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...Ekstase in Moll

Naomi Alderman - Die Gabe


einz1975
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Unsere Welt ist im Wandel. Ob durch die Natur absichtlich etwas Neues geschaffen wird, der Mensch selbst darauf Einfluss hat oder ob es einfach Zufall ist. Hier jedoch, sind die strengen Hierarchien unserer Gesellschaft der Grundpfeiler dieser Geschichte. Irgendwann ist es passiert. Ein kleines junges Mädchen, gerade mitten in der Pubertät, hat plötzlich etwas, was andere nicht haben. Sie entdeckt, dass durch ihre Berührung andere verletzt werden können. Ein Stromschlag, welcher anfänglich noch harmlos daherkommt, entwickelt sich beim richtigen Training zu einer echten Waffe. Doch sie ist nicht das einzige Mädchen. Überall auf der Erde geschehen plötzlich diese wundersamen Zwischenfälle. Ist es eine Krankheit? Kann man es heilen? Ist es ansteckend? Betrifft es nur Mädchen oder auch erwachsene Frauen? Die Geschichte wird aus der Sicht von verschiedenen Frauen und einem Reporter erzählt.

Die Frauen, meist Jugendliche, haben viel Schlimmes durch Männer in ihrem kurzen Leben erfahren. Von sexueller Belästigung, Schlägen, Misshandlungen, Vergewaltigungen und noch einiges mehr. Das hier der Hass auf das andere Geschlecht unsagbar hoch ist, kann man sich sehr gut vorstellen. Es gibt auch eine Bürgermeisterin, welche anfänglich noch rational mitdenkt. Denn die Welt ist ab jetzt im Wandel. Überall dort, wo Frauen nicht beachtet, unterdrückt und ausgebeutet wurden, brodelt es. Die Strukturen der Länder fangen an zu brechen. Ein Beispiel ist Saudi-Arabien, wo der König schon wenige Wochen nach den ersten Ereignissen ins Exil flieht, weil er um sein Leben fürchten muss. Die Gabe wird auch immer faszinierender. Neben dem einfachen Stromstoß, gibt es fliegende Blitze oder Wunder, die nicht einmal die Medizin vollbringen kann. Es entsteht auch eine eigene Religion, um eine erst einfache und später so einflussreiche Frau, dass sie im Handumdrehen neue Anhängerinnen gewinnt.

Es gibt geheime Kulte, besondere Drogen, welche die Gabe verstärken oder schon fast männerfreie Städte. Was mit einfachem Widerstand begann, zündet den Beginn der Revolution. Männer sterben, ohne dass noch groß nach der Ursache gefragt wird und der Grad an Brutalität ist zum Teil schon mehr als ekelerregend. Ist es wirklich das beste, Gleiches mit Gleichem zu vergelten? Kann das der Weg sein, um etwas Neues aufzubauen oder besser zu sein als die Peiniger? Sind alle Männer wirklich gleich und müssen gleich behandelt werden? Naomi Alderman macht es sich für meinen Geschmack doch etwas zu einfach. Mit reißerischen Rache-Szenen will sie der Geschichte Härte beibringen, auch wenn die Hintergründe dafür nachvollziehbar traurig sind. Nicht jeder übt Gewalt und nicht jeder möchte auch Gewalt verüben. Warum also all der Kampf in diesem Buch?

Dabei geht die Autorin auf unsere Gesellschaft ein. Frauen haben in den letzten Jahrzehnten erst das geschafft, was von 100 Jahren nicht denkbar war. Die Demonstrationen, die Kämpfe vor Gericht, die Gleichberechtigung in kleinsten Nuancen, alles erreicht, ohne Blut zu vergießen. Der Science Fiction Faktor ist leider relativ klein. Die Auflösung hinter dem „Warum die Frauen diese Gabe bekommen haben“ ist auch eher sehr ernüchternd und klingt eher wie ein banaler Chemieunfall. Die Struktur des Buches ist dennoch interessant. Kleine Bilder zwischendurch berichten von alten skurrilen Reliefs oder Zeichnungen, die unter anderem schon damals das Wunder der Frau erkannt haben. Die Grundidee und der Anfang lesen sich durchaus vielversprechend, nur fehlt ab einem gewissen Punkt die Sicht zur Zielgeraden.

Fazit:
Das Wunder der Elektrizität! Ein Blitz bei Gewitter fasziniert noch immer und das wird auch immer so bleiben. Wenn Menschen durch ihren eigenen Körper in der Lage wären, so etwas heraufzubeschwören, dann hat die Evolution einen Schritt gemacht, der unumgänglich alles ändert. Naomi Alderman beschreibt eine düstere Zukunft für Männer. Wo Frauen gequält und unterdrückt wurden, rächen sie sich, mit unbeschreiblicher Gewalt. Gesellschaften brechen zusammen, Prophetinnen werden ernannt und Regierungen fallen. Kämpfe, Krieg und der Wunsch nach einer neuen Ordnung... und doch ist alles gleich. Denn wo sonst die Vernunft hätte siegen können, geht hier alles nur im Chaos unter. Die grandiose Idee des Buches und der wunderbare Beginn verfallen in eine undurchsichtige Berg- und Talfahrt. Ein Kampf, der viel mehr hätte sein könne, als er am Ende geworden ist.

Matthias Göbel

Autorin: Naomi Alderman
Übersetzung: Sabine Thiele
Taschenbuch: 464 Seiten
Verlag: Heyne Verlag
Veröffentlichung: 01.09.2022
ISBN: 9783453425019
 

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