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...mit dem bekloppten Merkmal der Sensation

David Gerrold – Raumspringer


einz1975

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In einer weit entfernten Zukunft haben sich die Menschen über einen großen Teil der Galaxie ausgebreitet. Dieser Prozess dauerte viele Jahrhunderte, bis schließlich rund elftausend Planeten besiedelt waren. Mass stammt von einer dieser Welten, einem Planeten namens Steinveldt. Dort herrscht eine hohe Schwerkraft, weshalb die Menschen genetisch angepasst wurden. Sie sind kräftiger, robuster und widerstandsfähiger als ihre ursprünglichen Vorfahren. Mit seinem kleinen Schiff begibt sich Mass auf eine ungewöhnliche Reise. Er sucht nach dem einst mächtigen Imperium, das scheinbar spurlos verschwunden ist. Kaum noch jemand spricht darüber, und niemand weiß genau, was geschehen ist. Dabei war dieses Empire einst allgegenwärtig und unvorstellbar groß. Wie kann eine solche Macht einfach verschwinden? Oder existiert sie vielleicht noch und wird nur nicht mehr wahrgenommen?

David Gerrold gelingt ein strukturierter Einstieg in die Geschichte. Er führt den Leser behutsam in Mass’ Welt ein und beschreibt anschaulich die genetischen Veränderungen, die notwendig waren, um auf extremen Planeten wie Steinveldt überleben zu können. Auch das Imperium erhält eine gewisse historische Tiefe, sodass man nach und nach ein Gefühl für seine frühere Bedeutung entwickelt. Besonders interessant sind die sogenannten Skimmer. Dabei handelt es sich um hochentwickelte Raumschiffe mit nahezu unbegrenzter Energie, enormer Geschwindigkeit und der Fähigkeit zur Selbstreparatur. Als Mass eines dieser Schiffe entdeckt, beginnt sein eigentliches Abenteuer. Doch das Steuern eines Skimmers ist äußerst komplex. Es erfordert einen speziell geeigneten Piloten, der ebenfalls genetisch angepasst sein muss, um mit dem Schiff auf einer tieferen, beinahe symbiotischen Ebene kommunizieren zu können.

Im Verlauf seiner Reise besucht Mass zahlreiche unterschiedliche Welten. Die dort lebenden Menschen unterscheiden sich teils drastisch voneinander. Das betrifft nicht nur ihr Aussehen, sondern auch ihre Fähigkeiten, ihre Lebensweisen, ihre gesellschaftlichen Strukturen und ihr Denken. Diese Vielfalt wirft zentrale Fragen auf. Was bedeutet es überhaupt, Mensch zu sein? Gibt es noch eine gemeinsame Identität, oder hat sich die Menschheit in unzählige Varianten aufgespalten? Darüber hinaus stellt der Roman grundlegende philosophische Fragen. Dienen die Menschen noch immer einem Imperium oder sind sie freier denn je? Ist echte Freiheit möglich oder bleibt man stets an Systeme wie Regierungen, Religionen oder gesellschaftliche Normen gebunden? Diese Gedanken ziehen sich wie ein roter Faden durch die Handlung und regen immer wieder zum Nachdenken an. Allerdings zeigt der Roman auch Schwächen. Vor allem im späteren Verlauf wirken einige Figuren eher wie funktionale Elemente der Handlung, ohne dass man sie wirklich kennenlernt oder eine tiefere Bindung zu ihnen aufbauen kann. Auch das Ende erscheint etwas hektisch und fragmentarisch erzählt. Die philosophischen Ansätze bleiben zwar präsent, verlieren jedoch teilweise an Klarheit und Wirkung.

Zwischendurch lockert Gerrold den Text mit kurzen Liedern und Gedichten auf. Diese tragen zur Atmosphäre bei, sind jedoch nicht immer gleichermaßen gelungen. Die Gruppe von Figuren, darunter ein Prinz, ein Agent, eine Telepathin und ein Pilot, bildet eine ungewöhnliche Gemeinschaft, die trotz ihrer Unterschiede zusammenfindet. Gerade dieses Motiv des Zusammenhalts gehört zu den stärkeren Elementen der Geschichte. Mit einer stärkeren Fokussierung auf weniger Figuren und einem ruhigeren Erzähltempo hätte der Roman noch gewinnen können. Dennoch überzeugt er durch seine Ideen. Das geheimnisvolle Verschwinden des Imperiums, das faszinierende Konzept der Skimmer und die Reise durch eine vielfältige, oft fremdartige Galaxie verleihen der Geschichte ihren besonderen Reiz. Dabei steht nicht der Konflikt oder die Gewalt im Vordergrund, sondern das Miteinander und das langsame Zusammenwachsen der Charaktere.

Fazit:
Raumspringer bietet eine interessante Mischung aus Science-Fiction-Abenteuer und philosophischer Reflexion. Die Suche nach dem Imperium wird gleichzeitig zur Suche nach Identität und Herkunft. Trotz einiger inhaltlicher Schwächen entfaltet der Roman eine gewisse Faszination, vor allem durch seine Ideen und die dargestellte Vielfalt menschlicher Existenzformen. Letztlich stellt sich eine zentrale Frage. Braucht der Mensch überhaupt noch ein Imperium, das über ihn wacht, oder ist er frei, seinen eigenen Weg zu gehen? Ist der Sinn des Lebens weiterhin die Vermehrung und Ausbreitung oder vielmehr die Suche nach einer Heimat und nach einem tieferen Verständnis des eigenen Seins? Der Roman lässt viel Raum für Interpretation. Vielleicht liegt gerade darin seine Stärke. Er zeigt, dass Machtstrukturen kommen und gehen, während die Suche nach Sinn, Zugehörigkeit und Identität eine Konstante bleibt. Und vielleicht ist es genau diese Suche, die den Menschen, in welcher Form auch immer, letztlich definiert.

Matthias Göbel

Autor: David Gerrold
Übersetzung: Leni Sobez
Taschenbuch: 152 Seiten
Verlag: Heyne Verlag
Veröffentlichung: 26.03.2018
Erstveröffentlichung: 1973
ISBN: 9783641231385

 

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