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Galax Acheronian – Mischka (Koloniewelten 06)


einz1975

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 Wieder sind einige Jahre vergangen, und die Kolonie Anaximenes hat sich bemerkenswert weiterentwickelt. Die Bevölkerung ist gewachsen, die Infrastruktur stabilisiert sich zunehmend, und die Gesellschaft scheint gefestigter denn je. Der fragile Frieden mit der Erde besteht weiterhin, auch wenn er auf wackeligen Beinen steht und jederzeit zu kippen droht. Überraschend überlässt die Regierung der Erde der anaximenischen Spacegroup eine beachtliche Anzahl ausgemusterter Raumschiffe. Zwar handelt es sich dabei keineswegs um modernste Technik, vielmehr um in die Jahre gekommene, teils schrottreife Modelle, doch genau darin liegt für die erfinderischen Bewohner von Anaximenes kein Hindernis, sondern eine Herausforderung. Mit Improvisationsgeist, technischem Know-how und unerschütterlichem Optimismus machen sie sich daran, die Schiffe wieder flugtauglich zu machen und starten schließlich ihre erste eigenständige Forschungsmission ins All.


Im Mittelpunkt dieser Mission steht die Astronomin Serafina Medwedew, die ungewöhnliche Messdaten vom Stern „Mischka“ registriert hat. Ihre Berechnungen deuten darauf hin, dass sich dieser Stern in einem instabilen Stadium befinden könnte. Wissenschaftlich betrachtet endet das Leben massereicher Sterne in einer sogenannten Supernova, einer gewaltigen Explosion, die unter Umständen auch benachbarte Planetensysteme gefährden kann. Ob und wann „Mischka“ dieses Stadium erreicht, ist jedoch unklar. Genau dieser Frage will die Crew nachgehen, denn sollte eine Supernova bevorstehen, könnte auch Anaximenes langfristig bedroht sein. Wer die Reihe Galax Acheronian kennt, weiß um den ideologischen Konflikt zwischen der kirchlich dominierten Erde und den als „Ketzer“ gebrandmarkten Kolonisten. In diesem Band tritt dieser Glaubenskonflikt jedoch zunächst in den Hintergrund. Stattdessen rückt die Crew in den Fokus: die Techniker, Ingenieure und Wissenschaftler, die das scheinbar Unmögliche möglich machen. Besonders die Techniker erhalten hier eine Bühne, jene Figuren, die sonst eher im Hintergrund agieren, werden zu tragenden Säulen der Mission.

Die zahlreichen Dialoge verleihen der Geschichte Lebendigkeit. Kleine Neckereien untereinander, fachliche Diskussionen über technische Probleme, kreative Lösungsansätze, all das sorgt für Authentizität. Man spürt den Zusammenhalt der Crew ebenso wie ihre Neugier und ihren unerschütterlichen Forschungsdrang. Das alte, reparaturanfällige Schiff wird dabei fast selbst zu einem Charakter: Jeder Sprung durch den Raum verlangt der Besatzung körperlich und mental alles ab. Zudem kommt es wiederholt zu Fehlern, die Crew landet nicht immer dort, wo sie eigentlich ankommen wollte. Die Ursachenforschung wird spannend und detailreich geschildert, ohne dabei übermäßig technisch oder unverständlich zu wirken. Im weiteren Verlauf wartet eine unerwartete Begegnung auf die Crew, eine Prüfung, die sie nicht mit Waffen, sondern mit Haltung besteht. Hier zeigt sich besonders deutlich der Kontrast zwischen der Erde und Anaximenes. Während auf der Erde dogmatische Strukturen, religiöse Kontrolle und Intoleranz das gesellschaftliche Leben bestimmen, setzt Anaximenes auf Offenheit, Kooperation und Freiheit. Kein Hass, keine Verfolgung Andersdenkender, stattdessen wird Hilfe angeboten und Verständnis gezeigt. Diese humanistische Grundhaltung wird zum zentralen Wert der Kolonie.

Doch genau diese Errungenschaften geraten gegen Ende erneut ins Wanken. Die Frage steht im Raum: Können die Kolonisten ihre Ideale bewahren, wenn der Druck von außen wächst? Oder wird die Kirche der Erde doch noch Einfluss gewinnen? Diese Spannung verleiht dem letzten Drittel zusätzliche Dynamik und bereitet zugleich den Boden für kommende Entwicklungen der Reihe. Besonders auffällig ist in dieser Ausgabe die starke Dialoglastigkeit. Sie intensiviert die Figurenzeichnung und lässt die Crew greifbar erscheinen. Man erkennt deutlich die Entwicklung der Reihe: von einer dystopisch geprägten Ausgangslage hin zu einer zunehmend utopischen Vision einer freien, wissenschaftsorientierten Gesellschaft. Gleichzeitig bleibt die Geschichte realistisch genug, um nicht ins Naive abzudriften, denn jede Utopie muss sich Prüfungen stellen. Interessant ist auch, dass sich der Fokus zunehmend von der Erde löst. Sie wirkt weiter entfernt als je zuvor, politisch wie emotional. Der Blick richtet sich nun stärker auf die Koloniewelten selbst: auf ihre Entwicklung, ihre Selbstbestimmung und ihre Zukunft unter den Sternen.

Fazit:
Der Titel „Mischka“ ist bewusst gewählt. Der Name lässt sich mit Bedeutungen wie „der Mächtige“ oder auch als „Gott“ interpretieren. Im Kontext der Geschichte steht er sinnbildlich für eine größere Macht, sei es in Form eines Sterns, der über Leben und Tod entscheidet, oder in Form religiöser Autorität auf der Erde. Seit Beginn der Reihe spielen Gott, Glaube und kirchliche Machtstrukturen eine zentrale Rolle. Die Erde wird als dystopisch geprägte Gesellschaft dargestellt, in der Andersdenkende verfolgt werden. Dem gegenüber steht Anaximenes, das sich in über hundert Jahren bemerkenswert entwickelt hat. Wissensdurst, technischer Fortschritt und gesellschaftliche Offenheit treiben die Kolonie nun endgültig hinaus zu den Sternen. Der Autor zeichnet in den ersten beiden Dritteln beinahe ein utopisches Bild, eine Gesellschaft, die aus Fehlern der Vergangenheit gelernt hat. Doch diese Utopie bleibt nicht unangefochten, sondern wird zum Ende hin auf die Probe gestellt. Gute Dialoge, humorvolle Wortgefechte und interessante technische Science-Fiction-Ideen verbinden sich mit einer ruhig erzählten, aber dennoch spannenden Handlung. Wissenschaftlich wirkt vieles durchdacht und plausibel, insbesondere die Darstellung stellarer Entwicklung und technischer Improvisation. Lediglich die Vertreter der kirchlich geprägten Erde erscheinen stellenweise etwas eindimensional und überzeichnet, was jedoch die klare Gegenüberstellung der Systeme unterstreicht. Insgesamt ist „Mischka“ eine gelungene Fortsetzung der Koloniewelten von Galax Acheronian, mit starker Figurenzeichnung, philosophischem Unterbau und dem deutlichen Gefühl, dass die eigentliche Reise gerade erst begonnen hat. So darf es gerne weitergehen.

Autor: Galax Acheronian
Taschenbuch: 436 Seiten
Verlag: Twentysix Epic
Veröffentlichung: 26.10.2021
ISBN: 9783740785642

www.acheronian.de

 

 

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Bearbeitet von einz1975
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