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...mit dem nervigen Beigeschmack der Wahrheit

John Christopher - Leere Welt. Irgendwo müssen noch Menschen sein


einz1975

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Der fünfzehnjährige Neil lebt mit seinen Eltern in einem kleinen Dorf in England. Sein Leben verläuft ruhig und unspektakulär, bis ein tragischer Autounfall alles verändert. Als einziger Überlebender verliert er beide Eltern und steht plötzlich vor einem Abgrund, der sein bisheriges Leben vollständig auslöscht. Von einem Moment auf den anderen ist nichts mehr, wie es einmal war. Neil zieht zu seinen Großeltern und muss sich in einer neuen Umgebung, einer neuen Schule und vor allem in einem neuen Leben zurechtfinden. Obwohl der Alltag weitergeht, wirkt er innerlich wie erstarrt. Er funktioniert, ist körperlich anwesend, doch gedanklich weit entfernt. Angesichts eines solchen Verlustes erscheint dieses Verhalten nur allzu nachvollziehbar, denn kaum jemand könnte nach einem solchen Schicksalsschlag einfach zur Normalität zurückkehren. Einen gewissen Halt findet Neil in der ruhigen Routine bei seinen Großeltern, besonders in den gemeinsamen Fernsehabenden. Dabei stößt er auf eine Nachricht, die zunächst weit entfernt wirkt, aber bald eine bedrohliche Nähe entwickelt. In Indien ist eine tödliche Seuche ausgebrochen, die sich rasch ausbreitet und schon bald nicht mehr nur ein lokales Problem darstellt. Die sogenannte Kalkuttapest beginnt, die Welt zu erfassen und kündigt eine Katastrophe an, deren Ausmaß zunächst kaum zu begreifen ist.

John Christopher schildert den Unfall, der Neil zum Waisen macht, bewusst knapp und ohne ausführliche Ausschmückung. Diese Zurückhaltung wirkt durchaus passend, da das Ereignis für sich genommen bereits erschütternd genug ist. Dennoch entsteht im Anschluss eine gewisse Distanz zur Hauptfigur. Neils Verhältnis zu seinen Eltern, seine Gedanken und seine Trauer bleiben oft nur angedeutet. Stellenweise wirkt er erstaunlich gefühllos oder zumindest stark abgeflacht in seiner emotionalen Wahrnehmung. Auch später, als die Seuche die Menschheit dahinrafft, reagiert er eher nüchtern und flüchtet sich in praktische Tätigkeiten und Ablenkung, anstatt seine Gefühle sichtbar zu verarbeiten. Hier hätte eine intensivere Ausarbeitung seiner inneren Welt der Geschichte zusätzliche Tiefe verleihen können, gerade weil es sich um ein Jugendbuch handelt, in dem Identifikation eine wichtige Rolle spielt. Möglicherweise ist diese Zurückhaltung auch im Entstehungskontext des Romans begründet. In den 1970er Jahren war der offene Umgang mit Emotionen, insbesondere bei männlichen Figuren, weniger ausgeprägt als heute. Jungen sollten stark sein, ihre Gefühle kontrollieren und möglichst wenig Schwäche zeigen. Diese gesellschaftlichen Erwartungen spiegeln sich möglicherweise auch in Neils Darstellung wider.

Während sich die Handlung weiterentwickelt, wird Neil Zeuge einer globalen Katastrophe. Die Kalkuttapest äußert sich zunächst durch Fieber und führt schließlich unweigerlich zum Tod. Über die Ursachen, Funktionsweise oder mögliche Gegenmaßnahmen erfährt der Leser kaum etwas. Der Virus ist einfach da und erfüllt seine Rolle als unaufhaltsame Bedrohung. Neil gehört zu den wenigen Überlebenden und sieht sich plötzlich einer menschenleeren Welt gegenüber. Er muss lernen, allein zu überleben und sich den Herausforderungen einer verlassenen Umgebung zu stellen. Dabei geht er erstaunlich rational und strukturiert vor. Er erkennt schnell die grundlegenden Bedürfnisse des Überlebens, sorgt für Wasser, Nahrung und einen sicheren Unterschlupf. Besonders in der kalten Jahreszeit wird deutlich, wie wichtig Planung und Anpassungsfähigkeit sind. Trotz seines jungen Alters handelt er oft überlegt und pragmatisch. Doch mit zunehmender Zeit wächst die Erkenntnis seiner Einsamkeit. Die Stille der Welt wird zur Belastung, und die Sehnsucht nach anderen Menschen wird immer stärker. Schließlich fasst Neil den Entschluss, nach London zu gehen, in der Hoffnung, dort auf weitere Überlebende zu treffen. Irgendwo müssen doch noch Menschen sein!

Es ist beeindruckend und zugleich erschütternd, wie viel Neil in so jungen Jahren durchstehen muss. Der Autor schildert seine Erlebnisse meist knapp, aber nachvollziehbar und logisch aufgebaut. Die einzelnen Episoden sind abwechslungsreich, wirken jedoch stellenweise etwas abrupt oder nicht vollständig ausgearbeitet. Die Spannung bleibt über weite Strecken auf einem gleichmäßigen Niveau, ohne größere Ausschläge nach oben oder unten. Dadurch entsteht ein eher ruhiger Erzählfluss, der zwar konstant bleibt, aber selten wirklich fesselt. Im Kern ist die Geschichte eine Auseinandersetzung mit dem Erwachsenwerden unter extremen Bedingungen. Neil ist gezwungen, sich selbst neu zu definieren, Verantwortung zu übernehmen und Entscheidungen zu treffen, die weit über das hinausgehen, was man von einem Jugendlichen erwarten würde. Es ist ein einsamer Weg, geprägt von Verlust, Anpassung und Selbstfindung. Dennoch bleibt ein Funken Hoffnung bestehen. Selbst in einer scheinbar ausweglosen Welt zeigt sich, dass der Wunsch nach Gemeinschaft und Zukunft eine treibende Kraft sein kann.

Fazit:
Die Vorstellung einer weltweiten Seuche, die große Teile der Menschheit auslöscht, wirkt auch heute noch beklemmend aktuell. Neil muss nicht nur den Verlust seiner Eltern verarbeiten, sondern sich auch mit dem allgegenwärtigen Tod auseinandersetzen, der ihn umgibt. Dabei bleibt er als Figur stellenweise emotional schwer greifbar. Zwar zeigt er Ansätze von Empathie, doch oft wirkt er distanziert und innerlich entrückt. Die Handlung ist logisch aufgebaut und gut nachvollziehbar, enthält auch einige unheimliche Momente, verzichtet jedoch auf allzu drastische Darstellungen. Das Thema des Erwachsenwerdens wird hier auf eine besonders harte und kompromisslose Weise dargestellt. Gleichzeitig fehlt es der Geschichte gelegentlich an emotionaler Tiefe, wodurch das volle Potenzial nicht ausgeschöpft wird. Die Verbindung von Endzeitgeschichte und Coming-of-Age-Erzählung gelingt nur teilweise. Dennoch bleibt das Buch eine nette, schnell zu lesende Geschichte, die vor allem durch ihre ruhige Erzählweise lebt.

Matthias Göbel

Autor: John Christopher
Übersetzung: Hans-Georg Noack
Taschenbuch: 168 Seiten
Verlag: Arena Verlag
Veröffentlichung: 1983
Erstveröffentlichung: 1977
ISBN: 3401014331

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Bearbeitet von einz1975
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