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Oliver W. Matthias - Das Neptun-Protokoll


einz1975

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Rettungseinsätze gehören in der Zukunft längst nicht mehr nur zum Alltag auf der Erde. Auch im All geraten immer wieder Forschungsschiffe, Raumstationen oder Kolonien in Not. Mal havariert ein Frachter, mal kommt es zu einem Grubenunglück auf einem Asteroiden oder einem Mond, mal verschwindet ein Schiff spurlos. Captain Bob Sieger befehligt eines jener Rettungsschiffe, die genau für solche Missionen ausrücken. Sein aktueller Auftrag führt ihn zum Neptun. Dort sendet das Forschungsschiff Calypso, das seit vielen Jahren unterwegs ist, einen Notruf aus. Allerdings besteht dieser lediglich aus einer sich ständig wiederholenden Botschaft, weitere Informationen gibt es nicht. Niemand weiß, was die Crew vor Ort erwartet. Parallel dazu verfolgt der Roman eine zweite Handlungsebene. Auf der Erde trifft sich die Führungsspitze des mächtigsten Konzerns der Menschheit. Was zunächst wie eine gewöhnliche Vorstandssitzung erscheint, entwickelt sich schnell zu etwas völlig anderem. Statt nur über die Zukunft des Unternehmens zu beraten, werden die Verantwortlichen mit Ereignissen konfrontiert, die tief in die eigene Vergangenheit reichen und schwerwiegende Verbrechen ans Licht bringen könnten.

Oliver W. Matthias beginnt seinen Roman bewusst rätselhaft. Viele Zusammenhänge bleiben zunächst im Dunkeln, stattdessen streut er kleine Hinweise und Andeutungen ein, ohne seine Karten sofort auf den Tisch zu legen. Gerade dadurch entsteht früh eine dichte Atmosphäre, die den Leser neugierig macht. Man ahnt, dass hinter dem Notruf der Calypso weit mehr steckt als ein gewöhnlicher Rettungseinsatz. Besonders interessant ist dabei die futuristische Technologie, die den Roman zusammenhält. Mithilfe eines neuronalen Implantats können Erinnerungen eines Menschen nahezu eins zu eins von anderen erlebt werden, jedoch nicht als einfache Aufzeichnung, sondern als vollständige Erfahrung inklusive Gedanken, Gefühle und Sinneseindrücke. Dadurch erleben sowohl die Mitglieder des Konzernvorstands als auch die Leser Captain Bob Siegers Einsatz aus seiner eigenen Perspektive. Diese Erzählweise verleiht der Geschichte eine unmittelbare Intensität und sorgt dafür, dass Realität, Erinnerung und subjektive Wahrnehmung zunehmend miteinander verschwimmen.

Der eigentliche Einsatz auf der Calypso erinnert zunächst eher an einen klassischen Science-Fiction-Horrorfilm. Das riesige Schiff treibt regungslos durch den Weltraum. Kein Funkverkehr, keine Lebenszeichen, keine Bewegung. Bereits dieser Anblick erzeugt ein beklemmendes Gefühl. Als Sieger und sein Team schließlich an Bord gehen, wird die Atmosphäre noch unheimlicher. Verlassene Gänge, bedrückende Stille und das stetige Gefühl, dass sich irgendwo doch noch etwas befindet, erzeugen eine gelungene Mischung aus Spannung und unterschwelligem Horror. Gerade in diesen Szenen zeigt Matthias seine Stärken. Die beklemmende Stimmung wird eindringlich beschrieben, sodass man als Leser förmlich mit durch die dunklen Korridore schleicht. Immer wieder werden die Erkundungen von Erinnerungsfetzen unterbrochen, die zunächst kaum einzuordnen sind. Plötzlich tauchen neue Figuren auf, Szenen wechseln unvermittelt oder Ereignisse wirken traumartig verzerrt. Dadurch stellt sich ständig die Frage: Was ist tatsächlich Gegenwart, was Erinnerung und was möglicherweise eine manipulierte Wahrnehmung? Diese Unsicherheit trägt erheblich zur psychologischen Spannung des Romans bei. Zum Ende hin werden diese Erinnerungssplitter allerdings zunehmend fragmentarischer. Teilweise wirkt der Text fast wie ein bewusst zerschnittenes Drehbuch, dessen Szenen erst nach und nach wieder zusammengesetzt werden müssen. Zwar erkennt man letztlich den roten Faden, doch verlangt der Roman seinem Publikum einiges an Aufmerksamkeit ab.

Genau darin liegt zugleich eine seiner größten Stärken und seine größte Schwäche. Das Neptun-Protokoll ist kein Buch, das man nebenbei liest. Viele Sätze enthalten kleine Hinweise, die später wichtig werden. Man sollte sich deshalb Zeit nehmen und aufmerksam lesen, um sämtliche Zusammenhänge erfassen zu können. Manchmal hätte allerdings auch ein etwas direkterer Erzählweg zum gleichen Ziel geführt. Einige Passagen wirken unnötig verschachtelt und bremsen den Lesefluss etwas aus. Die Science-Fiction-Elemente fügen sich insgesamt stimmig in die Handlung ein. Neuronale Implantate, künstliche Intelligenzen, Kryopods und verschiedene Zukunftstechnologien wirken glaubwürdig genug, um das Szenario zu tragen. Nicht jede technische Idee wird bis ins wissenschaftliche Detail erklärt, doch das ist auch nicht zwingend notwendig. Im Mittelpunkt stehen ohnehin die psychologische Spannung und die moralischen Fragen, die der Roman aufwirft. Auch die Auflösung überzeugt im Großen und Ganzen. Manche Wendungen hätten noch etwas präziser ausgearbeitet werden können, dennoch endet die Geschichte ruhig, schlüssig und passend zur düsteren Grundstimmung des Romans.

Fazit:
Manche Erinnerungen möchte man für immer verdrängen. Genau damit wird Captain Bob Sieger konfrontiert. Sein vermeintlicher Rettungseinsatz entwickelt sich zu einer Reise in die eigene Vergangenheit und deckt Ereignisse auf, die besser niemals ans Licht gekommen wären. Gleichzeitig geraten die Machenschaften eines mächtigen Konzerns immer stärker in den Fokus, dessen Einfluss weit über wirtschaftliche Interessen hinausgeht. Oliver W. Matthias verbindet Science Fiction mit Mystery, Psychothriller und Horrorelementen zu einer atmosphärischen Geschichte. Besonders die Erkundung der verlassenen Calypso, die bedrückende Stille der Gänge, verstörende Entdeckungen und die immer wieder einbrechenden Erinnerungen sorgen für eine dichte, beklemmende Stimmung. Nicht jede erzählerische Entscheidung geht vollständig auf, und der fragmentierte Stil verlangt stellenweise Geduld. Wer sich jedoch darauf einlässt und anspruchsvoll erzählte Science Fiction mit Mystery- und Horroreinschlag schätzt, erhält einen spannenden Roman, der weniger auf spektakuläre Action als auf Atmosphäre, psychologische Spannung und nachdenklich stimmende Fragen setzt.

Matthias Göbel

Autor: Oliver W. Matthias
Taschenbuch: 247 Seiten
Verlag: ‎Selfpublisher
Veröffentlichung: 12.04.2026
ISBN: ‎B0GWXQ4G73

www.amazon.de


 

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