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...die spezielle Spezialeinheit

Dennis Geier - Die Erlöser


einz1975

Empfohlene Beiträge

Die Erde kennt Siram nur aus den Geschichtsbüchern. Für ihn ist sie ein längst vergangener Ort, eine Welt, die durch eine verheerende, planetenweite Naturkatastrophe unbewohnbar geworden sein soll. Die Überlebenden fanden schließlich Zuflucht in einem gigantischen Habitatkomplex. Dort wächst Siram gemeinsam mit den letzten Menschen seiner Spezies auf. Die Katastrophe liegt inzwischen viele Generationen zurück und die Bewohner haben gelernt, mit den Regeln und Einschränkungen ihres neuen Lebensraums zu leben. Doch Freiheit sieht anders aus. Denn über das Habitat wachen die sogenannten Erlöser. Stumme Soldaten kontrollieren die Straßen und sorgen dafür, dass niemand das bestehende System infrage stellt. Wer sich widersetzt oder zu viele Fragen stellt, verschwindet. Gleichzeitig wird den Bewohnern eine besondere Belohnung versprochen: Wer sich an die Regeln hält und das 53. Lebensjahr erreicht, darf den sogenannten „Aufstieg“ antreten. Was genau dahintersteckt, hinterfragt kaum jemand. Auch Siram hat lange geglaubt, dass die Erlöser tatsächlich das tun, was man ihm seit seiner Kindheit erzählt. Doch inzwischen befindet er sich am Ende seiner Schulzeit und beginnt, die Welt um sich herum mit anderen Augen zu betrachten. Gerade erst hat er seine Eltern beim „Aufstieg“ begleitet. Ein Ereignis, das eigentlich als große Ehre gilt, bei Siram jedoch ein merkwürdiges Gefühl zurücklässt. In seiner Freizeit erkundet Siram verbotene und verlassene Bereiche des Habitats. Als einer der sogenannten Erkunder bewegt er sich durch stillgelegte Tunnel und abgesperrte Bereiche und teilt seine Entdeckungen sogar mit einer Online-Community. Doch bei einer seiner Erkundungstouren stößt er auf etwas, das er dort niemals erwartet hätte: eine seltsame Tür, die offenbar zu einem Bereich führt, der eigentlich gar nicht existieren dürfte. Was sich dahinter befindet, verändert Sirams Leben von einem Moment auf den anderen.

Ich will es gleich vorwegnehmen: Dennis Geier hat mit „Die Erlöser“ eine wirklich spannende Science-Fiction-Dystopie geschrieben. Der Roman ist dabei sein Debüt und verbindet klassische dystopische Elemente mit einem Jugend- und Coming-of-Age-Abenteuer. Der Einstieg wirkt zunächst noch vergleichsweise harmlos. Siram befindet sich in einer Welt, die für ihn völlig normal erscheint. Ein Gespräch mit einem Lehrer, der mit dem bestehenden System offenbar nicht ganz zufrieden ist, lässt jedoch bereits erste Zweifel aufkommen. Auch Siram selbst ist jemand, der nicht einfach alles hinnimmt. Er schaut genauer hin, stellt Fragen und scheint instinktiv zu spüren, dass mit der Welt, in der er lebt, etwas nicht stimmen kann. Besonders gut gefallen haben mir dabei die Erkundungstouren durch die verlassenen Tunnel und abgesperrten Bereiche des Habitats. Dennis Geier beweist hier ein gutes Gespür für Atmosphäre. Kleine Details der Umgebung, die Beschreibung verlassener Bereiche und die immer wieder eingestreuten Hinweise erzeugen eine zunehmend beklemmende Stimmung. Man hat beim Lesen tatsächlich das Gefühl, gemeinsam mit Siram durch diese dunklen und unbekannten Bereiche zu laufen und hinter jeder Ecke könnte etwas lauern. Dass Siram überhaupt so mutig ist, wirkt dabei durchaus nachvollziehbar. Seine bisherigen Erkundungen haben ihn darauf vorbereitet, sich in unbekanntem Terrain zu bewegen. Viele andere Erkunder teilen ihre Entdeckungen lediglich in den sozialen Medien, doch Sirams Fund ist etwas völlig anderes. Er stößt auf ein Geheimnis, das offensichtlich jemand unbedingt verborgen halten möchte. Denn kaum ist sein Video veröffentlicht, bekommt Siram Besuch. Eine Gruppe vermummter Personen macht ihm unmissverständlich und auch mit Gewalt klar, dass er sich von diesem Ort fernhalten soll. Damit gerät er ungewollt zwischen die Fronten. Erst nach und nach wird ihm klar, dass er es mit einer Widerstandsgruppe zu tun hat, die sich gegen die Erlöser stellt.

Und genau hier beginnt der Roman seine eigentliche Stärke auszuspielen. Denn zunächst könnte man meinen, die Sache sei relativ einfach: Hier sind die unterdrückten Menschen, dort sind die bösen Machthaber und Siram gerät mitten in den Kampf des Widerstands. Doch Dennis Geier belässt es glücklicherweise nicht bei diesem einfachen Schwarz-Weiß-Schema. Die Menschen, denen Siram begegnet, erweisen sich selbst als harte und kompromisslose Kämpfer. Vertrauen ist plötzlich keine Selbstverständlichkeit mehr und Siram muss sich immer wieder fragen, wem er überhaupt glauben kann. Was hinter den Erlösern steckt, wird deshalb nur Stück für Stück enthüllt. Und sobald man als Leser glaubt, nun endlich verstanden zu haben, wie dieses System funktioniert, öffnet sich bereits die nächste Tür und eine weitere Wahrheit kommt ans Licht. Genau das macht „Die Erlöser“ so unterhaltsam. Die Geschichte arbeitet mit mehreren Wendungen und erweitert den Blick auf ihre Welt immer weiter. Eine Enthüllung erklärt etwas, wirft gleichzeitig aber neue Fragen auf. Dadurch bleibt die Spannung über weite Strecken erhalten und man möchte wissen, was tatsächlich hinter dem Habitat, den Erlösern und dem sogenannten Aufstieg steckt. Auch Siram selbst funktioniert als Hauptfigur ausgesprochen gut. Er ist noch jung, aber keineswegs naiv. Seine Neugier und sein Drang, Dinge selbst herauszufinden, treiben die Handlung immer wieder voran. Gleichzeitig ist er keiner dieser typischen jugendlichen Helden, die scheinbar ohne Angst in jede Situation springen. Er muss lernen, mit seiner neuen Situation umzugehen, Entscheidungen zu treffen und die Konsequenzen seines Handelns zu tragen. Besonders interessant ist, dass Siram nicht ausschließlich auf körperliche Gewalt setzt. Gerade in Situationen, in denen andere schnell zu Waffen greifen, versucht er zunächst, Zusammenhänge zu verstehen und einen Weg aus der Situation zu finden. Seine Intelligenz, seine Beobachtungsgabe und seine Fähigkeit, über den unmittelbaren Moment hinauszudenken, machen ihn zu einem sympathischen Protagonisten. Ab ungefähr der Hälfte des Romans nimmt der Actionanteil deutlich zu. Dann entwickelt sich die Geschichte zeitweise in Richtung eines militärischen beziehungsweise Guerilla-Thrillers. Es gibt Kämpfe, Verfolgungen und gefährliche Konfrontationen.

Glücklicherweise verliert sich der Roman dabei nicht in endlosen Schusswechseln oder stumpfen Befehlsrufen. Die Action bleibt überwiegend in die Handlung eingebettet und erfüllt einen Zweck: Sie zeigt, wie weit die verschiedenen Parteien bereit sind zu gehen und welche Konsequenzen der Kampf um die Wahrheit hat. Dabei wird auch deutlich, dass nicht jeder Kämpfer automatisch eine gute Zukunft für die Menschheit im Sinn hat. Zwischen den Zeilen zeigt Geier, wie schnell aus Widerstand ebenfalls Fanatismus und Gewalt entstehen können. Gerade diese Graubereiche machen die Geschichte interessanter. Denn letztlich geht es um weit mehr als nur darum, ein unterdrückerisches System zu stürzen. Siram muss erkennen, dass die Wahrheit über seine Welt wesentlich komplizierter ist, als er zunächst dachte. Die Menschen leben seit Generationen in diesem Habitat und haben sich mit ihrem Schicksal arrangiert. Für sie ist diese künstliche Welt die Realität. Eine Zukunft außerhalb des Habitats ist für viele kaum vorstellbar. Der Widerstand hingegen verfolgt größere Ziele. Es geht nicht nur darum, sich gegen einen einzelnen Gegner aufzulehnen. Vielmehr steht die Frage im Raum, was aus der Menschheit werden soll und ob sie überhaupt eine Zukunft in dieser Form hat. Auch die Science-Fiction-Elemente sind dabei interessant eingesetzt. „Die Erlöser“ ist kein Roman, der sich seitenlang mit technischen Erklärungen beschäftigt. Vieles wird eher über die Handlung und die Umgebung vermittelt. Dadurch bleibt der Roman auch für Leser zugänglich, die normalerweise nicht besonders tief im Science-Fiction-Genre stecken. Die dystopische Gesellschaft, das gigantische Habitat, die Überwachung und die technischen Hintergründe bilden dabei den Rahmen für eine Geschichte, in der vor allem die Menschen und ihre Entscheidungen im Mittelpunkt stehen. Der Schreibstil von Dennis Geier ist insgesamt flüssig und dialogreich. Die Geschichte kommt schnell voran und verliert sich nur selten in unnötigen Abschweifungen. Er lässt sich Zeit für ruhigere Momente, bevor die Handlung wieder anzieht. Diese Mischung aus Erkundung, Geheimnissen, Enthüllungen, Gesprächen und Action sorgt für ein abwechslungsreiches Lesetempo. Auch andere Leser heben insbesondere den flüssigen Stil, die Atmosphäre und die überraschenden Wendungen hervor. Ein kleiner Kritikpunkt ist für mich allerdings, dass bei der Vielzahl an Figuren nicht jede Nebenfigur die gleiche Tiefe erreicht wie Siram. Gerade wenn das Tempo der Handlung zunimmt und mehrere Gruppen und Personen ins Spiel kommen, kann man gelegentlich den Überblick verlieren. Auch einige Figuren bleiben eher Randerscheinungen, während Siram ganz klar im Mittelpunkt steht. Das fällt jedoch weniger ins Gewicht, weil die Handlung selbst genügend Spannung erzeugt. Ähnliche Eindrücke finden sich auch in anderen Rezensionen, die den Fokus auf Siram loben, bei einigen Nebenfiguren aber eine geringere Ausarbeitung feststellen.

Fazit:
Dennis Geier ist mit „Die Erlöser“ meiner Meinung nach ein gelungenes Science-Fiction-Debüt gelungen, das nicht nur eingefleischte Genre-Fans ansprechen dürfte. Die Geschichte verbindet eine klassische Coming-of-Age-Handlung mit einem dystopischen Zukunftsszenario, in dem die letzten Menschen unter einer scheinbar schützenden, tatsächlich aber streng kontrollierenden Macht in einem gigantischen Habitat leben. Was die Erlöser wirklich sind, welche Geschichte hinter ihnen steckt und was aus der Menschheit geworden ist, bleibt lange Zeit im Hintergrund. Genau diese Geheimnisse treiben die Handlung voran. Immer wenn man glaubt, nun endlich verstanden zu haben, was eigentlich vor sich geht, öffnet Dennis Geier die nächste Tür und präsentiert eine weitere Überraschung. Dabei gelingt ihm eine gute Mischung aus ruhigen Momenten, Erkundungen, Dialogen, Geheimnissen, Action und einem kleinen Schuss Horror. Besonders die verlassenen Bereiche des Habitats erzeugen eine Atmosphäre, die mir sehr gut gefallen hat. Gleichzeitig bleibt Siram als junger, neugieriger und erstaunlich besonnener Protagonist der klare Mittelpunkt der Geschichte. Die Science-Fiction-Elemente stehen nicht permanent im Vordergrund und werden auch nicht bis ins letzte technische Detail erklärt. Das dürfte gerade für Leser interessant sein, die normalerweise einen Bogen um Science Fiction machen. Das eigentliche Herz des Romans ist die Frage nach Wahrheit, Kontrolle, Freiheit und der Zukunft der Menschheit.„Die Erlöser“ ist damit eine spannende Dystopie, die ihre Geheimnisse nach und nach enthüllt und den Leser immer wieder auf eine falsche Fährte lockt. Das Buch ist schnell gelesen, abwechslungsreich erzählt und entwickelt gerade im weiteren Verlauf eine erstaunliche Dynamik. Eine uneingeschränkte Empfehlung für Science-Fiction- und Dystopie-Fans, aber ebenso für alle, die sich bisher vielleicht noch nicht an das Genre herangetraut haben. Dieses Buch sollte man definitiv gelesen haben.

Autor: Dennis Geier
Taschenbuch: 388 Seiten
Verlag: Selfpublisher / BoD - Books on Demand
Veröffentlichung: ‎05.12.23
ISBN: 9783758311222

www.amazon.de

 

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