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...die mit der Mühle

Karl-Heinz Tuschel - Leitstrahl für Aldebaran


einz1975

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In einer fernen Zukunft macht sich die Menschheit auf, das Sternsystem Aldebaran zu erforschen. Bevor jedoch das gleichnamige Mutterschiff seinen Kurs dorthin antritt, wird zunächst ein Kundschafterschiff vorausgeschickt. Schließlich weiß man nie, welche Überraschungen im unendlichen All warten könnten. Und tatsächlich – als hätten die Planer der Mission eine solche Gefahr geahnt, stößt das Vorauskommando auf eine rätselhafte Anomalie. Während dieser Begegnung wird der Kapitän des Schiffes schwer verletzt und liegt seitdem in einem künstlichen Koma. Als der Rest der Crew aus dem Kälteschlaf erwacht, steht sie vor einer schwierigen Situation: Zuerst müssen sie sich einen Überblick verschaffen. Doch das erweist sich als kompliziert, denn viele Daten fehlen oder wurden durch die Ereignisse unvollständig aufgezeichnet. Da der Kapitän nicht ansprechbar ist, bleibt der Besatzung nur eine Möglichkeit – sie muss selbst herausfinden, was geschehen ist.

Besonders zu Beginn geht Tuschel sehr detailreich vor und beschreibt ausführlich die Gedankengänge der Crew. Von der Bestimmung ihrer Position anhand der Sternkonstellationen über die Analyse seltsam gemessener Energiemuster bis hin zur schließlich gefassten Entscheidung, einen nahegelegenen Planeten anzusteuern. Der Leser wird Schritt für Schritt durch den Erkenntnisprozess geführt. Gleichzeitig erfährt man bereits einiges über die Crew, ihre Aufgaben und die technischen Möglichkeiten ihres Schiffes. Die einzelnen Mitglieder bilden ein gut durchdachtes Team. Jeder besitzt umfangreiches Wissen auf seinem Spezialgebiet, doch im Verlauf der Mission müssen sie über ihre bisherigen Fähigkeiten hinauswachsen. Die Anomalie bleibt dabei ein zentrales Rätsel der Handlung. Klar ist nur, dass sie den Flug destabilisiert hat und offenbar Auswirkungen auf den Raum selbst besitzt.

Im Laufe der Untersuchungen taucht eine weitere beunruhigende Frage auf: Befindet sich das Schiff überhaupt noch in der richtigen Zeit? Oder könnte es durch die Anomalie in der Zeit zurückgeworfen worden sein? Diese Möglichkeit führt zu zahlreichen Theorien und Spekulationen innerhalb der Crew. Teilweise werden dabei sehr viele unterschiedliche Ideen diskutiert, was sich auch im späteren Verlauf des Romans fortsetzt. Offensichtlich möchte der Autor damit zeigen, wie vielfältig die denkbaren Möglichkeiten im Universum sein könnten und wie schwierig es ist, in einer solchen Situation eine eindeutige Erklärung zu finden. Die Entscheidung, den nahegelegenen Planeten anzufliegen, ist letztlich eine Frage des Überlebens. Dort müssen sie Ressourcen aufnehmen und Energie gewinnen, um das Mutterschiff Aldebaran über ihre Lage und die mögliche Gefahr informieren zu können.

Der Planet selbst wirkt zunächst erstaunlich erdähnlich: Es gibt Wasser, Pflanzen, Grasflächen und sogar Bäume. Vor allem aber existiert dort Leben. Die Tierwelt erinnert teilweise an bekannte irdische Formen, besitzt jedoch gleichzeitig fremdartige Eigenschaften. Diese Mischung aus Vertrautem und Unbekanntem prägt die Erkundung des Planeten. Gerade diese Ähnlichkeit zur Erde kann jedoch auch als Kritikpunkt gesehen werden. Vieles wirkt vertraut und dadurch weniger überraschend. Auch der Schreibstil erscheint stellenweise etwas altmodisch oder verschroben, was aus heutiger Sicht ungewohnt wirkt, für die Zeit der Entstehung des Romans jedoch durchaus typisch ist. Die Figuren erhalten immer wieder kurze Momente, in denen sie im Mittelpunkt stehen, auch wenn einige Charaktere stärker hervortreten als andere. Das wirklich Fantastische kehrt vor allem dann zurück, wenn die Handlung wieder auf die mysteriöse Anomalie fokussiert. Die Tierwelt und die Landschaft des Planeten sind interessant beschrieben, bleiben jedoch insgesamt etwas zu nah an unserer eigenen Realität, um große Überraschungen zu bieten. Was die Technik betrifft, wirkt vieles plausibel und nachvollziehbar. Die dargestellten Systeme und Abläufe erscheinen logisch, auch wenn das zugespitzte Finale zu gewollt wirkt. Die entscheidende Frage bleibt bis zum Schluss bestehen: Wird es der Crew gelingen, rechtzeitig eine Warnung an das Mutterschiff Aldebaran zu senden oder wird der fremde Planet letztlich zu einer tödlichen Falle?

Fazit:
Ein Leitstrahl dient traditionell als Navigationshilfe für Flugzeuge oder Schiffe. In diesem Sinne steht der Titel sinnbildlich für Orientierung in einer unbekannten Umgebung. Auch wenn heutige Navigation über Satelliten erfolgt, verfolgt sie im Grunde denselben Zweck. Karl-Heinz Tuschel erzählt in seinem Roman die Geschichte einer Raumschiffcrew, die bei ihrer Mission auf eine rätselhafte Anomalie stößt. Die technische Erkundung und die Suche nach einer Erklärung bilden den Kern der Handlung und sind insgesamt spannend umgesetzt, auch wenn der Autor sich gelegentlich in Nebenüberlegungen verliert. Immer wieder kehrt die Geschichte jedoch zum zentralen Rätsel zurück und hält so den roten Faden aufrecht. Für die damalige Zeit mögen manche Ideen überraschend gewesen sein, aus heutiger Perspektive wirken einige Aspekte jedoch etwas überholt. Die Dialoge erscheinen gelegentlich zerstreut, tragen aber dazu bei, den Figuren Persönlichkeit zu verleihen. Am Ende bleibt ein Abenteuer – nicht nur für die Kosmonauten der Geschichte, sondern auch für den Leser. Man bewegt sich gewissermaßen in zwei Zeiten gleichzeitig: in einer Zukunft innerhalb der Handlung und in einem Stil, der noch deutlich aus der Vergangenheit stammt. Gerade deshalb hat das Buch einen gewissen Retro-Charme und dürfte vor allem Fans klassischer Science-Fiction gefallen.

Matthias Göbel

Autor: Karl-Heinz Tuschel
Taschenbuch: 278 Seiten
Verlag: Militärverlag der DDR
Veröffentlichung: 01.01.1988
ISBN: 9783327005842
 

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