Sie nicht?“ fragte Janeway ihren Ersten Offizier sarkastisch und setzte sich mit starrem Blick auf ihren Sessel.
    „Das alles wird immer merkwürdiger, finden Sie nicht?“
    Chakotay stellte eine andere Frage, ohne auf Janeways einzugehen: „Glauben Sie, dass das wieder mit dieser Transgalaktischen Union zusammenhängt?“
    „Ich glaube es nicht. Ich bin mir sicher!“
    Plötzlich piepte etwas an mehreren Konsolen. Tuvok reagierte als erster: „Captain, das Schiff ist ... verschwunden!“
    „Ist das logisch?“ provozierte Chakotay sofort. „Das Schiff kann doch nicht plötzlich weg sein!“
    „Ich kann weder eine Ionenspur, noch eine Warpspur, noch sonst irgendwelche Anzeichen dafür entdecken, dass das Schiff weggeflogen ist. Es hat sich auch nicht getarnt. Es ist plötzlich verschwunden“, stimmte Harry dem Vulkanier zu.
    „Überprüfen Sie die Sensoraufzeichnungen!“ befahl der Captain. Das ganze wirkte auf sie mehr als seltsam.
    „Da gab es kurz vor dem Verschwinden des Schiffes eine Art temporaler Verschiebung... Offenbar wurde das Schiff durch ein Loch im Raum-Zeit-Kontinuum verschlungen. Aber es war vorher noch nicht da und wurde offensichtlich auch nicht von dem Schiff selbst erzeugt“, berichtete Harry.
    „Aber wo kam dieses Loch dann her? Es ist doch nicht möglich, dass einfach so ganz plötzlich ein Loch im Raum-Zeit-Kontinuum entsteht.“
    Weder Harry noch sonst jemand auf der Brücke wusste eine Antwort darauf.

    COMPUTERLOGBUCH DER VOYAGER
    CAPTAIN JANEWAY
    STERNZEIT 56849,2
    Nach dem Angriff durch ein Schiff unbekannter Herkunft habe ich die Seniorcrew zu einer Besprechung zusammengerufen. Neben den aktuellen Entwicklungen den Zerfall der Föderation betreffend, will Mister Barclay eine Überraschung präsentieren.
    Unterdessen nimmt Mister Paris an einem Kunstflugprogramm auf dem Mars teil und wird voraussichtlich in einer Woche an Bord der Titan zu uns zurückkommen.


    „Nun, wenden wir uns nun einem möglicherweise erfreulicheren Thema zu. - Mister Barclay?“
    „Äh, ja, Captain?“ fragte er sichtlich nervös.
    „Sie haben das Wort, Reg!“ erklärte Janeway.
    Fast hätte der Chefingenieur noch vor Nervosität gefragt, welches Wort er denn habe, doch glücklicherweise ließ er das bleiben.
    „Äh, ja, also... ich denke, Harry sollte das erklären...“
    Harry sah ihn mit großen Augen an. „Reg, Sie sind ranghöher!“
    „A-Also gut... Es geht um folgendes...“ Barclay kniff die Augen zusammen und ballte die Hände zu Fäusten. Dann stand er so gefasst wie möglich ruckartig auf und begann mit seinem Vortrag. „Ha-arry und ich haben in den letzten Wochen und Monaten an einem Holodeckprogramm gearbeitet. Es handelt sich um die Nachbildung der R.M.S. Titanic, dem Schiff, das 1912 in dem größten Schiffsunglück aller Zeiten unterging...“
    Janeways Pupillen weiteten sich. „Und?“
    „Gleich!“ Harry löste Reg ab und ging zum Bildschirm des Konferenzraumes und lud eine dreidimensionale Ansicht der Titanic. „Das ist sie... Das Schiff ist unterteilt in acht Decks, oben die der reichen ersten Klasse, unten die der armen Leute, der dritten Klasse. Dort unten fuhren überwiegend Emigranten, die sich in Amerika eine neue Existenz aufbauen wollten. Die zweite Klasse beförderte den, wie man es nannte, Mittelstand. Das Schiff fuhr am 10. April los, prallte um zweiundzwanzig Uhr vierzig am 14. April gegen einen Eisberg und, da das Schiff als unsinkbar betrachtet worden war, hatte es viel zu wenig Rettungsboote. 1495 Menschen ertranken oder erfroren im eisigen Wasser, nachdem das Schiff am 15. April um Punkt Zwei Uhr gesunken war. Und das nur, weil die Reichen bevorzugt wurden und man glaubte, die Natur zu beherrschen.“
    Alle hatten aufmerksam zugehört, verstanden aber scheinbar den Grund dieses Exkurses nicht.
    Harry sah das. „Nun ja, ich wollte sie alle auf eine fünftägige Reise einladen...“
    „Mit Untergang inklusive?“ fragte Chakotay sarkastisch.
    „Äh, ja...“
    Tuvok hob eine Braue. „Mir sind die Fakten bekannt und ich verstehe nicht, warum man eine Simulation eines Unglückes erschafft, bei dem etwa 1495 Menschen gestorben sind.“
    Der Doktor, der links neben ihm saß, wandte sich an den Vulkanier: „Wie Mr. Paris einst wohl gesagt hätte: Tuvok, es geht um den Spaß!’.“
    Erneut näherte sich Tuvoks rechte Braue gefährlich nahe dem Haaransatz. „Ich erkennen nicht den ,Spaß’ daran zu versuchen, zu überleben und nicht zu ertrinken. Das ist höchst unlogisch. Und ich wundere mich, dass sie, Doktor, als Repräsentation des Lebens und des Überlebens, daran Gefallen finden.“
    Das MHN verzog die Miene zu einem ernsten und fast beleidigten Blick. „Hologramme können streng genommen keinen Spaß empfinden!“
    „Ich werde sie bei passender Gelegenheit daran erinnern“, meinte Tuvok, so dass man hätte schwören können, dass es ein Witz war, aber natürlich war das völlig unmöglich.
    Barclay mischte sich ein: „Das ist ja ideal, Doktor. Dann können wir ja die Komödien und Opern aus ihren Dateien löschen. Dann haben wir mehr Speicherplatz zur Verfügung!“
    „Ja“, bestätigte Tuvok, „für weitere überflüssige Simulationen.“
    Janeway, die die von Tuvok ausgelöste Debatte schmunzelnd beobachtet hatte, stand auf und unterbrach ihre streitenden Untergebenen. „Gentlemen, ich denke, wir sollten dieses Angebot akzeptieren. Uns allen tut ein wenig Urlaub gut.“
    „Und ich muss dann wieder unzählige Erkältungen behandeln, wenn wir alle das zweihunderteinundsiebzig Kelvin kalte Wasser überleben sollten...“
    Janeways Blick änderte sich schlagartig von begeistert zu schockiert. „Sie meinen Minus zwei Grad Celsius... Das Wasser ist so kalt?“ Die Kommandantin sah Harry und dann Barclay an.
    „Ich fürchte ja, aber... wir können die Temperatur gerne erhöhen.“
    Tuvok schüttelte den Kopf. „Nein, das halte ich für nicht sinnvoll. Auch, wenn ich diesen ganzen ,Urlaub’ für Zeitverschwendung halte, sollten wir wenigstens ein Mindestmaß an Authentizität aufrecht zu erhalten versuchen.“
    „Ja, dem stimme ich zu“, meinte Chakotay, „Wenn das Wasser nicht richtig kalt ist, dann haben wir auch keinen Ansporn vor ihm zu flüchten. Aber ich weiß nicht unbedingt, ob ich das unter Urlaub verstehen soll...“
    „Meine Güte, stellen Sie sich doch nicht so an... Das ist so typisch für Menschen... Wie würde man sagen? ,Warmduscher’!“ rief Tema’na und wurde sogleich von protestierenden Stimmen übertönt. In seinen Gedankens stimmte Tuvok Tema’na zu. Tatsächlich sollte man die Umgebung so realistisch wie möglich lassen, damit diese Simulation auch als Training für die Seniorcrew dienen konnte.
    Harry mischte sich ein in die Diskussion: „Der Untergang dauert ja nicht fünf Tage, nur die letzten Stunden simulieren den Untergang...“
    Janeway schlug mit der flachen Hand auf den Tisch: „Also, wir entscheiden uns jetzt. Annika, Sie haben sich bisher noch gar nicht zu Wort gemeldet. Die Entscheidung liegt bei Ihnen!“
    Annika sah sich von den Blicken aller anwesenden Personen fixiert. Vor allem Harry und Barclay sahen sie äußerst erwartungsvoll an.
    „Nun, ich denke, ich... wir... sollten uns dieses ,Abenteuer’ nicht nehmen lassen.“ Diese Worte waren ihr sehr schwer gefallen, zumal sie die Ansicht Tuvoks teilte. Aber sie sah darin auch eine Chance, sich noch besser in die Crew integrieren zu können und einen faszinierenden Einblick in die Sitten der Erde des frühen zwanzigsten Jahrhunderts zu erhalten.
    Die einen protestierten, die anderen jubelten, nachdem sie das Urteil gefällt hatte. Ihr Mann blieb erfreulich neutral, genauso wie sie selbst.

    „Dieser Anzug ist unbequem... Und darüber hinaus alles andere als praktisch.“
    Tuvok stand zusammen mit Captain Janeway, Harry sowie Barclay vor Holodeck Zwei.
    „Meine Güte, Tuvok. Das hat man damals nun mal getragen!“
    „Das ist aber kein Argument, das gegen meine Feststellung spricht. Dieser Anzug ist unbequem!“
    Janeway wandte sich von der diskutierenden Gruppe ein wenig ab. Sie tippte auf ihren Kommunikator, um zu erfahren wo Chakotay und seine Frau blieben.
    „Janeway an Chakotay!“
    „Chakotay hier!” kam die etwas gereizt wirkende Antwort. „Wenn Sie wissen wollen, wo wir bleiben, dann sage ich Ihnen, dass wir eine kleine Diskussion geführt haben, wie eng ich das Kleid schnüren darf, welche Farbe am unauffälligsten ist und ob wir überhaupt kommen sollen.“
    Janeway grinste. „Richten Sie ihrer Frau aus, dass die Astrometrie wohl auch mal vier Tage ohne ihre Chefin auskommt! Janeway Ende! – Captain Janeway an Fähnrich Tema’na!“
    Die Kommandantin drehte sich erschrocken um, als direkt hinter ihr die Antwort ertönte.
    „Hier bin ich, Captain!“ rief Tema’na, in eine Art romulanische Freizeit-Toga gekleidet. „Ich werde an Ihrem, oder Mister Barclays Spaß nicht teilnehmen!“
    Der Captain sah sich zu Recht angegriffen. „Ich dachte, wir hätten das geklärt. Ich dachte, Sie würden endlich ihre Mauer abbauen und versuchen, sich in diese Crew zu einzuleben, verdammt noch mal!“ Janeway erschrak, als sie hörte, in welcher Lautstärke und in welchen Tonfall sie geredet hatte.
    Tema’na fluchte auf romulanisch. „Sie haben Recht, Captain. Ich sollte meine Heimat hassen, nicht wahr? Ja, das sollte ich nach all dem, was geschehen ist, wirklich. Sie haben völlig Recht! Ich komme in einer halben Stunde nach, wenn ich mich dann so menschlich wie möglich gekleidet habe!“
    „Ich werde noch verrückt mit Ihrem romulanischen Temperament! Seit wann ist bei Ihnen Kleidung so wichtig?“
    „Ich komme in einer halben Stunde, Captain!“
    Tuvok kam ganz gelassen auf Janeway zu, während Tema’na vor Wut schnaubend von dannen zog.
    „Zu behaupten, ich würde mit ihr bald noch durchdrehen, wäre eine glatte Untertreibung. Ich kann überhaupt nicht glauben, dass Ihre beiden Spezies mal demselben Volk angehörten.“
    Janeways Sicherheitsoffizier atmete tief ein. „Ja, tatsächlich. Stellen Sie sich vor, Surak hätte seine Lehren nie verbreitet, Captain.“
    „Nun“, die Kommandantin schmunzelte ein wenig, „dann würden wir gewiss nicht hier stehen.“
    Harry und der Doktor unterhielten sich währenddessen ein wenig abseits vom Rest.
    „Ach, ich hätte Jenny fragen sollen, ob sie...“, sprach Harry zu sich selbst und hielt inne, als er den interessierten Blick des Doktors sah. Interessiert war eigentlich eher eine Untertreibung. Neugierde hätte es besser getroffen.
    „Doktor, was gucken Sie so?“
    „Äh, nichts... Ich bin nur gerade dabei, meine Studien der menschlichen Beziehungen anhand von genauen Beobachtungen zu spezifizieren... Äh, ich denke, ich unterbreche diese Studien einfach mal an dieser Stelle.“
    „Gute Idee, Doc!“ Harry lachte ein wenig, als der Doktor sich in Richtung Mister Barclay entfernte.
    Einige Sekunden vergingen noch und dann kamen sie: Chakotay mit seiner Gattin, die sich so freizügig gekleidet hatte, wie noch nie zuvor.
    Sie trug ein schwarzes Kleid, das um die Hüfte extra eng geschnürt war und Annika Hansens ansprechende Figur betonte. Dazu trug sie einen verführerisch wirkenden schwarzen Hut und hielt einen Fächer in der Hand. Alles passte zum Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts – nur eines störte: Ihre wenig begeisterte Mimik.
    Chakotay lächelte so sehr er konnte und man sah ihm an, dass er gerade einen weiteren Ehekrach hinter sich hatte.
    Während Annika mit Barclay und dem plötzlich äußerst nervösen Doktor ein Gespräch begann, kam Chakotay auf Tuvok und seinen Captain zu.
    „Und? Wie schwer war es?“ fragte Janeway.
    „Was? Sie zu überzeugen?“
    Janeway nickte.
    „Es war nicht schwer, es war nahezu unmöglich. Widerstand ist zwecklos, sage ich nur. Es war wirklich die Hölle! Ich hätte sie assimilieren können. Zuerst beschwerte sie sich, dass das Kleid unpraktisch sei...“
    Der Captain blickte Tuvok an.
    „... dann, dass es unbequem sei...“, fuhr Chakotay fort.
    Janeway sah ihren vulkanischen Sicherheitsoffizier mit einem Schmunzeln an.
    „... und dann meinte sie, dass diese ganze Aktion pures Vergnügen sei und für uns alle auch noch ein Risiko in sich berge. Als ich dann mit dem Gegenargument kam, dass die Sicherheitsprotokolle das schon verhindern werden und dass der Großteil der Reise der Entspannung dient, erwiderte sie, dass das ja kein Argument dagegen sei...“
    Die Kommandantin prustete laut los, als sie hörte, dass Annika genau das gleiche wie Tuvok sagte.
    „Ich wüsste für Ihre Frau einen wesentlich passenderen Partner, der aber auch schon verheiratet ist...“
    Tuvok hob eine Braue. „Ich kann Ihrer Assoziation folgen, Captain.“
    Annika kam näher. „Schatz (Annika hatte festgestellt, dass Chakotay dieses Wort gefiel – wenn auch nicht in der Öffentlichkeit), ich kann mit meinem Gehör sehr wohl wahrnehmen, dass du über meinen berechtigten Starrsinn und meine Einwände lästerst. Vergiss bitte nicht, dass das letzte Mal, als Jenny Delany auf ihn aufpasste, er danach eine Reizung der Lunge hatte.“
    Chakotay fasste sich an die Stirn und stellte gleich fest, dass der Anzug tatsächlich unbequem war.
    „Du hast übrigens Recht, dieser Anzug ist unbequem...“ Tuvok fühlte sich sogleich bestätigt, während Chakotay weiter zu seiner Frau sprach: „Mach’ dir keine Sorgen, Annika. Eine Reizung der Lunge wird die Entwicklung unseres Sohnes hin zum perfekten Menschen nicht beeinträchtigen.“
    Harry stand abseits und machte sich Gedanken über irgendetwas, von dem Barclay nicht wusste, was. Der Chefingenieur kam auf Harry zu und merkte sofort, dass mit dem koreanischen Lieutenant etwas nicht stimmte.
    „Äh, Harry, was ist denn? Sie wirken besorgt...“
    „Ach, es ist nichts!“ Kim versuchte so überzeugt wie möglich zu klingen.
    „Wenn Sie sich um die vierte Subroutine des F-Decks Sorgen machen, kann ich Sie beruhigen. Die funktioniert jetzt einwandfrei.“
    „Ach, Reg...“ Harry hatte das Gefühl, er konnte dem Chefingenieur sein Problem anvertrauen, auch wenn dieser davon wenig verstand. Er und Barclay hatten sich während der Arbeit an der Titanic eng angefreundet. „Wissen Sie, ich wollte, ich hätte Lieutenant Delany gebeten mitzukommen...“
    „Die Delany-Schwestern... Welche?“
    „Jenny Delany!“
    „Nur so eine Frage... Erkennt man da einen Unterschied?“
    Harry lächelte ein wenig. „Jenny sieht wesentlich besser aus. Und sie ist auch viel einfühlsamer.“
    „Sie sieht besser aus?“
    „Ja, okay, sie sind Zwillinge, aber bei näherem Hinsehen erkennt man einen Unterschied. Das ist genauso, wie Sie die Voyager schöner finden als die Bellerophone. Es liegt einfach daran, mit was man besser vertraut ist... Sie finden sicherlich den Kratzer an der Backbordwarpgondel schöner als den Kratzer auf dem Diskussegment der Bellerophone.“
    „Aber auf der Backbordwarpgondel ist kein Kratzer!“ unterbrach Barclay empört.
    „Das ist ja nur ein Beispiel!“
    „Ich verstehe... Na klar.“
    Janeway kam auf die beiden zu. Ihr Rock hing auf der Erde, und so zog sie ihn – wie damals üblich – hoch. „Wollen wir jetzt beginnen? Ich meine, das Schiff läuft doch bestimmt gleich aus, oder?“
    „Um zwölf Uhr!“ meinte Harry.
    „Es ist jetzt neun Uhr und wir müssen noch an Bord. Gehen wir?“
    Barclay sah Harry an, Harry sah Barclay an.
    Barclay verstand die Geste und klatschte einige Male in die Hände. „Also, Ladies and Gentlemen, auf geht’s!“
    „Kein schlechter Auftritt!“ sagte Harry, als er an ihm vorbeiging und das Programm aktivierte.
    Dann ging die Gruppe, bekleidet mit Anzügen und Kleidern, wobei Barclay sich etwas ärmer gekleidet hatte (er wollte so tief wie möglich sein Quartier haben, um miterleben zu können, wie sich die Maschinen des Schiffes anfühlen), in das Holodeck, um vier Tage zu genießen und am Ende eine Katastrophe mitzuerleben. Ein Urlaub mit einem ziemlich aufreibenden Ende sollte es auf jeden Fall schon mal werden.

    Der Hafen von Southhampton war überfüllt mit Verwandten der Leute, die auf dem Schiff waren und von der Reling aus diesen zuwinkten. Passagieren, die noch an Bord mussten und unzähligen Schaulustigen. Janeway und ihre Crew hatten das Gefühl, die ganze damalige Weltbevölkerung hatte sich versammelt.
    „Es ist wirklich beeindruckend, nicht wahr?“ fragte der Chefingenieur der Voyager Harry Kim.
    „Ja, es ist wirklich unglaublich. Ich hätte nie gedacht, dass wir das ganze so schnell so realistisch hinkriegen. Sehen Sie sich nur die Leute an, wie unglaublich echt sie wirken...“
    Barclay machte eine auf Verwirrung schließende Grimasse. „Was? Ich meine das Schiff! Die Titanic! 46328 Bruttoregistertonnen, 66000 Tonnen Verdrängung bei zehneinhalb Metern Tiefgang, fast zweihundertsiebzig Meter lang, mehr als achtundzwanzig Meter breit, mehr als dreiundfünfzig Meter hoch, Vierfachzylinder-Dreifachexpansionsmaschinen... Ein Prachtexemplar für seine Zeit! Gigantisch!“
    „Sind alle Ingenieure so besessen?“ fragte Harry.
    „Nun ja, nicht alle... Aber die meisten. Ich habe mir sogar ein Quartier in der dritten Klasse besorgt, damit ich die Maschinen auch richtig höre...“, erzählte Reg voller Begeisterung.
    „Aber die Zustände dort sollten schlimm gewesen sein!“ entgegnete Harry. „Wir sind im Urlaub, Reg!“
    „Das ist Urlaub für mich! Ich muss mir nicht die ganze Zeit holzvertafelte Wände und Glastüren ansehen.“
    „Wie Sie meinen...“
    Zusammen mit dem Rest der Gruppe drängelten sie sich durch zu den Brücken, die vom Hafen in das Schiff führten.
    Nach einem kurzen Gesundheitscheck begab sich Barclay in die dritte Klasse, also die unteren Bereiche des Luxusdampfers.
    Janeway, Chakotay, Annika und der Doktor gingen durch eine Luke, die in die erste Klasse führte. Harry und Tuvok entschieden sich die Quartiere in der zweiten Klasse zu nehmen.
    Alle waren an Bord und schließlich fuhr das Schiff ab – auf seine schicksalhafte Jungfernfahrt.

    Barclay ging durch die für seine Größe ziemlich niedrigen Korridore. So lässig wie er, trug er seine Reisetasche über der Schulter.
    Hier unten im Schiffsbauch herrschte viel Lärm, es stank und unzählige Passagiere und Kleinkinder rannten durch die engen Metallflure. Alles wirkte sehr robust und einengend – schließlich war dies hier auch die dritte Klasse. Barclay hatte sich so entschieden und musste sich damit zufrieden geben.
    Schließlich blieb er vor der Tür mit der richtigen Nummer stehen und öffnete sie. Ihn erblickten drei südländische Männer, zwei Hochbetten, ein kleiner Schrank und ein Bullauge.
    „Hey Alter, was willst’n du!“ fragte einer der drei, auf der Bettkante sitzend.
    „Äh, ich wohne hier...“ antwortete Barclay unsicher.
    „Ciao, mein Name ist Luigi, das ist Paolo und der Sack hier ist Peter!” Ein anderer kam auf ihn zu und stellte Reg seine zwei Freunde vor. Er war dicklich und hatte eine Zigarette im Mund. Zu mindestens glaubte Barclay, dass das eine war, denn Tabak und ähnliches waren im vierundzwanzigsten Jahrhundert nicht mehr populär.
    „Was soll das, du Sau!“ Schon wieder fiel Barclay auf, dass einer der drei ein Schimpfwort benutzte. Und im Benutzen solcher war er nicht geübt.
    Eins stand für Barclay fest: Die nächsten vier Tage würden kein Kinderspiel werden.
    Plötzlich hörte man auf dem Gang einen Schrei und ein äußerst fremdartiges Gebrüll, das zweifellos aus dem Munde einer Romulanerin kam.
    Barclay rannte heraus, nachdem er seine Tasche auf den Boden hatte fallen lassen, und sah Tema’na im Gang stehen, die einem Mann, der ihr offenbar im Weg gestanden hatte, ihre Meinung gesagt hatte.
    Wutentbrannt kam der romulanische Steueroffizier der Voyager auf Reg zu.
    „Mister Barclay, Ihr Programm hat was, das muss man Ihnen lassen! Waren die Leute auf Ihrem Planeten damals alle so undiszipliniert?“
    „Ich fürchte ja... Was machen Sie hier?“
    Tema’na lachte. „Ich habe mich entschieden, in dieser Klasse die nächsten tage zu überleben. Bei diesen feinen Schnöseln ganz oben würde ich nur unangenehm auffallen, was Janeway nicht passen würde!“
    „Aber Sie wissen, dass das Wasser nach der Kollision mit dem Eisberg hier zuerst eindringt...“
    „Ich bin ja nicht wasserscheu! Außerdem ist das hier alles nicht echt, das heißt, dass wir eh nicht ertrinken werden, oder? Außerdem gibt es auf Romulus mehr Wasser als auf der Erde. Ich bin sehr wohl mit Wasser und Schiffen vertraut!“

    Chakotay ging gemütlich durch die breiten und holzvertäfelten Korridore des A-Decks. Er wollte Janeways Raum aufsuchen und ihr eine für ihn erfreuliche, für sie wohl weniger erfreuliche Nachricht überbringen.
    Da sah er den hyperaktiv erscheinenden Doktor und bog schnell nach links ab, wo er fast mit einem Dienstmädchen zusammengeprallt wäre.
    „Verzeihung, Sir!“ sagte sie sofort, obwohl gar nichts passiert war. Chakotay bemerkte sofort die erschreckend große Kluft zwischen Arm und Reich. Die Titanic war ein Musterbeispiel für die
    „Ich muss mich entschuldigen...“ beruhigte er sie.
    Das nutzte der Doktor natürlich um aufzuholen. Selbstverständlich merkte das Hologramm nicht, dass Chakotay ihm aus dem Weg gehen wollte.
    „Commander!“
    „Ja, Doktor, was gibt es?“
    „Monsieur Zimmerman, bitte!“
    „Dann nennen Sie mich auch bitte Mister Astor!“
    „John Jacob Astor? Ah ja, dann sind Sie der reichste Mann an Bord! Na ja, was ich sagen wollte... Beziehungsweise fragen: Ich bin hier als Tenor geladen und werde morgen im Restaurant ein wenig zeitgenössische Lieder singen, möchten Sie und Annika nicht vorbeikommen?“
    „Nun, Doktor. Wir werden morgen nicht mehr hier sein, tut mir leid! Annika fühlt sich zu verwöhnt...“
    Plötzlich stand Janeway hinter ihrem Ersten Offizier – Verzeihung, Mister Astor. „Was habe ich da gehört? Sie sind morgen nicht mehr da?“
    „Ja, tut mir leid, Kathryn...“
    „Comtesse Janeway, wenn ich bitten darf! - Warum denn nun?“
    „Meine werte Gattin fühlt sich unwohl. Es ist ihr hier alles zu luxuriös, verschwenderisch und irrelevant. Ich dachte, sie wäre endlich normal, aber daran müssen wir wohl noch arbeiten!“
    Janeway fasste sich erschöpft an den Kopf. „Na ja, normal ist das hier nicht! Ich habe gesehen, wie Sicherheitspersonal einen Mann aus der dritten Klasse an der Schulter gepackt und nach unten getragen hat! Es war Reg, nur so nebenbei...“
    Der Doktor schmunzelte ein wenig, sah dann aber Janeways und Chakotays belustigte Reaktion und wurde wieder ernst.
    „Und dann habe ich dem Dienstmädchen gesagt, die Bettwäsche hat einen kleinen Flecken. Dann rennt sie heraus und bezieht mein Bett neu! Ich werde hier die ganze Zeit mit Pralinen und Rotwein umgarnt... Es ist furchtbar! Man hat das Gefühl, überall von selbstdenkenden Replikatoren umgeben zu sein“, beschwerte sich Janeway. Es war im Grunde schwachsinnig, sich über zu großen Luxus aufzuregen. Doch es blieb der Kommandantin nichts anderes übrig. Ihr Gerechtigkeitsgefühl schaltete sich automatisch ein.
    Die Erde von damals war überschwemmt von Armut und Dreck, aber einer kleinen Gruppe von Adligen gewährte man unbegrenzten Genuss und schier endlosen Besitz.
    „Mhmm... Captain, wo Sie das gerade ansprechen ... Oh, Comtesse, meine ich selbstverständlich ... frage ich mich, ob hier auch der hippokratische Eid gebrochen wird. Sicherlich werden hier reiche Leute bevorzugt... Dem gehe ich auf den Grund!“
    Mit diesen Worten verschwand der in einen schwarzen Anorak mit einer eleganten schwarzen Hose und glänzenden Schuhen gekleidete Doktor.
    „Nun, vom Doktor konnte man ja auch nicht erwarten, dass er sich mal entspannt. Wann gehen Sie jetzt?“ fragte Janeway, während sie und Chakotay den Korridor entlang zur Haupttreppe des A-Decks gingen.
    „Morgen, irgendwann. Ich hatte mich eigentlich schon gefreut. Auch wenn es sich komisch anhört, dieser Untergang wird sicher spannend.“
    „Wenn man ihn als kleinen Freizeitspaß betrachtet – vielleicht. Aber Tuvok will hieraus eine Sicherheitsübung machen, falls wir einmal auf einen Planeten gelangen, wo wir über ausgeprägte Schwimmkenntnisse verfügen müssen.“
    Chakotay lächelte ein wenig. „Tja, manches ändert sich selbst in neun Jahren nicht. Tuvok ist immer noch um unsere Fertigkeiten in Überlebenstechniken besorgt.“
    „Ja, und der Doktor betrachtet das Ganze hier als ethisch bedenklich, obwohl er inzwischen Feuer und Flamme für diese Simulation ist. Harry hat seinen Spieltrieb ausgelassen, Annika hält dies für eine ineffiziente Zeitverschwendung... Aber, wenn ich ganz ehrlich bin, bin ich froh, dass sich manches nie ändert. Wir haben eine Familie aufgebaut, jeder von uns ist unersetzlich. Jeder hat seine Macken, aber jeder ist auf seine ganz eigene Weise etwas Besonderes. Glauben Sie mir, Chakotay, dafür bin ich dankbarer als für alles andere in diesem Universum.“
    Die beiden näherten sich der geschmückten Glas-/Holztür, die zum großen Treppenhaus des Schiffes führte. Einige Passagiere kamen an ihnen vorbei und nickten förmlich als Begrüßung.
    „Deshalb haben Sie auch die Beförderung zum Admiral abgelehnt, nicht wahr?“
    Kathryn Janeway nickte. „Ja, ich fühle mich einfach nicht bereit, als Admiral hinter einem Schreibtisch zu hocken und Befehle zu erteilen.“
    „Sie tun jetzt nichts anderes, mit dem Unterschied, dass sie nicht am Schreibtisch sitzen“, warf Chakotay ein.
    „Eben.“
    Beide schmunzelten, als sich plötzlich die doppelflügelige Tür vor ihnen selbstständig öffnete. Kein komplexer Mechanismus steckte dahinter, sondern einfach nur zwei Offiziere der White Star Line (Anmerkung: die Rederei, die die Titanic und ihre zwei Schwesterschiffe einst baute), die die Tür für die Gäste öffneten.
    „Das meine ich...“, sagte Janeway noch und dann verschlug es der Kommandantin eines Schiffes, das erst über 350 Jahre später in Betrieb genommen werden würde, den Atem.
    Der Anblick der großen und glänzenden Treppe, hoch auf das oberste Deck, war überwältigend. Eine Marmorstatue saß auf dem Geländer, eine riesige Glaskuppel, reich verziert, war majestätisch in die Decke eingelassen, die wie fast alles im Raum aus dem roten Holz des Mahagoni geschnitzt und gefertigt worden war.
    Die vor Geld und Reichtum strotzenden Passagiere gingen zum Essen, in ihre Quartiere oder sonst wohin. Die meisten Frauen hatten sich in den Armen ihrer Männer eingehakt, aber zu liebevoll durften diese Bewegungen und Haltungen nicht aussehen.
    Alle lebten in einer glitzernden Traumwelt, ohne zu wissen, auf welche Gefahr das Schiff unaufhaltsam zusteuerte.
    Es war nur ein großer Klumpen gefrorenen Wassers, aber er hatte die Macht, das „unsinkbare“ Schiff zu versenken – und eintausendvierhundertfünfundneunzig Menschen mit in den Tod zu reißen. Und das hatten diese verstorbenen Seelen der Überheblichkeit von geldgierigen Reichen zu verdanken, einer in Klassen geteilten Gesellschaft und dem blinden Vertrauen in Technik.
    Ihren Rock ständig hochhaltend, damit er nicht über die Erde schleifte, ging Janeway mit Chakotay, der sich ganz förmlich bereits bei ihr eingehakt hatte.
    Leidenschaftlich strich Janeway mit ihrer Hand über das glänzende und glatte Geländer der Treppe und ging mit ihrem Ersten Offizier ein Deck höher, vorbei an einer edlen, in die Wand eingelassenen und mit vielen engelsgleichen Figuren verzierten Uhr.
    Auf der Promenade, auf der Ebene des Bootdecks, kamen sie an und gingen durch eine mit Glasfenstern versehene Holztür, die keinen Laut beim Öffnen von sich gab, so gut geölt war sie. Es war der pure Luxus, dem die Kommandantin eines nicht weniger komfortablen Schiffes hier begegnete.
    Vom Bootsdeck aus konnte man sich mit den Ellenbogen auf die Reling stützen und das Rauschen des Ärmelkanals vernehmen. Ganz am Horizont konnte man Festland sehen, es musste sich um die Stadt Cherbourg handeln, die die Titanic ansteuerte, um weitere Passagiere an Bord zu nehmen.
    „Es ist wunderschön...“
    „Ja, Barclay und Harry haben gute Arbeit geleistet!“ stimmte Chakotay der überaus positiven Kritik seiner Vorgesetzten zu.
    Die beiden gingen weiter Richtung Bug des Schiffes.
    „Chakotay...“
    „Ja?“
    Janeway atmete tief ein. „Ich möchte Ihnen ein Angebot machen. Es ist nicht das, was Sie denken. Es geht um etwas Persönliches. Ich denke, es ist allmählich angebracht, dass wir uns duzen.“
    Der Erste Offizier schmunzelte. „Ja, Kathryn, das denke ich auch.“
    Die beiden – ja, sie waren mehr als nur Vorgesetzter und Unterstellter – Freunde näherten sich der Brücke des Schiffes, in der sich der Kapitän des Schiffes, John Edward Smith, sowie einige seiner Offiziere aufhielten.
    „Zu gerne würde ich da reingehen und das Schiff für ein paar Sekunden bremsen. Dann würde dieses Unglück nicht passieren...“, meinte der Captain.
    „Leider müssten wir dazu in die Vergangenheit reisen und dann die Zeitlinie verändern, und so weiter. Ich habe dieses Zeitlinienverändern satt!“
    Beide lächelten. Zeit. Sie hatten viel mit ihr herumgespielt. Doch die Zeit, die vergangen war, war vergangen. Vieles hatte sich in den letzten beiden, noch mehr in den letzten neun Jahren verändert. Es war Zeit. Das war es. Das Problem, das alle Menschen teilten. Die Vergänglichkeit. Doch bestimmt würde die Crew noch viele weitere Jahre zusammen dienen. Würde Janeway noch viele weitere Jahre alle Angebote zum Admiral befördert zu werden abweisen.
    „So ein Captain wie Edward John Smith wäre ich auch gerne... Dieser Mann hat sein Leben geopfert, um als Letzter auf dem sinkenden Schiff zu bleiben...“
    „Wünschen Sie ... Wünscht du dir das auch?“ fragte Chakotay.
    „Auch wenn es nicht das Thema für den Urlaub oder besser gesagt dieser Lehrreise in die Vergangenheit ist... Ja, so einen Tod würde ich tatsächlich bevorzugen. Es hört sich klischeehaft an, aber tatsächlich ist das die Art von größter Ehre, die einem Captain zu Teil werden kann...“
    Der Wind strich durch Janeways Haare und verstärkte den Schauer, der über ihren Rücken lief.
    „Hoffen wir, dass es dazu nicht kommt...“
    „Ja, das können wir nur hoffen... Kommen Sie, gehen wir zu unseren Quartieren. Sie müssen gut ausgeschlafen sein, schließlich gehört Ihnen ab morgen die Voyager!“
    „Ja, das stimmt. Ich würde ja gerne bleiben, aber... Na ja, ich fühle mich auch wohler, wenn ich bei meinem Sohn bin und nicht auf einem sinkenden Schiff. Hat Ihnen der Doktor eigentlich auch dieses Mittel gegen Seekrankheit gegeben? Ich habe Bauchschmerzen davon.“
    „Oder von dem Hummer, den wir vorhin gegessen haben. Dieses Mittel brauche ich übrigens nicht: Ich bin von Tom und Tema’na gewohnt, wackelig zu fliegen!“
    Beide lachten erneut.
    „Ich werde das Lob bei passender Gelegenheit ausrichten...“
    Ein weiteres Mal lächelten beide. Es war schön, dass sie endlich mal wieder ungezwungen reden konnten. Es war nicht mehr ein Gefühl der sexuellen Zuneigung, was sie kurzzeitig, vor Jahren einmal, verspürt hatten. Es war ein Gefühl der Freundschaft, ein unbeschreibliches Gefühl der Vertrautheit.
    Während der Seewind durch ihre Haare fegte und das Gefühl der Melancholie verstärkte, wurde der Kommandantin bewusst, dass das alles schnell enden konnte. Freundschaft und enge Vertrautheit waren sehr zerbrechliche Gefühle. In jedem Augenblick konnte alles vorbei sein.
    Nur gegen eine Kraft waren diese Gefühle resistent: gegen die Zeit. Auch wenn sie selbst oder Chakotay sterben würde: Sie würden immer die engsten Freunde bleiben, die man sich vorstellen konnte. Neun Jahre hatten sie verschmelzen lassen.
    Und auch Chakotay war sich dessen bewusst. So sehr er Annika liebte, Kathryn war immer etwas Besonderes für ihn. Das würde sich nie ändern.
    Nie.

    PERSÖNLICHES LOGBUCH
    CAPTAIN JANEWAY
    STERNZEIT UNBEKANNT
    DATUM: 12. APRIL 1912
    Die Titanic ist nun auf dem Atlantik und wird in zwei Tagen nachts auf den Eisberg treffen. Ich will die verbleibenden Stunden und Tage genießen und mich noch intensiver mit dieser Zeit befassen. Ich habe allmählich den Charme des frühen zwanzigsten Jahrhunderts entdeckt. Unterdessen sind Chakotay und Annika, von Bord’ gegangen und haben nun das Kommando über die Voyager.

    Janeway schrieb ihr Logbuch auf Papier, das sie extra vorher repliziert hatte. Ihre Schrift sah grausam aus. Sie hatte schon seit Jahren oder eher Jahrzehnten nicht mehr geschrieben.
    Die Sonne schien in ihr geräumiges Quartier und kündigte den rasch näher kommenden Abend auf dem stillen Ozean an.

    „Hi Tuvok!“ rief Harry, als er Tuvok erblickte, der am Heck der Titanic stand und die aufgehende Sonne betrachtete. Für Vulkanier war das kein Problem, da ihre Netzhäute ohne Probleme so etwas aushalten konnten und sogar nachwuchsen, sollte die Netzhaut verletzt werden.
    Tuvok rührte sich nicht vom Fleck.
    „Tuvok?“
    Harry ging näher, vorbei an einer Bank, auf der sich ein Passagier aus der dritten Klasse schlafen gelegt hatte.
    Das Parkett knarrte unter Harrys Füßen.
    Als der Koreaner an Tuvoks linker Seite zum Stehen kam, konnte er trotz zusammengekniffener Augen erkennen, dass... tatsächlich: Tuvok weinte.
    Harry hatte sich in den letzten Tagen mit einem Priester angefreundet und hätte ihn am liebsten bei sich gehabt. Ihm fehlten die passenden Worte.
    „Tuvok, was ist los? Sie weinen...“
    „Ja.“
    „Ja? Ist das alles? Tuvok, sie können mir als Freund ruhig sagen, was los ist!“ Harrys Interesse war mehr von Neugier als von wirklich kameradschaftlichen Gefühlen ausgelöst worden.
    „Vulkanier weinen nicht, weil sie etwas...,bedrückt’ in ihrer Definition des Wortes. Die Menschen weinen aus Traurigkeit. Ich, weil ich alt bin.“
    Harry fehlten die Worte. „Äh... alt?“
    „Ja“, bestätigte der Vulkanier knapp und schien all seine Kraft daraufhin auszurichten, seine Gefühle unter Kontrolle zu kriegen.
    „Aber Vulkanier haben doch eine sehr hohe Lebenserwartung...“
    „Ja, von etwa 205 Jahren. Und ich habe fast fünf Achtel davon hinter mir. Ich verliere immer öfter die Kontrolle meiner Emotionen. Ich habe mir vor vier Tagen Bilder meiner Familie und des Delta-Quadranten angesehen. Ich habe meine Familie aufgegeben, und die Zeit ist abgelaufen. So viele Jahre unter Menschen haben mir gezeigt, dass... es im Leben andere Dinge als Pflicht und Logik gibt. Und diese Gefühle, dass ich mein Leben verschwendet habe, ohne etwas Wahres geleistet zu haben, werden immer stärker.“
    „Und deshalb weinen Sie?“
    „Nein. Ich... weine, weil ich die Voyager verlassen werde.“
    „Sie verlassen die Voyager?“ Harry war die ganze Zeit dabei zu fragen. Er konnte nicht fassen, was er gerade erlebte. „Aber, ohne Sie, Tuvok... Ich mochte sie anfangs nicht, habe ich Ihnen das schon mal gesagt?“
    „Nein, Mister Kim. Aber ich konnte es ahnen.“
    „Aber genauso wie Neelix und andere, habe ich gelernt, dass sie ein sehr ehrenwerter Vulkanier sind. Sie sind für mich der gefühlsvollste Vulkanier, den ich je gesehen habe. Ich weiß nicht, ob das ein Lob für Sie ist oder nicht, aber ich dachte, sie sollten das wissen. Ich habe von Ihnen viel gelernt in Bezug auf Pflicht und…“, er schmunzelte, „... Logik. Wir alle haben das und hätten ohne Sie bestimmt niemals nach Hause gefunden. Und ist es nicht nur verständlich, dass sie genauso viel von uns gelernt haben?“
    Tuvok nickte knapp. „Ja, das wäre... logisch.“

    14. April 1912, Zwölf Uhr Mittags
    Tema’na ging mit einem verächtlichen Blick und fluchend durch die Korridore tief im bauchigen Schiffsrumpf der Titanic.
    „Selbst in den Dilithiumminen auf Remus ist es angenehmer als in diesem Drecksloch!“
    „Na, na, na... Ich dachte, die Remaner wären endlich als freies Volk anerkannt.”
    Barclay hatte sich neben Tema’na geschoben und versuchte, sich an ihren schnellen Schritt anzupassen.
    „Ein paar vielleicht. Aber die Remaner ständen den Leuten, die hier unten leben müssen, ja in nichts nach.“
    „Nun ja, diese Leute hatten ein Ziel: Amerika. Dort erhofften sie sich Freiheit und Reichtum“, erklärte der Chefingenieur.
    „Und am Ende sterben sie! Ich frage mich, ob es Ironie ist, dass ich hier unten bin!“
    „Wer weiß!“
    Die Romulanerin blieb vor einer Tür stehen und versuchte sie vergeblich zu öffnen.
    „Ich sehe zwei Möglichkeiten. Erstens: Ich bin zu blöd, diese Türschlösser zu öffnen oder zweitens: Sie sind abgeschlossen.“
    „Die zweite Möglichkeit ist die richtige.“
    „Was?! Wir sind hier eingesperrt?“
    „Ja, da kommt dann der besondere Nervenkitzel auf. Wissen Sie, früher hatte ich ja immer Angst vor so etwas, aber auf dem Holodeck bin ich wie ein anderer Mensch.“
    „Ja, stimmt. Hier sind Sie total verrückt, Sie Gol’moch! Ich will hier raus! Beenden Sie dieses Programm!“
    „Warum sträuben Sie sich so dagegen, den Untergang hier mitzuerleben. Sobald einer von uns in Lebensgefahr ist, wird das Programm automatisch beendet! Oder wenigstens dieser Teil des Programms. Uns kann gar nichts passieren!“
    „Ach, nein... Und wenn das Wasser kommt, was ist dann?“
    Barclay kniff die Augenbrauen zusammen. „Sie haben doch wohl keine Angst vor Wasser?“
    „Na und? Auf ihrem Planeten gibt es weit weniger Wasser als bei uns. Romulus’ Hauptstadt wird fast jährlich überflutet. Und die Siedlungen außerhalb des großen Zentrums... Die stehen oft unter Wasser.“
    „Soweit ich weiß, ging es Ihnen in Ihrer Kindheit aber ganz gut, nicht wahr? Sie sind schließlich die Tochter eines Admirals gewesen!“
    „Das ist doch auch völlig egal! Auf jeden Fall mag ich Wasser nicht!“
    Barclay lachte. „Katzen sind nun mal wasserscheu!“
    „Wenn Sie wollen, kann ich gleich zur Katze werden, Mister Barclay.“ Sie ging näher an ihn heran und ihr scharf, ein wenig nach Menthol riechender Atem raste wie ein Orkan über sein Gesicht und ließ sein Auge tränen, „Zu einer Raubkatze...“

    Chakotay und Annika befanden sich in ihrem gemeinsamen Quartier und sahen etwas zu, das sich vor ihnen befand.
    Und das war ihr Sohn Thomas, der seine ersten Schritte wagte.
    „Ich bin mehr als zufrieden mit seiner Entwicklung“, bemerkte Annika, die stolze Mutter.
    „Ja, das könnte sogar ein Rekord sein. Wie alt ist er noch mal?“
    „Elf Monate und...“, Chakotay erwartete eine präzise, wie vom Computer errechnete Zahl. Daher überraschte ihn die Antwort seiner Frau umso mehr. „... und ein oder zwei Wochen.“
    „Annika...“
    „Was ist, mein Schatz?“
    „Du wirkst so... menschlich, wie noch nie zuvor...“
    „Welch ein schöner Augenblick, nicht wahr?“
    Ja, das war es wirklich. Während ihr Baby einen wichtigen Schritt seiner Entwicklung vollzogen hatte, tat es ihm Annika gleich. Mann und Frau nahmen sich in Arm und vergaßen ihre Vergangenheit. Ein Rebell und eine Borg hatten zusammengefunden. Hatten das, was gewesen war, überwunden. Und das alles auf diesem Schiff. Die Voyager war tatsächlich ein Reisender. Ein Reisender mit Menschen auf ihm, die die Reise verändert – und zu besseren Menschen macht.
    Die Idylle wurde von einem starken Beben und dem sofortigen Signal für Roten Alarm gestört.
    Wie aus der Pistole geschossen rannte Annika aus dem Quartier und Chakotay brachte Thomas in sein Bett, während er per Kommunikator einen Statusbericht anforderte.
    „Brücke, Bericht!“
    „Wir werden von diesem unbekannten Schiff erneut angegriffen!“
    „Ich komme!“ sagte er und unterbrach die Verbindung.

    „Geht das jetzt schon los?“ fragte Tema’na und stürmte in Barclays Quartier. Die drei Mitbewohner des Chefingenieurs sahen sie verdutzt an.
    „Nein, eigentlich erst in drei Stunden!“ Barclay runzelte verwirrt die Stirn.

    „Sollte das Schiff jetzt schon untergehen, Doktor?“ fragte Janeway, als die Titanic zu beben schien.
    Der Doktor und Janeway saßen diesmal nicht im Speiseraum der Titanic auf dem D-Deck, sondern im gemütlichen und mit Pflanzen verzierten Café Paris auf dem B-Deck, und tranken Kaffee, als sich das Kreuzfahrtschiff erneut schüttelte.
    Doch merkwürdigerweise blieb Janeways Tasse genau dort stehen, wo sie vorher auch stand.
    „Offenbar wird die Voyager angegriffen!“ rief Janeway und einige der anderen Gäste sahen sie und den Doktor, der den Abend zuvor ein Konzert gegeben hatte, merkwürdig an.
    „Computer, Programm beenden!“ befahl Janeway.
    Es kam keine Reaktion. Was hatte das zu bedeuten?

    „Schilde ausgefallen! Ich versuche den Emitter wieder aufzuladen, aber das braucht seine Zeit!“
    Funken sprühten aus der Konsole, die mit dem Maschinenraum verbunden war und schleuderten den Ingenieur auf zurück. Die Brücke war von Rauch durchzogen.
    „Annika! Lauf zum Maschinenraum und unterstütze die Crew dort!“ schrie Chakotay. Seine Frau nickte und machte sich auf den Weg.
    „Brücke an Holodeck Zwei!“ Es folgte keine Antwort.
    „Eindringlingsalarm!“ Eine andere Sirene legte sich über die des Roten Alarms.
    „Wo?“ fragte Chakotay Lieutenant Megan Delany, die Harrys Station übernommen hatte.
    „Auf... Deck Acht, Sir, vor Holodeck Vier!“ antwortete sie. „Sir, die Fremden haben den Angriff abgebrochen.“
    „Nicht eine Sekunde zu früh... Ich bin auf Deck Acht, geben Sie mir ein Sicherheitsteam mit. So viele Leute wie Sie kriegen können! Wir wissen nicht, wer die sind!“

    Chakotay näherte sich mit einem Team aus sicherlich zehn Männern und Frauen dem Holodeck Zwei.
    Doch da war niemand.
    Der Erste Offizier tippte auf seinen Insignienkommunikator. „Chakotay an Delany! Sind Sie sicher, dass die Eindringlinge hier sind?“
    „Ja, Sir. Definitiv vor dem Holodeck. Warten Sie, ich drehe die Ansicht... Oh Gott, über Ihnen!“
    Da wurden Chakotay und die anderen Offiziere bereits heruntergedrückt, von seltsamen Kreaturen, die genauso grau waren, wie die Decke der Korridore.
    Chakotay schlug mit voller Wucht sein Phasergewehr in das Gesicht eines der Fremden. Doch das war nicht das Gesicht. Es war etwas anderes.
    Die Außerirdischen waren einige Zentimeter kleiner als Menschen und extrem flach. Sie erinnerten im Entferntesten an Spinne, da sie sechs Beine und fremdartige Fühler hatten. Ihr Rücken war mit Zacken ausgestattet, mit denen sie sich offenbar in die Decke gehakt hatten.
    Chakotay wollte feuern, doch es ging nicht. Aus seinem Phasern löste sich keine Energieentladung. Analog verhielt es sich mit den Phasern der anderen Offiziere. Niemand konnte sich verteidigen.
    Doch die Fremden taten es. Aus ihren Beinen lösten sich kleine Projektile, die vier Offiziere bewusstlos machten – oder töteten. Dem fliehenden Team blieb keine Zeit, das näher zu untersuchen.
    „Chakotay an Brücke! Beamen Sie uns in die Krankenstation.“

    Harry und Megan Delany rannten auf dem Bootsdeck fast in Janeway und den Doktor sowie Tuvok hinein. Die fünf Offiziere waren alle sehr besorgt.
    „Die Erschütterungen haben aufgehört, aber wir können das Programm nicht beenden und offenbar sind auch die Sicherheitsprotokolle inaktiv!“ fasste Janeway zusammen und verwies auf eine Schramme, die sie sich gerade an einem Pfosten zugezogen hatte.
    Der mondlose Sternenhimmel schien auf die Titanic herab, es war eisig kalt und Eisberge befanden sich am Horizont.
    „Es kann nicht mehr lange dauern!“
    „Oh Gott, wenn das Schiff untergeht... Tema’na und Barclay haben keine Chance. Sie und Megan vielleicht, aber wir Männer auf keinen Fall. Nur Frauen durften auf die Rettungsboote.“
    Plötzlich verschwand der Doktor und sein Mobiler Emitter fiel auf den Boden.
    „Auch das noch! Verdammt, was geht hier vor?“
    Die vier übrig gebliebenen Offiziere waren die einzigen an Bord, die wussten, was passieren würde. Doch sie waren ebenso machtlos. Niemand würde das Schiff stoppen, weil ein paar Passagiere behaupteten, ein Eisberg würde es zum Sinken bringen.
    Das Ende war nah. In einer Stunde würde das Schiff zu sinken beginnen. Sinken in Wasser unter dem Gefrierpunkt...
    „Ich wusste, dass es unlogisch wäre, dieses Programm durchzuspielen.“
    „Ihre Logik bringt uns nun auch nicht weiter!“ meinte Janeway. „Verdammt, Tuvok. Ich hätte auf Sie hören sollen...“

    Das Programm des Doktors setzte sich in der Krankenstation wieder zusammen.
    Schon lange sagte der Doktor nicht mehr „Nennen Sie die Art des medizinischen Notfalls!“, doch das wäre wenigstens etwas gewesen. Im Moment war er nur erstaunt.
    „Doktor, gut, dass wir Sie kriegen konnten!“
    Chakotay, Annika und das Sicherheitsteam, die die vier Verletzten auf die vier Liegen verteilten, befanden sich im Reich des Doktors.
    „Das Holodeck, besser gesagt, Janeway, Harry, Tuvok, Tema’na, Barclay und Megan Delany, die auf dem bald sinkenden Schiff festsitzen. Wir können das Programm weder beenden noch die Sicherheitsprotokolle reaktivieren noch jemanden dort herausbeamen!“
    „Außer mir?“
    „Sie sind ein Hologramm, Doktor!“
    „Das stimmt. Und was machen wir nun? Unsere Freunde auf dem Holodeck wissen, dass sie dort festsitzen. Das verleiht ihnen schon mal einen taktischen Vorteil, aber Tema’na und Mister Barclay sitzen im unteren Bereich des Schiffes fest, der zuerst voll Wasser läuft und aus dem nur wenige, bewachte Ausgänge nach oben führen!“ Der Doktor machte sich große Sorgen.
    „Und Kathryn hatte mir noch vom Tod erzählt...“
    Annika arbeitete an einer Idee, während der Doktor sich an die Behandlung der verletzten und bewusstlosen Offiziere machte.
    „Und, Doktor?“
    Das Hologramm fuhr mit dem Medizinischen Tricorder die Körper der Sicherheitsoffiziere ab. „Sie leben, aber ihre Körper sind mit einer merkwürdigen toxischen Flüssigkeit verseucht. Ich weiß weder ein Gegenmittel dagegen, noch welche Auswirkungen dieses Gift hat. Wie konnte das passieren?“
    Chakotay schüttelte verzweifelt den Kopf. „Ich weiß es nicht. Sie wussten scheinbar bestens über alles Bescheid. Sie konnten die Kontrollen fürs Holodeck manipulieren und sperren, sie konnten den Sensoren für den Eindringlingsalarm entgehen und sie wussten, dass wir kommen würden. Wir haben die Atemluft in dem Bereich entzogen, den Bereich mit Betäubungsgas geflutet. Alles nützt nichts.“
    „Sektion 31?“ fragte der Doktor.
    „Ich glaube kaum. Diese Spezies, die uns angegriffen hat, habe ich noch niemals zuvor gesehen. Und da war noch etwas. Dieses fremde Schiff hatte uns fast zerstört, aber offenbar wollten sie uns nicht töten. Sie scheinen es nur auf die Crew im Holodeck abgesehen zu haben.“
    Annika näherte sich. „Ich habe eine Idee. Wir können Material oder Hologranmme ins Holodeck zurückholen, und somit auch hineintransferieren.“
    „Was meinst du?“ fragte Chakotay.

    „Sie glauben, das funktioniert?“ fragte Chakotay erneut, wenige Minuten später.
    Er sowie Megan Delany befanden sich in der Shuttlerampe, vor dem Alpha-Flyer. Der Doktor und Annika warteten in der Krankenstation.
    „Computer!“, sprach Megan, „Erstelle eine exakte holografische Kopie des Alpha-Flyers und transferiere sie ins Holodeck!“
    Der Plan war alles andere als schlecht, aber er war auch sehr gefährlich und kühn, und es war nicht klar, ob der Flyer es schaffen würde. Der Doktor sollte im ,Titanic’-Programm eine holografische Kopie des Alpha-Flyers erstellen und sie steuern. Mit dem Traktorstrahl sollte er das Schiff aus dem Wasser ziehen und die Crew an Bord beamen.
    „Stellen Sie sich mal vor, wir würden das in der Realität machen, also vor etwa vierhundertfünfzig Jahren. Das wäre der wohl größte temporale Eingriff, den man sich vorstellen kann. Das würde alles verändern“, meinte Megan.
    Chakotay nickte. „Ja, das stimmt. Da sieht man mal, welche Auswirkungen solche grausamen Katastrophen haben können.“
    „Ja, die Menschen haben aus jedem Fehler gelernt. Auch aus dieser Katastrophe, dem Sinken des unsinkbaren Schiffes.“
    „Holografische Kopie fertig gestellt!“ meldete die Computerstimme, die in dem großen Hangar gut an den Wänden widerhallte.
    „Na, dann, Miss Delany! Retten wir ihre Schwester und Ihren neuen Freund!“
    „Hat sich das schon herumgesprochen?“
    „In einer Familie, wie wir sie an Bord haben, spricht sich nun mal alles herum!“ erwiderte der Erste Offizier. „Hoffen wir nur, dass wir nie sinken.“

    „Bringen Sie diese Leute aus meiner Brücke heraus!“ schrie der Erste Offizier Murdoch der Titanic. Janeway und Harry Kim waren in die Brücke eingedrungen.
    „Wir kollidieren mit einem Eisberg, ha!“
    „Glauben Sie es mir doch, was ist dabei, langsamer und vorsichtiger zu fahren?“ fragte Janeway energisch.
    „Wir müssen einen Zeitplan einhalten, Madam!“
    „Einen Zeitplan? Und dafür wollen sie eintausendvierhundertneunundfünfzig Menschen opfern?“
    „Wenn Sie nicht aufhören, arres tiere ich sie.“
    „Nein, danke, ich verzichte! Harry, kommen Sie schnell!“
    In dem Moment warf sich Harry an das Steuer drehte es zweimal um seine eigene Achse.
    Und da war es geschehen: Die Titanic raste auf einen Eisberg zu, der sicherlich zwanzig Meter entfernt backbord (links) im Wasser schwamm.
    „HART STEUERBORD!“ schrie Murdoch und einer der Offiziere schlug Harry nieder.
    Janeway verschwand um eine Ecke und riss sich ihr Kleid auf, was ihr aber völlig egal war.
    Schnell rannte sie zur Reling und sah den sich nur schwach vom Dunkel der Nacht abzeichnenden Eisberg. Dann vibrierte der Boden unter ihren Füßen ein wenig und ein schriller Ton schallte durch die Nacht.
    Sie wollte den Untergang verhindern, doch Harry hatte ihn nun ebenfalls verursacht. Noch wesentlich früher, als geplant.
    „Suchen Sie diese Frau! Wecken Sie den Captain und holen Sie mir Chefingenieur Andrews her!“
    Janeway rannte los. Sie konnte Harry im Moment nicht retten. Nun ging es darum, dass sie nicht eingesperrt wurde und so ihre Bewegungsfreiheit beim Untergang verlor. Das hätte nicht passieren dürften, dachte sie, während sie mit dem ihr wie einen Sack erscheinenden schwarzen Kleid über das Bootsdeck rannte und hinter sich schon schnelle Schritte hörte.
    Neun Jahre hatten Harry verändert, aber nicht seinen impulsiven Charakter und sein teils unerfahrenes und unüberlegtes Handeln.


    „Wieviel Uhr ist es?“ fragte Barclay seinen Zimmergenossen Luigi, der mit seinem gewohnten italienischen Akzent „Elf!“ antwortete.
    „Was war das für eine Schütteln?“ fragte Paolo. Alle drei waren durch die Vibrationen wach geworden.
    „Das ist zu früh!“ sprach Barclay entsetzt zu sich selbst. „Vierzig Minuten zu früh!“
    Die drei Italiener sahen sich fragend an, als Reg aus dem Zimmer rannte.

    Wie der Chefingenieur entsetzt feststellen musste, war der Boden bereits mit einer dünnen Wasserschicht überzogen. Alles war viel zu früh.
    „Computer, Programm beenden!“ rief er, da es so ja nicht ablaufen sollte. Das Programm war von ihm und Harry so realistisch wie möglich konstruiert worden.
    Doch auf seinen Befehl folgte keine Antwort.
    „Computer? Hallo?“ fragte er.
    Schon wieder keine Antwort!
    „Oh mein Gott…“ sprach er, während aus den Quartieren die Passagiere kamen und hektisch zu rufen begannen, warum hier Wasser sei.
    Barclay hob eine Nadel auf, die zufällig auf der Erde lag, und – auch wenn ihm das nicht leicht fiel – piekste sich in den Finger. Blut quoll heraus. Und das bedeutete: Die Sicherheitsprotokolle waren außer Funktion! Und das Programm konnte nicht beendet werden.
    Schnell rannte er zu dem Quartier von Tema’na, die offenbar das gleiche festgestellt hatte und ihm besorgt entgegenlief.

    Der Captain hatte es geschafft, sich unter der Plane eines Rettungsbootes zu verstecken. Doch wenn die paar Rettungsboote sicherlich in wenigen Minuten – das Schiff hatte sich übrigens schon leicht gesenkt, die leichte Kollision mit dem Eisberg war zehn Minuten her – gebraucht werden würden, war ihr Versteck kein solches mehr. Alles kam noch schlimmer, als es gemusst hätte.
    Die Titanic sank…

    Thomas Andrews, der Chefingenieur der Titanic, und Captain Smith hatten eine Einsatzbesprechung mit weiteren Offizieren, darunter einem sich sorgenden Murdoch.
    „Warum haben Sie das getan? Wer sind Sie?“ fragte Smith den mit einer blutenden Nase bewacht in der Ecke stehenden Kim.
    „Hören Sie: Dieses Schiff sinkt und…“
    „Ja, es sinkt. Weil Sie es auf einen Eisberg zugesteuert haben!“
    „Das wäre die Titanic so oder so. Wir wollten verhindern, dass Sie mit einem Eisberg kollidieren! Das ganze hier ist eine holografische Simulation!“
    „Schaffen Sie Ihn aus meinen Augen! Sperren Sie diesen Bastard in mein Büro ein!“
    „Aber sie müssen uns helfen! Wir sind die Einzigen, die real sind! Hilfe! Nein!“
    Smith nickte. „Ja, gewiss. Wir sind alle nicht echt!“
    Mit aller Kraft versuchte sich Harry aus dem Griff der zwei Offiziere zu lösen, die ihn „abschleppten“, aber es gelang ihm nicht.
    „Wie schwer ist der Schaden?“ fragte der Captain der Titanic Andrews.
    „Sehr schwer, leider. Wir haben in unserer Backbordflanke einen Riss von etwa vierzig Metern Länge und selbst wenn wir die Schotts schließen, ist es zu spät! Das Schiff wird in einer Stunde nicht mehr oberhalb des Wasser sein.“
    Edward John Smith konnte nicht fassen, was er da hörte. Langsam schritt er um den Tisch herum, auf dem Blaupausen seines Schiffes lagen, und näherte sich mit immer auf ihn gerichteten Blick Bruce Ismay, dem Vorsitzenden der White Star Line.
    „Nun, was ist mit Ihrem unsinkbaren Schiff? Na? Sie wollten so schnell wie möglich nach New York. Nun werden wir so schnell wie noch nie zuvor fast mehr als eintausend Menschen töten!“
    Bruce Ismay war so eine Art Ferengi seiner Zeit. Und sein Ziel, einen absoluten Rekord bei der Überquerung des Atlantiks aufzustellen, war nun das Todesurteil für die Titanic.
    „Mister Andrews!“ fuhr Smith fort, „Wie viel Platz ist in den Rettungsbooten?“
    Andrews schüttelte verzweifelt den Kopf. „Insgesamt können wir vielleicht die Hälfte aller Passagiere unterbringen, maximal…“
    „Was? Das kann doch nicht wahr sein! Mein Gott, es werden mehr als tausend Menschen sterben…“

    Das Wasser im vorderen Bereich des G-Decks, auf das Barclay und Tema’na geflüchtet waren, stand ihnen bereits bis zu den Knien. Das H-Deck war überflutet, ebenso der Maschinenraum.
    Plötzlich gab es einen lauten Knall und eine heftige Erschütterung.
    Tema’na fiel mit ihrem Kopf ins Wasser.
    „Ah! NEEEEIIIN! Was zum Teufel ist hier los, sie Gol’moch!“ schrie sie, als sie sich wieder aufrappelte, aber sofort von einer offenbar türkischen Familie umgerannt wurde. Das Chaos brach aus, erst eine viertel Stunde nach der Kollision mit dem Eisberg. Mit dem oder besser gesagt einem anderen. Barclay wusste nicht, was zu tun war. Er kannte die Geschichte auswendig, aber dies war anders, als das, was in Wahrheit geschehen war. Dies war nun bitterer Ernst.
    „Da ist wohl gerade ein Kessel explodiert!“
    Das Licht wurde schwächer.
    „Wir müssen nach oben!“ schrie Barclay.
    Immer mehr Leute rannten hektisch umher.
    „Das weiß ich auch!“ schrie Tema’na. Sie hasste Wasser und Enge. Und beide Faktoren waren im Moment reichlich vorhanden.
    Die beiden rannten eine Treppe hoch, die sich um die Ecke befand – und rannten gegen ein Gitter.
    „NO ACCESS“ stand auf dem Gitter und das war ein Schlag ins Gesicht der beiden Offiziere. Sie saßen fest und würden die letzten Minuten ihres Lebens miteinander verbringen…
    Da hatte Barclay eine Idee. „Kommen Sie mit!“ rief er und rannte die Treppe wieder herunter.
    Das Wasser reichte den beiden bereits bis zum Bauch.
    „Wir werden nach hinten ins Schiff gehen, also dorthin, wo das Wasser noch nicht ist!“
    Die beiden watschelten durchs Wasser und begannen dann zu rennen.

    Nach etwa zwei oder drei Minuten waren sie in einem recht leeren Korridor angekommen. An einer Wand befand sich ein metallenes Schott.
    „Dort müssen wir rein, dahinter ist der Maschinenraum!“ erklärte Reg der Romulanerin, die hechelnd und mit einer blassgrünen Gesichtsfarbe hinter ihm stand.
    „Ach, wie heroisch! Sie wollen in Ihrem Reich sterben! Dann möchte ich gerne auf die Brücke dieses verdammten Schiffes!“
    „Nein“, sprach Barclay weiter, während er an dem Rad drehte, das das Schott öffnete, „im Maschinenraum können wir in den letzten Schornstein klettern! Der wird nur als Ventilationsschacht benutzt.“
    „Und dann?“ fragte Tema’na.
    „Dann nehmen wir ein Seil“, er deutete auf einen Glaskasten, in dem sich eine Axt und ein Seil befand, „und klettern außen herunter aufs Bootsdeck!“
    „Aber das Schiff hat schon ziemliche Schräglage. Bestimmt… fünf oder sechs Grad!“
    „Verdammt!“ sagte Barclay.
    „Was ist los?“
    Barclay lehnte sich erschöpft an die Wand hinter ihm. Er zitterte vor Angst und Kälte. „Das Schott ist abgeschlossen!“ erklärte er.
    „Oh nein… Nein! NEIN! Das kann doch wohl nicht wahr sein! Wegen Ihrem dummen Ferienausflug sterben wir alle!“
    „Ich habe auch Angst. Es sollte einfach nur Spaß machen und uns zeigen, wie schlimm das damals ge-gewesen sein mu-muss.“
    „Da kann ich mir auch ein Buch durchlesen!“ schrie Tema’na.
    Plötzlich hörten sie etwas plätschern. Was sollte sonst sein, außer Wasser?
    „Hören Sie, Tema’na… Ich mu-muss Ihnen etwas sa-sagen…“
    „Na gut, was sollen wir auch sonst machen? Wir sind ja hier unten gefangen und werden in wenigen Minuten ertrinken! Schießen Sie los…“
    Barclay riss all seinen Mut zusammen. Es fiel ihm sichtlich schwer, etwas zu sagen, doch er musste es tun. Das lag ihm… am Herzen.
    „Ich… Ich… Ich…liebe Sie.“
    Tema’nas Reaktion überraschte Reg. „Ich Sie auch. Denn Sie sind der einzige Mensch, der es geschafft hat, mit mir normal zu reden. So, und jetzt schlage ich vor, wir gehen weiter!“
    Barclay schüttelte den Kopf. „Das hier ist eine Sackgasse.“
    „Falls wir hier lebend rauskommen, hoffe ich, dass Sie in einem Ernstfall die Voyager besser kennen!“
    Reg wollte etwas erwidern, doch plötzlich öffnete sich das Schott hinter ihm und ein Offizier kam heraus. Er hatte die beiden nicht gesehen und wollte gerade wieder zurückgehen, nachdem er das Wasser gesehen hatte, als ihm Tema’nas Bein und dann ihre Faust ins Gesicht raste.
    „Worauf warten Sie?“ fragte sie und ging gebückt durch die Lucke. Barclay folgte ihr erleichtert, nachdem er das Seil aus dem an der Wand befestigten Kasten genommen hatte. Nun zitterte er aus drei Gründen: Kälte, Angst und wegen einem ihm ziemlich unbekannten Gefühl… Liebeskummer.

    Der Bug der Titanic war verschwunden, das Wasser reichte im vorderen Bereich bereits bis zum C-Deck.
    Am Heck des Schiffes wurden die Spitzen der sich nicht mehr drehenden, goldenen Schiffsschrauben sichtbar.
    „Machen Sie die Rettungsboote klar!“ schrieen die Offiziere.
    Unzählige Passagiere standen bereits mit Rettungsringen und –westen auf dem Bootsdeck, hauptsächlich jedoch reiche Männer und Frauen, gegebenenfalls mit Kindern, die entweder aus der ersten oder zweiten Klasse kamen und darauf warteten, in ein Rettungsboot einsteigen zu dürfen.
    Am dritten Rettungsboot vorne an der rechten Schiffsseite, tat sich etwas. Aber von selbst.
    Die Plane, die das Boot abdeckte, bewegte sich an der Seite zum Meer hin und ein Kopf lugte heraus. Es war Janeway.
    Der Captain warf ein kurzes Seil aus dem Boot und kroch heraus, ohne dass einer der Offiziere es sah. Dann hangelte sie sich an dem Seil herab – und wurde von vielen Passagieren gesehen, die sich auf der Promenade auf dem B-Deck aufhielten.
    Janeway musste es durch rhythmische Bewegungen schaffen, sich mit dem Seil in die Promenade zu schwingen, sonst würde sie es nicht mehr lange schaffen, sich festzuhalten und ins eiskalte Wasser fallen, sicherlich dreißig bis vierzig Meter tief.
    ,Eins… Zwei… Drei…’ Im Kopf spornte sich der Captain. Es war wie Schaukeln, nur mit dem Unterschied, dass es hier um ihr Leben ging.
    Da! Ihre Füße hatten das Geländer berührt. Ihr Kleid wurde über ihre Knie geschleudert, doch das war ihr egal. Sie musste an Bord und Harry retten.
    Plötzlich berührte berührten ihre Füße erneut das Geländer und beim nächsten Mal klappte es: Sie sprang in die Promenade und landete etwas unliebsam auf dem Parkettboden.
    Die Passagiere sahen sie verwundert an, Frauen schüttelten den Kopf, aber sonst geschah nichts.
    Janeway stand auf und rannte zur Metalltreppe, die auf das Bootsdeck führte, wo auch die Brücke sich befand.
    Dort angekommen drängelte sich die Kommandantin der Voyager durch die Menschenmassen, die in die Rettungsboote gingen. Eines der hinteren Boote wurde bereits zu Wasser gelassen. Zu wenige Leute saßen in ihm, Janeway kannte die Geschichte. Es hätten mehr Menschen gerettet werden können – und wäre all dies echt gewesen, hätte sie auch versucht, andere Menschen zu retten und nicht nur fünf, die sie kannte.
    Sie betrat die Brücke und hatte erwartet, die Crew vorzufinden, doch es befand sich nur Captain Smith dort. Das Wasser hatte nun bereits den vorderen Rand der Promenade erreicht, in wenigen Minuten oder einigen Sekunden würde auch die Brücke überflutet werden.
    „Captain?“ fragte Janeway.
    Smith drehte sich um. Sein Gesicht zeugte von Trauer. Seine feuchten Augen glänzten, als eine Feuerwerksrakete abgefeuert wurde, um anderen Schiffen zu signalisieren, dass die Titanic sank.
    „Was kann ich für Sie tun?“
    „Einer meiner Freunde wird hier fest gehalten.“
    Smith holte einen Schlüssel aus seiner Tasche. „Hier…“
    Janeway wollte schon gehen, wartete aber noch kurz. Hinter ihr wurde eines der vorderen Boote zu Wasser gelassen. Menschen versuchten, auf es heraufzukommen, wurden aber zurückgestoßen. Schüsse waren zu hören, ein Mann wurde fiel zu Boden. Es brach die sprichwörtliche Panik auf der Titanic aus. Janeway wusste endlich, dass an diesem Sprichwort mehr dran war, als manche dachten.
    „Sehen Sie es?“ fragte Smith.
    „Was?“ erwiderte der weibliche Captain.
    „Das Unglück. So viele Menschen werden sterben. Mit diesem Schiff auf den Grund des Ozeans sinken. Dabei dachten wir alle, dieses Schiff sei unsinkbar.“
    Janeway kam näher. Sie entsann sich an die Zerstörung der Voyager vor etwas über einem Jahr, als sie in der Bucht von San Fransisco abstürzte. „Sie werden es nicht verstehen, Sir, aber ich bin auch Captain. Ich weiß, was es bedeutet, Männer und ein Schiff zu verlieren.“
    „Aber hier sterben nicht nur Offiziere. Es sterben Kinder, Ehemänner und Väter. Mütter ertrinken in den unteren Decks, weil sie nicht so viel Geld haben, wie andere hier oben. Ob es unserer Gesellschaft irgendwann auch mal so gehen wird?“
    Janeway schüttelte den Kopf. „Nein, so weit wird es nie kommen…“
    Captain und Captain blickten sich in die Augen. So vieles war gleich, obwohl vierhundertfünfzig Jahre Geschichte zwischen ihnen lagen.
    „Viel Glück, wer auch immer Sie sind“, wünschte Smith und Janeway lächelte ein wenig. Dann ging sie zu Smiths Büro, befreite Harry und ließ den Captain zurück, der sich für sein Schiff opferte. Er würde als letzter von Bord gehen, und da nicht alle von Bord konnten, würde er auf ewig bleiben. An Bord der Titanic, wo er seine letzte Ruhe finden würde und gefunden hatte.

    „Captain!“ riefen Tuvok und Megan Delany und rannten im Gedrängel des Bootsdecks Harry und Janeway entgegen.
    „Harry!“ rief Megan und rannte ihm entgegen.
    In dem Moment verschwand die Brücke bereits im Wasser und der vorderste Schornstein fing an knarren. Ebenso wie der vierte…
    „Harry“, sprach Megan, während sie ihn umarmte und Janeway mit Tuvok redete, „ich bin nicht Megan. Ich bin Jenny.“
    „Jenny… Ich hätte es merken müssen…“, meinte Harry schmunzelnd.
    „Hast du aber nicht!“ lächelte sie.
    „Nun, komm! Du musst auf ein Rettungsboot!“ rief er und führte sie an seiner Hand zu einem Offizier.
    „Das ist meine Frau, sie ist schwanger!“ behauptete er. Der Offizier ließ Jenny passieren.
    „Ich liebe dich“, sagte sie noch und küsste Harry. Dann betrat sie eines der Boote, das gleich zu Wasser gelassen werden sollte.

    „Captain, ich möchte Ihnen noch etwas sagen“, unterbrach Tuvok Janeways verzweifelte Flüche, während Harry Jenny Delany zum Rettungsboot brachte.
    „Was denn?“
    „Wir hätten so oder so Abschied von einander genommen. Ich habe mich dazu entschlossen, ein Angebot anzunehmen, das mich zum Leiter der Sternenflottenakademie auf Vulkan macht.“
    Janeways Augen wurden feucht. „Oh, Tuvok…“
    „Captain, Sie müssen auch auf ein Boot!“ empfahl Tuvok und lenkte somit von irrelevanten Verabschiedungszeremonien und Gefühlen ab. Eigentlich hörte es sich eher wie ein Befehl an.
    „Ich werde erst auf ein Rettungsboot gehen, wenn Reg und Tema’na bei uns sind!“ entgegnete sie hart.
    Harry kam näher. „Ich bezweifle, dass sie noch am Leben sind, Ma´am. Sie hatten ihre Quartiere im letzten Deck der dritten Klasse!“
    Janeway hielt inne und starrte auf den Nachthimmel, der erneut von einer Rakete erleuchtet wurde.
    Plötzlich erschien der… Alpha-Flyer am Himmel!
    „Was ist das denn?“ Janeway konnte sich nicht entscheiden, ob sie laut losjubeln oder überrascht sein sollte. Sie schwankte zwischen neuem Mut und Verwirrung.

    Es war extrem windig oben auf dem vierten Schornstein. Man hatte einen fantastischen Ausblick auf das Schiff – und das etwa fünfundzwanzig Meter tiefe Innere des vierten Schornsteins. Und da das Schiff schon eine beträchtliche Seiten- und Tiefenlage hatte, war es umso gefährlicher den Ausblick zu genießen.
    Tema’na gelang es, gefolgt von Barclay, die Leiter, die nach oben führte, zu verlassen und das Seil, das sie sich um den Rücken und Bauch wie eine Schärpe gewickelt hatte, an einer Stange festzubinden und den Schornstein herunterzuwerfen.
    Das Seil fiel senkrecht herunter und kam auf dem Boden etwa zehn Meter vom Schornstein entfernt auf. Einige Passagiere sahen verwundert nach oben. Tema’nas Seilwurf – und der gleich folgende (Draht-)Seilakt – verstärkte die Panik, die auf dem Schiff herrschte.
    Barclay stand nun neben Tema’na. „Ich fange an!“
    „Nein“, widersprach sie. „Ich fange an. Bei mir geht es schneller, da meine romulanische Hornhaut die Reibung beim Runterrasen besser aushält, als ihre.“
    Ohne dass Barclay noch zustimmen oder ablehnen konnte, schwang sie sich über den Rand des Schornsteins, hielt das Seil in der Hand und raste herunter. Ein Schrei war trotz ihrer „romulanischen Hornhaut“ zu hören.
    Barclay tat es ihr gleich, allerdings kletterte er herunter. Er bekam deutlich zu spüren, dass seine Bizeps-Muskeln schon seit Jahren nicht mehr trainiert worden waren.
    Plötzlich erschien zehn Meter neben ihm auf gleicher Höhe der Alpha-Flyer und vor Schreck ließ Barclay das Seile los und fiel herunter.
    Ehe der Alpha-Flyer irgendetwas unternehmen konnte, prallte Barclay auf die Kuppel der hinteren Haupttreppe, die sofort zerbrach. Schreiend und zusammen mit tausenden von Glassplittern landete er auf einem Ehepaar, das unter seinem Gewicht sofort einbrach.

    „Computer! Steuere den Flyer an das Heck der Titanic!“ befahl der Doktor, der in der holografischen Kopie des Alpha-Flyers saß.
    Der Computer führte den Befehl aus und flog an das Heck der Titanic, an dem sich schon jetzt viele Menschen befanden. Das Heck würde der letzte Teil der Titanic sein, der untergehen würde.

    Tema’na schnappte sich das Seil, sprang von dem Fundament des Schornsteins und kletterte zu Barclay herunter. Plötzlich schien der Boden unter ihr nachzugeben, und alles im Raum rutschte gen Bug der Titanic.
    „Verdammt“ schrie Barclay und hielt sich am Geländer fest. „Wir müssen hier heraus! Das Wasser kommt sofort!“
    Mit seiner linken Hand hielt er Tema’na fest. In wenigen Minuten würde die Titanic vollständig gesunken sein…
    Plötzlich vernahm er ein Knarren und sah nach oben. Das gigantische Loch in der Kuppel füllte sich mehr und mehr goldfarben und schließlich zeigte es wieder den Nachthimmel – und dann hörte man einen gewaltigen Knall. Dann ein erneutes Knarren, noch einen Knall…

    Wie bei einem Dominospiel riss der vierte Schornstein einen nach dem anderen mit sich, auf seinem Weg ins Wasser. Und mit ihm mehrere Menschen. Das ganze Schiff bewegte sich in die Vertikale. Menschen hielten sich fest, wo sie nur konnten oder sprangen in das Wasser, in den sicheren Tod.
    Und dann… bewegte sich die Titanic plötzlich nach oben. Das ganze Schiff wurde aus dem Wasser gehoben – von dem blau strahlenden, kegelförmigen Traktorstrahl des Alpha-Flyers.

    „Computer, erfasse alle menschlichen Lebenszeichen und beame sie an Bord!“ befahl der Doktor im Cockpit des Flyers.
    Hinter dem Doktor erschienen nacheinander Tuvok, Harry, der Captain, Barclay, Tema’na und Jenny Delany.
    Die sechs Personen waren sichtlich erleichtert und seufzten vor Freude und der hinter ihr liegenden Angst und Anstrengung.
    „Interessant, Ihr Geständnis in letzter Sekunde“, meinte Tema’na zu Barclay und begab sich in den Hinterraum des Flyers. Der Chefingenieur unternahm keine Anstalten ihr zu folgen und blieb wie angewurzelt stehen.
    „Doktor, das war aber fast in letzter Sekunde. Der Traktorstrahl hätte uns fast eher umgebracht als das Wasser!“

    ,Unser Plan wurde durchkreuzt!’
    Die Fremden waren verunsichert. Entweder waren ihnen Informationen vorenthalten worden, oder die Omniponier wussten nichts von all dem.
    Sie mussten in die holografische Simulation gehen und den Captain der Voyager auf konventionelle Art töten. Weitere Opfer mussten sie in Kauf nehmen.

    „Traktorstrahl deaktiviert… Captain, wir bekommen Besuch…“, meldete der Doktor und alle kamen näher. Aus dem Fenster des Flyers sah man die Türen des Holodecks kurz erscheinen und dann wieder verschwinden. Auf dem sich wieder in die Vertikale neigenden Schiff, nachdem es pompös zurück ins Wasser gefallen war und eine Flutwelle die Rettungsboote umgeworfen hatte, sah man in der Ferne fünf merkwürdig aussehende Kreaturen.
    „Von wem?“
    „Von Ihren Geiselnehmern. Sie werden alles von Commander Chakotay hören!“ brach der Doktor den Versuch einer Erklärung ab.
    Plötzlich wurde das Shuttle von irgendetwas getroffen.
    Energieblitze zuckten durch die kalte Nacht auf dem Holodeck und der Alpha-Flyer setzte sich in Bewegung.
    „Es gibt nur eine Möglichkeit, diese Fremden davon abzuhalten, uns zu zerstören! Wir müssen die Titanic zerstören“, meinte Barclay.
    Janeway nickte. „Das hier wirkt nur real, aber das ist es nicht.“ Sie hoffte, dass sie nie Unschuldige töten musste, weil hier ein paar Schuldige zur Rechenschaft gezogen werden mussten. Überhaupt wollte sie nie jemanden umbringen, aber diesmal war es ausgleichende Gerechtigkeit. Zu mindestens glaubte sie das.
    Der Doktor aktivierte die Waffen und feuerte die Phaser des Flyers ab. Die Titanic wurde getroffen und zerbrach in der Mitte in zwei Teile. Nachdem der Rauch der Explosion sich verzogen hatte, sah man nur noch das Heck des historischen Schiffes. Dann sank die Titanic für alle Ewigkeiten – auf dem Holodeck, so wie sie es einst im Atlantik tat. Dort lag die Titanic begraben. In den unendlichen Weiten des stillen Ozeans.
    „So wie es sein sollte“, meinte Barclay, der scheinbar starke Rückenschmerzen hatte, „in zwei Hälften zerteilt. Bloß zwei Stunden zu früh.“
    Janeway schüttelte ein wenig den Kopf. „Ich habe es schon vor einer Stunde aufgegeben, auf historische Genauigkeit zu achten.“
    Alle schmunzelten ein wenig.
    „Doktor, machen Sie die holografischen Emitter aus – und zerstören sie sie. Ich bin für eine lange Zeit fertig mit dem Holodeck.“
    Wenige Sekunden später, nachdem der Alpha-Flyer ein paar Mal gefeuert hatte, verschwand alles um die Crew herum. Nur sie und die fünf Fremden blieben übrig – und Janeways handgeschriebenes Logbuch.

    „Ich habe Mister Barclays Rücken geheilt“, berichtete der Doktor, als Janeway einen Tag später in die Krankenstation kam und Barclay auf dem Zentralen Biobett liegen sah.
    „Sehr gut, Doktor. Ich wollte Ihnen nur mitteilen, dass eine Nachricht höchster Priorität auf einem Eil-Subraumband eingetroffen ist. Sie stammt aus Sydney!“
    Der Doktor sah Janeway verdutzt an. „Ich werde Sie mir ansehen, wenn ich Zeit habe. – Sie können gehen, Mister Barclay.“
    Barclay wolle gerade aufstehen, als Tema’na hereinkam. Sie sah Barclay und meinte nur och „Es war nicht so wichtig. Ich komme später noch einmal.“
    Janeway und der Doktor sahen sich verwundert an. Barclays Mimik bemerkten sie nicht.
    Der Chefingenieur verließ die Krankenstation durch den zweiten Ausgang der Krankenstation.
    „Nun, was konnten Sie im Labor über die Fremden herausfinden?“
    Der Doktor seufzte. „Nicht viel, es ist eine nicht humanoide Rasse, offenbar aus dem Delta- oder Gammaquadranten. Außerdem ist sie telepathisch. Aber mehr Wissenswertes konnte ich nicht herausfinden.“
    „Ich bereue, dass wir sie töten mussten…“, sprach Janeway und drehte sich um.
    Das MHN kam langsam näher und besänftigte seine Kommandantin: „Es blieb uns keine Wahl!“
    „Ja, vielleicht haben Sie Recht…“

    Alle Offiziere setzten sich an den Tisch im Besprechungsraum. Tema’na kam – was nicht ungewohnt war – zu spät und bat Chakotay, mit ihr Plätze zu tauschen. Aus irgendeinem Grund wollte sie nicht neben Barclay sitzen. Auch ein „Aber was ist denn gegen den Platz dort einzuwenden?“ von Chakotay nützte nichts.
    Alle sahen Barclay an, der mit einem offenbar von Unwissenheit zeugendem Gesichtsausdruck zurücksah.
    Janeway begann die Besprechung: „Mister Barclay, wie sieht es mit Holodeck Zwei aus?“
    „Wir arbeiten daran. Alle Holoemitter müssen ersetzt werden.“
    Der Captain nickte. „Gut. Ich möchte noch einmal mein Lob aussprechen, Reg. Diese Simulation war hervorragend gemacht, aber sie hätte uns fast das Leben gekostet.“
    Annika schmunzelte leicht, es hätte fast ein wenig Schadenfreude sein können. „Ich sagte doch, sie birgt ein Gefahrenpotential in sich.“
    Janeway nickte. „Ja, vielleicht war es ja… Intuition.“
    „Ja, vielleicht“, antwortete die Ex-Borg.
    „Gibt es sonst noch etwas Wichtiges? Möchte einer von Ihnen etwas loswerden?“
    Barclays und Tema’nas Blick trafen sich kurz. Harry setzte ein verliebtes Lächeln auf.
    „Gut, dann an die Arbeit!“ befahl der Captain.
    Harry sprang als erster auf, ging durch die Tür und wurde von Jenny Delany erwartet. Der Rest der Brückencrew stand ebenfalls auf, nur Chakotay blieb zurück.
    „Will Riker kann froh sein, dass hinter dem Namen seines Schiffes nicht die Endung –ic ist. In jedem Fall scheint die Titanic der Schauplatz von Katastrophen zu sein.“
    Janeway lachte und schien hellauf begeistert von dem Witz, den Chakotay gerissen hatte.
    „Ach, Chakotay… Wissen Sie“, ihr Blick wurde wieder ernst, „ich dachte schon fast, der Moment sei gekommen.“
    „Der Moment, in dem sie… – ich muss mich erst dran gewöhnen – du mir das Schiff übergibst.“
    „Ja, so ungefähr. Es war sehr knapp.“
    Chakotay hielt kurz inne. „Ja, das stimmt“, erwiderte er. „Und genauso, wie sagenumwoben der Untergang der Titanic ist, so sind es auch diese Außerirdischen. Was hatten Sie vor? Wer hat Sie geschickt?“
    „Und vor allem stellt sich die Frage, warum wollten sie gerade mich haben…“
    „Wie kommst du darauf?“ fragte der Erste Offizier.
    „Nun ja, sie hätten doch die Voyager oder das Holodeck in die Luft sprengen können. Sie hatten es gezielt auf mich abgesehen, auf den Captain“, erklärte die Kommandantin.
    „Glaubst du, sie stecken dahinter?“
    „Wenn du mit ,sie’ diese Wesen meinst, auf die wir vor sechs Jahren getroffen sind… Ja. Alles scheint darauf hinauszulaufen. Der Diebstahl der Erinnerungsdateien des Doktors… Das große Wissen dieser Geiselnehmer… Die politische Krise… Die Herkunft dieser Fremden…“
    Chakotay stand unruhig auf. „Aber warum?“
    „Ich weiß es nicht, aber ich habe das Gefühl, wir werden es erfahren…“, entgegnete Janeway.

    Der Doktor saß in seinem Büro. Er hatte im Speicher die ganze Zeit die Erinnerung, die Nachricht aus Sydney zu öffnen. Was mochte in ihr stehen?
    Schließlich hielt er es nicht mehr aus und legte seinen Bericht über die Ereignisse der letzten Tage und seinen angefangenen Roman „Titanic“ beiseite. Er fuhr seinen erstaunlich flachen Desktopmonitor aus dem Schreibtisch und öffnete die Nachricht.
    Es war nur ein kleiner Text mit der Bitte, Kontakt zur Leiterin des Opernhauses von Sydney aufzunehmen. Sie hätte ein Angebot für ihn.

    Harry und Jenny lagen im Bett. Man konnte im Dunkeln nicht erkennen, ob es Harrys oder Jennys war, aber für den Moment schienen die beiden Offiziere so oder so eins zu sein.
    „Jenny…“
    „Was ist, mein Stern?“
    „Wir – kön – nen zwi – schen zwei Schi – ffen aus – wähl – en… Zwi – schen - der Rhode Is – land - und – der – Titan…“
    Jenny lächelte, während Harry mit seinem Mund sich über Jennys Schulter zu ihrem Rücken vortastete. Er küsste ununterbrochen ihre sanfte und junge Haut, weshalb er den Satz Silbe für Silbe aussprach.
    „Ich will den Namen Titan oder Titanic nicht mehr hören, Harry…“
    „Wie – du – willst…“

    „Computer! Ist es möglich, dass die Pheromone von Menschen auf Romulaner abstoßend wirken.“
    Barclay saß an seinem Schreibtisch. Er war merkwürdig... erregt. Besorgt? Verunsichert? Er konnte das Gefühl, das er hinsichtlich Tema’na empfand, nicht in Worte fassen.
    War das vielleicht sein Fehler? Ging er zu maschinell und nachdenklich an das Problem heran? Wollte Tema’na wilden Sex? Wilde Lust? War das die Vorstellung der Romulaner von einer Beziehung?
    Reg brach die Antwort des Computers ab. Er musste nicht mehr so rational denken, als würde er die Phasenvarianz eines Warpkernrisses feststellen oder die Ausrichtung der Warpgondeln in einem Akademietest bestimmen müssen.
    Das war Liebe. Eine außergewöhnliche Liebe mit einer Spezies, mit der er kaum vertraut war.
    Liebe konnte man nicht berechnen. Es gab verschiedene Arten von Liebe: freundschaftliche Liebe, Liebe ... zu einem Schiff sowie physische und psychische Liebe zwischen Mann und Frau, Mann und Mann, Frau und Frau oder zwischen anderen Geschlechtern.
    Und seine Chancen standen nicht schlecht. Bei den Romulanern gab es zwei Geschlechter, wie bei Menschen. Romulaner waren humanoid, Menschen auch.
    Es war so greifbar...

    Im Transporterraum der Voyager materialisierte Lieutenant Tom Paris, sichtlich erschöpft, mit Miral neben ihm.
    „Hallo Tom!“ begrüßte Janeway ihren Freund und stellvertretenden Steueroffizier, der langsamen Schrittes von der Transporterplattform herunterkam und lächelnd die Hand des Captains schüttelte.
    „Und? Habe ich was verpasst?“ fragte er.
    „Fragen Sie nicht... Wie geht es Miral?“
    Tom nickte und schaute auf Miral herab, die neben ihm an seiner Hand ging. „Gut, denke ich. Sie läuft inzwischen schon ziemlich sicher, Sie... hat das Blut ihrer Mutter in sich. Sie ist kräftig.“
    Janeway schmunzelte leicht und versuchte damit den Anflug von Traurigkeit zu überspielen.
    „Nun? Wie ist Captain Riker so?“
    Tom lächelte. „Er steht dem legendären Picard in nichts nach! Die Titan ist übrigens ein unglaubliches Schiff. Ich habe noch nie ein so sicheres und leistungsfähiges Schiff gesehen.“
    Sicher. Leistungsfähig. Unsinkbar?
    Man konnte sich irren. Das hatte Janeway von ihrem Ausflug in die Vergangenheit gelernt. Die Technik konnte versagen und ein Leben sehr schnell beenden. Oder das von 1495 Menschen. Niemals würde die Technik perfekt sein.
    Gemeinsam mit Tom und Miral ging sie den Korridor entlang.
    Es war, als würde sie mit ihrem Sohn und Enkel dort entlang gehen. Es war wie... eine Familie.

    - Ende -



    ...und die Reise geht weiter - mit einem Special am nächsten Sonntag, den 23.02.2003

    Ältere Episoden findet ihr in unserem Episodearchiv...



    TITANIC
    based upon "STAR TREK" created by GENE RODDENBERRY
    produced for TREKNews NETWORK
    created by RICK BERMAN & MICHAEL PILLER and JERI TAYLOR
    executive producers SEBASTIAN OSTSIEKER & MARKUS RACKOW
    co-executive producers NADIR ATTAR & CHRISTIAN GAUS
    producers MILA FRERICHS & STEPHAN DINGER
    co-producer OLIVER DÖRING
    written by MARKUS RACKOW

    TM & Copyright © 2003 by TREKNews Network. All Rights Reserved.
    "STAR TREK" is a registered trademark and related marks are trademarks of PARAMOUNT PICTURES
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    Quelle: treknews.de
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